Nicht allein - Peter Blank - E-Book

Nicht allein E-Book

Peter Blank

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Beschreibung

"Menschliches Leben bedeutet Unterwegssein. Zu wel­chem Ziel? Wie finden wir die Straße des Lebens?... Gewiss, Jesus Christus ist das Licht selber, die Sonne, die über allen Dunkelheiten aufgegangen ist. Aber wir brauchen, um zu ihm zu finden, auch die nahen Lichter - die Menschen, die Licht von seinem Licht schenken und so Orientierung bie­ten auf unserer Fahrt" (Benedikt XVI., Spe salvi, 49). Was sich in einzigartiger Weise zwischen Christus und sei­nen Jüngern zutrug, ist seit frühchristlicher Zeit zu einer bedeutsamen Lebenshilfe innerhalb der Kirche geworden. Auch heute suchen Menschen Rat und Beistand für ihr Be­mühen um die Nachfolge Christi und für die Fragen und Probleme ihres Lebens. Der Begleiter will dem, der sich ihm anvertraut, als Mensch und als Christ zur Seite stehen. Begleitung ist Hilfe, keine Bevormundung. Der Begleitete soll sein Leben in der herrli­chen Freiheit der Kinder Gottes selbstbewusst verantworten und immer mehr hineinwachsen in den Willen Gottes, der möchte, dass das Leben gelingt, dass es lebens- und lie­benswert wird. In diesem Buch sind Gedanken und Erfahrungen des Au­tors aus fünfzig Jahren als Beichtvater und geistlicher Be­gleiter zusammengetragen. Der Text fußt durchgehend auf der Heiligen Schrift sowie auf der Weisheit derer, die uns vorangegangen sind im Glauben: der Heiligen. Tragende Themen sind die Berufung zur Heiligkeit, die Gotteskindschaft, das Gebet und der Umgang mit den "Alltagssakramenten" der Eucharistie und der Buße. Aber auch die praktische Verwirklichung der "Alltagstugenden" am Arbeitsplatz, in Ehe und Familie und im ganzen Feld der gesellschaftlichen Beziehungen wird eingehend durchbuchstabiert So werden diese Seiten wirklich zu einem geistlichen Beglei­ter, der Mut macht und hilft, dass aus dem normalen Alltag in der Welt immer mehr ein überzeugtes und glaubwürdi­ges christliches Leben wird.

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Peter Blank

Nicht allein

Wege geistlicher Begleitung

© Adamas Verlag GmbHPaulistraße 22, D-50933 Kölnwww.adamasverlag.de

Umschlaggestaltung: Ignaz Brosa

eISBN 978 3 937626 86 4

Inhalt

Vorwort

I. Gottes Welt

Salz, Licht und Sauerteig

Zweitursachen

Begleitung

Gefährdungen

Geistliche Begleitung

Gnade und Wollen

Gemeinschaft der Heiligen

Worum geht es?

II. Gott und seine Gedanken

Gott der Vater

Gott der Allmächtige

Gottes Ebenbild

Gottes Gnade

Heiligmachende Gnade

Weinstock und Rebe

Gnadenleben

Fruchtbarkeit

Sünde

Todsünde

Himmel und Hölle

Gottes Tempel

Gottes Kinder

Gottes Gegenwart

Beschaulichkeit

Der Heilige

»Man muss ja nicht gleich heilig werden …«

Die Pietà im Marmorblock

Das Mädchen von Pompeji

Heiligkeit und Alltag

Der Stabhochsprung

Umsonst habt ihr empfangen

Gottes Ruf

Der Blankoscheck

Die Steine des Pachomius

Entscheidung

III. Gottes Werkzeug – der Begleiter

Der gute Hirt

»Gott kann nur bis eins zählen« (hl. Johannes Paul II.)

Werkzeug

Ins Gebet nehmen

Der Freund

Zuhören – Verstehen

Respekt

Starkmut

Zurückhaltung

IV. Das Gespräch

Aussprache

Vorsätze

Wahrheit und Liebe

Vor- und Nachbereitung

Ort und Zeit

V. Kanäle der Gnade

Gebet

Jesus betet

Krieg und Frieden

»Herr, lehre uns beten«

Menschen des Gebets

Zeit und Raum

»Herr, ich kann nicht beten«

Stille

Freude am Gebet

Anbetung

Bitten und Danken

Fürbitte

Beten beibringen

Gebetsleben

Eucharistie

Das Größte und Schönste

»Warum muss man denn am Sonntag in die Kirche gehen?«

Der Hunderteuroschein

Siehe da, deine Mutter

Vergebung

Der Beichtstuhl

Sakrament

Bekenntnis

Reue

Geht es nicht auch ohne Beichte?

Wann und wie oft?

VI. Weitere Kernthemen

Die Biografie

Selbstliebe

Der Nächste

Wurzelsünden

Stolz

Neid

Geiz

Zorn

Unkeuschheit

Unmäßigkeit

Trägheit

Zusammenfassung

Friede

Unrecht

Wahrhaftigkeit

Gerede

Arbeit

Nazareth

Fünf Momente guter Arbeit

Gott zwischen den Kochtöpfen finden

Apostolische Arbeit

Geld

Was passiert, wenn ich das nicht kaufe?

Teilen kommt von Teil

Ehe

Das Ehethermometer

Sakrament

Heiligkeit

Eheleben

Eheliche Freundschaft

Familie

Das Gold des Königs Midas

Benutzte Literatur

Vorwort

Der Entschluss zu diesem Buch ist gereift, weil mich jüngere Mitbrüder baten, Gedanken und Erfahrungen aus fast fünfzig Priesterjahren, die mit besonderer Vorliebe dem Beichtstuhl und der geistlichen Begleitung gewidmet waren – und gottlob noch ein wenig sind – festzuhalten. Ich hoffe aber, dass das, was ich zusammengetragen habe, nicht nur Christen dienen kann, die sich der Aufgabe stellen, andere auf ihrem geistlichen Weg zu begleiten.

In Deutschland dürfte die Zahl derer, die eine regelmäßige geistliche Begleitung in Anspruch nehmen, eher gering sein. Nicht zuletzt deshalb, weil vielen Seelsorgern für die Übernahme dieser Aufgabe keine Zeit bleibt, und häufig auch, weil man sich dazu nicht befähigt glaubt. Dieses Buch möchte neugierig machen und ermutigen, nach einer guten, persönlichen Begleitung Ausschau zu halten. Vor allem wäre ich froh, wenn die Seiten selbst für viele Leser zu einem geistlichen Begleiter würden und ihm helfen, aus seinem Alltag ein belastbares geistliches Leben werden zu lassen. Denn was Gesellschaft und Kirche nottut, sind Alltagschristen: Menschen, die Freude daran haben, Gott »gerade in den materiellen, weltlichen Aufgaben des Lebens und aus ihnen heraus zu dienen: im Labor, im Operationssaal, in der Universität, in der Fabrik, in der Werkstatt, im Haushalt, im ganzen, unendlichen Feld der menschlichen Arbeit« (vgl. hl. Josemaría, Gespräche, Nr. 114); Männer und Frauen, die guten Gewissens »jedem Rede und Antwort stehen, der nach der Hoffnung fragt, die sie erfüllt« (vgl. 1 Petr 3,15).

Denen, die andere auf ihrem geistlichen Weg begleiten oder die sich darauf vorbereiten, möchte das Buch praktische Hilfen an die Hand geben, die ihnen ihre Aufgabe erleichtern. Aber auch für diesen Leserkreis würde ich mir wünschen, dass es an erster Stelle ein geistliches Buch ist, das – aus der Perspektive des Begleiters – mit der Wirklichkeit und den Wachstumsmöglichkeiten des eigenen Innenlebens konfrontiert. Besonders für den geistlichen Begleiter ist es unverzichtbar, dass er sich immer wieder vertieft von den Kernthemen des geistlichen Lebens (Gnade, Heiligkeit, Gotteskindschaft, Gegenwart Gottes, Gebetsleben, Nächstenliebe, Heiligung der Arbeit, menschliche Tugenden …) herausfordern lässt. Denn die Fruchtbarkeit geistlicher Begleitung hängt entscheidend davon ab, dass der Begleiter selbst die zentralen Themen des inneren Lebens wirklich verinnerlicht: sie meditiert, sie in seinen Alltag übersetzt und Eigenerfahrung damit sammelt.

Das Buch zehrt aus vielen Quellen; ich möchte aber die Lektüre nicht mit detaillierten Fußnoten überfrachten, sondern mich darauf beschränken, die wichtigsten Quellen und Fundorte am Ende anzufügen. Wie in meiner ganzen priesterlichen Biografie, so steht auch im Hintergrund dieser Seiten, lebendig und aktiv, die liebenswerte Gestalt des heiligen Josemaría Escrivá. Ich habe das Glück gehabt, den »Heiligen des Alltags«, wie ihn der heilige Papst Johannes Paul II. nannte, siebzehn Jahre lang persönlich zu erleben; ihm verdanke ich meine Berufung zum Opus Dei, er hat mich zum Priestertum gerufen, und sein Glaube, seine Herzlichkeit, seine ansteckend natürliche Übernatürlichkeit und insbesondere auch seine priesterliche Erfahrung in der geistlichen Begleitung zahlloser Menschen sind ein Geschenk, das mich geprägt hat und von dem ich zehre. Etwas direkter ausgedrückt: praktisch alles, was in diesem Buch brauchbar und hilfreich ist, habe ich – ohne mich zu schämen – bei ihm abgeschrieben. Die Gedanken des heiligen Josemaría werden immer wieder auch aus dem Gedächtnis an unmittelbar und oft Gehörtes einfließen, ohne dass es sich dann um wortgetreue Zitate handelt.

I. Gottes Welt

Salz, Licht und Sauerteig

In drei plastischen Bildern verdeutlicht Jesus uns die Rolle des Christen in der Welt; es sind die Bilder vom Salz, vom Licht und vom Sauerteig.

»Ihr seid das Salz der Erde. Wenn das Salz seinen Geschmack verliert, womit kann man es wieder salzig machen? Es taugt zu nichts mehr, es wird weggeworfen und von den Leuten zertreten«, heißt es in der Bergpredigt (Mt 5,13). Die wunderbare Fähigkeit des Salzes besteht darin, dass es der Speise zur Fülle des ihr eigenen Geschmacks verhilft, und zwar auf einem einzigen Weg, indem es selbst verschwindet und sich auflöst. Viele an sich gute Speisen bleiben geschmacklos und nicht selten ungenießbar, wenn das Salz fehlt. Genau das Gleiche ist aber auch dann der Fall, wenn das Salz sich wichtig macht und auffallen möchte; dann verdirbt es die Speise. Wir Christen sind das Salz der Erde.

»Ich bin das Licht der Welt. Wer mir nachfolgt, wird nicht in der Finsternis umhergehen, sondern wird das Licht des Lebens haben« (Joh 8,12), sagt Jesus von dem Licht, das er in unser Leben hineinträgt. Und dann benutzt er dieselben Worte, um uns zu verdeutlichen, dass wir in seiner Nachfolge zum Licht für andere werden sollen: »Ihr seid das Licht der Welt« (Mt 5,14). Das gute, warme Licht blendet nicht; es ist nicht das blendende Leuchten des bengalischen Feuerwerks oder der Wunderkerze, das einen Augenblick fasziniert und Sekunden später die Augen in noch größerer Finsternis zurücklässt. Das gute Licht tut gut. Es ermöglicht die Orientierung und das Wahr-nehmen der Umwelt und der Menschen; es gibt Sicherheit und macht den eigenen Lebensraum hell, angstfrei und einladend. Das Licht ist – wie das Salz – ganz dienend und möglichst anspruchslos. Und doch »soll euer Licht vor den Menschen leuchten« (Mt 5,15). Der Christ ist kein Blender, kein Gernegroß, der sich wichtig nimmt und sich ständig in den Mittelpunkt der Aufmerksamkeit und der Gespräche zu stellen versucht. Aber ebenso wenig darf er den Gerneklein spielen, der sich wegduckt und die Talente und Möglichkeiten, die Gott ihm anvertraut hat, vergräbt, das Licht unter den Scheffel stellt. Die Gottesgaben der Glaubensfreude und eines gelungenen, liebenswerten Lebens sollen nach Christi Willen in die Welt hineinstrahlen und diese konkrete Welt, in die Gott mich gestellt hat, ein wenig heller und wärmer machen. Das Licht gehört »auf den Leuchter; dann leuchtet es allen im Haus«. Die hohe Kunst der Demut besteht darin, dass wir uns einerseits durchaus gut, beispielgebend und gewinnend verhalten sollen, aber uns gleichzeitig jederzeit bewusst bleiben, dass allein Gott der Urheber des Hellen, des Schönen und des Guten ist, nicht wir. Nicht uns sollen die Menschen bewundern und loben, wenn sie unsere »guten Werke sehen«; sie sollen allein den »Vater im Himmel preisen« (Mt 5,16).

Das Gleiche veranschaulicht auch das dritte Bild des Herrn: das von der Hefe, vom Sauerteig. »Mit dem Himmelreich ist es wie mit dem Sauerteig, den eine Frau unter einen großen Trog Mehl mischte, bis das Ganze durchsäuert war« (Mt 13,33). Der Sauerteig macht – wie das Salz – nur dann und in dem Maße Sinn, wie er sich ganz in die Teigmasse hineingibt, ja in ihr aufgeht. Dann allein erfüllt er seine Aufgabe. Sich in Elfenbeintürmen und Ökonischen abzukapseln, wo der raue Wind des Widerspruchs nicht weht und eine abgeschirmte, keimfreie Atmosphäre herrscht, die jede Infektionsgefahr durch die Welt ausschließt, das ist definitiv nicht der Lebensraum, den Jesus Christus den Christen zugewiesen hat. Vermutlich stellt es einen der größten Lacherfolge der Hölle dar, wenn es dem Teufel gelingt, die Hefe in Plastiksäckchen zu verpacken und sie davon zu überzeugen, dass ihr christliches Zeugnis darin besteht, auf der Verpackung – aber bitte deutlich lesbar – das Schild anzubringen: »Echter Sauerteig, bester Qualität«. Dann hätte der »Vater der Lüge« (Joh 8,44) eine entscheidende Schlacht gewonnen. »Ist die Hefe von sich aus besser als der Teig? Sicher nicht. Und doch ist sie das Mittel dafür, dass der Teig gerät und zu essbarer, gesunder Nahrung wird …

Denkt aber nicht, dieses Bemühen wäre nur eine ornamentale Verzierung, die zu dem eigentlichen Christsein hinzukäme. Wenn der Sauerteig nicht in Gärung gerät, verfault er. Er kann sich dadurch auflösen, dass er den Teig aufgehen lässt, aber auch dadurch, dass er sich in Nutzlosigkeit und Egoismus verliert. Denken wir nur nicht, wir erwiesen Gott einen Gefallen, wenn wir Ihn den Menschen bekannt machen: ›Von der Verkündigung des Evangeliums bleibt mir kein Ruhm. Es ist meine Pflicht‹, als ein Auftrag Jesu Christi: ›Wehe mir, wenn ich das Evangelium nicht verkündigte!‹ (1 Kor 9,16)« (hl. Josemaría, Freunde Gottes (FG), Nr. 257 f.).

Der Herr will sich unser bedienen, »damit wir – ganz in Gott verankert – an allen Wegekreuzungen dieser Welt Salz, Sauerteig und Licht sein können«, schreibt der heilige Josemaría. »Sei du ganz in Gott – und du wirst die anderen erleuchten, in ihnen Geschmack am Ewigen wecken, sie zum Wachsen bringen, sie innerlich verwandeln. Vergiss aber nie, dass wir dieses Licht nicht hervorbringen, sondern nur widerspiegeln. Nicht wir sind es, die die Seelen retten«, wir sind nichts als Werkzeuge. »Bildeten wir uns je ein, dass das Gute, das wir tun, unser Werk sei, dann … würde das Salz schal werden, der Sauerteig faulen, das Licht sich verfinstern« (FG 250).

Zweitursachen

»Erschienen ist uns die Güte und Menschenliebe Gottes, unseres Retters« (Tit 3,4). »Der Einzige, der Gott ist und am Herzen des Vaters ruht, er hat Kunde gebracht« (Joh 1,18).

Die unausdenkbare Art, uns die Liebe, die Nähe – das Antlitz – Gottes erfahrbar zu machen, ist die Menschwerdung, ist Jesus Christus: perfectus deus, perfectus homo – vollkommener Gott und vollkommener Mensch. Und die wohl schönste Zusammenfassung des Menschseins Jesu ist seine einzigartige Menschlichkeit im Zugehen auf die Menschen: der liebevolle Blick, der warmherzige, vertrauensvolle Umgang mit jedem Einzelnen, mit dem er zusammentrifft. Das Evangelium vermittelt immer den Eindruck, dass für Jesus der wichtigste Mensch auf der Welt derjenige ist, der jetzt gerade vor ihm steht. So gehören zu den bewegendsten Passagen des Evangeliums jene Szenen, in denen Jesus – scheinbar rein zufällig – einzelnen Menschen begegnet: der Mutter von Nain, der Sünderin Maria von Magdala, dem Hauptmann von Kafarnaum, der Syrophönizierin, dem Blindgeborenen, dem Gelähmten vom Betesdateich, dem Zöllner Zachäus, den zehn Aussätzigen, dem Blinden von Jericho … Diese kleinen Begebenheiten enthalten, zusammen mit dem Gleichnis vom verlorenen Sohn, die vielleicht tiefste und nachhaltigste Offenbarung Jesu, in der er uns deutlich macht: So ist euer Gott, so liebt er euch. In der Begegnung mit Jesus werden Menschen gesund, werden getröstet, wissen sich angenommen und können sich annehmen: Sie können Ja sagen zu sich selbst, zu ihrem Leben und zu ihrer Berufung.

Und Jesus sorgt dafür, dass die so menschliche Art Gottes, zum Menschen zu kommen, in der Kirche weitergeht. Das Durch-Menschen-zum-Menschen-Kommen Gottes ist fast wie die Fortsetzung seiner Inkarnation, seiner Jahre hier auf Erden. Bereits zu Lebzeiten schickt Jesus seine Jünger »in alle Städte und Orte, in die er selbst kommen will« (vgl. Lk 10,1), und dann verspricht er ihnen: »wer euch hört, hört mich … ich bin bei euch alle Tage bis zum Ende der Welt« (Lk 10,16; Mt 28,20). Wer Jesus, bei aller Schwäche, ehrlich zu lieben und ihm nachzufolgen versucht, dem vertraut der Herr das Kostbarste an, was er auf Erden besitzt, seine Brüder und Schwestern, für die er sein Leben hingegeben hat. Jesus sagt ihm wie dem Petrus: Sei jetzt du, in meinem Auftrag und an meiner Stelle, »der gute Hirt« für diese »meine Schafe« (vgl. Joh 10,11 ff.; Joh 21,16). Besonders vom Pfingsttag an haben die Apostel diesen Auftrag wahrgenommen, und zwar so echt und überzeugend, dass die Menschen »sich mitten ins Herz getroffen« fühlen und diese armen galiläischen Fischer vertrauensvoll fragen: »Brüder, was sollen wir tun?« Die, die noch wenige Wochen zuvor geschrieen haben: »Ans Kreuz mit ihm!«, bekehren sich, lassen sich auf den Namen Jesu taufen und wagen einen radikalen Neubeginn ihres Lebens (vgl. Apg 2,37).

Am Anfang der Kirche gibt es – im Feuer des Heiligen Geistes – die großen Predigten, die vielen Taufen und Bekehrungen, aber zugleich ist da immer die persönliche Sorge um jeden Einzelnen. An vielen Stellen der Apostelgeschichte und der Paulusbriefe wird deutlich, dass viele Bekehrungen in der Urkirche durch diese höchst persönliche Begegnung mit diesem konkreten Jünger des Herrn geschehen. Immer wieder benutzt Jesus – wie der heilige Josemaría zu sagen pflegte – seine Jünger quasi als Briefumschlag, um jenen ganz persönlichen Liebesbrief zuzustellen, den er diesem einen Menschen senden möchte (vgl. Apg 8,27 ff.; 9,10 ff.; 18,26 ff.).

Gott hat ganz offenbar eine große Vorliebe für »Zweitursachen«. Schon wenn der Mensch ins Dasein tritt, gibt es jene einzigartige Zusammenarbeit zwischen Gott und den Menschen. Wenn Mann und Frau im Zeugungsakt die Voraussetzungen für neues Leben schaffen, bindet sich Gott gleichsam an das Handeln der Eltern und erschafft in diesem Augenblick – für alle Ewigkeit – den Persönlichkeitskern des neuen Menschen: seine unsterbliche Seele. Das Entstehen und Wachsen des Menschen der Liebe zweier Menschen anzuvertrauen reicht tief in Gottes Gedanken über das Wesen des Menschen als Ebenbild Gottes hinein.

Und genau das Gleiche ereignet sich im Leben des Glaubens. Der Glaube ist ein reines Gnadengeschenk Gottes. Aber keiner von uns hat zum Glauben gefunden ohne ganz konkrete Vermittler der Glaubensgnade, ohne diese Eltern, diese Lehrerin, diesen Kaplan, diesen Freund, diesen Kollegen. Gott will mit seiner Wahrheit, seiner Liebe und Gnade offensichtlich immer »durch Menschen zum Menschen« (M. Scheeben) kommen. Er benutzt Leib und Seele, Hände und Stimme des Priesters, wenn er sagt: »Das ist mein Leib« und so ein armes Stück Brot in sein Fleisch, seine Gottheit und seine Menschheit für uns verwandelt. Und genauso ist Gott es, der durch den Mund des Priesters sagt: »Ich spreche dich los von deinen Sünden« und auf diese Weise dem Menschen das Herz eines neugetauften Kindes wiederschenkt. Aber das gilt keineswegs nur für die Zweitursache des priesterlichen Dienstes. In einem Brief an die ersten Mitglieder des Opus Dei, die alle im Berufsleben stehende Laien waren, schreibt der heilige Josemaría im Jahr 1932: »Gott möchte sich unseres Umgangs mit den Menschen bedienen, unserer Fähigkeit, zu lieben und liebenswert zu sein, um auf diese Weise neue Freunde auf Erden zu gewinnen« (Brief, 9.1.1932, Nr. 75).

Neue Freunde für Jesus gewinnen, den Lebensweg der Mitmenschen und ihren Weg zu Gott lebens- und liebenswert werden zu lassen, das macht ein Wesenselement der christlichen Taufberufung aus. Und in diesem Sinn ist jeder Christ – ob er es sich nun bewusst macht oder nicht – in Gottes Augen ein geistlicher Begleiter seiner Nächsten, geistlicher Begleiter dieser Ehefrau, dieser Tochter, dieses Kollegen, dieses Bruders, dieses Freundes.

Jemanden in Jesu Auftrag auf seinem Weg zu begleiten ist Dienst, ist Hingabe. »Denn auch der Menschensohn ist nicht gekommen, um sich dienen zu lassen, sondern um zu dienen und sein Leben hinzugeben« (Mt 20,28). In einem italienischen Sprichwort heißt es: »per servire servire – um zu etwas zu taugen, muss man dienen«, insbesondere als geistlicher Begleiter.

Dienen kann man auch, wenn man müde ist und Sorgen hat, aber es geht nicht mit einem »Stressgesicht«, das ständig auf die Uhr schaut. Dienen kann man nicht mit einem »Klagegesicht«, das angefüllt ist mit allen Katastrophen und allem Bösen auf der Welt. Dienen, das geht nicht mit einem »Opfergesicht« voller Selbstmitleid. Und vollends unmöglich ist das Dienen mit dem Gesicht des Besserwissers und Besserseiers. Wie Bischof Javier Echevarría, der im Dezember 2016 verstorbene zweite Nachfolger des heiligen Josemaría, in einem Beisammensein in Frankfurt am 20. September 2001 sagte: »Als Apostel Jesu Christi brauchen wir ein frohes Gesicht, ein Gesicht mit einem liebevollen Blick, ein Gesicht, das einlädt, uns um jeden Gefallen zu bitten.«

Begleitung

Am Anfang der kirchlichen Tradition geistlicher Leitung stehen die Einsiedler in der Wüste, die von ganz unterschiedlichen Menschen mit der Bitte um Rat und Leitung aufgesucht werden. Das wesentliche Ziel dieser geistlichen Begleitung ist die Hinführung zum Gebet, zur Kontemplation, zur Begegnung mit Gott. Und die wichtigste Regel der Wüstenväter war es, nicht zu verurteilen und nicht traurig zu machen, sondern aufzurichten und zu trösten. Von diesen ersten Anfängen an war ein wichtiger Teil der geistlichen Begleitung immer das fürbittende Gebet und das Opfer für den Ratsuchenden, wodurch sich die geistlichen Väter mit ihm vor Gott solidarisierten. Und das Gebet ist es auch, was sie die Situation des anderen mit Gottes Augen sehen und für die eigentlichen Probleme des Ratsuchenden offen werden lässt. Der geistliche Vater ist kein unbeteiligter Ratgeber, sondern er weiß sich für den Schüler verantwortlich; er leidet mit ihm und tritt für ihn vor Gott ein. Er ist kein Fachmann zur Bewältigung von Lebenskrisen, sondern ein Helfer zur Begegnung mit Gott, der seine eigene geistliche Erfahrung weiterzugeben versucht (vgl. Michael Plattig, Ursprung und Entwicklung geistlicher Begleitung, in Handreichung für geistliche Begleitung, Deutsche Bischofskonferenz, Arbeitshilfen 158, S. 25 ff.).

Im heutigen Sprachgebrauch hat sich der klassische Begriff der geistlichen Leitung, der – wohl nicht zu Unrecht – mehr die Stellung des Meisters und Lehrers ins Blickfeld rückte, weitgehend zum Ausdruck der geistlichen Begleitung hin verschoben, d.h. zur Rolle des Freundes und Wegbegleiters auf dem gemeinsamen Weg. Der Begriff der »Begleitung« erschließt sich, wenn man auf die Rolle der »Begleitung« in der Musik schaut. Im Lexikon der Musik wird sie so beschrieben: »Begleitung bedeutet, den zweiten Part zu spielen, der normalerweise keine eigene Melodie besitzt; bei der Begleitung geht es ganz darum, den Solisten zu unterstützen, damit dessen Stimme und Melodie besser zur Geltung kommen. Begleitung ist immer abwartend, tastend, ganz dienend. Nur wenn der Solist einmal eine Pause macht, lässt er dem Begleiter den Spielraum, die Melodie eigenständig fortzuführen.«

Etwas ganz Ähnliches geschieht in der geistlichen Begleitung. Sie ist Hilfestellung, damit der Begleitete selbst sieht und einsieht; damit er sich ehrlich mit den Fakten seines Alltags und mit Gottes Gedanken über sein Leben konfrontiert; damit er seine eigene Melodie findet und diese gut zu singen lernt. Letztlich geht es in der geistlichen Begleitung nur darum, dass der Begleitete konsequent betet: »Dein Wille geschehe«. Aber das bedeutet auch, dass er aufhört, den Willen Gottes als Last und als Einschränkung zu betrachten, sondern ihn als den großen Gewinn, als die wunderschöne Melodie seines Lebens entdeckt: als die Wahrheit, die befreit (vgl. Joh 8,32), die heilt und gut-tut. Und dann geht es darum, den Begleiteten dafür zu gewinnen, »dass er wirklich will«. Aber nicht wie der Begleiter es will, sondern »wie er selbst es will in seinen besten Momenten«, pflegte der heilige Josemaría zu sagen. Und dann fügte der Heilige mit dem ihm eigenen Humor oft hinzu: »Und wenn ich im Moment nicht zu erreichen vermag, dass der andere wirklich will, dann muss ich zumindest zu erreichen suchen, dass er wollen will«.

Geistliche Begleitung kann so zur wichtigen, vielleicht zur grundlegenden Hilfestellung werden, damit Erkanntes gewollt und das Gewollte verwirklicht wird und dass der Begleitete nach den nie ausbleibenden Fehlschlägen nicht resigniert, sondern immer wieder Mut fasst und neu beginnt.

In seinem apostolischen Schreiben Evangelii gaudium nennt Papst Franziskus grundlegende Aspekte geistlicher Begleitung, die fast so etwas wie eine Kurzfassung der »Kunst der Begleitung« darstellen. Das Wesen geistlicher Begleitung besteht für den Heiligen Vater darin, die »Nähe und Gegenwart Jesu und seines persönlichen Blicks wahrnehmbar zu machen«. Das setzt voraus, dass der Begleiter bereit ist, sich »vor dem heiligen Boden des anderen die Sandalen von den Füßen zu streifen (vgl. Ex 3,5)« und sich dem anderen zuzuwenden »mit einem achtungsvollen Blick voll des Mitleids, der aber zugleich heilt, befreit und zum Reifen im christlichen Leben ermuntert«.

»Mehr denn je«, fährt der Heilige Vater fort, »brauchen wir Männer und Frauen, die aus ihrer Erfahrung als Begleiter die Vorgehensweise kennen, die sich durch Klugheit auszeichnet sowie durch die Fähigkeit zum Verstehen, durch die Kunst des Wartens sowie durch die Fügsamkeit dem Geist gegenüber«. Denn nur durch »mitfühlendes Zuhören ist es möglich, die Wege für ein echtes Wachstum zu finden, das Verlangen nach dem christlichen Ideal und die Sehnsucht zu wecken, voll auf die Liebe Gottes zu antworten und das Beste, das Gott im eigenen Leben ausgesät hat, zu entfalten«. Sicher verlangt das Evangelium in bestimmten Situationen auch, »einen Menschen zurechtzuweisen und ihm aufgrund der Kenntnis der objektiven Bosheit seiner Handlungen wachsen zu helfen (vgl. Mt 18,15)«; aber dem Begleiter kommt es nie zu, über die Schuld des anderen zu richten (vgl. Mt 7,1; Lk 6,37). »Ein guter Begleiter lässt freilich fatalistische Haltungen und Kleinmut nicht zu. Immer lädt er ein, sich heilen zu lassen, seine Bahre zu nehmen (vgl. Joh 5,8), das Kreuz zu umarmen, alles hinter sich zu lassen« und sich wieder von neuem auf den Weg zu machen (vgl. Evangelii gaudium, Nr. 169-172).

Gefährdungen

Wie fast alles im menschlichen Leben besitzt auch die geistliche Begleitung nicht nur ihre hilfreichen Seiten, sondern auch ihre spezifischen Gefährdungen.

Ein erster und schwerwiegender Fehler des Begleiters würde darin bestehen zuzulassen, dass der Begleitete die Verantwortung für das eigene Leben de facto an den Begleiter oder Beichtvater delegiert und das möglicherweise auch noch als besonders demütige Fügsamkeit ansieht. Der Begleiter muss jeder Tendenz in diese Richtung entschieden seine Unterstützung verweigern und immer wieder deutlich machen, dass die Verantwortung dafür, dass das eigene Leben als Mensch und Christ gelingt, dass es so lebens- und liebenswert wird, wie Gott es sich wünscht, niemals auf andere abgewälzt werden kann und darf. Weder für mein Alltagsleben, geschweige denn für meine Beziehung zu Gott, für meinen Weg zur Heiligkeit, ist irgend jemand anders verantwortlich als ich selbst. Geistliche Begleitung kann für einen Christen ausschließlich Hilfe zur Selbsthilfe sein, keinesfalls aber ein Abgeben von Freiheit und Eigenverantwortung. »Geistliche Leitung darf nie darauf hinauslaufen, Menschen ohne eigenes Urteilsvermögen heranzubilden, die sich darauf beschränken auszuführen, was andere ihnen sagen. Im Gegenteil: der Sinn der geistlichen Leitung besteht gerade darin, die eigene Urteilsfähigkeit zu stärken … charakterliche Reife, ausreichende Kenntnis der christlichen Lehre, Feinfühligkeit und Willensstärke« (hl. Josemaría, Gespräche, 93).

Ein zweiter grundlegender Fehler würde darin bestehen, dass in der Begleitung vorschnell versucht wird, die ins Auge springenden Symptome zu kurieren, Therapien zu verordnen und Rezepte auszustellen. Eine verantwortliche Therapie setzt eine gründliche Diagnose des Gesundheitszustandes voraus, was die Stärken und Schwächen in den zentralen Lebensbereichen, die positiven und die belastenden Kapitel der Biografie sowie der guten und weniger guten Entwicklungen in letzter Zeit einschließt.

Dabei muss immer deutlicher erkennbar werden, welche Tugenden und welche Defizite an bestimmten Tugenden im Charakter und in dieser konkreten Lebensphase des Begleiteten besonders wichtig sind.

Das Wort »Tugend« hat im alltäglichen Sprachgebrauch ja meist einen wenig guten Klang. Es klingt nach brav und angepasst, langweilig und verschroben. Für die Griechen war areté dagegen die Wesensart des edel gearteten und wohlgebildeten Menschen. Für die Römer bedeutete virtus die gestandene Festigkeit, mit welcher der reife Mann seine Aufgabe in Staat und Familie wahrnahm. Das Mittelalter verstand unter tugent die Verlässlichkeit des ehrenhaften, ritterlichen Menschen. Und all das ist im ursprünglichen Begriff von »Tugend« enthalten. Zuerst einmal ist Tugend ganz schlicht die verlässliche gute Gewohnheit. Zahllose Lebensabläufe wären in unserem Alltag ohne die Selbstverständlichkeit guter Gewohnheiten, von Tugenden, gar nicht zu schaffen, d.h. wenn wir sie jedes Mal ganz neu und »zum ersten Mal« durchführen sollten. Und das gilt nicht nur für unser Tun, sondern auch für unser Denken und Wollen, unsere Gefühle, unsere soziale Kompetenz und unser religiöses Leben. In allen Lebensbereichen ist Tugend die Fähigkeit, leicht, sicher und froh, eben ganz selbstverständlich, das Richtige und Gute zu tun.

Wenn in einer geistlichen Begleitung nicht die »Haltungen«, die Tugenden, ins Blickfeld gerückt werden, dann stehen immer wieder die gleichen Fehler und Versagen im Mittelpunkt und damit das Gefühl von Überforderung und Resignation. Der einzig erfolgversprechende Weg, um konkrete Fehler zu überwinden, besteht darin, dass man das Blickfeld erweitert, indem man für die entsprechenden Tugenden begeistert, sie als lebenswert und lebbar vor Augen stellt und miteinander darangeht, sie schrittweise zu erlernen. Ohne lohnende und wirklichkeitsnahe Ziele glaubt man nicht daran, dass es Sinn macht, dass es sich lohnt, sich anzustrengen. Alles krampfhafte Bemühen wird zum Hamsterrad, das sich ermüdend im Kreis dreht und wo man selbst auf der Stelle tritt.

Zusammengefasst: Geistliche Begleitung will Hilfestellung geben, damit der Begleitete sich selbst als Gabe und sein Leben als Aufgabe Gottes dankbar annimmt, dass er klar sieht und ehrlich zu wollen vermag und dass die vermeidbaren »nächsten Gelegenheiten« zu Schwäche und Sünde in seinem Leben mit Gottes Gnade aufhören, die immer wieder gleichen Fallen und Stolpersteine zu bilden.

Dazu ist die Tugend des Starkmuts unabdingbar, die bekanntlich darin besteht, dass der Impuls zum Guten nicht bei der ersten Schwierigkeit durch Enttäuschung, Langeweile oder Faulheit wieder erlahmt. Wie viel kleines und großes, nebensächliches und wichtiges Beginnen ist in meinem Leben schon zur Bauruine verkommen und dann irgendwann abgerissen und entsorgt worden, weil es genau daran gefehlt hat: an Starkmut, Geduld, Beharrlichkeit und Treue. Und etliche Restbestände von diesen Bauruinen verschandeln immer noch die Landschaft des Lebens wie eine fehlgeplante Autobahnbrücke mitten auf dem Acker. Wie viel an Zeit und Lebenskraft – und vor allem an Gnade Gottes – habe ich in meinem Leben auf diese Weise schon verschwendet.

Die geistliche Begleitung soll helfen, das Alltagsleben, uns selbst, die Mitmenschen und unsere Aufgaben und Schwierigkeiten ernstzunehmen, aber nicht tragisch. Und wie geht das? Für mich ist dieses Bemühen wunderbar in den drei Grundprinzipien konkretisiert, die der heilige Josemaría häufig Eltern für ihre Erziehungsarbeit empfohlen hat, die aber genauso für die geistliche Begleitung gelten können. Sie lauten: »nicht zu spät kommen«, »nie Anstoß nehmen«, »Trigonometrie beherrschen«. Was heißt das?

»Nicht zu spät kommen«. Wenn man nicht rechtzeitig die sich andeutenden Probleme und Schwierigkeiten erkennt, benennt, ins Blickfeld rückt und angeht, ist man ständig quasi mit dem Notarztwagen unterwegs. Es wird immer nur »reagiert« und repariert und alles bekommt schnell einen dramatischen, ja tragischen Anstrich. Natürlich muss es – wenn nötig – auch die Notfalloperation und die Strahlentherapie geben, aber für das Leben insgesamt ist die Vorsorgeuntersuchung und das Stärken der Abwehrkräfte ebenso wichtig wie das Antibiotikum und der Herzkatheter.

»Niemals Anstoß nehmen«. Ein erschrockenes, kopfschüttelndes Entsetztsein und ein – wenn auch unausgesprochenes – Wie-kann-man-nur! hat die gleiche Wirkung; es belastet, zieht nach unten, zerstört ein zusätzliches Stück Selbstachtung und den Glauben an die guten Möglichkeiten, die es gerade aufzubauen gilt. Um jemandem wirklich helfen zu können, muss man immer ein Stück mehr an ihn glauben, als er an sich selber glaubt. Wenn ein Trainer es erreicht, dass der Trainierte sagt: Ich bin eine Katastrophe, hat er erreicht, dass der Sportler das Training definitiv durch die Sportschau ersetzt.

»Trigonometrie beherrschen«. Die Kunst der »Trigonometrie« besteht in der Erfahrung, dass im praktischen Leben die kürzeste Verbindung zwischen dem Ausgangspunkt und dem Ziel nur selten die Gerade ist. Der kürzeste Weg lässt allzu oft mit dem Kopf gegen die Wand laufen, mit der logischen Folge von Hoffnungslosigkeit und Resignation. Mit der Nase vor der Wand geht es eben nicht weiter. Da ist kein Durchkommen, auch mit allem guten Willen und aller Anstrengung nicht. Und zehn Zentimeter vor der Wand ist der Betreffende schlicht unfähig zu entdecken, dass sich fünf Meter weiter links eine Tür befindet. Vieles ist eben nur über Zwischenziele zu erreichen, die auf den ersten Blick vielleicht Umwege zu sein scheinen. Diese »trigonometrischen« Punkte zu sehen und erkennen zu lassen, dazu bedarf es jenes gewissen Abstands von den Problemen, wie ihn nicht der Betroffene selbst, wohl aber der Freund und der Begleiter hat.

Bei aller Klarheit in der Gewissensbildung darf eine geistliche Begleitung niemals darauf hinauslaufen, ein schlechtes Gewissen zu bereiten. Es geht vielmehr darum, dem anderen immer wieder die staunende Freude darüber zu vermitteln, dass Gott ihn liebt, so wie er ist, dass Gott ihn vor Erschaffung der Welt erdacht hat – sonst hätte er einen anderen geschaffen. Er soll wirklich begreifen, dass auch er deshalb aus ganzem Herzen zu sich selbst und zu diesem seinem Leben Ja sagen darf und soll und kann. Die aufrichtige Annahme seiner selbst, eine gesunde Selbstliebe, ist die conditio sine qua non für jede frohe Liebe zu Gott und zum Nächsten. Bei vielen Menschen wird die Lösung ihrer Alltagsprobleme und jedes Vorankommen im geistlichen Leben durch einen chronischen Mangel an Selbstachtung, an Liebe zu sich selbst, blockiert. Ein missmutiges Herumnörgeln an der eigenen Person und am eigenen Leben hemmt allzu oft Entscheidendes von den wunderbaren Möglichkeiten, die der Herrgott in uns hineinlegt. Es führt zur Resignation und zu den wohlbekannten Schuldzuweisungen an die Erziehungsfehler der Eltern, die Gesundheit, die Arbeit, den Chef, den eigenen Charakter … und schließlich an Gott, der mich so geschaffen hat. Man fühlt sich ständig als Opfer und verwechselt den Missmut über sich selbst und die eigene Trägheit unter Umständen auch noch mit der Demut.

Das geistliche Leben, und daher auch die Hilfe geistlicher Begleitung, besteht nicht in erster Linie – und nicht einmal in zweiter oder dritter Linie – darin, Fehler und Untugenden auszumerzen, sondern darin, die Freude am Schönen, an einem Weg zur Heiligkeit, an einem voll entfalteten Menschsein und Christsein zu wecken und zu fördern. »Lernt, Gutes zu tun!« (Jes 1,17): Das ist der Kern jeder Selbstverwirklichung. Wenn man nur gegen das Schlechte bei sich selbst und bei den anderen ankämpft: Es bleibt immer genug Negatives übrig, damit man mutlos und traurig wird, so sehr man sich auch anstrengen mag und vielleicht sogar in einzelnen Punkten weiterzukommen scheint. Die einzig sinnvolle und vor allem die einzig christliche Pädagogik besteht darin, »das Böse im Überfluss des Guten zu ersticken! Aber nicht dadurch, dass man bloß die Übel anprangert oder sich hinter einem Wall von Negationen verschanzt. Vielmehr lebt der Christ aus dem Ja zum Wahren und Rechten, weil jugendliche Zuversicht, Freude und Frieden ihn prägen. Er will allen mit Verständnis begegnen: denen, die Christus nachfolgen, denen, die Ihn verlassen haben, und denen, die Ihn noch nicht kennen« (hl. Josemaría, SS 864). Mit anderen Worten, ein kleiner Brillantsplitter auf der guten Waagschale wiegt eine ganze Fuhre Mist auf. Meine Mutter pflegte zu sagen: »Wenn es einen Kratzer gibt, muss es zwei Liebkosungen geben«. Ein wunderbares Lebensprogramm. Wenn das wirklich stimmen würde: pro Fehler, Versagen und Sünde – sei es im Umgang mit mir selbst, mit Gott oder mit den anderen – zwei kleine Akte der Liebe, zwei Lächeln, zwei Zärtlichkeiten, dann könnte man fast sagen: Gesegneter Kratzer, denn die Gesamtsumme würde mit jedem Kratzer immer positiver.

Geistliche Begleitung

Werfen wir noch einen kurzen Blick auf die ersten Christen nach der Himmelfahrt des Herrn. Sie sind ein Häufchen von zwei, drei Dutzend Männern und Frauen. Die tiefe Verzweiflung des Karfreitags ist der stillen, herzlichen Osterfreude gewichen. Sie glauben aufrichtig an Jesus: Er ist auferstanden, er lebt. Sie sind fromm, verbringen miteinander viel Zeit im Gebet, feiern gemeinsam Eucharistie, scharen sich um Maria, die Mutter. Aber die Welt ihres Christseins besteht in dem kleinen Obergemach jenes Privathauses in Jerusalem, dessen Türen sie fest verschlossen halten (vgl. Joh 20,19); sie haben Angst vor der feindseligen Welt da draußen, die Jesus gekreuzigt hat. Niemand in Jerusalem, geschweige denn sonst irgendwo auf der Welt, bemerkt etwas von den Christen.

Und dann, wenige Tage später, stehen diese selben Menschen an jeder Straßenecke, predigen in mitreißender Begeisterung zu den Menschen von Jerusalem und zu denen aus aller Herren Länder: Dieser Jesus, den ihr vor wenigen Wochen gekreuzigt habt: er lebt … er ist auferstanden. Ihr und alle Menschen auf Erden sollen an ihn als den Christus glauben und sollen Christen werden. Denn »in keinem anderen ist das Heil zu finden« (Apg 4,12). Er ist der Messias, der Herr, der menschgewordene Gott. Nur wer an diesen Jesus Christus glaubt und seine Taufgnade dankbar annimmt, wird gerettet (vgl. Mk 16,16).

Aber was ist mit dem ängstlichen Häuflein aus dem verborgenen Obergemach mit den verschlossenen Türen passiert? Da ist Pfingsten passiert, da ist die Kraft des Heiligen Geistes auf sie herabgekommen und hat sie durchglüht. Jener Heilige Geist, der für so viele Christen heute der große Unbekannte ist: »ein Name, den man sagt, aber nicht ein Jemand – die dritte Person des einen Gottes –, mit dem man spricht und aus dem man lebt« (hl. Josemaría, CB 134). Wie leicht sind wir geneigt zu denken: Das mit dem Heiligen Geist, das war damals eben doch ganz anders, hier und heute merkt man so gut wie nichts von ihm.

Die äußeren Erscheinungsformen des Geistwirkens mögen heute deutlich unspektakulärer sein als am Pfingsttag damals in Jerusalem. Aber Er, der Gottesgeist, ist heute mitten in unserem postchristlichen Europa genau derselbe … »heri et hodie, ipse et in saecula« – »gestern, heute und in Ewigkeit« (Hebr 13,8). Es ist dieselbe lebenspendende, das Antlitz der Erde verwandelnde Kraft Gottes. Sein Arm ist nicht eingeschrumpft – »non est abbreviata manus Domini …« (Jes 59,1); der Heilige Geist ist nicht altersschwach geworden. Genauso wie vor zweitausend Jahren kann und will der Gottesgeist auch heute alle Schwäche und Mutlosigkeit, alle Kleingeistigkeit und Enge verwandeln. Auch unsere.

Im Leben der Kirche und eines jeden Christen hat der Heilige Geist mit all seinen Gaben eine einzigartige Bedeutung. In der geistlichen Begleitung besitzt eine Gabe des Heiligen Geistes einen ganz besonderen Stellenwert: die Gabe des Rates. Diese Gabe besteht bekanntlich darin, recht zu sehen, was der Wille Gottes ist, und dann darin, anderen recht zu raten.

Wie schwer tun wir uns immer wieder, recht zu sehen, uns nichts vorzumachen, nicht auf Vorurteile, Lebenslügen und Schlagworte hereinzufallen. Ohne den Heiligen Geist, den Geist der Wahrheit, erzählt der Mensch sich, wie C. S. Lewis meint, »die unwahrscheinlichsten Lügen … und ganz schnell glaubt er selber daran«. Es geht dem Menschen immer wieder wie dem alternden Auge, das unmerklich vom grauen Star befallen wird. Im gleichen Maße wie das Auge anfängt, sich selber zu sehen, büßt alles, was es sieht, seine klaren Konturen und seine Farben ein. Man sieht, aber nur noch so ungefähr: Alles ist durch den Grauschleier der getrübten Linse verfärbt und unscharf. »Darum rate ich dir: Kaufe von mir … Salbe für deine Augen, damit du sehen kannst« (Offb 3,18). Der Heilige Geist muss immer wieder das Gewissen, das Auge unserer Seele, vom Grauschleier unseres Subjektivismus heilen und es notfalls auch einer Staroperation unterziehen, damit wir in der Lage sind, recht zu sehen, was der Wille Gottes ist.

Und nur dann und in dem Maße, wie wir selbst – im Heiligen Geist – recht sehen, können wir auch dem anderen recht raten, ihm die Sehweise des Heiligen Geistes, wie sich »in Gottes Augen« diese Situation, dieses Problem, diese Herausforderung darstellt, unverkürzt weitergeben.

Recht zu sehen, was der Wille Gottes ist, und einem anderen recht zu raten, das geht nicht auf Grund meiner Intuition, meiner Menschenkenntnis und Erfahrung. Das geht nur im Hinhören auf den Heiligen Geist. Aber der Heilige Geist äußert sich nur sehr selten in Sturm und Feuer wie am ersten Pfingstfest. Meist redet er ganz leise … nicht selten pianissimo. Und wirklich hörbar macht sich der Gottesgeist fast ausnahmslos im Gebet. Nur dann, wenn ich die Redensart: den müsste ich einmal ins Gebet nehmen, tatsächlich umsetze und diesen Menschen, sein Leben, seine Talente, seine Träume, Sorgen und Probleme, vor Gott trage, werde ich in der Lage sein, ihn und sein Leben recht, d.h. mit Gottes Augen zu sehen. Zusammengefasst: Begleitung kann und wird nur dann gelingen, wenn ich, wie die heilige Monika sagt, »viel mehr mit Gott über Augustinus als mit Augustinus über Gott rede«.

Gnade und Wollen

Ein Kernpunkt des Bemühens, einen Menschen geistlich zu begleiten, besteht darin, seinen Blick vom Kreisen um das eigene Ich und dessen Befindlichkeiten – was, wenn wir ehrlich sind, eine unserer Lieblingsbeschäftigungen darstellt – wegzubringen und den Blick stattdessen auf das liebevolle Antlitz Christi hinzulenken. Nur so erschließt sich der Zugang zu den eigentlichen Kraftquellen des Lebens: zu Gottes Liebe und Gnade.

In der geistlichen Begleitung geht es an erster Stelle darum, den Glauben an die Gnade, den Gnadenhunger, immer wieder neu zu wecken: die tiefe und zugleich ganz praktische Überzeugung, dass unendlich viel wichtiger ist, was Gott alles wunderbar gut macht in meinem Leben, als das, was ich schlecht und recht tue. Auch heute, an diesem grauen, miesen Tag, geschieht durch Gott unermesslich mehr Schönes und Gutes in der Welt und in meinem Leben als durch mich Mittelmäßiges und Schlechtes. Mit einem Wort: Gottes Gnade ist das Wichtige und Ausschlaggebende, und nicht meine Anstrengung, mein Kämpfen, das Mich-Zusammenreißen: meine Leistung. Wie oft sind ein Vergeben, eine Bitte um Vergebung, ein Wieder-Gut-Sein mit meinen eigenen müden Kräften schlicht unmöglich. Aber mit dem Herzen eines neugeborenen Kindes, in der Kraft- und Gnadenfülle, wie Gott sie mir gerade in dieser Heiligen Kommunion, in dieser guten Beichte, in diesen Minuten vor dem Tabernakel geschenkt hat, da geht es plötzlich. Denn »alles vermag ich durch ihn, der mir Kraft gibt« (Phil 4,13).

Auch wenn ich es so oft nicht wahrnehme: Die Gnade des Heiligen Geistes ist wie das Schlagen des Herzens, wie der Sauerstoff, den ich einatme, um leben zu können. »Keiner kann (auch nur) sagen: Jesus ist der Herr!, wenn er nicht aus dem Heiligen Geist redet« (1 Kor 12,3). Kein einziges Stoßgebet, keine Überwindung, kein Sieg über diese Versuchung, kein herzliches Lächeln, kein Freundschaftsdienst, kein apostolisches Bemühen … ist möglich ohne die Gnade: »Sine tuo numine nihil est in homine … Ohne Deiner Gnade Wehn nichts im Menschen kann bestehn, nichts ohn’ Fehl und Makel sein«, heißt es in der Sequenz des Pfingstfestes. Das ist vor allem dieses unglaubliche Wunder, das der Heilige Geist in uns wirkt: »Ich schenke euch ein neues Herz und lege einen neuen Geist in euch. Ich nehme das Herz von Stein aus eurer Brust und gebe euch ein Herz von Fleisch. Ich lege meinen Geist in euch und bewirke, dass ihr meinen Gesetzen folgt … Ihr werdet mein Volk sein und ich werde euer Gott sein« (Ez 36,26 ff.). Ja: »Send aus deinen Geist, und alles wird neu geschaffen, und du wirst das Angesicht der Erde erneuern«.

Aber warum muss es denn dann im christlichen Leben überhaupt Anstrengung, Bemühen, Opfer und Kampf geben, wenn letztlich »alles Gnade ist«? Kampf und Anstrengung sind im Leben eines Christen deshalb notwendig, lebens-notwendig, weil wir als Folge der Erbschuld und unserer persönlichen Sünden »in uns ein Prinzip der Opposition, des Widerstandes gegen die göttliche Gnade tragen« (hl. Josemaría, FG 214). Alle Anstrengung, aller Kampf im geistlichen Leben, hat im Tiefsten diesen einen Sinn: mich hier und jetzt dankbarer, selbstverständlicher und rückhaltloser der Liebe und der Gnade Gottes zu öffnen.

Der Heilige ist nicht der Fehlerlose, der, der sich bezwungen und der alles geschafft hat. Der Heilige ist der, der die ganze Gnade, die Gott ihm hat schenken wollen, froh und dankbar angenommen hat.

In vielen Predigten, Katechesen, Beichten und Gesprächen geistlicher Begleitung taucht die Gnade nur selten und quasi nur als Kleingedrucktes auf neben einem alles beherrschenden Sich-Anstrengen, Sollen, Müssen, Schaffen und Sich-Bessern. Nein, es geht an erster Stelle darum, »überallhin die befreiende Botschaft zu bringen, dass es Vergebung … gibt, dass Gott … uns bedingungslos liebt und dass wir … für das ewige Leben bestimmt sind. Der Herr fordert uns auf, frohe Überbringer dieser Botschaft der Barmherzigkeit und der Hoffnung zu sein!« Wie viel Freude macht es, diese gute Nachricht zu verbreiten, »den uns anvertrauten Schatz mit anderen zu teilen, um gebrochene Herzen zu trösten und vielen Brüdern und Schwestern, die von Finsternis umgeben sind, Hoffnung zu schenken« (Papst Franziskus, Botschaft zur Fastenzeit 2014).

Gemeinschaft der Heiligen

»Gemeinschaft der Heiligen. – Wie soll ich dir das erklären?«, schreibt der heilige Josemaría. »Kennst du die Bedeutung einer Bluttransfusion für den Körper? Ungefähr das ist die Gemeinschaft der Heiligen für die Seele« (Weg 544).

Jesus hat uns in seinem Leib, der Kirche, so miteinander verwoben, dass wir die wunderbare Möglichkeit haben, den anderen etwas von der eigenen Lebenskraft, von unserem arteriellen Blut, mitzugeben. Wir sind in der Lage, dem Nächsten unser alltägliches Bemühen, unsere gut getane Arbeit, unser Gebet, diese kleine Überwindung, dieses Verzeihen und dieses Lächeln, das uns schwerfällt … zugute kommen zu lassen. »Lebt eine besondere Gemeinschaft der Heiligen; dann wird ein jeder im inneren Kampf ebenso wie in der beruflichen Arbeit die Freude und die Kraft verspüren, nicht allein zu sein« (hl. Josemaría, Weg 545). Und das gilt sicher in besonderer Weise dann, wenn man in einer geistlichen Begleitung unmittelbar Mitverantwortung für den Heilsweg eines Mitchristen übernimmt. Diese übernatürliche Solidarität, die Nähe zu dem guten Wollen, zu den Kämpfen, zu den Siegen, zu den Schwächen und zu den Niederlagen des Menschen, den Gott einem anvertraut, ist für den Begleiter ein zentrales Element seines eigenen Innenlebens, seines eigenen Weges zur Heiligkeit. Und aus der Nähe der »Gemeinschaft der Heiligen« erwächst der Starkmut, in der geistlichen Begleitung die gleiche Erwartung zu haben, die Jesus Christus an diesen Menschen, an dessen gelungenes, lebens- und liebenswertes Leben hat, an dessen Heiligkeit. Von einem Menschen nur das zu verlangen, was unterhalb seiner gottgeschenkten Möglichkeiten liegt, bedeutet, ihn nicht ernstzunehmen und letztlich: seine Würde zu verletzen. Wenn wir den Menschen so nehmen, wie er ist, dann machen wir ihn schlechter, sagt der jüdische Psychiater Viktor Frankl, wenn wir ihn so nehmen, wie er (in Gottes Augen) sein soll, nur dann helfen wir ihm, der zu werden, der er sein kann (vgl. Altes Ethos – neues Tabu, Köln 1974, S. 73). Und die heilige Teresa von Avila beklagt sich bitter über jene Beichtväter, die den Menschen nur beibringen, wie Frösche zu hopsen, statt sie das Fliegen zu lehren.

Worum geht es?

Es geht um Christen mit einem frohen, alltagstauglichen Glauben, mit einem Glauben, der in dem einzig wahren Gottesbild wurzelt, dass Gott mein Vater ist, der mich unendlich liebt und der es – auch in einer leidvollen, unbegreiflichen Situation – gut mit mir meint.

Es geht um junge und jung gebliebene Menschen, die verrückt genug sind, daran zu glauben, dass Christus von ihm als einen Heiligen denkt. Schließlich gibt es »keinen einzigen Mann und keine einzige Frau, die der Meister nicht ruft … zu einem Leben in Heiligkeit« (hl. Josemaría, FS 13). Wie der heilige Johannes Paul II. es formuliert: »Was die Kirche braucht, sind Experten im Umgang mit den Menschen, die das Herz des heutigen Menschen kennen, seine Freuden und Hoffnungen, Ängste und Sorgen teilen und zugleich alles daran setzen, beschauliche Freunde Gottes zu sein … Wir müssen den Herrn bitten, dass er uns neue Heilige sendet« (Ansprache, 11.10.1985).

Es geht um Christen, die begriffen haben, dass Gnade und Heiligkeit zuallererst Geschenke sind, nicht Fleißkärt-chen für eigenes Bravsein, und die deshalb alles daransetzen, Gottes Kanäle der Gnade – das Gebet und die Sakramente – sperrangelweit offenzuhalten.

Es geht um Menschen, mit einem Gebetsleben, das diesen Namen verdient, und mit einer großen Liebe zur Eucharistie, zum Bußsakrament und zur Mutter Gottes.

Es geht um Männer und Frauen jeden Alters, die Freude daran haben, ihre gottgeschenkte Sexualität ganz in die Persönlichkeit eines reifen, christlichen Mann- und Frauseins zu integrieren. Frauen und Männer, die sich weigern, dem Mainstream eines immer neurotischeren sexuellen Betätigungszwangs anheimzufallen und alles nachzumachen und auszuprobieren, was angeblich normal ist.

Es geht um junge Menschen, die Spaß daran haben, das Abenteuer einer alternativen Freundschaft und Brautzeit zu leben, in der nicht alles abgenutzt und durchprobiert wird; denen es Freude macht, ihren Freunden die Schönheit einer reinen menschlichen Liebe vorzuleben und begreiflich zu machen.

Es geht um Eheleute, die begriffen haben, dass Jesus Christus ihnen am Traualtar den Auftrag gegeben hat, ihren Ehepartner wirklich glücklich zu machen, dass das ihre wichtigste Lebensaufgabe darstellt, ihre spezifische göttliche Berufung und ihren durch nichts zu ersetzenden Weg zur Heiligkeit und zum Himmel.

Es geht um Ehegatten, die sich die jugendliche Verrücktheit bewahren, nicht um jeden Preis alles planen, im Griff haben und absichern zu wollen, und die, soweit sie es mit Gott zusammen verantworten können, offen sind für das anstößige Abenteuer einer großen, kinderreichen Familie.

Es geht um Väter und Mütter, deren großes Anliegen es ist, sich jeden Tag die Freundschaft jedes einzelnen ihrer Kinder neu zu erwerben; Väter und Mütter, die dafür sorgen, dass in ihren Familien viel gelacht wird, dass dort eine ansteckend lebensfrohe und herzliche Atmosphäre herrscht.

Es geht um Männer und Frauen, die gerade am Arbeitsplatz das Gewinnende des Christseins erfahrbar werden lassen, weil sie beispielhaft gut arbeiten, wenig stöhnen, nörgeln und klagen, weil sie sich um ihre Kollegen kümmern, weil man sich blind auf ihr Wort verlassen kann und weil sie sich konsequent weigern, schlecht über Abwesende zu reden.