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Schritt für Schritt in ein neues Leben Die Schwierigkeiten von Misshandlungsopfern sind nicht gelöst, sobald sie einen Weg aus der Beziehung gefunden haben. Leider ist der Albtraum mit der Trennung nicht zu Ende - sie ist erst der Beginn einer weiteren schwierigen und herausfordernden Reise. "Neu anfangen nach einer Misshandlungsbeziehung" bietet Leserinnen und Lesern sinnvolle Strategien zur Stärkung für den notwendigen Neuanfang. Es vermittelt Einsichten, die Überlebende von emotionalen oder verbalen Misshandlungsbeziehungen und häuslicher Gewalt benötigen, um sich zu heilen, ihr eigenes Leben zu finden und neues Vertrauen zu sich selbst und in ihre Mitmenschen zu entwickeln. Verständlich geschrieben, vermittelt das Buch klare Übungen zur Selbsterkundung auf dem Weg zur Heilung. Aktuelle Kontaktadressen und Informationen über Opferschutzorganisationen runden den Text ab. In der vorliegenden zweiten, überarbeiteten Auflage werden neue wertvolle Einsichten und Strategien dargestellt; die Kapitel wurden aktualisiert und es werden neue Erkenntnisse über die Entstehung und die Auswirkungen einer posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS) bei Überlebenden geliefert.
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Seitenzahl: 382
Veröffentlichungsjahr: 2020
Meg Kennedy Dugan
Roger R. Hock
Neu anfangen
nach einer Misshandlungsbeziehung
Aus dem Englischen von Katharina Schröder und Angelika Pfaller
2., überarbeitete Auflage
Neu anfangen
Meg Kennedy Dugan, Roger R. Hock
Wissenschaftlicher Beirat Programmbereich Psychologie:
Prof. Dr. Guy Bodenmann, Zürich; Prof. Dr. Lutz Jäncke, Zürich; Prof. Dr. Astrid Schütz, Bamberg; Prof. Dr. Markus Wirtz, Freiburg i. Br.;Prof. Dr. Martina Zemp, Wien
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Hogrefe AG
Lektorat Psychologie
Länggass-Strasse 76
3012 Bern
Schweiz
Tel. +41 31 300 45 00
www.hogrefe.ch
Lektorat: Dr. Susanne Lauri
Herstellung: Daniel Berger
Umschlagabbildung: Jim Avignon, Berlin
Umschlaggestaltung: Claude Borer, Riehen
Satz: punktgenau GmbH, Bühl
Format: EPUB
Das vorliegende Buch ist eine Übersetzung aus dem Englischen. Der Originaltitel lautet „It’s My Life Now – Starting Over After an Abusive Relationship“, 3rd edition, von Meg Kennedy Dugan und Roger R. Hock. © 2018 Meg Kennedy Dugan and Roger R. Hock. All Rights Reserved. Authorised translation from the English language edition published by Routledge, a member of the Taylor & Francis Group LLC.
2., überarbeitete Auflage 2020
© 2009 Verlag Hans Huber, Hogrefe AG, Bern
© 2020 Hogrefe Verlag, Bern
(E-Book-ISBN_PDF 978-3-456-96071-5)
(E-Book-ISBN_EPUB 978-3-456-76071-1)
ISBN 978-3-456-86071-8
http://doi.org/10.1024/86071-000
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Danksagung
Einleitung
Teil I Rückblick
1 Waren Sie in einer Misshandlungsbeziehung?
2 Sind Sie jetzt in Sicherheit?
3 Ihr Selbstwert
4 Verdeckter Horror: Sexueller Missbrauch
5 Wie konnten Sie einen Misshandler lieben?
6 Misshandlung von Männern durch Frauen und Misshandlung in homosexuellen und Transgender-Beziehungen
Teil II Jetzt
7 Verlorener Partner, verlorener Traum, verlorenes Leben
8 Wenn Emotionen Sie überwältigen
9 Anzeichen von unerfüllter Heilung
10 Und die Kinder?
11 Die Reaktionen anderer
Teil III Blick voraus
12 Praktische Erwägungen
13 Die Heilung beginnt
14 Wer sind Sie jetzt?
15 Von der Versuchung zurückzugehen
16 Ist Ihr Misshandler noch immer in Ihrem Leben?
17 Neue Liebe
Teil IV Anhang
Beratungsangebote und Kontaktadressen für Opfer häuslicher Gewalt
Die Autoren
Sachwortverzeichnis
Wir möchten Anna Moore unseren aufrichtigen Dank für ihre Unterstützung bei dieser dritten (englischen [Anm. des Verlags]) Auflage von Neu anfangen nach einer Misshandlungsbeziehung aussprechen. Außerdem gehen unsere besten Wünsche an all die mutigen Menschen, denen es gelungen ist, sich aus einer Misshandlungsbeziehung zu befreien, bei der möglicherweise auch Gewalt im Spiel war, und sich ein neues Leben ohne Angst und Schmerz aufzubauen.
Meg Kennedy Dugan möchte auch ihrer Mutter, Helen C. Kennedy, danken, die ihr immer noch eine Quelle der Inspiration und Orientierung ist, denn sie hat ihr Leben der sozialen Gerechtigkeit verschrieben und begegnet allem Leben mit Ehrfurcht. Diese Einstellungen wirken auf alle, die sie kennen. Außerdem möchte Meg Kennedy Dugan sich bei Tina, Tina E. und Sonja bedanken, die in den letzten fünf Jahren ihr Wissen, ihre Leidenschaft und ihre Einblicke in das Denken von Überlebenden häuslicher Gewalt mit ihr geteilt haben. Sie haben das Leben Tausender positiv beeinflusst und tun dies weiterhin, indem sie diesen Menschen zu verstehen geben, dass ihnen Möglichkeiten offenstehen, dass man ihnen glaubt und dass sie Unterstützung erhalten können.
Herzlich willkommen zur Neuauflage von Neu anfangen nach einer Misshandlungsbeziehung.
Dieses Buch hilft seinen Lesern dabei, neues Selbstvertrauen zu gewinnen und dadurch eine weitere Möglichkeit zu gewinnen, um die Nachwirkungen der von ihnen durchlebten Misshandlungserfahrungen hinter sich zu lassen. Darüber hinaus möchte es sicherstellen, dass diese Überlebenden1 sich für ihre eigenen Entscheidungen und die Richtung, die sie in ihrem Leben einschlagen, verantwortlich fühlen. Seit Veröffentlichung der ersten englischsprachigen Auflage im Jahr 20002 dient dieses Buch bis heute als Orientierungshilfe für Menschen, denen es gelungen ist, sich aus einer Misshandlungsbeziehung zu lösen, und bietet ihnen Unterstützung auf dem Weg in ein neues Leben – ein Leben, das frei ist von Misshandlungen, Gewalt und Angst. In dieser dritten (englischen [Anm. des Verlags]) Auflage bieten wir Ihnen weiterhin diese Unterstützung, liefern dabei neue wertvolle Einsichten und Strategien und haben die Kapitel aktualisiert, damit sie die neuesten Ansätze zur Genesung und zum Neuaufbau des Lebens nach dem Missbrauch wiedergeben. Diese Neuauflage enthält auch neue Erkenntnisse über die |10|Entstehung und die Auswirkungen einer posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS) bei Überlebenden.
Für Sie beginnt nun eine aufregende Zeit; wie Sie wissen, ist es aber zugleich auch eine Zeit der Wiederanpassung, in der häufig Gefühle von Unsicherheit, Wut, Verwirrung, Selbstzweifel und Angst vor dem oft unheimlichen Wiedereintritt in eine neue Welt aufkommen. Manchmal sind solche Gefühle gleich nach der Trennung da. Es können aber auch Monate oder Jahre vergehen, bis sie spürbar werden.
In Büchern, Zeitschriftenartikeln und anderen Informationsquellen über häusliche Gewalt steht meist das Leben innerhalb der Misshandlungsbeziehung im Mittelpunkt: Woran können Sie erkennen, dass Sie misshandelt werden? Warum bleiben Sie in der Misshandlungsbeziehung? Weshalb sollten Sie sich aus der Beziehung befreien? Wie schaffen Sie es? Nur selten wird in einschlägigen Ratgebern in angemessenem Maß auf die Phase nach der Trennung eingegangen, die von vielen als äußerst kritisch erlebt wird.
Misshandlungen werden nicht nur von Männern gegenüber Frauen in heterosexuellen Beziehungen verübt. Es gibt leider auch Männer, die von Frauen misshandelt werden, genauso wie Gewalt und Misshandlung auch in homosexuellen Beziehungen vorkommen. Diesem Thema ist in diesem Buch ein eigenes Kapitel gewidmet, Kapitel 6 „Misshandlung von Männern durch Frauen und Misshandlung in homosexuellen und Transgender-Beziehungen“. Misshandlung von Frauen durch Männer ist jedoch die häufigste Form von Gewalt in Partnerschaften. Unser Hauptaugenmerk haben wir in diesem Buch daher auf Frauen als Opfer und Überlebende gerichtet. Das bedeutet aber in keiner Weise, dass wir Misshandlung in anderen Beziehungsformen für weniger schwerwiegend halten. Ganz gleich um welche Art von Partnerschaft es geht – jeder, der unter Misshandlungen oder häuslicher Gewalt leiden musste, wird die Informationen in diesem Buch relevant und hilfreich finden.
Menschen, die in ihrem Leben nie mit Misshandlung oder Beziehungsgewalt in Berührung gekommen sind, gehen meist davon aus, dass jegliche Probleme von Misshandelten verschwunden sind, sobald sie endlich einen Ausweg aus der Misshandlungsbeziehung gefunden haben: Alles ist dann wieder gut, sie sind in Sicherheit und werden sich schnell erholen. Betroffene stellen allerdings bald fest, dass die Tren|11|nung von ihrem Peiniger allein noch nicht das Ende ihrer Qualen bedeutet. Sie ist erst der Beginn einer schwierigen und dennoch erfüllenden und bereichernden Reise, an deren Ziel Heilung und Zufriedenheit stehen. Dieses Buch soll Ihnen dabei als Wegweiser dienen.
Die einzelnen Teile des Buches entsprechen drei zeitlichen Phasen, die im seelischen Heilungsprozess von Misshandelten eine Rolle spielen: Teil I „Rückblick“ (Kapitel 1 bis 6), Teil II „Jetzt“ (Kapitel 7 bis 11) und Teil III „Blick voraus“ (Kapitel 12 bis 17).
Während Sie nun an Ihre ungesunde Beziehung zurückdenken, besteht der erste Schritt auf dem Weg zur Heilung darin, dass Sie sich selbst gegenüber eingestehen, tatsächlich eine Misshandlungsbeziehung durchgemacht zu haben. Vielleicht haben Sie keinen Zweifel, dass Ihr Ex-Partner Sie misshandelt oder Ihnen Gewalt angetan hat. Dennoch mögen Sie zögern, Ihre Beziehung als Misshandlungsbeziehung zu bezeichnen. Jetzt wo Sie ihn verlassen haben, werden Sie das Gefühl nicht los, dass die Dinge, die Sie erlebt haben, erheblich schlimmer waren als einfache Beziehungsprobleme. Kapitel 1 „Waren Sie in einer Misshandlungsbeziehung?“ verschafft Ihnen einen Überblick über Merkmale und Verhaltensweisen, die für Misshandlungsbeziehungen typisch sind. Es wird Ihnen helfen, sich über das Wesen Ihrer zurückliegenden Beziehung klar zu werden und sich vorwärtszubewegen.
Der nächste Schritt besteht darin, dass Sie sich in Sicherheit bringen. Wer Gewalterfahrungen in seiner Beziehung gemacht hat, weiß, dass Misshandler auch und gerade nach Vollziehung der Trennung besonders gefährlich werden können. Kapitel 2 „Sind Sie jetzt in Sicherheit?“ zeigt Wege auf, wie Sie sich möglichst gut schützen können. Dieser Aspekt ist für Ihre emotionale Gesundung von großer Bedeutung.
Der Verlust des Selbstwertgefühls gehört zu den ersten und meistverbreiteten Folgen von Missbrauch. Um die vollständige Kontrolle über das Leben einer anderen Person gewinnen zu können, geht es zu einem ganz wesentlichen Teil darum, dafür zu sorgen, dass diese Person sich schwach und wertlos fühlt. Kapitel 3 „Ihr Selbstwert“ bietet Übungen zur Selbsteinschätzung, die Überlebenden dabei helfen, ihren (Selbst-)Wert zu erkennen und ihre Selbstachtung zurückzugewinnen.
In Kapitel 4 „Verdeckter Horror: Sexueller Missbrauch“ wird das verhängnisvolle Thema sexueller Gewalt in Partnerschaften angesprochen. |12|Die Erfahrung, in einer engen Beziehung sexuell missbraucht worden zu sein, erschwert die Heilung zusätzlich. Viele Überlebende von Misshandlungsbeziehungen erkennen nicht oder gestehen sich nicht ein, dass sie von ihren Partnern sexuell missbraucht worden sind. Vergewaltigung und andere Formen sexuellen Missbrauchs sind emotional verheerende Erfahrungen. Falls das, was man Ihnen angetan hat, auch sexuelle Gewalt einschließt, empfinden Sie daher vielleicht noch zusätzliche Qualen und Schmerzen. Mit einiger zusätzlicher Anstrengung können Sie aber auch darüber hinwegkommen.
Um Ihre momentanen Herausforderungen geht es ab Kapitel 5 „Wie konnten Sie einen Misshandler lieben?“, in dem ein verwirrendes und oft schmerzhaftes Hindernis auf Ihrem Weg zur Heilung diskutiert wird: weiterhin bestehende Gefühle der Liebe für Ihren Ex-Partner. Wie kann das sein? Er ist gewalttätig! Er hat Sie misshandelt! Sollte diese Einsicht nicht jede Spur der Liebe und Zuneigung, die Sie einmal für ihn empfanden, für immer auslöschen? Nun sind menschliche Emotionen aber nicht immer geordnet und logisch. Tatsächlich kommt es häufig vor, dass Überlebende von Misshandlungsbeziehungen ihren früheren Partner noch immer lieben, nachdem sie ihn verlassen haben. Haben Sie aber erst einmal verstanden, weshalb diese Gefühle aufkommen und welche Bedeutung sie haben, werden Sie sich fähig fühlen, sie endlich hinter sich zu lassen.
Misshandlung und Gewalt können in jeder Art von intimer Beziehung vorkommen. Das Kapitel 6 „Misshandlung von Männern durch Frauen und Misshandlung in homosexuellen und Transgender-Beziehungen“ richtet sich an diejenigen von Ihnen, auf die die „traditionelle“ Rollenverteilung mit einer Frau als Opfer und einem Mann als Täter nicht zutrifft. Das gilt für Männer, die von Frauen misshandelt wurden, aber auch für Gewalterfahrene in gleichgeschlechtlichen Beziehungen. Sie müssen – anders als bei Beziehungen mit klassischer Rollenverteilung – oft sehr spezielle und häufig auch schwierigere Hürden überwinden, um aus der Misshandlungsbeziehung auszubrechen, sich vor Ihrem Peiniger in Sicherheit zu bringen, sich zu erholen und ein neues Leben aufzubauen.
Möglicherweise empfinden Sie seit der Trennung eine tiefe Trauer oder haben das Gefühl, etwas Bedeutendes verloren zu haben. Solche |13|Gefühle gehören dazu, wenn eine enge Beziehung zu Ende geht; selbst dann, wenn die Bindung schmerzhaft und zerstörerisch war. Beziehungen sind kompliziert, und in gewisser Weise sind gewalttätige Beziehungen noch schwieriger zu verstehen als gesunde. Kapitel 7 „Verlorener Partner, verlorener Traum, verlorenes Leben“ richtet den Blick darauf, wie Verlustgefühle nach dem Ende einer Misshandlungsbeziehung paradoxerweise oft genauso belastend sind wie der empfundene Verlust nach dem Zusammenbruch einer intakten Beziehung.
Inzwischen sind Sie vor Ihrem Partner vergleichsweise sicher. Nun werden in Ihnen Gefühle aufkommen, für die kein Raum vorhanden war, als Sie all Ihre Kraft zum Überleben brauchten. Nachdem Misshandlungsopfer ihren Partner verlassen haben, verspüren sehr viele eine starke Wut, fühlen sich sehr niedergeschlagen oder haben Schuldgefühle. Auch diese Empfindungen können sehr belastend sein, und mit ihnen umzugehen, ist häufig viel schwieriger, als man dachte. Dennoch sind sie ein normaler Bestandteil solch schmerzhafter Veränderungen. Daran können Sie erkennen, dass Sie Gefühle wieder zulassen. Kapitel 8 „Wenn Emotionen Sie überwältigen“ unterstützt Sie dabei, besser mit Emotionen umzugehen, von denen Sie sich übermannt fühlen, und hilft Ihnen, Gefühle wieder zuzulassen, die Ihnen abhandengekommen waren. Wenn Sie wieder über ein gesundes Gefühlsleben verfügen, haben Sie einen entscheidenden Meilenstein in Ihrem Heilungsprozess erreicht.
Wie weit ist Ihre Heilung jetzt fortgeschritten? Was deutet alles darauf hin, dass Sie noch weiter an sich arbeiten müssen? Das Kapitel 9 „Anzeichen von unerfüllter Heilung“ wird Ihnen helfen, innezuhalten und sich genau zu beobachten: Ihre Gefühle und Ihr Verhalten sind nämlich wie Wegweiser auf Ihrem Pfad zur Heilung. Wie fühlen Sie sich gerade? Wie steht es um Ihre sozialen Beziehungen? Wie funktionieren Sie von Tag zu Tag und von Stunde zu Stunde? Welche Aktivitäten bereiten Ihnen Freude? Indem Sie Ihre Gedanken und Ihr Verhalten aufmerksam betrachten, können Sie sich vergewissern, dass Sie auf dem Weg der Heilung sind.
Einige Misshandlungsopfer müssen sich während ihres eigenen Heilungsprozesses noch um weitere Menschen kümmern. In Kapitel 10 „Und die Kinder?“ geht es um Kinder, die in Ihre Misshandlungsbeziehung verwickelt waren. Höchstwahrscheinlich wurden auch sie zum Opfer der Misshandlungen: entweder direkt, indem sie ebenfalls von Ihrem |14|Partner misshandelt wurden, oder indirekt, weil sie die schlimmen Ereignisse mit ansehen mussten, die sich bei Ihnen zu Hause abspielten. Jetzt brauchen sie Ihre Unterstützung und Schutz vor Ihrem gewalttätigen Ex-Partner. Sie müssen ihnen dabei helfen, mit ihren Erlebnissen fertigzuwerden. Für Sie selbst kann es sehr schwierig und aufreibend sein, sehen zu müssen, was die Misshandlungserfahrungen mit dem Leben Ihrer Kinder angerichtet haben.
Wenn man einen Partner verlässt, von dem man misshandelt wurde, braucht man dringend Unterstützung von anderen und hofft, diese von der Familie, Freunden oder Kollegen zu bekommen. Leider wird man häufig enttäuscht. Der Gedanke an Gewalt in der Partnerschaft bereitet vielen Menschen so großes Unbehagen, dass sie sich von Ihnen und dem Thema abwenden. Andere wiederum können sich einfach nicht vorstellen, was Sie durchgemacht haben, oder beschuldigen Sie sogar dafür. Für Ihre Heilung wird es wichtig sein, dass Sie sich entscheiden, wen Sie an Ihrem neuen Leben teilhaben lassen möchten. Außerdem müssen Sie lernen, damit fertigzuwerden, dass Außenstehende sich von Ihnen zurückziehen, Sie enttäuschen oder nicht in der Lage sind, Ihnen die Unterstützung zu geben, auf die Sie gezählt hatten. In Kapitel 11 „Die Reaktionen anderer“ geht es um den schwierigen Prozess, in dem Sie damit umzugehen lernen, wie andere auf Ihre Situation reagieren.
Ihr wichtigstes Anliegen besteht zwar im Moment darin, Ihre seelischen Verletzungen zu heilen. Dennoch stehen Sie jetzt, wo Sie allmählich einer besseren Zukunft entgegensehen, wahrscheinlich auch vor einer Menge ganz praktischer Probleme, die ebenso dringend nach einer Lösung verlangen. Die Trennung vom Partner ist häufig mit schwierigen rechtlichen und finanziellen Herausforderungen verbunden. Dazu gehören zum Beispiel die Scheidung, Eigentums- und Unterhaltsfragen oder die Tilgung von Krediten. Wenn Kinder da sind, muss das Sorge- und Umgangsrecht geklärt werden. In Kapitel 12 „Praktische Erwägungen“ werden die wichtigsten praktischen Schwierigkeiten diskutiert, vor denen Sie gerade stehen. Es enthält auch Hinweise, wie Sie die nötige professionelle Unterstützung finden. Denn je effektiver Sie diese Dinge regeln, desto weniger stehen sie Ihrer seelischen Heilung im Weg.
Was können Sie nun konkret tun, um Ihre Heilung voranzutreiben? Nach der Loslösung aus einer gewalttätigen Beziehung verspüren viele |15|Misshandlungsopfer starke Wut, bekommen Depressionen oder haben große Angst. Kapitel 13 „Die Heilung beginnt“ beschäftigt sich mit diesen typischen zermürbenden Emotionen. Es ist wichtig, dass Sie diese Gefühle erkennen, ihre Auswirkungen auf Ihr gegenwärtiges Leben einschätzen und angemessene Maßnahmen ergreifen, um ihnen zu begegnen. Vielleicht werden Sie feststellen, dass Sie mit diesen heftigen Gefühlen ganz gut allein zurechtkommen. Aber bei vielen Überlebenden kommt die Heilung ins Stocken, wenn solche Emotionen über sie hereinbrechen. In diesem Fall kann professionelle Hilfe durch einen geschulten Berater oder Therapeuten Ihnen helfen weiterzukommen.
Eine der schlimmsten Auswirkungen von häuslicher Gewalt ist der Verlust an Selbstachtung. Viele Misshandlungsopfer sind davon überzeugt, dass sie die Liebe und den Respekt anderer nicht verdienen. Um ein gesundes Selbstwertgefühl zurückzugewinnen, müssen Sie sich zuerst klarmachen, wer Sie im Augenblick sind und wer Sie werden wollen. Kapitel 14 „Wer sind Sie jetzt?“ wird Sie dabei unterstützen zu erkunden, wie Sie sich selbst wahrnehmen und welche Gefühle Sie zu sich haben. Während Sie wieder zu einem positiven Selbstbild finden, werden Sie spüren, dass Ihnen in einer Beziehung sehr viel mehr zusteht: Sie verdienen sehr wohl, von einem Partner liebenswürdig behandelt und geachtet zu werden. Dabei geht es nicht darum, einem Leben aus dem Märchen nachzujagen. Es geht darum, sich klarzumachen, was Sie von einer Partnerschaft erwarten sollten – und natürlich dafür zu sorgen, dass Sie das, was Ihnen zusteht, auch bekommen!
Zu den Dingen, die manche Überlebende nach dem Ende der Misshandlungsbeziehung besonders stark verwirren, gehört die Versuchung, zum Misshandler zurückzukehren. Ihr Ex-Partner will Sie zurückerobern und erzählt Ihnen vermutlich genau die „richtigen Dinge“: dass er sich verändern werde, dass es ihm so leidtue, dass es nie wieder vorkommen werde. Manchmal hört sich das alles äußerst überzeugend an! Vielleicht sind Sie sogar schon einmal nach einer Trennung zu ihm zurückgekehrt und haben dann leider noch einmal erleben müssen, wie sich die Situation nach und nach wieder zuspitzte und die Gewalt und die Misshandlungen von vorne begannen. Freunde und Verwandte reagieren fassungslos, besorgt und ungläubig, wenn sie erfahren, dass Sie darüber nachdenken, Ihrem Ex-Partner noch eine Chance zu geben. Kapitel 15|16|„Von der Versuchung zurückzugehen“ zeigt Gründe dafür auf, weshalb es Sie von Zeit zu Zeit zu Ihrem Peiniger zurückzieht. Außerdem wird in Erinnerung gerufen, aus welchen Gründen Sie ihn verlassen haben. Um wieder die Kontrolle über das eigene Leben zurückgewinnen zu können, ist es unheimlich wichtig, dass Sie bei der Frage, ob Sie zu Ihrem Partner zurückgehen, die richtige Entscheidung treffen.
Nach dem Ende einer Misshandlungsbeziehung ist es besonders schwierig und unangenehm, wenn Sie Ihren Ex-Partner aus bestimmten Gründen nicht vollkommen aus Ihrem Leben verbannen können. Wenn Sie gemeinsame Kinder haben, stehen Sie möglicherweise noch in persönlichem Kontakt oder Sie erfahren durch die Kinder indirekt voneinander. Leben Sie in derselben Nachbarschaft, ist es nicht unwahrscheinlich, dass Sie einander hin und wieder dort begegnen. Kapitel 16 „Ist Ihr Misshandler noch immer in Ihrem Leben?“ wird Ihnen helfen, sich auf Begegnungen mit Ihrem früheren Partner vorzubereiten, und zeigt Ihnen, wie Sie trotz der Kontakte in Sicherheit bleiben und sich vor weiteren Qualen und Misshandlungen schützen können.
Werden Sie jemals wieder lieben können? Die Antwort lautet: „Ja!“ Trotzdem haben Überlebende einer Misshandlungsbeziehung meistens große Angst, dass sich ihre schrecklichen Erfahrungen in einer neuen Beziehung wiederholen werden. Sich von den Misshandlungen vollständig zu erholen und das eigene Leben wieder in der Hand zu haben, bedeutet auch, dass Sie rechtzeitig erkennen und verhindern können, dass eine neue Beziehung schädlich für Sie wird. Wie Betroffene von häuslicher Gewalt wieder zur Liebe finden, ist das Thema von Kapitel 17 „Neue Liebe“.
Sie sind nicht allein. Es gibt viele andere, die eine Misshandlungsbeziehung überlebt und sich erfolgreich ein neues Leben aufgebaut haben. Da häusliche Gewalt und Misshandlungen in der Partnerschaft leider keineswegs selten sind, gibt es viele Informationsquellen und Einrichtungen, die Ihnen in der Zeit nach Ihrer Trennung helfen können. Der Anhang „Beratungsangebote und Kontaktadressen“ am Ende dieses Buches bietet eine Übersicht über nützliche Internetadressen und Telefonnummern, die für Sie hilfreich sind, falls Sie Unterstützung suchen.
Der Gedanke an Ihr neues Leben erscheint Ihnen im Moment vielleicht beängstigend, verwirrend und überwältigend. Doch Sie sind ver|17|mutlich schon viel weiter, als Sie denken. Es ist für Sie wirklich möglich, an sich zu glauben, eine gesunde, enge Beziehung zu führen und glücklich zu sein. Auch wenn Ihnen der Weg bis dahin noch lang und Ihr Ziel noch nicht in Reichweite scheint – nur Mut! Es ist näher, als Sie glauben.
Vorsicht: Es kann passieren, dass Sie in der Zeit, in der Sie dieses Buch lesen, das Gefühl haben, stärker unter den Folgen der zurückliegenden Misshandlungen zu leiden als vorher. Außerdem können neue Symptome erscheinen, die Sie quälen. Dies bedeutet meistens, dass Ihre Heilung Fortschritte macht. Wenn Sie allerdings beim Lesen der Kapitel und bei der Bearbeitung der Selbsterkundungsübungen immer wütender, ängstlicher oder niedergeschlagener werden oder wenn Sie daran zweifeln, dass Sie Ihre Emotionen unter Kontrolle halten können, sollten Sie in Erwägung ziehen, professionelle Hilfe aufzusuchen, damit Sie so gut wie möglich von diesem Buch profitieren können und nicht auf der Stelle treten.
Bedenken Sie beim Lesen auch, dass manche Themen in diesem Buch für einige von Ihnen schwieriger sind als für andere. Durch die zurückliegenden Erfahrungen haben viele Misshandlungsopfer Schwierigkeiten, eigene oder fremde Emotionen und Handlungen angemessen einzuschätzen. Viele benötigen länger, um Informationen zu verarbeiten; bei manchen ist das Gedächtnis vorübergehend beeinträchtigt. Und manchmal fällt es ihnen schwer zu beurteilen, ob andere wütend, traurig oder auf andere Weise verstimmt sind. Einige Überlebende fühlen sich auch eine Zeit lang wie betäubt, als seien sie von ihren eigenen Gefühlen getrennt.
Falls solche Erfahrungen Sie davon abhalten, an Ihrer Heilung zu arbeiten, möchten Sie sich vielleicht die Zeit nehmen, erst einmal gegen Ihre innere Unruhe vorzugehen, bevor Sie Ihre Reise mithilfe dieses Buches beginnen. Es gibt einige einfache Techniken, die Ihnen dabei helfen können. Dazu gehören ein strukturierter und routinierter Tagesablauf, Entspannungs- und Atemtechniken, Spaziergänge und andere Formen leichter körperlicher Betätigung. Außerdem ist es förderlich, wenn Sie sich bemühen, in Ihrem Alltag einen Gang zurückzuschalten. Eine Technik, die vielen Menschen hilft, wenn ihr Leben oder ihre Gefühle sie zu überwältigen drohen, ist die progressive Muskelentspannung (PME).
Die progressive Muskelentspannung ist ein bewährtes Verfahren, um körperliche Anspannung und Stress abzubauen. Ziel ist es, durch die bewusste An- und Entspannung verschiedener Muskelgruppen einen Zu|18|stand tiefer Entspannung des ganzen Körpers zu erreichen. Besonders gut bewährt hat sich das Verfahren gegen die körperlichen Auswirkungen von Stress und bei Einschlafschwierigkeiten. Die Übungen funktionieren am besten, wenn Sie die Anweisungen hören können, während Sie sich entspannen. Vielleicht können Sie daher jemanden bitten, Ihnen die Anweisungen vorzulesen, oder Sie nehmen sie vorher auf (oder Sie nutzen die Vorlesefunktion, wenn Sie dieses Buch auf einem E-Book-Reader lesen).
Setzen Sie sich auf einen bequemen Stuhl oder legen Sie sich auf den Boden oder ein Bett. Beginnen Sie die Entspannungsübung, indem Sie die Muskeln in Ihrem rechten Fuß anspannen und die Spannung halten, bis Sie langsam bis fünf gezählt haben. Dann lassen Sie die Spannung wieder los. Zählen Sie wieder bis fünf und entspannen Sie dieselben Muskeln dabei vollkommen. Als Nächstes spannen Sie die Muskeln im rechten Knöchel an, zählen bis fünf, dann entspannen Sie sie und zählen dabei wieder bis fünf. Dann spannen und entspannen Sie im Wechsel auf dieselbe Weise die Muskeln in Ihrer rechten Wade. Wenn Sie alle Muskeln in Ihrem rechten Bein im Wechsel erst ge- und dann entspannt haben, gehen Sie weiter zum linken Fuß, dann zum linken Bein. Setzen Sie die Übung langsam mit allen Muskelgruppen Ihres Körpers fort, indem Sie immer zuerst anspannen und dann wieder loslassen, bis Sie von den Zehen bis zur Kopfhaut alle Muskelgruppen entspannt haben. Die untenstehende Liste bietet Ihnen eine Orientierung für die Reihenfolge, in der Sie sich den einzelnen Muskelgruppen zuwenden.
Beziehen Sie immer alle aufgelisteten Körperregionen in die Übung ein, wenn Sie PME anwenden. Denken Sie daran, immer langsam bis fünf zu zählen, wenn Sie die Muskeln anspannen oder die Spannung lösen.
rechter Fuß
rechter Knöchel
rechte Wade
rechter Oberschenkel
linker Fuß
linker Knöchel
linke Wade
|19|linker Oberschenkel
Gesäß
Rücken
Bauch
Brust
rechte Hand
rechtes Handgelenk
rechter Unterarm
rechter Oberarm
linke Hand
linkes Handgelenk
linker Unterarm
linker Oberarm
Schultern
Nacken
Gesicht
Unterkiefer
Zunge
Stirn
Kopfhaut
Lassen Sie keine Muskelgruppe aus. Nehmen Sie sich für jede Muskelgruppe genügend Zeit und spannen Sie immer nur eine auf einmal an, spannen Sie niemals das ganze Bein oder den ganzen Arm an, um schneller fertigzuwerden. Spannen und entspannen Sie stattdessen beispielsweise zuerst Ihre Hand, dann Ihr Handgelenk, dann Ihren Unterarm und dann Ihren Oberarm.
Probieren Sie diese Technik für einige Wochen aus. Wie bei allen Entspannungstechniken ist es ganz normal, wenn es eine Weile dauert, bis Sie gelernt haben, sich vollkommen zu entspannen. Wenn Ihnen während der Entspannungsübung unerwünschte Gedanken in den Sinn kommen, dann schieben Sie diese sanft beiseite und konzentrieren Sie sich auf Ihren Körper. Seien Sie nicht verärgert oder beunruhigt, wenn Ihre Aufmerksamkeit hin und wieder abschweift. Es dauert einige Zeit, aber wenn Sie PME erst einmal beherrschen, sind Sie sehr viel besser gegen Stress gewappnet.
|20|Wir hoffen, dass diese neue Auflage von Neu anfangen nach einer Misshandlungsbeziehung Überlebenden helfen wird zu verstehen, dass sie keine Schuld an ihren Misshandlungen trifft. Ebenso hoffen wir, dass Ihnen dieses Buch helfen wird, ein neues Leben ohne Misshandlungen zu beginnen, ein Leben, in dem Sie an sich und all Ihre wundervollen Eigenschaften und Charakterzüge glauben.
Meg Kennedy Dugan
Roger R. Hock
Die Heilung ist im Gang
Wo stehen Sie in fünf Jahren?
Um herauszufinden, wie Sie Ihre Zukunft sehen, ist es hilfreich, sich möglichst ausführlich vorzustellen, wie Ihr Leben in fünf Jahren wohl aussehen wird. Die folgende Übung wird Ihnen dabei helfen, sich über Ihre Ziele klar zu werden und über Ihren Glauben daran, sie erreichen zu können. Beschreiben Sie so genau wie möglich, wie Sie sich Ihr Leben in fünf Jahren in den unten genannten Lebensbereichen vorstellen.
Anmerkung: Jeder Mensch braucht unterschiedlich viel Zeit, um zu heilen. Wir schlagen bei vielen Übungen in diesem Buch vor, sie nach etwa einem Monat zu wiederholen. Zögern Sie aber nicht, den Wiederholungszeitpunkt zu verschieben, wenn das besser mit dem Fortschritt Ihrer Heilung übereinstimmt. Sie können die Aufgaben auch nach sechs Wochen, nach zwei Monaten oder auch erst nach sechs Monaten wiederholen. Natürlich können Sie die Übungen auch häufiger als einmal monatlich wiederholen, wenn Sie möchten.
Berufliche Situation:
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Intimbeziehung:
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|22|Familienleben:
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Freundschaften:
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Äußeres Erscheinungsbild:
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Andere Dinge, die auf Sie persönlich zutreffen:
1.
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2.
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3.
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|23|Nachdem Sie nun Ihre Vorstellungen von Ihrer Zukunft beschrieben haben, nehmen Sie sich Zeit, alles noch mal zu durchdenken. Wie fühlen Sie sich, wenn Sie Ihre Aufzeichnungen lesen? Sind Sie glücklich, wenn Sie an die Zukunft denken, die Sie sich vorstellen? Wenn Sie diese Frage mit Ja beantworten, fantastisch! Dann sind Sie auf dem richtigen Weg. Falls Sie sich jedoch durch Ihre Vorstellungen entmutigt fühlen, ist es noch ein Stück Arbeit, von vorne anzufangen und von den Misshandlungen zu heilen. Wir empfehlen, dass Sie diese Übung über Ihren gesamten Heilungsprozess hinweg alle vier Wochen wiederholen. Indem Sie die Notizen vergleichen, die Sie zu den verschiedenen Zeitpunkten gemacht haben, können Sie sich Ihre Fortschritte vor Augen führen. Sie werden sehen, wie das Bild, das Sie von sich selbst haben, sich wandelt, und werden spüren, wie Ihre Heilung voranschreitet und Ihr Leben sich verändert.
Die Definition „survivor“ hat sich im Englischen weitestgehend etabliert. Damit soll ausgedrückt werden, dass Menschen, die in der Familie Gewalt erlitten haben, um ihre körperliche Unversehrtheit kämpfen mussten. Sie haben es geschafft – und sind damit „Überlebende“ von Gewalt. Im Deutschen ist der Ausdruck „Überlebende“ weniger verbreitet und wird von einigen Autoren aufgrund seiner Sperrigkeit abgelehnt. Häufig werden die Begriffe Opfer/Überlebende nebeneinander verwendet. Diese Lösung soll auch hier Anwendung finden, um dem Aspekt Rechnung zu tragen, dass Menschen, die sich aus einer Missbrauchsbeziehung befreien konnten, viel Stärke besitzen und damit mehr sind als nur Opfer.
Die erste deutschsprachige Auflage erschien im Jahr 2009.
Mythen:
Sie müssen irgendetwas getan haben, das die Misshandlung ausgelöst hat.
Nur schwache Menschen sind von Misshandlung betroffen.
Mit Opfern, die ihre Misshandlungsbeziehung nicht sofort beenden, stimmt etwas nicht.
|28|Es gibt keine eindeutige Definition, unter welchen Bedingungen von einer Misshandlungsbeziehung gesprochen wird. Jede intime Beziehung ist einzigartig – und so ist es auch mit jeder intimen Misshandlungsbeziehung. Wenn Sie Ihre Beziehung rückblickend betrachten, werden Sie im Nachhinein aber bestimmte Anzeichen, Hinweise und Merkmale entdecken, die Ihnen Aufschluss darüber geben können, ob Sie in Ihrer Beziehung misshandelt wurden. Es gibt zwei wichtige Kennzeichen, die in nahezu jedem Fall von Misshandlung in der Beziehung zu finden sind: Macht und Kontrolle.
Misshandlung in der Beziehung ist meist durch ein Muster mehrerer Misshandlungsvorfälle gekennzeichnet. Mit Ausnahme weniger Fälle macht ein einziger Zwischenfall noch keine Misshandlung aus. Typischerweise erfahren Misshandlungsopfer eher ein sich fortwährend wiederholendes Muster kontrollierender Verhaltensweisen, die mit der Zeit eskalieren.
Misshandlungsbeziehungen basieren auf Macht und Kontrolle. Ziel des Täters ist, sich die absolute Kontrolle über sein Opfer und über die Beziehung zu sichern. Die Kontrolltaktiken Ihres Ex-Partners mögen subtil und nur schwer zu durchschauen gewesen sein. Vielleicht hat er versucht, Sie davon zu überzeugen, dass er nur Ihr Bestes wolle und es als Zeichen der Fürsorge anzusehen sei, wenn er Ihre Zeit kontrollierte, Ihren Umgang mit Freunden beeinflusste oder den Großteil Ihrer Alltagsgestaltung steuerte. Nach einiger Zeit verloren Sie aber zunehmend die Kontrolle über Ihr Leben. Allmählich gelang es Ihrem Ex-Partner mithilfe vielfältiger Strategien, Sie vollkommen zu entmachten und sich vollständige Kontrolle über Sie und die Beziehung zu verschaffen.
Die Merkmale Macht und Kontrolle finden sich in jeder Misshandlungsbeziehung. Die spezifischen Verhaltensweisen, mit denen Misshandelnde ihre Ziele durchsetzen, variieren jedoch beträchtlich. Am Anfang Ihrer Beziehung sind Ihnen die negativen Verhaltensweisen Ihres Ex-Partners vielleicht nicht einmal aufgefallen. Manchmal wirkte er wo|29|möglich sogar liebevoll und aufmerksam. Wenn Sie Zeit ohne ihn verbrachten, wurde er so eifersüchtig, dass es Ihnen schon extrem erschien, aber er überzeugte Sie davon, dass diese Eifersuchtsgefühle nur aufkamen, weil er Sie so sehr liebte. Vermutlich war er so gut wie immer um Sie herum und erzählte Ihnen, dass er es nicht ertragen könnte, von Ihnen getrennt zu sein. Er schien Sie anzubeten, und das fühlte sich für Sie womöglich richtig gut an. Die Beziehung entwickelte sich sehr schnell, und wenn Sie gerade nicht zusammen waren, rief er häufig an oder schickte Ihnen Textnachrichten. Zu diesem Zeitpunkt dachten Sie vielleicht, es wäre die beste Beziehung Ihres Lebens.
Langsam begannen sich einige dieser wunderbaren Dinge jedoch zu verändern. Möglicherweise hatten Sie das Gefühl, Ihr Ex-Partner wolle die Beziehung zu schnell vorantreiben. Vielleicht hat er Sie dazu gedrängt, Ihre gesamte Zeit mit ihm zu verbringen und andere Freunde oder Familienmitglieder von gemeinsamen Treffen auszuschließen. Waren Sie einmal getrennt voneinander, so fragte er anschließend ständig nach, wo Sie gewesen waren und was Sie in der Zwischenzeit getan hatten. Manchmal mündeten diese Befragungen vielleicht in Eifersuchts- und Wutausbrüche.
Als Nächstes stellen Sie vielleicht fest, dass Ihr Ex-Partner im Umgang mit Ihnen immer kritischer wurde. Er kritisierte die Menschen, mit denen Sie sich umgaben, Ihre Kleidung, Ihre Art zu sprechen und vielleicht auch Ihren Musikgeschmack. Jedes Mal fügte er seiner Kritik hinzu, dass er Ihnen diese Dinge nur erzähle, um Ihnen „zu helfen“. Und jedes Mal bekannte Ihr Ex-Partner nochmals seine Liebe zu Ihnen.
An diesem Punkt begannen Sie vielleicht, sich Sorgen zu machen. Trotzdem erklärten Sie sich sein Verhalten wahrscheinlich durch Belastungen, denen Ihr Ex-Partner zu dem Zeitpunkt ausgesetzt war. Er entschuldigte sich für seine Eifersuchtsausbrüche und versprach Ihnen, dass so etwas nie wieder vorkommen würde. Er überzeugte Sie davon, sich keine weiteren Sorgen zu machen. Trotzdem kritisierte er Sie immer wieder, sodass Sie nach und nach selbst eine kritische Haltung zu sich und dem, was Sie taten, entwickelten.
Allmählich begannen Sie zu begreifen, dass das beunruhigende Verhalten nicht aufhörte. Es wurde schlimmer. Es wurde missbräuchlich. Obwohl die negativen Verhaltensweisen weiter zunahmen, sahen Sie |30|darin möglicherweise noch immer keine Misshandlungen. Vielleicht gefiel Ihnen nicht, was Ihr Ex-Partner tat oder zu Ihnen sagte. Sie fühlten sich verletzt und unglücklich. Trotzdem überzeugte er Sie davon, dass es sich um „normale Beziehungsprobleme“ handelte – Probleme, die Sie gemeinsam schon in den Griff bekämen. Oder er redete Ihnen ein, Sie seien in irgendeiner Weise selbst daran schuld; wenn Sie sich nur ändern würden, würde sich sein Verhalten Ihnen gegenüber ebenfalls ändern.
Im weiteren Verlauf Ihrer Beziehung haben Sie sicher Berichte über häusliche Gewalt und Misshandlung gehört oder gelesen. Überwiegend wurden wahrscheinlich entsetzlich grausame Geschichten dokumentiert: Opfer wurden von ihrem Partner ermordet oder erlitten in ihrer Beziehung so starke körperliche Gewalt, dass sie regelmäßig die Notaufnahme eines Krankenhauses aufsuchen mussten. Solche Extrembeispiele haben es Ihnen vermutlich noch schwerer gemacht, die Vorkommnisse in Ihrer Beziehung als Misshandlungen aufzufassen. Die Misshandlungen, die Sie in Ihrem eigenen Leben erduldeten, nahmen anfangs möglicherweise viel weniger offensichtliche Formen an. Unabhängig davon, ob Sie körperliche Gewalt erfahren haben oder nicht, wurden Sie möglicherweise zum Opfer verbaler, emotionaler, sexueller oder spiritueller Misshandlungen. Es ist möglich, dass Sie nicht ein einziges Mal körperliche Gewalt erlitten haben und dennoch eine Beziehung durchlebt haben, in der Sie schwer misshandelt wurden.
Falls Sie bereits in Ihrer Kindheit oder in einer früheren Beziehung Opfer von Misshandlungen gewesen waren, lief der Prozess, in dem Sie die Misshandlung als solche erkannten, vielleicht etwas anders ab. Falls Sie bis dahin nichts als Misshandlungsbeziehungen kennengelernt hatten, nutzte Ihr Peiniger womöglich dieses Wissen aus, sodass es für Sie schwieriger zu erkennen war, dass ein Problem existierte. Wenn Sie in früheren Beziehungen misshandelt wurden, haben Sie vielleicht gehofft, dieses Mal würde alles besser verlaufen. Aber vielleicht konnten Sie sich nicht einmal vorstellen, was eine gesunde, misshandlungsfreie Beziehung ausmacht.
Aufgrund Ihrer früheren Misshandlungserfahrungen haben Sie vielleicht geglaubt, dass Sie überreagieren. Ihr Peiniger hat womöglich sein Wissen um Ihre Vergangenheit ausgenutzt, um seine eigenen Misshand|31|lungstaten zu verharmlosen. Er stellte dann all die „netten“ Dinge heraus, die er für Sie tat, und gab Ihnen das Gefühl „überempfindlich“ zu sein und sich die Probleme einzureden. Möglicherweise ist sehr viel Zeit vergangen, bis Ihnen klar wurde, dass er Sie tatsächlich misshandelte; dass sein Verhalten falsch war und dass Sie Besseres verdienen.
Misshandlung und Gewalt sind in einer Misshandlungsbeziehung für gewöhnlich nicht immer präsent: sie kommen und gehen. Furchtbare Zeiten der Misshandlung wechseln sich ab mit besseren oder sogar guten Zeiten. Ihr Peiniger kann dieses Hin und Her dazu nutzen, Unsicherheit zu erzeugen, sodass Sie nicht erkennen, ob Ihre Beziehung tatsächlich ungesund verläuft und Ihr Partner gewalttätig ist.
Der Mythos, dass ausschließlich offene Gewalt als Missbrauch zu werten sei, ist ein Grund dafür, dass es Ihnen so schwerfiel, das, was Ihnen widerfahren ist, als Missbrauch zu identifizieren. Tatsächlich gibt es eine Vielzahl von Maßnahmen und Taktiken, um in einer Beziehung Machtund Kontrolle auszuüben. Häufig erkennen Betroffene nicht, dass sie sich in einer Misshandlungsbeziehung befinden, weil ihr Peiniger verschiedene Methoden einsetzt, um Macht und Kontrolle über sie als Opfer auszuüben. Das Rad der Macht und Kontrolle aus dem Duluth-Modell (Abb. 1-1), einem Programm gegen häusliche Gewalt in Duluth, Minnesota, USA, kann Ihnen dabei helfen, die vielfältigen Arten Ihres Missbrauchs zu erkennen.
Im Laufe Ihrer Misshandlungsbeziehung ist Ihnen vielleicht aufgefallen, dass es Phasen gab, in denen sich keine Zwischenfälle von offener Gewalt ereigneten. Möglicherweise gab es Zeiten äußerlicher Ruhe, in denen kein erkennbarer Missbrauch stattfand. Wahrscheinlich haben Sie erkannt, dass Ihr Peiniger so vorging, um Sie zu verunsichern, indem er zwischen offenem emotionalem, verbalem oder körperlichem Missbrauch und Phasen des Friedens und des Komplimente-Machens abwechselte. Sie können sich dies wie eine Achterbahnfahrt vorstellen (Abb. 1-2): Wenn Sie sich gerade „oben“ befanden, fühlten Sie sich besser in der Lage, Ihrem Alltag nachzugehen, fürchteten sich innerlich aber |32|davor, wie es weitergehen würde. Viele Opfer erleben diese Phasen der „Ruhe“ als schwierigste Zeiten, weil sie nicht wissen, wann die Stimmung wieder umschlagen wird. Manchmal wenn Sie in den „freien Fall“ absetzten und auf den nächsten Gewaltausbruch zusteuerten, wussten Sie nicht, wo alles enden würde. In anderen Fällen schien sich das „Warten“ darauf endlos hinzuziehen. Sobald es vorbei war, konnte man nicht wissen, was als Nächstes kommen würde. Das Ziel Ihres Misshandlers bestand darin, Sie aus dem Gleichgewicht zu bringen, sodass Sie sich weder seiner noch Ihrer selbst sicher sein konnten.
Abbildung 1-1: Rad der Macht und Kontrolle (Abdruck mit freundlicher Genehmigung des Domestic Abuse Intervention Program [DAIP])
Wenn es Ihnen so geht wie vielen Frauen, die eine Misshandlungsbeziehung überlebt haben, fühlen Sie sich paradoxerweise durch die körperlichen Misshandlungen im Großen und Ganzen vielleicht weniger stark verletzt als durch die seelischen Verletzungen, die Sie ertragen mussten. Emotionale Misshandlungen sind heimtückisch und verheerend, sodass die Heilung dieser seelischen Wunden oftmals am längsten dauert. Es ist vielfach einfacher, sich von Blutergüssen, Schnittverletzungen und sogar von Knochenbrüchen zu erholen als von den Folgen psychischer Misshandlungen. Vermeintlich nutzte Ihr Partner verschiedenartige Strategien, um die Kontrolle über Ihre Gefühle und Emotionen zu erlangen und Sie zu manipulieren.
Hat Ihr Misshandler Ihnen das Gefühl vermittelt, dass Sie nicht liebenswert seien? Hat er darauf hingewirkt, Sie von Ihrer eigenen Dummheit zu überzeugen oder davon, dass Sie dumm, hässlich oder dick seien? Durch diese Taktik suggerierte er Ihnen, dass niemand jemanden wie Sie attraktiv finden würde. Dadurch versuchte er sicherzustellen, dass Sie auf jeden Fall bei ihm blieben.
Abbildung 1-2: Achterbahnfahrt der Misshandlung
Hat Ihr Misshandler Ihnen das Gefühl gegeben, dass Sie eigentlich selbst an den Misshandlungen schuld waren? Wahrscheinlich hat er versucht Ihnen einzureden, dass mit Ihnen etwas nicht in Ordnung sei, da |34|die Misshandlungen sonst schließlich ein Ende hätten. Bald glaubten Sie, die Misshandlungen würden aufhören, wenn Sie nur geduldiger oder besser organisiert, eine bessere Liebhaberin oder auf irgendeine Weise anders wären. Aber was Sie auch taten – es kam immer wieder zu Übergriffen. Langsam fühlten Sie sich wertlos, hoffnungslos, hilflos.
Jedes Mal, wenn es zu einer Misshandlung gekommen war, versuchte Ihr Ex-Partner vermutlich, alles so aussehen zu lassen, als seien Sie selbst der Auslöser dafür gewesen, nach dem Motto: „Es tut mir so leid, aber wenn du nur nicht …“. Auf diese Weise schaffte er es, in einem Atemzug seine scheinbare Reue zu bekunden und Ihnen gleichzeitig zu sagen, dass Sie eigentlich selbst schuld an allem waren.
Ihr Ex-Partner hat Ihnen vielleicht gedroht, wenn Sie nicht genau das taten, was er wollte. Eine Drohung ist eine sehr vernichtende Form emotionaler Misshandlung. Manchmal sind Bedrohungen durch einen Misshandler gut erkennbar und deutlich: „Wenn ich dich noch einmal mit ihm sprechen sehe, werde ich dafür sorgen, dass du niemals wieder redest.“ Drohungen können aber auch verschleiert und unterschwellig sein. „Klar, geh nur ruhig heute Abend aus – ich hoffe nur, dass es deiner Katze gut gehen wird, während du weg bist.“
Zusätzlich verstand es Ihr Peiniger wahrscheinlich, die Misshandlungen auf verschiedene Weise zu verharmlosen. Vielleicht mussten Sie sich nach den emotionalen Übergriffen anhören, es wäre ja nun wirklich nicht so schlimm gewesen. Oder er sagte, Sie wirkten nicht gerade, als hätten Sie allzu großen Schaden davongetragen, oder nannte Sie ein großes Baby. Durch diese Taktik vermittelte er Ihnen das Gefühl, als würden Sie einen harmlosen Zwischenfall aufbauschen. Und indem er Ihnen suggerierte, dass alles „halb so wild“ gewesen sei, ließ er Sie gleichzeitig auch wissen, dass viel schlimmere Dinge möglich wären.
Die folgende (unvollständige) Liste enthält Tätigkeiten, die emotionale Misshandlung ausmachen:
Anspruchshaltung („Ich habe ein Recht auf Sex.“; „Ich erwarte von dir, dass du tust, was ich sage.“)
Vorenthaltungen („Ich muss dir nicht sagen, was ich denke oder fühle.“; „Warum sollte ich mit jemandem wie dir schlafen wollen?“)
Verdrehte Darstellung Ihrer Emotionen („Ach, was für ein Quatsch, du bist doch nicht verletzt. Du bist einfach bloß zu empfindlich.“)
|35|Sich gehen lassen (Drogenkonsum, riskantes Verhalten wie waghalsiges Autofahren, keine Inanspruchnahme ärztlicher Betreuung, mangelnde Körperhygiene)
Verweigerung von Hilfe (finanzieller Hilfe, Hilfe im Haushalt, Hilfe bei der Kinderbetreuung)
Extrem eifersüchtig handeln („Wieso hast du mit ihm gesprochen? Möchtest du mit ihm zusammen sein statt mit mir? Du betrügst mich, nicht wahr?“)
Androhung von Selbstverletzung oder Suizid („Wenn du mich verlässt, bringe ich mich um – da kannst du sicher sein. Es liegt ganz an dir.“)
Androhung, Sie, Ihre Freunde, Verwandte oder Haustiere zu verletzen oder zu töten („So sehr liebst du deine kleine Freundin? Es wäre ja schlimm, wenn ihr etwas zustoßen würde, wenn du zum Einkaufen gehst.“)
Fremdsteuerung und Kontrolle (Kontrolle darüber ergreifen, wohin Sie gehen, wen Sie treffen, was Sie tun; Kontrolle über alle Entscheidungen Ihres gemeinsamen sowie Ihres eigenen Lebens)
Weitere Beispiele für emotionalen Missbrauch finden Sie auf dem Rad der Macht und Kontrolle.
Vielleicht hat Ihr Ex-Partner Ihnen keine (oder nicht nur) körperliche oder emotionale Gewalt angetan. Möglicherweise misshandelte er Sie mit Worten, entweder indem er Sie direkt von Angesicht zu Angesicht beschimpfte oder indem er gegenüber anderen abfällige, erniedrigende Bemerkungen über Sie machte oder in E-Mails und anderen Textnachrichten verbreitete. Vielleicht hat er Sie auch vor anderen schlecht gemacht, Sie gedemütigt oder Ihnen fälschlicherweise vorgeworfen, ihn betrogen zu haben.
Verbale Misshandlungen können extrem schmerzhaft sein, und ihre schädigenden Folgen sind oft langwierig. Ähnlich wie bei körperlicher Gewalt kann auch verbale Misshandlung verschiedene Formen anneh|36|men. Folge dieser Art von Gewalt ist aber immer, dass sich das Selbstbild des Opfers ändert. Ziel der verbalen Angriffe mag gewesen sein, dass Sie sich ängstlich und machtlos fühlten. Vielleicht waren die Beschimpfungen darauf ausgerichtet, dass Sie sich wertlos vorkamen oder den Eindruck erhielten, Sie seien irgendwie an all dem schuld, was Ihr Ex-Partner Ihnen antat. Oder Ihr Partner beabsichtigte damit, Sie zu überzeugen, dass Sie unbedeutend, unwürdig, unattraktiv, dämlich oder gefühlskalt seien und dass niemand außer ihm Sie jemals lieben würde (siehe voriger Abschnitt „Emotionale Misshandlung“).
Die nachfolgende (unvollständige) Liste enthält Verhaltensweisen, die im Zuge von verbaler Misshandlung vorkommen:
Anschreien
Lächerlich machen
Beschuldigen
Verantwortlich machen
Sarkasmus
Herabwürdigen Ihrer Ideen
Bedrohen
Beschimpfen
Beleidigen
Schlechtmachen
Ablehnen Ihrer Meinungen
Einschüchtern
Kritisieren
Demütigen
Verspotten
Heruntermachen
Ihre Bedürfnisse und Wünsche nicht ernst nehmen
Vielleicht hat Ihr Partner Wege gefunden, mit denen er Kontrolle über Sie erlangen konnte, indem er sich Grundsätze zunutze machte, die Ihnen heilig sind: Ihre Spiritualität, Ihre persönlichen Werte, Ihre Moral|37|vorstellungen und Ihre philosophischen Glaubenssätze. Hat sich Ihr Ex-Partner einmal auf religiöse Zitate berufen, um Sie davon zu überzeugen, dass Misshandlungen, die er gegen Sie verübt hatte, in Ordnung seien? Hat er Passagen aus den heiligen Schriften Ihrer Religion oder aus philosophischen Texten angeführt, die Ihnen sehr wichtig sind? Hat er diese so ausgelegt, als seien Sie sein Eigentum oder als müssten Sie seinen Bedürfnissen dienen und sich seiner Autorität und Macht unterwerfen? Interpretierte er sie, als gehörten Sie bestraft, wenn Sie nicht gehorchten? Ganz gleich welchen geistlichen Überzeugungen Sie anhängen – Ihr Peiniger mag versucht haben, diese Grundsätze – und damit auch Sie – lächerlich zu machen.
Er hat möglicherweise nicht nur Ihren religiösen Glauben gegen Sie verwendet. Vielleicht hat er auch nicht religiöse Grundsätze verleumdet, die Ihnen heilig sind. Solche Ansichten sind häufig ein wesentlicher Bestandteil der eigenen Erziehung und davon, wer man wirklich ist. Ihre Vorstellungen von Ihrem Verhältnis zu anderen Menschen, zu Tieren oder zur Umwelt gehören zu den Überzeugungen, die möglicherweise zum Nährboden für seine Misshandlungstaten wurden.
Einige Beispiele für spirituelle Misshandlungstaten sind:
Belanglosreden Ihrer Vorstellungen, Meinungen, Sichtweisen und Bedürfnisse
Heruntermachen Ihrer Werte als unwichtig, dumm oder unrealistisch
Festlegung seiner eigenen Werte als die einzig „wahren“ Werte
Berufung auf heilige oder von Ihnen hochgeschätzte Texte zur Rechtfertigung seiner Misshandlungstaten
Benutzung von Religion, um seine Ausübung von Macht und Kontrolle zu rechtfertigen
Ihren religiösen Glauben in Abrede stellen
Hinderung an der Teilnahme an Gottesdiensten oder anderen heiligen Zeremonien
Hinderung an der Wahrnehmung von religiösen Feiertagen und Ritualen
Lächerlichmachen Ihrer Religion und Ihres Glaubens
Einschüchtern anhand von Religion („Wenn du nicht tust, was ich sage, wirst du in die Hölle kommen.“)
|38|Zerstörung oder Beschmutzung von Büchern oder anderen Objekten, die Ihre philosophischen Wertsysteme repräsentieren
Abwertung oder Ablehnung Ihres kulturellen oder ethnischen Hintergrunds
Es ist möglich, dass Sie während Ihrer Beziehung körperliche Gewalt erfahren haben, die Sie zu dem Zeitpunkt nicht als Missbrauch bezeichnet haben. Körperliche Gewalt muss nicht immer Knochenbrüche, Blutungen oder genähte Wunden nach sich ziehen – in diesen Fällen kann jeder erkennen, dass eine Misshandlung stattgefunden hat. Meist ist der Schaden, der durch körperliche Beziehungsgewalt verrichtet wird, nach außen hin nicht sichtbar, und somit wissen andere nicht einmal, dass sich Gewalt ereignet hat. Misshandelnde werden zu Experten auf dem Gebiet. Stellen Sie sich nur vor, was passieren würde, wenn Ihre Freunde, Familie oder Kollegen die Anzeichen Ihrer Misshandlung tatsächlich täglich oder wöchentlich sehen könnten – sein Geheimnis wäre gelüftet.
Vielleicht hat Ihr Partner Sie gestoßen, weggeschoben oder Sie gepackt, um Sie daran zu hindern, den Raum zu verlassen. Vielleicht hat er Ihnen den Arm umgedreht und damit erhebliche Schmerzen zugefügt, aber keine sichtbaren Spuren hinterlassen. Wie hätten andere ahnen sollen, dass Ihr Ex-Partner Sie gegen die Wand geschleudert oder zu Boden gedrückt hat? Vielleicht hat er Sie so stark gewürgt, dass Sie kaum noch Luft bekamen, aber es wiederum geschafft, ohne Spuren zu hinterlassen. So hatten andere nicht die leiseste Ahnung, was sich tatsächlich abspielte. Wenn er manchmal doch so heftig zuschlug, dass Blutergüsse entstanden, achtete er gut darauf, Sie nur an den Stellen Ihres Körpers zu treffen, die andere nicht sehen würden.
Zu körperlicher Gewaltanwendung gehören unter anderem:
Stoßen
Zupacken
Boxen
|39|Kneifen
Mit Gegenständen werfen oder damit auf das Opfer einschlagen
Wegschieben
Würgen
Beißen
Eigentum zerstören
Haustiere quälen oder töten
Zuschlagen
Ohrfeigen
Schnitte oder Stiche zufügen
Festhalten (z. B. jemanden auf den Boden oder gegen eine Wand gedrückt halten, jemanden davon abhalten, sich zu bewegen oder einen Ort zu verlassen usw.)
Vergewaltigung und Erzwingung anderer sexueller Aktivitäten (siehe Kapitel 4 „Verdeckter Horror: Sexueller Missbrauch“)
Körperliche Einschüchterung (sich vor Ihnen auftürmen, den Ausgang versperren, die Faust ballen usw.)
