"Nicht normal" ist ganz normal - Antje Nikola Mönning - E-Book

"Nicht normal" ist ganz normal E-Book

Antje Nikola Mönning

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Beschreibung

Frisch, frech und unzensiert in Nicht normal ist ganz normal nimmt Schauspielerin Antje Nikola Mönning uns mit auf eine Entdeckungsreise in die Welt der Sexualität. Dabei geht sie der Frage nach, ob wir als Gesellschaft wirklich schon so tolerant sind, wie wir es gerne glauben. Und wer bestimmt eigentlich, was normal ist? Sind wir nicht alle ein bisschen kinky?Mönning spricht nicht nur gewohnt offenherzig über ihren eigenen Weg zu einer befreiten Sexualität, sondern lässt auch andere Menschen ihre Geschichten erzählen. Dazu gehören zum Beispiel ein kämpferisches Camgirl, eine trans Frau, die ihre Kinder nicht verlieren möchte, eine selbstbestimmte Prostituierte, eine Tantra-Masseurin, die über Orgasmusdruck bei Frauen und Leistungsorientiertheit bei Männern spricht, ein professioneller Pornodarsteller, der die Entwicklung in der Pornobranche beschreibt, Menschen, die BDSM praktizieren, einen Fetisch haben oder in Swingerclubs gehen, Crossdresser, Paare in offenen Beziehungen und asexuelle Menschen.Es geht um Politik und Gleichberechtigung, Selbstbetrug und Ehrlichkeit und darum, endlich die ganze Vielfalt der Sexualität anzuerkennen ohne Vorurteile und falsche Scham.Deutsche Wirklichkeit, fernab von aufgebauschten Schlagzeilen oder klischeehaften Darstellungen.

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Seitenzahl: 438

Veröffentlichungsjahr: 2025

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"Nicht normal" ist ganz normal
Liebe und Sex in doppelmoralischen Zeiten
Antje Nikola Mönning
wtp-verlag
Contents
Title Page
„Nicht normal“ ist ganz normal …
Impressum
»Was ich nie gefragt wurde, aber immer schon mal erzählen wollte!«
Einleitung
Teil 1
Die Heilige und die Hure
Kommunismus, Kirche und Kindergarten
Frühlingserwachen
Systemsprengerin
Das ganze Leben ist ein Spiel
Engel mit schmutzigen Flügeln
Teil 2
Else Sunshine
Pornocracy
Pornosucht, Tantra und Männergruppen – eine Heldenreise
Das Leben der Anderen – Politiker*innen und der Sex
Szenen einer (offenen) Ehe
Swing dein Ding
Crossdressing und Geschlechterrollen
Der erregte Mann und die aufgeregte Gesellschaft – Exhibitionismus
Pretty Woman und die Realität
Fifty Shades of real BDSM
24/7 - eine Sub
24/7 - ein Dom
Generation Kink
Fetischismus
Gelebte (Latex-) Geschichte
Trans Parent
Asexualität
Outside the box ist Platz für alle
Deine Freiheit ist ein Boot,
Fotografien
Anhang
Biografien
Dank
Glossar
Literaturverzeichnis
FILME zum THEMA
FILME mit Antje Nikola Mönning
BÜCHER im wtp-verlag
Über die Autorin
Anmerkungen
About The Author
„Nicht normal“ ist ganz normal …
Antje Nikola Mönning
wtp-verlag
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Impressum
© wtp-verlag, 2023
wtp international GmbH, 86944 Unterdießen, Dorfstr. 19, [email protected]
Das Werk ist in allen seinen Teilen urheberrechtlich geschützt. Kein Teil des Werkes darf in irgendeiner Form ohne schriftliche Genehmigung reproduziert, vervielfältigt oder verbreitet werden. Sollte diese Publikation Links auf Webseiten Dritter enthalten, so übernehmen wir für deren Inhalte keine Haftung, da wir diese uns nicht zu eigen machen, sondern lediglich auf deren Stand zum Zeitpunkt der Erstveröffentlichung verweisen.
Umschlaggestaltung: Antje Nikola Mönning, Yvonne Voermans-Eiserfey
Umschlagfoto: Marcel Gregory Stock
Fotografien: Marcel Gregory Stock, Martin Kagerer, Wolfgang Wingenroth, Mira Gittner
Satz: Mira Gittner
ISBN   978-3-910480-08-7     Softcover 1. Auflage (2023)
ISBN   978-3-910480-09-4     Softcover 2. Auflage (2025)
ISBN   978-3-910480-12-4     eBook/pdf (2025)
ISBN   978-3-910480-10-0    eBook/epub (2025)
»Was ich nie gefragt wurde, aber immer schon mal erzählen wollte!«
Foto: Martin Kagerer
Für Roland
In Liebe
Einleitung
Als ich neulich für ein Kunstprojekt im Internet nach einem Gartenzwerg mit Fackel suchte, bot mir Google als erste Treffer (oberste Reihe, Bilder) vier nackte Gartenzwerge an, darunter einen Exhibitionisten-Gartenzwerg. Ich fragte mich natürlich, wo Google die Verbindung sieht: Sind Nackte so heiß, also quasi »on fire«, dass sie automatisch mit einer Fackel assoziiert werden? Oder hatte Big Brother ganz einfach den Namen meines iPads mit den über mich veröffentlichten Berichten kombiniert und daraus eigene Schlüsse gezogen? (Wenn bei euch auch nackte Gartenzwerge auftauchen, sobald ihr »Gartenzwerg mit Fackel« eingebt, schreibt mir bitte, es interessiert mich brennend!) Dann entdeckte ich unter den Vorschlägen noch einen Fetisch- und einen Domina-Gartenzwerg und dachte mir: Super! Wenn es die »Perversen« in das Refugium des urdeutschen Kleinbürgers geschafft haben, dann ist Deutschland aber echt locker geworden!
Nur bedeuten ein paar frivole Gartenzwerge, der Hype um 50 Shades of Grey[1] und zwei trans Frauen im Bundestag wirklich, dass wir toleranter gegenüber sexuellen Neigungen, Orientierungen und Identitäten geworden sind, die nicht der Norm entsprechen? Und was ist überhaupt »die Norm«?
Als ich im Dezember 2018 wegen meines »Parkplatz-Strips« vor Gericht stand, worauf ich im ersten Kapitel noch eingehen werde, rollte eine große Shitstorm-Welle über mich hinweg. Oder vielleicht sollte ich es so ausdrücken: Diejenigen, die sich über meine Aktion empörten, krakeelten wesentlich lauter und derber als diejenigen, die das Ganze als ein Zeichen gegen Prüderie und Doppelmoral verstanden hatten oder einfach nur witzig fanden. Gleichzeitig erhielt ich unzählige Nachrichten von Menschen, die mir von ihren eigenen Erfahrungen mit ihrer exhibitionistischen Neigung berichten wollten.
Dazu zählen zum Beispiel ein Paar, das aus dem Hotel geschmissen wurde, weil sie dem Zimmerservice nackt die Tür geöffnet hatten, ein leidenschaftlicher Nacktwanderer, der Bußgeld zahlen musste, weil er allein (!) nackt im Wald wandern gegangen war, und ein Pärchen, das gerne Parkplatzsex betreibt und dabei auch schon mal von Polizisten beobachtet wurde – allerdings waren diese etwas cooler drauf als »meine«, denn sie haben das Schauspiel einfach genossen, sich bedankt und sind dann weitergefahren.
Falls also nicht plötzlich eine Exhibitionismus-Epidemie ausgebrochen ist, scheint es auf jeden Fall recht verbreitet zu sein, sich gerne nackt zu zeigen. Kann man jetzt behaupten, das sei »normal«, weil so viele Menschen es tun?
Wer definiert denn die Norm?
Die Gesellschaft?
Aber gibt es »die« Gesellschaft überhaupt?
Fest steht, als natürlich wird öffentliche Nacktheit auf jeden Fall nicht betrachtet, und es scheint einen Unterschied zu geben zwischen nackten Skulpturen, nackten Brüsten auf Magazincovern, die überall in Supermärkten und Tankstellen ausliegen, halb oder ganz nackten Menschen in Reality-Formaten – und Nackten, die live und in Echtzeit im alltäglichen Leben auftauchen.
Was ist aber nun so bedrohlich an Nackten, dass sie dafür bestraft, stigmatisiert oder diffamiert werden?
Ich verstehe das Argument der Ästhetik, aber ganz ehrlich: Viele Menschen sind auch im angezogenen Zustand nicht gerade eine Venus oder ein Adonis. Und im Gegensatz zu anderen Belästigungen im öffentlichen Raum kann man sich dieser sehr schnell entziehen, indem man einfach wegschaut.
Vor kurzem saß ich zum Frühstücken auf der Terrasse eines Cafés in der Innenstadt. Es war strahlend schönes Wetter und ich wollte gerade voller Genuss in mein Croissant beißen, als mich eine Welle von Parfum und Aftershave erreichte, die mir fast den Atem raubte. Sofort ließ ich das Croissant sinken und schaute mich nach dem Ursprung dieser Attacke auf meinen Geruchssinn um. Sie wehte von einem weiter weg gelegenen Tisch zu mir herüber, an dem eine Gruppe junger Männer saß. Blitzschnell checkte ich die Lage. Sie hatten gerade erst bestellt, also bestand keine Chance, dass sie bald gehen würden. Ich stand auf und roch, ob es an einem der anderen Tische besser war, aber überall lag der gleiche schwere süßliche Geruch in der Luft, als hätte jemand von oben eine Stinkkanne über diesem Platz ausgegossen. Da ein Tischwechsel ganz offensichtlich nichts bringen würde, dachte ich: Nase zu und durch – was sehr schwierig ist, wenn man essen möchte.
Was hätte ich machen sollen?
Eine Anzeige wegen Erregung öffentlichen Ärgernisses stellen? (Denn ich ärgerte mich und es war ein öffentlicher Platz.) Sie bitten, aufzustehen und zu gehen, oder sich doch zumindest gründlich abzuduschen und umzuziehen? Nein. Wenn es diesen Männern gefällt, solch eine Duftwolke zu verströmen, dann ist das ihr Recht, auch wenn es mir mein Frühstück versaut hat. Ich werde auch keine Eltern anzeigen, deren Kind einen ganzen Laden mit seinem Geschrei terrorisiert, selbst wenn das teilweise schon unter Lärmbelästigung fällt. Ich werde noch nicht einmal hingehen und sie bitten, ihr Kind leiser zu stellen, weil Kinder keine Lautstärkeregler haben und es für Eltern eh schon ziemlich schwer ist, Kind und Alltagsleben miteinander zu vereinbaren. Nein, ich akzeptiere es und sehe es als einen Kompromiss, den ich mit dem Leben zu machen habe, wenn ich mich in einen öffentlichen Raum begebe, denn die Welt dreht sich nicht nur um mich und meine Befindlichkeiten, sondern auch um einen ganzen Haufen anderer Menschen.
Warum schreibe also ausgerechnet ich jetzt und überhaupt ein Buch über Sexualität? Gibt es nicht schon genug psychologische und wissenschaftliche Ratgeber zu diesem Thema? Na klar gibt es die, und es befinden sich sehr viele gute darunter. Ich stelle auch gar nicht den Anspruch an mich selbst, einen Ratgeber zu schreiben. Zwar werde ich immer wieder gefragt, wie ich es denn geschafft habe, so »frei« zu sein, aber darauf kann ich nur ehrlich antworten, dass ich nicht frei bin. Kein Mensch, der ernsthafte Bindungen mit anderen Menschen eingegangen ist, ist frei. Denn ab dem Moment, wo mir jemand etwas bedeutet, sorge ich mich auch um diesen Menschen und gehe Kompromisse ein – freiwillig.
Das nenne ich Leben.
Befreien können wir uns nur selbst von äußeren und inneren Zwängen und Erwartungshaltungen, sofern sie uns stören oder zu einem Leidensdruck führen, wie es in der Psychologie so schön heißt. Um frei für das zu sein, was in uns schlummert.
»Werde, der du bist«, sagte schon Nietzsche.
Und vielleicht können wir dann auch frei werden für andere
Menschen, wie sie sind.
Leider habe ich festgestellt, dass immer noch in keinem Bereich so viel gelogen und betrogen wird wie in der Sexualität – außer vielleicht bei der Steuererklärung.
Das fängt damit an, dass einige Menschen völlig unsinnig stöhnen, obwohl sie nicht geil sind, und endet beim Fremdgehen. Auf Facebook habe ich die meisten eindeutigen Angebote von Männern erhalten, die sich auf ihrem Profilbild mit ihrer Partnerin zeigten. Einer schrieb es ganz direkt: »Meine Frau heißt auch Antje, aber die ist total prüde. Die würde ich sofort gegen dich eintauschen!«
Aber am größten ist wohl immer noch der Selbstbetrug.
Solange wir Angst vor dem haben, was wir in uns selbst entdecken könnten, werden wir nie zum eigentlichen Kern durchdringen.
Wie viele Menschen denken beim Sex an andere?
Wie viele stellen sich andere, aufregendere Situationen dabei vor? Wie wenig wird ehrlich über die eigenen Bedürfnisse geredet?
Es gibt Wichtigeres im Leben als Sex, aber Sexualität ist nun einmal eine sehr starke Kraft, und kaum etwas ist für die Selbsterkenntnis – und damit auch fürs Selbstbewusstsein – so entscheidend wie die eigene Sexualität. Und da ich aus eigener Erfahrung weiß, wie Scham, Verdrängung und falsch gelebte Sexualität einen Menschen ganz unsicher und unglücklich machen können, habe ich den Wunsch, Menschen zu ermutigen, sich und ihre Sexualität besser kennenzulernen, sie zu akzeptieren und zu ihr zu stehen. Denn es ist nicht nötig, sich zu schämen oder sich selbst zu verleugnen. So etwas wie »normal« gibt es in der Sexualität einfach nicht.
Oder anders ausgedrückt: Es ist eigentlich alles »normal«, natürlich immer vorausgesetzt, es geschieht im gegenseitigen Einverständnis.
Der amerikanische Sexualforscher Alfred Kinsey (1894-1956) hatte ein Credo: »Es gibt nur drei sexuelle Abnormitäten: Abstinenz, Zölibat und verzögerte Heirat.«
Um Menschen, die abstinent sind oder ihre Jungfräulichkeit für die Hochzeit aufsparen, soll es hier nicht gehen (obwohl auch sie für ihren Umgang mit der Sexualität respektiert werden sollten). Um die Asexuellen, von denen es nicht wenige gibt und die ebenfalls noch oft mit Vorurteilen zu kämpfen haben, schon. In den vergangenen Jahren bin ich zu einer Art Kummerkasten für viele Menschen geworden, die sich nicht trauen, ihre Sexualität offen zu leben. Und ich habe die Erfahrung gemacht, dass das, wonach sich die meisten Menschen mindestens genauso sehnen wie nach gutem Sex, Verständnis ist. Da ich das, was ich denke, voll und ganz und mit großer Leidenschaft verkörpere, bin ich für viele Menschen eine Ansprechpartnerin geworden, der sie vertrauen. Deshalb haben mir viele ihre Geschichte erzählt. Ich habe dann einfach ein paar Fragen gestellt.
»Warum machst du es nicht, wenn du es doch geil findest?«, zum Beispiel.
Und oft habe ich zur Antwort bekommen: »Das geht doch nicht. Wenn das mein Arbeitgeber herausfindet!« Dass Angestellte Sex haben, dürfte Vorgesetzte eigentlich nicht stören. Oder könnt ihr euch vorstellen, dass diese so reagieren: »Waaaaas? Sie haben SEEEEEX? Na, dann muss ich Sie entlassen.« Eher unwahrscheinlich.
Es scheint also nur um bestimmte Sexpraktiken zu gehen, die für abstoßend und nicht tragbar gehalten werden könnten. Eigentlich geht niemanden das Sexleben anderer Menschen etwas an. Aber was würde wohl passieren, wenn man eine Politikerin oder einen Lehrer in einem Swingerclub, bei einer SM-Session oder einem Porno-Dreh erwischen würde? Bestimmte Berufe scheinen es von vornherein unmöglich zu machen, auch nur zu tindern. Und warum? Ich weiß nicht, was an BDSM-, Porno- oder Swinger-Praktiken schlechter sein soll als an … ja, was? An »normalem« Sex? Womit wir wieder bei der Frage wären, was denn eigentlich »normaler« Sex ist.
Und damit kommen wir zu mir: Warum erzähle ich in diesem Buch auch so viel von mir? Ganz einfach: Weil ich als anerkannte »Nicht-Normale« gelte und von journalistischer Seite selten die richtigen Fragen gestellt bekomme. Die meisten möchten nur wissen, ob es schwer ist, Sex vor der Kamera zu haben. (Nein.) Oder ob ich ein rückwärtsgewandtes oder vorwärtsgewandtes Frauenbild verkörpere. (Weder noch. Ich glaube an die Intelligenz von Frauen. Sie können gut für sich selber entscheiden, wie sie leben möchten.)
Oder wie ich den anderen, also den nicht-exhibitionistisch veranlagten Menschen, vermitteln würde, was es bedeutet, Exhibitionistin zu sein. (Kann ich nicht. Ich kann auch nicht nachvollziehen, was Menschen an einem Fetisch erregt, so sehr sie sich Mühe geben, mir dieses Gefühl zu beschreiben. Wichtig ist nur, dass ich ihre sexuelle Neigung respektiere.)
Dabei interessiert es die meisten Menschen, die mir geschrieben haben, viel mehr, wie ich es geschafft habe, mich sexuell zu befreien. Und da ich eben auch in künstlerischer Hinsicht exhibitionistisch veranlagt bin, erzähle ich im ersten Teil meines Buches meine eigene Geschichte und leite alle Kapitel mit einem Schwarz-Weiß-Foto ein. Einen separaten Teil mit farbigen Bildern findet ihr auf den letzten Seiten.
Viele Fotografien zeigen Nacktheit oder teilweise Bekleidung. Diese Darstellungen sind Teil des künstlerischen Konzepts und thematisieren Selbstakzeptanz.
Da ich euch nicht nur zum Lesen, sondern auch zum Hören und Schauen einladen möchte, habe ich manche Texte mit QR-Codes versehen. Wenn ihr diese mit eurem Smartphone scannt oder den Links folgt, gelangt ihr zu Videos von meinen Fotoshootings, zu Audiodateien von einigen der im Buch vorkommenden Gespräche – und zu einer Überraschung.
Der zweite Teil des Buches ist eine Reise durch die Welt der sexuellen Neigungen, Orientierungen und Identitäten, wie sie fernab von aufgebauschten Schlagzeilen oder diskriminierenden Diskussionen gelebt werden. Hier erzählen andere Menschen ihre Geschichte. Menschen, die ich teilweise mehrere Jahre lang begleitet habe. Manche dieser Geschichten sind berührend, manche lustig, manche ermutigend, doch eines haben sie alle gemeinsam: Sie sind echt. Deutschland privat, sozusagen.
Und dieses Deutschland ist sehr vielfältig.
Teil 1
Foto: Marcel Gregory Stock
Die Heilige und die Hure
»Antje Mönning, 40, entblößte sich auf einem Parkplatz in Jengen, Süddeutschland! Sie wusste nicht, dass die Männer, für die sie sich auszog, Zivilpolizisten waren. Die Schauspielerin wurde der öffentlichen Unsittlichkeit für schuldig befunden und zu einer Geldstrafe von 1.200 Euro verurteilt. Mönning spielte von 2007 bis 2009 die Nonne Jenny in der Fernsehserie Um Himmels Willen.« (Sara Malm for Dailymail, Mail online, 11.10.2018)[2]
So oder so ähnlich lauteten im Oktober 2018 die Schlagzeilen, die sich nach einer Eilmeldung in der Daily Mail über den gesamten Globus verbreiteten, bis aus der ehemaligen Darstellerin einer Fernsehnonne (also mir), die leicht bekleidet auf einem öffentlichen Parkplatz vor Zivilpolizisten ihr Röckchen gehoben hatte, in Südamerika bereits eine echte Nonne geworden war, die es auf besagtem Parkplatz mit einer ganzen Gruppe von Männern getrieben hatte, bis die Polizei alle verhaftete.
Wer den Medienrummel damals nicht mitbekommen hat, wird sich jetzt fragen: Was ist denn eigentlich geschehen?
An einem sommerlichen Vormittag des Jahres 2018 hatte ich auf einem Parkplatz im schönen Allgäu angehalten, um mir ein wenig die Beine zu vertreten. Ich war nur mit einer durchsichtigen Bluse und einem kurzen Röckchen bekleidet, was bei mir relativ häufig vorkommt, wenn es schön warm ist. Als ich in einiger Entfernung drei Männer bemerkte, die sich unterhielten und mich ebenfalls schon erblickt hatten, machte ich aus meinen Stretch-Übungen spontan eine meiner Performances und fing an, mit dem Popo zu wackeln und sie dabei anzulächeln. Einer der Männer lächelte unübersehbar freudig zurück, und so begann ich, noch mehr zu lächeln und als Persiflage auf gängige Striptease-Posen auch noch mein Röckchen anzuheben, unter dem ich nichts anhatte.
Was ich zu dem Zeitpunkt allerdings nicht wusste: Zwei der Männer waren Zivilpolizisten, die gerade einen Verkehrsteilnehmer kontrollierten.
Niemand sprach mit mir.
Nach einer Weile setzte sich einer der Männer in sein Auto, das direkt hinter meinem parkte, und begann, mir bei meinem Tänzchen zuzuschauen, bis ich keine Lust mehr hatte und davonfuhr.
Ein paar Monate später flatterte ein Strafbefehl gegen mich ins Haus. Ich sollte wegen Erregung öffentlichen Ärgernisses eine Geldstrafe von 1.200 Euro zahlen.
Der Mann, von dem ich dachte, er habe mir bewusst zugeschaut, entpuppte sich als Zivilpolizist, der heimlich eine Videoaufzeichnung von meiner Performance angefertigt hatte – zur Beweissicherung natürlich. Panisch durchforstete ich das Internet nach den möglichen Konsequenzen eines Strafbefehls. Ich hatte noch nie einen bekommen, geschweige denn vor Gericht gestanden. Und ich erfuhr: Ein Strafbefehl ist keine Bagatelle. Egal, zu wie viel Tagessätzen man verurteilt wird, man erhält auf jeden Fall einen Eintrag ins Bundeszentralregister. Würde ich jetzt also noch einmal wegen irgendeiner Kleinigkeit angezeigt, von der ich vielleicht noch nicht einmal wüsste, dass sie eine Straftat darstellt, wäre ich vorbestraft. Und wofür? Für das sekundenkurze Anheben meines Röckchens? Das schien mir in keinem Verhältnis zu stehen. Wenn schon der komplett nackte Flitzer im Fußballstadion nur wegen einer Ordnungswidrigkeit belangt wird, wie sollte dann mein kleiner Auftritt eine Straftat darstellen?
So brauchte ich zum ersten Mal in meinem Leben einen Anwalt.
Als ich den Rechtsanwalt Dr. Alexander Stevens anrief und ihm von dem Vorfall erzählte, sagte ich gleich: »Die Chancen, das anzufechten, stehen schlecht. Alles, was die Polizisten mir vorwerfen, habe ich tatsächlich getan. Und außerdem bin ich bekennende Exhibitionistin. Das kann jeder, der meinen Namen in der Suchmaschine eingibt, innerhalb von wenigen Sekunden feststellen, denn ich habe ja schon unzählige Interviews zu diesem Thema gegeben.«
»Aber Frau Mönning, für mich sind Sie das Opfer einer willkürlichen Entscheidung!«, rief Alexander Stevens sofort ins Telefon. »Das, was Sie getan haben, ist keine Straftat. Wegen Exhibitionismus können Sie als Frau nicht bestraft werden. Und für eine Anzeige wegen Erregung öffentlichen Ärgernisses braucht es eine erhebliche sexuelle Handlung wie Onanieren oder öffentlichen Sex. Sie haben aber doch überhaupt keine sexuelle Handlung begangen. Nein, da wollte Sie jemand drankriegen, weil sie prominent sind. Das ist der Promi-Malus, wie wir immer sagen. Ich würde Ihnen dringend empfehlen, Einspruch zu erheben!«
Und das tat ich.
Ich erhielt sämtliches »Beweismaterial«, also das heimlich aufgezeichnete Video, auf dem ich meine Tanzkünste bewundern konnte, und brach erst einmal in Lachen aus. Kein Mensch konnte diese Performance doch ernsthaft als Tat bewerten, mit der ich jemanden verärgern wollte! Ich fand, dass ich eher einen Preis für die lustigste Stand Up-Comedy verdient hätte. Das Video landete in der BILD und ich (mal wieder) auf der Titelseite, woraufhin binnen weniger Stunden zahlreiche Medien weltweit über diesen Fall berichteten.
Was dann folgte, war einer der skurrilsten Prozesse, die die Gerichte wohl je zu führen hatten. Aus irgendeinem Grund hatte der Richter dieselben Sicherheitsvorkehrungen wie beim NSU-Prozess verfügt.
Im Gerichtsgebäude wurde ein Sicherheitsbereich eingerichtet, 6 Vollzugsbeamte sollten die Sitzung bewachen und die Polizei sollte Amtshilfe leisten. Vielleicht hatte der Richter befürchtet, dass radikale Fans versuchen könnten, den Prozess zu stören. Oder dass ich mich ausziehen würde. Aber meine Fans waren genauso friedlich wie ich, und ich bin definitiv kein Donald Trump, der andere zu Krawallen anstachelt.
Als ich zum Gerichtstermin erschien, nicht ohne vorher am Eingang gründlich kontrolliert worden zu sein, erwartete mich erst einmal ein Blitzlichtgewitter. Mindestens 30 Medienleute aus den Bereichen Print, Radio und TV standen schon vor der Tür, um mich mit Fragen zu bombardieren. Ich kam mir vor wie in einem amerikanischen Justizthriller.
Die Situation war so unwirklich, dass ich erst einmal fassungslos den Kopf schüttelte. Zum Glück erkannte ich einige Journalistinnen und Journalisten, die mich schon im Vorfeld respektvoll und ohne Vorverurteilung interviewt hatten. In diesem Moment war ich mehr als dankbar für ein paar freundliche Gesichter und den Beistand meiner Freundin Mira, die mich begleiten durfte. Meine Anwälte halfen mir durch die Menge, und so gelangte ich schließlich in den Gerichtssaal, ein karges Räumchen, das mich an mein Klassenzimmer aus den 80er-Jahren erinnerte.
Die Gerichtsverhandlung selbst geriet zu einer Satire-Show.
Während die beiden Polizisten fest darauf beharrten, wie sehr sie sich bei meinem Anblick geekelt (sie hätten ja auch einfach wegschauen können) und wie sehr sie sich bei ihrer Verkehrskontrolle gestört gefühlt hätten (nur noch mal fürs Protokoll: Die »Störung« bestand darin, dass einer der beiden Polizisten auch noch Zeit dafür gefunden hatte, sich minutenlang ins Auto zu setzen, um meine Performance aufzuzeichnen), äußerte sich der dritte Zeuge, der Lastwagenfahrer, äußerst vergnügt: »Ich dachte, das hätte zu der Verkehrskontrolle dazugehört, so als Auflockerung. Frau Mönning ist ja eine attraktive Frau, also habe ich gerne hingeschaut.«
Da brach der ganze Zuschauerraum in Lachen aus. Endlich.
Ich selbst hatte mich vorher schon kaum beherrschen können, nicht laut herauszuplatzen, wofür der Richter mich beinahe aus dem Saal hätte entfernen lassen. Es war ein junger Richter, der vermutlich vorher noch keinen Fall mit einem solchen Medieninteresse erlebt hatte und jetzt mit aller Härte Durchsetzungskraft beweisen wollte. Letzten Endes mussten allerdings auch er und die Staatsanwältin anerkennen, dass meine Aktion wirklich keine Straftat darstellte.
Trotzdem bleibt der Fall auch aus anderen Gründen spannend: Die Männer hatten während meiner »Tat« zu weit entfernt gestanden, um wirklich etwas sehen zu können, aber sie waren nah genug gewesen, um mir etwas zuzurufen, wenn sie gewollt hätten, dass ich meine Performance abbreche. Sie wollten offenbar nicht. Genauso wenig, wie ich sie hatte verärgern wollen. Deswegen entschuldigte ich mich dann auch vor Gericht ehrlichen Herzens dafür, dass sie sich durch mich belästigt gefühlt hatten. Das war nie meine Absicht gewesen und ich hatte schon vor der Gerichtsverhandlung in zahlreichen Interviews gesagt, dass niemand meine Aktion gut finden muss.
Aber sie hat etwas bewirkt.
Auf einmal wurde darüber diskutiert, ob öffentliche Nacktheit nun ein Verbrechen darstellt oder nicht, eine Diskussion, die wir leider inzwischen immer häufiger führen müssen, weil Ordnungshüter damit angefangen haben, Frauen grob anzufahren[3] oder sogar die Polizei zu rufen, nur weil diese sich oben ohne sonnen[4] oder in einem Café ihr Kind stillen.
Ich selbst setze mich schon seit 2009, also seit meinem »Coming-out« als Exhibitionistin durch meine Rolle der Lucy im Film Engel mit schmutzigen Flügeln[5], auf künstlerische Weise für einen natürlichen Umgang mit Nacktheit und Sexualität ein.[6] Seitdem habe ich mich oft gefragt, ob Nacktheit überhaupt noch provozieren kann, und wenn ja, wann und wo. Nicht nur Filmkritiker, sondern auch zahlreiche Kinozuschauer, mit denen ich Gespräche geführt habe, meinten, dass Nacktheit in Filmen heutzutage niemanden mehr schockieren würde.
Jedes Theater, das etwas auf sich hält und nicht als totale Provinzgurke abgestempelt werden will, zeigt ja inzwischen mindestens einmal pro Spielzeit nackte Körper auf der Bühne. Fernsehsendungen wie Adam sucht Eva haben biedere FKK-Romantik zur Unterhaltungsform erhoben, Nippelblitzer von Prominenten sind wohlkalkulierte Aufmerksamkeitsbooster.
Ich musste also erst auf einen Parkplatz im Allgäu fahren, um zu verstehen, wo wir tatsächlich noch Probleme mit Nacktheit haben. Beziehungsweise Probleme mit der Kommunikation. Denn, während jeder Mensch, der sich über den Lärm eines Ghettoblasters in einem Erholungspark aufregt, wohl erst einmal mit den Leuten reden würde, die den Lärm verursachen, gibt es eben beim Thema Nacktheit oder Sexualität immer noch eine Kommunikationshemmschwelle.
Eine Hemmschwelle, die fatale Folgen haben kann.
Spätestens dann nämlich, wenn wir uns aufgrund einer schambehafteten Erziehung nicht trauen, beim Sex klar zu formulieren, was wir mögen und was nicht, können wir selbst oder diejenigen, mit denen wir Sex haben, gewaltigen psychischen oder physischen Schaden nehmen. Leider sind Menschen im Normalfall nicht mit hellseherischen Fähigkeiten ausgestattet, wir können also nicht immer wissen, ob wir jemanden zu fest anpacken, unangenehm berühren oder etwas machen, was das Gegenüber total abturnt – es sei denn, es wird uns mitgeteilt.
Aber genau das scheint immer noch vielen Menschen schwer zu fallen.
Ein junger Mann erzählte mir neulich, dass er sich bei seinem ersten Date mit einer Frau eigentlich Zeit lassen wollte. Als er der offenkundig sexwilligen Frau allerdings sagte, dass er sie erst einmal besser kennenlernen wolle, fragte sie entrüstet, ob er sie nicht attraktiv fände. Dieses Gefühl wollte er ihr natürlich nicht vermitteln. Also hatte er Sex mit ihr, obwohl es ihm eigentlich alles zu schnell ging.[7]
Ein anderer Mann gestand mir in einem Gespräch über Sexlügen, dass er auch schon einmal einen Orgasmus vorgespielt habe, weil der Sex so schrecklich war, dass er es ganz schnell hinter sich bringen wollte. Deswegen täuschte er relativ bald ein Ejakulat vor, griff zu einem Taschentuch und tat so, als würde er sich den Penis säubern.
Er hätte der Frau natürlich auch einfach ehrlich sagen können, dass ihm der Sex so, wie er abläuft, nicht gefällt. Womit wir wieder bei dem Problem mit der Kommunikation wären.
In meinem Fall (also dem vor Gericht) wäre es ein Leichtes gewesen, mit mir zu sprechen. Ich habe freundlich gelächelt und war so durchsichtig angezogen, dass eine Waffe oder ein Sprengstoffgürtel wohl schnell aufgefallen wären. Hätte mir nur einer der drei Männer zugerufen, dass ich das lassen soll, hätte ich sofort aufgehört.
Mir geht es nicht um die Relativierung von Exhibitionismus. Ich weiß, dass Nacktheit manche Menschen in ihrem Schamempfinden tief treffen kann. Deswegen liegt es mir, wie übrigens den meisten exhibitionistisch veranlagten Menschen, fern, mich aufzudrängen. Ich empfinde keinen Lustgewinn, wenn Menschen von mir angewidert sind. Ich möchte auch keine Menschen erschrecken, das bringt mir nichts, genauso wenig wie Blicke von Frauen und Kindern auf meine nackten Brüste. Hätten sich auf dem Parkplatz Familien mit Kindern befunden, hätte ich mein kleines »Tänzchen« definitiv nicht aufgeführt. Hätte der Lastwagenfahrer nicht so erfreut gelächelt, wäre ich vielleicht gar nicht auf die Idee gekommen, eine Performance zu starten. Ich bin ja nicht aus dem Auto ausgestiegen und habe mich sofort entblättert!
Wer noch die Chance hat, sich das Video von meinem »Parkplatz-Strip« anzuschauen[8], wird erkennen können, dass ich mich selbst dabei nicht besonders ernst genommen habe. Die meisten Menschen haben es ähnlich gesehen wie die Gerichtsreporterin Gisela Friedrichsen: »Eine Aufforderung zum Sex oder anzügliche Gesten in Richtung der drei Männer sind Mönnings Gehopse nicht zu entnehmen, wie die Videoaufnahme zeigt, die die Polizisten mit ihrer Verkehrsüberwachungskamera heimlich anfertigten.«[9]
Viele Polizisten, die mir nach dem Prozess geschrieben haben, konnten über das Verhalten ihrer Kollegen nur den Kopf schütteln. Manche fragten beinahe ungläubig: »Warum ist denn keiner der beiden Polizisten zu Ihnen gegangen? Ich hätte Sie einfach darauf hingewiesen, dass es sein könnte, dass sich jemand wegen Ihres Tänzchens belästigt fühlt und Sie anzeigt.« Andere waren richtig verärgert darüber, dass sich die Gerichte mit so sinnlosen Strafanzeigen herumschlagen müssen, während viele Gewaltverbrechen nicht verhandelt werden können, weil es an Kapazitäten fehlt.
Natürlich wollte auch der Richter wissen, warum denn keiner der beiden Polizisten mit mir gesprochen hatte. Selbst ihm war scheinbar aufgefallen, dass Kommunikation der erste logische Schritt hätte sein sollen. Was dann als Begründung folgte, entlarvte ein noch in den 50ern des letzten Jahrhunderts verwurzeltes, von Vorurteilen geprägtes Rollenbild, mit dem jede Frau, die eine aktive und offensive Sexualität lebt, früher oder später konfrontiert wird: »Wir dachten, es habe sich um eine Prostituierte gehandelt und wollten schauen, ob wir sie noch wegen einer Straftat drankriegen.«
Niemandem außer mir schien aufzufallen, wie diskriminierend diese Aussage gegenüber Sexarbeiterinnen und Frauen im Allgemeinen ist. Sexarbeiterinnen neigen in der Regel nicht dazu, sich einfach auf der Straße zu entblößen. Gleichzeitig bedeutet diese Begründung nichts anderes als: Eine »anständige« Frau würde so etwas nie tun! Dieser Gedankengang ist so tief in unserem gesellschaftlichen Selbstverständnis verwurzelt, dass der sogenannte Exhibitionismus-Paragraf 183 tatsächlich nur bei Männern angewandt werden darf – und das, obwohl es doch eigentlich im Grundgesetz (Art. 3 Absatz 1) heißt: »Alle Menschen sind vor dem Gesetz gleich«.
Warum der § 183 selbst in unserer für Gleichberechtigungsangelegenheiten so sensiblen Zeit immer noch ausschließlich für Männer gilt, ist ein Absurdum, auf das mich erst mein Anwalt Dr. Alexander Stevens aufmerksam machte: Als 1998 und 2002 zwei männliche und verurteilte Exhibitionisten gegen diese Ungleichbehandlung vor dem Bundesverfassungsgericht klagten, verwies das Gericht auf eine Entscheidung des Verfassungsgerichts von 1957. Damals hatten zwei Homosexuelle ebenfalls versucht, ihren Gefängnisstrafen mit Verweis auf die Ungleichbehandlung der Geschlechter zu entgehen, denn der sogenannte »Schwulenparagraf« § 175 verurteilte nur männliche homosexuelle Handlungen – und das übrigens noch bis 1994! In der Urteilsbegründung hieß es unter anderem, dass »die männliche (Homo)sexualität unvergleichlich viel stärker als die weibliche in der Öffentlichkeit in Erscheinung tritt, was wesentlich durch das größere weibliche Schamgefühl und die größere Zurückhaltung der Frau in Geschlechtsfragen bedingt sein dürfe.«[10] Ich weiß, das tut jetzt weh, aber: Das »größere weibliche Schamgefühl« hat ganz offensichtlich im Laufe der Jahrzehnte rapide abgenommen. Vielleicht verschicken Frauen nicht gleich Pussy Pics (doch, sie tun es). Aber schon beim Austausch von sogenannten »Nudes« gibt es kaum noch einen nennenswerten Unterschied zwischen Männern und Frauen. Laut einer Londoner Studie verschicken 33 Prozent der befragten Männer sowie 31 Prozent der Frauen zwischen 18 und 24 Jahren Nacktfotos.[11] Und es gibt Frauen, die noch bedeutend weiter gehen als ich.
Nach meinem Fall erhielt ich zahlreiche Zuschriften von Frauen, die mir erzählten, wie gern sie auf Rastplätzen nackt auf der Herrentoilette warten, um sich einen schnellen Fick aufzureißen. Andere haben am liebsten an öffentlichen Orten Sex, wo sie jederzeit erwischt werden könnten – Weihnachtsmärkte, hinterm Ladentresen, am Badeweiher und so weiter. Weil es sie kickt, dass es etwas Verbotenes und Verruchtes ist.
Vielleicht hat jede Frau ein wenig von der Heiligen und von der Hure in sich, die herausgelassen werden möchte. Deswegen funktioniert die »Nacktnonne« medial so gut. Ich habe die Hure in mir inzwischen vollständig akzeptiert, wie übrigens hundert andere Seiten von mir auch.
Wie aber konnte aus einer kleinen münsterländischen Dorfprinzessin überhaupt Deutschlands erste Nacktnonne werden?
Kommunismus, Kirche und Kindergarten
Foto: Martin Kagerer
Ich wurde mit einem Kämpferinnen-Gen geboren.
Also, eigentlich wurde ich am 2. 2. 1977 in Münster als ein ganz liebes Baby geboren. Wenn man bedenkt, was alles passieren muss, damit zwei Menschen sich finden und neues Leben zeugen können, gleicht jede Geburt beinahe einem Wunder.
Opa Adolf, der zukünftige Vater meiner Mutter, hatte während des Zweiten Weltkrieges als Flugzeugingenieur bei der berühmten Junkers Flugzeug- und Motorenwerke AG in Dessau gearbeitet. Als die Junkers-Werke zunehmend zur Zielscheibe der amerikanischen »fliegenden Festungen« wurden und auch das vermeintlich bombensichere Gebiet um Löbau herum bedroht wurde, in das er seine Familie schon evakuiert hatte, floh er mit meiner Oma und ihren beiden erstgeborenen Kindern in einer Holzkiste auf dem offenen Anhänger eines LKWs aus dem Osten. Nur 15 Minuten, nachdem sie in der Nacht vom 13. auf den 14. Februar 1945 Dresden passiert hatten, begannen britische Bomber damit, die gesamte Stadt zu bombardieren und in Brand zu setzen. Das Inferno der hell lodernden Flammen im Nachthimmel begleitete meine Großeltern und ihre kleine Familie noch lange. Wären sie nur 15 Minuten später losgezogen, hätte meine Mutter ein paar Jahre später nicht geboren werden können, ich selbst hätte nie das Licht der Welt erblickt, zwei Polizisten hätten nie meinen Parkplatz-Strip zu sehen bekommen und dieses Buch wäre nie geschrieben worden.
Mein Großvater väterlicherseits hingegen war als einfacher Tischler 1943 in den Militärdienst einberufen worden. Da er körperlich nicht besonders fit war, schickte man ihn in den Besatzungsdienst nach Kreta. Als der Krieg vorbei war, kämpfte er sich mit ein paar anderen Deutschen zu Fuß von Griechenland über Jugoslawien bis nach Niedersachsen. Über das, was auf Kreta passiert war, sprach er nicht. Nur ein einziges Mal erzählte er meinem Vater von seiner Flucht vorbei an den im Hinterland lauernden Partisanen – und das auch nur, weil er getrunken hatte. »Sie schickten Kinder mit Handgranaten zu den Deutschen. Nicht nur einige meiner Kameraden, sondern auch viele dieser Kinder kamen dabei ums Leben«, erzählte er mit Tränen in den Augen, sich fest an seine Bierflasche klammernd. Und nur weil meine streng katholische Großmutter jeden Tag betete und fest daran glaubte, dass ihr Mann zurückkehren würde – so will es zumindest die Familien-Legende –, stand er 1946 auf einmal wieder vor der Tür.
Das Ergebnis der Wiedersehensfreude war mein Vater.
Als meine Eltern sich dann als Studierende in Münster kennenlernten, befanden sie sich mitten in den revolutionären 68ern, bereit, sich endlich mit der nationalsozialistischen Vergangenheit ihrer Elterngeneration auseinanderzusetzen, die diese so konsequent ausschwieg. »Unter den Talaren der Muff von tausend Jahren!«, riefen sie begeistert vor dem großen Universitätsgebäude. Noch heute hängt im Stadtmuseum Münster ein großes Bild, das meine Eltern in vorderster Front einer Demonstration zeigt. Sie waren dabei, als Tausende von Menschen nach dem Attentat auf Rudi Dutschke vor dem Springergebäude in Berlin protestierten.
Getreu dem irrtümlich Churchill zugeschriebenen Spruch »Wer mit 20 kein Kommunist ist, hat kein Herz, wer mit 40 noch Kommunist ist, hat keinen Verstand«, waren meine Eltern auch in kommunistischen Kreisen aktiv, was meinen zu der Zeit noch sehr konservativen, aber gewieften Großvater Adolf dazu veranlasste, sie von einem Privatdetektiv bespitzeln zu lassen und beide Seiten meiner Familie zu einem Tribunal einzuberufen. Sämtliche Tanten und Onkel nebst Ehemännern und Ehefrauen hatten zu erscheinen, um Familiengericht zu halten. Auf diesem wurde beschlossen, meine Eltern voneinander zu trennen. Dadurch, so hoffte man, würde meinen Eltern der Kommunismus schon ausgetrieben werden. Nur meine streng katholische Großmutter (und ein zu der Zeit ebenfalls noch kommunistischer Onkel) wurde nicht in dieses Unternehmen eingeweiht.
Zum Glück hatte das Ansinnen von Opa Adolf keinen Erfolg. Die Liebe und der Geist der Rebellion waren stärker, und meine Eltern sind bis heute glücklich verheiratet.
So kam es, dass ich 1977 als erstes von fünf Kindern das Licht der Welt erblicken durfte, nicht ahnend, welch lange Kette an schicksalhaften Ereignissen dieser Geburt vorausgegangen war. Meine Mutter sagte, ich sei ein Traumbaby gewesen, das entweder geschlafen oder genuckelt hätte. Offenbar war ich sehr zufrieden mit meinem Dasein in dieser Welt. Wenn das so einfach ist mit einem Baby, dann können wir ja ruhig noch ein paar Kinder bekommen, dachten sich meine Eltern, und es folgten in kurzen Abständen Schwester 1 und Bruder 1.
Allerdings änderte sich mein in Wattewolken gepackter Wohlfühlzustand radikal, als ich knapp vier Jahre alt war: Wir zogen aus der Stadt Münster in das katholische Provinznest Lüdinghausen. Als ich zum ersten Mal in den neuen Kindergarten stiefelte, gekleidet wie die Miniaturausgabe eines 70er-Jahre-Hippies (also in brauner Cord-Schlaghose und selbstgestricktem Flower-Power-Pulli), starrte ich in eine Gruppe kleiner Mädchen in Lila und Rosa, und diese starrten zurück. Gleich am ersten Tag wurde ich ausgelacht und von den älteren Kindern getreten, und das lag nicht an meinem Verhalten, denn ich war immer noch ein liebes Kind. Ich sah nur einfach anders aus. Zumindest war das die einzige Erklärung, die ich als Kind dafür fand, und so wurde sie zu meiner ersten Lektion in Sachen Anders-Sein. Seitdem lebte ich in Angst und Schrecken vor anderen Kindern. Meine Eltern merkten, dass es mir in dem Kindergarten nicht gefiel, aber sie dachten, es läge an der konservativ-katholischen Ausrichtung und zogen daraus für meine jüngeren Geschwister Konsequenzen. Sie durften in den städtischen Kindergarten, der etwas außerhalb auf einem Bauernhof lag, und dort mit den Kindern anderer progressiver Eltern spielen.
Die Grundschule kam, aber die Angst hörte nicht auf.
Ich hatte mich sehr auf die Schule gefreut, denn ich wollte endlich lernen, selbst zu lesen, und ich stellte fest, dass ich sehr gut war im Lernen und schnell begriff. Außerhalb der unterrichtsbezogenen Fragen und Antworten aber sprach ich kaum ein Wort. Mein Mund öffnete sich nur fürs Theaterspielen und Singen. Meine Lehrerin stellte schnell ein gewisses Talent fest, ich bekam schon im ersten Schuljahr die Hauptrolle in der Schulaufführung und spielte eine Schnecke, die langsam und unbeirrbar ihre Bahnen zog und dabei den hektischen Menschen weise Ratschläge gab. Kaum war die Theateraufführung vorbei, wurde ich wieder genauso still wie zuvor – schwer vorstellbar für alle, die mich heute kennen.
Ich hatte genau eine Freundin, neben der ich auch saß: Steffi, das Nachbarskind. Wir hatten schnell beschlossen, dass wir sehr gut allein zur Schule gehen können, sie war nicht besonders weit weg. Das war damals nicht ungewöhnlich, die meisten Kinder gingen allein zur Grundschule. An den Straßenübergängen warteten ja Schülerlotsen. Es gab noch keine Heerscharen von Helikopter-Eltern, die ihre Kinder bewachten wie das Ice Age-Hörnchen Scrat seine Eichel. Eltern hatten auch etwas Besseres zu tun, als Tausende von Erziehungsratgebern nach der einen richtigen Erziehungsmethode zu durchsuchen. Es gab ein paar klare Regeln: nach der Schule Hausaufgaben machen und abends zu einer bestimmten Uhrzeit zurück sein. Da unterschieden sich meine Eltern nicht von anderen Eltern. Ansonsten ließen sie uns unsere eigenen Erfahrungen machen.
Der Weg zur Grundschule führte an der Hauptschule vorbei. Dort standen immer ein paar Halbstarke vor dem Tor und warteten auf die kleinen Grundschüler, um vor ihnen auf den Boden zu rotzen, ihnen Schimpfwörter hinterherzurufen oder, wenn es ganz schlimm kam, auch mal eines der Kinder zu vermöbeln. Das Leben von uns Kindern spielte sich draußen ab, im Wald oder auf der Straße, und die Straße gehörte nun mal den Stärksten. Ich war ziemlich klein und nicht besonders sportlich, und meine einzige Waffe im Kampf gegen die anderen war die verzweifelt ausgestoßene Drohung: »Passt bloß auf, sonst hole ich meine kleine Schwester!«
Diese hatte kurze Haare, sah aus wie ein Junge und hatte früh gelernt, sich zu prügeln und mithilfe von Wutanfällen durchzusetzen. Im Gegensatz zu mir wurde sie von den anderen Kindern respektiert. Ich wollte aber kein Junge, sondern ein Mädchen sein. Unbedingt. Und so schön sein wie die Mädchen in Lila und Rosa. Und ich dachte, wenn ich lange, blonde Haare hätte und nicht diesen pumuckelhaften Rotschopf, der immer aussah, als hätte man mir einen Topf über den Kopf gestülpt und einfach daran entlang geschnitten wie bei Wickie, dem Wikingerjungen, dann würden die Kinder mich lieben und verehren wie die Prinzessinnen aus den Märchenbüchern.
Leider war ich aber keine Prinzessin aus dem Märchenbuch. Ich weiß nicht, wie oft ich vom Fahrrad geschubst oder an den Haaren herumgezogen wurde. Einmal pfefferte eines der älteren Kinder mit voller Absicht ein Skateboard in meinen Lauf, so dass ich darüber fiel und mindesten einen Meter weit mit dem Gesicht nach unten über den Bürgersteig geschleift wurde. Jetzt sah ich wirklich aus wie ein Monster: Die Haut hing in Fetzen herunter und legte eine blutige Fleisch- und Muskelmasse offen, so dass ich locker in einem Horrorfilm hätte mitspielen können. Außer Steffi traute sich wochenlang kein Kind mehr in meine Nähe, weil ich so gruselig aussah.
Ich war also, wie man heute sagen würde, das typische Opfer. Aber in meinem Sprachgebrauch existierten noch keine Kategorisierungen oder irgendein Wort dafür, wie ich mich fühlte. Das Einzige, was ich im Überfluss besaß, war eine blühende Fantasie. Ab dem Moment, wo ich selbst lesen konnte, verschlang ich ein Buch nach dem anderen, egal, was mir in die Finger kam: von Erich Kästner, Michael Ende und Astrid Lindgren über Micky-Maus-Comics bis hin zu Was-ist-Was-Heften. Und mein fester Glaube an all die Möglichkeiten, die sich dadurch offenbarten, hat mir geholfen, innerlich einen Schalter umzulegen. In der 3. Klasse hatte ich nämlich endlich genug Geschichten von mutigen Mädchen inhaliert, um zur Tat zu schreiten. Vielleicht hatte ich auch einfach nur die Schnauze voll, mich immer hilflos und unterlegen zu fühlen. Ich schaffte es, eine Bande zu gründen, mit deren Unterstützung ich mich nun auf den Weg machte, um all die bösartigen Mädchen zu verprügeln, die mich im Kindergarten so geärgert hatten. Als unsere Mädchen-Gangs sich endlich in zwei Reihen voreinander aufgebaut hatten, blieb es zwar bei wüsten Beschimpfungen, doch mental hatte ich gesiegt. Fortan schlug das Herz einer Kämpferin in mir. Auch bei unseren nachmittäglichen Spielen auf der Straße wurde ich nun in Ruhe gelassen. In der Schule blühte ich auf und fand neue Freundinnen. Jetzt war ich nicht mehr still. Ich spürte eine unbändige Lebenslust in mir, jetzt, wo ich keine Angst mehr zu haben brauchte.
Ich fing an, eine Art politisches Bewusstsein zu entwickeln.
Als Kind von 68er-Eltern, die 1980 ihre kommunistische Phase überwunden hatten und der soeben gegründeten Partei Die Grünen beigetreten waren, hatte ich das Demonstrieren ja quasi mit der Muttermilch aufgesogen. Wir waren ständig auf irgendeiner Demo. Demonstrationen waren wie Kindergeburtstage: Es gab Luftballons, jede Menge anderer Kinder, mit denen man spielen konnte, und es wurde gesungen. Viel gesungen.
Zu meinen ersten Kinderliedern gehörten »He-ho, spann den Wagen an, gegen die Atomkraft hier im Land« und »Weine nicht, wenn der Reagan fällt, dam dam, dam dam«. Und natürlich die Lieder von Hannes Wader und Bettina Wegner. Die lieferten den Soundtrack zu unserem Familienleben, ebenso wie Pink Floyd, Supertramp, The Police und die Neue Deutsche Welle. Ich verstand zwar noch kein Englisch, aber eine Zeile kannte ich in- und auswendig: »We don´t need no education, we don´t need no thought control«.
Zu meinen schönsten Kindheitserinnerungen gehören die Samstagnachmittage, an denen wir Platten hörten und gemeinsam mit unseren Eltern, beide übrigens Lehrkräfte, aus voller Kehle sangen: »Hey, teacher, leave them kids alone!«
Kinder haben noch keine differenzierte Sicht auf das, was um sie herum passiert. Sie leben in einer Prinzessinnen-und-böse-Stiefmütter-Welt: hier die Guten, dort die Bösen. Wir gehörten natürlich zu den Guten, Helmut Kohl und Ronald Reagan eher nicht, und die Atomkraft war ganz böse. Ich hatte aber keine wirkliche Vorstellung davon, was diese Demonstrationen eigentlich bedeuteten. »Weltfrieden« und »atomares Wettrüsten« waren abstrakte Begriffe.
1984 gab es zum ersten Mal einen konkreten Fall, um den wir uns kümmern mussten: den armen Inder Josef.
Josef war Christ und hatte eine Stelle in der katholischen Pfarrgemeinde innegehabt. Seine Aufenthaltsgenehmigung war aus irgendeinem Grund nicht verlängert worden und er sollte abgeschoben werden. Josef kannte ich gut, er hatte meiner Schwester und mir zu Weihnachten wunderschöne Puppenbetten gezimmert. Sie sahen aus wie echte Babywiegen. Josef musste geholfen werden, ganz klar. Indien war scheinbar genauso schlimm wie Afrika, wo all die hungernden Kinder lebten, von denen wir immer hörten, wenn uns das Mittagessen nicht schmeckte. Ihm schien ein furchtbares Schicksal zu drohen.
Also sammelte ich in der Schule Unterschriften gegen seine Abschiebung und lieferte sie im Pfarrhaus ab. Doch obwohl ich einige DIN-A4-Blätter voll bekommen hatte, wurde Josef zurück nach Indien geschickt. Das erschütterte mich zutiefst.
In den folgenden Jahren probierte ich es immer wieder. Wann immer irgendjemand abgeschoben werden sollte, lief ich mit meinen Listen herum und bat die Eltern anderer Schulkinder um ihre Unterschriften. Leider hat es nie etwas genützt. Das lag an der bösen CDU, die fett im Stadtrat saß und mit ihrer absoluten Mehrheit alles bestimmen konnte.
Toleranz, Nächstenliebe und Hilfe gegenüber den weniger privilegierten Menschen waren Gebote, die ganz oben auf der Agenda meiner Eltern standen, darin waren sie christlicher als die Christdemokraten selbst. Allerdings hatte die Toleranz auch ihre Grenzen. Diese Grenzen besaßen manchmal eine gewisse Flexibilität, wie zum Beispiel gegenüber Helmut Kohl oder gegenüber unseren konservativen Nachbarn. Wenn der immer grimmig dreinschauende Nachbar mit seinem Laubsauger die Mittagsruhe störte, legte meine Mutter Jimi Hendrix auf, drehte den Plattenspieler auf volle Lautstärke und riss das Fenster zum Nachbarn sperrangelweit auf. Dann lieferten sich Jimi und der Laubsauger ein musikalisches Duell. Wenn wir den Nachbarn und seine mindestens ebenso freudlos dreinschauende Frau aber auf der Straße trafen, grüßten wir sie trotzdem.
Und dann gab es Grenzen, die waren unverrückbar: Neonazis und Tierquäler gingen gar nicht. Wenn meine Mutter irgendein Kind dabei erwischte, wie es Vogeleier aus einem Nest klaute und auf den Boden schmiss, oder Fröschen Beine ausriss, wurde sie stinksauer.
Eine ihrer eher ungewöhnlichen Erziehungsmethoden bestand darin, vor meinen Augen Spinnen zu streicheln. »Ich habe mich teilweise richtig geekelt«, erzählte sie mir Jahre später.
»Aber ich wollte, dass du keine Angst vor Spinnen bekommst.«
Also hatte sie sich selbst überwunden und mir schon als Baby immer gesagt: »Schau mal, die süße Spinne.« Das hat tatsächlich bis zu einem gewissen Grad funktioniert.
In den letzten Jahren habe ich mir viele Gedanken darüber gemacht, warum wir uns eigentlich vor manchen Dingen ekeln. Ich glaube, das hat viel mit Erziehung zu tun. Wenn wir schon als Kinder beigebracht bekommen, dass nackte Menschen eklig sind, oder dass es schlimm ist, nackt herumzulaufen, dann werden wir das in unser Erwachsenen-Ich mitnehmen. Wenn wir aber damit aufwachsen, dass es etwas völlig Natürliches ist, weil wir zum Beispiel zuhause nackt herumlaufen dürfen oder auch mal unsere Eltern nackt sehen, dann werden wir damit zumindest so lange unbefangen umgehen, bis wir in der Pubertät mit den nächsten Einflüssen konfrontiert werden – den medialen, den gruppendynamischen und den gesellschaftlichen. Insofern ist es wichtig, dass wir uns als ganze Gesellschaft für einen natürlichen Umgang mit den diversen Formen der Sexualität und der Nacktheit öffnen.
Das mit den Spinnen und dem Ekel hatte bei mir also geklappt. Bald aber stürmte ausgerechnet von christlicher Seite ein neues Schreckgespenst auf einem feuerspeienden Ross auf mich zu, beißend, nach Schwefel stinkend und einen Schweif aus Schmerzensschreien hinter sich herziehend – und vor diesem gab es kein Entrinnen. Sein Name war: Hölle.
Bis dahin hatte ich in meiner bunt bebilderten Kinderbibel nur unglaubliche Geschichten von Moses und Joseph und seinen Brüdern und Jesus gelesen. Das waren gute Geschichten, die ich genauso verschlang wie Grimms Märchen, sie waren spannend und erzählten von fremden Welten. Jetzt aber tauchte plötzlich die Hölle auf, und zwar direkt aus dem Schlund meiner steinalten Grundschullehrerin, die kurz vor der Pension stand, manche Kinder noch mit einem Lineal-Schlag auf die Finger maßregelte und auch ansonsten ziemlich antiquierten pädagogischen Methoden folgte. Eine dieser Methoden war es, uns Angst zu machen. Vor der Hölle, in der wir natürlich landen würden. Wenn nicht wegen einer Lüge oder weil wir jemanden gehauen hatten, dann doch zumindest dafür, dass wir nicht an Gott glaubten, nicht beteten und nicht zur Kirche gingen. Niemand kann sich vorstellen, was das in mir auslöste. Meine Eltern gingen nicht in die Kirche, sie hatten uns nur getauft, »weil das sonst die sehr katholische Oma nicht überlebt hätte«, und über die bevorstehenden Tischgebete wurde schon auf dem Weg zur Oma als eine nicht zu vermeidende Notwendigkeit gesprochen. An Gott glaubten sie bestimmt auch nicht, zumindest hatte ich davon nichts mitbekommen. Das Einzige, woran sie zu glauben schienen, waren der Nikolaus und das Christkind, denn die durften ja jedes Jahr zu uns kommen.
Ich hatte bis dahin auch nicht an Gott geglaubt, jetzt glaubte ich schon allein deswegen an ihn, um nicht in der Hölle zu landen, die uns unsere Grundschullehrerin genüsslich in den schillerndsten Farben als einen Ort des absoluten Grauens geschildert hatte. Auch wenn ich keine Vorstellung von der Ewigkeit hatte, hörte sich das nach einer langen Zeit an, und da sich manchmal schon der Tag vor Weihnachten wie eine Ewigkeit anfühlte, wollte ich mir gar nicht ausmalen, was die Ewigkeit der Hölle bedeuten würde.
Also ging ich von nun an sonntags zur Kirche. Natürlich allein, meine Eltern waren atheistisch und dachten gar nicht daran, deswegen früher aufzustehen. Sonntags war der einzige Tag, an dem sie ausschlafen konnten. Meine Geschwister hatten kein Verständnis davon, was die Hölle bedeutete, Schwester 1 hielt Jesus für eine Märchenfigur.
Mich überkam immer ein sehr bedrückendes Gefühl, wenn ich mich auf den Weg zur Kirche machte. Unterwegs wurde ich schon von Scharen schwarzgekleideter Menschen umzingelt, die nie zu lächeln schienen und mich immer von oben herab musterten. In ihren Blicken lag die unausgesprochene Frage nach meinen Eltern, und ich schämte mich dafür, dass meine Eltern lieber schliefen, als zur Kirche zu gehen. Gleichzeitig hatte ich Angst um sie, denn ich wollte nicht, dass meine lieben Eltern in der Hölle landeten. Aber meine zaghaften Versuche, sie zum Kirchgang zu überreden, wurden lapidar und belustigt abgewiegelt.
Sobald ich die Kirche betrat, schien sich das ganze Gewicht des steinernen Kreuzes mit dem leidenden Jesus daran auf meine Seele zu legen. Jegliche Freude wich aus mir wie die Luft aus einem Luftballon und ließ eine schlaffe, zusammengefaltete Hülle zurück. »Gott sieht alles. Du kannst nichts vor ihm verbergen«, hatte meine Grundschullehrerin mit drohender Miene verkündet. Da saß ich nun also mit meinen acht Jahren und meinen ganzen Sünden in einer der hinteren Reihen und traute mich kaum zu atmen. Inständig hoffte ich, Gott würde mir verzeihen: Ich hatte neulich Süßigkeiten an der Supermarktkasse mitgehen lassen, mich heimlich gefreut, als Marie[12] Läuse bekam und ihr die Haare abgeschnitten werden mussten – jetzt hatte sie kürzere Haare als ich –, und ich hatte meinen jüngeren Bruder nicht gerade sanft behandelt, als dieser mich beim Playmobil-Spielen aufgeregt hatte. Das war bestimmt die schlimmste Sünde, denn so viel hatte ich schon von meinen Eltern gelernt: Man vergreift sich nicht an Schwächeren.
Erst als ich die Kirche verließ, legte sich das Gefühl von Beklemmung, und ich konnte wieder frei atmen. Ich fühlte mich ein kleines bisschen weniger schuldig, denn ich war ja schließlich zur Messe gegangen. Während des Gottesdienstes hatte ich mir auch ganz fest vorgenommen, ein besserer Mensch zu werden. Dieser Vorsatz hielt genau zwei Stunden an, dann hatte ich keine Lust mehr, ein besserer Mensch zu sein, und so saß ich am nächsten Sonntag wieder schuldbeladen in der Kirche und schrumpfte bei den mahnenden Worten des Priesters auf die Größe einer Erbse zusammen.
Es gab aber noch ein anderes Gefühl, eine Art schleichende Erkenntnis, die mit jedem weiteren Sonntag in mir wuchs: Ich gehörte nicht dazu. Egal, wie viel und wie aufrichtig ich betete, ich konnte mich den anderen Menschen in der Kirche nicht zugehörig fühlen. Etwas trennte mich von ihnen. Was genau das war, sollte ich erst Jahre später begreifen.
Ein paar Wochen lang ging ich noch in die Kirche, dann wurde das Gefühl von Angst und Schuld ganz von allein schwächer. Es gab Spannenderes, das draußen in der Welt auf mich wartete. Für viele Jahre spielte die Kirche keine große Rolle mehr in meinem Leben. Was mir von dieser Episode blieb, war der Glaube an irgendeine Art von Gott und eine tiefe Abneigung gegenüber jeglicher Form von Missionierung und Institutionalisierung.
Frühlingserwachen
Foto: Wolfgang Wingenroth
Für mich markierten zwei Ereignisse den Übergang vom Kind zur Jugendlichen.
Das erste war der Tag, an dem ich begriff, dass mir das Playmobil-Spielen keinen Spaß mehr machte. Das kam ziemlich plötzlich und fühlte sich auch ziemlich beschissen an, ja, ich kann sogar sagen, dass dieser Tag vermutlich der traurigste Tag meiner Kindheit war. Denn auf einmal war da eine riesengroße Leere, ein Loch im Bauch, von dem ich keine Ahnung hatte, wie ich es wieder füllen sollte.
Das zweite war eine Art sexuelles Erwachen. Als ich 10 Jahre alt war, ließ meine Mutter meine beiden jüngeren Geschwister und mich zu sich kommen. Sie hielt uns ein Bild in der Größe eines Polaroids vor die Nase: »Schaut mal, ich habe eine Überraschung für euch. Sie hat mit diesem Foto zu tun. Was könnte das wohl sein?«
Ich betrachtete aufgeregt das seltsame Bild mit einem verschwommenen Etwas in der Mitte einer dunklen Höhle voller Wurzeln. Da ich sehr viel Fantasie besaß, dachte ich sofort an ein großartiges, geheimnisvolles Spielgerät in einem Park oder Wald.
»Oh, fahren wir endlich ins Fantasialand?«, fragte ich begeistert. Fast alle meine Freundinnen waren schon dort gewesen, aber meine Eltern hatten entweder keine Lust gehabt oder es war ihnen zu teuer gewesen.
»Nein«, sagte meine Mutter.
»Du bist schwanger«, sagte meine jüngere Schwester.
»Nein«, lachte ich sie aus. Auf was für dumme Gedanken meine Schwester manchmal kam!
»Ja«, sagte meine Mutter.
Im ersten Moment war ich total enttäuscht, weil wir schon wieder nicht ins Fantasialand fahren würden. Dann schämte ich mich, dass meine jüngere Schwester offenbar besser Bescheid wusste als ich. Und dann dachte ich: Ist meine Mutter nicht viel zu alt, um noch ein Kind zu bekommen? Sie wurde schließlich bald 40. Am Ende siegte die Freude. Jetzt konnte ich meinen Freundinnen mal etwas wirklich Sensationelles berichten!
Schnell machte diese Neuigkeit auf meiner Schule die Runde. Ich hatte die Wahl gehabt zwischen dem Gymnasium, wo mein Vater Lehrer war, und dem, wo meine Mutter Lehrerin war. Lehrerkind war ich so oder so. Ich hatte mich für das Gymnasium meiner Mutter entschieden, weil es den Ruf hatte, lockerer und fortschrittlicher zu sein. Jetzt wussten also alle Bescheid, was in der Familie Mönning los war.
»Haben deine Eltern noch andere Hobbys?«, wurde ich von meinen Mitschülern aufgezogen. Ich schämte mich, weil das neue Geschwisterchen anscheinend irgendwas mit Sex zu tun hatte. Und Sex war ja wohl echt ekelhaft.
Dann besorgten meine Eltern das Aufklärungsbuch für Kinder, Peter, Ida und Minimum[13], und ich studierte es sehr genau. Als mein zweites Schwesterchen endlich auf der Welt war, las ich ihr immer wieder daraus vor. Und als zwei Jahre später noch ein weiterer Bruder das Licht der Welt erblickte, war das mit dem Kinderkriegen schon etwas ganz Normales für mich geworden, obwohl ich noch keine einzige Stunde Sexualkundeunterricht gehabt hatte.
Langsam füllte sich auch die Lücke, die der Verlust der Kindheit in mir hinterlassen hatte – und zwar mit Jungs. Genauer gesagt, mit Gesprächen über Jungs. Und über Sex. Beziehungsweise über den Sex, den wir nicht hatten, aber irgendwann zu haben gedachten.
Was sollte uns auch sonst beschäftigen?
Wir befanden uns in den 90ern.
Die 90er waren das Jahrzehnt, in dem Bill Clinton Präsident der größten Wirtschaftsmacht der Welt wurde. Ein Mann, der Saxofon spielte und angeblich Marihuana rauchte. Im Fernsehen starteten VIVA, Marienhof und Verbotene Liebe.