Next Level Living - Jamie Wheal - E-Book

Next Level Living E-Book

Jamie Wheal

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Beschreibung

Hundert Prozent leben, im Flow, wach und verbunden - ist das wirklich möglich? Unser Körper und unser Gehirn sind die Verbündeten auf dem Weg zu einem neuen Lebensgefühl, sagt Motivationstrainer Jamie Wheal. Auf der Grundlage von Forschungsergebnissen aus den Neurowissenschaften hat er ein hochwirksames Transformationsprogramm entwickelt. Eine Kombination aus speziellen Atemtechniken, Körpertraining und der Aktivierung der Sexualenergie hebt uns auf ein deutlich höheres energetisches Level und hilft, Stress abzubauen, sich zu fokussieren, Leistungsfähigkeit und Kreativität zu erhöhen sowie sein Liebesleben zu verbessern. Darüber hinaus führen die ekstatischen Erfahrungen dieses Programms zu einer erfüllenden spirituellen Dimension.

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Seitenzahl: 589

Veröffentlichungsjahr: 2021

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Über das Buch

Hundert Prozent leben, im Flow, wach und verbunden - ist das wirklich möglich? Unser Körper und unser Gehirn sind die Verbündeten auf dem Weg zu einem neuen Lebensgefühl, sagt Motivationstrainer Jamie Wheal. Auf der Grundlage von Forschungsergebnissen aus den Neurowissenschaften hat er ein hochwirksames Transformationsprogramm entwickelt. Eine Kombination aus speziellen Atemtechniken, Körpertraining und der Aktivierung der Sexualenergie hebt uns auf ein deutlich höheres energetisches Level und hilft, Stress abzubauen, sich zu fokussieren, Leistungsfähigkeit und Kreativität zu erhöhen sowie sein Liebesleben zu verbessern. Darüber hinaus führen die ekstatischen Erfahrungen dieses Programms zu einer erfüllenden spirituellen Dimension.

Über den Autor

Jamie Wheal ist anerkannter Experte in Sachen Spitzenleistungen und Leadership. Als Vorstand des »Flow Genom Project« ist er spezialisiert auf Neurowissenschaften und deren praktische Anwendung zur Erreichung von Flow-Zuständen. Zusammen mit Steven Kotler verfasste er »Stealing Fire. Spitzenleistungen aus dem Labor«, in dem gängige Vorstellungen über Bewusstsein, Kreativität und Leistung auf den Prüfstand gestellt werden. In seiner Arbeit kombiniert der Extremsportler (Kitesurfen, Downhill Mountain Biken, Heli-Skiing) seine praktischen Erfahrungen als Wilderness Guide und Expeditionsleiter mit den Erkenntnissen aus seiner Arbeit mit Führungskräften und erfolgreichen Unternehmen wie Cisco, Google, Nike oder Red Bull.‹‹

Jamie Wheal

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Level

Living

Wie wir durch Atmung, Bewegung und Sex zu einer neuen Spiritualität finden

Aus dem Englischen von Sabine Reinhardus und Reiner Pfleiderer

Sollte diese Publikation Links auf Webseiten Dritter enthalten, so übernehmen wir für deren Inhalte keine Haftung, da wir uns diese nicht zu eigen machen, sondern lediglich auf deren Stand zum Zeitpunkt der Erstveröffentlichung verweisen.

Der Inhalt dieses E-Books ist urheberrechtlich geschützt und enthält technische Sicherungsmaßnahmen gegen unbefugte Nutzung. Die Entfernung dieser Sicherung sowie die Nutzung durch unbefugte Verarbeitung, Vervielfältigung, Verbreitung oder öffentliche Zugänglichmachung, insbesondere in elektronischer Form, ist untersagt und kann straf- und zivilrechtliche Sanktionen nach sich ziehen.

Die Originalausgabe erschien 2021 unter dem Titel Recapture the Rapture: Rethinking God, Sex, and Death in a World That’s Lost Its Mind bei HarperCollins Publishers Ltd., New York, USA.

Deutsche Erstausgabe

© 2021 Kailash Verlag, München

in der Penguin Random House Verlagsgruppe GmbH

Neumarkter Str. 28, 81673 München

©Jamie Wheal 2021

Lektorat: Ralf Lay, Mönchengladbach

Satz und E-Book Produktion: Satzwerk Huber, Germering

ISBN 978-3-641-25647-0V001

www.kailash-verlag.de

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Für Julie, mein Alpha und Omega

Lasst es langsam angehen. Dieses Buch ist gefährlich.

Dr. Seuss

Der Konsum jeglicher Art von Drogen kann gesundheitliche Folgen bzw. Beeinträchtigungen nach sich ziehen. Darüber hinaus kann insbesondere der Besitz von Drogen strafbar sein. Näheres ist den strafgesetzlichen Vorschriften zu entnehmen. Der Verlag übernimmt keinerlei Haftung.

Inhalt

Einleitung: Prepper – fit für den Weltuntergang

Teil 1: Wählen Sie Ihre Apokalypse

1. Die Mitte hält es nicht

2. Stop Making Sense

3. Wir sind die Welt

4. Sinnstiftung 3.0

Teil 2: Das Alchemisten-Kochbuch

5. Atmung

6. Embodiment

7. Musik

8. Sakramente

9. Sex, Teil I

10. Sex, Teil II

11. Ein unbescheidener Vorschlag

Teil 3: Ethische Kult(ur)bildung

12. Jeder betet etwas an

13. Die Toolbox der ethischen Kultur

14. Team Omega

15. Über das Jenseits nachsinnen

Conclusio: Die vier apokalyptischen Reiter nahen

Dank

Anhang

Glossar

Studie: Das sexuelle Yoga des Werdens

Anmerkungen

Register

Einleitung

Prepper – fit für den Weltuntergang

Aus diesem Chaos, diesen Widersprüchen

Lernen wir, dass wir weder Teufel noch Götter sind …

Wenn wir das annehmen,

Müssen wir eingestehen, dass wir das Mögliche sind,

Dass wir das Wunderbare sind, das wahre Wunder dieser Welt,

Das heißt, wenn und nur wenn

wir es annehmen.1

Maya Angelou, »A Brave and Startling Truth«(Das Gedicht mit der Orion-Mission der NASA ins All geflogen)

Seit über einem Jahrhundert leiden wir unter einem schleichenden Sinnverlust, ein Vorgang, der sich nun ganz plötzlich beschleunigt. Früher fanden wir Hoffnung und Trost in der organisierten Religion, doch immer weniger Menschen können solchen Glaubensvorstellungen etwas abgewinnen. Nennen wir dieses traditionelle System »Sinn 1.0«. Es verhieß den Auserwählten Erlösung. Wer glaubte, wurde erlöst. Wer nicht, der nicht. Hart, aber fair.

In den letzten paar hundert Jahren haben wir es mit einem anderen Experiment versucht, das nicht auf Erlösung, sondern auf Inklusion setzt. Das war die Verheißung des globalen Liberalismus – die Vorstellung, dass Marktwirtschaft, Demokratie und Bürgerrechte uns in eine Welt führen würden, in der jeder, nicht nur die Auserwählten, eine reelle Chance bekommt, am guten Leben teilzuhaben.

Nur hat auch das nicht sonderlich gut funktioniert. Wirtschaftliche Ungleichheit, globale Krisen und Umweltzerstörung in bislang unbekanntem Ausmaß haben viele dieser Verheißungen als hohl entlarvt. Nennen wir dieses moderne Experiment »Sinn 2.0«. Es versprach der breiten Masse Teilhabe. Akzeptiere die Spielregeln, spiel mit, und deine Zeit wird kommen. Eine Theorie, die viel verspricht und wenig hält.

Da sowohl Sinn 1.0 als auch Sinn 2.0 gescheitert sind, erleben wir eine globale Krise. Und in das Vakuum, das sie hinterlassen haben, sind eine Vielzahl von Glaubensvorstellungen gestoßen, die das Gefüge unserer Zivilisation bedrohen. Auf der ganzen Welt, unter Gläubigen wie Nichtgläubigen, haben uns Endzeitideologien im Griff.

In ihrem Kern teilen Endzeitideologien vier Grundüberzeugungen:

Die Welt, wie wir sie kennen, ist kaputt und nicht zu retten.Es gibt einen Punkt in der nahen Zukunft, an dem sich alles ändern wird.Jenseits dieses Wendepunkts wird jeder, den wir wertschätzen, erlöst/gerettet.Also lasst uns möglichst schnell gehen, ohne auf die Welt, die wir hinter uns lassen, groß Rücksicht zu nehmen.

Dies wird zunehmend zum Problem für uns alle. Wir müssen unbedingt die Kontrolle über die Geschichten zurückgewinnen, die wir erzählen, denn sie gestalten die Zukunft, die wir schaffen. Zu diesem Zweck müssen wir uns auf die Quellen unserer Inspirationbesinnen, unseren Schmerz und unsere Apathie überwinden und zusammenrücken wie nie zuvor. Tun wir das nicht, werden die Endzeitideologen das letzte Wort haben, wie alles weitergeht. Doch wenn wir es tun, können wir wieder eine Welt gestalten, die uns allen zugute kommt.

Falls Ihnen diese Aussicht vorübergehend Sorgen bereitet, Sie sich dann aber sagen: »Extremisten mögen so denken, doch in der Welt von Wall Street Journal, Economist undTED-Talks,in der wir leben, geben kühlere Köpfe den Ton an« – überdenken Sie das noch mal. Wir sind umringt von Endzeitphilosophen. Sie tragen Hoodies und Anzüge von Brooks Brothers, gehen aber ebenso oft in Sack und Asche. Sie verkünden: »Die Singularität naht«, warnen aber ebenso oft: »Das Ende ist nah.« Sie nehmen Zeilen eines Computer-Codes ebenso gern unter die Lupe wie alte Texte. Man muss nur wissen, wonach man sucht.

Von all den aufgeregten Spekulationen darüber, was wohl das nächste große Ding sein wird, haben nur wenige unsere Fantasie so beflügelt wie der neue Wettlauf ins All. Die New York Times berichtete unlängst, dass wir kurz vor einem Wendepunkt in der Raumfahrt stünden und dass »es schon 2024 erste Reisen zum Mars geben könnte«. Jenseits von Raketenstarts im Livestream und dem Rummel um Early-Bird-Tickets für die wagemutigsten Milliardäre gibt es eine ernstere Frage, die Möchtegern-Weltraumkolonisten nur selten stellen: Sind wir uns da sicher?

Wir stammen nicht vom Mars. Er ist weit entfernt und völlig ungeeignet für eine menschliche Besiedlung. Für diese beiden Probleme – Entfernung und Lebensfeindlichkeit – Lösungen zu finden erfordert einen gigantischen Aufwand. Angenommen, wir hätten das technische Know-how, das Kapital und den Elan, die für diesen historischen Kraftakt nötig wären, warum sollten wir sie nicht dafür nutzen, den Planeten, auf dem wir bereits leben, in Ordnung zu bringen? Den Planeten, von dem wir stammen?

Nun, wegen der Endzeitideologien. Sie mögen anders verpackt sein als die religiösen Spielarten, an die wir uns dunkel aus der Schule erinnern. Doch sie weisen dasselbe Grundmuster auf. Nur stützen sie sich nicht auf verstaubte Schriften. Und ihr Thema ist auch nicht ein ultimativer Showdown zwischen Gut und Böse. Gleichwohl sind sie Endzeitideologien. Nennen wir sie die »techno-utopischen Endzeitideologien«. Sie folgen exakt demselben Vier-Stufen-Schema.

Die Welt, wie wir sie kennen, ist dem Untergang geweiht (nur ist diesmal nicht Versündigung der Grund, sondern Überkonsum).Ein Wendepunkt steht unmittelbar bevor (geopolitischer/ökologischer Kollaps, nicht das Erscheinen der vier apokalyptischen Reiter).Auf der anderen Seite werden unsere Leute umsorgt (Singularität/Marskolonien für die Besten und Intelligentesten – Egoismus und Eigennutz im All). Bereiten wir uns also schnellstmöglich auf diesen Fall vor, und nehmen wir dabei auf Kollateralschäden keine Rücksicht (bauen wir Raumstationen und Luxusbunker, statt nach Lösungen für die globale Ernährungs-, Wasser-, Energie- und Klimakrise zu suchen).

Nach den offensichtlichen Zielkonflikten und Herausforderungen einer Marsbesiedlung gefragt, antworten Befürworter wie erwartet, angefangen bei dem verstorbenen Stephen Hawking bis hin zu Elon Musk. »Eine solche Besiedlung«, sagte Musk, »stellt die größte Hoffnung dar, die Zukunft unserer Spezies zu sichern, während wir die Ressourcen unseres Heimatplaneten aufbrauchen.« Und Hawking bestätigte: »Die Ausbreitung in den Weltraum ist vielleicht das Einzige, was uns vor uns selbst schützt.«

Es vernebelt unser Hirn, wenn wir solche Kommentare hören anstelle schriller Alarmglocken und einer breiten Debatte über unsere Zukunft. Wir sind außerstande, den Ernst dessen zu erfassen, worüber wir eigentlich sprechen. Wir erinnern uns stolz an Neil Armstrongs »riesigen Sprung für die Menschheit«, und der Vorspanntext von Star Trek – »Viele Lichtjahre von der Erde entfernt dringt die Enterprise in Galaxien vor, die nie ein Mensch zuvor gesehen hat« – spukt uns im Kopf herum. Wir denken an die »Jetsons« aus der gleichnamigen Zeichentrickserie und ihre Raketenrucksäcke und fragen uns, ob es jetzt so weit ist, ob all diese Science Fiction wissenschaftliche Realität geworden ist. Sie erscheint uns so cool und vertraut, dass wir darüber hinwegsehen, wie genau das alles gehen soll.

Nehmen wir mal an, Hawking und Musk hätten recht. Beide waren beziehungsweise sind brillante Köpfe, denken intensiv über Dinge nach, die den meisten von uns zu hoch sind, lösen routinemäßig unlösbar scheinende Probleme und haben Zugriff auf Spitzenforschung aus aller Welt. Keiner von beiden hegt große Hoffnungen, dass unsere Spezies das Ende dieses Jahrhunderts lange überleben wird, wenn wir nicht einen radikalen Plan B auflegen. Allein das sollte uns zum Innehalten veranlassen.

Aber nehmen wir weiter an, dass es uns tatsächlich gelingt, innerhalb der nächsten Jahrzehnte eine Kolonie auf dem Mars zu errichten, die als menschlicher Außenposten im All unsere Zukunft sichern könnte. Was dann?

Eines ist sicher. Auf dem Raumschiff ins Bonbonland wird nicht genug Platz für alle acht Milliarden Menschen sein. Womit wir beim verlockendsten und destruktivsten Teil aller Endzeitideologien wären. Ganz egal, wie unwahrscheinlich es aus statistischer Sicht ist: Insgeheim glauben wir, dass wir ein Ticket bekommen. Obwohl eigentlich alles dagegen spricht, bilden wir uns ein, dass wir zu denen gehören, die gerettet werden, und nicht zu denen, die zurückbleiben. Wir können uns lebhaft vorstellen, wie schwierig es wird, ein Ticket zu ergattern, das uns vom alten Planeten Erde fortbringt. Dagegen wird sich die Evakuierung der US-Botschaft durch Hubschrauber beim Fall von Saigon wie ein Aufwärmtraining ausnehmen.

Wir sprechen es vielleicht nicht offen aus, aber seit 9/11, der Finanzkrise von 2008, dem Erstarken des Populismus und der Corona-Pandemie denken wir viel mehr über das Undenkbare nach. Bereits 2012 startete National Geographic Channel eine Reality-Show mit dem Titel Doomsday Preppers über Menschen, die sich fit machten für eine Zeit, die mit teils schrecklichen Akronymen umschrieben wird wie WROL (without rule of law, »rechtsfreier Raum«), WTSHTF (when the shit hits the fan, etwa: »wenn die Kacke am Dampfen ist«) oder EOTWAWKI (end of the world as we know it, »Ende der Welt, wie wir sie kennen«).

Die erste Folge verzeichnete über vier Millionen Zuschauer (fast eine halbe Million mehr als die beliebteste Late-Night-Comedy-Show). Danach erzielte Doomsday Preppers Rekordeinschaltquoten und avancierte zu einem Zugpferd des Kanals. Verblüfft über den eigenen Erfolg gab National Geographic eineUmfrage in Auftrag, um mehr über die Gründe zu erfahren. Dabei kam ans Licht, dass nahezu die Hälfte der Amerikaner es für sicherer hält, in Atombunker und MREs (unverderbliche militärische Notrationen) zu investieren, als ihre Ersparnisse in eine private Altersvorsorge zu stecken. Der amerikanische Traum von einem weißen Gartenzaun, 2,2 fröhlichen Kindern und Rentenfonds wird von Visionen in den Hintergrund gedrängt, die Bunkeranlagen, Barrengold und Survival-Rucksäcke zum Inhalt haben.

Wir möchten gerne glauben, dass wir in Krisenzeiten alle an einem Strang ziehen. Wir vertrauen auf die Regierung, die Nationalgarde, die Feuerwehr, die Polizei und Einrichtungen wie das Rote Kreuz. Im Jahr 2019 nahm Brock Long, Leiter der amerikanischen Katastrophenschutzbehörde FEMA, die historischen Überschwemmungen in Houston und Puerto Rico zum Anlass, Katastrophenhilfe als öffentliche Dienstleistung einem Realitäts-Check zu unterziehen. »Kongress und Öffentlichkeit«, so befand er, »haben meines Erachtens unrealistische Erwartungen an die FEMA. Wir müssen damit aufhören, in der FEMA eine Notrufnummer zu sehen.«

»Ich glaube«, gibt Steve Huffman, CEO des populären Online-Forums Reddit, zu bedenken, »dass wir alle bis zu einem gewissen Grad einfach darauf vertrauen, dass unser Land funktioniert. Alle Dinge, die uns wichtig sind, funktionieren, weil wir glauben, dass sie funktionieren. Ich halte sie fürziemlich belastbar, aber wir haben schon viel durchgemacht und werden mit Sicherheit noch viel mehr durchmachen.«

Unser Vertrauen darauf, dass alles schon irgendwie klappen wird, ist irgendwo zwischen Wunschdenken und erlernter Hilflosigkeit anzusiedeln. »Was die Erfahrung aber und die Geschichte lehren«, warnte der Philosoph G. W. F. Hegel, »ist dieses, daß Völker und Regierungen niemals etwas aus der Geschichte gelernt … haben.«2

Dieselben Wirtschaftstycoons, die in Mondflüge investieren, rüsten auch ihre Bodenstationen auf. Und mit besonderem Eifer tun es natürlich diejenigen, die dafür am meisten aufwenden können.

Im Januar 2017 veröffentlichte Evan Osnos im New Yorker einen Artikel mit dem Titel »Doomsday Prep for the Super-Rich«, in dem er detailliert beschreibt, was Leute vorhaben, die über die nötigen Informationen und Mittel verfügen, um vorausplanen zu können. Der Artikel sorgte für Furore und bescherte dem Magazin über eine halbe Million Online-Zuschriften. »Wenn wir an die Prepper-Bewegung denken, deren Mitglieder sich auf den Zusammenbruch der Zivilisation vorbereiten«, erklärt Osnos in seiner Einleitung, »haben wir oft ein bestimmtes Bild vor Augen: den Waldmann mit Alufolien-Hut, den Bohnen hortenden Hysteriker, den religiösen Untergangspropheten. Doch in den letzten Jahren hat das Preppen auch auf wohlhabende Kreise übergegriffen und unter Führungskräften der Technologiebranche, Hedgefonds-Managern und Angehörigen ähnlicher Berufsgruppen im Silicon Valley und in New York Fuß gefasst.« Tatsächlich handelt es sich dabei nur um eine verkappte Endzeitideologie. Sie mag ohne religiöse Erlöser und Weltraumfluchten auskommen – sie ersetzt Marskolonien lediglich durch umfunktionierte Raketensilos und Fluchtfarmen –, aber sie weist dieselben Grundmuster auf.

Als Osnos den LinkedIn-Gründer Reid Hoffman im Interview fragte, wie verbreitet solche Notfallpläne unter den Tech-Eliten seien, schätzte er den Anteil auf »über 50 Prozent« und fuhr fort: »Wenn Sie sagen, dass Sie ein Haus in Neuseeland kaufen wollen, ist das wie eine Art Augenzwinkern, na, Sie wissen schon. Und sobald Sie sich durch diesen Freimaurerhandschlag zu erkennen gegeben haben, sagt Ihr Gegenüber so etwas wie: ›Ach, wissen Sie, ich kenne da einen Makler, der verkauft Raketensilos. Die sind atomsicher und sehen so aus, als wären sie zum Wohnen ganz interessant.‹«

Wie der Erfolg der Fernsehserie Doomsday Preppers zeigt, sind wir alle an einer Absicherung interessiert für den Fall, dass die Kacke am Dampfen ist. Nur haben einige von uns mehr Barrengold und bessere Bunker.

Vor ein paar Jahren schrieb Douglas Rushkoff, Autor von Throwing Rocks at the Google Bus und laut MIT »einer der einflussreichsten Intellektuellen der Welt«, einen Artikel, der sich wie ein Update von Osnos’ Beitrag im New Yorker las und zeigte, dass wir innerhalb weniger Jahre den Übergang vom Hypothetischen zum nahezu Undenkbaren vollzogen hatten.

Rushkoff erhielt eine Einladung, vor einer Gruppe von Wall-Street-Finanziers über die Zukunft der Technologie zu sprechen, ein Thema, mit dem er sich sein ganzes Berufsleben beschäftigt hatte. Und obwohl er solche annehmlichen Vortragsjobs normalerweise ablehnte (immerhin war er Mitbegründer der Cyberpunk-Bewegung in den Neunzigerjahren), musste er zugeben, dass »es das mit Abstand höchste Honorar war, das man mir je für einen Vortrag geboten hatte – etwa die Hälfte meines Jahresgehalts als Professor«. Also stellte er seine Bedenken hintan und tat, was die meisten vernünftigen Leute getan hätten: Er nahm den Job an.

Am vereinbarten Tag wurde er in einen Raum geführt, den er für den Green Room hielt (eine Art Garderobe im Backstagebereich, in der sich bei Konferenzen Redner und Moderatoren aufhalten). Fünf tadellos gekleidete Herren saßen da und stellten sich vor. Da dämmerte Rushkoff, dass dies kein Green Room war und dass es auch keine Bühne gab. Auch keinen Saal voller Wertpapierhändler, die auf seinen Vortrag warteten. Die fünf Männer waren sein Publikum.

Zunächst stellten sie ihm ein paar leichte Fragen zum Aufwärmen: Was hatte es mit Blockchains und Kryptowährungen auf sich? Wie weit war die Entwicklung von Quantencomputern gediehen? War Google wirklich in der Lage, Ray Kurzweils »Gehirn« in die Cloud hochzuladen? Sollte man nach Alaska oder Neuseeland, um der Erderwärmung zu entgehen?

Aber dann kam die eigentliche Frage, deren Beantwortung sich die fünf Wall-Street-Größen ein Stundenhonorar von über 50000 Dollar kosten ließen: »Wie behalte ich nach dem Ereignis die Autorität über meine Security-Leute?«

Der Satz bedarf der Erläuterung.

Beginnen wir mit dem Wort »Ereignis«.

»Das«, so erklärt Rushkoff, »war ihr Euphemismus für den Umweltkollaps, soziale Unruhen, Atombombenexplosionen, unaufhaltsame Viren oder verheerende Cyberattacken, die alles lahmlegen.« Diese Männer wollten nicht über Zukunftsszenarien diskutieren und nachdenken. Sie hatten einen erschreckend simplen Ersatz gefunden. Das Ereignis. Und wären diese Männer möglicherweise auch nicht bereit gewesen, darauf zu wetten, welcher Dominostein als Erster fallen würde, so stand für sie offenbar fest, dass in Bälde alle fallen würden. Eine feste Konstante in einer komplizierteren Gleichung, die sie noch zu lösen versuchten.

Dann das Verb.

»Die Autorität behalten« impliziert unmissverständlich, dass a) Autorität in der nahen Zukunft herausgefordert oder infrage gestellt werden könnte und dass b) diese fünf Männer sie besaßen und an ihr festzuhalten gedachten.

Schließlich das Objekt dieser Handlung.

»Meine Security-Leute.« Nicht »mein persönlicher Assistent«. Auch nicht »mein Klempner«, »Butler« oder »Team«. Meine »Security-Leute«. Ungeschminkt. Plural. Und möglicherweise, nach der Dringlichkeit ihrer 64 000-Dollar-Frage zu urteilen, wie sich diese Leute »nach dem Ereignis« kontrollieren ließen, eine Söldnertruppe.

In der verbliebenen Zeit der gemeinsamen Stunde legten die Hedgefonds-Manager noch ein paar weitere Karten auf den Tisch. Wie sollten sie ihre Milizionäre bezahlen, wenn das Wirtschaftssystem zusammenbrach und Papiergeld und digitale Währungen wertlos wurden? Wie konnten sie einen Gewaltausbruch à la Herr der Fliegen verhindern, wenn alles den Bach runterging? Ließen sich Lebensmittelvorräte mit Zahlenschlössern sichern, deren Kombinationen nur ihnen bekannt waren? Was war mit Elektroschock-Halsbändern? Oder KI-Robotern?

»Da ging mir ein Licht auf«, sagte Rushkoff. »Zumindest aus Sicht dieser Herren war es ein Gespräch über die Zukunft der Technologie. Nach dem Vorbild von Elon Musk, der den Mars besiedeln will, Peter Thiel, der den Alterungsprozess umkehren will, oder Ray Kurzweil, der sein Bewusstsein auf einen Supercomputer hochladen will, bereiteten sie sich auf eine digitale Zukunft vor, in der es weitaus weniger darum ging, die Welt zu verbessern, als vielmehr darum, die Natur des Menschen zu überwinden und sich selbst vor den sehr realen und gegenwärtigen Gefahren durch Klimawandel, steigende Meeresspiegel, Massenmigration, globale Pandemien, nativistische Panik und Ressourcenverknappung zu schützen. Für sie geht es bei der Zukunft der Technologie eigentlich nur um eins: verschont zu bleiben.«

Rushkoff, das sei zu seiner Ehre gesagt, stellte ihre Prämissen infrage. So antwortete er auf ihre unverblümten Fragen, dass sie sich der Loyalität ihrer privaten Sicherheitstruppe am besten dadurch versichern könnten, dass sie diese Leute schon jetzt richtig gut behandelten, als gehörten sie zur Familie. Und nicht nur das. Er riet ihnen zudem, dasselbe bei allen ihren Geschäften vor dem Eintreten des Ereignisses zu tun. Je effektiver sie das könnten, so sagte er, desto größer sei die Chance für uns alle, die Zivilisation überhaupt am Laufen zu halten.

»Mein Optimismus amüsierte sie, sie kauften ihn mir nicht ab«, räumt Rushkoff ein. »Sie waren nicht daran interessiert, eine Katastrophe zu verhindern, denn sie waren überzeugt, dass wir schon zu weit gegangen waren. Trotz ihres Reichtums und ihrer Macht glauben sie nicht, dass sie auf die Zukunft Einfluss nehmen können. Sie finden sich mit den finstersten Szenarien ab und setzen dann alles, was sie an Geld und Technologie aufbieten können, dafür ein, sich selbst zu schützen – besonders wenn sie keinen Platz in der Rakete zum Mars ergattern können … Das Ergebnis wird weniger eine Fortführung der menschlichen Diaspora sein als vielmehr ein Rettungsboot für die Elite.«

Endzeitler. Jeder Einzelne von ihnen. Man tut Endzeitideologien gerne als Randerscheinung ab und glaubt, ihre Anhänger träten nur als Prediger von Feuer und Schwefel oder als Selbstmordattentäter mit Sprengstoffgürtel in Erscheinung. Tatsache aber ist, dass wir von ihnen umgeben sind: Sie tragen schwarze Stehkragenpullover und Fleece-Westen, chatten über iPhones und schauen sich im Kabelfernsehen Doomsday Preppers an.

Wenn wir untätig bleiben und Endzeitlern jeglicher Couleur das Feld überlassen, wird uns nichts anderes übrig bleiben, als auf einem ausgelaugten Planeten Mad Max zu spielen, während eine Handvoll Tech-Tycoons ihr Bewusstsein auf Computer laden oder sich einen der letzten Flüge ins All sichern. Oder wir werden auf dem Weg zum Jüngsten Gericht von einem Nahostkrieg oder einem erstarkenden Dschihadisten-Kalifat hinweggefegt.

Nichts davon klingt besonders einladend.

Jedes einzelne dieser Szenarien sollte zumindest eine lebhafte Diskussion und, besser noch, ernste Besorgnis auslösen. Doch kaum jemand scheint ihnen Beachtung zu schenken. Wir haben den Äther, den Nachrichtenzyklus und die Initiative einer Handvoll Ideologen und Eiferern überlassen. Je länger das so bleibt, desto schlimmer wird es. »Wir beobachten eine Renaissance apokalyptischer Vorstellungen, die wahrscheinlich nicht auf vertraute Formen des Fundamentalismus beschränkt bleiben wird«, schreibt John Gray, Philosoph an der London School of Economics, in Politik der Apokalypse. Wie Religion die Welt in die Krise stürzt. »Neben evangelikalen Erweckungsbewegungen wird es bald wohl auch eine Fülle von Modereligionen geben, in denen sich Naturwissenschaft und Science-Fiction, Beutelschneiderei und Psychogeschwätz vermischen und die sich so rasant ausbreiten werden wie Computerviren. Die meisten werden harmlos sein, doch wenn die ökologische Krise sich verschärft, dürften auch Endzeitkulte … großen Zulauf finden.«3

Hier haben wir den gefährlichen und verführerischen Teil: Je schwieriger und beängstigender die Herausforderungen werden, vor denen wir stehen – seien sie sozialpolitischer, wirtschaftlicher, epidemiologischer, klimatischer oder spiritueller Natur –, desto verlockender wird der Gedanke, dass wir persönlich der ganzen Katastrophe entgehen können.

Wenn wir uns auf solche Geschichten einlassen, machen wir uns in doppelter Hinsicht etwas vor: Die erste Lüge ist, dass es für die Welt, wie wir sie kennen, keine Hoffnung gebe. Die zweite, dass wir entgegen jeder Wahrscheinlichkeit zu den Glücklichen gehören, die das erlösende Ticket bekommen.

In zahlreichen Studien bekunden religiöse Gemäßigte und säkulare Humanisten einen Wunsch nach Stabilität und Wohlstand. Die meisten Menschen wollen, über alle kulturellen Grenzen hinweg, einfach nur in Frieden leben und sehen, dass ihre Kinder die Chance auf ein besseres Leben bekommen. Dieser Wunsch verbindet uns. Atheisten, Muslime, Christen, Konfuzianer, Buddhisten, Juden, Hindus und Hipster – alle wollen nur eine Chance, friedlich zu leben und schließlich im Kreis ihrer Familie zu sterben. So ist es immer gewesen.

Doch der Endzeitler sieht die Welt grundsätzlich anders – seine exponentialistische Herangehensweise ist von der Überzeugung befeuert, dass die Welt nicht mehr zu retten ist und dass sie von allem Schmerz und Leid erlöst werden wird, wenn wir den Übergang in die nächste beschleunigen. Wenn der Zweck buchstäblich der Himmel auf Erden (und außerhalb von ihr) ist, dann sind die Mittel immer gerechtfertigt.

Doch diese Logik hat einen ordentlichen Haken: Selbst wenn Sie ein überzeugter Dschihadist oder christlicher Zionist sind oder im Voraus für ein Erste-Klasse-Ticket für einen SpaceX-Flug zum Mars bezahlt haben, gehören Sie zu einer Gruppe, die weniger als 1 Prozent der Erdbevölkerung ausmacht. Das bedeutet, dass eine winzige Minderheit über unsere gemeinsame Zukunft bestimmt. Und dass Ihre »Erlösung« die wahrscheinliche Vernichtung aller anderen bedeutet.

Was also wird aus den 99 Prozent, dem Rest von uns? Was aus der großen schweigenden Mehrheit der Menschen in aller Welt, die nur eine vernünftige Chance wollen und in Frieden weiterzuleben?

Mit Blick auf den Scherbenhaufen des Ersten Weltkriegs, »des Kriegs, der alle Kriege beendet«, verfasste William Butler Yeats einen Klassiker der modernen Literatur, das Gedicht »Das Zweite Kommen«. In fiebriger Bildsprache überträgt es biblische Themen auf das traumatisierte Europa und reflektiert über das Kommende. »Sicher steht eine Offenbarung an; / Sicher steht jetzt das Zweite Kommen an«, überlegte Yeats. »Bloß welches derbe Tier, ist reif die Zeit erst, / Schlurft gen Bethlehem, um zur Welt zu kommen?«4

Bis heute ist das Gedicht ein fester Bestandteil der populären Kultur. Es lieferte dem nigerianischen Autor Chinua Achebe den Titel für sein bahnbrechendes Werk Things Fall Apart (dt. Okonkwo oder Das Alte stürzt) und Joan Didion den Titel für ihre Essaysammlung Slouching Towards Bethlehem (dt. Stunde der Bestie). Es inspirierte sogar zu einer Episode der HBO-Serie The Sopranos mit dem Titel »The Second Coming« (dt. »Das große Nichts«).

Vor ein paar Jahren hieß es im Wall Street Journal: »Terror, Brexit und die US-Wahlen haben 2016 zum Yeats-Jahr gemacht.« Eine von Dow Jones durchgeführte semantische Analyse von Online-Inhalten ergab, dass in jenem turbulenten Wahljahr weltweit mehr Menschen die Zeilen »Alles zerfällt; die Mitte hält es nicht« zitierten als zu jeder anderen Zeit in den dreißig Jahren davor.

Seit damals haben die Zentrifugalkräfte, vor denen Yeats warnte, und die Anzahl der Dinge, die einfach zerfallen, noch deutlich zugenommen. »Die Besten zweifeln bloß«, schrieb er, »derweil die Schlechtesten voll leidenschaftlichem Erleben sind.« Und genau in dieser Situation befinden wir uns heute. Über das Schicksal einer riesigen Zahl gutmütiger, fleißiger und nach der Devise »leben und leben lassen« lebender Menschen entscheidet eine Minderheit, die sich in leidenschaftlichem Erleben Endzeitideologien verschrieben hat.

Wie also kann die große Mehrheit, wie kann der Rest von uns zu einem leidenschaftlichen Erleben zurückfinden, das uns befähigt, den Extremen entgegenzuwirken und für unser Leben und unsere Zukunft einzutreten?

Wenn es uns gelingt, haben wir eine Chance, die großen Probleme zu lösen, vor denen wir stehen. Wir können kitten, was zerbrochen ist, wir können wieder zueinanderfinden und ein leidenschaftliches, sinnerfülltes Leben führen. Und wenn nicht? Nun ja, der Mülleimer der Geschichte hat schon Zivilisationen geschluckt, die viel älter und origineller waren als unsere …

Um herauszufinden, was als Nächstes zu tun ist, werden wir zwei aufstrebende Disziplinen zurate ziehen – die Neuroanthropologie und die Kulturarchitektur. Im Grunde verfolgen beide den gleichen Ansatz. Nur blickt die eine zurück in die Vergangenheit und die andere nach vorn in die Zukunft. Die Neuroanthropologie nimmt Anleihen bei Neurologie, Psychologie und Geschichtswissenschaft, um besser zu verstehen, warum sich Menschen wie verhalten haben. Wenn Sie Yuval Hararis Eine kurze Geschichte der Menschheit oder Jared Diamonds Arm und Reich. Die Schicksale menschlicher Gesellschaften mit Genuss gelesen haben, wird Ihnen diese Forschungsrichtung vertraut sein. Die Kulturarchitektur bedient sich solcher Erkenntnisse und verwendet sie als Bausteine, um daraus effizientere Lösungen für soziale Probleme zu entwickeln.

Wenn Sie Richard Thalers Nudge oder Daniel Kahnemans Schnelles Denken, langsames Denken interessant fanden, sind Sie selbst vielleicht ein Hobby-Kulturarchitekt.

Dieses Buch gliedert sich in drei Teile.

Teil 1: Wählen Sie Ihre Apokalypse beleuchtet unsere gegenwärtige Sinnkrise: Wo stehen wir heute, warum ist es so schwer, die Welt zu verstehen, was könnte als Nächstes kommen, und was kann man tun? Außerdem wird gezeigt, dass viele unserer Bemühungen im Umgang mit Angst und Ablehnung, mit Tribalismus und Identitätspolitik die Dinge nur noch schlimmer machen. Abschließend wird auf die dringende Notwendigkeit eingegangen, unser Bewusstsein über uns selbst hinaus zu erweitern und mehr als Angehörige einer globalen Spezies zu denken. Dieser Schritt ist schwierig, aber entscheidend.

Teil 2: Das Alchemisten-Kochbuch schlägtden thematischen Bogenvon der Kulturanalyse zum Design Thinking. Wir werden das menschenzentrierte Design-Toolkit der Kreativfirma IDEO auf die Sinnkrise anwenden. Dabei führt das Buch in die Bereiche Neurologie und Optimale Psychologie, indem es die stärksten evolutionären Triebfedern in den Blick nimmt, die Inspiration, Heilung und Verbundenheit herbeiführenkönnen. Von Atmung über Bewegung und Sexualität bis hin zu Musik und Substanzen – dies sind die alltäglichen Mittel, die uns helfen, Erkenntnisse nutzbar zu machen, Traumata zu heilen und miteinander zu kooperieren. Ob Sie sicheiner existierenden Tradition oder Gemeinschaft zugehörig fühlen oder ob Sie sich zu erneuern suchen, dieser Teil bietet einen Fahrplan, wie Sie die Klarheit, den Mut und das Vertrauen erlangen, die Sie brauchen, um das zu tun, was getan werden muss.

Teil 3: Ethische Kult(ur)bildung schöpft aus den Disziplinen Anthropologie und vergleichende Religionswissenschaft und konzentriert sich auf die komplizierte Aufgabe, derartige Erfahrungen in Gang zu bringen und kulturell umzusetzen. Denn wenn wir in der Vergangenheit Peak States und tiefgehende Heilung miteinander kombiniert haben, kamen fast immer problematische Gemeinschaften dabei heraus. Dieser Teil bietet eine provisorische Anleitung, wie wir tausend Feuer entzünden können, ohne das ganze Haus abzufackeln. Betrachten Sie ihn als frei zugänglichen Instrumentenkasten der ethischen Kultur.

Wichtig ist noch der Hinweis, dass jeder dieser drei Teile ein eigenständiges Buch bilden könnte. Eigentlich sogar jedes Kapitel. In einfacheren Zeiten wären sie es wahrscheinlich auch geworden. Doch um zu einem Ergebnis zu gelangen, das in zeitlicher Hinsicht wie auch in einem zeitlosen Sinn zufriedenstellt, werden wir uns beeilen und einen weiten Weg zurücklegen müssen. Wenn es uns gelingt, auf dieser Reise zusammenzubleiben, wird uns am Ziel ein lohnender Ausblick erwarten. (Die Original-Anmerkungen, die auf bemerkenswerte Arbeiten von Experten auf allen diesen Gebieten hinweisen, sind online unter www.recapturetherapture.com/notes abzurufen [siehe auch Anmerkung 1 im Anhang dieses Buches]. Im Anhang wird näher auf die Forschungsstudien eingegangen, auf die sich Teil 2 stützt. Das Glossar, in dem viele in diesem Buch verwendeten Fachbegriffe erklärt werden, findet sich am Schluss. Sollten Ihnen also das Themenspektrum dieses Buches zunächst allzu breit gefächert erscheinen, sind Ihnen alle notwendigen Instrumente zum besseren Verständnis an die Hand gegeben.)

In diesem Buch holen wir radikale Forschung aus ihren Nischen heraus und wenden sie auf den Mainstream an – auf das breitere gesellschaftlichen Problem des Heilens, Glaubens und Zugehörens. Wir geben Antworten auf die Fragen, vor denen wir stehen: Wie können wir blinden Glauben durch unmittelbare Erfahrung ersetzen, wie vom Zerbrochenen zum Ganzen gelangen und wie Isolation durch Beziehungen lindern? Deutlicher ausgedrückt: Wir zeigen, wie wir unsere Körper revitalisieren, unsere Kreativität steigern, unsere Beziehungen neu beleben und ein für alle Mal die Fragen beantworten können, warum wir hier sind und was wir jetzt tun sollen.

In einer Welt, die vom Rest von uns das Beste braucht, zeigt uns dieses Buch, wie wir es schaffen können.

Teil 1

Wählen Sie Ihre Apokalypse

Das Gedicht am Weltende

ist das Gedicht, das das kleine Mädchen

in sein Kissen haucht, und

das es nicht aufsagen kann, denn

niemand ist da es zu hören dieses Gedicht

ist ein politisches Gedicht ist ein Kriegsgedicht ist ein

Universalgedicht aber es handelt nicht von

diesen Dingen dieses Gedicht

handelt von einem Menschenherzen dieses Gedicht

ist das Gedicht am Weltende.

Lucille Clifton

7

Eine Cinderella-Geschichte

Zuerst müssen wir uns einen Überblick verschaffen, wie wir in das momentane Dilemma geraten sind. Wir werden umfassend darüber Rechenschaft ablegen müssen, wo wir Mut gegen Bequemlichkeit, Hingabe gegen Zerstreuung und Inspiration gegen Information eingetauscht haben. Einfach ausgedrückt: Wenn wir die ganze Geschichte aufdröseln, wird es zunächst einmal schlimmer, bevor es besser wird.

Was, genau besehen, nicht überraschen sollte. Dass etwas zunächst schlimmer wird, bevor es sich zum Besseren wendet, zieht sich wie ein roter Faden durch dieses Buch. Als Kurt Vonnegut, Autor moderner Klassiker wie Schlachthof 5 oder Der Kinderkreuzzug und Katzenwiege, an der Universität von Chicago Anthropologie studierte, stellte er fest, dass alle Geschichten nur auf einer Handvoll Grundformen basieren.

Nach Vonnegut lässt sich jedes Narrativ anhand der Aufs und Abs nachzeichnen, die seine Protagonisten durchleben. Er identifizierte bestimmte Erzählmuster wie etwa die abgedroschene »Vom-Tellerwäscher-zum Millionär-Geschichte« (Ab, dann Auf) oder die »Boy-meets-girl-Story«, bei der sich ein Paar kennenlernt, dann trennt und am Ende wieder zueinanderfindet (Auf, dann Ab und wieder Auf).

Doch Vonnegut fiel auf, dass von all den Narrativen, die er entdeckt hatte, die Cinderella-Geschichte, die dem deutschen Märchen vom Aschenputtel ähnelt (auf ein Ab folgt ein Auf, dann ein richtiges Ab und ein richtiges Auf), die faszinierendste war. Anscheinend können wir nicht genug bekommen von ihren prekären Anfängen (muss Schmutzarbeit verrichten, wird von Stiefmutter und deren Töchtern als Fußabtreter behandelt), ihrem rasanten Aufstieg (gute Fee, schönes Ballkleid, Tanz mit dem Prinzen), ihrem jähen Absturz (Glockenschlag um Mitternacht, Kürbiskutsche, verlorener Schuh) und dem Happy End, das den Maßstab für alle anderen setzte.

Und so in etwa gestaltet sich auch unser Narrativ. Nur stecken wir in unserem noch mittendrin. Denn fast die ganze Menschheitsgeschichte über war das Leben garstiger, brutaler und kürzer, als uns lieb sein konnte (Ab). Dann bescherten uns industrielle, wissenschaftliche und demokratische Revolution Glühbirne, Wasserklosett, Wahlrecht, Impfstoff und Smartphone. Seitdem leben wir länger, lernen mehr und leiden kaum Mangel (Auf).

Bis heute, da wir den Faden wiederaufnehmen – Schlag Mitternacht, und kurz davor, alles zu verlieren. Seit Januar 2021 zeigt die Weltuntergangsuhr der Zeitschrift Bulletin of the Atomic Scientists, die verdeutlichen soll, wie groß die existenzielle Bedrohung für die Menschheit ist, hundert Sekunden vor zwölf. So nahe waren wir dem Weltuntergang noch nie seit Inbetriebnahme der Uhr 1947. Der Klimabericht der Vereinten Nationen von 2020 gab uns noch zehn Jahre, um die Probleme des Planeten zu lösen, sonst drohten immer gravierendere Folgen. Meldungen über geopolitische Konflikte, Wetterextreme, Hungersnöte, Flüchtlingsströme, Kriege, Superviren, Cyber-Terrorismus und existenzielle Verzweiflung verstopfen unsere Nachrichtenkanäle, und all diese Probleme entziehen sich einfachen Lösungen (drohendes Ab ins Bodenlose).

Die Klügsten und Informiertesten sind am geschocktesten. Der Rest von uns schwankt zwischen besorgt sein und so tun, als ob nichts wäre. Doch wenn es uns gelingt, unseren Fokus darauf zu legen, besteht eine reelle Aussicht auf Rettung – die Chance auf ein großes Happy End.

Buckminster Fuller hat es auf den Punkt gebracht, als er davon sprach, »die Welt für hundert Prozent der Menschheit in kürzestmöglicher Zeit durch spontane Kooperation, ohne dabei ökologische Schäden oder persönliche Nachteile für jemanden in Kauf zu nehmen, so zu verändern, dass sich die Lebensqualität für alle verbessern wird«. Das klingt nach einem erstrebenswerten Auf.

Die Sache hat nur einen Haken. Die zweite Hälfte unserer Cinderella-Geschichte ist völlig offen. Wer diese letzten Kapitel schreibt, schreibt sie für uns alle, und für unsere Kinder. Und deren Kinder. Ob es am Ende also Kürbisse oder Prinzen gibt, eine Katastrophe oder ein Happy End, das hängt davon ab, was wir als Nächstes tun.

1

Die Mitte hält es nicht

Alles ist exponentiell

Es dauerte bis Herbst 2018, ehe es mir wie Schuppen von den Augen fiel, dabei hätte ich es schon viel früher kommen sehen müssen.

Ich war nach Johannesburg geflogen, um bei einer Konferenz zum Thema »Afrika zukunftsfähig machen« einen Vortrag zu halten. Als ich im Publikum saß und Rednern lauschte, die die Notlage dieses Kontinents schilderten, seine Herausforderungen und Chancen, war ich abwechselnd angetan und verwirrt – angetan von ideenreichen Programmen mit dem Ziel, Solarenergie und Windkraft in dicht bevölkerte Townships zu bringen, oder von angedachten Methoden, mithilfe der Nanotechnik aus Wolken und Meerwasser Trinkwasser zu gewinnen. Aber auch verwirrt. Verwirrt über eine Frau aus Kalifornien, die aufgeregt ein Projekt vorstellte, das ungebildeten Dorfbewohnern in Zentralafrika dabei helfen sollte, Roboter zu bauen, und über einen pferdeschwanztragenden Wissenschaftler aus Cambridge, der die Möglichkeit in Aussicht stellte, den Alterungsprozess umzukehren, sodass wir ewig leben könnten.

Wozu bitte brauchen Subsistenzbauern Roboter? Bringt es die Welt wirklich weiter, wenn das Leben einiger weniger Glücklicher auf unbegrenzte Zeit verlängert wird, während die zunehmende Bevölkerung mit Hunger kämpft? Mit Sicherheit haben diese Projekte in Abraham Maslows Bedürfnishierarchie ein paar Stufen übersprungen – direkt von den Grundbedürfnissen zur Transzendenz, ohne in der fleischigen Mitte der Pyramide, wo die meisten Menschen gelebt haben und gestorben sind, eine größere Pause einzulegen.

Ich studierte das Programm, um festzustellen, was mich noch erwartete. Exponentielle Bildung – virtuelles Fernlernen, das alle Kinder dieser Welt mit einem WLAN-Anschluss erreichen kann. Exponentielle Biologie – genverändernde CRISPR-Technik zum Spleißen von DNA und zur Beschleunigung der Evolution. Exponentielle Mobilität – Apps zum Mitfahren in autonomen Autos und Drohnentaxis zur Umgehung von Staus auf dem Weg zur Arbeit. Exponentielle Daten – Quantencomputer und überlichtschnelle selbstlernende Algorithmen, die wissen, was wir wollen, noch bevor wir es selbst wissen. Exponentielle Wirtschaft – virtuelle Währungen, um Kleinstunternehmern Startkapital zu beschaffen und Steuern zu vermeiden.

Doch in dieser quirligen, aufregenden Zukunft, in der alles drauf und dran war, in die Hockeyschlägerkurve exponentiellen Wachstums einzuschwenken, fehlte etwas Entscheidendes, und das war exponentieller Sinn. Wollte man diesen Experten Glauben schenken, dann war alles, was wir über menschliche Erfahrung wussten – Hunderttausende Jahre Primatenevolution und menschliche Kultur –, im Begriff, von der bloßen g-Kraftbeschleunigter Veränderung in den Schatten gestellt zu werden. Wie es der Harvard-Biologe E. O. Wilson einmal ausdrückte: »Wir besitzen steinzeitliche Emotionen, mittelalterliche Institutionen und eine gottgleiche Technologie.« Aber niemand bot Rat in der Frage, was für einen Sinn wir in alldem sehen sollen.

Wenn man an Big-Ideas-Konferenzen wie dieser teilnimmt, bei denen alles auf tiefgreifende, visionäre Veränderungen fokussiert ist und Entwicklungen, von denen man bislang kaum gehört hat, selbstbewusst als Lösungen für sämtliche Probleme von Armut bis Krebs gehandelt werden, ist es beinahe unmöglich, sich von diesem Mix aus Kühnheit und Optimismus nicht mitreißen zu lassen. Steven Pinker hatte recht!, denkt man bei sich. Das großartige Experiment der Aufklärung der vergangenen dreihundert Jahre läuft allen Kassandren und Schwarzmalern zum Trotz wie geschmiert. In den Bereichen Bildung und Ernährung geht es aufwärts. Krieg und Krankheiten sind auf dem Rückzug. Alles deutet auf eine wenig beachtete, aber unbestreitbare Aufwärtsentwicklung hin, auf Fortschritte zum Wohle der Menschheit. Ein vollautomatischer Luxuskommunismus ist verlockend, auch wenn wir nicht genau wissen, wie wir von hier nach da gelangen.

Die Dinge, so ließe sich daraus schließen, verändern sich ohne Zweifel exponentiell zum Besseren.

Aber dann kommst du nach Hause, scrollst durch deinen News-Feed und wirst mit einer krisengeschüttelten Welt konfrontiert: Brände in der Arktis, in Amazonien und Malibu. Pandemien rund um den Globus. Flüchtlingsströme in Syrien, Venezuela und wo immer es die nächsten Pechvögel trifft. Ebola. Covid-19. Populismus. Terrorismus. Sexismus. Rassismus. All die Ismen. Die ganze Zeit.

Dinge, die zu ignorieren herzlos wäre, verschlimmern sich ohne Zweifel exponentiell.

Wie E. B. White, der Autor des Kinderbuchklassikers von Charlotte’s Web, einmal schrieb: »Ich stehe morgens auf und bin hin- und hergerissen zwischen dem Wunsch, die Welt zu retten, und dem Wunsch, sie zu genießen. Das macht es schwierig, den Tag zu planen.« Der Versuch, Pläne für eine Welt zu schmieden, die einem vorkommt wie ein Wust von widersprüchlichen und exponentiellen Negativkurven, macht einen selbst an den besten Tagen irre. Er erinnert an eine von diesen Differentialrechnungen mit vielen Variablen, an denen die meisten von uns auf der Schule gescheitert sind. Heute sind wir nicht besser dran.

Speziell zwei Kurven überschneiden sich im Moment – wir nennen sie den »Lebenserweckungsbogen« und den »Lebenserhaltungsbogen«.

Der Lebenserweckungsbogen beginntlinks unten und schwingt sich fröhlich nach rechts oben. Er steht für Selbstverwirklichung, kulturelle Entfaltung und all die Möglichkeiten, die bei der Exponential-Konferenz so viel Raum eingenommen haben. Wäre das Leben ein Picknick am Strand, würde diese Kurve auch einschließen, was man einpackt, wen man einlädt und wo man seine Decke ausbreitet, um die bestmögliche Aussicht zu haben.

Der Lebenserhaltungsbogen beginnt links oben und fällt im weiteren Verlauf steil ab. Wäre das Leben ein Picknick am Strand, würde zu dieser Kurve auch gehören, ob man bemerkt, wie das Wasser aufs Meer hinausgezogen wird, ob man beobachtet, wie alle Tiere auf höher gelegenes Gelände flüchten, und ob man das losplärrende Handy checkt, um die Tsunami-Warnung zu lesen.

Leben zu erwecken ist zeitlos, optimistisch und darauf gerichtet, die Wahlmöglichkeiten zu maximieren – die Welt zu genießen. Leben zu erhalten ist zeitgebunden, pessimistisch und darauf gerichtet, die Wahlmöglichkeiten zu reduzieren – die Welt zu retten. Im Moment scheinen wir an ihrem Schnittpunkt festzustecken. Und das kann es schwierig machen, unsere Tage zu planen.

Unser Gebäude-Komplex

Es geht ja nicht nur darum, dass die Welt sich exponentiell verändert und unsere Sinnstiftungsfähigkeit damit nicht Schritt hält. Es geht darum, dass wir einen totalen Sinnverlust beobachten. Jeden Tag erleben wir diesen Verlust in Form von Verunsicherung, Angst und Verwirrung. Selbst unsere vertrautesten und bewährtesten Orientierungspunkte können uns keine Auskunft darüber geben, welchen Weg wir einschlagen sollen.

Im April 2019 geriet die berühmte Kathedrale Notre-Dame de Paris in Brand. Frankreich rief den nationalen Notstand aus. Präsident Emmanuel Macron twitterte wie wild und startete eine Spendenaktion. Tage nachdem der Brand gelöscht war, gingen die nachdenklichen Kommentare los. Einige meinten, der Mut der Feuerwehrleute und die Spendenzusagen von Luxusmarken wie LVHM und Yves Saint Laurent seien Belege für den nationalen Geist Frankreichs. Andere stellten andere Überlegungen an. Sie fragten sich laut, ob der Missbrauchsskandal, der die Kirche erschüttert hatte, nun auch die Institution eingeholt habe und ob der Beinahe-Einsturz von Notre-Dame nicht sinnbildlich für den Zusammenbruch der Kirche selbst stehe.

Die Symbolkraft des Notre-Dame-Brands war dem Zufall geschuldet, doch für den Einsturz der Twin Towers im New Yorker Finanzviertel 2001 galt das nicht. Al-Qaida hatte diese Gebäude gezielt ausgewählt, weil sie die Wirtschaftsmacht des Westen repräsentierten. Die Verwundbarkeit dieser berühmten Wolkenkratzer sandte Schockwellen um die Welt. Mit den Türmen kollabierte auch Amerikas Sicherheitsgefühl.

Eine ungefähre Vorstellung davon, wie unsere Überzeugungen in unseren Gebäuden verankert sind, ist hilfreich, wenn wir über unsere aktuelle Sinnkrise nachdenken. Wir alle leiden unter irgendeiner Art »Gebäude-Komplex«: Die zu einer bestimmten Zeit und an einem bestimmten Ort bedeutendsten Institutionen verkörpern auch unsere Werte. Sie verraten uns auf einen Blick, wer das Sagen hat und was uns am meisten bedeutet.

In der Antike und im Mittelalter bauten Pharaonen Pyramiden und Könige Schlösser, die ihr gottgegebenes Recht zum Herrschen verkörperten. Im mediävalen Europa spielten Klöster und Kathedralen eine große Rolle, denn in ihnen spiegelte sich die Macht der Kirche wider. Mit dem Auftauchen des Nationalstaats im 18. Jahrhundert rückten Parlaments- und Gerichtsgebäude ins Zentrum von Stadtplanung und Stadtbild. Im 20. Jahrhundert und der Ära der Aktiengesellschaften wurde alles von Wolkenkratzern überragt, mit denen sich Industriemagnaten und Banken Denkmäler setzten. Heute stehen von Stararchitekten entworfene Technologie-Campusse im Rampenlicht. Die Macht in der physischen Welt wird nun von denen genutzt, die unsere virtuellen Welten erfunden haben.

Doch während die Twin Towers und Notre-Dame die Krise des Gebäude-Komplexes versinnbildlichen – eine Zeit, in der die Risse in unserer Kultur als Risse in unseren Grundfesten zutage getreten sind –, sehen wir in der Realität fast überall, wohin wir blicken, den Zusammenbruch von wohlwollenderund göttlicher Autorität. Und das gilt nicht nur für die Denkmäler, die wir der Macht und Prominenz errichten. Es gilt für die Institutionen selbst.

Im Jahr 2008, als namhafte Unternehmen wie Bear Stearns und Lehman Brothers bankrott gingen, verstand niemand richtig, warum der Markt so plötzlich und so gründlich zusammengebrochen war. Politiker zeigten im Fernsehen mit dem moralischen Zeigefinger auf gierige Mittelschichtskonsumenten, die über ihre Verhältnisse gelebt hätten. Später, als Post-mortem-Analysen der Krise wie Michael Lewis’ The Big Short – Wie eine Handvoll Trader die Welt verzockte erschienen, wurde klar, dass Unternehmen wie Goldman Sachs mehr Insichgeschäfte getätigt, mehr Anzeichen der bevorstehenden Krise wahrgenommen und eine größere Gleichgültigkeit an den Tag gelegt hatten, als die meisten Menschen für möglich gehalten hätten.

Wenn wir glaubten, dass solchen schlimmen Dingen mit Reformgesetzen wie dem Dodd-Frank Act endgültig ein Riegel vorgeschoben worden sei, lagen wir ebenfalls falsch – sie finden jetzt lediglich im Verborgenen statt. Und in Übersee. Beim 1MDB-Skandal in Singapur wurden Milliarden von Dollar heimlich aus dem Staatsfonds abgezweigt, in betrügerische Projekte und die Finanzierung von Hollywood-Filmen gesteckt oder schlicht und ergreifend unterschlagen, was einen Premierminister das Amt kostete, als es aufflog. Auch dabei hatten die Herren Banker von Goldman Sachs die Aufsicht geführt.

Die berüchtigten Brüder Gupta erleichterten im Verein mit Jacob Zuma und dem global tätigen Beratungsunternehmen McKinsey die südafrikanische Staatskasse um annähernd 7 Milliarden Dollar. Die Folge waren ein Absturz des Rand und eine politische Krise, welche die Erfolge gefährdet, die auf Nelson Mandelas so hoffnungsvollem Weg aus der Apartheid erzielt wurden.

»Die Bereitschaft des Unternehmens, mit despotischen Regierungen und korrupten Firmenimperien zusammenzuarbeiten, ist die logische Konsequenz des Gewinnstrebens um jeden Preis«, schrieb ein anonymer McKinsey-Mitarbeiter in einer weitverbreiteten hausinternen Mail. »Wenn Sie der Ansicht sind, dass die fortgesetzte Praxis des Kapitalismus eine existenzielle Bedrohung für Regierungen, die Biosphäre und arme Menschen in aller Welt darstellt, dann ist die Rolle des Unternehmens die eines Komplizen bei einem Verbrechen, dessen Opfer wir alle sind.«

Oberflächlich betrachtet, sind diese Fälle von Korruption zwischen Politikern und Finanzleuten nicht bemerkenswert – sie sind nur die letzten in einer langen Geschichte, bei denen Leute mit manikürten Händen in die Keksdose griffen und dabei erwischt wurden. Diese jüngste Bilanz können Sie ergänzen mit der Liste der Family-Offices von Milliardären, der mit außerbörslichem Beteiligungskapital finanzierten Unternehmen und der Megachurches, die 2020 von den 4 Billionen Dollar Corona-Hilfe den Rahm abgeschöpft haben. Und wir sollten die internationalen Banken nicht vergessen, die dabei mitgewirkt haben, über 2 Billionen Dollar für russische Oligarchen und kriminelle Syndikate zu waschen, was ebenfalls kürzlich Schlagzeilen machte. Solche Dinge sollten eigentlich nicht vorkommen, aber sie tun es. Ständig.

Wenn im Zusammenhang mit diesen Skandalen Goldman Sachs und McKinsey (neben der Deutschen Bank, Wells Fargo und vielen anderen) genannt werden, so droht das Ausmaß des Fehlverhaltens die Versprechungen des liberalen Globalismus insgesamt Lügen zu strafen.

Wenn wir die Entwicklungsländer dazu angespornt haben, in Infrastruktur zu investieren, Schulden aufzunehmen, die Demokratie zu stärken und Korruption zu bekämpfen, nur um sie durch ebenjene Mechanismen, die ihnen laut unserer Versprechungen die Rettung bringen würden, bis aufs Hemd auszuplündern, dann werden wir ein paar ziemlich ernüchterte Nachbarn bekommen.

Joseph Stiglitz, Nobelpreisträger der Wirtschaftswissenschaften und ehemaliger Chefökonom der Weltbank, weiß besser als die meisten, wie unser globales System funktioniert. Sein Befund ist schonungslos: »Das gleichzeitige Schwinden des Vertrauens in den Neoliberalismus und in die Demokratie ist kein Zufall oder eine bloße Korrelation. Der Neoliberalismus hat die Demokratie seit vierzig Jahren untergraben … Die Zahlen sagen Folgendes: Das Wachstum hat sich verlangsamt, und die Früchte des Wachstums gingen überwiegend an die sehr wenigen an der Spitze.«

Nicht nur die Wall-Street-Banker sind in die Kritik geraten. Auch das Silicon Valley, dieses Utopia des ungebrochenen Optimismus, in dem jede App, jedes Start-up und jeder Risikokapitalgeber ernsthaft darum bemüht ist, »die Welt zu verbessern«, hat seinen Glanz verloren. Nach dem Platzen der Dotcom-Blase 2001 haben die FAANG-Unternehmen (Facebook, Apple, Amazon, Netflix, Google) unsere Welt in nie dagewesener Weise vernetzt.

Wir waren berauscht von den schwindelerregenden Möglichkeiten in diesem neuen Zeitalter der Innovation. Google-Angestellte strampelten auf bunten Fahrrädern und propagierten das Firmenmotto »Don’t Be Evil« (mittlerweile aus dem Verhaltenskodex des Unternehmens gestrichen). Facebook begann zunächst als einfaches soziales Netzwerk für Studenten der Ivy-League-Universitäten und öffnete sich später, sodass der Rest von uns (sogar Oma!) im Netz einen alten Schwarm stalken und sein Leben fotoshoppen konnte.

Die suchterzeugende Bequemlichkeit des Ein-Klick-Kaufs bei Amazon ließ Kleinunternehmen sterben und Stadtkerne veröden, während ausbeuterische Logistikzentren überall im Land den Mitarbeitern, die uns die Ware innerhalb von 48 Stunden oder weniger an die Haustür lieferten, Mindestlöhne zahlten. Alles war so gut, so kurzweilig und so bequem, dass wir uns darum nicht scherten. »Beweg dich schnell, und mach Sachen kaputt!«, ermunterte uns Zuckerberg. Unfassbar, aber wir glaubten tatsächlich, dass sich durch diese kreative Zerstörung alles zum Guten wenden würde.

Ab 2016 begann sich alles zu ändern. Zunächst erschütterten die Skandale um die Einflussnahme auf das Brexit-Referendum in Großbritannien und die Präsidentschaftswahlen in den USA unser Bild der Social-Media-Plattformen und führten ihre verborgenen Schattenseiten vor Augen – wie die Leute von Cambridge Analytica Millionen von Facebook-Konten als Waffe benutzten, um äußerst zielgerichtet polarisierende Nachrichten zu verbreiten. Zunächst war nicht klar, wie nachlässig Facebook mit unseren Daten umgegangen war oder wie grenzwertig Cambridge Analytica tatsächlich agiert hatte. Hatte Facebook die ganze Zeit unsere intimsten Details an seine Drittanbieter weitergegeben? Was hatte Cambridge Analytica in böser Absicht und was mit voller Zustimmung getan?

Heute scheint es kaum noch eine Rolle zu spielen. Die Demokratie hat sich vom Ausgang unserer letzten beiden Wahlen oder deren Folgen nicht erholt. Sie hat den Bürgerkrieg, die Nazis und die Sowjets überlebt, nur um dann von AdWords und Twitter demontiert zu werden.

Mit einem Mal erschien das Konzept der uneingeschränkten, freien Meinungsäußerung auf all diesen Plattformen aus dem Silicon Valley völlig unzureichend. Angesichts der gezielten Versuche, ihre Algorithmen zu manipulieren und die Zivilgesellschaft zu hacken, wirkte ihre libertäre Haltung eher fahrlässig als prinzipientreu – zumal sie von überall her Werbeinnahmen in Milliardenhöhe einheimsten. Im Sommer 2020 beteiligten sich zahlreiche Facebook-Mitarbeiter an virtuellen Streiks, mit denen sie gegen CEO Mark Zuckerberg protestierten, der offenbar nicht willens war, unzutreffende und polarisierende Wahlpropaganda von ihrer Plattform zu nehmen. Egoismus und Eigennutz, die mittlerweile Hoodies und Sneakers von Allbirds trugen, zuckten nur mit den Schultern.

In den letzten Jahren ist die kognitive Dissonanz zu groß geworden – sogar denen, die mitten im Hype standen. Die Spannungen auf dem Google-Campus erreichten einen Siedepunkt – ursprünglich ausgelöst durch ein paar konservative »Brogrammer«, die sich wegen ihrer Ansichten rechts von der Mitte zensiert und ausgegrenzt fühlten und darüber beklagten. Dann protestierten weibliche Angestellte gegen eine allgegenwärtige Kultur sexuellen Fehlverhaltens und großzügige Abfindungen für übergriffige Führungskräfte. Schließlich reagierten Mitarbeiter bestürzt auf die Entscheidung des Unternehmens, für China eine zensierte Suchmaschine bereitzustellen, auf den Abschluss undurchsichtiger Verträge über den Verkauf eines KI-Gesichtserkennungssystems an das Pentagon zum Einsatz im Drohnenkrieg und den abrupten Abgang eines seiner profiliertesten Ethiker.

Für Google-Mitarbeiter, auf das Motto »Don’t Be Evil« eingeschworen, verschwammen die Grenzen zwischen den Guten und den Bösen immer mehr. Im Sommer 2019 meldete die New York Times:»Silicon Valley geht in Therapie«, als Techniker mit sechsstelligem Gehalt verspätet erkannten, dass ein All-you-can-eat-Buffet mit Rucola und Sushis ihr wachsendes Unbehagen nicht zu lindern vermochte.

Selbst unser Vertrauen in jenes Fachpersonal, das sein Leben dem Hippokratischen Eid verschrieben hat – Primum non nocere oder »Zuerst einmal nicht schaden« –, ist nicht unbeschadet geblieben. In den Achtzigerjahren begannen Ärzte, freizügig synthetische Opioide wie OxyContin zu verschreiben, und setzten damit einen Trend, der sich in den folgenden beiden Jahrzehnten weiter verstärkte. Damit ebneten sie einer regelrechten Opioid-Epidemie den Weg, die zur größten Krise im öffentlichen Gesundheitswesen des 21. Jahrhunderts geführt hat. In der Apotheke einer Kleinstadt in den Appalachen mit 400 Einwohnern gingen neun Millionen Tabletten OxyContin über den Ladentisch. Die Drogenvollzugsbehörde DEA und andere Bundesbehörden sahen tatenlos zu, wie der Pharmahersteller Purdue Pharma Rekordgewinne einstrich.

80 Prozent der heutigen Heroinsüchtigen haben ihre Drogenkarriere mit einem OxyContin-Rezept begonnen. Nimmt man den ebenso schädlichen, aber weniger bekannten epidemischen Gebrauch von Benzodiazepinen (eine Klasse von Beruhigungsmitteln, zu denen Valium, Xanax und Klonopin gehören) und die routinemäßig übermäßige Verschreibung von Amphetaminen wie Ritalin und Adderall hinzu, können Zweifel an der Beziehung zwischen Arzt und Patient nicht ausbleiben.

Wie aus einer systematischen Erhebung der medizinischen Zeitschrift The Lancet hervorgeht, gibt es weltweit über zwanzig Millionen Fälle von »iatrogen verursachten Krankheitsbildern« – was im Klartext nichts anderes bedeutet, als »dass Ihr Arzt Mist gebaut und alles noch schlimmer gemacht hat«.

Der Vertrauensschwund in die medizinischen Einrichtungen hat auch unliebsame Nebenwirkungen. Mitten in der Corona-Pandemie 2020 wurden vormals über jede Kritik erhabene Organisationen wie die amerikanischen Centers for Disease Control and Prevention und die Weltgesundheitsorganisation WHO kritisch unter die Lupe genommen und kontrovers beurteilt. In den sozialen Medien und politischen Machtzentralen wurden Zweifel an ihrer Loyalität und Objektivität laut, was eine koordinierte Reaktion auf die globale Gesundheitskrise erheblich erschwerte.

Die Politikwissenschaftler Roberto Foa und Yascha Mounk haben herausgefunden, dass nahezu die Hälfte der US-Bürger kein Vertrauen in die Demokratie hat und sich mehr als ein Drittel der jungen Besserverdienenden für eine Militärherrschaft ausspricht.

»Die jungen Leute von heute«, schreibt Derek Thomson in The Atlantic, »begehen so wenige Verbrechen wie noch nie und haben in größerer Zahl eine Hochschule besucht als jemals zuvor. Sie haben alles richtig gemacht. Sie haben sich ins Zeug gelegt, ohne vom rechten Weg abzuweichen, und die Belohnung für diese historisch beispiellose Gewissenhaftigkeit ist: weniger Eigentum, höhere Schulden und eine Ära existenzieller Katastrophen. Warum im Namen von Gott, Familie und Vaterland sollte so jemand Bock auf alte Zugehörigkeiten haben? Wie die Kids sagen: BurnItAllDown.«

Während die Dinge exponentiell schlimmer und gleichzeitig exponentiell besser werden und wir bei dem Versuch, dem einen Sinn abzuringen, rauchende Köpfe bekommen, hat uns der Verfall von wohlwollender Autorität in Politik, Wirtschaft, Medizin und akademischer Welt aller Orientierungspunkte beraubt. Doch nicht nur die wohlwollende Autorität bröckelt. Wie die Flammen von Notre-Dame sinnbildlich vorwegnahmen, auch die göttliche Autorität.

Das Ende des Glaubens

Im Frühjahr 2007 versammelten sich die vier apokalyptischen Reiter in einem eleganten Washingtoner Stadthaus zu einem Treffen, das ihr erstes und einziges bleiben sollte. Das Haus gehörte Christopher Hitchens, Journalist, Kritiker und Autor des im selben Jahr erschienen Buchs Der Herr ist kein Hirte – einer umfassende Zusammenstellung aller schlimmen Dinge, die im Namen des Göttlichen angerichtet worden waren. Die anderen drei Teilnehmer waren der bekannte Evolutionsbiologe Richard Dawkins, Autor von Das egoistische Gen und Urheber des Begriffs »Mem«, Daniel Dennett, ein herausragender Neuro- und Kognitionswissenschaftler und Autor von Den Bann brechen: Religion als natürliches Phänomen,sowie der jugendliche Newcomer Sam Harris, der soeben den Bestseller Das Ende des Glaubens veröffentlicht hatte. Während Hitchens mit seinem trockenen Humor jede Art von Glauben aufs Korn nahm, einschließlich Buddhismus und Neopaganismus, beschäftigte sich Harris vor allem mit dem Islam und dessen Verhältnis zu der Gewalt, in der die Welt seit 9/11 versunken war. Zwar setzte jeder Denker andere Akzente, doch in einem waren sie sich einig: Religion war, schon von ihren Wurzeln her, ein atavistischer Aberglaube, dazu bestimmt, Leid zu fördern und Unwissenheit zu erhalten. Der Glaube an die jungfräuliche Geburt, das Paradies der Märtyrer oder an eine Aufteilung der Welt in Erlöste und Verdammte, so betonten diese Skeptiker, sei unvereinbar mit Modernität, gesundem Menschenverstand und Vernunft. Er sei bestenfalls infantilisierend. Schlimmstenfalls diene er als Rechtfertigung für alle erdenklichen Gräuel. Die Zeit des blinden Glaubens, befanden sie übereinstimmend, sei vorüber. Diese vier apokalyptischen Reiter des Neuen Atheismus, wie er bald genannt wurde, feierten nur allzu gern das Ende des Glaubens.

Der Zeitpunkt war gut gewählt. Die Demografen gaben ihnen recht. Von den frühen Neunzigerjahren bis weit in dieses Jahrhundert hinein nahm Religiosität in Amerika und Westeuropa dramatisch ab. Die Zahl der Kirchenbesuche (und damit auch Einkünfte und Einfluss) sank. Kirchen wurden geschlossen oder verkleinert. Dauerkirchgänger kamen noch (die blauhaarigen Damen und ihresgleichen), aber die jüngeren Generationen, die sie hätten ersetzen können, blieben aus. Ein nominelles Wachstum verzeichnete der Katholizismus nur in den Entwicklungsländern. Doch in Europa und den Vereinigten Staaten sah es für die traditionellen christlichen Kirchen zunehmend düster aus. 2015 veröffentlichte das Pew-Forschungszentrum eine Studie, deren Ergebnis von großer Tragweite war: Zum ersten Mal in der Geschichte hatten die religiösen Konfessionslosen, die sogenannten »Nones«, die Angehörigen aller organisierten Konfessionen zahlenmäßig überholt und bildeten nicht nur die größte, sondern auch die am schnellsten wachsende Gruppe von Gläubigen in den Vereinigten Staaten.

Warum dies so plötzlich geschah, ist schwer zu erklären. Sozialwissenschaftler haben das Zusammentreffen verschiedener Ereignisse als Grund ausgemacht – angefangen beim Zusammenbruch der Sowjetunion (mit dem die Stigmatisierung endete, die bis dahin mit dem Bekenntnis zum »gottlosen« Atheismus verbunden war) bis zum Erstarken der Moral Majority, deren Verquickung von Kirche und Staat denen Unbehagen bereitete, die für mehr Unparteilichkeit eintraten. Und schließlich war da noch der Vorfall vom 11. September 2001, der Sam Harris zum Handeln bewegte – der plötzliche und gewaltsame Auftritt des islamischen Dschihadismus auf der Weltbühne. Sich als Nichtgläubiger zu outen erschien zum ersten Mal in der Geschichte nicht mehr rebellisch oder reaktionär, sondern einfach nur vernünftig.

Religionswissenschaftler hingegen führten andere Gründe für den Glaubensschwund an. Die einen verwiesen auf die wachsende Kluft zwischen kirchlicher Lehre und gesellschaftlichen Themen wie Frauen im Priesteramt, Empfängnisverhütung und Schwulenehe sowie auf den Umstand, dass die Kirche mit den sich verändernden Einstellungen ihrer Mitglieder nicht Schritt gehalten habe. Andere machten als Ursache den boomenden spirituellen Markt aus, der von Oprah Winfrey über Tony Robbins bis zu Ein Kurs in Wundern reichteundalternative Quellen des Trostes, der Erkenntnis und Anleitung bot. Eat, Pray, Love kostete immerhin nur 15 Dollar, und da seine Autorin Elizabeth Gilbert Schuldgefühle plagten, brauchte die Leserschaft keine zu haben. Die Kirche hatte auf dem Markt für Erleuchtung und Erlösung keine Nische mehr.

Gleichwohl waren die Berichte der Neuen Atheisten über den Tod des Glaubens leicht übertrieben. Die vier apokalyptischen Reiter hatten nur zur Hälfte recht. Die »Vernünftigen« mochten sich vom orthodoxen Glauben abgewendet haben, doch viele andere sahen sich an den Rand gedrängt. Da sie anderswo nicht ihre Mitte fanden, gerieten diese Nachzügler in den Sog von Fundamentalismus und Nihilismus.

Während »Mainline«-Protestantismus und Katholizismus einen beträchtlichen Rückgang der Besucherzahlen verzeichneten, boomten die evangelikalen Megachurches. Diese überkonfessionellen Kirchen boten einen typisch amerikanischen Mix aus positivem Denken und Wohlstandsevangelium und ermunterten Mitglieder, traditionelle Werte der Armut, der Bescheidenheit und des Dienens zugunsten des Traums vom besseren Leben über Bord zu werfen. Bühnenscheinwerfer, verstärkte Lobpreismusik, Großbildschirme und Jesus-Rock. Die alten katholischen Äquivalente Buße, Weihrauch und Glockengeläut waren dagegen chancenlos.

Trotz der Hipster-Pastoren in Lederjacken (eine Gattung, die das Männermagazin GQ »the New Hype Priest« taufte) ist die Lehrbotschaft bemerkenswert konservativ geblieben. Ein Markenzeichen der evangelikalen Bewegung ist der Literalismus – der Glaube, dass jedes Wort in der Bibel von Gott inspiriert und unverhandelbar wahr ist. Und werden auch die überholtesten Anordnungen ignoriert (wie die Steinigung von Ehebrecherinnen, das Halten von Sklaven oder das Salzen der Felder deiner Feinde), so beruht der Moralkodex dieser Kirchen doch zu einem Großteil auf der wortwörtlichen Auslegung alter Texte.

Statt sich in der Mitte zu treffen und den Versuch zu unternehmen, Glaubensvorstellungen einer rasch sich verändernden und modernisierenden Welt anzupassen, haben diese evangelikalen Kirchen die überraschende Erfahrung gemacht, dass sie mehr Menschen erreichen, wenn sie auf Tradition setzen (selbst im Rahmen einer selbstbewusst zeitgemäßen Präsentation). Möchtegern-Gläubige, die in einem Meer der Unsicherheit treiben, sind froh über jeden Fels, an dem sie Halt finden können.

Suchenden, die sich von fundamentalistischen Lehren abgestoßen fühlen, aber von Unsicherheit und Komplexität geplagt sind, kann die moderate Mitte nicht immer genügend Halt geben. Wer den Verheißungen der All-in-one-Megakirchen nicht erliegt, landet keineswegs immer dort, wo Harris und Hitchens vermutet hätten – im Reich der Vernunft und Rationalität. Oft driften sie ins andere Extrem und verfallen stattdessen dem Nihilismus.

Demoskopische Institute wie das Pew Research Center und Gallup untersuchen diese besondere Gruppe von Konfessionslosen und Nichtgläubigen nicht. Aber Gesundheitsbehörden tun es, und ihre Befunde sind ernüchternd. Angstzustände, Depressionen und Selbstmorde sind weit verbreitet. Jeder sechste Amerikaner nimmt Psychopharmaka, nur um den modernen Alltag zu bewältigen. Noch deutlicher wird ein Bericht der WHO, wonach heutzutage mehr Menschen durch Suizid als durch Kriege und Naturkatastrophen ums Leben kommen. Und das bei all den Hurrikans, Überschwemmungen und Waldbränden, all den Bürgerkriegen, Terroranschlägen und Militärkonflikten, von denen die Nachrichten berichten. Deren Opfer zusammengenommen reichen nicht an die Zahl der Menschen heran, die freiwillig aus dieser Welt scheiden, weil sie sie nicht mehr ertragen können.

»Wir sind die Zweitgeborenen der Geschichte, Leute«, erklärt Tyler Durden, die Figur des ultimativen Nihilisten, in dem Film Fight Club. »Männer ohne Zweck, ohne Ziel. Wir haben keinen großen Krieg, keine große Depression. Unser großer Krieg ist ein spiritueller, unsere große Depression ist unser Leben.«

Die organisierte Religion (Sinn 1.0) ist gescheitert. Die Entkoppelten und Entfremdeten haben das begriffen. Doch für sie ist Zuflucht zum Fundamentalismus des Frommen kein überzeugendes Gegenmittel gegen eine hypermoderne und zynische Welt. Aber auch der Modernismus (Sinn 2.0) hat nicht richtig funktioniert. »Wir wurden durch das Fernsehen aufgezogen in dem Glauben, dass wir alle irgendwann mal Millionäre werden, Filmgötter, Rockstars«, fährt Durden fort. »Werden wir aber nicht! Und das wird uns langsam klar! Und wir sind kurz, ganz kurz vorm Ausrasten.« Für die frustrierten Zweitgeborenen der Geschichte ist der Nihilismus – die Auffassung, dass nichts von alldem zählt – die allerletzte Zuflucht.

Das deckt sich mit dem, was Nietzsche vor über einem Jahrhundert sagte, als er Gott bekanntlich für tot erklärte. Atheisten sahen darin eine Rechtfertigung ihrer Nichtgläubigkeit. Bei genauerer Lektüre ergibt sich jedoch ein differenzierteres Bild, das für die heutige Zeit relevant ist.

Natürlich behauptete Nietzsche, dass Vernunft und Logik der Aufklärung und der wissenschaftlichen Revolution den blinden Glauben ersetzt hätten. Doch wenn man das Jesuskind mit dem Bade ausschütte, so warnte er, habe das tiefgreifende gesellschaftliche Folgen: »Wenn man den christlichen Glauben aufgibt, zieht man sich damit das Recht zur christlichen Moral unter den Füßen weg. Diese versteht sich schlechterdings nicht von selbst … Das Christentum ist ein System, eine zusammengedachte und ganze Ansicht der Dinge. Bricht man aus ihm einen Hauptbegriff, den Glauben an Gott, heraus, so zerbricht man damit auch das Ganze …«5

Jonathan Haidt, Philosoph an der New York University und Autor von The Coddling of the American Mind,