Narrative Wirtschaft - Robert J. Shiller - E-Book

Narrative Wirtschaft E-Book

Robert J. Shiller

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Beschreibung

"Tech-Aktien steigen immer!" "Immobilien­preise fallen nie!" Stimmt das wirklich? Ob wahr oder nicht, solche Narrative, oder einfacher gesagt Geschichten, beeinflussen das Verhalten von Menschen und somit auch die Wirtschaft massiv. Wie entstehen Narrative? Wie gehen sie viral, wie gewinnen sie an Einfluss, wann verlieren sie diesen wieder? Welche Auswirkungen haben sie? Und, last, but not least: Wie lassen sich mit ihnen ökonomische Zusammenhänge und Entwicklungen besser verstehen und vorhersagen? Diese Fragen untersucht Wirtschafts-Nobelpreisträger Robert Shiller in seinem vielleicht wichtigsten Buch.

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Die Originalausgabe erschien unter dem Titel NARRATIVE ECONOMICS: How Stories Go Viral and Drive Major Economic Events

ISBN 978-0-6911-8229-2

Copyright der Originalausgabe 2019:

Copyright © 2019 by Robert J. Shiller.

All rights reserved.

Published by Princeton University Press.

Copyright der deutschen Ausgabe 2020:

© Börsenmedien AG, Kulmbach

Übersetzung: Philipp Seedorf

Gestaltung Cover: Daniela Freitag

Coverfoto: picture alliance/TT NEWS AGENCY; Magnus Hjalmarson Neideman

Satz: Andreas Schubert

Lektorat: Sebastian Politz

Druck: GGP Media GmbH, Pößneck

ISBN 978-3-86470-666-0

eISBN 978-3-86470-667-7

Alle Rechte der Verbreitung, auch die des auszugsweisen Nachdrucks, der fotomechanischen Wiedergabe und der Verwertung durch Datenbanken oder ähnliche Einrichtungen vorbehalten.

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über <http://dnb.d-nb.de> abrufbar.

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ROBERT J. SHILLER

Narrative Wirtschaft

Wie Geschichten die Wirtschaft beeinflussen – ein revolutionärer Erklärungsansatz

Inhalt

Vorwort: Was ist narrative Wirtschaft?

Danksagungen

Teil I Die Ursprünge der narrativen Wirtschaft

1Die Bitcoin-Narrative

2Auf abenteuerlichen Wegen zum selben Ergebnis

3Ansteckung, Konstellationen und Konfluenz

4Wieso gehen einige Narrative viral?

5Die Laffer-Kurve und Rubiks Würfel gehen viral

6Diverse Belege für die Ansteckungskraft ökonomischer Narrative

Teil II Die Grundlagen der narrativen Wirtschaft

7Kausalität und Konstellationen

8Sieben Aussagen der narrativen Wirtschaft

Teil III Immer wiederkehrende ökonomische Narrative

9Wiederholung und Mutation

10Panik kontra Zuversicht

11Sparsamkeit kontra Zurschaustellung von Konsum

12Goldstandard kontra Bimetallismus

13Arbeitssparende Maschinen ersetzen viele Jobs

14Automatisierung und künstliche Intelligenz ersetzen fast alle Jobs

15Immobilienbooms und -blasen

16Aktienblasen

17Boykotte, Profiteure und böse Unternehmen

18Die Lohn-Preis-Spirale und die bösen Gewerkschaften

Teil IV Die narrative Wirtschaft voranbringen

19Narrative der Zukunft, Zukunft der Forschung

Anhang:Modelle von Epidemien auf ökonomische Narrative anwenden

Endnoten

Abbildungsverzeichnis

Literaturverzeichnis

Vorwort

Was ist narrative Wirtschaft?

Als 19-jähriger Studienanfänger an der University of Michigan vor über einem halben Jahrhundert, gab uns mein Geschichtsprofessor, Shaw Livemore, ein kurzes Buch von Frederick Lewis Allen als Hausaufgabe: Only Yesterday: An Informal History of the 1920s, über die Vorgeschichte des Börsencrashs von 1929 und die Anfänge der Weltwirtschaftskrise der 1930er-Jahre. Es war ein Bestseller, als es 1931 erschien. Nachdem ich es gelesen hatte, war ich der Meinung, das Buch sei extrem wichtig, denn es beschrieb nicht nur die überschwängliche Atmosphäre und den massiven Spekulationsboom der Goldenen Zwanziger, sondern beleuchtete auch die Ursachen der Weltwirtschaftskrise, des größten wirtschaftlichen Abschwungs, der je die Weltwirtschaft heimsuchte. Mir schien, die während dieser Periode zu beobachtende Abfolge sich wie Buschfeuer verbreitender Narrative trug zum Geisteswandel dieser Zeit bei. Zum Beispiel verfasste Allen im Jahr 1929, kurz bevor der Aktienmarkt seinen Höhepunkt erreichte, einen Augenzeugenbericht über die Verbreitung dieser Narrative:

Am Esstisch hörte man fantastische Geschichten über plötzliche Reichtümer: Ein junger Banker hatte jeden Dollar seines kleinen Vermögens in Aktien von Niles-Bement-Pond gesteckt und damit fürs Leben ausgesorgt; eine Witwe konnte sich durch ihre Gewinne mit den Aktien von Kennecott ein großes Landhaus kaufen. Tausende spekulierten an der Börse – und machten große Gewinne –, ohne auch nur die leiseste Ahnung von den Unternehmen zu haben, von deren Wirtschaftsglück sie sich abhängig machten, wie die Menschen, die sich Aktien von Seaboard Air Line kauften und dachten, es seien Aktien einer Fluggesellschaft. [Seaboard Air Line war ein Eisenbahnunternehmen, das seit dem neunzehnten Jahrhundert so hieß, als „Air Line“ die kürzeste Verbindung zwischen zwei Punkten war, (A. d. Ü.: im Deutschen noch im Wort „Luftlinie“ erhalten.)]1

Diese Narrative hören sich etwas übertrieben an, aber sie wurden so oft wiederholt, dass sie kaum zu ignorieren waren. Es konnte doch nicht so leicht gewesen sein, reich zu werden, und das mussten die intelligentesten Leute in den 1920er-Jahren auch erkannt haben. Aber das gegensätzliche Narrativ, das darauf hingewiesen hätte, wie närrisch die Tricks zum schnellen Reichtum waren, wirkte anscheinend nicht sehr mitreißend.

Nachdem ich Allens Buch gelesen hatte, war ich überzeugt, die Stoßrichtung des Aktienmarkts und der Ökonomie sowie der Beginn der Weltwirtschaftskrise mussten von diesen Geschichten, den Fehleinschätzungen und den umfassenderen Narrativen dieser Periode bestimmt worden sein. Aber Wirtschaftswissenschaftler haben Allens Buch nie ernstgenommen und die Idee der narrativen Ansteckung hat nie Eingang in ihre mathematischen ökonomischen Modelle gefunden. Dieses Modell der Ansteckung ist das Herz der narrativen Wirtschaft.

Im heutigen Sprachgebrauch redet man davon, dass Geschichten von unglaublich erfolgreichen Investoren, die keine Finanzexperten waren, „viral gegangen“ sind. Wie eine Epidemie haben sie sich von einer Person zur nächsten verbreitet, durch Mundpropaganda, bei Dinnerpartys und anderen gesellschaftlichen Anlässen, per Telefon, übers Radio, durch Zeitungen und Bücher. ProQuest News & Newspapers (proquest.com), ein Tool mit dem man online Zeitungsartikel und Werbeanzeigen bis zum Jahr 1700 durchsuchen kann, zeigt, dass der Begriff „viral gehen“ (und Variationen davon, „ging viral“ und „ist viral gegangen“) erst um das Jahr 2009 in Zeitungen eine epidemische Verbreitung fand, typischerweise in Storys, die mit dem Internet zu tun hatten. Der damit verbundene Begriff virales Marketing erschien nur wenig früher auf der Bildfläche, im Jahr 1991, als Name eines kleinen Unternehmens in Nagpur, Indien. Heute ergibt eine Suche mithilfe von ProQuest, dass der Begriff viral gehen selbst viral gegangen ist. Google Ngrams (books.google.com/ngrams), das es den Usern erlaubt, in Büchern bis zum Jahr 1500 nach Wörtern und Phrasen zu suchen, führt zu einem ähnlichen Ergebnis, was den Begriff viral gehen betrifft. Seit 2009 ist der Begriff trending now, ein Synonym für viral gehen, selbst viral gegangen. Diese Epidemien wurden durch eingängige Statistiken auf Internetseiten noch beschleunigt, die die Anzahl von Views oder Likes festhalten. Sowohl „viral gehen“ als auch „trending now“ charakterisieren den ansteigenden Verlauf der Infektionskurve, wenn die Epidemie sich ausbreitet. Der Prozess des Vergessens, also der später abfallende Verlauf der Infektionskurve, erfährt weniger öffentliche Aufmerksamkeit, auch wenn er für ökonomische Narrative vermutlich eine genauso wichtige Ursache für eine Veränderung des ökonomischen Verhaltens ist.

Allen dachte an Geschichten, die viral gehen, als er sein Buch schrieb, auch wenn er den Begriff nicht benutzte. Er schrieb, sein „Schwerpunkt liege auf dem sich ändernden Zustand der öffentlichen Wahrnehmung und den manchmal trivialen Vorgängen, mit denen diese sich beschäftigt,“2 aber er formalisierte seine Gedanken zur Ansteckung durch Narrative nicht.

Wir müssen die Ansteckung durch Narrative in die Wirtschaftstheorie einfließen lassen. Sonst bleiben wir blind für einen sehr realen, sehr greifbaren Mechanismus des wirtschaftlichen Wandels, ebenso wie für ein entscheidendes Element ökonomischer Vorhersagen. Wenn wir die Epidemien populärer Narrative nicht verstehen, erfassen wir den Wandel der Wirtschaft und des ökonomischen Verhaltens nur unvollständig. Es gibt eine umfassende medizinische Literatur darüber, wie man Epidemien vorhersagt. Diese Literatur zeigt, dass es hilfreich sein kann, die Natur von Epidemien und ihrer Beziehung zu Ansteckungsfaktoren zu verstehen, wenn es darum geht, etwas besser vorherzusagen, als es rein statistische Methoden können.

Narrative Wirtschaft: Eine Definition

Die Bezeichnung narrative Wirtschaft wurde schon früher benutzt, wenn auch selten. Das Dictionary of Political Economy (1894) von R. H. Inglis Palgrave erwähnt kurz die narrative Wirtschaft3, aber der Begriff scheint sich auf eine Recherchemethode zu beziehen, die das eigene Narrativ historischer Ereignisse beschreibt. Ich befasse mich nicht damit, ein neues Narrativ zu präsentieren, sondern damit, die Narrative anderer Menschen über wichtige wirtschaftliche Ereignisse zu studieren, die populären Narrative, die viral gingen. Bei meiner Verwendung des Begriffs narrative Wirtschaft konzentriere ich mich auf zwei Elemente: 1.) die Mundpropaganda, die für eine Ansteckung mit Ideen in Form von Storys sorgt, und 2.) die Bemühungen von Menschen, neue ansteckende Storys zu erfinden oder andere ansteckender zu machen. Hauptsächlich will ich untersuchen, wie narrative Ansteckung wirtschaftliche Ereignisse beeinflusst.

Das Wort Narrativ ist oft gleichbedeutend mit Geschichte. Aber meine Verwendung des Begriffs reflektiert eine bestimmte moderne Bedeutung, die im Oxford English Dictionary so erläutert wird: „eine Geschichte oder Repräsentation, die man verwendet, um eine Gesellschaft, Ära et cetera zu erklären oder zu rechtfertigen.“ Um diese Definition auszuweiten, will ich noch hinzufügen, dass Geschichten nicht auf einfache Wiedergabe von Ereignissen beschränkt sind, die der Menschheit widerfahren. Eine Geschichte kann auch ein Lied, ein Witz, eine Theorie, eine Erklärung oder ein Plan sein, der einen emotionalen Widerhall findet und sich einfach in einer normalen Unterhaltung wiedergeben lässt. Wir können uns die Geschichte als eine Abfolge seltener, großer Ereignisse vorstellen, wenn eine Story viral geht, häufig (aber nicht immer) mithilfe einer/eines attraktiven Prominenten (manchmal auch nur ein C-Promi oder eine fiktive Figur), deren Einbeziehung in das Narrativ dem Ganzen einen Aspekt des „human interest“ hinzufügt.

Zum Beispiel beschreiben die Narrative zu Beginn der zweiten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts den freien Markt als „effizient“ und daher unzugänglich für Verbesserungen durch Regierungshandeln. Diese Narrative führen wiederum zu einer öffentlichen Reaktion gegen Regulierung. Es gibt natürlich legitime Kritik an den damaligen gesetzlichen Bestimmungen, aber diese Kritik ging gewöhnlich nicht besonders viral. Virale Narrative brauchen Persönlichkeit und eine Geschichte. Ein solches Narrativ erzählte vom Filmstar Ronald Reagan, der Prominenz erlangte, als er von 1953 bis 1962 der schlagfertige und charmante Erzähler einer besonders beliebten US-amerikanischen Fernsehshow namens General Electric Theater war. Nach 1962 ging er in die Politik, als starker Befürworter des freien Marktes. Reagan wurde 1980 zum Präsidenten der Vereinigten Staaten gewählt. Bei der Wiederwahl 1984 gewann er jeden Bundesstaat, abgesehen vom Heimatstaat seines Gegners. Reagan nutzte seine Bekanntheit, um eine massive Revolution des freien Marktes anzustoßen, deren Effekte, einige gut, einige schlecht, wir heute immer noch spüren.

Ansteckung ist am stärksten, wenn die Menschen sich einem Individuum persönlich verbunden fühlen, das in der Geschichte eine Rolle spielt oder ihr Ausgangspunkt ist, sei es ein allgemeiner Persönlichkeitstyp oder eine echte Berühmtheit. Zum Beispiel ist das Narrativ, dass Donald J. Trump ein tougher, brillanter Dealmaker und Selfmade-Milliardär ist, der Kern eines ökonomischen Narrativs, das zu seiner unerwarteten Wahl zum US-Präsidenten 2016 geführt hat. Berühmtheiten schaffen manchmal ihre eigenen Narrative, so wie im Fall von Trump, aber in vielen Fällen wird der Name einer Berühmtheit nur an ein älteres, schwächeres Narrativ angehängt, um seine Ansteckung zu erhöhen – wie bei der Geschichte des Selfmademans, die schon viele Male erzählt worden ist, jedes Mal mit einer anderen Berühmtheit (ich bespreche noch viele Narrative in diesem Buch, bei denen es um Berühmtheiten geht).

Narrative Wirtschaft demonstriert, wie beliebte Geschichten sich mit der Zeit ändern, um wirtschaftliche Ergebnisse zu beeinflussen, zu denen nicht nur Rezessionen und Wirtschaftskrisen gehören, sondern auch andere wichtige wirtschaftliche Phänomene. Die Idee, dass Hauspreise immer nur steigen, ist Bestandteil der Geschichten über reiche Immobilienkäufer und -verkäufer, die man im Fernsehen sieht. Die Idee, dass Gold das sicherste Investment ist, verbindet sich mit Geschichten über Krieg und Wirtschaftskrisen. Diese Narrative haben ein ansteckendes Element, selbst wenn ihre Verbindung mit irgendeiner bestimmten Berühmtheit dürftig ist.

Letztlich sind Narrative wichtige Vektoren einer schnellen Veränderung der Kultur, des Zeitgeistes und des ökonomischen Verhaltens.4 Manchmal verbinden sich Narrative mit Moden und Hypes. Clevere Marketing-Experten und Promoter verstärken diese dann beim Versuch, davon zu profitieren.

Zusätzlich zu den populären Narrativen gibt es auch professionelle, in Gemeinschaften von Intellektuellen verbreitete Narrative, die komplexe Ideen beinhalten, die auf subtile Weise allgemeineres soziales Verhalten beeinflussen. Ein solches professionelles Narrativ, die Random-Walk-Theorie spekulativer Preise, besagt, dass Preise auf dem Aktienmarkt alle Informationen beinhalten und daher Versuche, den Markt zu schlagen, sinnlos sind. Dieses Narrativ hat ein Element der Wahrheit, wie es bei professionellen Narrativen im Allgemeinen der Fall ist, auch wenn es mittlerweile Fachliteratur gibt, die Unzulänglichkeiten nachweist, die von der Theorie nicht vorhergesagt werden.

Gelegentlich finden diese professionellen Narrative Eingang in allgemein verbreitete Narrative, aber die Öffentlichkeit verzerrt diese oft. Zum Beispiel besagt ein verzerrtes Narrativ, dass eine Kaufen-und-Halten-Strategie auf dem heimischen Aktienmarkt die beste Investment-Entscheidung ist. Dieses Narrativ steht in Konflikt mit dem professionellen Kanon, trotz der allgemein verbreiteten Vorstellung, dass die Kaufen-und-Halten-Strategie aus der wissenschaftlichen Forschung stammt. Wie die populären Interpretationen der Random-Walk-Theorie haben einige verzerrte Narrative auf Generationen hinaus einen wirtschaftlichen Einfluss.

So wie bei jeder Form der historischen Rekonstruktion können wir nicht mit einem Diktiergerät in der Zeit zurückreisen, um die Unterhaltung aufzuzeichnen, die das Narrativ kreiert und verbreitet hat, also müssen wir uns auf indirekte Quellen verlassen. Wir können jedoch heute den Verlauf zeitgenössischer Narrative durch soziale Medien und andere Werkzeuge, wie Google Ngrams, einfangen.

Bessere Vorhersagen bedeutender künftiger Ereignisse

Die meisten zeitgenössischen Ökonomen neigen dazu, zu glauben, öffentliche Narrative seien „nicht ihr Spezialgebiet“. Wenn man sie drängt, dann schlagen sie vielleicht vor, sich mit anderen Fachbereichen der Universität in Verbindung zu setzen, zum Beispiel mit Fakultäten für Journalismus oder Soziologie. Aber die Wissenschaftler in diesen Fachgebieten finden es oft schwierig, sich mit Wirtschaftstheorien zu befassen, und daher fällt der Brückenschlag schwer, wenn es darum geht, Narrative und ihre Effekte auf wirtschaftliche Ereignisse zu untersuchen.

Kein Ökonom hat glaubwürdig vorhergesagt, dass sich die Wirtschaftskrise in den 1930er-Jahren zu einer Weltwirtschaftskrise auswachsen würde, und nur eine Handvoll hat 2005 den Gipfel des Immobilienbooms in den USA vorhergesehen oder die „Große Rezession“ und die „Weltfinanzkrise“ der Jahre 2007 bis 2009. Manche Ökonomen der späten 1920er-Jahre meinten, der Reichtum erreiche in den 1930er-Jahren neue Höhen, während andere das gegenteilige Extrem annahmen: Die Arbeitslosigkeit würde immer hoch bleiben, weil arbeitssparende Maschinen dauerhaft Jobs ersetzen würden. Aber es scheint keine öffentliche Wirtschaftsvorhersage der tatsächlichen Ereignisse gegeben zu haben: ein Jahrzehnt sehr hoher Arbeitslosigkeit und dann eine Rückkehr zur Normalität.

Traditionelle Wirtschaftswissenschaftler, die Daten untersuchen, haben sich besonders hervorgetan, abstrakte, theoretische Modelle zu schaffen und kurzfristige Wirtschaftsdaten zu analysieren. Sie können makroökonomische Veränderungen ein paar Quartale vorhersagen, aber das letzte halbe Jahrhundert waren ihre einjährigen Vorhersagen im Großen und Ganzen nutzlos. Wenn es darum ging, die Wahrscheinlichkeit abzuschätzen, ob das vierteljährliche Wachstum des US-Bruttosozialprodukts negativ sein würde, hatten ihre Vorhersagen keinen Bezug zu den tatsächlichen, folgenden negativen Wachstumsraten.5 Es gab gemäß einer Studie von Fathom Consulting, 469 Rezessionen (definiert als ein Schrumpfen des Bruttosozialprodukts eines Landes über ein Jahr hinweg) in 194 Ländern, die seit 1988 vom Internationalen Währungsfonds in seinem halbjährlichen World Economic Outlook vorhergesagt wurden. In nur 17 dieser Fälle wurde die Rezession im vorangegangenen Jahr vorhergesagt. Sie sagten 47-mal Rezessionen vorher, die nicht eintraten.6

Man könnte meinen, dass diese Vorhersagebilanz gut ist im Vergleich zu einer Wettervorhersage, die nur ein paar Tage korrekt ist. Aber bei ökonomischen Entscheidungen denken die Leute normalerweise Jahre voraus. Sie planen, ihre Kinder vier Jahre auf die Highschool oder die Universität zu schicken und nehmen 30 Jahre laufende Hypotheken auf. Also ist es nur natürlich, anzunehmen, dass wir manchmal wissen sollten, ob die nächsten paar Jahre stark oder schwach werden.

Vielleicht sind Wirtschaftsprognostiker bereits auf dem Höhepunkt ihrer Leistungsfähigkeit angekommen. Aber angesichts scheinbar immer wieder grundlos auftretender ökonomischer Ereignisse scheint es langsam an der Zeit, darüber nachzudenken, wie man die Wirtschaftstheorie grundlegend verbessern kann.

Selten sieht man einen professionellen Ökonomen, der jemanden aus der Wirtschaft oder einen Zeitungsjournalisten zitiert, wenn er die Vergangenheit interpretiert oder die Zukunft vorhersagt, ganz zu schweigen davon, was ein Taxifahrer denkt. Aber um eine komplexe Ökonomie zu verstehen, müssen wir viele widersprüchliche Narrative und Ideen berücksichtigen, die für wirtschaftliche Entscheidungen relevant sind – seien diese Ideen nun berechtigt oder fehlerhaft.

Die Kritik an traditionellen Ansätzen in der makroökonomischen Forschung ist nicht neu. In einem berühmten Artikel von 1847 namens „Measurement without Theory“ kritisierte der Ökonom Tjalling Koopmans den damaligen Standardansatz, sich ausschließlich auf statistische Eigenschaften von Daten im Zeitverlauf zu stützen, wie das Bruttosozialprodukt oder Zinssätze, um Leitindikatoren zu finden, die bei der Vorhersage helfen könnten. Er forderte Theorien, die auf tatsächlichen Beobachtungen des zugrunde liegenden menschlichen Verhaltens fußen:

Diese wirtschaftlichen Theorien basieren auf Beweisen anderer Art als die Beobachtungen, die in Zeitverläufen ihren Ausdruck finden: auf der Kenntnis von Motiven und Gewohnheiten der Konsumenten und der gewinnorientierten Ziele von Unternehmen, die zum Teil auf Introspektion gründen und zum Teil auf Befragungen oder Schlussfolgerungen aus dem beobachteten Verhalten von Individuen – kurz gesagt, auf einem mehr oder weniger systematisierten Wissen über das Verhalten und die Motive des Menschen.7

Wie Koopmans herausstellte, versäumen es traditionelle ökonomische Ansätze, die Rolle des öffentlichen Glaubens anhand wichtiger wirtschaftlicher Ereignisse zu untersuchen – das heißt anhand von Narrativen. Indem sie ein Verständnis populärer Narrative in ihre Erklärung wirtschaftlicher Ereignisse miteinbeziehen, werden Ökonomen bei der Vorhersage der Zukunft empfänglicher für solche Einflüsse. Wenn sie das tun, werden sie den politischen Entscheidern bessere Werkzeuge an die Hand geben, diese Entwicklungen vorherzuahnen und damit umzugehen. In der Tat plädiere ich in diesem Buch dafür, dass Ökonomen ihre Wissenschaft am besten voranbringen, indem sie die Kunst der narrativen Wirtschaft miteinbeziehen. Die folgenden Kapitel legen das Fundament dafür, Wissenschaft und Kunst zusammenzubringen, um eine verlässlichere Wirtschaftswissenschaft zu schaffen.

Der moralische Imperativ, wirtschaftliche Ereignisse vorherzusehen

Letztlich ist es die Zielsetzung der Vorhersage, jetzt zu intervenieren, um künftige Ergebnisse zum Nutzen der Gesellschaft zu verändern. In seiner Präsidentschaftsrede 1969 vor der American Economic Association sagte Kenneth E. Boulding (einer meiner Professoren an der University of Michigan, der einen Einfluss auf mich ausgeübt hat), dass Wirtschaftswissenschaften als „moralische“ Wissenschaft gelten sollten, da sie mit menschlichen Gedanken und Idealen befasst sind. Er schimpfte gegen

eine Doktrin, die man die Unbefleckte Empfängnis der Indifferenzkurve nennen könnte, das heißt, dass Geschmäcker einfach gottgegeben sind und wir den Prozess, durch den sie geformt werden, nicht näher untersuchen können. Diese Doktrin ist im wahrsten Sinne „für die Katz“, deren Geschmack größtenteils durch ihre genetische Struktur festgelegt ist und daher als Konstante in der Dynamik der Katzenpopulation betrachtet werden kann.8

Die Wirtschaftswissenschaft, so sagt Boulding, „schafft die Welt, die sie untersucht“.9 Oft wollen wir nicht etwas vorhersagen, sondern vor etwas warnen. Wir wollen keine Katastrophe vorhersagen; wir wollen etwas unternehmen, um die Katastrophe zu verhindern.

Zeitungsberichte über Aktionen der Zentralbank, wie routinemäßige Anpassungen der Zinssätze, scheinen die Annahme widerzuspiegeln, dass der genaue Umfang und das Timing dieser Aktionen von zentraler Wichtigkeit sind, im Gegensatz zu den Worten und Geschichten, die sie begleiten. Irving Kristol brachte die Ansicht des typischen Wirtschaftswissenschaftlers, der öffentliche Meinungsumfragen ablehnt, um das Geschäftsklima zu messen, treffend zum Ausdruck, indem er 1977 schrieb:

Es ist alles so lächerlich. Das Geschäftsklima – ausgedrückt durch die Bereitschaft, in neue Werke und Ausrüstung zu investieren – ist kein psychologisches Phänomen, sondern ein wirtschaftliches. Was Mr. Carter und Mr. Burns tun, ist von Bedeutung, nicht was sie sagen. John Maynard Keynes hat vielleicht geglaubt – und einige seiner Jünger tun es noch immer –, dass die Investitionsneigung von den guten oder schlechten „Animal Spirits“ abhängt, die unter Geschäftsleuten vorherrschen. Aber keynesianische Ökonomen haben schon immer eine schlechte Meinung über die Intelligenz der Geschäftsleute gehabt, die sie als launische Kinder darstellen, die paternalistisch „gemanagt“ werden müssen. … Was das Geschäftsklima steuert, sind die Aussichten auf profitable Investments. Das und nichts anderes – nicht, was der Präsident sagt, nicht, was der Vorstand oder sonst jemand sagt.10

Kristol identifiziert nicht die wirtschaftlichen Kräfte, die unabhängig von Geschichten funktionieren, um wirtschaftliche Krisen zu verursachen. Er weist jedoch auf die Politisierung der Ökonomie hin, indem er argumentiert, dass Wirtschaftswissenschaftler die Intelligenz der Geschäftsleute beleidigen, wenn sie versuchen, suboptimales Geschäftsverhalten zu beschreiben. Viele Ökonomen haben gelernt, dass es sich lohnt, den Geschäftsleuten zu schmeicheln, deren Unterstützung für die Karriere der Wirtschaftswissenschaftler nützlich sein kann. Die Wirtschaft zu beschreiben, als sei sie nur von abstrakten wirtschaftlichen Kräften getrieben, legt nahe, dass die Ökonomie in einem moralischen Vakuum operiert, und dass es keine Kritik an Wirtschaftsführern geben kann.

John Maynard Keynes: Narrativer Ökonom

Ungeachtet Kristols Ablehnung der Meinungsumfragen scheinen einige der berühmtesten ökonomischen Vorhersagen in der Weltgeschichte zu einem beträchtlichen Teil auf Beobachtungen von Narrativen und Sorgen über deren menschliche Konsequenzen zu gründen. In seinem Buch Economic Consequences of the Peace sagte John Maynard Keynes, Wirtschaftswissenschaftler aus Cambridge, 1919 voraus, dass Deutschland durch die harten Reparationszahlungen, die ihm zum Ende des Ersten Weltkriegs durch den Versailler Vertrag aufgebürdet wurden, zutiefst verbittert würde. Keynes war nicht der Einzige, der zum Ende des Kriegs eine solche Vorhersage traf; die Pazifistin Jane Addams führte zum Beispiel eine Kampagne an, die zu mehr Mitgefühl mit den besiegten Deutschen führen sollte.11 Aber Keynes verknüpfte seine Behauptung mit Fakten der ökonomischen Realität. Deutschland war tatsächlich nicht in der Lage, die Reparationen zu bezahlen, und er hatte recht damit, wie gefährlich es war, Deutschland dazu zu zwingen, es zu versuchen. Keynes sagte vorher, wie die Deutschen die Reparationszahlungen vermutlich interpretieren würden und die damit verbundene Klausel im Vertrag, die besagte, dass Deutschland sich Kriegsverbrechen schuldig gemacht habe. Keynes’ Einsichten sind ein Beispiel für narrative Wirtschaft, denn sie konzentrieren sich darauf, wie Menschen die Geschichte des Versailler Vertrags angesichts ihrer ökonomischen Umstände interpretieren würden. Es war auch eine Vorhersage, denn er warnte mitten während des „billigen Melodramas“ der Außenpolitik im Jahr 1919 vor einem neuen Krieg:

Wenn wir absichtlich die Verarmung Mitteleuropas zum Ziel haben, dann wage ich die Vorhersage, dass die Rache auf dem Fuß folgen wird. Nichts kann dann für lange Zeit den finalen Bürgerkrieg zwischen den Kräften der Reaktion und den verzweifelten Konvulsionen der Revolution aufhalten, vor dem die Gräuel des letzten deutschen Krieges zu Nichts verblassen werden und der, egal wer Sieger ist, die Zivilisation und den Fortschritt unserer Generation zerstören wird.12

Keynes hatte recht: Der Zweite Weltkrieg begann inmitten von anhaltender Feindseligkeit 20 Jahre später und kostete 62 Millionen Menschenleben. Seine Warnung war in der Ökonomie begründet und mit einem Verständnis der wirtschaftlichen Verhältnismäßigkeit verknüpft. Aber Keynes redete nicht über eine reine Wirtschaftswissenschaft, wie wir sie heute verstehen. Seine Worte „Rache“ und „verzweifelte Konvulsionen der Revolution“ deuten auf ein Narrativ hin, das mit moralischem Unterbau ausgestattet ist und zur tieferen Bedeutung unserer Handlungen vordringt.

Vom irrationalen Überschwang zur narrativen Wirtschaft

Dieses Buch ist der Schlussstein eines Gedankengangs, den ich einen Großteil meines Lebens lang entwickelt habe. Er basiert auf Arbeit, die ich und meine Kollegen, besonders George Akerlof, über Jahrzehnte geleistet haben13 und die in meiner Präsidentschaftsrede „Narrative Wirtschaft“ vor der American Economic Association 2017 und in meinem Marshall Lectures an der Universität von Cambridge 2018 ihren Höhepunkt fand. Dieses Buch unternimmt den breit angelegten Versuch, die Ideen in all diesen Arbeiten zu kombinieren und sie mit der Epidemiologie zu verbinden (dem Zweig der Wissenschaft, der sich mit der Ausbreitung von Krankheiten befasst) und die Vorstellung zu untermauern, dass Gedankenviren verantwortlich sind für viele der Veränderungen, die wir bei ökonomischen Aktivitäten beobachten. Die „Story“ unserer Zeit und unseres persönlichen Lebens verändert sich ständig und damit auch, wie wir uns verhalten.

Die Einsichten in die narrative Wirtschaft, die in diesem Buch präsentiert werden, verzahnen sich mit jüngsten Fortschritten in der Informationstechnologie und den sozialen Medien, denn das sind die Kanäle, durch die Geschichten um den Globus reisen und in Millisekunden viral gehen und weitreichende Auswirkungen auf das ökonomische Verhalten haben. Jedoch betrachtet dieses Buch auch einen langen Abschnitt der Geschichte, in dem die Kommunikation langsamer war, als Storys per Telefon und Telegraf weitererzählt wurden und durch Zeitungen, die man per Lastwagen oder Zug lieferte.

Dieses Buch ist in vier Teile aufgeteilt. Teil I stellt grundlegende Konzepte vor, die von der Forschung in so unterschiedlichen Feldern wie Medizin und Geschichte profitieren und die zwei Beispiele für Narrative bieten, die viele Leser erkennen werden: 1.) das Bitcoin-Narrativ, dessen epidemische Ausbreitung 2009 begann, und 2.) das Narrativ der Laffer-Kurve, das größtenteils in den 1970er- und 1980er-Jahren viral ging. Teil II bietet eine Liste an Vorschlägen, die unser Nachdenken über ökonomische Narrative in die richtigen Bahnen lenken und Fehler bei solchem Nachdenken verhindern sollen. Zum Beispiel realisieren viele Menschen nicht, dass langjährig kursierende Narrative einen Prozess der Mutation durchlaufen können, der einst einflussreiche Geschichten neu belebt und sie wiedererstarken lässt. Teil III untersucht neun zeitlose Narrative, die ihre Fähigkeit unter Beweis gestellt haben, wichtige ökonomische Entscheidungen zu beeinflussen, so wie Narrative über das Vertrauen anderer in das wirtschaftliche Klima oder über Sparsamkeit oder Jobunsicherheit. Teil IV blickt in die Zukunft und präsentiert einige Überlegungen, wohin uns Narrative an diesem Punkt in der Geschichte führen und welche künftige Forschung unser Verständnis dieser Narrative verbessern könnte. Nach Teil IV gibt es einen Anhang, der die Analyse der Narrative mit der medizinischen Theorie der Epidemie von Krankheiten in Bezug setzt.

Danksagungen

Meine Präsidentenrede 2017 vor der American Economic Association (AEA), „Narrative Wirtschaft“, wurde 2017 in der Aprilausgabe der Zeitschrift der AEA, der American Economic Review, veröffentlicht. Viele Passagen aus der Präsidentenrede haben ihren Weg, oft mit Modifikationen, in dieses Buch gefunden.

Dieses Buch ist stark beeinflusst von zwei Büchern, die ich mit George Akerlof geschrieben habe, Animal Spirits (2009) und Phishing for Phools (2015). Ein weiterer wichtiger Einfluss war das Buch, das George Akerlof mit Rachel Kranton geschrieben hat, Identity Economics (2011). Narrative spielen in all diesen Büchern eine Rolle. Mit George zusammenzuarbeiten hat mein Denken unermesslich weitergebracht.

Die Forschung, die diesem Buch zugrunde liegt, hat über mehrere Jahrzehnte stattgefunden. Ich bedanke mich für die Unterstützung meiner Forschung über die Jahre durch die US National Science Foundation, die Cowles Foundation for Research in Economics an der Universität Yale, die Smith Richardson Foundation, die Whitebox Foundation im Rahmen der Yale School of Management und das James-Tobin-Forschungsstipendium in Yale.

Ich danke den Teilnehmern meiner Seminare, bei denen ich frühere Versionen meiner Rede bei der AEA präsentiert habe, besonders in Form der Marshall Lectures an der Universität Cambridge und als Seminare bei der Bank von England, der Toulouse School of Economics/Toulouse Institute of Advanced Study und der Abteilung für Ökonomie an der Universität Yale. Besonderer Dank geht an Bruce Ackerman, Santosh Anagol, Bob Bettendorf, Bruno Biais, Laurence Black, Jean-François Bonnefon, Michael Bordo, Stanley Cohen, Donald Cox, Robert Dimand, William Goetzmann, Emily Gordon, David Hirshleifer, Farouk Jivraj, Dasol Kim, Rachel Kranton, Arunas Krotkus, Naomi Lamoreaux, Terry Loebs, Ramsay MacMullen, Peter Rousseau, Paul Seabright, John Shiller, Thomas Siefert und Sheridan Titman.

Peter Dougherty, der 2017 als Direktor der Princeton University Press zurücktrat und nun freier Verlagsmitarbeiter ist, hatte 20 Jahre lang einen prägenden Einfluss auf mich. Er hat mich beim Schreiben immer zu einem klaren Kurs angehalten, ein Beitrag, der für mich von unschätzbarem Wert. Er leistet mir nun, nachdem er nicht mehr am Ruder der Princeton University Press steht, immer noch Hilfe beim Lektorat.

Forschungsassistenten waren Logan Bender, Andrew Brod, Laurie Cameron Craighead, Jaeden Graham, Jinshan Han, Lewis Ho, Jakub Madej, Amelie Rueppel, Nicholas Werle, Lihua Xiao und Michael Zanger-Tishler. Ich schulde außerdem weiteren Yale-Studenten Dank, die Kommentare oder Vorschläge abgaben: Brendan Costello, Francesco Filippucci, Kelly Goodman, Patrick Greenfield, Krishna Ramesh, Preeti Srinivasan und Garence Staraci.

Meine unermüdliche Verwaltungsassistentin in Yale, Bonnie Blake, las und lektorierte das Manuskript. Ebenso schulde ich meinem sehr gründlichen und detailverliebten Korrektor, Steven Rigolosi, Wertschätzung und Dank.

Einige der Ideen in diesem Buch entstammen meiner Erfahrung aus dem Verfassen von mehr als 20 Zeitungskolumnen, so viel wie zwei Bücher, wenn man alleine die Worte zählt. Seit 2003 habe ich regelmäßig Kolumnen für das Project Syndicate beigetragen, diese Kolumnen wurden in Zeitungen auf der ganzen Welt veröffentlicht, größtenteils außerhalb der Vereinigten Staaten. Für das Project Syndicate zu schreiben, half mir, eine globale Perspektive zu entwickeln und eine übermäßig auf die USA zentrierte Sicht zu vermeiden. Seit 2007 habe ich auch als Kolumnenschreiber für das Resort Sunday Business der New York Times gearbeitet. Ich danke meinen Herausgebern bei diesen Veröffentlichungen, Andzrej Rapaczynski (Project Syndicate) und Jeff Sommer (New York Times), die mir viel Zeit widmeten.

Schließlich danke ich meiner Frau Virginia Shiller, mit der ich seit 43 Jahren verheiratet bin, für ihre anhaltende Unterstützung und Ermutigung bei meiner Arbeit.

Teil I

Die Ursprünge der narrativen Wirtschaft

Kapitel 1

Die Bitcoin-Narrative

Dieses Buch berichtet über die Anfänge einer neuen Theorie des wirtschaftlichen Wandels, die der üblichen Liste an ökonomischen Faktoren, welche die Wirtschaft antreiben, ein wichtiges neues Element hinzufügen: Ansteckende, allgemein verbreitete Geschichten, die sich durch Mundpropaganda verbreiten, die Nachrichtenmedien, und die sozialen Medien. Die Ansichten der Allgemeinheit steuern oft Entscheidungen, die letztlich wirtschaftliche Auswirkungen haben, wie zum Beispiel, in was man investieren sollte, wie viel man sparen oder ausgeben sollte und ob man auf die Universität geht oder einen bestimmten Job annimmt. Narrative Ökonomie, also die Erforschung der viralen Ausbreitung allgemein bekannter Narrative, die wirtschaftliches Verhalten beeinflussen, kann unsere Fähigkeiten verbessern, ökonomische Ereignisse vorherzuahnen oder sich darauf vorzubereiten. Sie kann uns auch dabei helfen, wirtschaftliche Institutionen und Strategien zu strukturieren.

Um ein Gefühl dafür zu bekommen, wo wir hinsteuern, lassen Sie uns damit beginnen, eines dieser gängigen Narrative näher zu betrachten, das in letzter Zeit einen enormen Auftrieb erlebt hat. Der Bitcoin, die erste von Tausenden privat herausgebrachter Kryptowährungen – unter anderem Litecoin, Ripple, Ethereum und Libra –, hat viel Gerede, Begeisterung und unternehmerische Aktivitäten verursacht. Diese Narrative, die den Bitcoin umgeben – die herausragendste Kryptowährung der Geschichte, wenn man sie an der Begeisterung der Spekulanten und dem Marktpreis misst und weniger am tatsächlichen Gebrauch im Warenverkehr – bieten eine intuitive Basis, um die grundlegende Epidemiologie der narrativen Wirtschaft zu besprechen (wie wir detailliert in Kapitel 3 betrachten werden).

Ein ökonomisches Narrativ ist eine ansteckende Story, die das Potenzial hat, den Prozess wirtschaftlicher Entscheidungen von Menschen zu verändern – wie die Entscheidung, einen weiteren Arbeiter einzustellen oder auf bessere Zeiten zu warten, etwas zu riskieren oder im Geschäft vorsichtig zu sein, ein Unternehmen zu gründen oder in eine hochspekulative Anleihe zu investieren. Die Bitcoin-Story ist ein Beispiel für ein erfolgreiches ökonomisches Narrativ, denn sie war hochansteckend und resultierte in beträchtlichen ökonomischen Veränderungen in vielen Teilen der Welt. Nicht nur hat sie echten unternehmerischen Eifer geweckt; sie hat auch das Geschäftsklima zumindest eine Zeit lang stimuliert.

Von Bitcoin und Blasen

Das Bitcoin-Narrativ beinhaltet Geschichten von jungen, kosmopolitischen Leuten im Kontrast zu uninspirierten Bürokraten; eine Geschichte von Reichtum, Ungleichheit, fortschrittlicher Informationstechnologie und verbunden mit mysteriösem, unverständlichem Fachjargon. Die Bitcoin-Epidemie hat eine Reihe an Überraschungen für die meisten Menschen bereitgehalten. Bitcoin überraschte, als er zum ersten Mal angekündigt wurde und dann überraschte er immer wieder aufs Neue, als das Interesse weltweit explosionsartig anstieg. An einem bestimmten Punkt überstieg der Wert aller Bitcoin 300 Milliarden US-Dollar. Aber der Bitcoin hat keinen Wert, außer die Menschen glauben, dass er Wert besitzt, wie seine Befürworter freimütig zugeben. Wie konnte der Wert des Bitcoin innerhalb weniger Jahre von 0 auf 300 Milliarden US-Dollar steigen?

Die Anfänge des Bitcoin datieren zurück ins Jahr 2008, als ein Aufsatz mit dem Titel „Bitcoin: Ein elektronisches Peer-to-Peer Geldsystem“, unterschrieben mit Satoshi Nakamoto, über eine Mailingliste verteilt wurde. 2009 wurde die erste Kryptowährung ausgegeben, basierend auf den Ideen in diesem Aufsatz. Kryptowährungen sind computergemanagte öffentliche Kassenbucheinträge, die wie Geld funktionieren können, solange Menschen diese Einträge als Geld akzeptieren und sie für Ein- und Verkäufe nutzen. Die mathematische Theorie hinter den Kryptowährungen ist beeindruckend, aber diese Theorie identifiziert nicht die Gründe, wieso Menschen sie für wertvoll halten oder wieso man glauben sollte, dass andere Menschen ebenfalls denken, sie stellten einen Wert dar.

Oft behaupten Kritiker, der Wert des Bitcoin sei nichts weiter als eine Spekulationsblase. Der legendäre Investor Warren Buffett sagte: „Es ist ein Glücksspiel“.14 Kritiker sehen Ähnlichkeiten zum berühmten Tulpenmanie-Narrativ in den 1630er-Jahren in den Niederlanden, als Spekulanten den Preis von Tulpenzwiebeln auf solche Höhen trieben, dass eine Zwiebel ungefähr so viel wert war wie ein Haus. Das heißt, Bitcoin haben aufgrund der öffentlichen Begeisterung einen solchen Wert. Damit der Bitcoin diesen spektakulären Erfolg haben konnte, mussten die Menschen genug Begeisterung für das Bitcoin-Phänomen entwickeln, um die ungewöhnlichen Transaktionen auf sich zu nehmen, die damit verbunden sind, Bitcoin zu kaufen.

Für die Advokaten des Bitcoin ist es die größte Beleidigung, ihn nur als Spekulationsblase zu bezeichnen. Bitcoin-Befürworter weisen oft darauf hin, dass die öffentliche Wertschätzung des Bitcoin sich nicht wesentlich von der Wertschätzung der Öffentlichkeit für viele andere Dinge unterscheidet. Zum Beispiel hat Gold in der öffentlichen Wahrnehmung seit Tausenden von Jahren einen beträchtlichen Wert, aber die Öffentlichkeit hätte ihm genauso gut einen geringen Wert zuschreiben können, wenn die Menschen etwas anderes als Währung benutzt hätten. Menschen wertschätzen Gold vor allem, weil sie sehen, dass andere Menschen Gold wertschätzen. Zusätzlich hat Peter Garber in seinem Buch Famous First Bubbles (2000) darauf hingewiesen, dass Blasen eine lange Zeit anhalten können. Lange nach der Tulpenmanie im 17. Jahrhundert haben seltene und schöne Tulpen immer noch einen hohen Wert, wenn auch nicht mehr so extrem. In gewissem Umfang hält die Tulpenmanie immer noch an, wenn auch abgeschwächt. Dasselbe könnte mit dem Bitcoin passieren.

Nichtsdestotrotz ist der Wert des Bitcoin sehr instabil. Zu einem Zeitpunkt, laut einer Schlagzeile im Wall Street Journal, stieg der Preis des Bitcoin in US-Dollar ohne ersichtliche Ursache in 40 Stunden um 40 Prozent.15 Eine solche Volatilität weist auf die epidemische Qualität ökonomischer Narrative hin, die zu einer sprunghaften Preisänderung führen kann.

Ich werde hier nicht versuchen, die Technologie hinter dem Bitcoin zu erklären, nur darauf hinweisen, dass er das Ergebnis von jahrzehntelanger Forschung ist. Wenige Menschen, die mit Bitcoin handeln, verstehen diese Technologie. Wenn ich auf Bitcoin-Begeisterte treffe, dann bitte ich sie oft, einige der zugrunde liegenden Konzepte und Theorien zu erklären, wie den Hash-Baum oder die Elliptische-Kurven-Kryptografie oder den Bitcoin als ein Gleichgewicht in einem Warteschlangenspiel mit limitiertem Datendurchlauf zu beschreiben.16 Typischerweise ist die Antwort ein ausdrucksloser Blick. Also ist die Theorie zumindest nicht zentral für das Narrativ, abgesehen vom Grundverständnis, dass ein paar sehr schlaue Mathematiker oder Computerwissenschaftler sich die Idee ausgedacht haben.

Narrative Wirtschaft enthüllt oft überraschende Assoziationen. Wenn wir in der Geschichte zurückgehen, dann können wir die Emotionen hinter der Bitcoin-Epidemie bis zu den Anfängen des wachsenden Anarchismus im 19. Jahrhundert zurückverfolgen.

Bitcoin und Anarchismus

Die anarchistische Bewegung, die jede Regierung ablehnt, nahm ihren Anfang 1880 und hatte eine langsame Wachstumskurve, wie die Suche nach Anarchist oder Anarchismus auf Google Ngrams ergibt. Aber der Begriff selbst ist Jahrzehnte älter und geht auf die Arbeit des Philosophen Pierre-Joseph Proudhorn und anderer zurück. Proudhorn beschrieb Anarchismus in den 1840er-Jahren folgendermaßen:

REGIERT zu werden bedeutet, beobachtet zu werden, inspiziert, ausspioniert, gesteuert, von Gesetzen gegängelt, nummeriert, reguliert, eingezogen, indoktriniert. Es werden einem Vorträge gehalten, man wird kontrolliert, überprüft, eingeschätzt, als Wert betrachtet, zensiert und kommandiert von Kreaturen, die weder das Recht noch die Weisheit, noch die Tugend haben, das zu tun.17

Proudhorns Worte fallen bei Menschen auf fruchtbaren Boden, die von Autoritäten frustriert sind oder sie für ihren Mangel an persönlicher Erfüllung verantwortlich machen. Es dauerte etwa 40 Jahre, bis der Anarchismus epidemische Ausmaße annahm, aber er hat enormes Durchhaltevermögen bewiesen, bis zum heutigen Tag. Tatsächlich ist auf der Website Bitcoin.org eine Textpassage des Anarchisten Sterlin Lujan aufgeführt, die aus dem Jahr 2016 stammt:

Der Bitcoin ist der Katalysator für eine friedliche Anarchie und Freiheit. Er wurde als Reaktion auf korrupte Regierungen und Finanzinstitutionen aufgebaut. Er wurde nicht nur kreiert, um die Finanztechnologie zu verbessern. Aber manche Menschen verfälschen diese Wahrheit. Tatsächlich sollte der Bitcoin wie eine monetäre Waffe funktionieren, eine Kryptowährung, die die Obrigkeit untergräbt.18

Die meisten Bitcoin-Fans würden ihren Enthusiasmus nicht in solch extremen Begriffen umschreiben, aber diese Passage scheint ein zentrales Element ihres Narrativs einzufangen. Sowohl Kryptowährungen als auch die Blockchains (die Buchhaltungssysteme hinter den Kryptowährungen, die so ausgelegt sind, dass sie demokratisch und anonym von einer großen Anzahl von Individuen aufrechterhalten werden und angeblich nicht von einer Regierung reguliert werden können) scheinen für manche Leute eine große emotionale Anziehungskraft zu besitzen und wecken starke Gefühle, was ihre Position und Rolle in der Gesellschaft angeht. Die Bitcoin-Story findet besonders viel Widerhall, weil sie ein Gegennarrativ zu den älteren anti-anarchistischen Narrativen bildet, die Anarchisten als bombenwerfende Irre darstellten, deren Vision für die Gesellschaft nur zu Chaos und Gewalt führen kann. Der Bitcoin ist ein ansteckendes Gegennarrativ, denn es steht beispielhaft für die Erfindungen, die eine freie, anarchistische Gesellschaft letztlich entwickeln könnten.

Der Begriff Hacker-Ethik ist eine weitere moderne Verkörperung dieses Anarchismus. 1991 schrieb der Soziologe Andrew Ross, noch vor der breiten Verfügbarkeit des World Wide Web:

Die Hacker-Ethik, die zuerst in den 1950er-Jahren von den berühmten MIT-Studenten formuliert wurde, die Usersysteme für den Vielfachzugriff entwickelten, ist mit ihren Prinzipien des Rechts auf Wissen und ihrer Befürwortung von dezentralisierter Technologie marktliberal und krypto-anarchistisch.19

In seinem 2001 erschienenen Buch Die Hacker-Ethik und der Geist des Informationszeitalters schrieb Pekka Himanen über die Ethik des „leidenschaftlichen Programmierers“.20 Im Internetzeitalter haben die Bereitschaft und Fähigkeit der Menschen, zusammenzuarbeiten – unter neuen Rahmenbedingungen, die nicht auf eine Regierung, auf konventionellen Profit oder auf Anwälte angewiesen sind – viele von uns überrascht. Zum Beispiel ermutigen Wikis, vor allem Wikipedia, die Zusammenarbeit zwischen großen Zahlen anonymer Menschen, um Informationsverzeichnisse zu schaffen. Eine weitere Erfolgsgeschichte ist das Linux-Betriebssystem, das quelloffen und kostenlos ist.

Aber unter den vielen Beispielen viraler ökonomischer Narrative ist der Bitcoin einzigartig. Er ist ein Narrativ, das eine besonders ansteckende Wirkung entfaltet und effektiv den anarchistischen Geist einfängt; und natürlich haben deswegen die meisten von uns schon davon gehört. Es ist zum Teil die Geschichte einer Blase und zum Teil ein Thriller. Laien und normale Menschen können am Narrativ mitwirken und das erlaubt ihnen, sich beteiligt zu fühlen und sogar eine Identität rund um den Bitcoin aufzubauen. Genauso attraktiv ist die Fähigkeit des Narrativs, Geschichten über unerhörte Reichtümer zu produzieren.

Der Bitcoin als ein Narrativ des Menschlich-Allzumenschlichen

Das Bitcoin-Narrativ ist ein motivierendes Narrativ für die Kosmopoliten auf der ganzen Welt, für Menschen, die gerne dieser Klasse angehören würden und für diejenigen, die sich mit fortschrittlicher Technologie identifizieren. Und wie viele ökonomische Narrative hat der Bitcoin seinen Superstar, Satoshi Nakamoto, die zentrale Human-Interest-Story für den Bitcoin. Zusätzlich zur Romantik des Bitcoin-Narrativs wird daraus ein Krimi, denn Satoshi Nakamoto wurde noch nie von jemandem gesehen, der beschwören würde, ihn tatsächlich getroffen zu haben.21 Einer der frühen Bitcoin-Programmierer sagte, dass Satoshi nur per E-Mail kommunizierte und sich die beiden nie tatsächlich getroffen haben. Auf der Website Bitcoin.org steht lediglich: „Satoshi hat das Projekt Ende 2010 verlassen, ohne viel über sich selbst preiszugeben.“

Die Leute mögen einen guten Krimi und lieben es, ein Rätsel zu knacken – so sehr, dass es ein reichhaltiges Genre an Krimiliteratur gibt. Der Bitcoin-Krimi wurde viele Male wiederholt, besonders, wenn unermüdliche Detektive jemanden identifiziert haben, der Nakamoto sein könnte. Die wiederholte öffentliche Aufmerksamkeit für diese spannende Rätselgeschichte hat die Ansteckungsrate des Bitcoin-Narratives noch über das normale Maß hinaus gesteigert.

Der Bitcoin und die Angst vor der Ungleichheit

Die Bitcoin-Story knüpft nicht nur an anarchistische Sentimentalitäten an und bietet das Rätsel des Satoshi Nakamoto, sondern ist auch die Geschichte des Strebens nach wirtschaftlicher Teilhabe. Während des 21. Jahrhunderts hat sich die wirtschaftliche Ungleichheit in den Industrieländern schnell vergrößert und viele Menschen fühlen sich hilflos und streben nach umfassenderer Kontrolle über ihr wirtschaftliches Leben. Die Bitcoin-Preise sind das erste Mal abgehoben, als es 2011 zu den Occupy-Wall-Street/„We are the 99%“-Protesten kam. Adbusters, eine Sozialaktivisten-Organisation, die wollte, dass ihre Botschaft viral geht, startete diese Proteste in den Vereinigten Staaten und die Occupy-Proteste weiteten sich auch auf viele andere Länder aus. Es ist kein Zufall, dass das Bitcoin-Narrativ von der Teilhabe des Einzelnen handelt, denn laut dem Narrativ sind die Coins anonym und können nicht von der Regierung kontrolliert, reguliert und beeinflusst werden.

Ein weiterer Aspekt des zugrunde liegenden Narrativs, das die Ansteckungsrate des Bitcoin und anderer Kryptowährungen befeuert hat, ist die Geschichte der zunehmenden Kontrolle der Computer über das Leben der Menschen. Im 21. Jahrhundert haben die Menschen Zugang zu automatisierten Assistenten – wie Amazons Alexa, Apples Siri und Alibabas Tmall Genie –, die menschliche Sprache verstehen und fundiert und intelligent auf Fragen mit einer simulierten menschlichen Stimme antworten können. Zusätzlich sieht es so aus, als würde es in naher Zukunft fahrerlose Pkws, Lkws, Züge und Schiffe geben, was das Phantom der Massenarbeitslosigkeit unter Lkw-Fahrern und anderen Menschen heraufbeschwört, die ihren Lebensunterhalt mit Fahren oder Navigieren verbringen. Das Narrativ „die Technologie übernimmt unser Leben“ ist die jüngste Inkarnation des Automatisierungs-Narrativs, das den Menschen, seit der Industriellen Revolution Angst macht.

Die wiederkehrende Angst bei diesem Narrativ der Maschinenstürmer (das wir uns in Kapitel 13 noch genauer ansehen werden) ist, dass die Maschinen die Jobs ersetzen werden. Die Angst besteht nicht darin, dass man eines Tages zur Arbeit erscheint und einem gesagt wird, das Unternehmen schaffe einen Computer an, der den eigenen Job übernimmt. Die Veränderungen sind vielmehr gradueller, unausweichlicher und kosmischer. Wahrscheinlich wird man feststellen, während der Computer mehr und mehr Arbeiten übernimmt, dass der Arbeitgeber zunehmend gleichgültig gegenüber der Anwesenheit des Arbeitnehmers ist. Man bekommt keine Gehaltserhöhung mehr und es wird einem nicht nahegelegt, im Unternehmen zu bleiben. Außerdem werden keine Kollegen mit derselben Aufgabe mehr eingestellt und irgendwann erinnert man sich nicht einmal mehr an Sie. Die Angst vor der Zukunft ist mehr die existenzielle Angst, nicht länger gebraucht zu werden.

In einer solchen Umgebung sind Optionen nicht mehr vorhanden. Computern kann man sehr viel schneller beibringen, neue Aufgaben zu übernehmen als Menschen. Die Rufe nach Ausgaben für die Weiterbildung von Menschen, um den Verlust von Arbeitsplätzen durch Computer auszugleichen, scheinen gerechtfertigt, aber man kann sich kaum vorstellen, wie die Menschen auf lange Sicht gewinnen wollen. Millionen von Studenten überall auf der Welt stellen sich die Frage, ob ihre Bildung sie auf einen erfolgreichen Job vorbereitet. Das schürt eine Angst, die indirekt die Ansteckung von technologiegestützten Kryptowährungen wie Bitcoin vermehrt, die, zumindest oberflächlich betrachtet, eine realistische Hoffnung zu bieten scheinen, die Oberhand über die Computer zu behalten.

Der Bitcoin und die Zukunft

Der Algorithmus für digitale Signaturen, der die Grundlage der Bitcoin-Technologie bildet, einen einzelnen Bitcoin-Besitzer identifiziert und es Dieben ungeheuer schwer macht, Bitcoin zu stehlen, hat seit den frühen 1990er-Jahren einige Aufmerksamkeit geweckt, aber die Berichterstattung über diese narrative Epidemie kann nicht mit der Berichterstattung über den Bitcoin selbst mithalten. ProQuest News & Newspapers findet nur einen Artikel mit den Worten Elliptic Curve Digital Signature Algorithm in der gesamten Datenbank. Und es tauchen nur fünf Artikel mit den Worten Digital Signature Algorithm auf. Der RSA-Algorithmus, der ursprüngliche Kryptografie-Algorithmus, der möglicherweise die Bitcoin-Revolution gestartet hat, stammt aus dem Jahr 1977. ProQuest listet 26 Artikel auf, die den RSA-Algorithmus erwähnen. Aber diese Zahl kommt nicht einmal ansatzweise an die über 15.000 Artikel heran, die das Wort Bitcoin enthalten.

Der Unterschied kommt wohl durch die Ansteckung des größeren Bitcoin-Narrativs zustande. Der Begriff Digital Signature Algorithm hört sich an wie etwas, das ein Student sich für ein Examen einprägen muss: technisch, anstrengend, langweilig. Aber die Bitcoin-Story umfasst so viel mehr. Vor allem ist es eine Geschichte darüber, wie die Bitcoin-Investoren reich wurden, einfach, indem sie über die neueste Technologie Bescheid wussten. Beim Bitcoin geht es um die „Zukunft“. Das ist ein Spruch, den man sich leicht merken kann, ein Thema, über das man sich begeistert unterhalten kann, wenn man sich mit anderen trifft. Kurz gesagt, der Bitcoin gibt als Story einiges her.

Menschen kaufen oft Bitcoin, weil sie Teil von etwas Aufregendem und Neuem sein und aus der Erfahrung lernen wollen. Diese Motivation ist besonders stark, aufgrund der zugrunde liegenden Story – dem Narrativ, dass die Computer viele unserer Jobs übernehmen werden. Aber Computer können nicht alle unsere Jobs übernehmen. Irgendjemand muss diese Computer kontrollieren und es gibt heute ein Narrativ, dass die Menschen, die über die neue Technologie bestimmen, zu den Gewinnern gehören. Sehr wenige Menschen sind überzeugt, dass sie bei dieser Entwicklungskurve am Ende auf der Siegerseite stehen. Selbst wenn man einen Abschluss in Computerwissenschaften hat, scheint das heute kein sicherer Pfad mehr zum Erfolg zu sein, denn es kann zu einem eintönigen Job als Programmierer auf der unteren Ebene führen oder auch zu gar keinem Job. Das Bedürfnis, auf der Finanzseite des Tech-Business zu sein, auf der gleichen Seite wie der Bitcoin, ist deswegen so beliebt, weil es so viele Storys gibt, die illustrieren, dass die Finanziers die Zügel in der Hand halten. Bitcoin-Enthusiasten denken vielleicht, mit Bitcoin zu experimentieren, wird sie mit den Leuten in Kontakt bringen, die in der neuen Welt die Gewinner sein werden und wird ihnen Einsichten verschaffen, wie man die Kontrolle behält (oder erlangt). Es ist einfach, die eigene Verbindung zu dieser neuen Realität zu stärken, indem man Bitcoin kauft. Das Beste daran, man muss nicht mal Bitcoin verstehen, um welche zu kaufen. Verkaufsautomaten in Supermärkten verkaufen heute Bitcoin und andere Kryptowährungen. Dieses „Sei ein Teil der Zukunft“-Narrativ, das von regelmäßigen Berichten über die aufregenden Preisschwankungen des Bitcoin befeuert wird, gibt ihnen Wert. Es generiert Fluktuation bei den Bitcoin-Preisen im Verhältnis zu nationalen Währungen und diese Fluktuationen gedeihen aufgrund ansteckender Narrative und bringen selbst welche hervor.

Der Bitcoin als Eintrittskarte in die Weltwirtschaft

Wir leben in einer eigenartigen Übergangsperiode in der Menschheitsgeschichte, in der viele der erfolgreichsten Menschen der Welt sich selbst als Teil einer breiteren kosmopolitischen Kultur sehen. Unsere Nationalstaaten erscheinen für unsere ehrgeizigen Ziele manchmal zunehmend irrelevant. Der Bitcoin hat keine Nationalität, was ihm einen demokratischen und internationalen Anreiz verschafft. Teil seines pan-nationalen Narratives ist die Idee, dass keine Regierung ihn kontrollieren oder stoppen kann. Im Gegensatz dazu suggeriert das altmodische Papiergeld, normalerweise mit Bildern von berühmten Männern versehen, die in der Geschichte des Landes eine Rolle spielten, einen obsoleten Nationalismus, etwas für Verlierer. Papiergeld lässt sich auf gewisse Weise mit kleinen Nationalflaggen vergleichen; es ist ein Symbol der eigenen Nationalität. Eine Bitcoin-Wallet zu haben, macht den Besitzer zu einem Weltbürger und in mancherlei Hinsicht psychologisch unabhängig von traditionellen Bindungen.

Wie sollten wir demnach die Beliebtheit des Bitcoin zusammenfassen? Schließlich und endlich sind Menschen am Bitcoin interessiert, weil so viele andere Menschen daran interessiert sind. Sie sind an neuen Stories über den Bitcoin interessiert, weil sie glauben, dass andere Menschen sich auch dafür interessieren werden.

Der überraschende Erfolg des Bitcoin ist nicht wirklich so überraschend, wenn wir die grundlegenden Prinzipien der Narrative berücksichtigen, die von Intellektuellen entdeckt wurden, die über den menschlichen Geist nachgedacht haben, über Geschichte und über mathematische Feedback-Modelle. Wir werden diese großen Denker und ihre Beiträge im nächsten Kapitel besprechen. Die meisten dieser Denker waren weder als Wirtschaftswissenschaftler ausgebildet, noch haben sie als solche gearbeitet.

Kapitel 2

Auf abenteuerlichen Wegen zum selben Ergebnis

Für mich war das Nachdenken über die narrative Wirtschaft ein Abenteuer, bei dem ich die Einheit des Wissens (engl.: consilience) entdeckte. Das Wort consilience, das von dem Wissenschaftsphilosophen William Whewell 1840 geprägt und vom Biologen E. O. Wilson 1994 populär gemacht wurde, bedeutet die Einheit des Wissens unter verschiedenen akademischen Disziplinen, besonders zwischen Naturwissenschaften und Geisteswissenschaften. All diese verschiedenen Ansätze des Wissens sind relevant, wenn man die realen und menschlichen Phänomene der Wirtschaft und ihre plötzlichen und überraschenden Veränderungen verstehen will. Wenn man darüber nachdenkt, dass die Wirtschaft aus lebendigen Menschen mit Bewusstsein besteht, die ihre Handlungen im Lichte von Geschichten mit damit verbundenen Emotionen und Ideen sehen, dann versteht man, wieso es viele verschiedene Perspektiven braucht. Narrative Ökonomie erfordert daher Konzepte aus den meisten universitären Bereichen.

Leider neigen akademische Disziplinen zum Inselwissen. Ein Forscher kann nicht alles wissen, also gibt es die Neigung, sich zu spezialisieren, die eigene Neugier auf einen Punkt einzuengen, an dem man vernünftigerweise davon ausgehen kann, dass man über alles relevante Wissen zu einem eng definierten Thema verfügt. In gewissem Umfang müssen universitäre Forscher mit dieser Realität leben. Aber der Impuls kann auch zu weit gehen und oft führt er zu Überspezialisierung.

Wenn Ökonomen die wichtigsten ökonomischen Ereignisse in der Geschichte verstehen wollen, dann konzentrieren sie sich selten auf die wichtigen Narrative, die diese Ereignisse begleiteten. Wie Abbildung 2.1. zeigt, hinken die Wirtschaftswissenschaften den meisten anderen Disziplinen hinterher, wenn es darum geht, die Wichtigkeit von Narrativen zu berücksichtigen. Und während alle Disziplinen zunehmend ihre Aufmerksamkeit den Narrativen widmen, hinken Ökonomie und Finanzwissenschaft immer noch hinterher, obwohl es gelegentlich den Ruf nach einem breiten Ansatz bei der empirischen Wirtschaftswissenschaft gibt.22

Abbildung 2.1. Artikel, die das Wort Narrativ enthalten, als Prozentsatz aller Artikel in akademischen Disziplinen. Alle Felder zeigen in den letzten Jahren zunehmendes Interesse an Narrativen, aber Wirtschafts- und Finanzwissenschaft hinken hinterher. Quelle: Berechnungen des Autors mithilfe von Daten von JSTOR.

Die meisten Ökonomen zeigen zudem kein Interesse daran, die enormen Datenbanken an Texten zu verwenden, mit denen sie arbeiten könnten, um Narrative zu studieren. Wenn sie das Wort in veröffentlichten Arbeiten verwenden, dann tun sie das meistens beiläufig und nebenher, um sich auf etwas zu beziehen, das sie als allgemeine Ansicht wahrnehmen, die sie kritisieren wollen. Zusätzlich dokumentieren sie nur selten die Beliebtheit des Narrativs, vermitteln seine beliebten Human-Interest-Storys oder betrachten den Einfluss seiner Beliebtheit auf ökonomisches Verhalten. Und zu guter Letzt erscheint das Wort Narrativ häufig in Wirtschaftsmagazinen, die als unkonventionell oder populärwissenschaftlich gelten. Aber, in dem Umfang, in dem uns eine im Entstehen begriffene Theorie der narrativen Wirtschaft helfen kann, wichtige wirtschaftliche Ereignisse besser vorherzuahnen, können und sollten Ökonomen mehr über Narrative lernen, und sich dabei der Einsichten bedienen, die von Forschern auf den Feldern gemacht wurden, die wir in diesem Kapitel besprechen. Dieses Kapitel ist eine Übung in „Consilience“. Es fasst zusammen, wie Denker in einer Reihe verschiedener Felder Narrative genutzt haben, um das Wissen in ihren eigenen Disziplinen voranzutreiben und auch das anderer Disziplinen, und es erweist sich als Grundlage, auf der Ökonomen aufbauen könnten, wenn sie auf kreativere Weise über Narrative nachdenken wollen.

Epidemiologie und Narrative

Medizinische Universitäten haben seit etwa hundert Jahren mathematische Modelle entwickelt, die als Modelle für die Ausbreitung epidemischer Krankheiten gelten, und dieses Feld fundiert weiterentwickelt. Es quillt über von potenziellen Anwendungen für die Wirtschaftswissenschaft. Die Epidemiologie hat nicht nur ein Modell hervorgebracht, sondern viele verschiedene Modelle, die unter verschiedenen Umständen angewendet werden können und sie ist zentral für dieses Buch, wie wir in den folgenden Kapiteln sehen werden. Für diejenigen, die diese Modelle genauer im Detail betrachten wollen, bietet der Anhang am Ende dieses Buches eine Übersicht der Modelle und ihrer möglichen Anwendungen auf ökonomische Narrative.

Geschichtsschreibung und Narrativ

Historiker haben schon immer Narrative wertgeschätzt. Jedoch vermerkte der Historiker Ramsay MacMullen in Feelings in History: Ancient and Modern (2003), dass ein tiefgehendes Verständnis der Geschichte es erforderlich macht, zu erschließen, was im Geist der Menschen vorging, die Geschichte geschrieben haben – das heißt, welches ihre Narrative waren. Er geht nicht im Wortsinn auf das Konzept der Narrative ein; er hat mir gesagt, dass er ein Wort bevorzugen würde, das bedeutet „ein Stimulus, der eine emotionale Reaktion hervorruft, und es gibt kein solches Wort.“ Wenn wir die Handlungen von Menschen verstehen wollen, so argumentiert er, dann müssen wir die „Begriffe und Bilder, die Leute motivieren“ verstehen. Zum Beispiel kommt er zum Schluss, dass es unmöglich ist, zu verstehen, wieso der Amerikanische Bürgerkrieg ausgefochten wurde, wenn wir uns nicht tiefgehend mit lebhaft ausgeschmückten Geschichten auseinandersetzen, wie die Zeitungsmeldung 1837, die darüber berichtete, dass ein wütender Mob den Zeitungsredakteur E. P. Lovejoy, einen Gegner der Sklaverei, 1837 in Alton, Illinois, erschoss. Diese aufrüttelnde Geschichte hat die Ablehnung der Sklaverei im Norden zu einer fiebrigen Wut gesteigert, die jahrelang anhielt. Die akademische Diskussion über das Ausmaß, in dem der Bürgerkrieg wegen der Sklaverei geführt wurde, kann nicht zu vernünftigen Schlussfolgerungen gelangen, wenn wir nicht die emotionale Kraft der relevanten Narrative berücksichtigen.

Der verstorbene Wirtschaftshistoriker und Nobelpreisträger Douglass North vertritt ebenfalls MacMullens Überzeugung in seinem 2003 erschienenen Buch Understanding the Process of Economic Change und betont die Bedeutung menschlicher Intentionalität – im Grunde in der Form von Narrativen –, bei der Entwicklung ökonomischer Institutionen.

Einsichten aus der Soziologie, Anthropologie, Psychologie, dem Marketing, der Psychoanalyse und der Religionswissenschaft

In den Sozialwissenschaften hat man im letzten halben Jahrhundert ein Aufblühen von Forschungsrichtungen gesehen, die betonen, wie wichtig das Studium populärer Narrative ist. Ein solches Studium führte zu Begriffen wie narrative Psychologie,23 Soziologie des Storytelling,24 narrative Psychoanalyse,25 narrative Ansätze in den Religionswissenschaften,26 narrative Kriminologie,27 Volkskunde28 und Marketing durch Mundpropaganda,29 neben anderen Begriffen. Das übergeordnete Thema ist, dass die meisten Menschen wenig oder nichts zu sagen haben, wenn man sie bittet, ihre Ziele oder ihre Lebensphilosophie zu erklären, aber aufleben, wenn sie die Möglichkeit haben, persönliche Geschichten zu erzählen, die dann ihre Werte offenbaren.30 Zum Beispiel stellen wir fest, wenn wir Gefängnisinsassen interviewen, dass die Interviewten gut darauf ansprechen, wenn man sie bittet, Geschichten über andere Insassen zu erzählen, und diese Geschichten vermitteln im Allgemeinen nicht den Eindruck der Amoralität, sondern einer veränderten Moral.

Ein weiteres Beispiel: Der Anthropologe William M. O’Barr und der Ökonom John M. Conley haben Investmentmanager über ihr Business befragt und dabei festgestellt, dass Angestellte gerne die Geschichte der Gründung ihrer Firma und ihrer Werte erzählen.31 Diese Geschichte enthält über die verschiedenen Firmen hinweg einige gemeinsame Eigenschaften und sie ist ähnlich den Schöpfungsmythen, die, wie Anthropologen festgestellt haben, von primitiven Stämmen über ihren eigenen Ursprung erzählt werden. Die Geschichte konzentriert sich häufig auf einen Mann (selten eine Frau), der eine beträchtliche Voraussicht zeigte oder Mut, den Stamm zu gründen – oder in diesem Fall, die Firma. Das Narrativ neigt dazu, auf diese Gründervater-Geschichte Bezug zu nehmen, wenn es darum geht, die vielen Storys zu rechtfertigen, die über die Firma, so wie sie heute existiert, erzählt werden.

Literaturwissenschaften und Narrativ

Über ökonomische Narrative nachzudenken, führt die Wirtschaftswissenschaftler in eine Ecke ihrer Universität, mit der sie oft nicht vertraut sind: Die Fakultät für Literaturwissenschaften. Einige Literaturtheoretiker, die zum Teil von der Psychoanalyse inspiriert sind, den Archetypen von Carl Jung32 und den Phantasien von Melanie Klein,33 haben festgestellt, dass gewisse grundlegendende Strukturen von Geschichten immer wieder wiederholt werden, auch wenn die Namen und die Umstände sich von Geschichte zu Geschichte ändern. Das legt nahe, dass das menschliche Gehirn über eingebaute Rezeptoren für bestimmte Geschichten verfügt. John G. Cawelti (1976) klassifiziert das, was er „Formelgeschichten“ nennt, mit Namen wie „die Hard-Boiled-Detektivgeschichte“ oder der „Schauerroman“. Vladimir Propp (1984) fand 31 „Funktionen“ die in allen volkstümlichen Geschichten vorhanden waren, mit abstrakten Namen wie „Ignorieren der Warnung“ und „Böswilligkeit und Mangel“. Laut Ronald B. Tobias (1999) gibt es in der gesamten erzählenden Literatur nur 20 Haupthandlungen: „Suche, Abenteuer, Streben, Rettung, Flucht, Rache, das Rätsel, Rivalität, Underdog, Versuchung, Metamorphose, Transformation, Erwachsenwerden, Liebe, verbotene Liebe, Opfer, Entdeckung, kläglicher Exzess, Aufstieg und Abstieg“. Christopher Booker (2004) legt dar, dass es nur sieben Grundhandlungen gibt: „Das Monster besiegen, vom Tellerwäscher zum Millionär, die Suche, Reise und Wiederkehr, Komödie, Tragödie und Wiedergeburt.“

Laut der Literaturtheoretikerin Mary Klages (2006) betrachtet die Literaturtheorie solche Bemühungen, alle Grundstorys aufzulisten, als „übermäßig vereinfachend und entmenschlichend“.34 Auch wenn sie die Listen solcher Grundhandlungen von anderen Gelehrten ablehnt, meint sie: „Strukturalisten glauben, dass der Mechanismus, der Einheiten und Regeln zu bedeutungsvollen Systemen organisiert, aus dem menschlichen Geist selbst stammt.“35 Peter Brooks (1992) sagt, die Erzählforschung sollte sich damit befassen, „wie Narrative auf uns, als Leser, wirken, um Modelle des Verstehens zu schaffen und wieso wir solche formgebende Ordnung brauchen und wollen“.36 Gut strukturierte Narrative, so meint Brooks, „beleben den sinnstiftenden Prozess“ und befriedigen eine „Leidenschaft für Bedeutung“37 und das Studium solcher Narrative führt auf natürliche Weise zur Psychoanalyse.

Der Gelehrte für russische Literatur, Gary Saul Morson, hat neulich mit dem Ökonomen Morton Schapiro zusammen Cents and Sensibility (2017) geschrieben, in dem sie die Behauptung aufstellten, dass eine vermehrte Wertschätzung großer Romane – die uns nahe an die Essenz der menschlichen Erfahrung heranführen – dabei helfen würde, bessere Modelle des wirtschaftlichen Lebens zu schaffen.

Neurowissenschaft, Neurolinguistik und Narrativ

Narrative existieren in Form einer Sequenz von Worten, was die Prinzipien der Linguistik relevant werden lässt. Worte haben zusätzlich zur metaphorischen Verwendung auch einfache, direkte Bedeutungen und Inhalte. Heutige Neurolinguistik untersucht die Hirnstrukturen und -organisation, die Narrative fördert.38

Ansteckende Narrative funktionieren oft als Metaphern. Das heißt, sie implizieren eine Idee, einen Mechanismus oder einen Zweck, der nicht einmal in der Geschichte erwähnt wird und die Geschichte wird im Grunde zu einem Namen dafür. Das menschliche Hirn neigt dazu, sich um Metaphern zu organisieren. Zum Beispiel übernehmen wir freimütig Kriegsmetaphern in unsere Sprache. Wir sagen, ein Argument wurde „abgeschmettert“ oder ist „unhaltbar“. Das menschliche Hirn bemerkt die Verbindung dieser Worte zu Kriegsnarrativen, auch wenn die Verbindung nicht immer bewusst hergestellt wird. Die Verbindungen bereichern die Sprache, indem sie andere Möglichkeiten andeuten. Wenn wir also vom „Crash“ des Aktienmarktes sprechen, dann erinnern sich die meisten von uns an die reichhaltige Geschichte des Crashs des Aktienmarktes im Jahr 1929 und seinen Folgen. Der Linguist George Lakoff und der Philosoph Mark Johnson (2003) haben argumentiert, dass solche Metaphern nicht nur das Schreiben und die Rede farbiger gestalten; sie formen auch unsere Gedanken und beeinflussen unsere Schlussfolgerungen. Der Neurowissenschaftler Oshin Vartanian (2012) merkt an, dass Analogie und Metapher in fMRI-Bildern von menschlichen Gehirnen dieselben Hirnregionen „verlässlich aktivieren“. Das bedeutet, das menschliche Gehirn scheint darauf ausgelegt, auf Geschichten zu reagieren, die zum Denken in Analogien führen.

Die „Einheit des Wissens“ erfordert interdisziplinäre Forschung

Die beeindruckende Bandbreite an Ansätzen, um die Ausbreitung von Narrativen zu verstehen, die ich in diesem Kapitel kurz zusammengefasst habe, bedeutet, dass Zusammenarbeit in der Forschung zwischen Wirtschaftswissenschaftlern und Experten anderer Disziplinen das Versprechen beinhaltet, die Ökonomie zu revolutionieren. Besonders wichtig sind die Ideen und Einsichten der Epidemiologen, deren Modelle erfolgreich die künftige Ausbreitung von epidemischen Krankheiten vorhersagen und erklären, wie man diesen Epidemien entgegenwirken kann. Wie wir im nächsten Kapitel sehen werden, können Ökonomen diese epidemiologischen Modelle übernehmen, um ihre eigenen Modelle und Vorhersagen zu verbessern. Die Vermählung der Wirtschaftswissenschaft mit der Epidemiologie ist unser erstes Beispiel für consilience in diesem Buch.

Kapitel 3

Ansteckung, Konstellationen und Konfluenz

Bevor wir uns genauer ansehen, wie ökonomische Narrative viral gehen, ist es hilfreich, zu betrachten, wie Bakterien und Viren sich durch Ansteckung ausbreiten. Die Wissenschaft der Epidemiologie bietet wertvolle Lektionen und kann uns helfen, zu erklären, wie die Story des Bitcoin (und viele andere ökonomische Narrative) viral gingen.

Lassen Sie uns zuerst einen Blick auf Krankheiten werfen, die von echten Viren ausgelöst werden. Ein Beispiel ist die große Ebola-Epidemie, die zwischen 2013 und 2015 Westafrika heimsuchte – Guinea, Liberia und Sierra Leone. Ebola ist eine Viruserkrankung, für die es weder eine zugelassene Impfung noch eine Behandlung gibt und sie tötet die meisten Menschen, die sich anstecken. Ebola breitet sich von Person zu Person über Körperflüssigkeiten aus. Die Ansteckungsgefahr kann vermindert werden, indem die Menschen ins Krankenhaus gebracht und unter Quarantäne gestellt werden und durch sachgemäßen Umgang und Bestattung der Toten.

In Abbildung 3.1. sehen wir ein typisches Beispiel einer epidemischen Kurve bei Ebola, diese stammt aus Liberia. Bedenken Sie, dass die Anzahl an neu berichteten Ebola-Fällen eine buckelartige Kurve bildet. Die Epidemie steigt erst an, dann sinkt sie wieder. Die ansteigende Periode ist die Zeit, wenn die Ansteckungsrate, die Rate an neu infizierten Personen, die Erholungsrate plus die Todesrate übertrifft. Während dieser ansteigenden Periode übertrifft der Anstieg der Zahl infizierter Personen den Rückgang durch Heilung oder Tod. Der Prozess kehrt sich in der fallenden Periode um. Das heißt, das Sinken der Zahlen der Infizierten durch Heilung oder Tod übersteigt den Anstieg der Zahlen durch Ansteckung und die Anzahl der Infizierten sinkt beständig, was das Ende der Epidemie markiert.

Nachdem die Epidemie begann, sank die Ansteckungsrate mit dem Ebolavirus schließlich aus verschiedenen Gründen, vor allem aufgrund der heroischen Bemühungen von „Ärzte ohne Grenzen“, mehr als hundert Nichtregierungsorganisationen und Einzelpersonen, die ihr Leben riskierten, um die Ansteckung in Afrika zu reduzieren. Gemäß der Weltgesundheitsorganisation haben Angestellte in der Gesundheitsfürsorge ein zwischen 21- bis 32-mal höheres Risiko, die Krankheit zu bekommen, als die Normalbevölkerung vor Ort, und bis 2015 gab es 815 bestätigte und mögliche Fälle von Infektionen unter Angestellten im Gesundheitsbereich. Die meisten dieser Menschen sind gestorben.39

Abbildung 3.1. Beispiel für eine epidemische Kurve, Anzahl an neu gemeldeten Ebola-Fällen in Lofa County, Liberia, nach Woche, 8. Juni – 1. November 2014.

Wir werden viele Beispiele ökonomischer Narrative finden, deren Verbreitung in digitalisierten Datenbanken einem ähnlichen buckelförmigen Verlauf folgt.

Quelle: US Centers for Disease Control and Prevention.

Ansteckung, Erholung und Rückgang

Anstrengungen, die Ansteckungsrate zu senken, indem man den Kontakt mit Kranken vermeidet, sind nicht besonders neu. Die Geschichte der Quarantäne erstreckt sich mindestens bis ins Jahr 1377, als die Stadt Venedig während einer Epidemie eine 30-tägige Isolationsperiode bei Menschen anordnete, die über den Seeweg kamen, und dann eine 40-tägige Isolation für Reisende auf dem Landweg (das Wort Quarantäne hat seine Wurzel im lateinischen Wort für 40). Es gab auch gelegentlich Versuche, als Kriegshandlung Ansteckungen zu erhöhen, so zum Beispiel, indem man 1346 bei der Belagerung von Kaffa Pesttote mit Katapulten in eine befestigte Stadt schoss.40

Ein weiterer Mechanismus für eine Abnahme der Ansteckungsrate ist ein Sinken der Zahl an anfälligen Menschen. Diese Menge verringert sich, weil viele Menschen, die die Krankheit hatten, nun immun (oder tot) sind. Dieser Mechanismus, dargestellt im Anhang (S. 389