Neun Lichter II - Floco Tausin - E-Book

Neun Lichter II E-Book

Floco Tausin

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Beschreibung

Die vierteilige Buchserie Neun Lichter ist die Fortsetzung von Mouches Volantes – Die Leuchtstruktur des Bewusstseins. In diesem mystischen Roman kehrt Floco auf die linke Seite der Emme zurück, um erneut bei Nestor und den Sehern zu lernen. Deren Lehre kreist um die Entwicklung einer inneren Lichterscheinung, der Leuchtstruktur. Um zum Seher zu werden, muss Floco das Zentrum dieser Struktur finden: die Neun Lichter. Die Erzählung gibt einen Einblick in das Sehen, die Weltanschauung und die Praktiken von Menschen, die ihr Bewusstsein über die Alltagswahrnehmung hinaus intensivieren, um das leuchtende Mysterium unserer Existenz zu ergründen. Der Kraftort der Seher ist der zweite Teil der Serie Neun Lichter.

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Veröffentlichungsjahr: 2025

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NEUN LICHTER

Der Kraftort der Seher

Floco Tausin

ISBN 9783907400029

Copyright © 2025 Leuchtstruktur Verlag, Marbach LU

Weitere Informationen:

mouches-volantes.com

English website:

eye-floaters.info

Inhalt

Vorwort

5

Die Wilden und die Stillen
Trübungen
Mit dem Toggel streiten
Der Erste Wirbel
Spiralen
Die Neun Lichter wissen
Das echte Denken
Der Zauberwürfel
Das Märchen
Der Spielplatz
Lichtpflanzen
Auf der Hürde
Das Ritual
Die Zivilisierung der Neun
Mit den Spielen spielen
Im Weg
Vertraut
Das Gesicht des Lichtkörpers
Nach den Tugenden handeln
Im Nabel des Berges
Freiheit von der Ordnung
Anmerkungen
Autor Floco Tausin
Impressum

Vorwort

Mitte der 1990er Jahre lernte ich im Schweizer Emmental einen zurückgezogen lebenden Mann namens Nestor kennen. Er berichtet davon, dass sich bei ihm, infolge einer jahrelangen bewusstseinsfördernden Lebensweise, eine bleibende subjektive visuelle Erscheinung entwickelt habe: nämlich Konstellationen von grossen leuchtenden Kugeln und Röhren, die er ständig in seinem Blickfeld sieht. Er versteht diese Kugeln und Röhren als eine durch das Bewusstsein gebildete feinstoffliche Struktur, in der reines Bewusstseinslicht beziehungsweise reine Energie fliesst. Er nennt sie die Leuchtstruktur des Bewusstseins. Seither praktiziert Nestor das Sehen und Aufleuchtenlassen dieser Struktur als eine Methode, um seine Bewusstseinsintensität zu steigern, ekstatisches Dasein zu erfahren und Einsichten in den Urgrund des Seins zu gewinnen.

Infolge der damaligen Umstände wurde ich zu Nestors Schüler. Während Jahren habe ich mich nach Kräften bemüht, seine Lebensweise, seine Lehre und sein Sehen nachzuvollziehen – körperlich, gefühlsmässig, verstandesmässig und durch mein eigenes Sehen. Meine Lehrzeit im Emmental habe ich im Buch Mouches Volantes – Die Leuchtstruktur des Bewusstseins (2005/2010) geschildert. Die vierteilige Buchserie Neun Lichter schliesst an die Ereignisse von Mouches Volantes an und baut darauf auf. Im ersten Teil dieser Serie, Die Spitze des Himmels (2023), habe ich meine Rückkehr zur kleinen Gruppe der Emmentaler Seherinnen und Seher thematisiert. Ausser Nestor waren dies zwei Frauen und zwei Männer, die mir nur als die Tänzerin, die Herzliche, der Bauer und der Denker bekannt waren. Nach meiner mehrjährigen Pause wurde ich von ihnen erneut aufgenommen, fand aber eine veränderte Situation vor. Einerseits veranlasste mich Nestor, mit den anderen Wanderern zusammenzuarbeiten, wie die Seher die Lernenden nannten. Bisher hatte ich den Romand1 Romeo sowie Mai die Vornehme kennengelernt. Der Kontakt mit ihnen war für mich motivierend und herausfordernd zugleich. Umso mehr, da unsere Zusammenarbeit zum Schwärmen führen sollte: eine starke Verbindung, die unsere Bewusstseine intensivieren und überlagern würde, so dass wir Wahrnehmungen und innere Bilder miteinander teilten. Für Nestor ist das Schwärmen eine der Kraftquellen, die wir für unseren Fortschritt im Sehen nutzen sollten. Eine weitere Wanderin, Aoi, hatte ich bisher nicht angetroffen.

Andererseits rückten die Neun Lichter ins Zentrum der Gespräche. Diese Lichter sind eine bedeutsame Konstellation von Leuchtkugeln, die wir Wanderer in der Leuchtstruktur finden müssen. Da ich die Neun Lichter noch nicht sehen konnte, wollte Nestor, dass ich sie durch den Weg des Forschens kennenlernte – neben dem Werken, dem Tanzen und dem Lieben ist das Forschen einer der Wege, die die Seher lehren, und die zum Sehen führen sollen. Meine Aufgabe war es, das Muster der Neun Lichter in den Werken der Natur und der Menschheit zu finden. Die unablässige mentale Ausrichtung auf die Neun, so die Idee, fördert auch deren Erscheinung in der Leuchtstruktur.

Für Leserinnen und Leser, die Mouches Volantes und die Serie Neun Lichter nicht kennen oder deren Lektüre schon länger zurückliegt, möchte ich im Folgenden Nestors Lehre und Philosophie skizzieren. Zum besseren Verständnis werde ich diesen Blick von innen dann durch einen Blick von aussen ergänzen: Ich bespreche die Leuchtstruktur vor dem Hintergrund der subjektiven visuellen Phänomene, die aus der Physiologie sowie aus der Anthropologie und der Religionsgeschichte bekannt sind.

Der Weg in der Leuchtstruktur

Das Sehen der Leuchtstruktur ist die Inspirationsquelle für die Lehre und Philosophie, die Nestor entwickelt hat. Nestor zufolge ist Bewusstsein der metaphysische Urgrund aller Existenz, aus dem in einer unablässigen Schöpfung alles Seiende entsteht. Dieses reinste Bewusstsein hat die Form einer einzelnen leuchtenden Kugel, die im Schöpfungsprozess weitere Kugeln aus sich hervorbringt, so dass sich ein komplexes Netzwerk aus Kugeln und Röhren bildet. Bewusstsein erschafft also eine Struktur, in der Licht fliesst, und auf die es sich selbst projiziert – Nestor spricht daher auch von der Leinwand.

Im weiteren Prozess verdichtet und vervielfältigt sich dieses Bewusstseinslicht zu den feinstofflichen und grobstofflichen Erscheinungen, die unser individuelles Bewusstsein und unsere Körper ausmachen. Nestor unterscheidet drei Körper: den physischen Körper, den Gefühlskörper und den Gedankenkörper. Sie sind die verdichteten Projektionsflächen oder Leinwände, durch die das Bewusstsein die entsprechenden drei Welten erfährt: Während die physische Welt auf die äussere Leinwand projiziert wird, spielen sich die Gefühlswelt und die Gedankenwelt auf der inneren Leinwand ab. Das, was wir von diesen Welten und von uns selbst wahrnehmen, ist also vervielfältigtes, verdichtetes und gebundenes Bewusstseinslicht. Es ist, in Nestors Worten, unsere kleine Welt.

Bewusstseinsentwicklung ist nun der umgekehrte Prozess, nämlich die Rückführung dieses erstarrten und gebundenen Lichts in dynamisches, frei fliessendes Bewusstseinslicht. Durch eine bestimmte Lebensweise und psychophysische Praktiken soll die kleine Welt allmählich aufgelöst und ungebundene Energie angesammelt werden – oder, wie Nestor sich ausdrückt, innerer Druck aufgebaut werden. Ab einem bestimmen Punkt fliesst diese Energie durch Ekstase in das Bild als ein Ganzes, d.h. sie fliesst unterschiedslos in alles, das uns umgibt. Ist dieser ekstatische Ausbruch von Energie häufig und stark genug, öffnet dies unseren inneren Sinn, eine Art inneres oder geistiges Auge, wodurch die Leuchtstruktur zunehmend in unserem Bild aufleuchtet. Zunächst erscheint die Leuchtstruktur als chaotische Ansammlung kleiner, vereinzelter und trüber oder transparenter Punkte und Fäden – viele Menschen können diese beim Blick in den Himmel oder in eine andere Lichtquelle bereits sehen, wenn sie sich achten. Seherinnen und Seher wie Nestor hingegen haben ihr Bewusstsein dahingehend intensiviert, dass sie die Leuchtstruktur als ein geordnetes und leuchtendes Netzwerk aus grossen Kugeln und Röhren sehen.

Durch sein Sehen hat Nestor weitere Erkenntnisse über die Leuchtstruktur erhalten. Zentral ist die Einsicht, dass es einen Weg in der Leuchtstruktur gibt, der mit Fortschritten in der Bewusstwerdung korrespondiert. Dieser Weg führt zurück zu unserem innersten Bewusstseinskern. Nestor nennt diesen Kern die Quelle und versteht ihn als die eine Kugel, von der die gesamte Schöpfung ausgeht, und in die wir beim Einschlafen und beim Sterben eingehen – bewusst oder unbewusst, je nach unserem Vermögen.

Der Weg in der Leuchtstruktur führt zudem von der unteren rechten auf die obere linke Seite des Bewusstseins. Um das zu verstehen, können wir uns vorstellen, dass unsere Augen, und überhaupt unsere beiden Körperhälften, ein Ausdruck davon sind, dass wir auch im Bewusstsein zwei Hälften oder Seiten haben. Wenn wir also manche Punkte und Fäden der Leuchtstruktur durch das linke Auge und andere durch das rechte Auge sehen, so blicken wir entsprechend in die linke oder die rechte Bewusstseinsseite. Laut Nestor befindet sich unser Zentrum mit der Quelle in der oberen linken Seite des Bewusstseins.

Die beiden Bewusstseinsseiten unterscheiden sich sowohl seherisch als auch hinsichtlich der Erfahrung: Die rechte Seite des Bewusstseins entspricht unserer Alltagsrealität. Üblicherweise wird das Bewusstsein eines Menschen durch seine Sozialisation in der Alltagsrealität fixiert und bleibt relativ unbeweglich und begrenzt. Um ein Bild aus der Welt der Musik zu nehmen: Wenn unser Bewusstsein ein Klavier mit sieben Oktaven ist, spielen wir das Lied unseres Lebens aufgrund dieser Fixierung immer nur mit den Tasten einer einzigen Oktave. Die linke Seite des Bewusstseins hingegen gibt Zugang zu weiteren Oktaven, wobei hier jene Bewusstseinszustände gemeint sind, die sich durch eine grössere Intensität auszeichnen. Grössere Bewusstseinsintensität geht einher mit einem grösseren Energieumsatz, der je nach Fähigkeit der Praktizierenden zu grösserer Klarheit, Lichtwahrnehmung und Präsenz, oder auch zu Halluzinationen und Visionen führt. Der Wechsel von der rechten auf die linke Bewusstseinsseite ist üblicherweise eine zeitlich begrenzte Erfahrung. Wenn aber die Bewusstseinsintensität gross genug ist, um die Fixierung in der rechten Seite zu lösen, erweitert sich das Bewusstseinsspektrum der Praktizierenden dauerhaft. Nestor bezeichnet dieses Ereignis als den Sprung in die linke Seite. Menschen, die diesen Sprung vollzogen haben, nennt er Seherinnen und Seher.

Das genannte Bild von den sieben Oktaven als Metapher für das Bewusstsein ist auch deshalb treffend, weil Nestor ausserdem von Schichten des Bewusstseins spricht, durch die der Weg in der Leuchtstruktur hindurchführt. Sowohl die rechte als auch die linke Seite des Bewusstseins besteht aus einzelnen Schichten, die durch das Bewusstseinslicht aus der Quelle beleuchtet werden. Jede dieser Schichten enthält jeweils die Gesamtheit unserer kleinen Welt. Jede Bewegung des Lebens passiert also nicht nur einmal, sondern unzählige Male im selben Moment. Es ist, als spielte auf jeder Oktave zur gleichen Zeit genau dieselbe Melodie. Doch aufgrund unserer Fixierung sehen und erfahren wir immer nur die eine Schicht, hören also nur die Klänge der einen Oktave.

Was diese Schichten voneinander unterscheidet, ist ihre energetische Konfiguration: In den tieferen Schichten der rechten Seite ist das Bewusstseinslicht in zahlreiche Kugeln und Fäden aufgespalten, während es in den höheren Schichten der linken Seite auf wenige grosse Kugeln verteilt ist. So kann uns die Welt und unser Leben eher grobstofflich, fragmentiert, chaotisch, trüb und fern erscheinen, oder aber eher feinstofflich, verbunden, geordnet, lichtvoll und nah. Bewusstseinsentwicklung bedeutet für Nestor entsprechend, die Fixierung in der rechten Seite zu lösen, um die Schichten zu durchdringen und aus der Vielfalt und Fragmentiertheit der vielen Kugeln in die Einheit und Verbundenheit der wenigen Kugeln und letztlich der Quelle zu gelangen.

Diese seherische Erfahrung speist wiederum Nestors Selbst- und Weltverständnis. So unterscheidet er sieben hauptsächliche Bewusstseinsschichten und ordnet ihnen grundlegende Formen und Sphären der Existenz zu: Ihm zufolge besteht die rechte Seite des Bewusstseins aus den Schichten der Minerale, der Pflanzen, der Tiere und der Menschen. Die linke Seite hingegen enthält die Schichten des Genies, des Sehers und schliesslich der Quelle. Zudem fasst Nestor jeweils zwei Bewusstseinsschichten zu einer Welt zusammen: Die untersten zwei Schichten konstituieren die physische Welt, die Schichten drei und vier sind die Gefühlswelt, während die Gedankenwelt aus den obersten zwei Schichten besteht. Auf der siebten und höchsten Schicht schliesslich bildet sich keine Welt mehr, hier existiert das Bewusstseinslicht in seiner reinsten und nicht-dualen Form. Dieselben Schichtenpaare sind laut Nestor auch die Sphären des Wachbewusstseins, des Traumzustands und des Tiefschlafzustands. Zusammengenommen bedeutet dies beispielsweise, dass für eine Seherin, deren Bewusstsein in der linken Seite stabil ist, das Wachbewusstsein dem entspricht, was für rechtsseitige Menschen der Tiefschlafzustand ist. Oder, um ein anderes Beispiel zu nennen, dass wir in unserem Alltagszustand nur einen eingeschränkten Zugang zu unserer Gefühlswelt und unserer Gedankenwelt haben, während sich diese Welten im Traum und im Tiefschlaf in ihrem vollen Potenzial erfahren lassen – sofern wir das Bewusstsein in diesen Zuständen aufrechterhalten können.

Schliesslich hat Nestor in diesen Bewusstseinsschichten besonders auffällige Konstellationen von Kugeln und Röhren entdeckt, die ihm zur Orientierung in der Leuchtstruktur und zur Unterscheidung der Schichten dienen. Er nennt diese Konstellationen Wegmarken. Eine dieser Wegmarken ist der Verbindungsfaden, der die rechte mit der linken Bewusstseinsseite verbindet. Ich habe diesen Faden als die Brücke mit dem Doppelbogen kennengelernt und im Buch Mouches Volantes beschrieben. Eine weitere Wegmarke sind die erwähnten Neun Lichter, die Inspirationsquelle für die vorliegende Buchserie. Es handelt sich um eine Konstellation von neun Leuchtkugeln, die oberhalb des Verbindungsfadens und auf der linken Seite des Bewusstseins erscheint. Für Nestor sind diese Neun Lichter äusserst bedeutsam, da sie ihm zufolge die Realitäten in den drei Welten strukturieren. Sie zu finden, zu sehen und mit all meinem Vermögen in ihrer Bedeutung zu begreifen – dies war eine der Aufgaben, die Nestor mir gestellt hat, um mich auf den Sprung in die linke Seite vorzubereiten.

Glaskörpertrübung? Nerven? Bewusstseinslicht?

Ab einem gewissen Zeitpunkt meines Lernens bei Nestor begann ich, die Kugeln und Fäden der Leuchtstruktur selbst zu sehen und als Konzentrationsobjekt zu nutzen. Um dies zu können, habe ich mir Nestors Interpretation der Leuchtstruktur zu eigen gemacht. Doch als Kulturwissenschaftler war ich ebenso sehr daran interessiert, die Leuchtstruktur in wissenschaftlicher Hinsicht zu verstehen und einzuordnen.

Meine ersten Nachforschungen führten mich in die Augenheilkunde. Denn zunächst glaubte ich, dass die Leuchtstruktur eine Sehstörung war. Ich fand heraus, dass Physiologen seit Jahrhunderten eine Erscheinung kennen, die der Leuchtstruktur sehr ähnlich ist. Sie ist bekannt unter der Sammelbezeichnung Mouches volantes (frz. für ›fliegende Mücken‹). Nach dem heutigen Stand des Wissens sind Mouches volantes Trübungen des Glaskörpers im Auge. Diverse Arten von Trübungen – etwa Blut, eingelagerte Zellen oder verklumpte Glaskörperfibrillen – verweisen dabei auf diverse Ursachen. So können Mouches volantes eine Folge von Netzhautschäden oder von Entzündungen sein. In den meisten Fällen handelt es sich jedoch um harmlose und altersbedingte Verklumpungen von Teilen des Glaskörpergerüstes, die, wenn Licht in das Auge fällt, Schatten auf die Netzhaut werfen. Sie werden wahrgenommen als vereinzelte Punkte und Fäden, die im Blickfeld schwimmen und jeweils mit dem Blick mitschwingen.

Optisch entspricht diese Art von Mouches volantes teilweise der Leuchtstruktur. Das Sehen beginnt typischerweise mit der Erscheinung von kleinen, vereinzelten und beweglichen Punkten und Fäden. Diese können, wie erwähnt, von vielen Menschen wahrgenommen werden. Ich vermute daher, dass diese ersten Erscheinungen der Leuchtstruktur von Physiologen und Optikern der letzten Jahrhunderte irrtümlich für eine Glaskörpertrübung gehalten und unter dem Begriff ›Mouches volantes‹ mit tatsächlichen Glaskörpertrübungen vermengt wurden. Womöglich ist dies mit ein Grund für die Irritationen, die sich heute zuweilen zwischen Patienten und Augenärzten ergeben. Etwa wenn die Patientin ihre störenden Mouches volantes loswerden will, während die Ärztin in den Augen keine Entsprechung der beschriebenen Symptome feststellen kann.

Die Seherinnen und Seher haben ihr Sehen über diese anfängliche Stufe hinaus entwickelt. Ihre Beobachtungen – insbesondere die Veränderung der Grösse und Lichtintensität der Kugeln und Röhren durch Konzentration und Ekstase – lassen sich nicht mehr im Rahmen der augenheilkundlichen Mouches volantes begreifen. Gemäss ihrem Sehen und ihrer Erfahrung hat die Leuchtstruktur nichts mit Glaskörpertrübungen zu tun.

Im Weiteren habe ich nach Spuren der Leuchtstruktur in der Kunst, den Religionen und in anderen Kulturerscheinungen gesucht. Wenn die Leuchtstruktur wirklich ein universeller Urgrund unserer Existenz ist, wie Nestor behauptet, ist es sehr unwahrscheinlich, dass Menschen sie nicht schon zuvor gefunden, gesehen und gedeutet hatten. Und wenn sie wirklich als so bedeutsam erkannt worden war, hätte sie in der einen oder anderen Form Eingang in die Kultur einer Gesellschaft finden müssen.

Menschen, so wissen wir aus der Anthropologie und der Religionsgeschichte, haben stets veränderte Bewusstseinszustände gesucht. Aus der Sicht der Praktizierenden dienen sie dazu, in andere Welten zu reisen, um mit Göttern oder Geistern zu kommunizieren, Wissen zu erlangen oder Heilung zu erwirken. Die Wahrnehmungsveränderungen, die dabei erfahren werden, umfassen subjektive visuelle Phänomene wie Visionen, Halluzinationen und die sogenannten entoptischen Erscheinungen. Letztere sind leuchtende und dynamische geometrische Formen, die mit veränderten neurophysiologischen Prozessen in der Netzhaut, der Sehbahn und dem visuellen Cortex im Hirn einhergehen. Solche Veränderungen können durch mechanische, elektrische, magnetische oder auch chemische Reize zustande kommen – also vom simplen Druck auf die Augäpfel, über die elektrische oder magnetische Stimulation des Hirns bis zur Veränderung des Nervensystems durch Halluzinogene sowie durch Praktiken der Meditation und der Ekstase.

Wollte man die Leuchtstruktur physiologisch verorten, würde ich sie – beim Stand meines derzeitigen Wissens – als eine dieser entoptischen Erscheinungen verstehen, neben Phänomenen wie Phosphenen, Sternchen (auch Scheerer-Phänomen oder engl. blue field entoptic phenomenon genannt), Visual Snow und Formkonstanten. Aus eigener Erfahrung weiss ich, dass sich während intensiverer Bewusstseinszustände eine Vielzahl von subjektiven visuellen Lichterscheinungen zeigen kann. Auch Nestor hat weitere entoptische Phänomene in seinem Sehen identifiziert und im Rahmen seiner Lehre erklärt. Dasselbe konnte ich den Darstellungen und Erfahrungsberichten aus Gesellschaften und Gemeinschaften entnehmen, die bewusstseinsverändernde Rituale als Teil ihrer Tradition und spirituellen Praxis einsetzen. Auch hier lassen sich diverse innere Lichtmuster feststellen, von denen manche der Leuchtstruktur ähneln. Ob es sich dabei tatsächlich um die Leuchtstruktur handelt, ist aufgrund der subjektiven Natur der Wahrnehmung sowie der kulturellen und teils auch zeitlichen Distanz kaum eindeutig zu beantworten. Mein Eindruck aber ist, dass die Leuchtstruktur zu unterschiedlichen Zeiten und in unterschiedlichen Kulturen immer wieder Teil der visionären Erfahrungen von Schamanen, Mystikerinnen, Meditierenden und anderen Seherinnen und Sehern gewesen war – zusammen mit weiteren entoptischen Erscheinungen, Halluzinationen und Visionen. Sie wurde im Rahmen der jeweiligen Tradition gedeutet und in der Kunst, in Mythen und in Philosophien verarbeitet. Diese Deutungen fallen sehr unterschiedlich aus und unterscheiden sich teils erheblich von Nestors Interpretation der Leuchtstruktur als Bewusstseinsstruktur und Bewusstseinslicht. Doch den betreffenden Seherinnen und Sehern wäre es fremd gewesen, in diesen inneren Lichterscheinungen nichts weiter als körperlich-nervliche Prozesse zu sehen, wie es in der westlichen, materialistisch geprägten Physiologie üblich ist.

Für mich selbst haben diese Befunde den Zusammenhang von aussergewöhnlichen und intensiveren Zuständen des Bewusstseins, dem Sehen entoptischer Lichtmuster sowie Nestors Aussagen über die Leuchtstruktur verständlicher gemacht. Aus Nestors Sicht hingegen sind solche intellektuellen Bemühungen bestenfalls nebensächlich. Für ihn ist die Leuchtstruktur kein Studienobjekt, sondern ein Konzentrations- und Meditationsobjekt, durch das wir uns ein leuchtenderes Dasein und ein tieferes Verständnis von uns selbst und unserer Existenz erarbeiten – wenn wir uns auf den Weg machen, um diese Struktur zu sehen, zu konzentrieren und aufleuchten zu lassen.

Von diesem Weg erzählt das vorliegende Buch Der Kraftort der Seher. Es ist der zweite Teil der vierteiligen Buchserie Neun Lichter. Die Erzählung basiert auf einer wahren Begebenheit. Ihre Grundlage bilden zahlreiche Gespräche und Erfahrungen mit Nestor, jahrelange Recherchen sowie mein eigenes Sehen. Neun Lichter gibt einen Einblick in das visionäre Sehen sowie in die Weltanschauung und die Praktiken von Menschen, die ihr Bewusstsein über die Oktave der Alltagswahrnehmung hinaus intensivieren, um das leuchtende Mysterium unserer Existenz zu ergründen.

5

Die Wilden und die Stillen

Achte achtsam die acht. An diesem Satz studierte ich herum, als ich an einem sonnigen und warmen Tag im Spätsommer von Bern in das Emmental fuhr. Nestor hatte mir damit zu verstehen gegeben, dass ich die Neun Lichter an den unmöglichsten Orten finden konnte. Und sollte.

Die Neun Lichter, so hatte ich in den Monaten zuvor gelernt, waren eine der Wegmarken in der Leuchtstruktur. Nestor hatte sie mir beschrieben als eine Konstellation von acht Leuchtkugeln, die sich in vier Paare gruppierten und von einer grösseren und beweglicheren Kugel begleitet wurden, die die Seher den Nabel nannten. Sie bewegten sich gemeinsam in einer Schicht tief in der linken und oberen Seite des Bewusstseins. Angeblich wurden sie sichtbar für die Seherinnen und Seher, die sich nach dem Sprung in die linke Bewusstseinsseite ihrer Quelle näherten.

Achte achtsam die acht. Mit der ihm eigenen Mischung aus Ernst und Humor hatte Nestor behauptet, Worte wie ›achten‹, ›achtsam‹ oder auch ›Achtung‹ hätten sich aus der Erfahrung des Sehens dieser acht Leuchtkugeln entwickelt – die unabhängige mittlere Kugel nicht eingerechnet. Und er wollte, dass ich in diesen Worten die Neun Lichter finde, sozusagen als Auftakt für meine Suche nach den Neun in den Phänomenen der Welt.

Ich wusste, dass die Emmentaler Seherinnen und Seher jede Erscheinung in dieser Welt, ob natürlich oder kulturell, auf einen ursprünglichen Bewusstseinsimpuls zurückführten, der durch die Neun Lichter strukturiert war. So gesehen war es konsequent anzunehmen, dass die Neun tatsächlich allen Phänomenen zugrunde lagen und man sie überall finden konnte. Konsequent war auch, dass die Neun Lichter das vielleicht wichtigste Kriterium für das Selbstverständnis der Emmentaler Seher waren: Ein Mensch wurde ab dem Moment zur Seherin oder zum Seher, an dem er die Neun Lichter in seiner Leuchtstruktur eindeutig und ständig vor sich sehen konnte. Von uns Wanderern konnte das noch niemand. Um uns darauf vorzubereiten, liess Nestor uns mit dem Muster der Neun Lichter arbeiten.

Achte achtsam die acht – das hatte ich nicht getan. Es schien mir unsinnig, in einem Wort wie ›Achtung‹ vier Leuchtkugelpaare zu suchen. Aber ich war auch nicht untätig geblieben, sondern hatte die Aufgabe angepasst. Durch den Kontakt mit den anderen Wanderern hatte ich erfahren, dass es zwar nicht in den Sprachen, wohl aber in der bildenden Kunst Muster gab, die zumindest auffällige Ähnlichkeiten mit der Konstellation der Neun Lichter aufwiesen. Dies motivierte mich, und so hatte ich die letzten Wochen damit verbracht, nach den Neun Lichtern in prähistorischen Kulturen zu suchen. Tatsächlich konnte ich einige Kunstwerke finden, die den Neun Lichtern ähnlich sahen. Insgesamt aber waren die Ergebnisse mager und alles andere als eindeutig. Doch zu diesem Zeitpunkt ging es mir hauptsächlich darum, Nestor zeigen zu können, dass ich auf ihn eingegangen war und mich an seiner Aufgabe abgearbeitet hatte. Ich hatte einen Schritt auf dem Weg des Forschens gemacht.

Im Dorf am Fusse des Hohgant kaufte ich wie gewohnt ein paar Lebensmittel ein. Es tröstete mich zu erfahren, dass ich hier wettermässig nicht viel verpasst hatte. Der viele Regen der letzten Wochen hatte das Gras so schnell wachsen lassen, dass manch ein Bauer die Höiet2 vor dem Heumonat durchführen musste. Dadurch würde das Viehfutter zwar nicht die gewohnte Qualität haben, aber die Dörfler gaben sich gelassen: Näh, was chunnt3, so hörte ich mehrmals. Eine Devise, an die ich mich bei diesem Besuch auf der linken Seite der Emme erinnern sollte.

Als ich bei Nestor ankam, konnte ich ihn weder im Haus finden, noch hielt er sich im Stall oder im Gewächshaus auf. Nur die Katze sass auf dem Fenstersims und beobachtete mich misstrauisch. Näh, was chunnt, sagte ich mir und setzte mich eine Weile hin, um zu warten. Dann richtete ich mich zum Sehen ein und blickte in den Himmel. Danach verrichtete ich meine Körperübungen auf einer Decke im Freien. Als die Dämmerung einsetzte, kochte ich etwas, ass und fütterte die Katze. Schliesslich ging ich früh schlafen.

Auch am nächsten Tag erschien Nestor nicht. Ich spaltete Holz, spielte mit der Katze, die sich von mir noch immer nicht berühren und streicheln liess, sammelte einige der reifen Mirabellen ein, die von den beiden Bäumen vor dem Haus gefallen waren, bewässerte die Pflanzen im Gewächshaus und erntete etwas Gemüse für ein frühes Mittagessen.

Dann verliess ich das Haus und stieg in den breiten Graben, der sich neben Nestors Haus von den Bergweiden der Schrattenfluh bis hinunter zur Emme erstreckte. Damit setzte ich um, was ich mir vorgenommen hatte: regelmässig zu wandern sowie in diesem Chrache4 und an der Emme barfuss über die Steine zu laufen. Nestor hatte mir das Steinelaufen früher schon ans Herz gelegt. Es förderte nicht nur die Kondition, sondern auch das Gleichgewicht. Und mich über die Füsse mit dem Boden zu verbinden, war mir ein willkommener Ausgleich zu den vielen Stunden, die ich denkend verbrachte.

Im Graben ging ich stromaufwärts der Schratte entgegen. Ich stieg über das Geröll, balancierte über glitschige Steine im Bächlein und überwand Mauern aus ineinander verflochtenen Wurzeln, Ästen und ganzen Baumstämmen, die von Stürmen in den Graben gerissen worden waren. Ich erfrischte mich im kalten Wasser, genoss die gelegentlichen Flecken feinen Sands unter meinen Füssen und staunte über die vielfältige Vegetation an diesem wilden und unberührten Bach. Schliesslich erreichte ich die Spitze des Grabens, den Punkt, wo sich nicht nur mehrere Wasserläufe der Schrattenfluh trafen, sondern auch die beiden Eggen, die in den Graben abfielen. Den Rückweg trat ich über die Egg zur Rechten an, wo ein Pfad schliesslich zu Nestors Haus zurückführte.

Abends wurde ich mir gewahr, wie mein Bewusstsein nach den hektischeren Tagen in Bern wieder ruhiger und klarer geworden war. Und wie sehr ich die Stille und das Alleinsein schätzte und genoss. Es hätte mir nichts ausgemacht, noch weitere Tage für mich allein in dieser Ruhe und Abgeschiedenheit zu verweilen.

Nestor tauchte am Nachmittag des nächsten Tages auf, und er war nicht allein. Er kam in Begleitung des Denkers, desjenigen Sehers, der in einem abgelegenen Haus in einem kleinen Hochtal weiter westlich wohnte. Als der schlanke und drahtige Mann mich sah, lachte er, nahm seinen schwarzen Hut vom Kopf und streckte seine Arme seitlich aus, den Hut in der einen und den Wanderstock in der anderen Hand.

»Floco!« rief er überschwänglich. Ich begrüsste die beiden und fragte den Denker, ob er zu dieser Jahreszeit nicht als Hirte mit seinen Schafen unterwegs sein müsste. Aoi passe auf die Schafe auf, erwiderte er, bei ihr seien die Tiere in guten Händen.

Nestor packte die Eierschwämme aus, die die beiden unterwegs gesammelt hatten. Und während die Seher sich frisch machten und ausruhten, feuerte ich den Herd und den Kachelofen an und bereitete die Pilze mit etwas Gemüse und Kräutern zu einem Abendessen zu.

Beim Essen plauderten wir unbeschwert über die Schafe des Denkers, über Nestors Gewächshaus, über das Wesen der Emmentaler. Und über die eine oder andere Neuigkeit, die Nestor während seiner Einkäufe im Tal jeweils durch das Radio, die Zeitung oder die Dörfler erfuhr und sich mit Interesse aneignete.

Wir hatten das Abendessen beinahe beendet, als ich die beiden fragte, wo sie gewesen waren. Nestor erwiderte, dass sie einen Ort besucht hätten, einen Platz der Seher. Ich erinnerte mich, dass Nestor mehrmals von besonderen Plätzen hier in der Gegend gesprochen hatte. Angeblich waren sie von früheren Sehern besucht und teilweise auch umgestaltet worden. Es waren Kraftorte, die die Seher für die Intensivierung ihres Bewusstseins und damit für das Sehen nutzten.

»Wart ihr beim Emmentaler Kochtopf?« fragte ich, den einzigen Platz der Seher nennend, den ich aus eigener Erfahrung kannte.

»Nein, ein anderer Platz, ein Ort auf der Hürde«, antwortete Nestor und wies in die Richtung des Berges, den die Seher die ›Letzte Hürde‹ nannten. Er ass die restlichen Stücke Gemüse und Pilze aus seinem Quarzglasteller, dann erinnerte er mich an die Energiefelder, die Romeo gesehen hatte.

Als ›Energiefelder‹, so wusste ich mittlerweile, bezeichneten die Seher einen bestimmten Aspekt der Leuchtstruktur: nämlich innere Lichter, die durch das Fliessen der Energie in der Leuchtstruktur entstanden. Sie waren sozusagen das Rohmaterial, aus dem sich die konkreteren Traumbilder oder Visionen entwickelten. Ich erinnerte mich, dass Romeo damals ein spezielles Muster aus inneren farbigen Lichtern gesehen hatte. Der Bauer, also der stämmige Seher, bei dem der Romand viel Zeit verbrachte, hatte diese Lichter als Hinweis auf einen bestimmten Kraftort auf der Letzten Hürde gedeutet. In der Denkweise des Sehers waren es die Erdgeister, die Romeo durch diese inneren Lichter zum ›Schatz in der Letzten Hürde‹ führten. Was das genau bedeutete, war Romeo und mir unklar. Klar war nur, dass der Bauer an diesem Kraftort ein ›Ereignis‹ für Romeo ›inszenieren‹ würde. So nannten die Seher herausfordernde Situationen, die sie für uns Wanderer herbeiführten, und in denen wir uns bewähren mussten – auf Romeo würde also eine starke Bewusstseinsveränderung warten.

»Romeo hat mit diesen Lichtern gearbeitet«, erzählte Nestor.

»Geschuftet«, korrigierte der Denker.

»Ja, er hat sie gedoppelt, was das Zeug hält«, sagte Nestor schmunzelnd, auf die Augenübung anspielend, die wir für die Konzentration aller Arten von inneren Lichtern nutzten.

»Er wollte sie auflösen, damit er um das Ereignis herumkommt, das der Bauer für ihn inszenieren will«, erinnerte ich mich an Romeos Absicht. »Hat er es geschafft?«

»Nein, im Gegenteil«, erwiderte Nestor. »Seine Bemühung hat dazu geführt, dass er ein klares Bild erhalten hat. Das Muster der Lichter stimmt tatsächlich mit demjenigen des Kraftortes auf der Letzten Hürde überein, so wie der Bauer es von Anfang an vermutet hat.«

»Hat Romeo den Platz nun gefunden?« fragte ich weiter.

»Ja, er ist gegenwärtig dort«, antwortete der Denker. »Aber gefunden habt ihr ihn alle.«

»Wir alle?«

»Ihr habt alle dazu beigetragen, ihn zu finden.«

Überrascht fragte ich, wie der hagere Seher das meinte, denn mir war nicht klar, wie ich zum Auffinden des Platzes beigetragen haben sollte. Keiner der beiden ging darauf ein. Nestor berichtete stattdessen, dass die Seher sich an dem Platz versammelt hätten, um sich über die Bedeutung unseres Fundes klarzuwerden, über die Rolle, die der Platz für uns Wanderer spielen würde.

»Für uns?« stutzte ich. »Ich dachte, das sei Romeos Platz.«

»Jetzt nicht mehr«, erwiderte Nestor. »Es ist euer Platz. Ihr vier habt ihn ohne unsere Hilfe gefunden.« Nestor und der Denker freuten sich darüber, offenkundig hielten sie dies für eine beachtliche Leistung.

»Und welche Rolle spielt dieser Platz für uns?« fragte ich vorsichtig.

»Wir glauben, dass es der Ort ist, an dem ihr den Sprung in die linke Seite machen werdet«, antwortete der Denker. »Ihr alle zusammen.«

Mit dieser Ankündigung war für mich die entspannte Atmosphäre vorbei, die eben noch geherrscht hatte. Mit dieser konkreten Lokalität rückte der Sprung in die linke Seite plötzlich in greifbare Nähe, und das beunruhigte mich.

»Deswegen bist du hier«, erinnerte mich Nestor. Der Denker wiederum wies mit einem Kopfnicken auf meine linke Hand. Ich sei noch nicht so weit, den Löffel abzugeben, scherzte er, es gebe keinen Grund, mich schon jetzt daran festzukrallen. Erst da wurde mir bewusst, wie verkrampft ich den Löffel hielt.

Es war eine Ironie, dass ich wegen etwas hier war, das in mir immer noch Abwehr- und Fluchtreflexe auslöste. Näh, was chunnt, versuchte ich mich zu beruhigen, während ich mich den Resten in meinem Teller widmete.

»Was wird uns an diesem Platz erwarten?« wollte ich wissen.

»Zunächst einmal Arbeit«, überlegte Nestor. »Der Platz wurde seit Jahrzehnten nicht mehr genutzt. Er muss hergerichtet werden. Romeo ist bereits dran.«

»Und dann?«

»Dann müsst ihr einen Weg finden, den Platz zu nutzen.«

»Wie das?«

»Das wissen wir nicht«, erwiderte der Denker mit einem Leuchten in den Augen. »Niemand von uns hat diesen Platz je genutzt. Die Herzliche und ich wussten nicht einmal, dass es ihn gibt. Wir wissen nicht, was frühere Seher dort gemacht haben.«

»Wie sollen wir einen Platz der Seher nutzen, wenn nicht einmal ihr wisst, wie das geht?« empörte ich mich.

»Dies herauszufinden gehört dazu«, erklärte Nestor lapidar. Ich forschte in ihren Gesichtern nach einem klärenden Hinweis. Die Seher erwiderten meinen mimischen Hilferuf mit einer ihrerseits veränderten Mimik: Nestor spitzte den Mund und wackelte mit den Ohren, wobei er jedes Ohr einzeln bewegte. Der Denker wiederum bewegte seine Nasenflügel und liess die Nasenlöcher schliesslich aufgebläht, während er den Mund dermassen verzog, dass seine Unterlippe in die eine, und die Oberlippe in die andere Richtung zeigte. Dann wechselte er die Richtung der Lippen einige Male. Ihre Gesichtsgymnastik brachte mich zum Lachen. Herausgefordert versuchte ich ihre Bewegungen zu imitieren, nur um grandios zu scheitern. Das nötige Feingefühl in den entsprechenden Gesichtsmuskeln fehlte mir. Dann holte mich die Sorge wieder ein:

»Ihr schickt uns also zu einem Platz der Seher, ohne uns zu sagen, was genau wir dort tun und wie wir uns dort verhalten sollen? Ist das nicht fahrlässig?«

Nun lachten die beiden, als hätte ich mit der Pointe eines Witzes gepunktet. Dann erhob sich der Denker einfach, räumte die leeren Teller ab und verschwand in die Küche. Nestor seinerseits zuckte mit den Achseln und drehte seine Handflächen nach oben, um zu signalisieren, dass er nichts Problematisches darin sah: »Ihr seid zu viert, euch wird schon etwas einfallen. Und was immer dort passieren wird, ihr werdet damit umgehen können – schliesslich seid ihr alle keine Anfänger mehr.«

Ich begann zu tun, was ich immer tat, wenn ich einer unbekannten und herausfordernden Situation gegenüberstand: Ich stellte Fragen. Ich wollte von Nestor wissen, was genau dies für ein Platz sei, wo genau er sei und wie ich dorthin kommen würde, wann ich ihn aufsuchen sollte oder wie ich die anderen Wanderer kontaktieren konnte, damit wir zusammen hingehen könnten, ob wir vielleicht irgendwelche Ausrüstung bräuchten, und so weiter. Aber Nestor ging nicht auf meine Fragerei ein. Er behauptete, dass es nichts bringe, wenn ich mich in diesem Angstzustand mit dem Platz der Seher beschäftigte. Denn es gehe mir nicht wirklich darum, etwas über den Platz zu erfahren, sondern darum, die Situation zu kontrollieren.

»Was soll ich denn sonst tun?« fragte ich verstimmt.

»Das, was in so einer Situation immer hilft.«

»Und was wäre das?« wollte ich wissen. »Atmen? Sehen? Körperübungen?«

»Haushalt!« rief der Denker aus der Küche. »Komm her, wir haben Arbeit.« Ich erhob mich und ging zu ihm. Er hatte abgewaschen und bat mich, das Geschirr abzutrocknen.

»Nestors Geschirr muss nicht abgetrocknet werden«, erinnerte ich mich an frühere Gepflogenheiten. »Es trocknet von selbst.«

»Heute muss Nestors Geschirr abgetrocknet werden«, beharrte der Denker. »Wir brauchen es. Und den Platz.«

Als ich mir ein Handtuch griff, nahm sich der Hagere eine Schüssel und ging damit nach draussen. Als er wenig später zurückkehrte, war die Schüssel bis zum Rand mit reifen Mirabellen gefüllt. Er übergab mir die kleinen Früchte mit der Bitte, sie zu waschen, zu halbieren und den Stein zu entfernen. Dann säuberte er den Küchentisch und holte einige Zutaten aus seiner Tasche sowie aus dem Schrank, in dem Nestor die Vorräte aufbewahrte.

»Mirabellenkuchen!« rief er feierlich und legte einen fertigen Teig, eine Zitrone, Vanillezucker, Zimt, Sultaninen und geriebene Mandeln auf den Tisch.

»Sag mal«, fragte er beiläufig, als ich die Mirabellen entsteinte und in Stücke schnitt, »fischst du noch in den Trübungen, oder schwimmst du schon?«

»Wie bitte?«

»Fischst du noch in den Trübungen?« wiederholte er, dieses Mal sehr langsam und deutlich, als würde dadurch klarer, was er wissen wollte.

»Sie meinen, im Trüben fischen?« korrigierte ich die bekannte Redewendung, was für mich aber noch immer keinen Sinn ergab. Der Denker wiederholte den gleichen Satz erneut und blickte mich mit kindlicher Spannung an, aber ich verstand nicht, was er mir sagen wollte. Dann lachte er, zuckte mit den Schultern und erklärte, er habe nur wissen wollen, wie es mir seit dem versuchten Sprung in die linke Seite des Bewusstseins ergangen war.

Ich erzählte ihm, wie und weshalb ich wieder begonnen hatte, Nestor zu besuchen, wie ich von den Neun Lichtern erfahren hatte und diese nun suchen würde. Ich sei hierhergekommen, um das Forschen hinter mir zu lassen und mich ganz dem Sehen der Leuchtstruktur zu widmen. Jetzt aber wolle Nestor von mir, dass ich forschte und die Neun Lichter als Inspirationsquelle von Erscheinungen in der Welt begreifen würde.

»Sieh an, der Weg des Forschens«, rief der Denker in Richtung Stube, während er den mittlerweile ausgerollten Teig in das Kuchenblech drückte.

Nestor kam mit einem Stuhl in der Hand in die Küche, stellte ihn neben den Herd und setzte sich umgekehrt darauf, so dass er seine Arme auf die Lehne stützen konnte. »Am Anfang«, antwortete er dem Denker. Dieser nahm die halbierten Mirabellen zu sich und reichte mir eine Reibe, mit der ich die Zitronenschale reiben sollte.

»Sind Sie den Weg des Forschens gegangen?« fragte ich den Hageren.

»Das bin ich«, erwiderte dieser.

»Und was können Sie mir über diesen Weg sagen?« wollte ich wissen.

»Das Gelbe, nicht das Weisse«, forderte er mich auf.

»Wie?« lachte ich. Dann verstand ich, dass er mein Hantieren mit der Reibe gemeint haben musste. Ich bemühte mich, nur die gelbe Schale der Zitrone, nicht ihre weisse Haut abzureiben.

»Früher hast du das leuchtende Netz mit dem weltlichen Blick betrachtet«, sagte er, als er die weiteren Zutaten zu den Mirabellen in die Schüssel gab. »Heute betrachtest du die Welt mit dem Leuchtnetzblick – das ist der Weg des Forschens.«

Während ich weiter an der Zitronenschale rieb, erzählte ich dem Denker, dass ich in den vergangenen Wochen im Sinne der Seher geforscht und die prähistorische Perlenweberei und Höhlenmalerei mit dem Leuchtstrukturblick betrachtet hätte. Der Denker wollte wissen, was ich in Erfahrung bringen konnte.

»Dass die Leuchtstruktur bereits von den Steinzeitmenschen gesehen wurde, vor allem von Schamanen«, übertrieb ich meine Ergebnisse im Sinne der Seher. Die beiden fanden das witzig. Ich sah mich genötigt zu erklären, dass ich mir diese Schlussfolgerung erst einmal erarbeiten musste. Ich legte ihnen die Überlegungen und Befunde meiner Suche dar und nannte die Trance-Theorie als den grössten Erkenntnisgewinn.

»Nach dieser Theorie haben steinzeitliche Schamanen die Leuchtstruktur sowie andere entoptische Erscheinungen und Bilder während veränderter Bewusstseinszustände gesehen«, trug ich vor. »Um das Gesehene festzuhalten und mitzuteilen, haben sie diese Formen mit denjenigen Mitteln ausgedrückt, die sie zur Verfügung hatten. Deshalb finden wir punktierte Kreise und Schlangenlinien in den Höhlenmalereien, als Verzierung auf Werkzeugen und Waffen, als Grundriss von frühen Erdwerken und so weiter. Dieselben Symbole finden wir auch in der heutigen schamanischen Kunst. Möglich ist auch, dass frühe Schmuckstücke, insbesondere aus Perlen, die Leuchtstruktur symbolisiert haben.«

»Du denkst also, dass Schamanen Seher sind?« fragte mich Nestor.

»Schamanen sind vieles«, wusste ich. »Heiler, Traumdeuter, Lehrer, Bewahrer des Wissens und so weiter. Aber ja, nach allem, was ich weiss, sind zumindest einige von ihnen auch Seher der Leuchtstruktur.«

»Mögliche Theorie«, feixte Nestor mit Blick zum Denker.

»Theoretische Möglichkeit«, spielte dieser mit.

»Aber es ist doch naheliegend!« rief ich und wollte die Argumente nochmals mit aller Deutlichkeit präsentieren, als mich der Denker erneut mahnte:

»Das Gelbe, nicht das Weisse.« Ich bemerkte, dass ich während des Sprechens nicht auf das Reiben geachtet und daher immer an derselben Stelle der Zitrone gerieben hatte.

»Ich habe auch die Neun Lichter gefunden«, behauptete ich in meinem Eifer und wider besseren Wissens. Ich legte die Reibe weg und ging die Unterlagen aus meinem Rucksack holen, die ich mitgebracht hatte. Darunter waren einige Bilder von vorgeschichtlichen Gravuren, Malereien und Bauwerken, die auf die Neun Lichter hätten hinweisen können. Ich zeigte sie ihnen.

»Das sollen die Neun Lichter sein?« fragte Nestor skeptisch.

»Niemand kann genau sagen, was diese Formen für die damaligen Menschen bedeutet haben«, räumte ich professionell ein. »Aber das hier kommt den Neun am nächsten. Und mit der Trance-Theorie kombiniert, finde ich das schlüssig.«

Der Denker wusch sich die Hände und betrachtete die Bilder aufmerksam.

»Und wo hast du die Neun sonst noch gefunden?« fragte er schliesslich und blickte mich erwartungsvoll an.

»Das hier ist im Moment alles«, teilte ich mit. Der Denker fand, meine Befunde seien doch etwas mager. Ich erklärte ihm, dass es nicht einfach sei, die Neun Lichter in Darstellungen zu finden, die tausende oder zehntausende Jahre alt waren. Während leuchtstrukturähnliche Kugeln und Fäden einfach zu finden seien, gebe es nur wenige Hinweise auf die Konstellation der Neun – aber das stimme ja damit überein, dass es wohl schon immer nur wenige Seher gegeben habe.

Als Nächstes bemängelte der Denker, dass man kaum sehe, ob diese Kreise auf den Bildern überhaupt zusammengehörten und eine Einheit bildeten. Geistesgegenwärtig argumentierte ich, dies lasse sich durch die Überlagerung von mehreren Darstellungen erklären, die zu unterschiedlichen Zeiten angefertigt worden waren. Weiter stellte der Hagere fest, dass die Steinzeitkünstler die beiden Arten von Kugeln praktisch nie unterscheiden würden. Ich entgegnete, dass es sich in diesem Fall um die Neun Lichter in sehr konzentrierten Zuständen handeln müsse, wo der Kern der Kugeln vom Umkreis überstrahlt werde. Schliesslich mischte sich auch Nestor ein und fand die Konstellationen merkwürdig, diese würden den Neun Lichtern gar nicht ähnlich sehen.

»Was ist los mit euch?« ärgerte ich mich. »Warum nörgelt ihr an meinen Befunden herum? Ich habe doch gemacht, was Nestor mir aufgetragen hat.«

»Das ist alles zu vage, mein Lieber«, winkte der Denker ab. »Damit überzeugst du niemanden.«

Ich wusste selbst, dass meine Ergebnisse vage waren, aber die Ablehnung durch die beiden frustrierte mich.

»Vielleicht sind es nicht die Neun Lichter, vielleicht aber doch«, wehrte ich mich. »Woher wollt ihr wissen, dass es sich nicht um die Neun handelt?«

»Wir müssen das nicht wissen«, erwiderte Nestor. »Wir sehen die Neun, und das reicht. Du bist derjenige, der es wissen muss.«

»Und warum lehnt ihr dann ab, was ich gefunden habe?«

»Weil du es nicht weisst.«

»Wenn es jemand von uns weiss, dann wohl ich«, stellte ich klar. »Ich habe mich damit auseinandergesetzt, ihr nicht.« Nestor wog seinen Kopf gleichgültig hin und her, was mich provozierte.

»Ich weiss es!« rief ich verärgert. Nestor antwortete mit neuen Grimassen, während der Denker die Schale mit den Zitronenraspeln in die Hände nahm und den Inhalt pedantisch begutachtete:

»Hier, wo du an der Oberfläche hättest bleiben sollen, hast du zu tief gerieben«, urteilte er kopfschüttelnd. »In deinen Recherchen hingegen bist du an der Oberfläche geblieben, wo du tiefer hättest reiben sollen.« Er warf einen besorgten Blick zu Nestor und meinte:

»Ich fürchte, das wird bitter.«

»Ich fürchte, es ist dein Kuchen«, entgegnete dieser ebenso besorgt, worauf die beiden erneut laut und ausgiebig lachten. Der Hagere mischte die Raspeln unter die anderen Zutaten in der Schüssel und verteilte die Masse anschliessend auf dem Kuchenboden. Dann nahm er den Kuchen, ging damit in die Stube und schob ihn in den Innenraum des heissen Kachelofens – der verschliessbare Raum liess sich wie ein Backofen nutzen. Nachdem wir schweigend die Küche aufgeräumt hatten, setzten wir uns wieder in die Stube.

»Ich weiss nicht, was du von mir willst«, beklagte ich mich bei Nestor. »Du hast gesagt, die Neun Lichter sind überall. Du hast gesagt, ich kann sie finden, wo immer ich hinblicke. Genau das habe ich getan.«

»Du hast sie aber nicht gefunden«, bekräftigte er seine Sicht. »Ich habe dir gesagt, dass du ohne jeden Zweifel wissen musst, dass es die Neun Lichter sind. Dort bist du nicht, noch nicht. Das erfordert Zeit und Kraft.«

Verstimmt räumte ich meine Notizen und Bilder weg und maulte, dass es hier Gewissheit ohne jeden Zweifel nicht geben könne. Nestor hielt dagegen, dass diese Gewissheit sehr wohl zu erreichen sei. Auf meine Frage, wie das gehen sollte, lächelte er nur.

»Im Moment musst du nur verstehen, dass du dich auf dem Weg des Forschens befindest«, übernahm der Denker. »Und vielleicht, wenn du gestattest, kann ich dir einige Dinge auf diesem Weg mitgeben.«

Ich blickte zu Nestor. Er nickte.

»Näh, was chunnt«, seufzte ich und erklärte, dass ich doch eigentlich hierhergekommen sei, um das Forschen zugunsten des Sehens aufzugeben, so wie er, der Denker, es getan habe. Dieser aber widersprach, er habe das Forschen nicht aufgegeben. Nur die Regeln, die ihm sagten, wie er zu forschen habe und welches Resultat er wann als gültig oder ungültig zu betrachten habe.

»Und darum geht es«, erklärte er. »Du musst über die Grenzen dessen hinausgehen, was du als Forschen kennengelernt hast. Das ist der erste Schritt auf dem Weg des Forschens. Und für dich ist es vermutlich der schwierigste Schritt.«

»Und dann?« fragte ich. »Dann sehe ich die Neun Lichter? Ich kann mir immer noch nicht vorstellen, wie das funktionieren soll.«

»Lass es mich dir erklären«, begann der Denker. »Du bist Wissenschaftler und liebst Kategorien, deshalb gebe ich dir welche: Nach meiner Zählung gibt es hier auf der linken Seite ziemlich genau zwei Kategorien von Sehern.« Er grinste, legte die Fingerspitzen zu einem Dach zusammen und begann zu referieren:

»Da sind zum einen die wilden Kerle.«

»Die wilden Kerle?« lachte ich.

»Die wilden Kerle. Das sind jene, die hauptsächlich ihren physischen Körper beschleunigen. Sie tun dies durch das Tanzen und das Atmen. Dadurch werden sie schneller und schneller und noch schneller und sammeln immer mehr Energie an, so lange, bis sie aus sich selbst heraustreten. Das heisst, ihre Kraft fliesst aus dem Körper in das Bild, und sie fliegen in die linke Seite. Die Wilden, das sind die ganz grossen Ekstatiker. Die Tänzerin, der Bauer und unser Nestor hier, das sind die wilden Kerle.«

Ich wandte ein, dass ich mir den Bauern nicht so recht als wilden Kerl vorstellen könne. Aber der Denker entgegnete, dass ich mich von seiner gemächlichen Art nicht täuschen lassen solle.

»Zum anderen gibt es die Stillen«, fuhr der Hagere fort. »Die Stillen arbeiten vorwiegend mit ihren subtileren Körpern, dem Gefühlskörper und dem Gedankenkörper. Die Stillen versenken sich in sich selbst. Sie werden ruhiger und ruhiger und noch ruhiger, bis sie alles, jede noch so kleine Regung in ihrem Geist, zum Stillstand gebracht haben. Dabei fallen sie in sich selbst zusammen, und all die Energie, die sie jetzt nicht mehr für die inneren Bewegungen nutzen, fliesst ins Bild. Eines Tages haben sie so viel Energie im Bild, dass die linke Seite auf sie zufliegt. Die Herzliche und ich, wir sind die Stillen.«

Der Ansatz der Wilden und der Ansatz der Stillen, fasste der Denker zusammen, dies seien die zwei grundsätzlichen Vorgehensweisen, um die Verankerung des Bewusstseins in der rechten Seite zu lösen und die linke Seite dauerhaft zu erreichen. Dann blickte er mich fragend an:

»Wo siehst du dich, bei den Wilden oder bei den Stillen?«

»Ich wäre gern ein wilder Kerl«, rutschte mir heraus, was Nestor und den Denker umgehend zum Lachen brachte. Erklärend schob ich nach, dass Nestor für mich ein Vorbild sei, insbesondere sein intensives Tanzen, das ihn in die linke Seite gebracht hatte, dass ich dies ebenfalls gerne erfahren würde.

»Das verstehe ich«, sagte der Denker einfühlsam. »Aber das Leben ist kein Wunschkonzert. Wir alle müssen mit dem arbeiten, was wir haben und was wir sind.«

»Dann bin ich wohl ein Stiller«, schloss ich verdrossen.

»Ein Stiller zu sein ist doch kein Grund, um Trübsal zu blasen«, fand der Denker. »Im Gegenteil, du solltest dich freuen. Denn du verfolgst den edleren Ansatz.«

»Der edlere Ansatz, soso!« lachte Nestor.

»Der Ansatz der Stillen ist in der Tat der edlere«, versicherte mir der Denker. »Ja, Nestor sieht das nicht so. Aber was erwartest du? Er ist ein Wilder!«

»Und wieso ist der Ansatz der Stillen edler?« fragte ich amüsiert.

»Wieso?« fragte der Hagere zurück und rümpfte die Nase: »Schau dir doch an, was die Wilden so treiben: All dieses Schütteln und Hüpfen und Springen und Hecheln mit diesem Sack voller Fleisch und Knochen – das hat doch etwas … Vulgäres. Zwar ist es effektiv, keine Frage, aber edel ist es nicht. Es ist, wenn du so willst, die Holzhammermethode.« Dann lehnte sich der Denker in meine Richtung, senkte seine Stimme und raunte: »Mal ganz unter uns: Wer will sich schon in die linke Seite hämmern? Nur Barbaren tun das.«

Nestor und ich blickten uns an und lachten.

»Aber wir Stillen, wir sind anders«, fuhr der Hagere fort. »Wir hämmern nicht und wir fliegen nicht. Wir lassen auf uns zukommen. So erreichen wir die linke Seite, elegant und mit Stil.«

»Elegant und mit Stil«, echote Nestor und meinte, wenn der Kopf breiter sei als der Rest des Körpers, wie es bei uns zwei Stielen in der Landschaft der Fall sei, dann habe man auch keine andere Wahl, als die linke Seite mit Stil auf sich einstürzen zu lassen.

»Dann also mit Stil«, lenkte ich schmunzelnd ein.

»Jaja, aber übertreib es nicht mit dem Stil«, mahnte Nestor den Denker. »Nicht, dass er jetzt nur noch herumsitzt.« Dann wandte er sich an mich: »Den materiellen Körper musst du trotzdem mitnehmen. Auch bei dir steckt da noch immer genug Kraft drin, und die musst du ebenfalls aufbieten. Dasselbe gilt übrigens auch für die inneren Körper: Auch diese müssen zuerst beschleunigt werden, bevor du zur Ruhe kommen kannst. Mit Schweigen und Ruhigwerden allein schaffst du es nicht, da schläfst du nur ein.«

»In diesem Punkt müssen wir den Wilden recht geben«, sagte der Hagere. Es gebe zwar schon Menschen, die so viel losgelöste Energie hätten, dass sie sich einfach nur hinsetzen und in voller Wachheit jede Regung zum Stillstand bringen könnten. Doch das seien Ausnahmen, die meisten Menschen müssten zuerst ihre Körper beschleunigen. So erreichten sie die Wachheit und Energie, die es ihnen erlaube, Stille in sich zu entwickeln.

»Mach weiter deine Körperübungen, wie Nestor es dir sagt«, riet mir der Denker. »Aber ab jetzt ist es vorwiegend der Gedankenkörper, den du beschleunigen musst, denn dort hast du die meiste Kraft. Denke und forsche und erreiche dabei immer grössere Tiefen. Echtes Denken beginnt mit der Beschleunigung deines Gedankenkörpers. Und die wird dich zur Gewissheit und zur Stille bringen – und eines Tages die Neun Lichter sehen lassen.«

»Und warum ist mir das noch nicht passiert?« fragte ich. »Oder warum ist es zumindest den grossen Denkern nicht passiert? Soweit ich weiss, hat noch kein Forscher, Denker oder Philosoph je von den Neun Lichtern berichtet. Obwohl die ein Leben lang kaum was anderes gemacht haben als denken. Wenn das wirklich funktioniert, hätten die doch die Neun Lichter sehen müssen.«

»Die haben ihren Gedankenkörper eben nicht genug beschleunigt«, lächelte der Hagere. »Was die gemacht haben, ist kein echtes Denken.«

»Kein echtes Denken?« fragte ich ungläubig. »Ich spreche hier von den grössten Denkern aller Zeiten. Von Frauen und Männern, auf deren Gedanken unser Forschen, unsere Erkenntnisse, ja unser gesamtes Welt- und Selbstverständnis gründen. Und Sie nennen das, was sie geleistet haben, kein echtes Denken?«

Der Denker spitzte seinen Mund und blickte einen Moment lang zur Decke, so als würde er es sich ernsthaft überlegen. »Ich fürchte, so ist es«, erwiderte er mit einem schalkhaften Lächeln.

Mir war klar, dass er versuchte, mich in die Rolle des Fürsprechers der Intellektuellen zu manövrieren und zum Widerspruch herauszufordern. Doch diesen Gefallen wollte ich ihm nicht tun. Stattdessen spielte ich den Ball zurück, indem ich seine anmassenden Worte zu einer Aussage überspitzte, die er unmöglich würde halten können:

»Für Sie ist das Denken der Intellektuellen also völlig unbrauchbar«, schloss ich.

»Unbrauchbar?« rief der Denker, entsetzter, als er wohl war. »Um Himmels willen, wie kommst du denn darauf? Das, was ihr da an der Uni leistet, und das, was die grössten Denkerinnen und Denker geleistet haben – das ist doch nicht unbrauchbar. Das sind ganz passable Aufwärmübungen für die echte Arbeit mit dem Gedankenkörper. Die Arbeit, die du nun begonnen hast.«

Trübungen

Das Aquarium irritierte mich. Angeblich schwamm ein Exemplar dieser bunten tropischen Clownfische darin. Es sei ein pflegeleichter Blickfang für das Korallenriff zu Hause, so tönte das Schildchen neben dem Glaskasten. Nur, der Fisch war nicht zu sehen, denn das Wasser war völlig eingetrübt. Wie konnte Clara Occhi, die Händlerin, das übersehen haben, so penibel wie sie sonst war?

Als ich über diese Frage grübelte, wurde mir bewusst, dass Frau Occhi meinen Bewegungsfluss durch den Bastelladen einmal mehr unterbrochen hatte. Hier stand ich also, mitten in der Abteilung, die die Herzen der Tierfreunde höher schlagen liess. Hier wollten Hunde, Katzen und Bienen aus Filzteilen und Knete und Pompons zusammengesetzt werden. Kolibris, Giraffen und die Eidechsen, die sich in den eigenen Schwanz bissen, posierten als Pappfiguren und als Motive auf Papierservietten. Pandabären, Löwen und Delfine boten sich als Kratzbilder fürs Nachkratzen an. Die Mitglieder der vermenschlichten Schaffamilie – sie trugen die Namen der Musen – sangen, musizierten und dichteten für tierische Miniaturwelten. Rehe, Eichhörnchen und Nachtigallen luden als Stempel und Schablonen zum Nachdrucken, Nachzeichnen und Nachstanzen ein. Und die geklammerten Schmetterlinge mit den bunten Augenmusterpaaren auf den Flügeln wollten an Kränze, Gestecke und Karten geheftet werden.

Mit Tieren konnte ich nie besonders viel anfangen. Noch weniger aber mit der Verniedlichung und Vermenschlichung von Tieren. Genau das wurde hier verkauft, und nicht zu knapp. Den Beschriftungen zufolge gab es hier nur süsse Tiere, coole Tiere, Lieblingstiere, Freunde und Gefährten. Nutztiere wie Kühe, Hühner oder Schweine suchte man vergebens, die waren offenbar nicht zum Kleben, Kneten oder Knuddeln geeignet.

Als ob wir nicht alle Tiere wie Nutztiere behandelten, höhnte es in mir. Die einen nützten uns, wenn wir sie züchteten und schlachteten und verspeisten. Andere nützten, wenn sie aus ihrem Lebensraum verschwanden, den wir uns griffen. Wieder andere nützten uns als Versuchstiere für Experimente. Und schliesslich nützten uns jene, die wir zu Produkten machten, für den Tourismus, für den Zoo, für die Familienerweiterung, für den Film. Und für das Spielen und Basteln, wo sie in den freien Minuten unseres Lebens wohldosiert und kontrolliert unsere Sehnsucht nach dem Leben, nach der Natur, nach dem Wahren und Authentischen zu stillen hatten.

Zu all dem trug ich doch längst nicht mehr bei, sagte ich mir, hierher gehörte ich doch nicht mehr. Ich war wegen der echten Dinge gekommen, und die waren ganz hinten im Laden zu finden, in der Holzabteilung. Nicht hier, wo sich kalte Materie in tierisch niedliche Formen zwängte.

Doch galt das auch für den Clownfisch im Aquarium? Das Schildchen verriet nämlich nicht, ob der Fisch lebte, oder ob es sich nur um ein Deko-Teil aus Kunststoff handelte. Anstatt also diesen Gang hinter mir zu lassen, um meinem Bestimmungsort entgegenzueilen, trat ich erneut vor den Tisch, auf dem das Aquarium stand. Ich musste wissen, ob es in diesem Hort der Nachahmung etwas Echtes gab. Und warum sollte da nur ein einziger kleiner Clownfisch in diesem grossen Aquarium schwimmen? War überhaupt etwas in diesen Trübungen, oder hielt mich Clara Occhi zum Narren?

Spontan tauchte ich meine Hand in das Wasser und schwenkte sie hin und her. Einen festen Gegenstand konnte ich nicht fühlen. Vielleicht wich der Fisch ja in die Tiefe aus. Also senkte ich meinen Arm bis zur Schulter in das Aquarium. Nur um festzustellen, dass ich vergessen hatte, meinen Ärmel hochzukrempeln. Aber das Missgeschick hielt mich nicht davon ab, Gewissheit über die Natur des angeblichen Fisches zu erlangen. Systematisch griff ich das Aquarium ab, so tief und weit mein Arm reichte. Doch da war nichts. Ausser natürlich der Clownfisch bewegte sich am Grund, den ich mit meiner Hand nicht erreichte.

Mich würde die Händlerin nicht zum Narren halten, versprach ich mir, mich nicht. Ich würde schon herausfinden, was da wirklich im Aquarium war. Also kletterte ich auf den Tisch, stieg in das Aquarium, holte tief Luft und tauchte unter. Mit angehaltenem Atem begann ich, den Boden des Glaskastens Stück für Stück abzutasten. Die Suche nach dem vermeintlichen Fisch nahm mich so in Beschlag, dass ich nicht einmal auftauchen wollte, als mir der Sauerstoff ausging.

---ENDE DER LESEPROBE---

Table of Contents

Cover

Titelseite

Inhaltsverzeichnis

Vorwort

Die Wilden und die Stillen

Trübungen

Mit dem Toggel streiten

Der Erste Wirbel

Spiralen

Die Neun Lichter wissen

Das echte Denken

Der Zauberwürfel

Das Märchen

Der Spielplatz

Lichtpflanzen

Auf der Hürde

Das Ritual

Die Zivilisierung der Neun

Mit den Spielen spielen

Im Weg

Vertraut

Das Gesicht des Lichtkörpers

Nach den Tugenden handeln

Im Nabel des Berges

Freiheit von der Ordnung

Anmerkungen

Autor

Impressum

Guide

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