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Matthias Brandt

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Beschreibung

Über den Mut, Nein zu sagen Angesichts der neuen Bedrohung der Demokratie durch Rassismus und Fremdenfeindlichkeit erinnert der Schauspieler Matthias Brandt an den Mut der Widerstandskämpfer und -kämpferinnen gegen das NS-Regime, zu denen auch seine Eltern gehörten. Matthias Brandt hielt 2025 eine denkwürdige Rede zur Erinnerung an die Widerstandskämpfer des 20. Juli 1944 in der Gedenkstätte Berlin-Plötzensee – dem Ort, an dem viele der Beteiligten an dem Attentat gegen Adolf Hitler hingerichtet wurden.  Als Sohn des Emigranten und späteren Bundeskanzlers Willy Brandt und seiner Frau Rut nahm Matthias Brandt die Rede zum Anlass, aus heutiger Sicht über den Mut und die Motive der Verschwörer des 20. Juli und vieler anderer Widerstandskämpfer:innen, zu denen auch die eigenen Eltern gehört hatten, nachzudenken und auch sich selbst über notwendige Konsequenzen aus der Geschichte zu befragen.  Den Ausschlag, sich mit diesem, auf seiner Rede basierenden Buch politisch zu äußern, gaben für Matthias Brandt die bedrohliche Wiederkehr des Rechtsextremismus und die Wahlerfolge der AfD.

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Seitenzahl: 98

Veröffentlichungsjahr: 2026

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Matthias Brandt

Nein sagen

Über den 20. Juli 1944, meine Eltern und persönliche Verantwortung heute

Kurzübersicht

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Titelseite

Über Matthias Brandt

Über dieses Buch

Inhaltsverzeichnis

Impressum

Hinweise zur Darstellung dieses E-Books

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Über Matthias Brandt

Matthias Brandt, geboren 1961 in Berlin, ist Theater- und Filmschauspieler, Hörbuchsprecher sowie Autor. Für seine Arbeit ist er vielfach geehrt worden, u.a. mit mehreren Grimme-Preisen, der Carl-Zuckmayer-Medaille und dem Deutschen Sprachpreis (2025).

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Über dieses Buch

Über den Mut, Nein zu sagen

Angesichts der neuen Bedrohung der Demokratie durch Rassismus und Fremdenfeindlichkeit erinnert der Schauspieler Matthias Brandt an den Mut der Widerstandskämpfer und -kämpferinnen gegen das NS-Regime, zu denen auch seine Eltern gehörten.

Matthias Brandt hielt 2025 eine denkwürdige Rede zur Erinnerung an die Widerstandskämpfer des 20. Juli 1944 in der Gedenkstätte Berlin-Plötzensee – dem Ort, an dem viele der Beteiligten an dem Attentat gegen Adolf Hitler hingerichtet wurden.

Als Sohn des Emigranten und späteren Bundeskanzlers Willy Brandt und seiner Frau Rut nahm Matthias Brandt die Rede zum Anlass, aus heutiger Sicht über den Mut und die Motive der Verschwörer des 20. Juli und vieler anderer Widerstandskämpfer:innen, zu denen auch die eigenen Eltern gehört hatten, nachzudenken und auch sich selbst über notwendige Konsequenzen aus der Geschichte zu befragen.

Den Ausschlag, sich mit diesem, auf seiner Rede basierenden Buch politisch zu äußern, gaben für Matthias Brandt die bedrohliche Wiederkehr des Rechtsextremismus und die Wahlerfolge der AfD.

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Impressum

Verlag Kiepenheuer & Witsch GmbH & Co. KGBahnhofsvorplatz 150667 Köln

© 2026, Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln

Alle Rechte vorbehalten

Covergestaltung: Jana Meier-Roberts, München

 

ISBN978-3-462-31463-2

 

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Inhaltsverzeichnis

Davor

20. Juli 2025, Gedenkstätte Berlin-Plötzensee

Danach

Davor

»Du musst das natürlich nicht machen. Aber wir würden es uns wünschen. Könntest du darüber mal nachdenken?«

So oder so ähnlich lautete die Anfrage meiner Nachbarin Elisabeth Ruge Anfang des Jahres 2025. Sie ist die Enkelin eines Mannes aus dem Widerstand gegen den Nationalsozialismus und gehört dem Vorstand der Stiftung 20. Juli 1944 an. Ob ich mir vorstellen könne, in diesem Jahr eine Rede in der Gedenkstätte Plötzensee zu halten, zum Jahrestag des Attentats auf Adolf Hitler. In Erinnerung an jene Menschen, die den Mut hatten, Nein zu sagen, als Nein zu sagen lebensgefährlich war.

Ich war ziemlich überrascht, dachte aber tatsächlich über die Frage nach. Dann legte ich sie innerlich erst mal beiseite. Nicht, weil ich sie nicht ernst genommen hätte, sondern weil ich mir alles andere als sicher war, ob ich der Richtige für eine solche Aufgabe bin. Ich bin Schauspieler, Künstler, und das prägt natürlich meine Art, zu denken und auf die Welt zu schauen. Aus vielerlei Gründen habe ich mich nie als jemand gesehen, der sich zu gesellschaftlichen Themen öffentlich äußert, ich wurde auch nie ernsthaft dazu gedrängt, es zu tun. Ein politisches Bewusstsein hatte ich immer schon, doch wenn ich mich einmal dahingehend äußerte, wurde das meistens in einem Zusammenhang mit meinem Vater gesehen, der ein berühmter Politiker gewesen ist. Für mich gab es diese Verknüpfung nicht, aber ich habe schnell kapiert, was ablief, und mich deswegen rausgehalten.

Ich nahm mir wegen der Rede also ein paar Tage Bedenkzeit, war mir allerdings ziemlich sicher, dass ich danach absagen würde.

Das lag auch an einem anderen Zweifel, der mich schon lange begleitete: Wenn in der Öffentlichkeit bekannte Menschen diese Bekanntheit nutzen, um sich als moralische Instanzen aufzuspielen, ist mir das unangenehm. Diesen Eindruck wollte ich stets vermeiden. Gleichzeitig spürte ich allerdings, dass in diesem Fall eine besondere Situation vorlag, die mit einer gewissen Verantwortung verbunden war. Nämlich der, in einer schwierigen gesellschaftlichen Lage etwas beizutragen und mich nicht herauszuhalten. Diese Einladung abzulehnen, nur weil ich Angst hatte, moralisierend zu wirken, fühlte sich falsch an. Also stand ich vor der Frage: Wie könnte ich über die Menschen des 20. Juli 1944 sprechen, wie könnte ich das Handeln der Widerstandskämpfer würdigen, ohne in die Falle zu tappen, mich dabei selbst zu wichtig zu nehmen? Und könnte ich mein Recht, vielleicht ja sogar die Pflicht, hier öffentlich Stellung zu beziehen, so wahrnehmen, dass ich diesen Menschen halbwegs gerecht würde?

Natürlich war mir schon früh bewusst gewesen – so naiv war ich nicht –, dass ich als Sohn eines bedeutenden Politikers mit diesen Dingen anders umzugehen hatte als jemand ohne einen solchen Hintergrund. An die Anfeindungen, die meine Herkunft mit sich brachte, hatte ich mich schon früh gewöhnt, einigermaßen zumindest. Manche Anhänger meines Vaters schienen überzeugt, ich müsse dort weitermachen, wo er aufgehört hatte. Als käme ich aus einer Dynastie und als ob das deswegen automatisch meine Aufgabe wäre. Ich fand das immer abwegig. Es hatte mit mir nichts zu tun, und ich hatte auch nie so getan, als wäre es anders.

Hinzu kam, dass mir das gar nicht möglich gewesen wäre, denn meine Fähigkeiten und Interessen sind vollkommen anders gelagert als seine, wir unterscheiden uns in vielerlei Hinsicht. Allerdings: Hinter dieser Zuschreibung ist, zumindest bei seinen Verehrern, die mich heute immer noch und immer wieder suchen, eine große Sehnsucht nach meinem Vater und dem, wofür er stand, zu spüren. Sie meinen ja, wenn sie zu mir kommen, ausschließlich ihn und nicht mich. Nur ist er eben nicht mehr erreichbar. Was er den Menschen nicht nur gedanklich, sondern auch emotional zu geben gehabt hatte, wirkt offenkundig nach. Das rührt mich dann doch und stimmt mich milde, selbst wenn es mir eigentlich lästig ist. Was nichts daran ändert, dass ich leider der falsche Adressat bin.

Aus diesen und noch manch anderen Gründen jedenfalls hatte ich mich schon früh dazu entschieden, mich zu politischen Fragen nicht öffentlich zu verbreiten. Es war für mich auch noch nie infrage gekommen, in eine Partei einzutreten. Ich lasse mich nur schwer auf Linie bringen, egal von wem, und meine Befürchtung, womöglich irgendwo ein- und bei der ersten wesentlichen Meinungsverschiedenheit gleich wieder auszutreten und mich damit lächerlich zu machen, war einfach zu groß. Ein Problem war das nicht, die Neigung dazu war bei mir sowieso nicht vorhanden. Und überhaupt habe ich mir über mein Herkommen offenbar weniger Gedanken gemacht als andere und mich stattdessen einfach weiter mit dem beschäftigt, was mich interessierte. Es wird allerdings sehr viel auf einen projiziert, nicht zuletzt von Journalisten.

Mit den Jahren thematisierten dann andere Nachkommen von Politikerinnen und Politikern in den Medien offensiv ihre individuellen Schwierigkeiten mit ihrer Herkunft. Auch das bekam ich zu spüren. Es lag mir fern, deren Bedürfnis, ihre Not zu teilen, zu bewerten. Ich wollte damit nur nicht gleichgesetzt werden, denn in Wirklichkeit gab es kaum Parallelen zwischen ihnen und mir. Die Übertragungen, die all dem zugrunde liegen, haben für mich noch nie eine wichtige Rolle gespielt und interessieren mich jetzt weniger denn je.

Mein Verhältnis zur eigenen Herkunft ist schon lange so: Ich finde, es geht einfach darum, die Welt, aus der man kommt, zu kennen, ohne darin stecken zu bleiben.

Nie hatte ich also den Ehrgeiz gehabt, öffentlich in einem politischen Zusammenhang hervorzutreten und habe diese Rolle immer gerne anderen überlassen – denen, die dafür gewählt sind und die gelernt haben, sich in dieser Sphäre zu bewegen, und die nicht zuletzt dafür auch die Nerven und die Begabung mitbringen. Wenn ich es nun doch täte, müsste ich diesen inneren Widerstand überwinden. Am liebsten hätte ich weiter am Rand gestanden und die Dinge interessiert, aber schweigend beobachtet, wie in all den Jahren zuvor. Aber irgendwie schien mir, als würde die Gegenwart dieses Schweigen nun doch nicht mehr gelten lassen.

Mein Blick auf die Themen, um die es hier gehen sollte, ist kein analytischer, konnte es nicht sein, denn die Werkzeuge der Historiker oder der politischen Zunft stehen mir nicht zur Verfügung. Ich habe nur meinen persönlichen und emotionalen Blick, und der ist alles andere als repräsentativ. Aber vielleicht gerade deswegen doch nicht weniger wichtig, ging es mir durch den Kopf. Denn manchmal braucht es nicht die nüchterne Distanz, sondern Eigenheit, Nähe und Zweifel, das Ringen mit sich selbst, gerade auch um, wie in diesem Fall, besser zu verstehen, was damals in Nazi-Deutschland geschehen war und was das für uns heute bedeutet. Aber für mich war immer klar, dass ich nur für mich sprechen kann, nicht für jemand anderen.

Trotz aller hier angedeuteten Zweifel blieb also von der Bitte, eine Rede zum 20. Juli zu halten, etwas hängen und arbeitete in mir. Eine Art Unruhe. Denn sie traf, dem konnte ich nicht ausweichen, auch einen anderen wichtigen Punkt, der mich seit einiger Zeit stärker beschäftigte als bisher: die Geschichte meiner Eltern, Rut und Willy Brandt. Besonders ihre Jahre im Exil, ihr Widerstand gegen den Nationalsozialismus. Ihre Haltung, aber auch ihre Angreifbarkeit und Verletzbarkeit hierdurch. Die Erinnerungen scheinen, je älter man wird, desto öfter und heftiger aufzulodern, wie ein Feuer bei einem Luftzug.

Natürlich bin ich mit ihrer Geschichte großgeworden. Sie war immer da, schon als Kind, so selbstverständlich wie der Garten meines Elternhauses, durch den ich jeden Nachmittag strich. Ich wusste, was geschehen war, ich wusste, wie sich meine Eltern verhalten hatten und dass dies ihre und dadurch ja auch meine Identität bestimmte. Aber ich hatte es nie zu einem mich bestimmenden Thema gemacht. Es war letztlich ihre Geschichte und nicht meine.

Als mir jetzt die Frage gestellt wurde, ob ich am 20. Juli 2025 in Plötzensee sprechen wolle, änderte sich das in gewisser Weise. Nicht abrupt, aber doch spürbar. Ich merkte, dass ich diese Rede zwar nicht aus einem Impuls der Nachkommenschaft heraus halten könnte, aber ich spürte, dass die Beschäftigung damit vielleicht eine Gelegenheit wäre, meinen Eltern, an die ich in letzter Zeit oft dachte, neu zu begegnen. Und damit auch den Menschen, die damals Widerstand geleistet haben. Und so am Ende vielleicht sogar ein wenig mir selbst. Die Jahre vergehen, und das Bedürfnis, zurückzuschauen und zu fragen, was war, wächst.

Ich sagte also zu.

Es gab aber noch einen weiteren, für mich letztlich wichtigeren Grund, weshalb ich die Rede als eine Möglichkeit verstand, die ich nutzen wollte: Meine Generation hatte das Glück, weitgehend in Frieden aufzuwachsen. Mir hatte das den Luxus verschafft, mich aus der Politik heraushalten zu können. Jetzt ist allerdings Vieles anders. Mein Eindruck ist, es bleibt nur die Wahl, sich entweder zurückzuziehen, in Resignation zu verfallen oder sich mit den eigenen bescheidenen Möglichkeiten dagegenzustellen, dass autoritäre Kräfte das zerstören, was nach Krieg und Naziherrschaft unter Mühen aufgebaut wurde. Sollte man damit scheitern, was gerade keineswegs ausgeschlossen scheint, hat man es jedenfalls versucht.

Seit einigen Jahren haben wir nicht mehr die stabile politische Lage, in der wir uns über Jahrzehnte befunden haben. Grundsätzliche politisch-moralische Werte und Prinzipien, die ich bei allen möglichen Meinungsunterschieden für unabänderlich hielt, scheinen nicht mehr zu gelten. Klar wurde mir das am Abend der Bundestagswahl 2017. Ich erinnere mich genau an die Bilder: der damalige AfD-Vorsitzende Alexander Gauland auf der Bühne, unter dem Gejohle seiner Anhänger, in Tweedsakko und mit Hundekrawatte, scheinbar harmlos, wie der Prototyp des schlecht gelaunten Nachbarn aus einer Hugh-Grant-Komödie, der einem das Leben