Nicht weit von Atlantis - Víctor Álamo de la Rosa - E-Book

Nicht weit von Atlantis E-Book

Víctor Álamo de la Rosa

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Beschreibung

Ein Segelboot treibt im aufgewühlten Meer vor Isla Menor, der kleinen Kanareninsel El Hierro. Das Problem ist nicht nur der Schiffbruch, nein, die Passagiere sind Leprakranke. Sie waren in Marokko aufgebrochen, um in Spanien Heilung zu suchen. Die Tücken des Meeres zerstören ihren Traum. Auf der Insel bringt man sie in eine von Land aus unzugängliche Lavahöhle. Die Angst vor Ansteckung geht um. Anselmo, ein portugiesischer Seemann, wird zur wichtigsten Bezugsperson der Kranken. Im Auftrag der Inselregierung versorgt er sie über das Meer mit Nahrung und Kleidung. Dabei begegnet er Marina, einer jungen Insulanerin, die sich bei der Rettungsaktion selbst infiziert hat und mit den Schiffbrüchigen in die Höhle verbannt wurde – Zwischen Anselmo und Marina entsteht eine Liebe wider alle Vernunft, eine Liebe, die alle Hürden hinter sich lässt. Marina wird dem von der Einsamkeit getriebenen Seemann, der verzweifelt nach seinen Wurzeln sucht, zum sicheren Hafen, eine Zeitlang … Víctor Álamo de la Rosa beherrscht vollendet die Klaviatur der Stimmungen des Leidens und der Leidenschaften. Er schuf einen Roman von überbordender Fantasie, mit kräftigem Inselkolorit und voller Gegensätze: drastisch und lyrisch, skurril und makaber, humorvoll und überaus spannend. Auch kennt er das Paradies, in dem alle zur Ruhe kommen: Atlantis, nicht weit von Isla Menor. (P.S.: An manchen Stellen braucht der Leser, die Leserin starke Nerven.)

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Seitenzahl: 249

Veröffentlichungsjahr: 2017

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Víctor Álamo de la Rosa

Nicht weit

von Atlantis

Roman

konkursbuch  VERLAG CLAUDIA GEHRKE

Inhaltsverzeichnis

Titelseite

Zum Buch

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Zum Autor und zur Übersetzerin

Impressum

Zum Buch

Ein Boot treibt im Meer. Es bringt Flüchtlinge und eine ansteckende Krankheit. Die Menschen werden isoliert. Man bringt sie in eine von Land aus unzugängliche Lavahöhle.

Es sind Leprakranke, in Marokko aufgebrochen, um in Spanien Heilung zu suchen. Die Tücken des Meeres zerstören ihren Traum. Die Angst vor Ansteckung geht um. Anselmo, ein auf der Insel gestrandeter portugiesischer Seemann, wird zur wichtigsten Bezugsperson der Kranken. Im Auftrag der Inselregierung versorgt er sie über das Meer mit Nahrung und Kleidung. Dabei begegnet er Marina, die sich bei der Rettungsaktion selbst infiziert hat und mit den Schiffbrüchigen in die Höhle verbannt wurde.

Zwischen Anselmo und Marina entsteht eine Liebe wider alle Vernunft, eine Liebe, die alle Hürden hinter sich lässt. Marina wird dem von der Einsamkeit getriebenen Seemann, der verzweifelt nach seinen Wurzeln sucht, zum sicheren Hafen, eine Zeitlang …

Víctor Álamo de la Rosa beherrscht vollendet die Klaviatur der Stimmungen des Leidens und der Leidenschaften. Ein Roman mit kräftigem Inselkolorit und voller Gegensätze: drastisch und lyrisch, skurril und makaber, humorvoll und überaus spannend. Auch kennt er das Paradies, in dem alle zur Ruhe kommen: Atlantis, nicht weit von Isla Menor. (P.S.: An manchen Stellen braucht der Leser, die Leserin starke Nerven.)

1

Für Marina: Liebe und noch viel mehr

A

us so großer Entfernung gesehen, können wir nicht wissen, was sich hinter diesem mikroskopisch kleinen Punkt mitten auf dem Ozean verbirgt. Aus solch luftiger Höhe betrachtet, kann man nicht erkennen, was da draußen auf hoher See schwimmt. Wir können nur Vermutungen anstellen und sagen, dass es ein Schiff ist oder ein Wal oder, falls wir lieber der Fantasie freien Lauf lassen, behaupten wir, es handele sich um einen Dinosaurier, der seinerzeit der Vernichtung entging.

Lieber wollen wir näher herangehen, unseren hohen Aussichtspunkt verlassen und hinabsteigen, damit das Auge bessere und genauere Informationen liefert: Ja, es ist ein Schiff. Da uns die Einzelheiten interessieren, beschließen wir, noch tiefer herabzusteigen. Wir finden den ersten Eindruck bestätigt: Es ist ein kleines Segelschiff, und sein Mast ist zerbrochen. Die Vermutung liegt nahe, dass es sich in Schwierigkeiten befindet, dass es steuerlos dahintreibt. Zuweilen verschwindet es ganz oder teilweise zwischen den für die aufgewühlte See so typischen Wellen. Bei Südwind türmen sie sich auf, dann stürmt es in der Sahara und der Hitzenebel steigt hoch, und alles wird in eine unwirkliche Atmosphäre gehüllt, wie in einem Albtraum.

Unser Interesse für die Einzelheiten nimmt zu und damit der Wunsch nach noch größerer Nähe. Wir wollen endlich wissen, worum es geht. Wollen die Wunden sehen, das Blut riechen, in der Nase den Gestank des Todes haben: es ist ein kleines Segelschiff, dessen Mast im Sturm zerbrach und das im Begriff steht zu kentern. Vom Wind gepeitscht schaukelt es heftig. Die Alten sprachen von kochender See, wenn das Meer außer Rand und Band war. Diese armen Menschen hier in ihrem Leid! Wie müssen sie unter Hunger, Durst und Krankheit gelitten haben! Wir meinen, fünf Personen zu sehen. Nein, wenigstens sieben sind zu erkennen. Vier junge Frauen, drei Männer, ebenfalls jung. Aus verhangenem Himmel tropft es ockerfarben. Es regnet Erde. Der Wind pfeift und zerrt an Tauen und Kleidung, reißt Koffer mit sich und alles, was sich ihm in den Weg stellt.

Wir haben es gewagt und sind ins Innere des Schiffs vorgedrungen. Der Gestank überrascht. Es riecht nach Fäulnis, nach totem Fleisch. Trotzdem sehen wir noch lebende Körper. Frauen, die jedes Mal vor Schmerz schreien, wenn das Meer sie schüttelt und stößt, denn das Boot wehrt sich mehr schlecht als recht in der sturmgepeitschten See, wehrt sich gegen Wellen, die reine Wut, die wütender Meeresschaum sind. Mindestens zwei Körper gibt es, die keinen Ton mehr von sich geben: der Tod hat sie verstummen lassen. Wie traurig die tiefschwarzen Augen, wie menschenleer die Räume, die sie betrachten! Wo ist der Mensch, der ihren Namen kennt? Fürwahr ein elendes Schauspiel, den leblosen Körper hier zu betrachten, der sich windet und aufbegehrt und Arme und Beine verdreht, die immer stärker zerfallen! Wenn in diesem Arm noch Leben wäre, könnte er diese Position nicht beibehalten. Widernatürlich würden wir dazu sagen. Dasselbe gilt für den Kopf: wenn er nicht verrenkt wäre, könnte er so nicht verharren, in dieser absurden Stellung. Und wie könnte der Knöchel des rechten Fußes fast das Gesäß berühren, wenn das Bein noch intakt wäre? Man muss an eine ausgeleierte Marionette denken, deren Fäden schon lange keine Spannung mehr haben, wie diese für immer tote Frau.

Wir können eine solche Verwüstung nicht unbeteiligt mitansehen. Wir fühlen Brechreiz. Niemand kann hier unbeteiligt bleiben, denn das Herz zieht sich einem zusammen. Auch die Nase setzt sich zur Wehr, wegen des schlimmen Gestanks. Da sind noch die Wunden, und wir treten näher heran, denn wir wollen wissen, ob alle Passagiere in Mitleidenschaft gezogen wurden, ob alle bluten, ob alle nach stinkigem, faulendem Fleisch riechen. Da fehlen Stücke von Haut. Der dunkelhäutige Mann dort ist von Geschwüren übersät, ist voller rötlicher und weißlicher Flecken, die eitern. Der Eiter wirft schmutzig-gelbe Blasen, einfach widerlich.

Auch die Frauen im Hintergrund können der Rebellion ihrer Körper nicht entgehen: in mancherlei Farben äußert sich die Revolte. Welch langwieriger Zerfall!

Von unten aus dem Schiffsbauch her sehen wir ein Stück des Himmels. Wie in einem Kellergewölbe kommt man sich vor. Der Himmel war einmal blau, jetzt ist er erdbraun. Der Sturm wirbelte den Wüstenstaub auf, sodass die Wüste jetzt hier über unseren Köpfen ist, wo sie dahintreibt und sich über diesem Stück Meer ausregnet. Wenn wir nach oben sehen und den Horizont suchen, sehen wir nichts. Aussicht gleich Null: Wasser und Erde, Erde und Wasser haben sich zusammengetan, sprechen gleichsam das Urteil: Schiffbruch unvermeidbar. Nur die Hand Gottes könnte vielleicht – wenn er sie ausstreckte, und er kann alles –, diesen versandeten, von Erdwolken verhangenen Himmel durchdringen und sie vor dem Ertrinken retten. Du Hand Allahs, du Güte Allahs, du Barmherzigkeit Allahs, so beten sie, so flehen die Lebenden, die sich im Innern des Seglers quälen. Niemand von ihnen wäre in der Lage, genau zu sagen, wann sie von Marokko aufbrachen, wann der Zerfall ihrer Leiber begann. Niemand von ihnen wäre fähig zu sagen, was sie von ihrer Route Richtung Spanien abbrachte, wo sie gerettet worden wären und wo das Wunder der Heilung auf sie wartete. Niemand, welch teuflischer Wind, welche Meeresströmung ihnen zum Verhängnis wurde. Niemand, wo sie jetzt wären, an welch entferntem Punkt des Beute heischenden Ozeans. Der scheinbar stärkste von ihnen wollte Allah Vorwürfe wegen fehlender Barmherzigkeit machen: Zuerst schicke er ihnen die schreckliche Krankheit, dann den Sturm. Und er suchte am undurchdringlichen Himmel nach einem Hoffnungsstrahl, aber aus den Wolken fiel nur noch mehr Lehm, noch mehr Lärm, noch mehr Wasser, das auf das Wasser des Ozeans prallte.

Noch nie haben wir uns in einem ähnlichen Albtraum befunden: die Männer versuchen, die noch lebenden Frauen zu umarmen, aber der Segler bäumt sich auf, und die Köpfe stoßen überall an. Gegen die Decke der Kajüte stoßen sie, gegen die Latten der Kojen, gegen den Boden. Überall stoßen sie an. Darauf bevorzugen sie den Boden des Schiffskörpers, wo sie sich sofort sicherer fühlen. Aber die Wellen toben nur ein bisschen tiefer, man spürt den Schwindel im Bauch, das Schiff bleibt ein paar Sekunden in der Luft, sie hängen in der Luft, in der Luft schmerzt der Schwindel, und automatisch erwartet man den bevorstehenden Aufprall, der … dann auch erfolgt. Und der Bauch des Seglers prallt auf die Oberfläche des Wassers. Und der Bauch der Insassen gegen den Boden des Bootes. Die panischen Schreie ertönen in bestimmten Abständen und Panik, nichts als Panik, und Wehklagen. Weinen und vor Angst gebrochene Stimmen und in den Ohren nichts als Angst. Angst, und bei jedem Aufprall neues Blut, einfach so bei jeder Welle, pausenlos, ohne die kleinste Ruhepause.

Am besten raus hier, weit weg, nach oben, frische Luft! Erneut den kleinen weißen Punkt aus der Ferne betrachten, das Segelboot mitten auf dem Meer. Einfach übersehen, dass drinnen der gemeine Tod wütet. Einfach den Schlag vergessen, der Kiefer und Zähne bricht, auch den Arm der immer noch schönen Frau, deren Gesicht zahlreiche Verletzungen aufweist. Einfach fliehen, am besten nicht hinsehen und Zuflucht in Halluzinationen suchen. Sich darauf versteifen, einen Wal zu sehen, der mit den Wellen kämpft, oder auch ein vorgeschichtliches Seeungeheuer, das auf der Suche nach stillen Gewässern ist. Was eben noch der zerbrochene Mast war, sind Flossen. Was Boot war, sind große Kiemen. Besser noch, ganz hoch hinaus zu wollen, dorthin, wo über den Wolken die Sonne scheint. Und wenn wir dann abwärts blicken, sehen wir Räume voller Wattewölkchen. Tiefer gibt es nichts. Hier oben geht es einem viel besser, wir können anderswo hinsehen, können fantasieren und lustige Bilder in der Form der Wolken erkennen. Ihr Weiß wird uns ablenken und uns vergessen lassen.

2

I

ch kann verstehen, wenn es den Leuten unangenehm ist, diesen Zerfall mit anzusehen.

Als der Inselrat von Isla Menor mir vorschlug, die Leprakranken in der Höhle mit Wasser und Lebensmitteln zu versorgen – als Ausgleich sollte ich ein mehr oder weniger angemessenes Gehalt bekommen, auch wollte man ein paar offene Angelegenheiten nicht mehr erwähnen –, nahm ich das Angebot ohne Zögern an. Was hätte ich auch sonst tun können? Zuweilen setzt das Leben uns an einem Scheideweg ab, wo andere für uns entscheiden müssen, denn das Herz kann es nicht mehr.

Mein Schicksal hatte sich also gewendet, und der Kompass meines durcheinandergeratenen Lebens pendelte in Richtung Glück, pendelte auf unglaubliche Gefilde zu. Wer hätte je an so etwas gedacht? Der Inselrat, ein irgendwie seltsames Verwaltungsorgan der Insel, überließ mir als Teil des mir als Pfleger der Leprakranken zustehenden Gehalts eine erbärmliche Hütte in einem kleinen, im Süden der Insel gelegenen Ort, den sie Rijalbo nannten, das angebliche Fischerviertel von Masilva. Und ich sage angeblich, weil man doch annehmen kann, dass ein Viertel ein Ortsteil ist, der mehr oder weniger nahe am Ortskern liegt, zu dem es gehört. Was aber bei Rijalbo nicht der Fall war, denn es lag gut zwanzig Kilometer von Masilva entfernt. Eine elende Lehmstraße voller Kurven versuchte, die Lavafelder der Landschaft zu umgehen und so beide Ortsteile miteinander zu verbinden, die einander fremd waren; der eine Teil, im Bereich der Gebirgshänge, wurde landwirtschaftlich genutzt. Der andere, der ein wenig geschützt im Schatten eines roten, früher einmal tätigen Vulkans lag, widmete sich dem Fischfang. Das Dorf Rijalbo bestand aus ungefähr zwanzig Häusern und einer Mole, die bei stürmischer See überflutet wurde. Wobei es salzig gegen die Fenster spritzte und die Gischt an den Scheiben herunterlief, was dem Dorf, wenn alles wieder trocken war, einen schmutzigen Anstrich verlieh. Auch der vom Wind hochgewirbelte Staub setzte sich auf dem Glas fest und hielt das Licht fern. Es war nie richtig sauber, und im Dorf verwischten sich die Umrisse, als wäre der Ort dabei, sich langsam aufzulösen, wie am Ende eines Albtraums. Rijalbo, das Fischerviertel von Masilva, das die Alten auch La Restinga nannten, könnte nie in den Ruf eines schönen Dorfes gelangen. Es wäre reine Ironie, denn seine Häuser sahen alles andere als fein getüncht aus, sondern wirkten mit ihren Zementblöcken eher ärmlich. Sie schrien geradezu nach Kalk und Gips – das Weiß hätte zumindest die ausgeschwitzte Feuchtigkeit verdeckt und den durch Salz und Ausblühungen stark mitgenommenen Mauern gutgetan. Es war, als ob seine Bewohner immer nur auf der Durchreise wären und nicht wagten, ihr Heim so zu pflegen, dass es ordentlich aussah: in Wirklichkeit fürchteten sie, dass das Meer sich eines schlimmen Tages so aufführen würde, dass kein Stein auf dem anderen blieb. Und so waren die kleinen Gassen nicht symmetrisch angelegt, das heißt, sie folgten keinerlei Logik. Und es bröckelte überall an Türen und Fenstern, auch da, wo im Einzelfall getüncht worden war, und letztendlich wirkte alles verkommen, im Zustand der Auflösung. Es gab keine Kanalisation und keine Müllhalde; den Müll warfen sie in einen Meeresarm, der El Gonzalo hieß. Die Flut bemächtigte sich dann der Abfälle und trug sie aufs offene Meer hinaus, bis sie nicht mehr zu sehen waren. Nur wenn der Wind seine Launen bekam und sich drehte, dann stank es in Rijalbo, dann war das Meer träge und konnte den Dreck nicht ein für alle Mal abtransportieren. Aber das Dorf lebte weiter; es war fest mit der Fischerei verbunden, trotz aller Widrigkeiten, ließ schläfrig den Fortschritt außen vor und sah von Kap Rijalbo aus zu, wie der Tag verstrich.

Der Archipel, zu dem diese gottverlassene Insel namens Isla Menor gehörte – seit Zeiten Platos war sie auch als Fero, Hero, Hierro oder Aprositus, die Unzugängliche, bekannt –, lag wenig nur vor der Küste Nordwestafrikas und lebte unter spanischer Flagge. Dabei erschien der drückende, calima genannte Hitzenebel – die Stürme aus der Sahara brachten ihn vom nahen Kontinent herüber – viel öfter am Himmel als die rotgelbe Fahne zu Ehren des Diktators Francisco Franco. Nie unterließ es Afrika, auf sein Eigentum zu pochen. Deshalb übernahm auf seinen offiziellen Karten das Königreich Marokko trotz der theoretisch guten Beziehungen zum Königreich Spanien den Archipel und gab ihm dieselbe Farbe, die für das alawitische Reich stand. Alles war wahrscheinlich nur eine Frage der Zeit, wobei gesagt werden muss, dass ich mich nicht einen Deut für politische Händel interessiere.

Auf dem Strand von Rijalbo drängten sich etwa fünfzehn Boote. Sie rochen nach Werg und Teer, denn zwei von drei mussten kalfatert werden, damit das gefährliche Wasser nicht an den Stoßstellen der alten Planken eindringen konnte und ein Unglück geschah. Schreiner Mazo kümmerte sich um diese Arbeiten und stellte außerdem Särge her, und es hieß, er sei sehr geschickt. Dank der Schiffe war die Wirtschaftslage einigermaßen stabil, was allerdings von den Launen des Meeres und dem Fischfang abhing: vom Hochseefang wie dem Thunfisch und den Erträgen der Küstengewässer, wozu vor allem die Papageienfischarten und die Brassen zählten. Die Boote hatten laute Dieselmotoren, die schwarzen Qualm ausstießen. Mit ihrem morgendlichen Knattern weckten sie in Rijalbo selbst die größte Schlafmütze. Es war die Aufgabe Orlandos, des Mechanikers im Ort, die morschen Kähne auf Vordermann zu bringen, wozu er das abenteuerlichste Flickwerk benutzte. Manchmal erwähnte ihn Benito, der Inselpfarrer, in seinen Predigten, um ihm für seine an Wunder grenzenden Reparaturarbeiten zu danken. Manches Mal mussten die Fischer Verluste hinnehmen – das gehörte zum Leben in diesen unwirtlichen Breitengraden –, weil eine gierige Welle eines der Boote verschlang. Einfach so. So war der Alltag. Ein oder zwei Tote mehr, ohne dass es einen Körper und das dazugehörige Kreuz auf dem außerhalb liegenden Friedhof gab. Denn nie gab das Meer zurück, was ihm gehörte. Der Totenacker lag weit draußen, erhöht, aber vom Meer abgewandt, als ob er vor dem allgegenwärtigen Salz fliehen wollte. Er wirkte vernachlässigt und war unbepflanzt, denn der Meereswind ließ nicht einmal eine schäbige Zypresse und keinerlei Blumen wachsen, die der einsamen Tristesse etwas Farbe verliehen hätten. Was es wohl gab, waren echte Trauer und viel Leid.

 Häufig mussten bei wilder See und hohem Wellengang, wenn die einfache Mole, die Rijalbo schützen sollte, sofort überflutet wurde, die Boote vom Uferrand weg- und die Hauptstraße hinaufgezogen werden, um sie vor der sicheren Zerstörung zu retten. Alle Männer packten mit an, und die Schiffe glitten über glatte Stangen aus Kiefernholz, wodurch der Kiel unbeschädigt blieb. Innerhalb weniger Minuten überschwemmte das Meer dann den ehemaligen Liegeplatz. Deshalb wurden sie mit vereinten Kräften bis oben gezogen, weg vom Meer, sechs Männer pro Boot, drei backbord, drei steuerbord. Danach hieß es warten, bis das Wetter sich wieder beruhigt hatte – und das konnte einige Tage dauern. Man palaverte auf dem Dorfplatz, trank in der Kneipe Most und jungen Wein aus Masilva, auch den ein oder anderen Rum, schnitzte mit dem Taschenmesser kleine Figuren aus Kiefernholz, rauchte starken Tabak. Flocht Körbe aus Weidenruten, besserte Hühnerstall oder Netze aus, brachte die Angeln in Ordnung und bereitete alles für die Jagd nach dem Wahoo oder dem Kabeljau vor … An diese Art von Arbeit waren sie gewöhnt, denn für sie als Seeleute war fester Boden unter den Füßen eher die Ausnahme. Noch viel weniger mochten sie zu Hause eingeschlossen sein und die Vorwürfe ihrer Frauen über sich ergehen lassen: das Dach kommt bald herunter, nicht einmal Wäsche aufhängen kann ich, nie hast du Zeit für die Familie, schon wieder bin ich schwanger, das ganze Geld steckst du ins Boot und so immer weiter. Auf dem festen Land kam ihnen die Geschicklichkeit abhanden, mit der sie an Bord herumsprangen, über die Bänke hinweg von backbord nach steuerbord. Während sie an Land wie Schlafwandler einherwankten und nach dem Meer schielten, das im Regen tobte und vom Sturm aufgepeitscht wurde, als verlangten sie von dem verdammten Wellengang, sich gefälligst auf sie einzustellen. Manchmal kam mir die Frage, wie ich um alles in der Welt auf diesem Felsklotz im Atlantik landen konnte, wo Ludwig XIII, König von Frankreich, 1634 auf Vorschlag von Kardinal Richelieu den ersten Null-Meridian anlegte und zwar am Leuchtturm von Orchilla vorbei. Denselben, den später die Engländer, diebisch, wie sie nun einmal sind, für sich beanspruchen sollten, um ihn nach Greenwich zu verlagern. Manchmal kam mir die Frage, wie ich mit meinen Knochen auf diesen entlegenen Ort stoßen konnte, eine letzte Spur von Atlantis, doch ich erinnere mich nur, dass ich keine Antwort fand.

3

A

nselmo Viveiros kümmerte sich wenig um sein Schicksal, doch ein einziges Mal konnte er daran fühlen. Man erzählt sich, dass er vor seinem Ende im Karzer von Masilva tatsächlich lächelte, obwohl der Richter ihn mit der vollen Last des Gesetzes bedachte. So hieß es, zumindest verlautete es so von denen, die gesehen hatten, wie er, nach dem Geständnis seiner spitzfindigen Tat die schwierige Situation meisterte. Sie hörten die Stimme des Richters, der zornerfüllt das Urteil gegen den sprach, der sich bei den zwanzig Aussätzigen als Herr über Leben und Tod vorgekommen war. Es handelte sich um die, welche der Inselrat in jener Höhle im Mar de las Calmas, dem Meer der Stille, weggesperrt hatte. Hat man jemals eine solche Unverfrorenheit erlebt? Und der Holzhammer des Richters schien die Frage zu unterstreichen. Aber wie schon gesagt, der Eifer der Justiz konnte dem Portugiesen nur ein müdes Lächeln entlocken. Bei diesem Stand der Dinge war sowieso alles egal. Selbst wenn es gelogen scheint, dass jemand beim Anhören eines Richterspruchs, der ihn zum Tod in einer Gefängniszelle verurteilt, glücklich wirkt. So schien er in den Augen der Anwesenden fast Heiterkeit auszustrahlen, gerade als ob er ein solches Ende und die verheerende Erfüllung seines Plans mit tödlicher Sicherheit vorausgesehen hätte.

Aber die Geschichte hatte ja ein paar Jahre vorher begonnen, als ein Segelschiff die Küste von Isla Menor erreichte. Es kam von der nahen Küste Marokkos und hatte ein paar Mauren an Bord, die durch einen gewaltigen Sturm in Seenot geraten waren. Fast wäre es zum Schiffbruch gekommen. Schlimm anzusehen! Taue, Seile, Segel, Masten –, alles dahin. Tagelang schwankte das Schiff durch die Wellen. Ein einziges Tohuwabohu. Vor lauter Tauen schienen die Menschen auf den schwankenden Planken zu willenlosen Hampelmännern geworden zu sein. Die Männer und Frauen, welche die Küste Europas ansteuerten, wo sie sich Heilung und ein besseres Leben erhofften, waren bereits im Augenblick des Aufbruchs betrogen worden. Das schäbige Boot, das sie bei einem andalusischen Söldner – er nannte sich Mansito – zu einem horrenden Preis gemietet hatten, hätte nicht einmal bei ruhiger See die Meerenge von Gibraltar kreuzen können. Nachdem sie wochenlang Treibgut der Wellen waren, zog man sie nach Rijalbo in den Hafen, wo die mutigsten Bewohner des Viertels mit eigenen Augen den schrecklichen Zerfall zu Gesicht bekamen, den die gefürchtete, grauenvolle Krankheit verursacht. Obwohl diesmal die Regierung von Isla Menor einigermaßen auf der Hut war, gab es doch einige Ansteckungsfälle. Der Bazillus nahm keinerlei Rücksicht auf Glaubensbekenntnis oder Rasse und machte sich auch in Rijalbo breit, dessen Umland rasch von der Polizei und Jägern mit absolut sicherem Schuss kontrolliert wurde. Sie gingen im Schlund der nahen Vulkane in Stellung und hatten ausdrücklichen Befehl, jeden, der es wagte, die unsichtbare, von den Behörden errichtete Mauer zu missachten, niederzuschießen. Egal, welch zwingenden Grund er vorbrachte.

Man mag es kaum glauben, aber es kam noch schlimmer.

Mit dem falschen Versprechen, alle Infizierten in ein Krankenhaus auf Isla Mayor zu bringen – der gebräuchliche Namen war laut eingesehenem Atlas Teneriffa oder Tinerfe –, stellte der Inselrat ein Schiff mit dem Namen Esperanza zur Verfügung, das von Abel Caballero gesteuert wurde. Heute ist er in den Schulbüchern als Held der Lepra bekannt. Einige Wochen nach den unglücklichen Ereignissen stach er mit einem völlig anderen Ziel in See: er sollte die Kranken in einer weitläufigen Felsenhöhle im Mar de las Calmas im Süden der Insel aussetzen. Der einzige Zugang war vom Meer her, und einen Ausgang über Land gab es nicht, weder bei Flut noch bei Ebbe, denn der dunkle Eingang lag innerhalb schroff aufragender Steilwände.

Unter dem Vorwand einer Havarie – eine nochmalige Täuschung, die gut bezahlt wurde –, ließ Abel Caballero die Kranken in der Höhle aussteigen. Als er das Schiff für die Rückfahrt nach Rijalbo startklar machte und sich stolz wie ein Held fühlte, zerriss ihm ein gewaltiger Schuss, der nicht zu lokalisieren war – als ob es sich um die Entladung eines aus dem Nichts kommenden Donners handelte –, die Eingeweide und beförderte ihn ins Jenseits. Armer Mann! Das hätte man sehen müssen! Es geschah in einem einzigen Augenblick, blitzschnell. Einige Leprakranken konnten aber noch mit erschrockenen Augen die weißlichen Därme und das hervorschießende Blut erkennen, bevor Abel als lebloses Bündel ins Meer stürzte. Die Sonne schien heiß an diesem furchtbaren Tag. Am liebsten hätten sie gedacht, es sei gar nichts passiert, so etwas war doch nicht möglich, mein Gott, so was konnte es gar nicht geben. Doch dann verstanden sie plötzlich, alle verstanden gleichzeitig den üblen Schachzug der Behörden. Jetzt erfüllte sich auch ihr Schicksal, und sie sahen, wie das Schiff, das sie hierhergebracht hatte, mit jeder Welle mehr in Not geriet, ohne Steuermann, ausgeliefert an die wilden Wellen, die es immer wieder gegen die Klippen der Steilküste warfen. Die Esperanza war schließlich nichts mehr als eine jämmerliche Handvoll Trümmer. Aber es blieb ihnen noch der Bruchteil einer Sekunde, um die erstaunten Augen des Leprahelden zu sehen, Abel Caballero, der sterbend verstehen wollte, was passiert war. Was bei einem so großartig entworfenen Plan schiefgelaufen war. Warum er an so einem glücklichen, einem so lichtdurchfluteten Tag sterben musste. Der Betrug, das Täuschungsmanöver, seine Rolle als Strohmann, all dies kam ihm nicht in den Sinn; auch dachte er nicht im Geringsten daran, dass er nicht zufällig für diesen Auftrag ausgesucht worden war. Was geschah, geschah wegen seiner Habgier. Denn Abel Caballero scheute, wenn es ums Geld ging, vor nichts zurück, gerade als ob es weder Moral noch Grundsätze gäbe, und das war bekannt. Das wussten alle, so war sein Ruf. Doch fragte sich Abel Caballero im Sterben, was nicht geklappt hatte, wo der Fehler lag, und noch als er ins Meer stürzte und mit den Wellen kämpfte, die ihn ertränken wollten, versuchte er, sein Gedärm zusammenzuhalten. Dumm und schwer von Kapee, bis zum Ende.

Nach dem Tod von Abel Caballero wurde es still. Dann aber überstürzten sich Schluchzen und Wehklagen. Während ein Schwarm Fische im offenen Bauch des Leprahelden in unbekannten Tiefen herumschwamm und in den Eingeweiden des Ertrunkenen schmatzte, sahen sich die Kranken überrascht und wie gelähmt an und fragten sich, was um alles in der Welt geschehen war. Der Schütze aber rannte atemlos bergauf, das Blut pochte in seinen Schläfen, und er war sicher, seinen Auftrag, es ging ja um Leben und Tod, erfüllt zu haben. Da oben lief er, Richtung ebenes Land. Trotz der Geschwindigkeit ist er leicht zu erkennen. Bis zu seinem Versteck rennt er und rennt, als ob er der Verfolgte wäre und seine hastenden Beine Angst hätten, doch Angst wovor? Er konnte nicht mit Bestimmtheit sagen, woher der Befehl gekommen war, Abel Caballero zu liquidieren. Natürlich nicht! So handhabt man eben bestimmte Angelegenheiten. Kaum war er in seiner Berghütte, wohin er sich nach der Jagd zurückzog, angekommen, hatte er den auf ein sorgfältig gefaltetes Papier geschriebenen Auftrag, der in einem Umschlag steckte, erhalten. Drei Schreibmaschinenzeilen mit doppeltem Abstand enthielten den unmissverständlichen Befehl, der durch eine schöne Summe, die der Sendung beilag, unterstrichen wurde. Denn er war ein guter Schütze, und außerdem wäre es sozusagen ein humanitärer Schuss, ein freundschaftlicher Dienst, fast ein Liebesbeweis, keineswegs Töten um des Tötens willen. Abel Caballero hatte aus reiner Dummheit nicht daran gedacht, dass auch er sich anstecken, dass auch er nach Überführung der Leprakranken nicht ins Dorf zurückkehren könnte. Niemand, der mit den Kranken Kontakt hatte, konnte ins Dorf zurück. Absolut niemand. Deshalb ließ der Jäger Mauro el Mocho es sich nicht zweimal sagen, sondern behielt das Geld und war doppelt stolz, denn jetzt war er der Held, wenn auch nur im Geheimen. Niemand mehr würde bei den Wetten auf den Dorffesten an seiner Treffsicherheit zweifeln. Niemand wird mich übertrumpfen, nicht einmal der Leibhaftige, so wahr ich Mauro el Mocho heiße. Ich bin einfach der Beste. Und am vereinbarten Tag suchte er ein gutes Versteck. Hoch oben auf dem Felskessel, in dessen Innerem die Kranken leben sollten, erschien hinter ein paar Büschen versteckt der Lauf seines Gewehrs. Er wartete geduldig und seiner Sache sicher, obwohl er vor Aufregung kaum Luft bekam – man tötet ja nicht alle Tage –, denn aus dieser kurzen Entfernung konnte jeder treffen, egal ob betrunken, blind oder nur zerstreut. Das Schiff erschien mit den vielen Kranken an Bord; es trugzu Ehren der ersten Braut des Eigentümers den Namen Esperanza. Welch ironischer Zufall! Die Aussätzigen gingen an Land. Der Morgen war strahlend hell, weshalb der Schuss sein Ziel nicht verfehlen konnte. Mauro el Mocho hatte keinerlei Gewissensbisse – er erwies der Inselgesellschaft ja nur einen kleinen Dienst, und die Bewohner von El Hierro, der Eiseninsel, galten schon als etwas merkwürdig, auch wenn sie selbst nicht aus Eisen waren. Nach allen Regeln der Kunst – besser kann man es nicht ausdrücken – betätigte er den Hahn und zielte auf Abel Caballeros Mitte. Diese genau auf den Magen gerichtete Ladung hätte nicht einmal ein Pferd überstanden. Finger am Hahn und Geld in der Tasche. Ein donnernder Schuss mit Knall und Schall und Widerhall. Sonst nichts.

4

I

ch kann verstehen, dass die Leute in echte Panik geraten, wenn sie diesen Zerfall beobachten. Mein Name ist Anselmo Viveiros, und ich kann verstehen, dass die Leute sich richtig ekeln, wenn sie die zerfetzte Haut sehen. Will man meinen Namen wissen – das dürfte zumindest bei den Neugierigen der Fall sein –, habe ich zu antworten, dass mein Vater Portugiese war, und damit dürfte die Sache klar sein. Darüber hinaus kann ich erwähnen, sollte man bezüglich meines Berufes insistieren, dass ich mit meinen vierzig Jahren immer noch nicht auf ein geordnetes Leben zurückblicken kann. Die Zufälle meines Schicksals, sollte es solche geben, hielten so manche Kapriole für mich bereit. Ich habe an so vielen Orten der Welt gelebt, dass ich außerstande bin, sie aufzuzählen. Ich habe so viele verschiedene Berufe ausgeübt, dass ich nie richtig wusste, für welchen ich denn geboren war. Schließlich bin ich mit meinen armen Knochen auf dieser verlorenen Insel im Atlantik gelandet, denn auf dem Handelsschiff, auf dem ich als blinder Passagier in Richtung Río de Janeiro unterwegs war, entdeckte man mich genau in dem Moment, als ich versuchte, meine Därme in einem Winkel des Frachtraums zu entleeren. Ich befand mich in einem Moment völliger Verzweiflung, weil meine ausgehungerten Eingeweide revoltierten. So was geht vorbei. Letztendlich überließen sie mich hier meinem Schicksal. Sie waren nämlich in Cádiz aufgebrochen, und auf der Höhe der Überfahrt, als mein Bauch rebellierte, war dies hier das nächstgelegene feste Land. Nicht einmal eine kleine Änderung der vorgeschriebenen Route war nötig. Nach allem hätte es schlimmer kommen können. Denn es war dem Kapitän bestimmt mehr als ein Mal durch den Kopf gegangen, mich ins Meer zu werfen, das mit seiner blauen Großzügigkeit ein Leben in Empfang genommen hätte, das nur mir etwas bedeutete. Der Kapitän war übrigens ein Deutscher, mehr als zwei Meter groß.

Und auf dieser versengten Vulkaninsel lebe ich nun bereits ein paar Jährchen, allen Voraussagen zum Trotz. Vielleicht schon drei Jahre. Ich weiß nicht genau, es könnten auch vier sein. Hier verläuft die Zeit nach einer anderen Uhr, gerade als ob sie stillstünde und nicht zählte, sie zerrinnt einem zwischen den Fingern. Wie Wasser. Wie das eigene Leben. Ich habe mir jetzt vorgenommen, diese Episode meines Lebens aufzuschreiben und zwar nicht aus einer vorübergehenden literarischen Verirrung heraus – ich könnte schwören, dass mir nichts fernerliegt als Bücher –, sondern weil ich meine Erfahrungen als Leprakrankenpfleger festhalten möchte. Auch um ein wenig die Zeit totzuschlagen, denn zwischen diesen vier Wänden hier ist sie schwer wie Blei. Ich fürchte, dass ich meine Tage in dieser Zelle beenden werde. Das sagte jedenfalls der Richter, als ich mein menschenfreundliches Handeln eingestand, aber man kann nie wissen. Ich habe schon so viele Schlenker erlebt, dass ich nicht im Geringsten erstaunt wäre, wenn das Leben noch eine Überraschung für mich bereithielte. Fast bin ich an plötzliche Kehrtwenden gewöhnt; wie oft bläst der Wind uns ins Gesicht und lässt uns zur Wetterfahne werden. Leben geschieht, und niemand kann sagen, woraus ich gemacht bin oder woher ich komme. Vor mir habe ich ein altes Schreibheft, das viel Platz für Buchstaben bietet und, wie ich glaube, meine letzten Worte, meinen letzten Willen beinhalten wird.

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E

s hätte schlimmer kommen können.