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Ein toter Verleger in Frankfurt – ein Vermisster im Tierpark Rheinböllen – eine schräge Autorenclique ... Die Frankfurter Hauptkommissarin Jenny Becker ist zurück. Der neue Fall im Schriftsteller-Milieu sorgt für spannende Ermittlungen zwischen Eitelkeiten und Schönheitswahn, Apfelwein und Quetschemännchen.
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Seitenzahl: 276
Veröffentlichungsjahr: 2025
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Andrea Habeney
Ein Jenny Becker-Krimi
Die Autorin
Andrea Habeney ist gebürtige Frankfurterin und verbrachte fast ihr ganzes Leben in der Stadt des Apfelweins.
Inzwischen lebt sie im ländlichen Hunsrück und verbringt neben dem Schreiben viel Zeit damit, zwei verwöhnte Kater zu bedienen.
Als Autorin hat sie sich einen Namen gemacht mit ihrer Frankfurter Krimi-Reihe um Kommissarin Jenny Becker: „Mörderbrunnen“ (Frühjahr 2011), „Mord ist der Liebe Tod“ (Herbst 2011), „Mord mit grüner Soße“ (April 2012), „Arsen und Apfelwein“ (2013), „Verschollen in Mainhattan“ (2014), „Apfelwein trifft Weißbier“ (2015), „Abgetaucht“ (2017) und „Apfelwein auf Rezept“ (2019).
Zudem hat Andrea Habeney die erfolgreiche Fantasy-Serie „Haus der Hüterin“ (15 Bände) bei mainbook veröffentlicht. Weiterhin liegen von der Autorin die beiden Fantasy-E-Books „Elbenmacht 1: Der Auserwählte“ und „Elbenmacht 2: Das Goldene Buch“ vor.
Handlungen und Personen des vorliegenden Romans sind frei erfunden. Ähnlichkeiten sind rein zufälliger Natur und nicht beabsichtigt.
eISBN 978-3-911008-50-1
Copyright © 2025
mainbook Verlag
Sophienstraße 77
60487 Frankfurt
Alle Rechte vorbehalten
Lektorat: Gerd Fischer
Covergestaltung: Mara Frank
Bildrechte: Adobe © Hendra Galus
Auf der Verlagshomepage finden Sie weitere spannende Bücher: www.mainbook.de
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
Kapitel 20
Kapitel 21
Kapitel 22
Kapitel 23
Kapitel 24
Kapitel 25
Kapitel 26
Kapitel 27
Kapitel 28
Kapitel 29
Kapitel 30
Kapitel 31
Kapitel 32
Kapitel 33
Kapitel 34
Für Susi und Markus
Ich dachte, wir hätten noch so viel Zeit ...
„Und hier haben wir einen fünfzehn Jahre alten Glen Garioch aus dem Nordosten von Schottland.“
Kommissarin Jenny Becker bemühte sich, nicht allzu angewidert auf die goldgelbe Flüssigkeit im Probierglas zu starren. Ihr Lebensgefährte, Staatsanwalt Michael Biederkopf, hatte sie zu der Veranstaltung geschleppt, obwohl sie Whisky nicht ausstehen konnte. Und sie war sich sicher, dass auch dieses Tasting ihr keinen Zugang zu den angeblichen Geschmacksexplosionen geben würde.
Sie stellte das Glas ab, ohne zu probieren, und musterte stattdessen die anderen Gäste. Sie schien die Einzige zu sein, die nicht mit Hingabe bei der Sache war. Überall wurden Nasen in Gläser gesteckt und wissend genickt.
„Riechen Sie die Rosinen? Und den leichten Hauch von Vanille?“, fragte der kräftige Mann im Kilt, der die Veranstaltung leitete.
„Ich schmecke Mango im Abgang“, rief ein älterer Herr mit einem Ziegenbart. Seine Frau nickte zustimmend.
„Mango.“ Jenny schüttelte den Kopf und grinste.
„Hör auf damit!“, schalt Michael sie. „Du nimmst das Ganze nicht ernst. Wenn du dir etwas Mühe geben würdest ...“
„Würde ich auch Mango schmecken? Ich mag Mango nicht mal.“ Das stimmte nicht, sie mochte Mango sogar gerne, aber diese Wichtigtuerei über eingebildete Geschmacksnuancen ging ihr tierisch auf die Nerven. Sie sah Michaels Blick. „Tut mir leid“, lenkte sie ein. „Aber ich verstehe nicht, warum es dir so wichtig ist, dass ich dieses Zeug mag. Ich begleite dich doch trotzdem zu den Tastings. Oder ich hole dich zumindest ab, wenn es an abgelegenen Orten wie hier im Tierpark Rheinböllen stattfindet. Deswegen muss ich aber doch keinen Whisky trinken.“
Biederkopf seufzte. „Du hast ja recht“, gab er klein bei. „Ich habe aber ein schlechtes Gewissen. Es muss ziemlich langweilig für dich sein.“
„Nur ein bisschen“, sagte Jenny mit einem Lächeln. „Immerhin gab es gutes Essen und eine Fackelwanderung durch den Tierpark. Wenn ich mir dabei auch fast den Hintern abgefroren habe. Und nachher soll es ja auch noch Musik geben.“
„Dann gib das Glas rüber! Ich erlöse dich.“
Erleichtert schob Jenny das Probierglas über den Tisch. „Ich bestelle mir jetzt ein Craft Bier. Rotwild ist ein merkwürdiger Name für ein Bier, aber es sieht mit seiner rotgoldenen Farbe gut aus.“
„Mach das. Sonst haben wir uns ja auch völlig umsonst ein Taxi bestellt.“
Kurz darauf trank Jenny andächtig den ersten Schluck. „Das ist lecker“, erklärte sie und prostete Biederkopf zu. „Und viel günstiger als Whisky.“
„Banause“, meinte er und verdrehte die Augen, lächelte dabei aber.
Jenny erwiderte das Lächeln, und Wärme stieg in ihr auf. Sie beobachtete ihn, wie er die Nase in das nächste Whisky-Glas steckte und schnüffelte. Ein halbes Jahr nach Abschluss seiner Chemotherapie sah er fast wieder so vital wie vor seiner Erkrankung aus. Nur die Falten um Augen und Mund waren tiefer geworden und gab Zeugnis von der schweren Zeit, die hinter ihnen lag. In den letzten zwei Wochen hatte er immer wieder davon gesprochen, seine Arbeit als Staatsanwalt wieder aufzunehmen, doch Jenny hatte ihn gebeten, es langsam angehen zu lassen.
Sie selbst arbeitete seit fast einem Jahr in Teilzeit, um sich um Michael kümmern zu können, doch ab nächsten Monat würde sie wieder auf die volle Stundenzahl aufstocken. Dann würde sie nur noch die Wochenenden in ihrem kleinen Häuschen im Hunsrück verbringen können. Unter der Woche würde sie in Michaels Haus in Bad Soden wohnen, während Michael die meiste Zeit in Badenhard bleiben wollte.
Ihr Blick fiel auf den Tisch neben ihnen. Während des Abendessens hatte dort ein Mann gesessen. Sie war sich sicher, dass sie ihn auch noch draußen zu Beginn der Fackelwanderung gesehen hatte. Doch wo war er jetzt?
„Hast du mitbekommen, ob der Mann am Nachbartisch nach der Wanderung noch mal da war?“, fragte sie.
Michael hob die Schultern. „Ich glaube nicht, aber ich habe auch nicht darauf geachtet.“
„Merkwürdig“, sagte Jenny nachdenklich und zwinkerte Biederkopf zu. „Vermutlich ist er vor dem Whisky geflüchtet.“
Zwei Stunden später stiegen sie auf dem Parkplatz des Rheinböllener Tierparks in das vorab bestellte Taxi. Jenny hatte ihren Schal im Bistro vergessen und hatte noch einmal zurückgehen müssen. Da der Boden bei dem herrschenden Winterwetter stark vereist war, und sie nur langsam und vorsichtig laufen konnte, hatte es einige Zeit gedauert und der Parkplatz war bis auf einen einsamen Skoda leer.
„Ein Wiesbadener Kennzeichen“, stellte sie vom Rücksitz aus fest.
„Wenn wir mit dem Wagen gekommen wären, stünde jetzt noch ein Auto mit Frankfurter Kennzeichen hier“, tat Biederkopf, der vorne eingestiegen war, ihre Verwunderung ab.
„Schon, aber wo ist derjenige jetzt? Es ist doch keiner von den Gästen mehr hier, und die Mitarbeiter haben einen eigenen Parkplatz direkt neben dem Bistro.“
„Kannst du die Polizistin mal abschalten? Es kann unzählige Erklärungen dafür geben.“
Jenny antwortete nicht. Biederkopf hatte nicht nur seine sechs Tasting Whiskys getrunken, sondern auch ihre. Da vermied sie lieber jedwede Diskussion.
Am nächsten Morgen stand Jenny mit einer Tasse Kaffee in der Hand am Küchenfenster und bewunderte den Sonnenaufgang, der den Himmel in Rot- und Rosatönen färbte. Vor dem Fenster stand ein großes Vogelhäuschen, das bereits regen Besuch hatte. Wenn Jenny aufstand, wartete, insbesondere wenn Schnee lag, schon eine Schar Amseln auf dem Boden um das Häuschen, und in den Bäumen der Umgebung begannen sich die kleineren Vögel, die irgendwo vor der Nachtkälte Schutz gesucht hatten, zu regen.
Ihr Blick fiel auf den großen Sack Vogelfutter, den sie erst zwei Wochen zuvor gekauft hatten und der schon halb leer war. „Ihr fresst einem ja die Haare vom Kopf!“, erklärte sie lächelnd und nahm sich vor, baldmöglichst Futter nach draußen zu bringen.
Als ihr Handy klingelte, stellte sie rasch die Tasse ab und eilte ins Wohnzimmer. Wer rief denn sonntags morgens so früh an? Hoffentlich wachte Michael nicht auf. Er konnte nach dem gehaltvollen Abend noch ein paar Stunden Schlaf vertragen.
Ungehalten meldete sie sich. „Jenny Becker.“
„Polizei Rheinböllen, Oberkommissar Schröder.“
Jenny runzelte überrascht die Stirn. Bevor sie etwas sagen konnte, sprach die mürrisch klingende Stimme weiter. „Sie waren gestern beim Whisky Tasting im Tierpark?“
„Ja, das waren wir“, bestätigte Jenny. „Worum geht es denn?“
„Wir hätten ein paar Fragen an Sie“, sagte Schröder. „Kann ich jemanden bei Ihnen vorbeischicken? Wir würden auch gerne mit Herrn Biederkopf sprechen. Wohnen Sie zusammen?“
„Ja, aber könnten Sie mir sagen, worum es geht? Ich bin eine Kollegin von Ihnen.“
Es blieb einen Moment still in der Leitung. „Eine Kollegin?“
„Hauptkommissarin Becker vom K11 in Frankfurt. Ich habe einen Zweitwohnsitz in Badenhard.“
„Na gut.“ Es klang nicht, als wäre Schröder sehr beeindruckt. „Ein Teilnehmer ist verschwunden, und wir befragen alle Anwesenden. Darf ich also jemanden zu Ihnen schicken?“
„Natürlich“, bestätigte Jenny, nannte ihm ihre Adresse und beschrieb den Weg.
Michael war wenig begeistert, als sie ihn weckte. Als sie ihm jedoch den Grund erklärte, stand er zügig auf und verschwand im Bad. Sie musterte ihn, als er wieder auftauchte. „Wie geht es dir?“, fragte sie mitfühlend in der festen Überzeugung, er müsse einen mordsmäßigen Kater haben.
„Gut. Ich hätte nur gerne etwas mehr Schlaf gehabt.“ Er sah ihren verblüfften Blick. „Ich habe dir schon einmal erklärt: Whisky macht keinen Kater.“
„Und ich habe es nicht geglaubt“, gab Jenny zu.
Eine Viertelstunde später hörten sie das Knarzen, mit dem sich auf der geschlossenen Schneedecke ein näherkommender Wagen ankündigte. Jennys Haus lag in einem Wochenendwohngebiet, durch das nur ein unbefestigter Weg führte, der nur selten geräumt wurde.
Jenny warf einen Blick aus dem Fenster. Wie erwartet, handelte es sich bei dem Wagen um ein Polizeifahrzeug, das sich im Schritttempo näherte. Vorsichtig fuhr der Fahrer an den schmalen Rand des Weges und parkte dort.
Die Tür öffnete sich und ein untersetzter, kräftig gebauter Mann wuchtete seine Körpermasse aus dem Fahrzeug.
Jenny verließ ihren Platz am Fenster und öffnete die Haustür. Wegen der Kälte streckte sie nur den Kopf heraus und winkte. Der Mann hob kurz die Hand und stieg vorsichtig die schneeglatten Stufen zu ihrer Haustür hinunter.
„Schröder“, sagte er. „Wir haben vorhin telefoniert?“
„Ja. Kommen Sie herein! Es ist ja eisig draußen. Sagten Sie nicht, Sie wollen jemanden schicken?“
Er wich ihrem Blick aus. „Es hat sich jetzt anders ergeben.“ Sorgfältig trat er sich den Schnee von den Schuhen und folgte ihr durch die winzige Diele in die Küche. Michael Biederkopf war nirgends zu sehen, doch sie hörte die Dusche laufen.
„Mein Lebensgefährte ist gerade erst aufgestanden. Er kommt gleich. Möchten Sie einen Kaffee?“ Sie bot ihm einen Platz an und er kletterte schwerfällig auf einen der Barhocker, die an der Küchentheke standen. Sein Hemd spannte über dem üppigen Bauch, obwohl Jenny ihn kaum älter als dreißig schätzte. Er hatte ein grobes, rötlich glänzendes Gesicht und rotblonde stoppelig geschnittene Haare.
Sie stellte eine Tasse Kaffee vor ihn hin und schob ihm die Zuckerdose und das MiIchkännchen zu. Dann hielt sie es nicht mehr aus. „Wer ist denn verschwunden?“, fragte sie.
„Ein Teilnehmer des Tastings. Laut Veranstalter hat er am Tisch neben Ihnen gesessen.“
„Ich erinnere mich“, sagte Jenny. „Er kam nach der Fackelwanderung nicht wieder. Wir haben uns gewundert. Das eigentliche Tasting begann ja erst anschließend.“
Schröder trank einen Schluck. „Kannten Sie den Mann?“
„Ich habe ihn noch nie zuvor gesehen. Soweit ich an den Autokennzeichen erkennen konnte, kamen die Teilnehmer aus einem größeren Umkreis.“
Schröder zog misstrauisch die Augenbrauen zusammen. „Sie haben die Kennzeichen registriert?“
Jenny hob die Schultern. „Gewohnheit. Bringt der Beruf so mit sich. Geht es Ihnen nicht ebenso?“
Schröder ging nicht auf die Frage ein. „Ist Ihnen an dem Mann oder an einem der anderen Gäste etwas aufgefallen?“
Jenny überlegte einen Moment. „Ich glaube nicht. Wir fanden es nur beide merkwürdig, dass er alleine da war. Das ist doch eher ungewöhnlich. Ansonsten habe ich ihn nicht weiter beachtet. Wir waren auf das Tasting und das Essen konzentriert und auf die Geschichten über Schottland, mit denen wir unterhalten wurden.“
Im Bad wurde die Dusche ausgestellt. Beide blickten in die Richtung und setzten gleichzeitig zu sprechen an. „Mein Leb ...“ „Ist Ihr ...“
Jenny lächelte: „Sie zuerst.“
„Ist Ihr ... ist Herr Biederkopf auch bei der Polizei?“
„Er ist Staatsanwalt“, erklärte sie und goss sich Kaffee nach. „Sie haben also die ganze Jurisdiktion zu Ihrer Verfügung.“
Schröder starrte sie verständnislos an.
„Wer hat den Mann denn als vermisst gemeldet?“, fragte sie schnell und sah überrascht, dass eine leichte Röte über Schröders Gesicht zog. Er räusperte sich. „Offiziell wurde er noch nicht als vermisst gemeldet.“
„Was meinen Sie mit offiziell?“, wollte Jenny wissen.
„Der Leiter des Tierparks hat mich heute Morgen angerufen. Der Gast ist, wie Sie schon festgestellt haben, nach der Fackelwanderung nicht mehr zurückgekommen. Als der Leiter den Park heute Nacht als Letzter verlassen hat, stand der Wagen des Mannes noch dort.“
„Und weiter?“, fragte Jenny, als Schröder nichts mehr sagte.
„Er hat sich so seine Gedanken gemacht, weil der Mann das Tasting vorzeitig verlassen hat, noch dazu ohne Auto. Immerhin kommt man vom Park ohne Wagen nur schwierig weg. Selbst ein Fahrrad hilft nicht wirklich. Und getrunken hatte er bis dahin nur ein kleines Bier. Er kennt die Sekretärin des örtlichen Taxi-Unternehmens, doch die haben ihn nicht abgeholt. Heute Morgen hat er die Handynummer des Mannes, eines gewissen Harald Hofstetters, angerufen, doch das Handy ist ausgeschaltet.“
„Und dann hat er Sie angerufen?“, fragte Jenny. „Ich vermute, Sie kennen sich?“
„Woher ...? Wir sind im gleichen Fußballverein.“
Sie hörten, wie sich die Tür vom Bad öffnete und Biederkopf herauskam. Er steuerte, noch im Bademantel, auf die Küche zu und streckte den Kopf herein. „Ich bin gleich da. Ich ziehe mir nur rasch etwas an.“
Jenny lächelte ihm zu und wandte sich wieder an Schröder. „Haben Sie denn schon etwas über den Mann herausgefunden? Wo er wohnt und vor allem, ob er Angehörige hat.“
„Er ist in Wiesbaden gemeldet und ist verheiratet. Die Ehefrau habe ich aber bisher noch nicht erreicht.“
Jenny seufzte und rieb sich die Augen. „Sie wissen also noch nicht einmal, ob er wirklich verschwunden ist?“ Sie hatte jetzt einen Eindruck, was Schröder hergeführt hatte. Sein Fußballkumpel hatte Angst bekommen, dass einem Teilnehmer seines Tastings irgendetwas passiert war, vielleicht sogar noch im Park und hatte Schröder angerufen und gebeten, sich umzuhören. Fragen kostete ja nichts. Vermutlich hatte er ihm die Teilnehmerliste gegeben und der Name Becker stand, alphabetisch geordnet, ganz oben. Gleich vor Biederkopf. Und Schröder hatte sich gefreut, dass endlich einmal etwas los war. Aber so einfach ging das nicht. Vielleicht war dem Mann wirklich etwas zugestoßen. Immerhin war er zuletzt auf dem Weg in den stockdunklen, verschneiten und teilweise glatten Park gewesen.
„Haben Sie den Park durchsuchen lassen? Vielleicht hatte er im Dunkeln auf dem glatten Boden einen Unfall.“
„Die Angestellten gehen momentan alle Wege ab und schauen in die Gehege. Der Tierpark wird erst geöffnet, wenn alles kontrolliert wurde. Kürzlich erst hat so ein Verrückter aus der Stadt versucht, ins Wolfsgehege zu klettern. Zum Glück hat er es nicht über den Zaun geschafft.“
Biederkopf kam die Treppe hinunter und gesellte sich zu ihnen. Jenny informierte ihn in knappen Worten über den Grund von Schröders Besuch.
„Ich kann leider auch nicht mehr beisteuern“, erklärte er. „Sie sollten wirklich mit seiner Familie Kontakt aufnehmen und klären, ob er tatsächlich vermisst wird. Ich gebe zu, es wirkt seltsam, dass sein Wagen noch vor dem Tierpark steht, aber es kann auch eine ganz einfache Erklärung geben.“
Schröder wirkte nicht, als hoffe er auf eine einfache Erklärung, nickte jedoch widerstrebend. „Natürlich könnten Sie recht haben. Wenn Sie mir keine weiteren Informationen geben können, gehe ich jetzt. Aber ich lasse Ihnen für alle Fälle meine Nummer hier.“ Er überreichte Jenny eine Visitenkarte und verabschiedete sich. Sie brachte ihn an die Tür und sah frierend zu, wie er sich die glatte Treppe hinaufschaffte und schlingernd losfuhr.
„Merkwürdige Geschichte“, meinte Michael, der hinter ihr stand und die Arme um ihre Taille gelegt hatte. „Komm rein. Sonst erfrierst du mir noch.“
Sie verbrachten den Tag mit einem Spaziergang im Schnee und wärmten sich danach mit einem guten Buch vor dem Kamin auf.
Jenny hatte das merkwürdige Vorkommnis fast vergessen, als sie am nächsten Morgen gegen halb neun an ihrem Schreibtisch im Frankfurter Polizeipräsidium Platz nahm.
Auf der Tischplatte stand ein großer Teller voller Krümel, auf dem noch ein einziger Donut lag.
„Wow“, meinte sie und starrte ihn an. „Hattest du auch mal Brüder und Schwestern?“
„Du musst halt früher kommen“, erklärte ihr jüngerer Kollege Sascha und wischte sich den Mund ab. „Du weißt genau, dass Backwaren hier keine lange Halbwertszeit haben.“
„Und du weißt, dass die Fahrt hierher montags morgens die Hölle ist“, konterte sie mürrisch und nahm sich den letzten Donut, bevor er auch noch in Saschas gefräßigem Magen landete.
„Du wolltest auf dem Land leben“, warf Logo, der Senior in ihrer Dienstgruppe, ein. „Dann musst du auch die Konsequenzen tragen.“
„Wohl eher ertragen, wenn es um verfressene Kollegen geht“, murrte Jenny und biss ab. „Schlimm genug, dass der nächste Bäcker an die fünfzehn Kilometer von meinem Häuschen entfernt ist.“
„Das ist doch eine gute Strecke für eine morgendliche Jogging-Runde“, witzelte Sascha, bevor Jenny auf ein anderes Thema umschwenkte. „Ich habe am Wochenende etwas Merkwürdiges erlebt.“ Sie wischte sich Puderzucker vom Mund. „Ich würde es euch erzählen, wenn ihr nicht den letzten Kaffee ausgetrunken hättet.“
„Ich habe den dezenten Hinweis verstanden“, antwortete Sascha, hievte sich vom Stuhl und schlurfte zur Kaffeemaschine. Jenny hob eine Augenbraue. „Wo ist denn deine übliche morgendliche Energie?“
„Die habe ich gestern beim Glühweintrinken verloren“, erklärte er und löffelte Kaffeepulver in den Filter. „Jetzt erzähl schon! Was gab es denn so Merkwürdiges in deinem Dorf hinter den sieben Bergen?“
Jenny erzählte von dem verschwundenen Gast und dem Besuch des Kollegen.
„Und ich dachte immer, auf dem Land passiert nix“, sagte Logo und zog seine Tastatur zu sich heran. „Ich schau mal, ob ich etwas über den Mann herausfinden kann. Harald Hofstetter sagst du?“
„Ja, wir wissen ja auch noch nicht, ob wirklich etwas passiert ist.“
Logo blickte auf. „Hier hab ich ihn. Harald Hofstetter, geboren 13.05.1970 in Wiesbaden am Rhein. Verheiratet mit Cecile ... wie spricht man das aus ... geborene Schmid.“
„Frag doch mal bei der Vermisstenstelle nach, ob eine Meldung vorliegt.“
Logo tippte etwas ein und sah auf. „Bisher nicht.“
Jenny seufzte. „Wir können sowieso nichts tun. Erstens sind wir nicht für Vermisstenfälle zuständig, zweitens ist es nicht einmal in der Nähe unseres Zuständigkeitsbereichs. Bestimmt ist alles falscher Alarm. Was liegt sonst an?“
„Der Vorfall im Grüneburgpark ist aufgeklärt. Die Kollegen vom Sonntagsdienst haben den Bruder des Opfers festgenommen. Sie haben sich um eine Flasche Schnaps gestritten, dabei ist es zu Handgreiflichkeiten gekommen und das Opfer wurde mit der Flasche erschlagen. Täter ist geständig.“
Jenny schüttelte den Kopf. „Wegen einer Flasche Schnaps. Aber gut. Dann habe ich Zeit, meinen Schreibkram aufzuarbeiten.“
Kurz vor zehn war es vorbei mit der Ruhe.
„Ein verdächtiger Todesfall in einer Villa auf dem Sachsenhäuser Berg“, erklärte Logo, nachdem er ein Telefongespräch beendet hatte. „Wer übernimmt?“
„Sascha und ich“, entschied Jenny und fuhr ihren PC herunter. „Opfer?“
Er sah auf den Block, auf dem er die wichtigsten Infos notiert hatte. „Ein gewisser Balduin Leberecht Rüttens. Sachsenhäuser Landwehrweg. Ich schreib dir die Adresse auf.“ Er notierte etwas und reichte ihr den Zettel.
Sie las die Adresse. „Ganz in der Nähe meiner früheren Wohnung. Okay, sieh nach, was du über ihn herausfinden kannst und schick es mir aufs Handy.“ Auf dem Weg zur Tür winkte sie Sascha. „Komm, du fährst!“
Die Fahrt am Hauptbahnhof vorbei über den Main und einmal durch Sachsenhausen dauerte nur etwa zwanzig Minuten. Der Sachsenhäuser Landwehrweg zog sich vom Goetheturm am Südfriedhof vorbei quer über den Sachsenhäuser Berg bis zum Ziegelhüttenweg. Hier, wo die Villa des Opfers stand, war die Straße schmal, die Häuser standen weit auseinander und die Vorgärten voller Bäume und Hecken.
Jenny stieg aus dem Dienstwagen, lief ein Stück die Einfahrt hinauf und betrachtete die zweistöckige, im mediterranen Stil erbaute Villa. „Wenn das Anwesen dem Opfer gehört hat, scheint der Mann nicht gerade arm gewesen zu sein.“ Sie ging an den beiden Streifenwagen und dem Krankenwagen vorbei zur Tür und wies sich bei dem uniformierten Beamten, der ihr entgegenkam, aus. „Was haben wir?“
„Toter in der Badewanne“, antwortete der Kollege knapp. „Kommen Sie!“
Sie durchquerten eine Eingangshalle mit Marmorboden und stiegen eine freitragende Treppe hinauf. „Unten sind Küche, Esszimmer, Wohnzimmer und ein Raum, der als Büro zu dienen scheint. Hier oben zwei Schlafzimmer, ein Abstellraum und zwei Bäder.“ Der Beamte wandte sich nach rechts, steuerte auf eine offenstehende Tür zu und erklärte: „Das hier ist das kleinere der beiden Bäder. Das Opfer hat mit seiner Lebensgefährtin, einer gewissen Frau Müller, das angrenzende Schlafzimmer bewohnt. Es gibt noch ein derzeit ungenutztes Hauptschlafzimmer, das die Mutter bis zu ihrem Tod bewohnt hat.“ Er bemerkte Jennys erstaunten Blick. „Ich habe die Haushälterin nach möglichen anderen Personen im Haus gefragt, und sie hat mir die Verhältnisse erklärt.“ Er ließ Jenny zuerst eintreten. „Bei dem Opfer handelt es sich um den hier wohnhaften Balduin Leberecht Rüttens. Die Haushälterin hat ihn gegen neun Uhr leblos in der Whirlpool-Badewanne gefunden, ihn herausgezerrt und den Notarzt gerufen. Der konnte nur noch den Tod feststellen. Bei der Untersuchung kam ihm der Verdacht, dass es sich möglicherweise um keinen natürlichen Tod handelt, und hat uns daraufhin verständigt. Es hat irgendwas mit der Farbe seiner Lippen zu tun.“
„Ist der Arzt noch hier?“, wollte Jenny wissen und starrte auf die einem Jacuzzi ähnliche Badewanne. Der Tote war herausgezogen und neben der Wanne auf dem Rücken abgelegt worden. Der hagere, braun gebrannte Körper war mit einer Badehose bekleidet, die kaum das Nötigste verdeckte. Eine dicke goldene Halskette war nach der Seite verrutscht und sah aus, als würde sie ihn würgen.
„Der Arzt ist schon wieder weg. Er musste zu einem Notfall“, stellte der Beamte fest. „Ich habe seine Kontaktdaten, falls Sie ihn befragen möchten. Der Gerichtsmediziner sollte aber jeden Moment eintreffen.“
„Es ist Montag“, sagte Jenny abwesend und sah sich im Bad um. „Da braucht er immer ein bisschen länger.“
„Das habe ich gehört!“, erklang hinter ihr die Stimme Dr. Schwinds, von allen nur Prof genannt. „Und ER bräuchte keinesfalls länger, wenn es in der Kennedyallee keinen Unfall gegeben hätte und diese unfähigen ...“
„Fahren Sie doch mit dem Fahrrad!“, fiel ihm Jenny, die keine Lust auf einen endlosen Monolog hatte, ins Wort. „Vermutlich wären Sie dann schneller.“
Sascha unterdrückte mühsam ein Kichern. Jenny stellte zu ihrer Überraschung fest, dass es ihr tatsächlich gelungen war, dem Gerichtsmediziner die Sprache zu verschlagen. „Mit dem ...“, begann er, dann fiel sein Blick jedoch auf die Leiche.
„Wurde er in der Wanne gefunden? Welcher hirnlose Idiot hat ihn herausgezogen? Wissen Sie, wie viele Beweise vermutlich zerstört wurden? Bin ich denn nur von Amateuren umgeben?“
„Es war der Notarzt“, sagte Jenny ruhig. Es war nicht neu, dass Dr. Schwind erst Dampf ablassen musste, bevor er seine unbestreitbaren Fähigkeiten einsetzte. „Es sah wohl zunächst wie ein natürlicher Tod aus.“
Offensichtlich hatte sie genau das Falsche gesagt.
„Sehen Sie? Amateure, so weit das Auge reicht. Man sieht doch sofort, dass der Mann vergiftet wurde. Haben Sie die Blauverfärbung der Lippen gesehen?“
„Also ehrlich gesagt ...“
Der Prof verdrehte die Augen und seufzte, als würde die Last der ganzen Welt auf seinen Schultern liegen. „Natürlich nicht. Ich werde es Ihnen erklären. Nach der Obduktion. Und jetzt lassen Sie mich meine Arbeit machen.“
Jenny wusste, dass sie jetzt nichts mehr aus ihm herausbekommen würde und wandte sich an den Uniformierten, der dem Wortwechsel interessiert zugehört hatte. „Wo ist diese Haushälterin?“
Sie fanden Inez Montego im Erdgeschoss in der Küche, wo sie sich an einer Tasse Tee festhielt. Das Gesicht der Frau war blass, und Tränen hatten Spuren auf ihren Wangen hinterlassen. Jenny schätzte sie auf Mitte fünfzig. Sie setzte sich neben sie an den Küchentisch. „Ich bin Kommissarin Becker. Wie geht es Ihnen? Frau Montego, richtig?“
Die Frau nickte. „Es war ein großer Schock, Herrn Rüttens tot in dieser Wanne zu finden. Und dann sagt der Arzt noch, es wäre kein natürlicher Tod gewesen! Es ist entsetzlich!“ Sie schauderte, riss sich aber sichtlich zusammen. „Sie haben Fragen an mich?“
„Erzählen Sie mir ein bisschen von ihm. Wie lange arbeiten Sie schon für ihn?“
Sie zog ein Taschentuch aus der Tasche ihrer dünnen Wolljacke und zerknüllte es abwesend. „Etwa zwei Jahre. Ich habe noch für seine Mutter gearbeitet, aber sie ist vor über einem Jahr gestorben. Ich komme jeden Tag außer sonntags, mache sauber, koche ab und zu, erledige die Einkäufe, kümmere mich um die Wäsche. Was halt so anfällt.“
„Und Herr Rüttens? Wie war er so? Was machte er beruflich?“
„Oh, er ist ein großer Autor. Und Verleger. Und Geschäftsmann! Sehr erfolgreich.“
„Lebt er alleine?“, wollte Jenny wissen.
Das Gesicht der Frau verschloss sich. „Nein, er hat eine ... Lebensgefährtin. So etwa seit einem dreiviertel Jahr. Chantal Müller.“ Ihre Stimme klang, als hätte sie etwas unangenehm Schmeckendes im Mund.
„Wissen Sie, wo sich Frau Müller zurzeit aufhält?“
„Oh ja, in einer Schönheitsklinik in Bad Homburg. Sie lässt irgendwas machen.“ Ihr Gesicht drückte eine solche Verachtung aus, dass Jenny nachhakte.
„Sie mögen sie nicht sonderlich?“, fragte sie vorsichtig.
„Es steht mir nicht zu, sie zu mögen oder nicht“, sagte Frau Montego steif.
„Es geht hier möglicherweise um Mord, da kann keine Rücksicht auf Verpflichtungen oder Loyalität zu Ihrem ehemaligen Arbeitgeber genommen werden. Sie müssen mir alles erzählen.“
„Also gut“, brach es aus Frau Montego heraus. „Ich mag sie nicht! Herr Rüttens war so ein feiner, gebildeter Mann. Ein großer Mann. Und sie ... viel jünger. Und sehr hübsch, wenn Sie wissen, was ich meine. Und gerissen! Sie hat ihn umgarnt. Ich bin sicher, sie will ... wollte nur sein Geld! Aber er hat sie nicht geheiratet. Sie bekommt jetzt gar nichts, oder?“
„Ich weiß nicht“, antwortete Jenny. „Das hängt davon ab, ob er ein Testament gemacht hat. Gibt es Angehörige?“
„Ein Bruder, aber sie haben kaum Kontakt. Er lebt in Offenbach. Bitte, Frau Kommissarin. Ich fühle mich sehr schlecht. Kann ich jetzt heimgehen?“
Jenny nickte. „Ja, fürs Erste sind wir fertig. Wir werden aber sicher noch einmal mit Ihnen sprechen müssen. Soll jemand Sie heimfahren?“
„Nein danke. Ich wohne in Oberrad, nur ein paar Minuten mit dem Rad. Meine Daten habe ich dem Polizisten mit der Uniform gegeben.“
Als Jenny zurück ins Bad kam, wurde gerade die Leiche unter Aufsicht des Gerichtsmediziners abtransportiert. „Ich mache die Obduktion gleich heute“, erklärte er Jenny und Sascha. „Rufen Sie mich später an. Oder ...“ Er maß Sascha mit einem strengen Blick. „Erlaubt Ihre Chefin Ihnen, dabei zu sein?“
„Heute nicht“, fiel Jenny ihm ins Wort. „Wir haben zu viel zu tun.“
Sascha, der großes Interesse an der Gerichtsmedizin hatte, ließ sich seine Enttäuschung nicht anmerken und plante das weitere Vorgehen. Er zählte an den Fingern ab. „Ich habe Logo gebeten, die Adresse des Bruders herauszusuchen. Die Kollegen vom Revier befragen die Nachbarn, ob sie etwas gesehen haben. Und wir besuchen die Lebensgefährtin?“
„Sehr gut“, lobte Jenny. „Genauso machen wir es. Ich will aber wenigstens einen kurzen Blick ins restliche Haus werfen, während die Spurensicherung im Badezimmer zugange ist. Danach fahren wir in diese Klinik.“
Sascha wandte ein. „Du weißt, dass wir das nicht dürfen.“
„Wir fassen nichts an“, versicherte Jenny ihm und reichte ihm ein Paar Überzieher für die Schuhe und ein Paar Einmalhandschuhe.
Die Stil-Möbel waren aus edlen Hölzern gefertigt, und in fast allen Zimmern hing ein dezenter Geruch nach Möbelpolitur in der Luft.
Im Schlafzimmer des Opfers stand ein riesiges rundes Bett und auf dem Nachttisch daneben das Bild einer jungen Frau mit eindeutig aufgespritzten Lippen. Ein Buch lag aufgeschlagen darauf. Jenny zog sich Einmalhandschuhe an und hob den Einband an, um den Titel zu lesen: „Intervallfasten – Weg zur Traumfigur“.
Sie betrachtete noch einmal das Foto der recht schlank wirkenden jungen Frau, legte das Buch zurück und ließ den Blick durch den Raum schweifen.
Alles war aufgeräumt und ordentlich. Sie strich mit der Fingerspitze über den Nachttisch und betrachtete ihn. Kein Stäubchen hing daran.
Jenny öffnete den Kleiderschrank. Auf der rechten Seite hingen offensichtlich Rüttens Sachen. Hosen und Pullover in gediegenen Brauntönen. Ein Anzug aus ... Cordstoff? War das wieder modern?
Die andere Seite des breiten Kleiderschranks gehörte eindeutig der Lebensgefährtin. Auf der Stange hingen etliche blumige Sommerkleider. Sie entdeckte auch zwei elegante Abendkleider in durchsichtigen Schutzhüllen. Ein paar Leinenhosen lagen zusammengefaltet in einem Fach. In einer Schublade fand sie feinste Spitzenunterwäsche. Ganz weit hinten lagen, als sollten sie versteckt werden, zwei Baumwollslips und ein passender BH.
„Hör jetzt auf“, mahnte Sascha. „Wir dürfen keine Sachen durchsuchen. Und das hier gehört obendrein nicht mal ihm.“
„Ich durchsuche doch nicht“, rechtfertigte sich Jenny, schloss jedoch die Schublade und auch den Schrank. Natürlich hatte Sascha recht. Aber sie wollte sich einen Eindruck von der Frau, mit der Rüttens lebte, verschaffen, bevor sie mit ihr sprachen.
Als Jenny die nächste Tür öffnete, fiel ihr Blick auf ein Bügelbrett und zwei leere Wäschekörbe. In einem Eck stand ein Staubsauger, daneben befand sich ein Regal mit Handtüchern und Putzutensilien.
Das Schlafzimmer der Mutter befand sich am anderen Ende des Flurs und wirkte, als sei seit dem Zeitpunkt ihres Todes nichts darin verändert worden. Auf dem Nachttisch stand eine goldene Glocke, die vermutlich zum Herbeirufen der Pflegerin oder Haushälterin gedient hatte. Im angrenzenden begehbaren Kleiderschrank hingen sogar noch ihre Kleider. Die Schubladen der Kommoden enthielten Wäsche und persönliche Dinge wie zwei Brillen und ein angefangenes Kreuzworträtsel. Das Bett war von einer schweren brokatenen Überdecke verborgen. Jenny hob mit zwei Fingern eine Ecke. Das Federbett war mit einem bestickten, gebrochen weißen Bettzeug bezogen. Sie hoffte inständig, dass es, seit die Verstorbene darin gelegen hatte, gewaschen worden war.
„Morbide, oder?“, flüsterte Sascha. „Es ist, als wäre sie noch am Leben. Warum hat er den Raum so belassen?“
Jenny hob die Schultern. „Vielleicht hat er sehr an ihr gehangen? Und warum flüsterst du? Glaubst du, sie hört dich noch?“
Jenny staunte, als sie das angrenzende Bad sah. „Es gibt wirklich Menschen, die sich goldene Armaturen installieren.“
Der Luxus, der ihnen schon beim Betreten des Hauses ins Auge gefallen war, setzte sich nicht nur hier im Bad, sondern in allen Räumen fort. Sie liefen durch den Flur zur Treppe ins Erdgeschoss über dicke, wertvoll aussehende Teppiche und bestaunten die Kunstwerke an den Wänden, die keinerlei einheitlichen Stil zu verfolgen schienen. Eine Reproduktion der Mona Lisa hing neben dem Bild ‚Hölle‘ von Hieronymus Bosch. Gleich daneben befand sich an abstraktes Bild, das Jenny an einen umgefallenen Farbeimer erinnerte.
Ein Blick ins Wohnzimmer zeigte ihr weitere teure Möbel und kaum persönliche Gegenstände, außer einer aufgeschlagenen Zeitung auf einem Beistelltisch neben der weinroten Leder Couchgarnitur.
Das Büro hatte Jenny sich für zuletzt aufgehoben. Es war ebenso gediegen eingerichtet wie der Rest des Hauses. Dicke Teppiche verschluckten die Geräusche ihrer Schritte. In einem Regal standen an die zwanzig nagelneu wirkende Bücher. Sascha betrachtete einen breiten Buchrücken. „Mein Weg zur perfekten Existenz ... Das Buch scheint nie aufgeklappt worden zu sein. Hat er es verlegt? Oder hat er es unter einem Pseudonym selbst geschrieben? Godewitz Eigenbrod. Hab ich noch nie gehört.“
„Vermutlich beides“, meinte Jenny. „Fotografier alles. Und stell fest, ob er irgendwo noch ein Büro hat. Laut Frau Montego ist er nicht nur Autor und Verleger, sondern auch Geschäftsmann. Vielleicht hat er von hier aus gearbeitet? Aber wo ist dann sein Laptop? Und sein Handy?“
„Ich sehe auch keinen Kalender.“ Sascha ließ den Blick prüfend über den Schreibtisch wandern. „Selbst wenn er seine Termine im Handy oder auf dem Laptop pflegt. Die meisten Menschen haben doch noch einen Tischkalender, um ihre Termine zu notieren.“
„Ich nicht“, erklärte Jenny. Sie betrachtete die Ablagekörbe und die geschlossenen Schubladen. Es juckte sie in den Fingern.
Zu ihrer Erleichterung hob Sascha den Kopf. „Ich glaube, ich höre die Spusi anrücken.“ Schnell gingen sie den beiden Männern entgegen und fingen sie in der Eingangshalle ab. Auf ihre Frage hin wies Jenny ihnen den Weg zum Bad. Beide trugen komplette Schutzanzüge. „Du hast hoffentlich nichts angefasst?“, fragte der eine Jenny unwirsch.
„Christopher! Du kennst mich doch“, erklärte sie entrüstet.
„Ja eben“, war die knappe Antwort.
„Tatsächlich würde ich gerne den Schreibtisch des Opfers untersuchen. In die Schubladen schauen und seine Post lesen.“ Sie setzte ihren treuherzigsten Hundeblick auf.
„Glaubst du, das funktioniert bei mir?“, antwortete Christopher. „Aber meinetwegen.“ Er wandte sich an seinen Kollegen. „Fang du am Tatort an. Wir können sowieso noch nicht viel machen, bevor der Fotograf da war. Ich gehe mit Jenny.“
„An die Schubladen lasse ich dich nicht, bevor wir Fingerabdrücke gesichert haben“, stellte Christopher klar, während er den Schreibtisch betrachtete.
Jenny seufzte und deutete auf den einzigen Ablagekorb. „Was ist mit der Post?“
Er nahm eine Pinzette, griff damit den obersten Umschlag und drehte ihn um, sodass Jenny die Vorderseite sehen konnte. Sie las laut. „Verlag de Culture mit hiesiger Adresse. Anscheinend hat er seinen Verlag von hier aus geführt. Was für ein hochgestochener Name. Absender ist eine Druckerei. Kann warten.“
Erwartungsvoll sah sie Christopher an. Er nahm einen weiteren Umschlag und präsentierte ihn ihr.
„Er ist offen. Kannst du den Inhalt herausholen?“
Vorsichtig zog er mit der Pinzette das Blatt heraus und benutzte eine zweite, um es vorsichtig auseinanderzufalten. „Eine Einladung zu einem Verleger-Treffen. Weiter!“, forderte sie ihn ungeduldig auf.
„Immer zu deinen Diensten“, antwortete er sarkastisch und nahm den nächsten Brief.
Jenny beugte sich über das Blatt. „Eine Absage an einen Autor, der ihm ein Manuskript geschickt hat, nichts, was man nicht erwarten würde. Aber da ist noch ein Umschlag, den er nicht geöffnet hat.“
„Rosa“, bemerkte Sascha, der neben sie getreten war. „Fanpost?“
