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Nach Expressionismus und Kubismus entwickelt Cesar Klein - erfolgreich arbeitender Künstler, Bühnenbildner und bis 1933 Professor an der Schule des Kunstgewerbemuseums, später Vereinigte Staatsschulen Berlin - ein feines Gespür für emotional Atmosphärisches: Ob Heiterkeit oder Melancholie, Terror und Schrecken, ob im Unbewussten auftauchende uralte Matern oder Muttergestalten (Eberhard Roters)- die von Cesar Klein geschaffene Bildwelt formuliert das Drama des Seins in einer neuen Sicht auf menschliche wie auch übermenschliche Befindlichkeiten. Götterwesen, Menschen und Unmenschen, Masken, Leben und Tod: Bilder, wie Herbststürme und Drei Gestalten, die im Jahr der Machtergreifung der Nazis 1933 entstehen, wirken wie der Ausdruck einer drängenden Vision der bevorstehenden Willkür und Gewalt. Schwebender Klang, im selben Jahr entstanden, oder spätere Bilder wie Morgenröte und auch ein auf den ersten Blick so kompliziertes Gebilde wie Angelus Novus erzählen dagegen von einem anderen, positiven Ausdruck des Seins. Wie hatte Eberhard Roters, Gründungsdirektor der Berlinischen Galerie, geschrieben? Die Wirklichkeit der Bildwahrnehmung Cesar Kleins diene nicht lediglich dazu, auf die Außenseite des Bildgeschehens hinzuweisen, sondern etwas nicht sogleich Sicht- und Wahrnehmbares aus dem Bild zu transportieren und an uns weiterzugeben, nämlich die Wirklichkeit eines komplexen Empfindungszusammenhanges, der sich uns durch das Bild mitteilt. Die Befreiung dieses Empfindungszusammenhanges für uns, die Betrachter, sei der wahre Inhalt eines Bildes von Cesar Klein. Der Künstler selber spricht schon 1917 von der Erschaffung neuer Welten mit eigenem Leben nach besonderen geheimen Gesetzen des Ausdrucks. Zu Amédée Ozenfants kunstphilosophischem Essay über Leben und Gestalten vermerkt Cesar Klein: Es gibt unendlich viele Harmonien.
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Seitenzahl: 286
Veröffentlichungsjahr: 2022
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EINLEITUNG
LEBENS- UND WERKPROFIL
DIE FRÜHEN JAHRE BIS 1920
Impressionen aus Ahrenshoop, 1909. Neue Secession, Sonderbundausstellung Köln 1912
Weiblicher Akt und dornengekrönter Christus– Der Holzschnitt. Madonna lactans
Werkbund-Ausstellung Köln 1914. „Die Kunst im Leben“. Der Erste Weltkrieg
Das Letzte Abendmahl. Ruhe auf der Flucht. Verschollene Bilder. Paul Westheims Kritik
Novembergruppe, Arbeitsrat für Kunst– Der „Zackezismus“ des Kubo-Expressionismus
DIE ZWANZIGER JAHRE
Neusachlich – 1921 bis 1925. Stadt am Fluß. Frau am Fenster. Badende. Geschwister
Stilleben und Figurenbild um 1925 bis 1927. Die Verlorene– zum Tod Martha Kleins
Ende der Zwanziger – die Kunst der Fünfziger Jahre vorformuliert
DIE DREIßIGER JAHRE
Mythische Deutungen und Literarische Themen. Abschied von der Erde, 1933
Bilder im Angesicht von Terror und Gewalt. Salambo. Herbststürme, 1933
Schweben im Raum und Schwebender Klang, 1933
DAS SPÄTWERK 1945 BIS 1954
Angelus Novus – Walter Benjamin. Morgenröte– Jakob Böhme. Geburt des Lichts
Das Urbild – Mythische Gestalten. Archetypen. Eidos– und ein Vorhang für Köln
Ausflug der Zauberer. Der Tanz. Letzte Komposition
AUSKLANG UND HINTERGRÜNDE
Das Urgesetz – Goethe und Paul Klee. Ein Schüler Picassos. Das Umfeld
1945 – Im „Schaffensrausch“. Metamorphose– Das Grundgesetz aller bildenden Kunst
ANHANG
Verzeichnis abgebildeter Werke. Literatur (in Auswahl). Bildnachweis. Lebensdaten
BILDER SIND TRÄUME
AHNUNGEN VOM SEIN HINTER DEN DINGEN
ERSCHAFFUNG NEUER WELTEN
NACH BESONDEREN GEHEIMEN GESETZEN
DES AUSDRUCKS UND DER FUNKTION
Cesar Klein, 1917
Äpfel der Hesperiden, 1945– Tempera
bpk/ Hamburger Kunsthalle / Foto: Oliver Schweers
Sucht Cesar Klein in seinen Bildern jenen geheimen Gesetzen des Ausdrucks nachzuspüren, von denen er schon 1917 gesprochen hatte?1 – Was sind dann aber deren formale Eigenheiten? Ist es der innere Rhythmus der Linien, Formen und Farben? – Eine eigenwillig melancholische Verhaltenheit scheint den Takt des Bildes zu bestimmen. Sie stellt den Grundton, der sich jedoch mit einer heiteren Schwingung verbindet. – Die Melancholie steht in korrespondierendem Verhältnis zum bunten Spiel der Formen und Farben, in denen ein gedämpftes durch ein heiteres Temperament konterkariert erscheint. Es ist eine besondere Mischung aus Schwermut und ansteckender Fröhlichkeit, die die beiden Gestalten in dem Ölbild Der Tanz (Abb.) von 1951 vermitteln. Ist es eine Ahnung vom Sein hinter den Dingen, die sie als Seinsgrund in sich tragen, jene besonderen geheimen Gesetze des Ausdrucks und der Funktion, von denen Cesar Klein spricht?2
Der Blick geht in einen tief liegenden Landschaftsraum. Darin riesenhafte Figuren, deren tänzelndes Gehabe den Eindruck eines leichten Dahinschwebens vermittelt. Auffallend sind die phantasievollen Kostüme, die eine Andeutung von Schultertressen sowie schwarzen Lackstiefeln erkennen lassen. Die Darstellung führt den Betrachter ganz offenbar in die Welt der Harlekine der italienischen Commedia dellʼarte mit ihren typisierten, mit Klatschen bewaffneten Akteuren. Durch die Interaktion zwischen den Darstellern verlässt der Betrachter jedoch schon bald den Kampfplatz des Stegreifspiels, um sich in einem Theater des Lebens wiederzufinden. Mit einem Blick erfassen wir ein ganzes Sortiment offen dargebotener, aber auch maskierter Gefühle. Hinter der bunten Gewandung zeigen sich Abwehr und wichtigtuerisches Gehabe ebenso wie innere Verletztheit sowie dann doch ein melancholisch verschmitzter, spielerischer Umgang mit dem, was das Leben so bereithalten kann. Mit einem Blick öffnet das Bild einen kompletten Resonanzboden von Gefühlen und Empfindungen, die sich vor dem Betrachter ausbreiten.
Cesar Kleins Lebensdaten beginnen in der Zeit des Impressionismus. Sie umfassen den Expressionismus, den Kubismus, die Neue Sachlichkeit, das Art Déco sowie die vierziger und frühen fünfziger Jahre des Zwanzigsten Jahrhunderts.
1876 in Hamburg geboren, sind Kindheit, Jugend und Ausbildungszeit kaiserlich-wilhelminisch geprägt. Wie bei vielen anderen Künstlern dieser Generation lassen die Anfänge um 1895 eine typisch akademisch-klassische Haltung erkennen. Nur wenige Arbeiten zeigen Merkmale des Jugendstils.
Um 1909 schafft Cesar Klein mit den Ahrenshoop-Bildern (Abb. S. 25, 30–33) einen spätimpressionistischen Zyklus, der atmosphärisch einen zurückhaltend beobachtenden Standpunkt formuliert.
Der Tanz, 1951 Öl auf Holz
Privatbesitz Mölln
Es sind die Jahre, in denen sich französische Fauves, Expressionismus, Kubismus und Futurismus in kürzesten Zeitabständen formieren und auch im Werk Cesar Kleins ihren Eindruck hinterlassen. So schnell, wie die Veränderungen durch die unterschiedlichen künstlerischen Stile der ersten Jahre des Zwanzigsten Jahrhunderts voranschreiten, so gestaltet sich auch Cesar Kleins künstlerische Entwicklung:
1910 gehört er mit Georg Tappert, Heinrich Richter-Berlin, Arthur Segal, Max Pechstein und anderen zu denen, die von der Jury der Berliner Secession „refusiert“ werden. Der Vorwurf lautet auf „Nachahmer der Franzosen“.3 Durch Initiative von Georg Tappert sammeln sich siebenundzwanzig der Betroffenen in einer Neuen Secession, unter ihnen Cesar Klein.
„Es heißt nun selbst handeln, (…) es heißt jetzt zeigen, dass eine junge künstlerische Bewegung in ganz Deutschland vorhanden ist, die sich nicht unterdrücken lässt. Es heißt jetzt zeigen, dass uns die Zukunft gehört, dass wir nicht Nachahmer der Franzosen sind, sondern dass wir von dort nur die Anregung haben, genau wie die Impressionisten der Secession,“ schreiben Tappert und Segal im Namen des Vorstands der neuen Gruppe an alle Mitglieder anlässlich der vierten Ausstellung der Neuen Secession am 31. Juli 1911.4
Gartenhaus 1896 – Aquarell mit Deckweiß
Nachlass
Zwei Jahre später, 1912, findet in Köln die inzwischen als legendär geltende Sonderbundausstellung statt. Erstmals werden Bilder von Cézanne, van Gogh und Picasso in einer deutschlandweit beachteten Ausstellung gezeigt. Es ist das künstlerische Ereignis der Moderne im Kaiserreich Wilhelm II. – Cesar Klein ist mit drei Bildern in Köln vertreten.5
1914 beteiligt er sich mit expressionistischen Glasbildern, Mosaiken und Wandmalereien an der Werkbund-Ausstellung in Köln. Seine Wandbilder für den dortigen Hof der Neuen Berliner Gruppe (S. 53–55) verraten den starken Eindruck, den der Kubismus bei ihm hinterlassen hat.
Ölgemälde, Gouachen und Aquarelle, die in den Jahren zwischen 1912 und 1918 entstehen, zeigen trotz der expressionistischen Ausrichtung eine deutliche Orientierung an der Malerei Cézannes und den Einfluss des in Paris florierenden Japonismus (Abb.). Nach Ende des Ersten Weltkriegs, mit Gründung der Novembergruppe 1918, gilt Cesar Klein als einer der führenden Berliner Expressionisten, obgleich sich sein Expressionismus wesentlich von dem der Brücke-Maler, beispielsweise dem von Erich Heckel, Karl Schmidt-Rottluff und Ernst Ludwig Kirchner unterscheidet.
Um 1920 kommt es bei Künstlern der Novembergruppe wie Georg Tappert, Moriz Melzer, Heinrich Richter-Berlin, Otto Möller und auch bei Cesar Klein zu einem gesteigerten prismatischen Stil. Ein „Stil-Synkretismus“ entsteht6, oder auch „Kubo-Expressionismus“, wie Eberhard Roters, Gründungsdirektor der Berlinischen Galerie, es einmal umschrieben hat: ein Mischstil mit der typischen Vorliebe sich kreuzender Geraden, Winkel und Zacken. Eberhard Roters hat dafür den zeitgenössischen Begriff des „Zackezismus“ aufgespürt.7
Stilleben mit japanischem Sonnenschirm, um 1911 – Öl auf Malpappe
Sammlung Frank Brabant, Wiesbaden
Mit seinen in dieser Phase entstehenden Bildern Mondfrauen spielen (Abb. S. 93) oder Mann mit Pfeife (Abb. S. 95) knüpft Cesar Klein an seine frühen Wandbilder der Werkbund-Ausstellung von 1914 an. Vielen Kritikern gilt sein Werk als Synonym für den Mischstil der Novembergruppe. Dadurch entsteht der Eindruck, Cesar Kleins expressionistisches Werk reduziere sich auf die Zeit um 1920.8 Dass der Künstler sich aber schon 1913/14 intensiv mit dem Kubismus auseinandergesetzt hatte, wie die Ausstattung des Marmorhauskinos und die Wandbilder der Kölner Werkbund-Ausstellung von 1914 dokumentieren, ist ein Tatbestand, der aufgrund der Unkenntnis des angewandten Werks vielfach nicht bekannt ist (Abb. S. 15, 54/55).9
Unter dem Eindruck der Neuen Sachlichkeit verändert sich Cesar Kleins Stil um 1923 grundlegend. Und obwohl selbst bei diesen Bildern ein innerer Rhythmus unverkennbar ist, sind jetzt klassisch aufgefasste, statisch anmutende Figuren- und Landschaftsbilder werkbestimmend (Abb. S. 99–101).
In der zweiten Hälfte der Zwanziger Jahre lockert sich der Duktus. Ein kurvig weich fließender, schwingender Rhythmus bemächtigt sich der Linien und Formen. Eine Faszination des Volumens wird offenkundig, was sich auch um 1929/30 trotz eines deutlichen Wandels in der Auffassung von Figuren und Gegenständen nicht ändert. Wie Rudolf Pfefferkorn und auch Eberhard Roters konstatieren und nach ihnen Jahre später auch Uwe Haupenthal, sind es Metamorphosen, die die Gestaltwelt Cesar Kleins zu diesem Zeitpunkt erfassen.10
Doch welches Verständnis von Metamorphose kommt von nun an in seiner Bildauffassung zum Tragen? Seine grundlegenden künstlerischen Anregungen erfährt Cesar Klein durch das Werk Pablo Picassos. Auch Franzosen wie Georges Braque und André Masson sowie der heute weniger bekannte Jean Lurçat haben seinen Werdegang bestimmt. Ebenso Paul Klee, wenngleich dessen Einfluss erst in einer späteren Werkphase nach 1945 erkennbar ist. Die Innovationen dieser Meister der Klassischen Moderne bilden gewissermaßen das Ferment, mittels dessen Cesar Klein seinen künstlerischen Ausdruck findet.
Hans Friedrich Geist, ein Schüler von Paul Klee, warnt 1948 anlässlich einer Cesar Klein-Ausstellung im Behnhaus in Lübeck davor, Maler zu vergleichen und empfiehlt, von „Wahlverwandtschaften“ zu sprechen.11 Geist, der damals in persönlichem Austausch mit Cesar Klein stand und bei seinen Ausführungen vor allem das Spätwerk des Künstlers nach 1945 vor Augen hatte, sah die Bilder dieser Phase „selten gegenständlich bezeichnet, obwohl sie stets ein Gestalthaftes erkennen lassen“. Schon in den Titeln, so führt Hans Friedrich Geist aus, werde „zum Ausdruck gebracht, dass nicht ein Gegenstand gemeint sei, sondern ein eigentlich Unsichtbares.“ Cesar Klein suche, so Hans Friedrich Geist weiter, „mit Hilfe der Intuition dem Absoluten näher zu kommen“.12
Paul Westheim dagegen glaubt 1919, Cesar Kleins Malerei kritisch bewerten zu können aufgrund eines, wie er meint, „impressionablen Hineindenkens“ des Künstlers in ein anderes Werk, in Stile wie den Impressionismus oder den Kubismus. Westheim erkennt damit den rezeptiven Prozess bei Cesar Klein. Ein Vorgehen, das sich jedoch gerade als Besonderheit des Werks erweist, als dessen Spannungsbogen. Anders als beispielsweise Max Pechstein, 1918 Mitstreiter Cesar Kleins in der Novembergruppe, erkennt Cesar Klein schon früh die Innovationen des Kubismus als Herausforderung für sich und entwickelt in einem permanenten Prozess der formalen Durchdringung dessen, was er bei Picasso, bei Braque und Masson, bei Lurçat oder bei Paul Klee vorfindet, seine eigene Handschrift. Uwe Haupenthal konstatiert deshalb folgerichtig, Westheims Polemik sei für die Malerei Cesar Kleins „ins Positive gewendet von hoher Evidenz“.13
Neben seinem freien Werk hat Cesar Klein zahlreiche Raumausstattungen geschaffen, was heute, abgesehen vom Bühnenbildwerk, immer noch wenig bekannt ist. Es betrifft vor allem die baugebundenen Projekte der Jahre zwischen den Weltkriegen. Eine Fülle von Entwürfen und Werkkartons zu Glasfenstern, Mosaiken und Wandbildern, Buchillustrationen, Plakaten und zu einer Stummfilmausstattung dokumentieren diesen wichtigen Werkbereich, in dem der Künstler immer wieder auch die Idee des Gesamtkunstwerks umzusetzen suchte, aufgrund der Einsprüche der Auftraggeber seine Konzepte aber zumeist nicht ohne Abstriche verwirklichen konnte.14
Bevor er sich kurz nach der Jahrhundertwende selbständig macht, arbeitet Cesar Klein als Werkstattgehilfe von Max Seliger an der Entstehung der Hohenzollern-Mosaiken in der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche in Berlin mit (es heißt, er sei an der Anfertigung des Werkkartons zur Figur Kaiser Barbarossas beteiligt gewesen, was aber nicht belegt ist).
Skizze nach Picasso, Les Demoiselles dʼAvignon
Skizzenbuch im Nachlass
1913 wird er mit einer expressionistischen Ausstattung des Marmorhauskinos am Kurfürstendamm in Berlin (Abb. S. 15) erstmals einem größeren Publikum bekannt. 1919 entsteht mit der Gestaltung der Wohn- und Geschäftsräume des Galeristen Wolfgang Gurlitt in der Potsdamer Straße ein künstlerisches Ambiente aus spielerischen Traumszenarien. Deckengemälde im Theater am Kurfürstendamm, in der Kroll-Oper, eine wandumfassende Intarsierung im Berliner Renaissance-Theater sowie eine Mosaikdecke im Saal des Glases im Deutschen Museum in München sind weitere Projekte, mit denen er sich einen Namen macht.
Die überwiegende Zahl der Ausstattungen fiel den Bomben des Zweiten Weltkriegs zum Opfer, andere, wie das Marmorhauskino, wurden schon vorher durch Modernisierungsmaßnahmen zerstört. Zahlreiche Entwürfe und Werkkartons, die sich zu den Projekten erhalten haben, ermöglichen es jedoch, sich über die nicht mehr existierenden Räume in ihrer künstlerischen und konzeptionellen Idee ein Bild zu machen und die Zusammenarbeit unter anderem mit dem Architekten Oskar Kaufmann oder der Berliner Glasmalereiwerkstatt Puhl & Wagner Gottfried Heinersdorff nachzuvollziehen.15
Einige Objekte sind trotz des Bombenhagels im Zweiten Weltkrieg heute noch erhalten, so die Intarsienwand im Renaissance-Theater, die durch eine vermutlich in den vierziger Jahren veranlasste Einfärbung in ihrer ursprünglichen Beschaffenheit allerdings stark beeinträchtigt wurde. Der große Mosaikfußboden der Siemens & Halske AG in Berlin-Siemensstadt ist dagegen nahezu unversehrt vorhanden. In Eberswalde-Finow existiert ein kleiner mosaizierter Windfang im ehemaligen Verwaltungsgebäude der Hirsch-Kupfer-AG, Heegermühle, ebenso die Glasfenster im Rathaus Berlin-Zehlendorf, die heute den kleinen Sitzungssaal schmücken.
Für die Berliner Raumkunst seiner Zeit hat Cesar Klein einen wichtigen Beitrag geleistet. Gerhard Wietek, ehemaliger Direktor des Schleswig-Holsteinischen Landesmuseums Schloss Gottorf, schrieb 1977, für Cesar Klein habe es „nie einen Unterschied zwischen freier und angewandter Kunst (gegeben), keine Rangordnung zwischen Tafelbild, Glasfenster oder Bühnendekoration.“16
Schon vor Jahren war es Eberhard Roters, der die Bedeutung des Künstlers für die Entwicklung einer Formensprache hervorhob, die „im Zusammenhang mit der Architektur im Laufe der Entwicklung vom Expressionismus zum Art Déco in der bildenden Kunst des 20. Jahrhunderts“ entstanden ist.17 Roters war es auch, der mit Blick auf Cesar Klein darauf aufmerksam machte, dass eine negative Wertung angewandter Kunst, wie sie in Deutschland häufig üblich ist, in Frankreich undenkbar sei. Ein Künstler wie Cesar Klein, so Eberhard Roters, hätte dort längst seine verdiente Anerkennung gefunden.18
Marmorhauskino 1913 – Entwurf zu einem Wandbild im Foyer Gouache auf Pergament
Theaterwissenschaftliche Sammlung, Universität zu Köln
Als Bühnenbildner hat Cesar Klein mit rund 180 Inszenierungen ein umfangreiches Bühnenbildwerk hinterlassen. Seit 1919 arbeitet er für Regisseure wie Viktor Barnowsky, Leopold Jessner und Jürgen Fehling. Auch für Erwin Piscator, Carl Sternheim, Karl Heinz Martin und Lothar Müthel entwickelt er Bühnenausstattungen. Auch an der Ausstattung von Stummfilmen ist er beteiligt.
Paula Klein, die zweite Frau des Künstlers, übergab das gesamte Bühnenbildwerk, das sich mit wenigen Ausnahmen nach dem Tod ihres Mannes im März 1954 noch im Nachlass befand, dem damaligen Theaterhistorischen Museum der Universität Köln (Porz), heute Theaterwissenschaftliche Sammlung, Universität zu Köln.19 Eine wissenschaftliche Bearbeitung dieses Werkbereichs steht bisher noch aus.
Eng verknüpft mit der Arbeit für das Theater ist Cesar Kleins Tätigkeit als Lehrer einer „Klasse für Angewandte Kunst und Bühnenbild“ an der Unterrichtsanstalt des Berliner Kunstgewerbemuseums, die 1924 mit den übrigen Kunsthochschulen Berlins zu den Vereinigten Staatsschulen zusammengeschlossen wurde.
Im April 1919 beruft Walter Gropius Cesar Klein auf eine Meisterstelle ans Bauhaus nach Weimar, die ehemalige Sächsische Hochschule für bildende Kunst. Cesar Klein lehnt nach reiflicher Überlegung dieses Angebot jedoch ab und bleibt in Berlin. – Gropius und Cesar Klein sind sich vermutlich 1908 als Mitglieder des Deutschen Werkbundes erstmals begegnet und haben sich spätestens 1914 bei der gemeinsamen Arbeit für die Werkbund-Ausstellung in Köln näher kennengelernt. Die Verbandsarbeit für den Werkbund führt sie in der Folgezeit immer wieder zusammen, dabei tritt Cesar Klein als Gefolgsmann von Gropius in Erscheinung. Nach Ende des Ersten Weltkriegs arbeiten beide im 1919 gegründeten Arbeitsrat für Kunst, wo sie zusammen mit dem Architekturtheoretiker Adolf Behne den Geschäftsausschuss bilden.20
Möglicherweise lehnt Cesar Klein aus Rücksicht auf seine damals bereits schwer erkrankte erste Frau, Martha Klein21, den Ruf nach Weimar ab. Vermutlich aber auch, weil ihm zu diesem Zeitpunkt bereits das Angebot vorliegt, an der Schule des Kunstgewerbemuseums in Berlin eine Klasse für Wand- und Deckenmalerei zu übernehmen. Sicher sind es aber auch die über Jahre gewachsenen beruflichen Kontakte zu Architekten und Bauunternehmern und die zum gleichen Zeitpunkt aufgenommene Arbeit als Bühnenbildner, die ihn letztlich in Berlin halten.22
Links: Salon der Genuine, Stummfilm 1920, Aquarell – Regie Robert Wiene, Deutsche BiscopAG; rechts: Bühnenbild zu Grabbe, Napoleon oder die hundert Tage– Regie Leopold Jessner, 1922/1923
Theaterwissenschaftliche Sammlung, Universität zu Köln
Hat Cesar Klein durch die Entscheidung, nicht nach Weimar zu gehen, seine „automatische“ Einschreibung in die „Annalen der Kunstgeschichte“ verhindert, wie Inge Frankmöller und Franz-Joachim Verspohl konstatieren?23 Die „autonomen Bildfindungen“ Cesar Kleins seien immer „als Nebenprodukt seiner Tätigkeit“ bewertet worden, schreiben sie. Dabei würde aber nicht allein Cesar Klein, sondern auch „seinen berühmt gewordenen Zeitgenossen“ vom Bauhaus „Unrecht getan“ und übersehen, dass diese sich ja gerade „im Bereich der angewandten Künste betätigten und darin eine Quelle ihrer künstlerischen Tätigkeit sahen.“24 – Ob frei oder angewandt: Es ist an der Zeit, neben den bisher anerkannten Vertretern der Klassischen Moderne und des Bauhauses das Werk auch dieses Künstlers als eine eigenständige Facette der Kunst der ersten Hälfte des Zwanzigsten Jahrhunderts zu würdigen.
1931 wird Cesar Klein zum Professor an den Vereinigten Staatsschulen ernannt. Zu seinen Schülern zählen der spätere jugoslawische Kunstschriftsteller Oto Bihalji-Merin und der in Auschwitz ermordete jüdische Maler Felix Nussbaum.25 Ebenfalls 1931 hatte Cesar Klein für einen Industriellen in Berlin-Lankwitz ein Haus entworfen inklusive der Inneneinrichtung. Damit befand er sich auf dem Höhepunkt seiner künstlerischen Karriere.26
Zwei Jahre später, am 30. April 1933, nur wenige Wochen nach der Machtergreifung Hitlers, werden mehrere Professoren der Vereinigten Staatsschulen, darunter Oskar Schlemmer, Walter Reger, Karl Hofer und auch Cesar Klein, unter dem Vorwurf des „zersetzenden liberalistisch-marxistisch-jüdischen Ungeistes“ von nationalsozialistischen Studenten per Plakatanschlag gezielt angegriffen und daraufhin als „typische Vertreter“ dieser Gruppe von ihren Lehrämtern beurlaubt. Seine endgültige Entlassung erhält Cesar Klein 1937. In der von den Nationalsozialisten in jenem Jahr gestarteten Kampagne „Entartete Kunst“ werden auch seine Arbeiten angeprangert. Viele seiner Werke, insbesondere diejenigen aus der Zeit bis 1918, sind seither verschollen (einige Bilder tauchten inzwischen in der Schweiz und in den USA wieder auf, so dass Hoffnung auf weitere Wiederentdeckungen besteht).27
Bühnenbild zu Schiller, Don Carlos, 1934– Hamburger Schauspielhaus, Regie Jürgen Fehling
Theaterwissenschaftliche Sammlung, Universität zu Köln
Bühnenbild zu Albert Camus, Caligula, 1948/49– Hamburger Schauspielhaus, Regie Albert Lippert
Theaterwissenschaftliche Sammlung, Universität zu Köln
„Die Größen der Novembergruppe“– Wolfgang Willrichs Schmähschrift gegen die Moderne Kunst– Säuberung des Kunsttempels, Berlin 1937
Walter Gropius nannte Cesar Klein damals freundschaftlich „Rhythmus“28, er selber taucht als „Maß“ in den Schriften auf. Die musikalische Komponente der Anrede verdeutlicht unmittelbar, worin Gropius die Qualitäten Cesar Kleins begründet sah. Auch Eberhard Roters ortete in dessen Gemälden „Schwingungsformen“, „musikalische Kräfte, die psychische Energien ausdrücken“ und einen „komplexen Empfindungszusammenhang“ mitteilen, den Roters als den „eigentlichen, den wahren Inhalt eines Bildes von Cesar Klein“ ausmachte.29
„Ich weiß, dass ich das Verbrechen begangen und diese verdammte angewandte Kunst betrieben habe“, schreibt Cesar Klein am Ende seines Lebens rückblickend nicht ohne Resignation.30 Immer wieder hatte er sich der Kritik ausgesetzt gesehen, seine Tätigkeit im Bereich der angewandten Kunst schade seiner Entwicklung in der freien Malerei.
Dabei war seine Kunst nach Ende des Zweiten Weltkriegs zunächst durchaus gefragt; die abstrahierenden Tendenzen seit den 1930er Jahren entsprachen dem allgemeinen Trend nach 1945. Wegen verbreiteter Vorurteile gegen angewandt arbeitende Künstler und wohl auch aufgrund seines fortgeschrittenen Alters blieb es dem Künstler letztlich aber verwehrt, sich unter der jüngeren Generation noch einmal zu behaupten.
„An materiellen Gütern sind wir arm geworden“, schreibt er 1946. „Versuchen wir wieder reich an geistigen zu werden!“31 – Cesar Klein ist siebzig Jahre alt, als er diesen Gedanken formuliert. Ein reiches, wechselvolles Künstlerleben liegt hinter ihm. Durch die Nazis hatte er seine Professur in Berlin verloren und war aufs Land gezogen nach Pansdorf bei Lübeck. Dann kam der Zweite Weltkrieg.
Cesar Klein mit Studenten der Klasse für Dekorationsmalen und Bühnenbild im Atelier der Hochschule, um 1929
Foto im Nachlass
Mit elf Bühnenausstattungen stellt er nach 1945 seine künstlerische Kompetenz dann aber noch einmal eindrucksvoll unter Beweis. Sein Bühnenbild und die Kostüme zu Caligula von Albert Camus am Hamburger Schauspielhaus (Abb. S. 19) gelten 1948 als wegweisend. Für Raumkunst jedoch fehlen angesichts von Millionen von Flüchtlingen und Vertriebenen in Deutschland die nötigen Mittel.
Doch endlich wieder frei arbeiten zu können nach den Einschränkungen durch das totalitäre nationalsozialistische Regime beflügelt den Schaffensdrang des Künstlers und so entsteht bis zu seinem Tod am 13. März 1954 noch ein beachtliches freies Spätwerk.
Leben und Werk vom Beginn seines Wirkens um 1900 bis zu seinem Tod am 13. März 1954 lassen, ob in der freien Malerei oder im Bereich der angewandten Kunst, das allgemeine künstlerische Credo Cesar Kleins immer wieder erkennen:
„Bilder sind Träume
Erschaffung neuer Welten
mit eigenem Leben“.32
Capri. Landschaft mit Brücke, um 1917 Öl auf Malpappe
Privatbesitz Berlin
1 Cesar Klein, „Über bildende Kunst“, in: Die Schöne Rarität, Jg. I, Heft 2 (Kiel 1917)
2 Cesar Klein, „Über bildende Kunst“, a. a. O.
3 Anke Daemgen, „Georg Tappert – Initiator der Neuen Secession Berlin“, in: Georg Tappert. Deutscher Expressionist. Gesa Bartholomeyczik, Nürnberg 2005, S. 29
4 Anke Daemgen, „Georg Tappert“, a.a. O., S. 29
5 Vierte Internationale Kunst-Ausstellung des Sonderbundes westdeutscher Kunstfreunde und Künstler, Städtische Ausstellungshalle, Köln 1912 (Katalog). Da es zu den im Katalog genannten Werken von Cesar Klein keine Abbildungen gibt, ist unklar, um welche seiner Arbeiten es sich gehandelt hat.
6 Eberhard Roters, Berlin expressiv. Längsschnitte 3, Berlin 1981, S. 3
7 Eberhard Roters, Berlin 1910–1933. Die visuellen Künste, Fribourg, Berlin 1983, S. 117
8 vgl. Bernhard Schulz „‚Kampf um den Menschen‘. Zur Ausstellung Expressionismus. Die zweite Generation, 1915–1925“, Düsseldorf 1989, in: Der Tagesspiegel, 26.05.1989
9 Ruth Irmgard Dalinghaus, Lieber Rhythmus. Cesar Klein. Angewandte Kunst, Norderstedt 2021
10 Rudolf Pfefferkorn, Cesar Klein. Œuvrekatalog, Berlin 1975; Eberhard Roters, Cesar Klein, Katalog zur Ausstellung Düsseldorf 1986, Galerie Norbert Blaeser, o. P.; Uwe Haupenthal, der diesen Aspekt aufgreift, sieht darin eine „molluskenhafte Rätselhaftigkeit“ und „magische Undurchdringlichkeit“, in: Cesar Klein. Metamorphosen, Husum 2004, S. 110.
11 Hans Friedrich Geist, Cesar Klein und die gegenstandslose Malerei, Rede zur Eröffnung der Ausstellung am 30. Mai 1948 im Behnhaus in Lübeck, Katalogheft zur 247. Ausstellung der Overbeck-Gesellschaft, S. 25
12 Hans Friedrich Geist, a.a. O., S. 25, 24 – Hans Friedrich Geist war um 1930 anlässlich einer von ihm organisierten Ausstellung von Kinderzeichnungen in Dessau mit Paul Klee zusammengetroffen.
13 vgl. U. Haupenthal, „Phantasien, die von den Dingen erlösen“, in: Cesar Klein. Metamorphosen, Husum 2004, S. 106
14 Ruth Irmgard Dalinghaus, Cesar Klein (1876–1954). Angewandte Kunst. Werkmonographie mit Katalog, Bd. I–III, Philosophische Dissertation Freie Universität Berlin 1991 (Mikrofiche) – s. überarbeitete Fassung unter dem Titel: Lieber Rhythmus. Cesar Klein. Angewandte Kunst, Norderstedt 2021
15 vgl. Ruth Irmgard Dalinghaus, Lieber Rhythmus. Cesar Klein, a.a. O.
16 Gerhard Wietek, Gemalte Künstlerpost. Karten und Briefe deutscher Künstler aus dem 20. Jahrhundert, München 1977, S. 96
17 Eberhard Roters, Ausstellung Cesar Klein, Galerie Blaeser Düsseldorf 1983, o. P. (S. 3)
18 Professor Dr. Eberhard Roters, Gutachten vom 07.06.1991 über die Dissertation der Verfasserin: Cesar Klein. Angewandte Kunst, Freie Universität Berlin 1990 (Nachlass Cesar Klein)
19 Es handelte sich um annähernd 3.000 Exponate.
20 s. Ruth Irmgard Dalinghaus, Lieber Rhythmus. Cesar Klein, a.a. O.
21 Martha Klein, geb. Steffen, Hamburg 1879–1929 Berlin
22 s. Ruth Irmgard Dalinghaus, Lieber Rhythmus. Cesar Klein. Angewandte Kunst, a.a. O.
23 Inge Frankmöller, Franz-Joachim Verspohl, Ausstellung Cesar Klein, Museumsu. Kunstverein Osnabrück 1986, Typoskript S. 2
24 Frankmöller und Verspohl, 1986, Typoskript S. 1
25 Informationen Felix-Nussbaum-Haus Osnabrück
26 s. Ruth Irmgard Dalinghaus, Lieber Rhythmus. Cesar Klein. Angewandte Kunst, a.a. O., S. 29
27 s. das wiederentdeckte Bild Hafen (Abb. S. 83), das 2001 auf einer Auktion der Villa Grisebach in Berlin angeboten wurde
28 Brief von Walter Gropius an Cesar Klein, 30. April 1919 mit Vertragstext für eine Stelle als Lehrer am Bauhaus – Faksimile s. Ruth Irmgard Dalinghaus, Lieber Rhythmus. Cesar Klein, a.a. O., S. 80–81 – Nachlass Cesar Klein – im weiteren Text abgekürzt: Nachlass
29 Eberhard Roters, Cesar Klein, Ausstellung Galerie Blaeser, Düsseldorf 1983, o. P. (S. 4)
30 eigenhändiges handschriftliches Konzept Cesar Kleins im Nachlass
31 eigenhändiges handschriftliches Konzept im Nachlass
32 Cesar Klein, „Über bildende Kunst“, in: Die Schöne Rarität, Jg. 1, Heft 2 (Kiel 1917)
Ahrenshoop VI, Weg am Haus, 1909 – Öl auf Malpappe
Privatbesitz Hamburg
César Carl Robert Andreas Klein wird 1876 in Hamburg „in einem alten Haus am Hafen“ geboren.33 Seine Eltern führen ein Weißwarengeschäft. Der Siebzehnjährige möchte Kunst studieren, absolviert zunächst jedoch eine Lehre als Maler und Lackierer, die er 1895 erfolgreich abschließt. „Mein Meister versuchte durch Karrenschieben und Fußbodenstreichen dem bösen Maltrieb Einhalt zu tun – vergebens – ich war „zielbewusst“! Einen Tag nach Beendigung meiner „Lehrzeit“ ging ich auf die Kunstgewerbeschule und nach drei Jahren, nach einem kurzen Aufenthalt in Düsseldorf (Akademie), mit einem großen Stipendium nach Berlin ans Kunstgewerbemuseum zu M(ax). Seliger.“34
Über das Studium an der Hamburger Kunstgewerbeschule ist nichts bekannt. Auch über die Gründe, warum sein Aufenthalt an der Kunstakademie in Düsseldorf nur von kurzer Dauer ist, bleiben nur Vermutungen. Hatte er in Düsseldorf die klassische Ausbildung gesucht, die zum damaligen Zeitpunkt in Hamburg erst im Entstehen war?35
Cesar Klein und seine Frau Martha, geb. Steffen, um 1903
Foto im Nachlass
Von Düsseldorf wechselt Cesar Klein mit einem Stipendium nach Berlin an die Unterrichtsanstalt des Kunstgewerbemuseums, wo er Schüler von Max Seliger (1865–1920) wird. Die Entscheidung, seine Studien bei diesem anerkannten Kunstgewerbler fortzusetzen, bedeutet für seine weitere Entwicklung eine deutliche Weichenstellung hin zur angewandten Kunst. Hatte ihn der Lehrbetrieb in Düsseldorf enttäuscht? Oder haben persönliche Überlegungen dabei eine Rolle gespielt, beispielsweise der Wunsch, zu heiraten und eine Familie zu gründen, wodurch er sich zu einer pragmatischen, finanziell gesicherten Lebensplanung mit der angewandten Kunst als sicherem Standbein gedrängt sah?
1903 heiratet Cesar Klein Martha Steffen, seine Hamburger Verlobte. Aufträge über Supraporten, Glasfenster, Mosaiken und Wandmalereien sowie Buchausstattungen sichern die Existenz des jungen Paares.
Alte Frau mit weißem Kopftuch, um 1896 Gouache
Nachlass
Mag er selber letztlich auch keine Unterschiede gemacht haben zwischen freier und angewandter Kunst, „bedeutsamer als seine Arbeiten aus dem Umkreis der angewandten Kunst war für Cesar Klein seine Entwicklung als Maler“, schreibt Rudolf Pfefferkorn in seiner 1962 veröffentlichten Monographie über den Künstler.36
Liegender weiblicher Akt, um 1910 – Öl auf Leinwand
Stiftung Kunstmuseum Ahrenshoop
Von Anfang an arbeitet Cesar Klein konsequent daran, sich neben der angewandten Auftragskunst als freier Künstler zu etablieren. So schreibt er 1902 an seine spätere Frau Martha, er wolle sich den Sommer freihalten, um „Bilder zu malen und ein unabhängiger Künstler zu werden.“37
Rudolf Pfefferkorn verweist bei Bildern wie Blumenstilleben mit Kaktus, Zwei Frauen bei der Handarbeit (Abb. S. 35) und Liegender weiblicher Akt (Abb.) auf Einflüsse durch Maler der französischen Künstlergruppe der Nabis wie Pierre Bonnard. In farblicher Hinsicht sieht er in dem liegenden Akt „fast ein Bravourstück: Intensives Grün im Rücken der Liegenden wechselt mit zarten Rosatönen, Blau und Ocker in Kopf, Hüftpartie und Beinen … die grünschimmernden Körperpartien erfahren in dem grünen Einband des Buches, der in seiner Wirkung durch das leuchtende Weiß des Papiers (der Buchseiten) noch intensiviert wird, einen fast dramatischen Höhepunkt.“38 Die Möglichkeit, die geschilderte Palette der Farben anhand der Abbildung nachzuvollziehen, war aufgrund der Schwarzweiß-Abbildung bei Pfefferkorn nicht möglich. Das Gemälde war jahrelang verschollen.
Pfefferkorn erinnert an Theodor Däublers erste monographische Veröffentlichung über den Künstler von 1919, in der dieser Cézanne „als den Meister Cesar Kleins“ bezeichnet hatte.39 Der Einfluss Cézannes, der „als Überwinder des Impressionismus“ und „Bahnbrecher einer neuen Gesinnung“ von der jungen Generation der Künstler damals besonders verehrt wurde, ist bis Anfang der Zwanziger Jahre im Werk Cesar Kleins nachweisbar. – Rudolf Pfefferkorn klassifiziert die in Ahrenshoop entstandenen Bilder als Studien – vielleicht aufgrund der kleinen Bildgrößen. Ob tatsächlich eine Übertragung in größere Formate geplant war, ist nicht überliefert.
Im Sommer 1909 hält sich Cesar Klein an der Ostsee auf, wo die „Ahrenshoop-Bilder“ entstehen, die einen Höhepunkt des frühen Werks darstellen. Der geschlossene Zyklus von sieben Bildern besticht durch seinen souveränen Umgang mit Linien und Farben und eine überaus einfühlsame Umsetzung des Lichts und der Atmosphäre der Landschaft in nachimpressionistischer Auffassung.
Ina Ewers-Schultz sieht in dem Zyklus die „Aufgeschlossenheit gegenüber der französischen Moderne belegt“ und betont zudem die Eigenständigkeit und Sicherheit des Künstlers „in der Wahl der Farben und der subtilen Bildausschnitte“, sowie der „Bildaufteilung und Gewichtung der Valeurs“.40
Der idyllische Ort Ahrenshoop auf dem Darß, einer Halbinsel in Mecklenburg-Vorpommern, war aufgrund seiner pittoresken Steilküste bei Künstlern sehr beliebt. Cesar Kleins Impressionen zeigen die charakteristische Landschaft in einem von Meer und Kiefern reflektierten Licht. Da ist Bewegung in den Wolken, in den Kiefern am Wegrand, im wogenden Strandhafer und den von Wind bewegten Wellen, die gegen den Strand schlagen. Eine anmutende Ruhe oder Stille in der Landschaft nimmt beim Betrachten dieser Bilder eigenwillig gefangen. Mit lichten Farbwerten und relativ geschlossenen Formen bei gleichzeitiger Betonung des Malerischen erreicht Cesar Klein mit diesen Bildern eine überzeugende künstlerische Aussage.
Ahrenshoop II (Abb. S. 30) zeigt das „Hohe Ufer auf Fischland“ bei Ahrenshoop. Es erstreckt sich über mehr als drei Kilometer und bot den Künstlern durch seine Lage zwischen Meer und Bodden und den dort herrschenden besonderen Lichtverhältnissen vielfältige Motive.41 Das Gemälde lenkt den Blick über die Steilküste auf die auflaufende See darunter. In den Felsen ist eine Frau mit Sonnenhut auszumachen. In ihrem malerischen Duktus verweist die in sanftem Licht entwickelte Atmosphäre der sommerlichen Ostseelandschaft auf die Plein-air-Malerei, die erstmals in der freien Natur und nicht im Atelier entstandenen Werke der französischen Impressionisten. Eine Badekabine am Strand (Ahrenshoop IV, Abb. S. 31), ein Weg am Haus (Ahrenshoop VI, Abb. S. 25), ein Weg mit Bäumen (Ahrenshoop V, Abb. S. 32) lassen in der Formgebung an Cézanne denken. Die frontale Sicht aus kürzester Entfernung auf ein unter niedrigen Fenstern gelegenes Blumenbeet eines Bauerngartens (Ahrenshoop VII, Abb. S. 33) erinnert an den Pariser Japonismus, den starken Einfluss japanischer Holzschnitte auf die Bildkompositionen der Impressionisten und die Arbeiten der französischen Nabis.
Cesar Klein formuliert in seinen in Ahrenshoop entstandenen Bildern seinen Willen zur freien künstlerischen Gestaltung. Mit den Ahrenshoop-Bildern gelingt ihm eine Bildsprache, die durch den auffallend ruhenden Pol in ihrem Zentrum den Betrachter unmittelbar einnimmt.
Ahrenshoop II, Das „Hohe Ufer auf Fischland“, 1909 Öl auf Malpappe
Stiftung Kunstmuseum Ahrenshoop
Ahrenshoop IV, Badekabine am Strand, 1909 Öl auf Malpappe
Privatbesitz Lübeck
Ahrenshoop V, Weg mit Bäumen, 1909 Öl auf Malpappe
Privatbesitz Lübeck
Ahrenshoop VII, Bauernhaus mit Vorgarten, 1909 Öl auf Malpappe
Privatbesitz Bad Schwartau
Stilleben mit Vorhang, Tisch und Vasen, um 1910/1911
Öl auf Leinwand Privatbesitz
Zwei Frauen bei der Handarbeit, um 1909 Öl auf Malpappe
Stiftung Schleswig-Holsteinische Landesmuseen Schloss Gottorf
Im April 1910 gehört Cesar Klein zu einer Gruppe von jungen Künstlern, die von der Jury der Sezession ausgeschlossen werden. Der Vorwurf lautet auf Nachahmung von van Gogh, Cézanne und Gauguin. Unter der „Federführung von Georg Tappert und Heinrich Richter-Berlin“ organisiert sich daraufhin der Widerstand der Betroffenen gegen dieses Vorgehen der einst selber durch einen ähnlichen Protest entstandenen Berliner Secession unter Walter Leistikow und Max Liebermann.42
Stilleben mit Früchten und Blumen, um 1907– Öl auf Leinwand
ehem. Sammlung Gottfried Heinersdorff
Noch im April wird die Neue Secession gegründet. Cesar Klein tritt der Organisation vermutlich gleich zu Anfang im April des Jahres bei. Das Sekretariat der Gruppe wird zunächst von einem Mitarbeiter der Buch- und Kunsthandlung Maximilian Macht in der Rankestraße, nahe der Gedächtniskirche, geführt. Dort findet am 15. Mai 1910 unter dem Titel Ausstellung von Werken Zurückgewiesener die erste Ausstellung statt. Das Ausstellungsplakat entwirft Max Pechstein.43
Cesar Klein ist mit zwei Stilleben (Abb. S. 37) in der Ausstellung vertreten, in deren Mittelpunkt jeweils eine japanische Porzellanfigur steht inmitten anderer Gegenstände wie Obst, Puderdöschen oder einer Tischlampe. Beide Bilder bezeugen nach Ina Ewers-Schultz, „eine neue künstlerische Phase, die impressionistische Tendenzen und atmosphärische Bildstimmungen des Ahrenshoop-Zyklus hinter sich lässt. Unschwer (sei) die Auseinandersetzung mit dem großen Vorbild Paul Cézanne zu erkennen, das für die nächsten Jahre Orientierungspunkt“ bleibe.44
1909 zeigt Paul Cassirer in seinem Kunstsalon in der Viktoriastraße in Berlin-Tiergarten erneut eine Cézanne-Ausstellung.45 „Die Faszination“, so Ina Ewers-Schultz, „wirkte offensichtlich so unmittelbar, dass der Künstler zunächst die Vorgehensweise Cézannes nachvollziehen musste, bevor er sich in der Folge die dort erhaltenen Anregungen für seine Kunst nutzbar machen konnte.“46
Es sind überwiegend expressionistisch orientierte Künstler, die sich in der Neuen Secession zusammenschließen. Max Pechstein, von den Gründungsmitgliedern zum Präsidenten der „Zurückgewiesenen“ gewählt, bringt im Mai 1910 seine Künstlerfreunde Ernst Ludwig Kirchner, Otto Mueller und Erich Heckel von der Künstlervereinigung Brücke in die neue Gruppe ein. In der Folgezeit versucht Pechstein immer wieder eigene Vorstellungen mit der Drohung durchzusetzen, die Brücke werde austreten und sorgt damit für erheblichen Unmut unter den anderen Mitgliedern. Als sich im Dezember 1911, nach der vierten Ausstellung, die angestauten Konflikte in einem Eklat entladen und die Brücke-Mitglieder tatsächlich geschlossen aus der Neuen Secession austreten, bilden Tappert, Richter-Berlin und Arthur Segal mit Moriz Melzer und Cesar Klein den neuen Vorstand.47
Stilleben mit japanischer Porzellanfigur, Lampe und Spiegel, um 1910 Öl auf Leinwand
Privatbesitz Berlin
Straße in Lübeck mit Blick auf die Türme des Doms, um 1912–Holzschnitt
Privatbesitz Neuss
Vermutlich hatte Cesar Klein die Funktion des Schriftführers übernommen. Im August 1912 schreibt Karl Schmidt-Rottluff aus Dangast und fragt, wie lange die Neue Secession die Anfang 1911 zusammengestellte Kollektion, zu der vier seiner Bilder zählen, noch zirkulieren lassen werde.48 Von diesen wenigen Hinweisen abgesehen, sind keine weiteren Informationen über eine aktive Mitarbeit in der Neuen Secession überliefert.
1912 beteiligt sich Cesar Kleins an der Sonderbundausstellung in Köln – aus heutiger Sicht die damals überregional bedeutndste Ausstellung moderner Kunst in Deutschland. Die im Katalog genannten, aber nicht abgebildeten, Gemälde Cesar Kleins, Der Morgen, Spielende Kinder und Landschaft, konnten bisher nicht identifiziert werden. Nur wenige Bilder des freien Werks aus dieser Zeit sind bekannt, darunter eine Straßensituation im Schatten der Türme des Lübecker Doms (Abb.) Das kleine, nur 48,5 × 34 cm große, auf Pappe gemalte Bild weist in der Farbpalette deutlich über den Ahrenshoop-Zyklus hinaus auf den Expressionismus.49
Straße in Lübeck mit Blick auf die Türme des Doms, um 1912 Öl auf Malpappe
Privatbesitz Mölln
Porträt Martha Klein (mit großem Hut), um 1912 Öl auf Leinwand
Stiftung Schleswig-Holsteinische Landesmuseen Schloss Gottorf
Rostock, 1913 Aquarell mit Deckweiß
Privatbesitz Bad Schwartau
In den Jahren von 1912 bis 1918 setzt sich Cesar Klein intensiv mit dem Holzschnitt auseinander und folgt damit der allgemeinen Vorliebe der Expressionisten für diese Technik. Gemessen an der Vielzahl an Ölbildern und Gouachen sind aber nur wenige Holzschnitte von ihm überliefert.
Die Blätter sind zumeist nicht datiert. Die ersten müssen um 1912 entstanden sein. Dazu zählt vermutlich das Blatt Boote am Strand (Abb. S. 44) sowie ein um 1912/14 entstandener Akt am Fluss (Abb. 49). Ein weiterer Akt vor einer Bergkulisse (s. Pfefferkorn 1962, S. 34) existiert in zwei verschiedenen farbigen Fassungen.50 Auch Kopf eines bärtigen Mannes (Abb. S. 45) ist bisher nur in einem kolorierten Abzug bekannt.
Die Holzschnitte Kopf des dornengekrönten Christus (Abb.), Kopf eines bärtigen Mannes und Weiblicher Akt mit Blüte in Händen
