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Achims abenteuerlicher Glaubensweg geht weiter. Im ersten Band "Der Heiligenschein im Vollwaschgang" hatte er seinen Platz in der Gemeinde gefunden, die zahlreichen Diskussionen mit Jesus hatten ihm dabei die göttliche Führung ein kleines Stück näher gebracht. Jetzt, nach erfolgreicher Adoption in Südamerika, werden er und Judith aus dem Kreis der Kinderlosen in den Kreis der Kindergesegneten aufgenommen. Doch was so segensreich beginnt, entwickelt im Laufe der folgenden 20 Jahre eine ungewollte Eigendynamik. Achim und sein ebenso gesegneter Freund Heinz mühen sich mit Pubertät und Sinnfindung ab. Und Jesus? "Herr, jetzt komm mir nicht wieder mit der Ich-bin-der-gute-Hirte-Masche." Mit diesem Spruch beginnt Achims Gebet, wenn mal wieder alles quer läuft. Jesus hat es dann nicht leicht, ihm klar zu machen, was Gottvertrauen bedeutet. Und das hat Achim dringend nötig, denn sein Kollege Makowiz setzt mal wieder alles dran, ihn mit seinem Glauben zu provozieren. "Sind die da alle so verklemmt bei euch im Tempel?" Solche Sprüche von Makowiz bringen Achim zur Weißglut, und er wartet nur auf eine passende Gelegenheit, ihm das heimzuzahlen. Dass sich dadurch der Hausbibelkreis von einem waschechten Gepard bedroht fühlt, ist nicht beabsichtigt. Heinz wird derweil von seinem pubertierenden Sohn Jens an die Belastungsgrenze gebracht, als eine aufregende Französin erscheint. Gemeinsam mit Achim unternimmt er alles, um das Chaos perfekt zu machen. Jahre später hat sich Heinz' Kontakt zu seinem Sohn auf ein Minimum reduziert. Bruder Seidler schafft es in gewohnt fundamental-pietistischer Manier, dieses Problem weiter hoch zu kochen. Damit sich alles zum Guten wendet, muss Jesus mal wieder viele Gespräche mit Achim führen.
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Seitenzahl: 315
Veröffentlichungsjahr: 2013
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Erwin Schröder
Neues vom Heiligenschein
Achims abenteuerliches Glaubensleben in vier Episoden
Dieses ebook wurde erstellt bei
Inhaltsverzeichnis
Titel
Die Adoption
Der Gepard im Hausbibelkreis (5 Jahre später)
Jacqueline, ohlala ... (wieder fünf Jahre später)
Warum gibt es Gott? (noch einmal sieben Jahre später)
Impressum neobooks
Wie uns der Klapperstorch boykottiert und Jesus die Vertrauensfrage stellt
„Jesus“, fragte ich, „warum können wir unser Kind nicht bekommen wie andere Leute auch?“
„Glaubst du, ein selbst geborenes wäre besser als das, was jetzt auf euch wartet?“, erwiderte Jesus.
„Nein, das nicht unbedingt, aber beim selbstgeborenen wäre alles mehr wie ein Geschenk aus deiner Hand, und jetzt … ähh, ich weiß nicht, wie ich das ausdrücken soll …“
„Du weißt, dass du Unsinn redest“, sagte Jesus. „Es wäre ehrlicher, du würdest dir deine Angst vor dieser Reise eingestehen.“
„Na hör mal, so ganz ohne ist eine Auslandsadoption wirklich nicht. Man weiß ja nie, was für ein Kind … also, wie der später mal einschlägt.“
Jesus schmunzelte; das tat er öfters bei mir. Ich konnte es natürlich nicht sehen, diese ganzen Gespräche mit ihm waren ja nur fiktiv, in meinem Kopf gewissermaßen; aber doch wieder so real, dass ich mir seine Gemütsregungen gut vorstellen konnte. Und dass er in letzter Zeit so oft schmunzeln musste, behagte mir gar nicht.
„Vielleicht beruhigt es dich ein wenig“, fuhr er fort, „wenn ich dir sage, dass euer Kind eine Mischung aus Tante Leni und Onkel Ludger geworden wäre.“
Das war nun gerade die Aufmunterung, die ich gebraucht hatte. Judiths Tante Leni, glühende Verehrerin von Marcel Lefèvre. Das war dieser Erzbischof, der sich seinerzeit mit dem Papst überworfen hatte, weil er dieses ganze moderne Zeug in der Kirche nicht mochte und seine Messen lieber lateinisch gehalten hatte. Und dann mein Onkel Ludger. Für den waren alle Pfaffen Lügner und Verbrecher. Die kamen direkt nach den Politikern, und die wiederum direkt nach den Handwerkern. Es hatte einige wenige Familienfeiern gegeben, auf denen sich die beiden begegnet waren. Und wir waren inzwischen alle froh, wenn sie sich nur mit Missachtung straften. Es war mir absolut unvorstellbar, wie sich so unterschiedliche Veranlagungen in einem Menschen vereinigen könnten. Bei der Befruchtung im Mutterleib würde es wahrscheinlich schon zur ersten großen Auseinandersetzung kommen.
„Jesus“, begann ich wieder, „willst du damit sagen, dass Judith und ich Träger dieses familiären Erbgutes sind?“
„Wenn du in die Tiefen deiner Seele blicken könntest“, sagte Jesus, „wärest du erschrocken, was du alles zu sehen bekommst. Aber wir kommen vom Thema ab, Achim. Warum kannst du denn der Adoption nicht mit der gleichen Zuversicht entgegenblicken wie einer Geburt?“
„Herr, hast du eine Ahnung, was da alles schiefgehen kann?“
„Hast du denn gar kein Vertrauen zu mir?“
„Ja … eigentlich schon.“ Da war sie wieder, diese Vertrauensfrage. Natürlich, eigentlich hatte ich schon Vertrauen, aber was hieß das schon? Hatte ich von Jesus etwa die Gewähr, dass alles gut gehen würde? Hatte er mir versprochen, dass wir alle Formalitäten erfolgreich abwickeln würden? Konnte ich mir sicher sein, dass das Kind bei unsrer Ankunft überhaupt noch da war? Und welche Zusagen hatte ich über die Gesundheit und die Entwicklung des Kindes? Vielleicht war der Vater Alkoholiker, die Mutter drogenabhängig, das Kind im Mutterleib schon vorgeschädigt. Vielleicht gab es schlimme Erbschäden, die erst im Teenie-Alter zu Tage treten würden. Und dann die soziale Integration. Worauf konnte ich mich denn da verlassen bei Jesus? Vielleicht würde das Kind gehänselt und geärgert. Vielleich würde die dunkle Hautfarbe doch mehr auffallen, als wir uns dachten. Vielleicht gab es jetzt schon so ein paar superblonde Säuglinge in unsrer Stadt, die nur darauf warteten, unserem Kind später in der Schule irgendwas Gemeines nachzurufen. Und da fragte Jesus mich so einfach, ob ich denn kein Vertrauen hätte!
Und wie in Gedanken murmelte ich erneut meine Antwort: „Ja … eigentlich schon, aber …“ Dieses Aber – es saß einfach drin in meinem Kopf.
„Vertrauen ist mehr“, sagte Jesus, „mehr als die Gewissheit, dass sich alles nach deinen Wünschen entwickeln wird.“
„Ich weiß“, sagte ich leise, aber eigentlich wusste ich gar nichts. Im Moment hätte mir diese kleine Stück Gewissheit auf jeden Fall sehr gut getan.
Wie wir mit guten Ratschlägen überschüttet werden und ein Toyota uns göttliche Weisung geben soll
Unser Weg bis zur Adoption war schon lang und steinig gewesen. Bereits vor zwei, drei Jahren war der Kinderwunsch bei uns gewachsen, und wir hatten mit viel Elan und Fantasie versucht, auf natürliche Art zu einem Kind zu kommen; Tage zählen und Candle-Light-Dinner inklusive. Aber all unsere Bemühungen hatten nicht gefruchtet … im wahrsten Sinne des Wortes. Dabei waren Judiths mütterliche Ambitionen immer stärker geworden, nicht zuletzt beim Anblick des Kindersegens in unserer Gemeinde. Und bei mir lagen schon umfangreiche Pläne für eine Modelleisenbahn in der Schublade, die nur darauf warteten, endlich in Produktion gehen zu dürfen. Doch Monat um Monat verging, ohne dass sich der gewünschte Erfolg einstellen wollte.
„Kinder sind eine Gabe des Herrn, so etwas muss erbeten sein“, war der erste gute Ratschlag, den wir erhielten. Es erschien auch mir absolut logisch, dass so ein elementarer Lebensabschnitt durch ein Gespräch mit Gott Unterstützung finden sollte.
„Jesus, du weißt schon, warum ich mit dir reden muss“, fing ich eines Tages an. „Das mit unserem Kind, beziehungsweise, dass wir kein Kind … Wo wir doch jetzt alles tun, damit endlich … Du verstehst, was ich meine.“
Ich lauschte in die Stille, lauschte in mich hinein, konnte jedoch keine spontane Reaktion Jesu erkennen.
„Schau mal: Wie viele Paare kriegen Kinder und wollen gar nicht! Wie viele Frauen werden mit Kindersegen überschüttet, ohne dich ein einziges Mal zu konsultieren. Und wir, wir möchten liebend gerne, und nichts tut sich! Du musst zugeben: Das ist nur schwer zu begreifen.“
Ich machte eine kurze Pause und schob dann schnell hinterher: „… aus menschlicher Sicht, meine ich natürlich.“
Da ich Jesu Stimme immer noch nicht hörte, wurde ich etwas offensiver.
„Jesus, ich kann mir überhaupt nicht vorstellen, warum du uns den Kinderwunsch abschlagen solltest. Schließlich bieten wir doch gute Voraussetzungen für ein Kind … Judith als Pädagogin und dann bei all ihrer Mutterliebe. Es kommt mir manchmal so vor, als verteilst du deinen Segen nach dem Gießkannenprinzip.“
Ich hielt wieder inne. Warum antwortete Jesus mir nicht? Wenn ich gar nichts von ihm hörte, war das weitaus schlimmer, als wenn er schmunzelte. Natürlich, ich konnte mir seiner Nähe sicher sein, auch wenn ich seine Stimme nicht direkt hörte. Die Sonne scheint auch, wenn der Himmel bewölkt ist, man kennt das ja … rein theoretisch wenigstens.
Aber warum? Warum bekam ich keine Antwort? Eine Sache, die mich schon immer beschäftigt hatte. Wie höre ich Gottes Stimme? Wie erkenne ich seinen Willen? Wann und warum redet er zu mir? Wann und warum schweigt er? Und das Wichtigste: Wann, wie und wo kann ich ein Stück seiner Nähe ergattern? Ein unerschöpfliches Thema, mit dem ich mich demnächst noch mal auseinander setzen sollte. Doch im Moment fühlte ich mich wie jemand, der mit nassen Haaren und Föhn in der Hand verzweifelt die Steckdose sucht.
Ein paar Wochen später erhielten wir dann den zweiten guten Ratschlag: „Es gibt Schuld in eurem Leben, die nicht bereinigt ist. Der Herr kann nicht segnen, solange ihr nicht die volle Vergebung eurer Sünden habt.“
Ich muss zugeben, dass die Sache mit der Sündenvergebung nie ein großes Thema für mich gewesen war. Ich war ein Mensch und als solcher automatisch mit Schwächen, Fehlern und Verfehlungen behaftet. Und ich wusste: Wie sehr ich mich auch abmühen würde, beim besten Willen könnte ich nicht fehlerfrei werden. Natürlich wusste ich auch, dass Gott das wusste. Und dann war da noch das Kreuz. Theoretisch war mir alles klar, die Sache mit der Sündenvergebung. Es gab ja auch genug Gleichnisse und Geschichten, die einem die Symbolik erklären sollten: Der Herrscher, der dem Verurteilten gegenübersteht und aus dem Konflikt zwischen Gerechtigkeit und Barmherzigkeit heraus die Strafe auf sich nimmt …
Natürlich – so klang es direkt logisch, die Sache mit dem Kreuz. Aber ich hatte mich einmal im Gespräch mit Jesus zu einer fatalen Äußerung hinreißen lassen. „Jesus“, hatte ich gesagt, „ich glaube, ich habe das mit der Sündenvergebung endlich verstanden. Eigentlich ist es ganz einfach.“
„Für mich“, hatte Jesus geantwortet, „war es alles andere als einfach.“ Und dabei hatte er so einen komischen Unterton in der Stimme gehabt, dass mir mit einem Schlag bewusst wurde, wie wenig ich verstanden hatte. Doch irgendwann hatte ich aufgehört, mir zu viele Gedanken über Sünde, Schuld und Vergebung zu machen. Nicht zuletzt hatte ich das traurige Beispiel einzelner Geschwister vor Augen, die sich jahrelang mit Versündigungsgedanken herumquälten.
Trotzdem blieb dieser gut gemeinte Ratschlag bei mir nicht ohne Folgen. Sollte es möglich sein, dass es eine Schuld gab, die nicht unter Gottes Generalamnestie fiel, sondern für die man eine Sonderbegnadigung brauchte, quasi auf speziellen Antrag hin?
Genau in dieser Zeit, als ich mein Sündenregister näher unter die Lupe nahm, kam von einem Bekannten aus der Gemeinde ein dritter gut gemeinter Ratschlag: „Ihr müsst mit eurem Kinderwunsch in der rechten Demut vor den Herrn treten.“
Sollte hier vielleicht eine unerkannte und somit unvergebene Schuld vorliegen? Mangelnde Demut hatte ich bis dahin nie für mein Hauptproblem gehalten, aber je länger ich darüber nachdachte, umso mehr fielen mir Schwachpunkte meiner inneren Haltung auf. Hatte ich unseren Kinderwunsch nicht wie eine Selbstverständlichkeit eingefordert? Hatte ich Judith und mich nicht als hoch qualifiziertes Elternpaar dargestellt wie bei einem Bewerbungsgespräch? Und dann die Sache mit dem Gießkannenprinzip, was war mir das peinlich! Wie hatte das nur passieren können? Ich hatte Gott Vorschriften und Vorwürfe gemacht. Wie zum Zeichen tiefer Reue kramte ich meine Bibel hervor und schlug das Buch Hiob auf. Hinten am Ende, da gab’s doch die Antwort Gottes auf Hiobs Bemerkungen … da, ich hatte den zentralen Satz gefunden: „Wer ist’s, der den Ratschluss verdunkelt mit Worten ohne Verstand?“ Und dann folgte eine endlose Litanei von Naturgewalten, die Gottes Allmacht bezeugen sollten. Schließlich stieß ich auf einen Satz, den ich wie ein Stoßgebet zum Himmel schickte: „Siehe, ich bin zu gering; was soll ich antworten?“ Und dann noch als Schlusswort: „Dein Wille geschehe.“
Natürlich war diese innere Einkehr ein zweischneidiges Schwert. Denn kaum hatte ich mein kurzes Gebet gesprochen, fand ich mich selbst ganz schön demütig. Und so viel Demut verdiente eigentlich eine Belohnung.
Wieder vergingen Monate. Wieder warteten wir auf den gewünschten Erfolg, und wieder wuchs die Enttäuschung. Da erreichte uns der vierte gute Ratschlag.
„Euer Glaube soll geprüft werden. Wer nicht von ganzem Herzen glaubt, der empfängt auch nichts.“
Damit befand ich mich natürlich in einer geistlichen Zwickmühle. Liebend gern war ich bereit, von ganzem Herzen an die Erfüllung eines Gebetswunsches zu glauben ... wenn er denn irgendwann auch erfüllt würde. Aber wie sollte ich blind vertrauen, wenn ich schon so oft enttäuscht worden war. Na schön, zugegeben,enttäuschtwar nicht das richtige Wort, aber irgendwiedoch... manchmal ... so ein bisschen.
Ich wandte mich an Jesus in der Hoffnung, diesmal eine klare Antwort zu erhalten.
„Herr, ich glaube ja, dass wir in deiner Hand geborgen sind. So im Allgemeinen habe ich damit auch keine Probleme, aber manchmal wünsche ich mir auch etwas Konkretes. Wenn wir keine Kinder haben sollen, dann will ich das ja gerne aus deiner Hand nehmen …“ (Hätte ich dasgernejetzt lieber weglassen sollen?) „Aber ich will ja nicht nur für mich reden. Schau mal, Judith gerät über kurz oder lang in eine Krise, wenn das so weitergeht. Wie wäre es, wenn du uns direkt sagst, was jetzt dran ist, so mit einem Zeichen, du weißt schon, was ich meine.“
Die Idee mit dem Zeichen war nicht schlecht. Das hatte was Konkretes, da würde mir das Glauben schon leichter fallen.
„Jesus, du musst ja nicht gleich ein Wunder tun … ich weiß, dass du mit solchen Sachen sehr zurückhaltend bist. Wir könnten ja unter Wahrung der Naturgesetze etwas vereinbaren. Wie wäre es mit ...“ Ich sah mich suchend um, mein Blick fiel auf die Ablage unter dem Fernseher. Unter der Programmzeitschrift schaute eine Ecke meiner Bibel hervor. Ich könnte den Finger blind auf einen Bibelvers legen und den dann als Antwort auf meine Frage sehen: Kind ja oder Kind nein.
Ich wollte schon aufstehen und nach dem Buch der Bücher greifen, da zögerte ich. Es gab ja so endlos viele Verse, die mehr allgemein blieben. Was wäre, wenn ich zum Beispiel auf „Der Herr ist mein Hirte“ oder etwas Ähnliches tippen würde? Da wäre ich so schlau wie vorher. Nein, ich musste etwas finden, was kategorisch nur ein Ja oder ein Nein zuließ. Gab’s da nicht diese Bibelstelle mit dem Fell? Jemand hatte über Nacht ein Fell vor die Tür gelegt, und je nachdem, ob es am nächsten Morgen mit Tau bedeckt war, bedeutete das ein Ja oder ein Nein von Gott. Ich hatte schon von Leuten gehört, die so was gemacht hatten, ob mit Erfolg, war mir jetzt entfallen. Aber Judith besaß leider keinen Pelzmantel; wahrscheinlich hätten die Nachbarn auch seltsam geguckt, wenn ich ihn vor die Tür gelegt hätte. Nein, ich musste etwas Einfacheres finden. Wie wäre es mit einem Blick aus dem Fenster, und das nächste Auto ... ja, das war’s!
Ich stellte mich ans Fenster und sah hinaus. Unsere Straße lag einsam und verlassen da. Ich hatte plötzlich ein bedeutungsvolles Gefühl im Bauch.
„Jesus“, begann ich feierlich, „ich trete jetzt vor dein Angesicht und bitte dich um Klarheit. Auf dein Wort wollen wir hören und deinen Weisungen folgen. Deinen Willen wollen wir erkennen und nach deinem Weg fragen. In aller Demut wollen wir uns unter deine leitende Hand stellen und uns nach deiner Führung ausstrecken ... Mann, Jesus, ich halte diese Ungewissheit nicht mehr aus. Pass mal auf, ich habe mir das folgendermaßen überlegt: Die Farbe des nächsten Autos, das hier vorbeifährt, ist deine Antwort. Ein rotes Auto bedeutet ‚Ja, ihr bekommt ein Kind’, jede andere Farbe bedeutet ‚Nein, ich habe andere große Aufgaben für euch‘.“
Jetzt war’s raus. Noch nie hatte ich an Gott so eine konkrete Anfrage gerichtet. Natürlich war ich mir unsicher, ob das Ganze überhaupt biblisch legitim war, aber die Sache mit dem Fell hatte mir dann doch Mut gemacht.
Unsere Straße war eine Nebenstraße, es könnte leicht passieren, dass ich eine Viertelstunde auf das nächste Auto warten müsste. Die Minuten verstrichen, und nichts passierte. Ein einsamer Radfahrer kam vorbei. Ich trat zwei Schritte vom Fenster zurück, um nicht gesehen zu werden.
Eigentlich hatte ich mit meiner Aufgabenstellung die Chancen schon zu unseren Ungunsten verteilt. Der prozentuale Anteil roter Autos am gesamten Straßenverkehr lag ja weit unter fünfzig Prozent. Bedeutete das nicht, dass ich die Aussichten auf ein Kind entsprechend niedrig angesetzt hatte? Vielleicht hätte ich es umgekehrt machen sollen, rot heißt „Nein“, alles andere heißt „Ja“. Aber jetzt noch tauschen? Nein, wie hätte das ausgesehen vor Gott? Schließlich stand ich hier nicht am Roulette-Tisch, sondern vor Gottes Angesicht. Sollte er diese ungleichen Spielchancen doch ruhig als Beweis sehen für meinen tiefen Glauben an seine Führung.
Ein Motorgeräusch näherte sich. Es war soweit, in wenigen Sekunden würde Gott zu mir reden, würde diesen ahnungslosen Autofahrer zu einem Werkzeug seines Wirkens machen. Da ... jetzt ... der Wagen, gleich würde er ... und schon sauste er vorbei, ein älterer Toyota ... Farbe: orange ... Eigentlich richtig orange, genau genommen ein rötliches Orange, ein Orange, das sich auf der Farbskala deutlich im rotstichigen Bereich bewegte ... Aber eigentlich nicht richtig rot.
Wie konnte man nur ein Auto so lackieren! Noch nie hatte ich solch eine seltsame Farbe gesehen, einfach schauderhaft. Bestimmt hatte da jemand selbst mit Pinsel und Farbe rumgekleckert. Wahrscheinlich war die Originallackierung purpurrot gewesen.
Aber es half nichts. Mein Ärger über diese Farbe sollte ja nur von meiner Unsicherheit ablenken, wie ich das Ganze zu bewerten hätte. War das ein rotes Orange gewesen oder ein orangefarbenes Rot? Die Frage benötigte dringend eine wissenschaftliche Klärung. Hatte ich nicht in meinem Zeichenschrank im Keller diese große Farbpalette liegen? Na klar, das gesamte Farbspektrum mit allen denkbaren Schattierungen war da vertreten. Chromorange und cadmiumrot lagen denkbar dicht nebeneinander.
Ich rannte los, riss die Kellertür auf und sprang die Stufen hinunter. Gleich würde ich Klarheit haben. Auf dem letzten Treppenabsatz traf mich dann die Stimme Jesu. Sie war wesentlich gewaltiger als sonst, fast wie ein kleiner Donnerschlag. Man hätte auch meinen können, es wäre die Stimme von Gottvater gewesen, obwohl es natürlich Quatsch ist, so was an der Stimmlage auszumachen.
„Wenn ich es nicht mit eigenen Augen sehen würde“, rief mir Jesus zu, „ich würde es nicht glauben, was du da gerade tust.“
Ich blieb wie angewurzelt stehen. „Herr, ich dachte doch nur ...“, stammelte ich, doch Jesus unterbrach mich, was sonst gar nicht seine Art war, mitten im Satz.
„Wenn du so weitermachst, wirst du dir deine Lebensfragen alle selbst beantworten und sogar noch fest daran glauben, du hättest deine Weisheit von mir bekommen. Jetzt habe ich dir mit diesem komischen Toyota schon eine Antwort gegeben, die selbst du verstehen könntest. Ich hätte mich auch raushalten können und zusehen, wie du dir mit dem erstbesten Wagen deine Antwort zusammenbastelst. Wann begreifst du das endlich? Glauben heißt nicht Wissen. Glauben heißt mehr als Wissen.“
Es war wieder still. Ich stand immer noch wie angewurzelt am Fuß der Kellertreppe.
„Jesus?“, fragte ich vorsichtig, doch ich bekam keine Antwort. Anscheinend hatte er mir alles gesagt, was gesagt sein musste. „Glauben heißt mehr als Wissen“, wieder einer von seinen schwer verdaulichen Sprüchen. Warum war das alles nur so kompliziert?
Als ich die Treppe langsam wieder hochging, kam mir aber doch noch ein passender Bibelvers in den Sinn, den ich wie ein Stoßgebet nach oben schickte.
„Ich glaube, hilf meinem Unglauben.“ Wer hatte das noch gesagt und warum? Müsste ich bei Gelegenheit mal nachsehen.
Wie Bruder Ernst Mahler am Globus dreht und mein Schulatlas im Regal verstaubt
Als wir beim Thema „Auslandsadoption“ angekommen waren, lag bereits eine Menge hinter uns: Zahlreiche Besuche bei verschiedenen Ärzten, der Gang zum Jugendamt wegen einer deutschen Adoption und schließlich die Anfrage bei diversen Organisationen, die eine Auslandsadoption vermitteln. Wir wollten uns aber nicht nur auf amtliche Stellen verlassen, sondern versuchten auch privat, Kontakte ins Ausland zu knüpfen.
In unsrer Gemeinde gab es schließlich Ernst Mahler, einen alten Missions-Hasen, schon seit längerer Zeit aus dem Dienst ausgeschieden, aber immer erfreut, wenn man seine Hilfe in Anspruch nahm. Als er unser Informationskonto mit Ratschlägen und Kommentaren auffüllte, drehte er vor seinem geistigen Auge den Globus herum wie einen Ansichtskartenständer.
„Die Philippinen würde ich empfehlen, ein wunderschönes Land ... sehr intelligente Menschen, die Filipinos ... Da müsste doch was zu machen sein ... Oder wie wäre es mit Bangladesch? Ein Land mit großer Armut und noch größerem Kindersegen ... Die Hautfarbe wäre natürlich dunkler als bei den Filipinos ... Wenn das ein Problem ist wegen der sozialen Integration und so ... Unter diesem Gesichtspunkt wäre Schwarzafrika natürlich auch zu überdenken, obwohl ... Wir als Gemeinde haben einen Bruder mitten ins Missionsfeld der afrikanischen Savanne ausgesendet vor ein paar Jahren, da könnte man doch über diesen Kontakt ... Südamerika kann ich natürlich auch empfehlen ... reizende Menschen, diese Südamerikaner; vielleicht etwas unorganisiert, aber sonst ... In den Partnergemeinden dort haben sich die herzlichsten Freundschaften ergeben ... Unter den Mestizen, also den Mischlingen, gibt es ausgesprochen schöne Menschen“, wahrscheinlich meinte er die Frauen, „während im Hochland die Indios ... Also die Indiofrauen haben alle krummen Beine, aber das kommt sicher von der schweren Arbeit.“
Bei dieser internationalen Auswahl, die wir da von Bruder Ernst Mahler präsentiert bekamen, war es mir selbst nicht mehr ganz klar, wieso wir überhaupt irgendwelche Zweifel und Probleme hatten. Die Auswahl war riesig. Es gab Millionen armer, elternloser Kinder rund um den Globus, die nur darauf warteten, dass wir uns endlich in den Flieger setzen würden. Doch wie sollten wir nur an eines dieser Million Kinder herankommen?
Wir bemühten unsere vielfältigen, internationalen Kontakte und hofften auf die Wegweisung Gottes. Da war zum Beispiel unser China-Restaurant. Durch unsere regelmäßigen Besuche waren wir mit der Familie Wong ein wenig vertraut, soweit die asiatische Höflichkeit dies überhaupt zuließ. Und so fragten wir eines Tages, ob man über die familiären Beziehungen nach Hongkong Kontakt zu einem Kinderheim bekommen könnte. Herr Wong lächelte uns fernöstlich an und versprach, im nächsten Brief an seinen Bruder unsere Bitte vorzutragen.
Da war zum Beispiel die Aussendungsfeier einer Nachbargemeinde. Eine junge Schwester wurde ausgerüstet für ihren Dienst in Indonesien. Wir gaben ihr einen Brief mit, in dem wir uns vorstellten und unser Anliegen formulierten. Es könnte ja sein, dass sie bei ihrer Arbeit auf der anderen Seite des Globus genau auf das Waisenkind treffen würde, das Gott für uns schon ausgesucht hatte. Außerdem hatte ich im Atlas nachgesehen: Indonesien lag praktisch in direkter Nachbarschaft zu den Philippinen, laut Bruder Ernst Mahler eine empfehlenswerte Ecke.
Da war zum Beispiel dieser Pastor auf unserer Sommerfreizeit. Der kannte wieder einen Amtskollegen, der hatte mal in Südamerika adoptiert; Peru, Kolumbien oder diese Ecke da. Ich traute mich zwar nicht zu fragen, ob das Kind ein Hochlandindio war, aber Judith und ich verschickten wieder unser Brieflein: „... möchten wir uns auf diesem Wege vorstellen und wären Ihnen zutiefst verbunden, wenn Sie uns bei unserem Anliegen ... usw., usw. ...“
Im Laufe der Zeit bekam ich Zweifel, ob unsere Versuche jemals belohnt würden. Herr Wong lächelte uns immer noch mit asiatischer Vieldeutigkeit an. Der Luftpostbrief aus Indonesien, den ich eines Tages in den Händen hielt, war nicht von unserer Missionsschwester, sondern enthielt die garantierte Gewinnmitteilung einer Lotterie, die ich nie mitgemacht hatte. Und aus Peru kam auch keinerlei Lebenszeichen.
Mein alter Schulatlas, der einige Monate auf der Ablage neben dem Fernseher gelegen hatte, um immer griffbereit zu sein, wanderte wieder ins Bücherregal. Bei Gesprächen mit Freunden und in der Gemeinde vermieden Judith und ich inzwischen das Kinderthema. Wir wollten auf jeden Fall mitleidige Kommentare vermeiden.
Ein letztes Gespräch mit meinem Arbeitskollegen Makowiz gab mir den Rest. In der Frühstückspause sah er mich voller Mitgefühl an und meinte: „Mach dir nichts draus, Achim. Wer weiß, was ihr euch da für einen Kuckuck ins Nest geholt hättet. Du brauchst sie dir ja nur mal angucken, da hinterm Stadtpark an den Containern ... Wie die schon aussehen! Außerdem ist das Leben ohne Kinder viel angenehmer. Kannst dir ja nichts mehr leisten, wenn du mal so ein paar Blagen zu füttern hast. Und außerdem leben wir nicht im Urwald, wo man viele Kinder zur Altersvorsorge braucht. Also ... warum willst du dich damit belasten?“
„Du hast doch auch zwei Kinder“, wandte ich ein.
Er lächelte gequält. „Eben, drum! Früher hätte man ja noch sagen können, man will dem Führer ein Kind schenken, aber heute? Ich gebe dir einen guten Rat, Achim. Mach dir ein schönes Leben“, er zwinkerte mir zu, „du weißt ja, man lebt nur einmal.“
Der letzte Satz war natürlich wieder als kleiner Seitenhieb auf meinen Glauben gedacht. Aber heute verzichtete ich aufs Kontern. Ich hatte die Nase voll von all diesen Ratschlägen. Vielleicht hatte er ja nicht mal ganz Unrecht. Judith und ich könnten uns auch auf ein Leben ohne Kinder einstellen, obwohl dieser Gedanke Judith sicher schwerer fiel als mir.
Wie ein Telefonanruf unser Leben verändert und mein persönlicher Hahn dreimal krähen will
Über ein Jahr war vergangen. Das Thema „Kinder“ beherrschte nicht mehr täglich unsere Gedanken. Nur heute, da war wieder so ein Tag. Wir hatten Besuch von den Reismüllers – eine reizende, junge Familie aus unserer Gemeinde mit noch reizenderen Kindern. Es war inzwischen spät geworden, es ging schon auf elf zu.
Die drei Kinder im Alter zwischen fünf und zehn waren total übermüdet und somit unausstehlich, ein Tatbestand, der für mich niemals begreiflich sein wird. Jeder normale Mensch wird still und schläfrig in diesem Stadium, nicht so Kinder bis zu einer bestimmten Altersgruppe. Gerade hatte der Älteste der Kleinen unseren Kater Ingo am Schwanz gezogen. Der war zwar auf die oberste Plattform seines Kratzbaumes geflüchtet, das Kind war ihm aber unter Zuhilfenahme eines Stuhles nachgestiegen. Ingo fühlte sich bedroht und langte mit ausgefahrenen Krallen zu. Der kleine Reismüller, an der Hand getroffen, schrie auf, als wäre er King Kong begegnet.
Mutter Reismüller sprang auf und zog ihren Sprössling vom Stuhl. Vater Reismüller begann einen Vortrag über das Aggressionsverhalten bei Säugetieren. Die beiden Reismüller-Geschwister tanzten hämisch lachend um ihren Bruder herum. Judith versuchte Ingo zu beruhigen, der mit hochstehendem Nackenhaar vom Kratzbaum herunterfauchte, und ich, ich wollte gerade ins Bad gehen, um aus dem alten Schuhkarton in Hängeschrank Pflaster und vorsichtshalber auch gleich Verbandszeug zu holen. In diesem Moment klingelte das Telefon.
Man hätte es leicht überhören können in dem Durcheinander – und überhaupt, wer rief um diese Zeit denn noch an? Wahrscheinlich wieder ein fröhlicher Zecher, der ein Taxi brauchte. Bis auf eine Ziffer war unsere Nummer mit der Taxizentrale identisch ... lästig, lästig. Ich nahm den Hörer ab, bereit, eine kleine Nettigkeit in die Sprechmuschel zu zischen. In der Leitung knackte es ein paar Mal, dann rief eine Frauenstimme: „Hallo?“
„Ja ... hallo“, antwortete ich.
Der kleine Reismüller hielt derweil seine Hand empor wie ein Mahnmal. Ein roter Streifen zierte den Handrücken.
Doch dann fing die Stimme am anderen Ende der Leitung an zu reden. „Hier ist Christa-Maria Stark aus Peru. Ich habe ein Kind für euch. Wann könnt ihr kommen?“
Ingo hatte beschlossen, von seinem Kratzbaum herabzusteigen, um das lärmende Wohnzimmer zu verlassen. Als er auf den Boden sprang, hüpften die drei kleinen Reismüllers johlend zur Seite, als wäre King Kong vom Empire State Building herabgestiegen.
Mit diesem Bild vor Augen stammelte ich: „Ja, natürlich ... die Papiere, wenn wir die Papiere fertig haben.“
„Ich schicke euch noch ein Telegramm“, hörte ich die Frauenstimme, „ich muss jetzt Schluss machen, ich habe schon seit heute Mittag versucht durchzukommen, jetzt hat’s endlich ...“, der Satz wurde durch ein kurzes Knacken abgebrochen. Dabei war das Schlusswort so tiefsinnig doppeldeutig gewesen: „Jetzt hat’s endlich geklappt.“
Ich hielt den Hörer regungslos umklammert, als kämen noch weitere geheime Botschaften, doch die Leitung war tot. Nachdem ich mich eine halbe Minute nicht gerührt hatte, wurde Judith auf mich aufmerksam. Sie kam zu mir und fragte: „Ist was mit deinem Vater?“
Erst jetzt sah ich wieder die drei kleinen Reismüllers, die respektvoll unserem Ingo hinterher schauten.
„Nein, nein, mit Vater ist nichts“, sagte ich, „im Gegenteil, wir haben gerade ein Kind gekriegt.“
Der Abend wurde noch richtig spät, zum Glück hatten wir eine Flasche Sekt im Keller. Die Kinder waren wieder auf der Suche nach der Katze, während wir vier Erwachsenen auf das bevorstehende Glück anstießen. Immer wieder musste ich die paar Sätze wiederholen, die ich gerade am Telefon gehört hatte.
Vater Reismüller erhob sein Glas und sagte: „Ich denke, wir sollten uns das Du anbieten.“ Und als er unser zustimmendes Nicken sah, fuhr er fort: „Wenn ich dann den Anfang machen dürfte, ich bin der Heinz.“
Während seine Frau sich als Annelene vorstellte, hatte ich das Gefühl, als hätten wir eine Klubmitgliedschaft erworben. Raus aus dem einsamen Dasein der Kinderlosen, rein in den fröhlichen Klub der Eltern.
Heinz überflog gleich darauf mit Kennerblick unsere Wohnungseinrichtung mit all den geschmackvollen Nutzlosigkeiten, die Judith so gern dekorativ verteilte. „Sieht ja alles hübsch aus“, sagte er dann, „aber wenn euer Kind erst mal da ist ...“
Weiter sagte er nichts. War mir auch egal. Ich verbuchte diesen Satz auf unser ohnehin schon überfülltes Konto mit guten Ratschlägen, dann erhoben wir die Gläser und stießen nochmals an.
Zwei Wochen später kam schließlich das Telegramm aus Peru: „euer kind ist geboren 5. januar junge 2500 gramm liebe grusse christa.“ Die folgenden Wochen bis zu unserem Abflug waren ausgefüllt mit Behördengängen und Papierkram. Unsere Adoptionsakte wuchs rasant. Nach Jahren des Wartens erfüllte uns auf einmal eine große Anspannung und Hektik. Eines der wichtigsten Dokumente, das wir benötigten, war der sogenannte Sozialbericht des Jugendamtes. Zu diesem Zweck hatte sich der Jugendamtsleiter zu einem Hausbesuch angekündigt.
Wir hatten alles gut präpariert. Die Wohnung war geputzt und aufgeräumt, trotzdem hatten wir einige Dinge wie zufällig auf dem Tisch und in den Ecken verstreut, um nicht in den Verdacht von Perfektionismus zu geraten. Unsere Kleidung war bewusst leger gewählt. Auf meiner Hose sollte schließlich auch ein gespuckter Spinatfleck denkbar erscheinen.
Nur eines bereitete mir Kopfzerbrechen. Inwieweit sollten wir bei diesem Besuch unseren Glauben bekennen? Schließlich kannten wir die persönliche Einstellung des Jugendamtsleiters überhaupt nicht. Sicher, irgendeine Konfessionszugehörigkeit und ein gelegentlicher Kirchgang waren angebracht. Aber unsere Gemeinde war für Außenstehende nicht gerade alltäglich, unser praktizierter Glaube ebenso wenig. Wie schnell geriet man da in den Ruf des Sektierertums? Außerdem sah unser Besucher überhaupt nicht konfessionell gebunden aus. Die etwas strähnigen Haare, diese Leinenweste und die Nickelbrille ... wie ein zu spät gekommener John Lennon. Sicher war er Humanist, Freidenker oder so etwas? Unter diesen Sozialarbeitern gab’s bestimmt auch viele Anthroposophen. Da würde mir ein Satz wie „Wir glauben an den Herrn Jesus Christus“ nur schwer über die Lippen gehen. Schließlich mussten wir für unseren Sozialbericht im allerbesten Licht stehen.
Andererseits wollte ich auch nicht dastehen wie Petrus in der Verleugnungs-Geschichte. Womöglich würde ich später einen Misthaufen vor unserer Haustür antreffen, mit einem Hahn darauf, der dreimal laut krähen würde. Nein, das Ganze musste höchst diplomatisch behandelt werden. Ich könnte ja noch schnell Jesus um Rat fragen. Aber nein, ich war mir nicht sicher, ob ... Doch, ich war mir sicher ... sicher, dass er für meine Gedanken kein Verständnis aufbringen würde.
Aber Judith war mal wieder schneller als alle meine Gedanken. Mit wenigen Sätzen schilderte sie unser Glaubens- und Gemeindeleben, und unser humanistischer Anthroposoph machte sich ein paar Notizen, ohne weiter nachzufragen. Ein paar Tage später schickte er uns einen Sozialbericht, bei dem ich selbst staunte, was für ein tolles Zuhause wir vorweisen konnten.
Wie Kap Horn zum Meilenstein unserer Reise wird und wir dem Schutz der deutschen Botschaft anbefohlen werden
In drei Tagen war unser Flug gebucht. Ein letztes Mal in der Gemeinde zum Gottesdienst – es erschien mir wie eine Abschiedsvorstellung. Noch bevor wir Platz nehmen konnten, kam Gertrud auf uns zu, eine ältere Dame, die vor einiger Zeit ihren einzigen Sohn verloren hatte. Sie hielt unsere Hände.
„Heute früh in der Stillen Zeit“, sagte sie, „habe ich ein Wort für euch bekommen: ‚Denn er hat seinen Engeln befohlen über dir, dass sie dich behüten auf allen deinen Wegen, dass sie dich auf Händen tragen und du deinen Fuß nicht an einen Stein stoßest.“ Dabei sah sie uns mit Tränen in den Augen so mitfühlend an, dass mir ganz warm ums Herz wurde.
„Ich bin sicher“, fuhr sie fort, „dass ihr mit Gottes Geleit alle Gefahren und Anfechtungen bestehen werdet, und dass der Widersacher kein Anrecht auf euch hat.“
Dann drückte sie mich so fest an sich, dass auch ich feuchte Augen bekam. Eigentlich wollten wir in fünf Wochen zurück sein, aber dieser Abschied wäre auch für fünf Jahre geeignet gewesen.
Bruder Seidler, der Geschäftsführer unserer Gemeinde, trat hinzu. Zunächst trat er etwas verlegen von einem Bein auf das andere, bis Gertrud mich aus ihrer fülligen Umarmung entließ und sich Judith zuwendete. Er zog mich beiseite und tat dabei etwas geheimnisvoll.
„Ihr könnt ganz beruhigt sein“, flüsterte er mir zu, „aus zuverlässiger Quelle weiß ich, dass der Leuchtende Pfad überwiegend im Süden von Peru aktiv ist. Wolltet ihr nicht in den Norden?“
Ja, unser Ziel lag mehr im Norden, also ein wahrhaft tröstender Zuspruch von Seidler. Der Leuchtende Pfad, der Sendero Luminoso, war eine Guerillaorganisation, die sich bis in die 90-er Jahre einen Krieg mit dem Militär lieferte, mit allen schrecklichen Folgen, die so ein Kampf für die Bevölkerung mit sich brachte. Seidler schien bemüht, mich zu beruhigen und Judith erst gar nicht mit dieser Thematik zu konfrontieren.
„Man hat ja in letzter Zeit davon gehört“, fuhr er flüsternd fort, „dass der Leuchtende Pfad selbst in der Hauptstadt Lima aktiv ist. Aber ihr braucht euch keine großen Sorgen zu machen. In Lima ist die Präsenz des Militärs entsprechend groß, und als Ausländer steht ihr sowieso unter dem Schutz der deutschen Botschaft.“
Seine beschwörend beschwichtigenden Worte hatten bei mir genau das Gegenteil erreicht. Wieso hatten wir uns ausgerechnet so ein zerrissenes Land wie Peru ausgesucht? Es schien mir angebracht, all diese Details von Judith fern zu halten. Man sollte sie nicht unnötig beunruhigen. Außerdem fragte ich mich, ob ich den Schutz der deutschen Botschaft höher einstufen konnte als den Schutz Gottes. Das Orgelvorspiel setzte ein, und ich bedankte mich bei Seidler mit einem herzlichen Händedruck. Dann rutschten Judith und ich in die hinterste Stuhlreihe.
Heute war ein Gastprediger angekündigt. Für mich war das immer eine interessante Abwechslung. Nicht dass unser Prediger, der gute Bruder Bödeker, schlecht gepredigt hätte, ganz im Gegenteil, aber von Zeit zu Zeit war ich neugierig auf andere Gedanken. Nach zwei Liedern und den Ankündigungen trat der Gast nach vorne, eine wahrhaft imposante Erscheinung. Ein Kreuz wie ein Kleiderschrank, auf dem einen Arm ein tätowierter Anker, auf dem anderen ein Drache oder so was ähnliches. Er sortierte ein paar Blätter vor sich auf der Kanzel und sah nach vorn. Ebenso schien er seine Gedanken zu sortieren, bevor er mit lauter Stimme begann.
„Brüder und Schwestern“, rief er, „ich will euch heute Zeugnis geben, wie der Herr mich befreit hat von meinem alten Adam, und wie ich durch seine Gnade die Welt überwunden habe. Ja, ich war in der Welt zu Hause, von St. Pauli bis Kap Horn, von Shanghai bis Lima ...“
Beim Wort Lima richteten sich schlagartig alle meine Antennen auf; vielsagend blickte ich Judith an. Vielleicht hatte uns dieser Bilderbuchseebär da vorne mehr zu sagen, als ich ahnte. Doch zunächst erzählte er von seinem verwegenen Lebenslauf als Zeitschriftenwerber in einer Drückerkolonne.
„Ihr müsst nur erst mal zur Tür reinkommen, dann habt ihr es schon fast geschafft. Ich habe alle Rollen durchgespielt: ‚Haben Sie Vorurteile gegen Vorbestrafte?’ Die Nummer lief eine Zeit lang ganz gut, oder auch: ‚Ich mache eine Umfrage übers Fernsehprogramm.’ Da fallen die Leute reihenweise drauf rein. Ich habe in unserer Gruppe die meisten Abos reingeholt. Meine größte Leistung war eine alte Frau aus Frankfurt. Die hatte schon alles abonniert, was in Frage kam. Da hab’ ich ihr noch den Playboy aufgeschwatzt, oder waren es die St. Pauli-Nachrichten? Na, ihr wisst schon, was ich meine.“
Sein Zeugnis hatte eine fesselnde Wirkung auf die versammelte Gemeinde. Viele lauschten ihm mit großen Augen und offenem Mund. Ich versuchte derweil, mir unsere liebe Gertrud mit einem Playboy vorzustellen.
„Geschwister“, rief er wieder laut, „der Widersacher hat viele Fallstricke ausgelegt, um euch in die Tiefe zu ziehen. Auch mich hat er geblendet mit den Lüsten dieser Welt, damit ich das Gnadenangebot unseres Erlösers nicht erkenne.“
Jetzt begann er mit seiner großen Fahrt über die Weltmeere. Ein Hauch von Fernweh wehte durch unseren Gemeindesaal.
„Da hatte mal so ein stiller, junger Mann bei uns angeheuert“, erzählte er weiter, „der war natürlich ein gefundenes Fressen für uns. Aus dem wollten wir erst mal einen richtigen Seemann machen. Am ersten Abend an Bord wurde er zwangsweise abgefüllt, bis er seine eigene Großmutter nicht mehr kannte. Und in seinem beduselten Kopf hat er uns dann gebeichtet, dass er noch nie so richtig mit einer Frau ... na, ihr wisst schon. Da haben wir dann alle zusammen geschmissen und im nächsten Hafen, war es in Rio? Nein, ich glaube, es war in Sao Paulo, na, ihr kennt das ja, die Animierzeilen sehen in allen Häfen der Welt gleich aus.“
Immerhin hatte unser Seemann auf dem Globus schon Südamerika erreicht. Gewiss wollte ich diese letzte Predigt vor unserem Abflug nicht als orakelhaften Fingerzeig Gottes sehen. Trotzdem spürte ich eine wachsende Unruhe in mir, als er durch die sturmgepeitschte See von Kap Horn fuhr und sich an der Westküste des Kontinentes Peru näherte.
„Brüder und Schwestern“, rief er, als er im Hafen von Lima vor Anker gegangen war, „so wie Jona vor dem Herrn auf hoher See geflohen war, so suchte auch ich mein Heil in den Versuchungen der Welt. Bei einem alten Schamanen ließ ich mir die Zukunft deuten. Wir haben die Ahnen befragt. Und von diesem Tag an, das könnt ihr mir glauben, ging es bergab mit mir.“
Er blickte vielsagend in die Runde, niemand wagte auch nur, sich zu räuspern. Bei Bruder Seidler konnte ich förmlich erkennen, wie ihm die Haare zu Berge standen. Was folgte, war eine kurze Karriere als Drogenkurier. Er erzählte vom Hochland der Anden und vom Urwald des Amazonas, von Scharmützeln mit dem Militär, mit der Drogenmafia und mit den Guerilleros. Die Welt war ein einziger Sündenpfuhl, und Peru schien mir im Augenblick das Zentrum davon zu sein. Dieser Moment an jenem Sonntagmorgen war sicher mein moralischer Tiefpunkt vor unserer Adoption. Ich war drauf und dran, eines meiner Streitgespräche mit Jesus anzuzetteln. Vorige Woche hatten Judith und ich noch gelacht, als meine Mutter mit sorgenvoller Miene von ihren Ängsten erzählte. Und jetzt? Jetzt saß ich hier mit feuchten Augen und sah uns gefangen im Dickicht aller südamerikanischen Drogenmafia- und Untergrundkämpfer, bedroht von muskelbepackten, tätowierten Kleiderschränken.
Irgendwann war die Predigt doch noch zu Ende. Das Schlusslied wurde heute nicht aus unserem Gesangbuch angestimmt, sondern von den ausgelegten Liederblättern.
„Leuchtend strahlt des Vaters Gnade aus dem obern Heimatland“, schmetterte uns der Prediger entgegen, als gelte es, den gesamten Tingeltangel der Reeperbahn zu übertönen, „doch uns hat er anvertrauet Rettungslichter längs dem Strand.“
Die getragene Melodie bewegte sich wie schwerer Seegang durch unseren Gemeindesaal. Spätestens beim Refrain zeigte sich, dass dieses alte Erweckungslied bei den älteren Leuten noch in guter Erinnerung war. „Lasst die Küstenfeuer brennen, lasst sie leuchten weit hinaus“, brandete es über unsere Köpfe hinweg, „denn sie zeigen manchem Schiffer sicherlich den Weg nach Haus.“
