Nie wieder Essanfälle - Kathryn Hansen - E-Book

Nie wieder Essanfälle E-Book

Kathryn Hansen

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Beschreibung

Nie wieder Essanfälle ist ein außergewöhnlicher Bericht, der – wissenschaftlich fundiert – Perspektiven auf einen neuen therapeutischen Ansatz bei Bulimie und anderen Essstörungen eröffnet. Jahrelang gaben Essanfälle und Erbrechen den Rhythmus im Leben von Kathryn Hansen vor. Nach zahlreichen gescheiterten Therapien entschloss sich die Autorin, die Bulimie ohne fremde Hilfe zu besiegen. Ihr war klar geworden, dass unkontrolliertes Essen kein Ersatzproblem, sondern das eigentliche Problem war, und sie begann, ihre Energie auf ihr ungesundes Essverhalten zu fokussieren. Wenn Heißhunger sich zurückmeldete, brachte Hansen ihre mentale Stärke fast sportlich in Stellung. Ziel war es, das instinktive Bedürfnis, sich hemmungslos vollzustopfen, einfach nicht zuzulassen, ihm keinerlei Aufmerksamkeit zu schenken. Indem die Autorin sich quasi jenseits ihrer Essstörung neu aufstellte, konnte sie schnell und dauerhaft genesen. Nie wieder Essanfälle ist getragen von der inspirierenden Idee einer starken und positiven Persönlichkeit. Abgesichert durch aktuelle Studien skizziert Kathryn Hansen einen ungewöhnlichen Weg, der bereits vielen Betroffenen wieder zu einem selbstbestimmten Leben verholfen hat. ”Dieses Buch ist ein absolutes Muss für jeden, der an Bulimie oder Binge Eating Störung leidet. Kathryn Hansen erklärt die im Bewusstsein verankerten Muster für solche Essgewohnheiten mit beeindruckender Klarheit. Dieses bahnbrechende Buch ist die Basis meiner professionellen Arbeit mit Menschen mit Binge Eating Störung, und ich habe unzählige Männer und Frauen erlebt, die völlig gesund wurden, nachdem sie den Ansatz einmal verstanden hatten.“ – Dr. Amy Johnson, Psychologin

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KATHRYN HANSEN

Nie wieder Essanfälle

Wie ich meine Bulimie durch die Veränderung meines Denkens erfolgreich selbst geheilt habe

Kathryn Hansen

Nie wieder Essanfälle – Wie ich meine Bulimie durch die Veränderung meines Denkens erfolgreich selbst geheilt habe

1. deutsche Auflage 2019

ISBN: 978-3-96257-090-3

© 2019, Narayana Verlag GmbH

Titel der Originalausgabe:

Brain over Binge

Why I Was Bulimic, Why Conventional Therapy Didn’t Work, and How I Recovered for Good

© 2011 by Kathryn Hansen

This translation published by arrangement with Columbine Communications & Publications, Walnut Creek, California USA

Übersetzung aus dem Englischen: Bärbel und Velten Arnold

Coverlayout: Marie-Katharina Wölk

Coverabbildung: © GarryKillian – Bigstockphoto.com

Herausgeber:

Unimedica im Narayana Verlag GmbH,

Blumenplatz 2, 79400 Kandern

Tel.: +49 7626 974 970-0

E-Mail: [email protected]

www.unimedica.de

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Dieses Buch ist für die 19 Jahre alte Bulimikerin, die am Ende ihrer Hoffnung war, die sich aber schwor, eines Tages ihr Problem zu lösen und dann darüber zu schreiben.

Diese Bulimikerin war ich vor zehn Jahren.

Deshalb widme ich Nie wieder Essanfälle – Wie ich meine Bulimie durch die Veränderung meines Denkens erfolgreich selbst geheilt habe meinem früheren Ich und all denen, die sich vom Binge Eating befreien wollen.

INHALT

Vorwort

Ein Hinweis an den Leser

Einführung

TEIL I Meine Bulimie und meine Genesung

1 Ein typischer Essanfall

2 Ein typischer Kompensationstag

3 Entscheidungen und die Folgen

4 Einführung in die Therapie

5 Mein erster Essanfall

6 Einwilligung in die Therapie

7 Topamax als Rettung

8 Einige Dinge ändern sich, andere bleiben gleich

9 Ein neues Buch und neue Hoffnung

10 Meine zwei Gehirne

11 Ich hatte die ganze Zeit die Kontrolle

12 Dem Verlangen widerstehen

13 Das Ende meiner Bulimie

TEIL II Neudefinition meiner Bulimie und Erklärung meiner Genesung

14 Erforschung der wahren Geschichte hinter meiner Bulimie und meiner Genesung

15 War ich wirklich geheilt?

16 Warum erlag ich Essanfällen?

17 Was verursachte das erste Mal mein Verlangen, mich einem Essanfall hinzugeben?

18 Warum habe ich eine Diät gemacht, und warum war das so ein Problem für mich?

19 Warum hatte ich weiterhin das Verlangen, mich vollzustopfen?

Grund 1: Hartnäckigkeit des Überlebenstriebs

20 Warum hatte ich weiterhin das Verlangen, mich vollzustopfen?

Grund 2: Gewohnheit

21 Warum erlag ich dem Verlangen, mich Essanfällen hinzugeben?

22 Warum die Therapie bei mir nicht funktionierte

23 Noch einmal zur Genesung: Wie ich es geschafft habe

24 Das Gehirn ist stärker als das Verlangen, Schritt 1:

Sieh das Verlangen, dich einem Essanfall hinzugeben, als Resultat neurologischen Mülls

25 Das Gehirn ist stärker als das Verlangen, Schritt 2:

Trenne das am höchsten entwickelte menschliche Gehirn von dem Verlangen, dich vollzustopfen

26 Das Gehirn ist stärker als das Verlangen, Schritt 3:

Höre auf, auf dein Verlangen zu reagieren

27 Das Gehirn ist stärker als das Verlangen, Schritt 4:

Höre auf, Handlungen folgen zu lassen, wenn dein Verlangen in dir aufstieg.

28 Nie wieder Essanfälle, Schritt 5: Freu dich

29 Kann es zu einem Rückfall kommen?

30 Wo ich heute stehe

TEIL III Therapiekonzepte neu durchdacht

31 Normales Essen

32 Körperwahrnehmung, Gewicht und Diäten

33 Geringes Selbstwertgefühl

34 „Das Leben bewältigen“

35 Auslöser

36 Kompensationsverhalten

37 Koexistierende Probleme

38 Medikation

39 Prävention

40 Brücken zur konventionellen Therapie

40 Fazit

Danksagungen

Literaturverzeichnis

Die Autorin

VORWORT

„Bei einer Essstörung geht es nicht einfach nur um Ernährung und Gewicht, sie kann auch dazu dienen, mit anderen Problemen klarzukommen, die man in seinem Leben hat.“1

Im November 2007, zweieinhalb Jahre nach meiner Genesung von der Bulimie, suchte ich meinen Arzt auf, weil ich unter Magenbeschwerden litt. Ich erzählte ihm von meiner zurückliegenden Essstörung, weil ich dachte, dass jahrelange Essanfälle möglicherweise meinem Verdauungssystem geschadet haben könnten. Obwohl ich klarstellte, dass ich seit Langem keine Essattacken mehr gehabt hatte und nicht mehr unter Bulimie litt, fragte er mich: „Glauben Sie, dass Sie Ihre Essstörung …“ Er zögerte, deshalb beendete ich den Satz für ihn: „… überwunden haben?“ Dann beantwortete ich die Frage mit einem einfachen „Ja“.

„Das ist ja großartig“, sagte er. „Ich nehme an, dass Sie Hilfe in Anspruch genommen haben.“

„Ja, ich habe eine Therapie gemacht, aber dann ist mir klargeworden, dass sie nur eine Art Gewohnheit war, und ich habe sie einfach abgelegt.“

Ein Ausdruck von Interesse oder vielleicht auch Zweifel huschte über sein Gesicht. „Nun ja“, sagte er, „ich bin sicher, dass Ihre Bulimie irgendein Bedürfnis befriedigt hat.“

Ein Bedürfnis befriedigt. Die Worte hallten in mir nach, und ich hatte auf einmal das Gefühl, wieder in der Praxis eines Therapeuten zu sitzen.

Ich versuchte zu jener Zeit, dieses Buch zu schreiben, kam aber nicht recht voran. An jenem Tag fand ich neue Motivation. Die Bemerkung meines Arztes machte mir bewusst, dass es im Hinblick darauf, wie Bulimie gesehen wird, ein großes Problem gibt, und das betrifft nicht nur die Therapeuten und die Patienten, sondern die ganze Gesellschaft.

Heutzutage werden Essstörungen in erster Linie für Symptome psychischer Probleme gehalten, denen zum Beispiel Depressionen, Angst, ein schwaches Selbstwertgefühl oder familiäre Probleme zugrunde liegen. Essstörungsexperten behaupten, dass das destruktive Essverhalten Ausdruck einer inneren emotionalen Krise sei, so wie Fieber ein Indikator für eine Infektion ist.2 Demnach bedient sich ein Mensch, der von diesem Leiden betroffen ist, der Essstörung als eines Mechanismus zur Bewältigung von Problemen oder Gefühlen, mit denen er nicht klarkommt. Insofern werden Essstörungen als etwas angesehen, mithilfe dessen die davon betroffenen Menschen ein wichtiges Bedürfnis in ihrem Leben befriedigen oder einen wichtigen Mangel ausgleichen – ein Bedürfnis, das weit über ein rein physisches Bedürfnis hinausgeht. Deshalb hört man so häufig, dass es bei Essstörungen nicht ums Essen geht.

Ich glaube, dass die weitverbreitete Meinung, Bulimie als ein komplexes Problem anzusehen, das den Betroffenen dabei hilft, irgendein emotionales Bedürfnis zu befriedigen, im besten Fall eine Hypothese ist, die auf wackligen Beinen steht. Und in der Praxis kann diese Hypothese für Menschen, die jeden Tag von dem permanenten Verlangen getrieben werden, sich mit Essen vollzustopfen und ihre Essanfälle anschließend zu kompensieren, sogar schädlich sein.

Eine Bulimikerin begibt sich normalerweise in eine Therapie, weil sie dem Drang nicht widerstehen kann, jede Menge Essen in sich hineinzustopfen. Doch im Rahmen ihrer Therapie erfährt sie dann, dass das Essen in Wahrheit gar nicht ihr Problem ist, sondern dass das Problem in ihrer Persönlichkeit zu finden ist, in ihrer Unfähigkeit, mit ihrem Leben fertigzuwerden, in ihrer Kindheit und/oder ihren Partnerbeziehungen. Kurz: Sie erfährt, dass sie psychisch krank ist. Niemand sagt ihr, wie sie ihr Verhalten, das sie so dringend ändern will, ändern kann. Sie erhält keine spezifische Anweisung, keine konkrete Behandlungsanleitung, wie sie sich von ihrem Leiden befreien kann. Niemand sagt ihr, dass es in ihrer eigenen Macht steht, mit dem Binge Eating aufzuhören, wann immer sie will. Stattdessen erfährt sie, dass sie keine große Kontrolle über ihr Verhalten hat – zumindest nicht, bis sie die emotionalen Probleme angeht, die ihrer Essstörung zugrunde liegen.

Also begibt sich die Bulimikerin auf eine Reise der Selbstentdeckung und hofft, ein paar Antworten darauf zu finden, warum sie unter diesen unglaublichen Essanfällen und ihrem anschließenden zwanghaften Kompensationsverhalten leidet und wie diese Essanfälle verschwinden, wenn sie etwas in ihrem Leben verändert, alte Wunden heilt oder neue Beziehungen aufbaut. Sie lernt, mit Depressionen umzugehen, Ängste abzubauen und ein gesundes Selbstwertgefühl zu entwickeln. Sie arbeitet an ihrer Ernährungsweise, bekämpft ihren Perfektionismus und lernt, mit den Ereignissen und Gefühlen klarzukommen, die ihre Essanfälle angeblich auslösen. Sie versucht herauszufinden, welchem Zweck die Bulimie in ihrem Leben dient. Doch während sie all das tut, leidet sie weiter unter ihren Essanfällen und ihrem zwanghaften Kompensationsverhalten.

Genauso erging es mir sechs Jahre lang. Nach anfänglichem Zögern hatte ich mich schließlich auf eine Therapie eingelassen. Ich habe mich auf die Idee eingelassen, dass es bei meiner Bulimie um mehr geht als nur ums Essen. Ich habe mich auf die Idee eingelassen, dass ich meine Essstörung benutzt habe, um mit meinem Leben klarzukommen. Ich habe mich auf die Idee eingelassen, dass ich krank bin, dass ich professionelle Hilfe brauche, um wieder gesund zu werden, dass ich die Ursache meines Problems angehen muss, um die Bulimie zu überwinden. Ich habe alles getan, was im Rahmen der Therapie von mir verlangt wurde, und als das nicht geholfen hat, habe ich andere Therapeuten aufgesucht, die jeweils eine leicht andere Herangehensweise an die Therapie hatten. Doch all das führte immer zum gleichen Ergebnis: Ich blieb eine Bulimikerin.

Ich mache meinen Therapeuten keine Vorwürfe, denn sie haben ja alle nur versucht, mir zu helfen, und sie waren immer einfühlsam und haben mich unterstützt. Aber die Therapie hat mich einfach nicht in die Lage versetzt, mit dem Binge Eating aufzuhören, und es gibt jede Menge Bulimikerinnen, die die gleiche Erfahrung gemacht haben wie ich. In der verfügbaren Literatur findet sich zwar ein breites Spektrum über erfolgreiche Behandlungen von Bulimie, aber die gängigen Therapien sind weit davon entfernt, jeden Betroffenen heilen zu können. Aufgrund von Problemen, die die Forschung betreffen, besteht kein Konsens im Hinblick auf exakte Erfolgsquoten. Das liegt unter anderem an der beschränkten Zahl vorliegender Studien, Mängeln des Studiendesigns, unterschiedlichen Definitionen von Essstörungen und Erfolgen bei deren Heilung, unterschiedlichen Behandlungsarten und dem Rückzug von teilnehmenden Patienten von einzelnen Studien.3 Doch auf jeden Fall sind die Erfolgsquoten bei der Heilung von Bulimie nicht ermutigend, und „wir müssen noch viel lernen, um wirklich effektive Methoden für die Behandlung von Essstörungen anbieten zu können“.4

Eine Studie ergab, dass 50 Prozent der Bulimikerinnen nach der Behandlung weiterhin unter Ess-Brech-Attacken litten und diese nur zeitweise nachließen, 20 Prozent der Teilnehmerinnen der Studie blieben symptomatisch.“5 Eine andere Studie ergab, dass ein Drittel der an der Studie teilnehmenden Frauen drei Jahre nach der Behandlung jeden Tag unter Essanfällen litt, ein Drittel seltener als einmal im Monat, und ein weiteres Drittel lag irgendwo dazwischen.“6 Selbst die Methode, die zur Behandlung von Bulimie als die erfolgreichste gilt – die kognitive Verhaltenstherapie –, führt nur bei 30 bis 50 Prozent der Betroffenen zu einer dauerhaften Heilung.7

Diese Zahlen zeigen, dass eine Therapie durchaus einigen Bulimikerinnen helfen kann, aber bei Weitem nicht allen. Deshalb sind Alternativen erforderlich. Nach dem Gespräch mit meinem Arzt an jenem Novembertag verspürte ich einen starken Drang, eine Alternative zur Verfügung zu stellen. Mir wurde bewusst, dass die Ansicht, bei Bulimie handele es sich um eine Art Mechanismus, um mit dem Leben klarzukommen, in unserer Gesellschaft so verbreitet ist, dass diese Hypothese selbst von Leuten als Tatsache akzeptiert wird, die nicht der Gemeinschaft der Bulimie-Therapeuten angehören, wie mein Arzt. Ich kam zu dem Schluss, dass unbedingt eine neue Stimme auf den Plan treten musste – eine Stimme, die diese orthodoxe Ansicht herausfordert und zu denjenigen gelangt, denen mit diesem Ansatz, Bulimie zu verstehen und zu behandeln, nicht geholfen werden kann. Außerdem wollte ich all jenen Hoffnung machen, die sich überhaupt keiner Therapie unterziehen, denn neun von zehn Betroffenen erhalten gar keine Behandlung, um von ihrer Essstörung geheilt zu werden.8

Ein Bedürfnis befriedigt. Ich dachte immer wieder über diese Worte nach und versuchte herauszufinden, warum diese einfache und unbedachte Bemerkung meines Arztes mir nicht mehr aus dem Kopf ging. Ich rief mir meine eigene Erfahrung in Erinnerung und dachte daran, wie die Experten mich dahin geführt hatten zu glauben, dass ich mich, indem ich mich mit Essen vollstopfte, meiner Essattacken bediente, um mit meinen Problemen klarzukommen, Gefühle zu unterdrücken oder komplexere psychische Bedürfnisse zu befriedigen.

Dann dachte ich darüber nach, wie ich mich verändert hatte, als ich erst einmal beschlossen hatte, meine Essstörung anders zu sehen: als ich aufgehört habe zu glauben, dass ich mich aus tiefer liegenden Gründen meinen Essanfällen hingebe und mein Problem stattdessen auf vollkommen andere Weise angegangen bin. Ich habe einen anderen Weg der Heilung entdeckt, einen einfachen und schnellen Weg, meine Bulimie zu überwinden – ohne Therapie. Meine Essanfälle sind vollkommen verschwunden, und ich habe seit Jahren nicht mehr den Wunsch verspürt, mich vollzustopfen. Ich bin davon überzeugt, dass mein Risiko, rückfällig zu werden, gleich null ist, und das sogar während der stressigen Phasen meines Lebens. Ich habe meine Bulimie ein für alle Mal überwunden.

Als mein Kampf gegen die Bulimie meine ganze Kraft verzehrt hat, habe ich mir Folgendes geschworen: Wenn ich einen Weg finden sollte, der mich von diesem Leiden befreit, werde ich ein Buch schreiben, um anderen zu helfen, ebenfalls diesen Weg zu finden, um sich von diesem Leiden befreien zu können. Manchmal kann ich immer noch nicht glauben, dass ich dieses Buch geschrieben habe, weil die Heilung sich so anfühlte, als wäre sie nur vorübergehend und flüchtig. Doch ich bin wirklich und dauerhaft geheilt. Und jetzt möchte ich meine Geschichte anderen mitteilen, damit sie ihnen in ihrem eigenen Kampf mit ihrer eigenen Essstörung helfen möge. Ich möchte meine alternative Herangehensweise an diese Erkrankung vorstellen, motiviert von der Hoffnung, dass ich eine Stimme der Veränderung sein kann, eine Stimme für diejenigen, die frustriert sind, weil die Therapien versagt haben, oder die sich schlicht und einfach keine Therapie leisten können. Eine Stimme, die vielen Betroffenen helfen möge, der tagtäglichen Qual der Bulimie zu entrinnen.

Wenn du in dem Teufelskreis gefangen bist, von Essanfällen mit anschließendem Kompensationsverhalten oder Hungern heimgesucht zu werden, entwickelst du dich nicht richtig weiter und verpasst Momente, die du nie mehr nachholen kannst. Ich habe aufgrund meiner Essstörung wertvolle Jahre meines Lebens verloren und wünsche niemandem, das Gleiche durchmachen zu müssen. Ich bin hier, um dir zu sagen, dass du deine Essstörung sofort überwinden und dein Leben weiterleben kannst.

Vielleicht hat die herkömmliche Essstörungsbehandlung dir bisher nicht geholfen. Vielleicht haben die Ratgeber zur Selbsthilfe, die du gelesen hast, dich zwar inspiriert, aber nicht wirklich in die Lage versetzt, mit dem Binge Eating aufzuhören. Vielleicht hast du viele Wege ausprobiert, dein Leiden zu überwinden, die dich jedoch alle in eine Sackgasse geführt haben. Vielleicht bist du dir wie ich dessen bewusst geworden, dass es ein ganzes Leben lang dauert, den Menschen aus sich zu machen, der man sein will. Aber du wirst schnell begreifen, dass du nicht dein ganzes Leben lang Zeit hast, um deine Bulimie zu überwinden.

Natürlich wollen wir alle bessere Menschen sein als wir sind. Wir wollen würdevoll leben, uns selber mögen und der Erfüllung unserer Träume ungehindert nachgehen können. Doch all das ist für dich im Moment vielleicht unmöglich. Vielleicht kannst du nicht einmal daran denken, in anderen Bereichen deines Lebens aufzublühen, solange du dein drängendstes Problem nicht gelöst hast. Jene Sache, die dich bremst und an allem anderen hindert: deine destruktiven Essgewohnheiten.

Ich hoffe, meine persönliche Geschichte über die Überwindung meiner Essstörung macht einigen Menschen Mut und gibt ihnen die Hoffnung, dass sie geheilt werden können. Außerdem hoffe ich, dass meine praktischen Ratschläge vielen Bulimikerinnen ihr Leben zurückgeben. Zudem hoffe ich dazu beizutragen, dass einige Menschen ihre Meinung darüber ändern, was es mit der Bulimie auf sich hat – Leute wie mein Arzt und meine Therapeuten, die glauben, dass Bulimie ein Bedürfnis befriedigt. Wenn ich auch nur die Meinung eines einzigen Menschen über Bulimie ändern, einem Menschen Hoffnung machen oder das Leben eines Menschen retten kann, bin ich schon zufrieden.

1 Deborah Marcontell Michel, Susan G. Willard: When Dieting Becomes Dangerous, S. 54

2 Deborah Marcontell Michel, Susan G. Willard: When Dieting Becomes Dangerous, S. 30

3 Deborah Marcontell Michel, Susan G. Willard: When Dieting Becomes Dangerous, S. 73-74

4 Walter H. Kaye: Eating Disorders

5 Loreta M. Medina: Bulimia, S. 45

6 Cynthia M. Bulik, Nadine Taylor: Runaway Eating, S. 57

7 B. Timothy Walsh, V. L. Cameron: If Your Adolescent Has an Eating Disorder, S. 84

8 Eating Disorders Coalition: Facts About Eating Disorders

EIN HINWEIS AN DEN LESER

Es gibt ein paar wichtige Dinge, die man wissen sollte, bevor man dieses Buch liest. Erstens und vor allem: Dieses Buch erzählt die persönliche Geschichte einer Heilung, es ist kein Ersatz für medizinischen Rat oder den Rat eines Ernährungsberaters. Essanfälle und zwanghaftes Kompensationsverhalten können ernsthafte gesundheitliche Folgen haben, insbesondere für Betroffene, die sich nach ihren Essanfällen häufig zum Erbrechen bringen. Wenn du unter besorgniserregenden Symptomen leidest, such bitte umgehend einen Arzt auf. Ich bin zwar mit vielen Aspekten der herkömmlichen Therapien, mit denen Essstörungen behandelt werden, nicht einverstanden, glaube aber dennoch, dass medizinische Begleitung und Kontrolle und Unterstützung durch Ernährungsexperten für einige Betroffene unerlässlich sind.

Wenn du momentan unterernährt und untergewichtig bist, musst du deine Kalorienaufnahme und dein Körpergewicht auf Normalniveau erhöhen, um bei der Überwindung deiner Essstörung erfolgreich sein zu können. Die Folgen einer Unterernährung können die Hirnfunktion derart beeinträchtigen, dass die Fähigkeit eingeschränkt ist, vernünftige Entscheidungen treffen zu können. Ebenso bedarf jede andere Störung, die das Urteilsvermögen beeinträchtigt, sofortiger professioneller Hilfe. Einige Beispiele für solche Beeinträchtigungen können sein: Drogen- oder Alkoholmissbrauch, lähmende Angstzustände oder Depressionen und schwere Persönlichkeitsstörungen.

Du solltest auch wissen, dass dieses Buch für Betroffene bestimmt ist, die ihre Essstörung überwinden wollen. Das bedeutet nicht, dass du in jedem Moment den unerschütterlichen Wunsch verspüren musst, geheilt werden zu wollen, aber in einem gewissen Maß musst du das Beste für dich selbst wollen. Dieses Buch ist nicht für jemanden gedacht, der nicht einsieht, warum er mit dem Binge Eating aufhören sollte. Es ist auch nicht für jemanden gedacht, der aufgrund eines Traumas oder ausgeprägten Selbsthasses damit fortfahren will, sich selbst zu zerstören. Oder für jemanden, der von Selbstmordgedanken oder -tendenzen befallen ist. Menschen, die ihre Essstörung nicht überwinden wollen oder keinen Lebenswillen haben, brauchen intensivere Betreuung und Hilfe.

Junge Erwachsene stellen eine weitere besondere Gruppe dar, die einer speziellen Betrachtung bedarf. Da Teile ihres Gehirns, die für die Selbstkontrolle zuständig sind, noch nicht vollständig entwickelt sind, ist die Fähigkeit, bewusste Entscheidungen zu treffen, bei jungen Menschen, die um die zwanzig und jünger sind, begrenzt. Junge Leute sind durchaus in der Lage, die Veränderungen in ihrer Lebensweise vorzunehmen, die erforderlich sind, um eine Heilung zu erreichen, aber sie bedürfen vielleicht einer intensiveren Anleitung und Unterstützung. Wenn du die Mutter oder der Vater eines Teenagers oder eines noch jüngeren Kindes bist, das unter einer Essstörung leidet, und du ihr oder ihm dabei helfen willst, diese zu überwinden, ermuntere ich dich dringend, einen Arzt, Therapeuten oder Ernährungsberater aufzusuchen, der bereit ist, dein Kind zu betreuen und der dir dabei hilft, unter Anwendung der in diesem Buch vorgestellten Herangehensweise die Unterstützung zu finden, die es benötigt.

Die in diesem Buch angebotene Herangehensweise unterscheidet sich zwar von traditionellen therapeutischen Methoden, das bedeutet jedoch nicht, dass sie mit anderen Wegen unvereinbar ist, die ebenfalls zu einer Heilung führen können. Verschiedene Ansätze funktionieren bei unterschiedlichen Menschen auf unterschiedliche Weise. Dieses Buch ist keine allumfassende Quelle, die jeden Aspekt der Überwindung einer Essstörung erschöpfend behandelt. Vielmehr bietet es eine einfache Herangehensweise an das Problem und dürfte für viele Betroffene als eine neue, erlösende Möglichkeit empfunden werden, die Dinge zu sehen, als ein Weg, der direkt zur Heilung führt. Wenn du das Buch liest, ruf dir immer wieder in Erinnerung, dass dein Heilungsprozess nicht genauso verlaufen wird wie meiner verlaufen ist oder wie der von irgendjemand anderem. Vielleicht überwindest du deine Essstörung schnell, vielleicht siehst du die eintretenden Veränderungen auch nur nach und nach, aber beides ist in Ordnung.

Der Einfachheit halber habe ich in dem gesamten Buch die Begriffe Therapie oder Behandlung verwendet und beziehe mich damit auf die Gesamtheit aller Behandlungen, die ich gegen meine Essstörung erhalten habe. Außerdem verwende ich den Begriff meine Therapeuten und beziehe mich damit auf alle Experten, die mich im Laufe der Jahre behandelt haben. Während meiner Studienzeit haben mich drei psychologische Berater, zwei Psychologen, drei Ernährungsberater, ein Psychiater und ein Allgemeinmediziner wegen meiner Bulimie behandelt. Außerdem habe ich begierig alles gelesen, bei dem es in irgendeiner Weise um Essstörungen ging. Indem ich informative Bücher, Ratgeber zur Selbsthilfe und alle möglichen Quellen im Internet konsultiert habe, habe ich sehr viele Ratschläge von Essstörungsexperten erhalten. Natürlich erinnere ich mich nicht mehr daran, woher genau welche spezielle Information stammt. Wenn ich also zum Beispiel sage „mein Therapeut hat mir gesagt“ oder „das habe ich während meiner Therapie gelernt“, ist es möglich, dass der von mir zitierte Ratschlag in Wahrheit einem Ratgeber zur Selbsthilfe entstammt oder einer anderen kundigen Quelle. Wenn ich spezielle Therapeuten nenne, habe ich sie mit fiktiven Namen versehen.

EINFÜHRUNG

All die Geschichten, die ich über Menschen gelesen habe, die die Bulimie überwunden haben, lassen sich in zwei Typen unterteilen. Meine Geschichte gehört zu keinem dieser beiden Typen.

Den ersten Typ nenne ich die „Schmetterlingsgeschichte“. Sie geht in etwa so: Die Bulimikerin – die Raupe in der Geschichte – ist unglücklich. Ihre Beziehungen erfüllen sie nicht, sie neigt zu Depressionen und Pessimismus, ihr Leben hat keine wirkliche Richtung und kein Ziel, sie leidet unter ihrem bisherigen Leben und schafft es nicht, darüber hinwegzukommen, und sie mag sich selber nicht. Sie wird von Essattacken heimgesucht und kompensiert diese anschließend, indem sie sich erbricht, Abführmittel nimmt oder intensiv Sport treibt, angeblich, um mit ihrem Elend klarzukommen, aber das führt nur dazu, dass es ihr noch schlechter geht.

Dann beginnt sie mit dem Genesungsprozess – sie begibt sich sozusagen in den Kokon –, arbeitet daran, die Probleme aus ihrer Vergangenheit zu bewältigen, lernt, mit den Problemen ihres Alltags und den größeren Stressfaktoren fertigzuwerden, ihre Gefühle und Emotionen in den Griff zu bekommen und findet schließlich Frieden mit sich selbst.

Der Genesungsprozess ist nicht angenehm. Er ist ein Stück harte Arbeit, und die Transformation im Inneren des Kokons kann extrem lange dauern. Aber wenn die Bulimikerin diesen Prozess irgendwann beendet hat, ist sie ein komplett veränderter Mensch – eben der Schmetterling der Geschichte. Sie ist glücklicher und lebt ein erfüllteres Leben. Sie hört auf ihre Gefühle und hat befriedigende Beziehungen. Sie hat mit ihrer Vergangenheit Frieden geschlossen und ist in der Lage, ihr Leben in der Gegenwart zu genießen. Ihre Ziele, die sie sich für die Zukunft vorgenommen hat, werden schnell Realität. Als Ergebnis ihrer Transformation muss sie nicht länger an ihrer Essstörung festhalten. Sie ist ein voll entwickelter Schmetterling und kann wegfliegen.

Den zweiten Typ Genesungsgeschichte nenne ich „die Geschichte eines gezähmten Haustiers“, und sie geht in etwa so: Die Bulimikerin – das ungezähmte Tier in der Geschichte – führt ein selbstzerstörerisches, gefährliches Leben. Sie wird von Essattacken heimgesucht und kompensiert diese anschließend. Indem sie dies tut, isoliert sie sich, kämpft sich durch jeden Tag und fühlt sich nie frei von ihrer Bulimie.

Dann beginnt sie mit dem Genesungsprozess und fängt an, ihr gestörtes Essverhalten zu zähmen. Nach intensivem Training, ausgiebigen Praxisübungen und viel Aufmerksamkeit und Geduld von ihren Therapeuten und den Mitgliedern ihres Unterstützernetzwerks lernt sie, ihre Essanfälle und das anschließende Kompensationsverhalten zu reduzieren. Es kann sogar sein, dass sie es nach einem langen und schwierigen Genesungsprozess schafft, ihre Essstörung komplett zu überwinden.

Dieser Typ einer genesenen Bulimikerin gleicht einem wilden Tier, das zu jemandem mit nach Hause genommen wird, dort mit sehr viel Aufmerksamkeit und Fürsorge intensiv und sorgfältig trainiert wird und schließlich lernt, ein neues, besseres Leben zu führen. Doch auch wenn das Haustier lernt, sich meistens korrekt zu verhalten, behält es seine ungezähmten Instinkte in einem gewissen Maß, und die Besitzer können sich nicht in allen Situationen hundertprozentig auf das Haustier verlassen.

Bei diesem Typ der Genesung wird ein gelegentlicher Essanfall entschuldigt, so, wie man über ein gelegentliches unangemessenes Verhalten eines Haustiers hinwegsieht. Die Bulimikerin wird hin und wieder rückfällig, bekommt sich aber anschließend wieder in den Griff. Sie begreift ihre Rückfälle als Lernerfahrungen oder als Hinweise darauf, dass etwas anderes in ihrem Leben Aufmerksamkeit benötigt. Wenn diese Rückfälle eintreten, sucht die Bulimikerin Hilfe und versucht, das emotionale Problem zu bewältigen, das ihrem erneuten Essanfall ihrer Meinung nach zugrunde liegt. Auf diese Weise lernt sie ein paar neue Dinge, um Essanfälle in der Zukunft zu vermeiden.

Dieser Typ einer genesenen Bulimikerin bekommt seine Essstörung mit der Zeit ziemlich gut in den Griff. Die Bulimikerin kann sich allerdings nie absolut in Sicherheit wiegen, ihr Problem endgültig überwunden zu haben. Sie muss jeden Tag nehmen, wie er kommt. Wie der Besitzer eines gezähmten Haustiers dieses von allen Situationen fernhalten muss, die es in sein früheres Verhalten zurückfallen lassen, oder es daraufhin trainieren und abrichten muss, seinen Instinkten in solchen Situationen keinen freien Lauf zu lassen, muss die genesene Bulimikerin alles vermeiden, was bei ihr wieder einen Essanfall und die anschließende Kompensation auslösen könnte, oder sicherstellen, dass sie derartige potenzielle Auslöser bewältigen kann, ohne rückfällig zu werden. Sie muss ständig vor Gefühlen und Ereignissen in ihrem Leben auf der Hut sein, die die ungezähmte Seite in ihr – ihre Essanfälle und ihr anschließendes Kompensationsverhalten – wieder zum Vorschein bringen könnten. Diese Ereignisse und Gefühle werden in der Fachwelt, die sich mit Essstörungen befasst, und von den Betroffenen selbst als „Auslöser“ bezeichnet. Die genesene Bulimikerin muss sich fortwährend mit den Problemen aus ihrer Vergangenheit beschäftigen, sicherstellen, dass ihre emotionalen Bedürfnisse befriedigt werden und darauf achten, das Richtige und dieses in der passenden Menge zu essen, um das Auslösen eines Rückfalls zu vermeiden.

Die verbesserte Lebensqualität der genesenen „Gezähmten-Haustier“-Bulimikerin ist unbestreitbar eine gewaltige Verbesserung im Vergleich zu der täglichen Qual der Essattacken und der anschließenden Kompensation, so, wie auch das gezähmte Haustier zweifellos besser dasteht als zu der Zeit, als es noch auf sich allein gestellt war. Doch es ist für die Bulimikerin nicht mühelos, ihre Essstörung im Griff zu behalten, es erfordert permanente Anstrengungen, rückfallfrei zu bleiben.

Als ich in den Tiefen meiner Bulimie gefangen war, ergab keine dieser Geschichten für mich einen Sinn. Schmetterlingsgeschichten mögen rühmenswert und inspirierend sein, und es gibt sie zweifellos. Aber während der sechs Jahre, in denen ich versucht habe, meine Essstörung zu überwinden, habe ich festgestellt, dass ich mit der Idee einer langen Reise in ein reiches, erfülltes Leben nichts anfangen konnte, solange ich gleichzeitig tagtäglich von meinem unbändigen, unaufhörlichen Verlangen heimgesucht wurde, mich mit Essen vollzustopfen. Mein Scheitern, mich in einen Schmetterling zu verwandeln, ist nicht auf mangelnde Anstrengungen zurückzuführen. Natürlich wollte ich glücklich werden und ein erfülltes Leben haben. Aber das gelang mir nicht, und schon gar nicht, solange ich weiterhin Tausende von Kalorien in mich hineinstopfte und bis zur Erschöpfung Sport trieb, um den Schaden, den ich meinem Körper zugefügt hatte, wiedergutzumachen.

Ganz egal, welche Probleme aus meiner Vergangenheit ich auch aufdeckte oder in meinem gegenwärtigen Dasein löste, ganz egal, was ich mir für meine Zukunft ausmalte, mein Verlangen, mich vollzustopfen, verzehrte mich trotzdem nach wie vor. Mir wuchsen keine Schmetterlingsflügel, es bildeten sich keine leuchtenden Farben heraus. Egal, wie gut ich es auch schaffte, mit meinen Emotionen, Gefühlen, Konflikten und Problemen klarzukommen, ich gab mich meinem Verlangen immer wieder hin. Mit der Zeit sah ich, wie die Jahre, die eigentlich die besten meines Lebens hätten sein sollen, schnell vergingen. Dann wurde mir allmählich eines klar: Wenn ich darauf warten würde, ein Schmetterling zu werden, um mit dem Binge Eating aufhören zu können, würde ich womöglich ewig warten. Ich kam langsam zu dem Schluss, dass die „Gezähmte-Haustier“-Genesung meine einzige Chance war, ein halbwegs normales Leben zu führen.

Doch die Geschichten über eine Genesung nach dem Prinzip des gezähmten Haustiers sprachen mich in Wahrheit auch nicht mehr an als die Schmetterlingsgeschichten. Tatsächlich versprachen diese Geschichten, anders als die Schmetterlingsgeschichten, nicht einmal die komplette Freiheit von der Bulimie, weil die genesenen Bulimikerinnen auch nach der Überwindung ihrer Essstörung in einem hohen Maß auf Therapeuten und bestimmte Techniken und Methoden der Unterstützung angewiesen sind, um rückfallfrei zu bleiben. Ich hatte die Nase voll von Speiseplänen. Ich wollte nach meiner Genesung nicht Tag für Tag einen strikten Speiseplan befolgen müssen. Ich wollte nicht bis ans Ende meiner Tage zu Therapeuten und in Selbsthilfegruppen gehen müssen. Ich wollte nicht gezwungen sein, Tag für Tag immer wieder aufs Neue mit meiner Bulimie umgehen zu müssen – ich wollte sie komplett überwinden und absolut frei davon sein. Ich wollte eine Genesung, die bedeutet, dass ich absolut kein Verlangen mehr verspüre, mich einem Essanfall hinzugeben, nicht mehr ständig auf der Hut vor Auslösern sein muss und mich nie wieder mit Essen vollstopfe. Nie mehr.

Während ich dieses Buch schreibe, habe ich meine Essanfälle und jegliches Kompensationsverhalten vollständig überwunden. Ich leide an absolut keiner Essstörung mehr. Ich muss nicht auf der Hut vor Auslösern sein, ich muss keine Speisepläne befolgen und keine Therapie machen. Ich verspüre absolut kein Verlangen mehr, mich vollzustopfen, und es ist ausgeschlossen, dass ich rückfällig werde. Doch um zu genesen, musste ich mich keiner umfangreichen Selbstverwandlung unterziehen. Ich habe einen anderen Weg gefunden, um meine Bulimie zu überwinden. Mein täglicher Kampf mit dem Essen ist beendet. Die Qualen, die mir meine Sucht beschert hat, sind verschwunden. Das Elend jener Jahre des Binge Eatings ist vorbei. Die Erleichterung, die ich verspüre, weil ich meine Essstörung hinter mir gelassen habe, ist nicht in Worte zu fassen.

Meine Genesung war nicht typisch. Sie erforderte keine speziellen Diätpläne und auch keine emotionale Selbstfindung oder irgendeine spirituelle Erleuchtung. Sie war nicht das Resultat verminderter Ängste, gesteigerten Glücks, eines gestärkten Selbstwertgefühls, einer neuen Medikation oder irgendeiner größeren Veränderung in meinem Leben. Ich verdankte sie schlicht und einfach mir selbst, nachdem ich, gerüstet mit ein paar Erkenntnissen, endlich selber die Kontrolle über mein Verhalten übernommen habe.

Heute bin ich vielleicht nicht das perfekte, erfolgreiche, selbstbewusste, leuchtende Beispiel, das eine genesene Bulimikerin abgeben sollte – „eine lebenslustige Frau, die sich selber mag“ –, aber ich habe jeden Tag die Gelegenheit, ein richtiges Leben zu leben, mit all dem Leid und all den Freuden, die es mit sich bringt. Ich habe immer noch einige Fehler, Probleme und Schwächen, die mir zu schaffen gemacht haben, als ich Bulimikerin war. Aber ohne die Bulimie ist es unermesslich viel leichter, mit diesen Problemen umzugehen. Ich habe inzwischen eine eigene Familie und kann mich um sie und all die anderen Menschen, die mir etwas bedeuten, kümmern und für sie verfügbar sein, wenn es erforderlich ist. Ohne von meiner Bulimie verzehrt zu werden, kann ich besser die täglichen Herausforderungen in Angriff nehmen, denen ich mich gegenübersehe, auch wenn ich sie nicht immer perfekt meistere.

Ich hoffe, dass meine Geschichte anderen Bulimikerinnen einen neuen Weg weist – weg von den Mythen der Schmetterlingstheorie und den Beschränkungen der Theorie des gezähmten Haustiers, was die Genesung angeht, und hin zu einem alternativen Pfad zu einer sicheren und dauerhaften Überwindung der Essstörung. Ich bin fest davon überzeugt, dass wir die Bulimie zu jedem Zeitpunkt, den wir wählen, mit unseren eigenen Ressourcen bezwingen können.

Dieses Buch besteht aus drei Teilen. In Teil eins erzähle ich die Geschichte meiner eigenen Essstörung und meiner Genesung. Ich zeichne nach, wie meine Bulimie entstanden und im Laufe der Jahre immer schlimmer geworden ist. Ich berichte von meinen Erfahrungen mit erfolglosen Therapien und davon, wie ich meine Bulimie schließlich aus eigener Kraft bezwungen habe. In Teil zwei zeichne ich nach, wie ich versucht habe, herauszufinden, was es mit meiner Bulimie überhaupt auf sich hatte, und mir selber zu erklären, wie ich es geschafft habe, so schnell zu genesen und meine Essstörung ein für alle Mal zu überwinden. Die Antworten, die ich dabei fand, haben mich selber überrascht und wichen stark von dem ab, was ich während meiner Therapie gelernt habe. In Teil drei diskutiere ich Themen, die oft im Mittelpunkt meiner erfolglosen Therapie standen, wie zum Beispiel schwaches Selbstwertgefühl, eine schlechte Körperwahrnehmung, koexistierende Probleme oder die Frage, wie man sich auf normale Weise ernährt.

Ich wende mich mit diesem Buch vor allem an Bulimikerinnen und Betroffene, die unter einer Binge-Eating-Störung (BES) leiden. Doch jeder, der Phasen erlebt, in denen er von Essanfällen heimgesucht wird, kann von dem profitieren, was ich niedergeschrieben habe. Für diejenigen, die sich nicht sicher sind, ob sie in diese Kategorie fallen, hier die Definition von Binge Eating laut dem Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders (DSM), dem von der American Psychiatric Association herausgegebenen Leitfaden über psychische Störungen:

Ein Essanfall ist dadurch gekennzeichnet, innerhalb einer klar umrissenen Zeitspanne (zum Beispiel innerhalb von zwei Stunden) sehr viel mehr zu essen, als die meisten Menschen während einer ähnlichen Zeitspanne unter ähnlichen Umständen zu sich nehmen würden, begleitet von dem Gefühl, während dieses Anfalls die Kontrolle über das Essverhalten verloren zu haben (zum Beispiel dem Gefühl, nicht aufhören zu können zu essen oder kontrollieren zu können, was oder wie viel man isst).

Von einer Binge-Eating-Störung sind viele Menschen betroffen. Die Binge-Eating-Störung ist verbreiteter als Bulimie. Einem aus dem Jahr 2001 stammenden Bericht zufolge leiden geschätzte zwei Prozent aller Erwachsenen in den USA unter einer Binge-Eating-Störung. Das entspricht vier Millionen US-Amerikanern.9 Unter Bulimie leidet etwa ein Prozent der Erwachsenen der USA, wobei die Rate wahrscheinlich sehr viel höher ist, da Bulimikerinnen ihre Essstörung häufig vor anderen verbergen.10 Darüber hinaus ist es schwerer, Bulimikerinnen zu erkennen, da sie nicht so ausgemergelt sind wie Magersüchtige.11 Was Mädchen im Teenageralter angeht, ist es möglich, dass bis zu fünf Prozent von ihnen unter Bulimie leiden.12

Bisher habe ich die Betroffenen, die unter Essstörungen leiden, aus der Perspektive einer Frau beschrieben, aber von diesem Buch können auch Männer profitieren. Von allen Betroffenen, die unter Bulimie leiden, handelt es sich zwar bei 90 bis 95 Prozent um Frauen13, aber auch Männer können diese Essstörung entwickeln. Männer leiden häufiger unter einer Binge-Eating-Störung als unter Bulimie. Auf drei Frauen, die unter einer Binge-Eating-Störung leiden, kommen zwei Männer, was bedeutet, dass deutlich mehr als eine Million Männer von dieser Essstörung betroffen sind.14 Um des leichteren Schreibens willen bleiben ich bei der Verwendung weiblicher Substantive und Pronomen, doch dieses Buch schließt Männer nicht aus. Tatsächlich mögen meine Ideen gerade für Männer ansprechend sein, die sich mit vor allem auf Frauen ausgerichteten, emotional intensiven Gesprächstherapien schwertun.

Es spielt keine Rolle, ob du ein Mann oder eine Frau bist. Es ist egal, wie alt du bist, wie oft du von Essanfällen heimgesucht wirst, wie lange du schon davon betroffen bist, oder wie viel Essen du in dich hineinstopfst – Essanfälle können in deinem Leben Chaos verursachen. Selbst wenn dein Essverhalten nicht ganz dem typischen Schema der unter Bulimie oder unter einer Binge-Eating-Störung leidenden Menschen entspricht oder wenn die diagnostischen Kriterien für eine der beiden Essstörungen bei dir nicht zutreffen, kannst du mit meiner Geschichte vielleicht etwas anfangen und in diesem Buch Hilfe finden.

Noch ein Wort der Warnung: Dieses Buch kann dir nur dabei helfen, dein selbstzerstörerisches Essverhalten zu ändern. Es bietet dir keine Anleitung, selbstsicher, spirituell, emotional zufrieden oder glücklich zu werden oder irgendeins deiner anderen Probleme zu lösen, die dir vielleicht zu schaffen machen. Es bringt dir nicht bei, was du tun musst, um dich selbst zu mögen, wie du gute, vertrauensvolle Beziehungen aufbaust, die Wunden aus deiner Vergangenheit heilst, dich perfekt ernährst, dein Idealgewicht hältst oder dich optimal körperlich betätigst. Eine Essstörung zu überwinden, wird dich nicht auf magische Weise in den Menschen verwandeln, der du sein willst. Das ist eine lebenslange Aufgabe. Aber deine Bulimie oder deine Binge-Eating-Störung zu bezwingen, kann der erste Schritt auf dem Weg einer Selbstverwandlung sein, wenn es das ist, worauf du aus bist.

Dieses Buch zu lesen, wird dir ganz gewiss keine Flügel verleihen, aber es wird dir Hoffnung machen, und, was noch wichtiger ist: Es weist dir einen klaren Weg zur Überwindung deiner Essstörung.

9 B. Timothy Walsh, V. L. Cameron: If Your Adolescent Has an Eating Disorder, S. 22

10 Jim Kirkpatrick, Paul Caldwell: Eating Disorders, S. 56

11 Jim Kirkpatrick, Paul Caldwell: Eating Disorders, S. 57

12 B. Timothy Walsh, V. L. Cameron: If Your Adolescent Has an Eating Disorder, S. 5

13 Jim Kirkpatrick, Paul Caldwell: Eating Disorders, S. 56

14 B. Timothy Walsh, V. L. Cameron: If Your Adolescent Has an Eating Disorder, S. 22

TEIL I

Meine Bulimie und meine Genesung

1

Ein typischer Essanfall

Es war der 6. Januar 2000, kurz vor Mitternacht. Ich lag im Keller meines Studentenwohnheims auf einem alten Sofa, neben mir eine Pop-Tart-Schachtel und eine leere Flasche Diet Sprite. Ich erwachte allmählich aus einem tiefen Schlaf und spürte, dass mein T-Shirt am Rücken nass war, aber in dem Keller war es so heiß, dass ich nicht genau wusste, ob es sich bei der Nässe um Schweiß oder Limonade handelte. Aber es interessierte mich nicht wirklich. Ich konnte nur eins denken: Ich kann es nicht glauben. Ich habe es wieder getan.

Es sollte ein neues Jahr werden, ein neues Semester, ein neuer Start.

Ich hatte mir geschworen, mich im zweiten Semester meines ersten Studienjahres keinem Essanfall mehr hinzugeben, doch da lag ich: vollgestopft, aufgebläht und fassungslos über mich selbst. Ich setzte mich aufrecht hin und starrte hinab auf das Sofa. Es war schäbig, verblasst lila, abgesessen und voller bräunlicher Flecke. Ich dachte, dass alle anderen Studentinnen aus dem ersten Studienjahr, die da unten im Keller gewesen waren, betrunken gewesen sein mussten, da sich niemand, der klar bei Verstand war, auf dieses Sofa setzen würde. Ich wünschte mir, bei mir wäre es auch der Alkohol gewesen, der mich auf dieses Sofa gebracht hatte. Das wäre für eine Studentin im ersten Studienjahr in Ordnung gewesen. Aber bei mir war es kein Bier – bei mir war es Essen.

Ich schämte mich so. Es war mein erster Tag zurück an der Uni, nachdem ich die Ferien bei meiner Familie verbracht hatte, und er war bereits in einem Desaster geendet. Die Ferien waren auch desaströs gewesen. Ich hatte mich auch zu Hause viele Male Essanfällen hingegeben. Ja, jeder langt in den Ferien mal reichlich zu, wenn man mit Leckereien verwöhnt wird, die es nur einmal im Jahr gibt. Aber bei mir war es etwas anderes. Bei jeder Mahlzeit kämpfte ich mit mir, um mich zu kontrollieren. Ich versuchte, langsam zu essen und nur kleine Bissen zu mir zu nehmen. Ich versuchte jedes Mal, bewusst darauf zu achten, wie hungrig oder satt ich mich fühlte, während ich aß, aber das war sehr frustrierend, weil ich fast nie das Gefühl hatte, gesättigt zu sein. Egal, wie viel ich bei einer Mahlzeit auch aß, normalerweise wollte ich noch viel mehr.

Beim Weihnachtsessen langte ich wie alle anderen ordentlich zu, aber danach brannte ich darauf, dass unsere Gäste gingen und meine Eltern sich ins Bett verabschiedeten, damit ich so essen konnte, wie ich es wirklich wollte. Ich wollte alles für mich: die Füllung, die Süßkartoffeln, die Kuchen, die Plätzchen, die Pralinen. Ich wollte schnell essen, mir den Mund vollstopfen, alles gleichzeitig herunterschlingen, bis mir schwindelig wurde. Ich versuchte, es mir auszureden und mich davon abzuhalten, aber ich konnte nicht vernünftig mit mir reden, wenn ich dieses unbändige Verlangen verspürte, mich mit Essen vollzustopfen.

Wenn ich dieses Verlangen nicht selber verspürt hätte, hätte ich nie geglaubt, dass so ein starkes Verlangen nach so etwas Irrationalem überhaupt existieren kann. Und ich hätte auch nicht geglaubt, dass es einem absolut jenseits des Denkbaren erscheinen könnte, zu etwas so offensichtlich Schädlichem Nein zu sagen. Ich war immer ein gewissenhafter Mensch gewesen, für den persönliche Verantwortung und das Treffen guter Entscheidungen einen hohen Wert hatte. Doch mein Verlangen, mich Essanfällen hinzugeben, hat mich dazu gebracht, all das über Bord zu werfen.

Dieser Weihnachtsabend war einer jener Momente, in denen mein gewissenhaftes Ich vollkommen abwesend zu sein und es undenkbar schien, dass ich zu meinem irrationalen Verlangen, mich vollzustopfen, würde Nein sagen können. Also ging ich, als ich alleine war, langsam in die Küche und versuchte, ruhig zu bleiben, obwohl mein Herz raste. Wie immer, bevor ich mich einem meiner Essanfälle hingab, sagte ich mir, dass ich mir nur ein bisschen gönnen würde. Vielleicht noch ein Stück Pecannusskuchen – immerhin war Weihnachten. Und am nächsten Tag konnte ich ja Sport treiben, um mir die überschüssigen Kalorien wieder abzutrainieren.

Ich sagte mir, dass ich nicht zulassen würde, dass ein kleiner Snack zu einem Essanfall ausarten würde, doch als ich das erste Stück Kuchen verputzt hatte, wusste ich, dass ich noch viel mehr essen würde. Mein Herz schlug schneller, und ich stopfte mir immer größere Stücke in den Mund. Nach wenigen Minuten hatte ich zwei weitere Stücke Pecannusskuchen, zwei Stücke Kirschkuchen, sechs Weihnachtsplätzchen und zehn Schokoladenbonbons verschlungen. (Ich weiß noch Jahre später, was ich während meiner Essanfälle in mich hineingestopft habe. Ich schrieb es in mein Tagebuch).

Ich legte jede Selbstbeherrschung ab und fühlte mich gut. Ich machte mich über die Reste des Weihnachtsessens her, bis ich keinen Genuss mehr dabei empfand, weiterzuessen. Genauer gesagt: Bis ich mich vor Magenschmerzen krümmte. Dann füllte ich mir eine große Schüssel mit Zerealien und nahm sie mit in mein Zimmer. Dort setzte ich mich auf mein Bett, aß langsam einen Löffel nach dem anderen und fragte mich, ob ich vom Überessen sterben konnte. Was konnte mir passieren? Konnte mein Magen platzen? Konnte meine Speiseröhre reißen? Konnte ich von dem vielen Zucker einen Schock bekommen?

Bestimmt bringt mich das, was ich gerade tue, nicht um, dachte ich. Oder?

Solche Fragen gingen mir nach einem Essanfall immer durch den Kopf, aber ich versuchte, ihnen nicht zu viel Aufmerksamkeit zu schenken. Ich wollte nicht daran denken, was passieren könnte. Ich wollte auch nicht daran denken, wie viel ich zugenommen hatte und dass ich den ganzen nächsten Tag im Fitnessstudio würde verbringen müssen, um mir die überschüssigen Kalorien wieder abzutrainieren. Auch daran, dass ich bald wieder zurück an die Uni musste, wollte ich nicht denken. Ich wollte nur vollgestopft sein. Ich wollte im Zuckerrausch wegdämmern, vollgestopft und zufrieden.

Am Anfang eines Essanfalls war ich immer aufgeregt, erleichtert und dankbar, als ob ich meinem Körper endlich gäbe, was er wollte, als ob ich das Richtige täte – obwohl ein Teil von mir wusste, dass es absolut falsch war. Doch das wohlig-wonnige Gefühl hielt nicht lange an. Während ich Essen in mich hineinstopfte, verblasste dieses Gefühl allmählich, was dazu führte, dass ich mehr und mehr wollte, um dieses Gefühl zurückzuholen und erneut zu verspüren.

Das war das letzte Mal, dachte ich.

Es war nicht das letzte Mal. Zwei Tage später stopfte ich mich erneut voll und drei Tage danach wieder. Dann fasste ich den festen Entschluss aufzuhören, sobald das neue Jahrtausend begonnen hatte. Es war das erste Mal, dass ich zum neuen Jahr den Vorsatz fasste, mit dem Binge Eating aufzuhören, viele weitere Male sollten folgen. Ich befolgte diesen Vorsatz bis zum 3. Januar, als ich mich erneut vollstopfte, drei Tage vor meiner Rückkehr an die Uni. Ich dachte, vielleicht fällt es mir leichter, es zu lassen, wenn ich erst einmal wieder auf dem Campus bin. Wenn ich nicht mehr den Stress habe, wieder zu Hause wohnen zu müssen, und wenn ich meinen Therapeuten und meinen Ernährungsberater wieder in der Nähe habe und aufsuchen kann. Also schwor ich mir am 3. Januar, mit dem Binge Eating ein für alle Mal aufzuhören, wenn ich wieder zurück an der Uni wäre.

Essen beim Autofahren

Aber da lag ich nun am 6. Januar auf einem ekeligen alten Sofa in einem Souterrain und fühlte mich so vollgestopft wie in der Weihnachtsnacht. Ich wollte die Zeit zurückdrehen und rückgängig machen, was ich an jenem Tag alles gegessen hatte. Meine Völlerei hatte schon am Morgen begonnen, etwa nach dem ersten Viertel meiner vierstündigen Fahrt zur Uni. Obwohl ich etwas gegessen hatte, bevor ich zu Hause abgefahren war, hatte ich nur eine Stunde später den vertrauten Drang gespürt, mich mit Essen vollzustopfen.

Ich hatte kurz versucht, es mir auszureden, aber da ich meinen Schwur, aufzuhören, streng genommen erst befolgen musste, wenn ich wieder auf dem Campus war, war ich schnell zu dem Schluss gekommen, dass es in Ordnung war, im Auto zu essen, solange ich noch unterwegs war. Ich langte auf den Rücksitz und tastete blind in meinem Gepäck herum, bis ich die große Weihnachtstüte M&M-Schokolinsen gefunden hatte, die meine Mutter mir für mich und meine Zimmergenossin mitgegeben hatte. Die M&Ms waren in wenigen Minuten verputzt. Danach verwendete ich all meine Konzentration und Energie darauf, an mehr zu essen zu kommen.

Wenn eine meiner Essattacken begann, war es so, als ob ich in einen Trancezustand verfiele, in dem nichts anderes mehr von Bedeutung war – nicht das Autofahren, nicht das Musikhören, nicht mein klingelndes Handy, nicht das Pläneschmieden für das neue Semester. Das Einzige, was zählte, war, wo ich möglichst schnell irgendwas Zuckerhaltiges, Fettiges auftreiben konnte, um meine Essattacke zu befriedigen. Ich wusste, dass es falsch, abstoßend, verfressen, anormal, kostspielig, ungesund und unverantwortlich war, aber all das war mir in dem Moment egal.

Ich nahm die nächste Abfahrt und kaufte mir an einer Tankstelle Doritos, Rice Krispies Treats und Honigbrötchen. Bevor ich wieder auf die Autobahn fuhr, hielt ich noch an einem Fastfood-Restaurant und genehmigte mir einen Schokoladenshake. Bevor ich meine Uni-Stadt erreichte, fuhr ich noch viermal ab, um mir mehr zu essen zu besorgen. Dann beschloss ich, noch ein paar Zwischenstopps einzulegen, bevor ich den Campus erreichte. Also fuhr ich nicht direkt zu meinem Studentenwohnheim, sondern kurvte in der Stadt herum, steuerte einen Ort nach dem nächsten an, an dem es etwas zu essen gab, und mied den Weg zur Uni, bis ich schließlich wirklich nichts mehr herunterbekam.

Gegen 16 Uhr war ich schließlich auf der zweispurigen Straße, die zu meinem Studentenheim führte. Ich fuhr so langsam, dass sich hinter mir eine Autoschlange bildete.

Ich muss damit aufhören, wies ich mich zurecht, während ich auf den Parkplatz fuhr. Als ich aus dem Wagen stieg, war mir übel und schwindelig. Mein Magen war voll und angespannt. Beim Anblick des achtstöckigen Gebäudes vor mir wurde mir schlecht. Ich wollte, dass mir die Uni gefällt, ich wollte Freunde finden, ausgehen, Dates haben. Aber mein irrationales, unerbittliches Verlangen, mich meinen Essanfällen hinzugeben, stand mir dabei im Weg.

Ich fühlte mich zu unwohl, um irgendetwas in mein Apartment zu bringen, also ließ ich mein komplettes Gepäck, sämtlichen Abfall und das noch ungegessene Essen im Auto. Ich öffnete die Tür zum Studentenwohnheim und fühlte mich wie benommen, als ich andere Studentinnen über ihre Ferien, bevorstehende Veranstaltungen der Studentinnenverbindung und über ihre Pläne reden hörte, welche Kurse sie im bevorstehenden Semester besuchen wollten. Auf dem Weg zum Fahrstuhl starrte ich die Bodenfliesen an und hoffte, niemandem zu begegnen, den ich kannte. Mein Gesicht war aufgequollen wie immer nach ausgedehnten Essanfällen. Ich wusste nicht, ob ich mir alle Krümel aus dem Gesicht gewischt hatte, und ich wollte auf keinen Fall mit jemandem reden.

Vor dem Fahrstuhl warteten mit mir drei Kommilitoninnen. Eine erzählte ihrer Freundin, dass sie in den Ferien vom vielen Essen zugenommen habe. Das war typischer Gesprächsstoff in einem Studentenwohnheim, und wie es schien, war es unmöglich, Unterhaltungen über Kalorien, Gewicht und Fitnesstraining zu entfliehen. Ich hasste es, dass die anderen Mädels sich so viele Gedanken um ihr Gewicht machten, dabei machte ich mir wahrscheinlich mehr Gedanken um mein Gewicht als irgendeine von ihnen. Ich dachte, wenn dieses Mädel auch nur eine Ahnung davon hätte, was ich im Laufe der Ferien alles in mich hineingestopft hatte, würde es sich nicht so schlecht fühlen.

Ich war immer noch die Dünnste im Fahrstuhl, aber ich nahm täglich zu. Als ich im August 1999 mit meinem Studium begonnen hatte, war ich deutlich untergewichtig. Bis zum 6. Januar 2000 hatte ich durch meine Essanfälle bereits gut sieben Kilogramm zugelegt. Die jungen Frauen im Fahrstuhl waren in meinen Augen hübsch und sahen gesund aus. Ich dachte, wie schön es wäre, eine von ihnen zu sein, durchschnittlich schwer zu sein, keinen Hunger zu schieben, nicht vollgestopft zu sein und sich, was das Essen angeht, nur ein paar Sorgen wegen ein paar Extrakalorien in den Ferien machen zu müssen. Stattdessen machten mir mehr als 7000 Kalorien zu schaffen, die ich auf der Fahrt im Auto zu mir genommen hatte. Und ich fragte mich, warum ich immer noch nicht genug hatte und noch mehr wollte.

Im dritten Stock stiegen die drei Kommilitoninnen aus dem Fahrstuhl aus. Hinter ihnen glitt die Tür wieder zu. Mein Zimmer war zwei Stockwerke darüber, doch als der Fahrstuhl weiter nach oben gefahren war und die Nummer 5 aufleuchtete, bewegte ich mich nicht. Ich stand einfach da und sah zu, wie die Tür sich öffnete und wieder zuglitt.

Was bringt es schon, es noch weiter zu versuchen? Ich trat vor und drückte auf den Knopf für das Untergeschoss.

Unten

Unten ging ich den verlassenen Flur entlang, vorbei an dem Gemeinschaftsbereich und am Waschmaschinenraum in den kleinen Raum mit den Verkaufsautomaten. Ich kaufte mir eine Tüte Chips, einen Schokoriegel, eine Schachtel Pop-Tart und eine Flasche Diet Sprite. Dann ging ich zurück in den Gemeinschaftsbereich und setzte mich auf das alte, ekelige Sofa. Das Essen bereitete mir keinen Genuss mehr, und mir war schlecht, aber solange ich weiter aß, musste ich an nichts anderes denken. Ich musste nur kauen und schlucken. Ich fühlte mich absolut taub.

Erst als ich den letzten Bissen Pop-Tart heruntergeschluckt hatte, begann ich mich unwohl zu fühlen. Als ich langsam wieder zu Sinnen kam, wurde mir sehr bewusst, was ich an diesem Tag getan hatte. Die Scham, das schlechte Gewissen und der Selbsthass meldeten sich. Noch schlimmer aber war, dass ich gerade mal fünfzehn Minuten zurück auf dem Campus war und schon meinen Vorsatz gebrochen hatte.

In mir machte sich Panik breit. Ich wusste, dass ich etwas unternehmen musste, um dieses Problem in den Griff zu bekommen. In zwei Tagen hatte ich Geländelauftraining und fühlte mich schon zum Gehen zu fett, geschweige denn zum Laufen. Ich fürchtete, dass mich alle anderen Mitglieder des Laufteams anstarren und sich fragen würden, warum ich so dick geworden war. Ich hatte das Gefühl, mich selber nicht mehr ertragen zu können, wenn ich auf diese furchtbare, abstoßende Weise auch nur noch ein Pfund zulegte. Ich erhob mich von dem Sofa, ging zum Mülleimer und versuchte, mich zu übergeben.

Es war nicht das erste Mal, dass ich das versuchte. Ich hatte schon einige Monate zuvor angefangen zu versuchen, mich nach meinen Essanfällen zu erbrechen, aber so sehr ich mich auch anstrengt hatte, es hatte einfach nicht geklappt. Manchmal fühlte ich mich nach einem Essanfall befriedigt – wie nach jenem in der Weihnachtsnacht – und ging danach direkt ins Bett. Doch andere Male wollte ich alles, was ich in mich hineingestopft hatte, unbedingt sofort wieder loswerden. Da unten im Keller erlebte ich ein solches Mal. Ich würgte so heftig, dass mir das Gesicht brannte und mir Tränen in die Augen stiegen, aber es kam einfach nichts hoch. Nach fünfzehn Minuten gab ich auf.

Ich sackte heulend auf dem Sofa zusammen. Wenn ich es nur schaffen würde, mich zu erbrechen, wären alle meine Probleme gelöst. So erschien es mir zumindest. Dann könnte ich mich meinen Essanfällen hingeben – was offenbar das Einzige war, was ich tun wollte, und dem offenbar ein Verlangen zugrunde lag, dem ich nicht widerstehen konnte –, ohne unter den Konsequenzen leiden zu müssen. Tief in meinem Inneren wusste ich, dass das Erbrechen des Gegessenen alles nur noch schlimmer machen würde, aber in jenem Moment erschien es mir als eine einfachere Lösung als die, derer ich mich normalerweise bediente: den kompletten nächsten Tag zu trainieren.

Ich war so erschöpft, dass ich nicht einmal daran denken konnte zu trainieren. Ich war sogar zu ermattet und unpässlich, um auch nur wieder hochzufahren in den fünften Stock und in mein Zimmer zu gehen. Ich wollte nur noch schlafen. Ich rollte mich auf dem Sofa zusammen, trank die Diet Sprite und dachte, wie absurd und lächerlich es war, dass ich meine Zig-Tausend-Kalorien-Völlereien oft mit einem Diet-Getränk beendete. Die Karbonisierung sorgte dafür, dass sich mein Magen ein wenig beruhigte, und die Wärme, die in dem Keller herrschte, ließ meine Augen schwer werden.

Die letzte Verpackung

Gegen Mitternacht wachte ich auf. Mein T-Shirt war am Rücken durchnässt, und ich verspürte die üblichen Nachwirkungen eines Essanfalls: einen aufgeblähten Magen, ein aufgedunsenes Gesicht, geschwollene Hände, Sodbrennen, Halsschmerzen und einen entsetzlichen Geschmack im Mund. Ich konnte nur daran denken, wie fett ich mich fühlte und was ich für eine Versagerin war. In der Finsternis des Kellers – inmitten der Schatten einiger Kisten, einiger Klappstühle, eines zersplitterten Tisches und eines alten Klaviers – fühlte sich das Ganze an wie ein Albtraum.

Ich nahm die Sprite-Flasche und die Pop-Tart-Schachtel vom Sofa und ging zurück zum Fahrstuhl. Noch so ein Semester wie das vergangene kann ich unmöglich ertragen, dachte ich, dabei fing das neue Semester bereits an, noch schlimmer zu werden. Ich rief mir die letzten Tage des vorherigen Semesters in Erinnerung. Es war bisher die schlimmste Woche gewesen, seitdem ich unter den Essattacken litt. Ich hatte mich am Montag vollgestopft, am Dienstag, am Mittwoch, am Freitag und am Sonntag. In der Nacht von Sonntag auf Montag hatte ich die ganze Nacht durchgegessen, obwohl ich am Montagmorgen eine Abschlussprüfung in Chemie hatte. Nach der Prüfung fühlte ich mich so fett, dass ich beschloss, einfach weiter zu essen. Während der Prüfungswoche gab es in meinem Studentenwohnheim immer Gratis-Doughnuts, also verputzte ich elf Stück und dazu noch zwei Trinkpäckchen Schokoladenmilch.

An diesem Abend war es in dem Wohnheim ruhig. Es gab weder die immer am Ende eines Semesters herrschende Hektik noch einen Tisch mit Doughnuts. Es war der Beginn eines neuen Semesters. Aber ich fühlte mich genauso wie am Ende des vergangenen – elend und aufgebläht. Ich stieg in den Fahrstuhl, fuhr hinauf in den fünften Stock, öffnete die Tür zu meinem Zimmer und ließ meinen Blick durch den winzigen dunklen Raum wandern. Mir war elend und hoffnungslos zumute.

Ich warf die leere Sprite-Flasche weg, legte die Pop-Tart-Schachtel jedoch in die Schublade meines Schreibtischs. Da ich mich, wie ich mir sagte, nie wieder einem Essanfall hingeben würde, wollte ich die Schachtel aufheben. Als eine Art Mahnmal, als ein Andenken an das letzte Essen, mit dem ich mich vollgestopft hatte. Die Schachtel würde mich an diese düsteren Tage erinnern, und eines Tages würde ich in der Lage sein, auf diese Zeit zurückzublicken und zu lachen, oder vielleicht auch zu weinen – was von beidem, wusste ich nicht so genau.

Ich schob die Schublade zu und ging ins Bett. Meine Zimmergenossin (nennen wir sie Julia) war nicht da. Sie verbrachte noch ein paar Tage bei ihrer Familie. Ich schämte mich so, wenn ich an sie dachte, denn im vergangenen Semester hatte ich ihr alles Mögliche weggegessen. Am Anfang dachte ich, sie hätte nicht gemerkt, dass ich ihr hin und wieder ein paar Kleinigkeiten stibitzt hatte – ein paar Kekse, Zerealien, ein paar Cracker –, aber wie sich herausstellte, hatte sie es die ganze Zeit gewusst.

Einige Monate nach Beginn unseres ersten Semesters fing Julia an, bestimmte Nahrungsvorräte zu verstecken. Während einiger meiner Essattacken suchte ich überall nach ihren Essensvorräten und fand eine Packung Kekse in ihrem Wäschekorb und süßes Gebäck unter ihrem Bett. Außerdem bewahrte sie in einer Schubladenbox aus Kunststoff, die zwischen unseren Betten stand, eine ungeöffnete Packung Honigbrötchen auf. Sie lag dort länger als zwei Monate, und Julia versteckte sie dort nicht vor mir, sondern lagerte sie einfach nur, um sie irgendwann zu essen. Doch diese Packung verhöhnte mich. Während meiner Essattacken sah ich immer nach, ob sie schon geöffnet worden war und musste immer wieder wütend feststellen, dass dies nicht der Fall war. Wenn sie sie doch nur endlich öffnen würde, könnte ich mir heimlich ein Honigbrötchen herausnehmen …

Während eines Essanfalls gegen Ende des Semesters kam ich zu dem Schluss, dass Julia diese Honigbrötchen bestimmt nicht mehr essen würde, bevor wir in den Ferien zu unseren Familien nach Hause führen. Ich öffnete die Packung und verputzte alle Honigbrötchen bis auf eins. Außerdem bediente ich mich auch an ihren versteckten Keksen. Dann ging ich zum Studieren in die Bibliothek. Als ich später an jenem Abend wieder in unser Zimmer kam, merkte ich, dass etwas nicht stimmte. Julias Essensvorräte waren allesamt verschwunden. Weder in ihrem Regalfach noch im Kühlschrank noch in ihren üblichen Verstecken gab es etwas. Sogar das Honigbrötchen in der Schubladenbox, das ich übriggelassen hatte, war weg. Alles war verschwunden und Julia auch. Mir rutschte vor Scham das Herz in die Hose.

Bis zu jenem Moment hatte Julia die Tatsache, dass ich mich an ihren Essensvorräten bediente, zumindest nach außen hin locker genommen. „Kein Problem, du kannst dir so viel nehmen, wie du willst“, sagte sie, nachdem ich ein Schälchen von ihren Zerealien oder ein paar von ihren Keksen gegessen hatte. Doch verständlicherweise platzte ihr im Laufe der Zeit der Kragen, als ich ihre Großzügigkeit zunehmend missbrauchte. Deshalb eilte ich an jenem Abend zum Supermarkt und kaufte so viele Sachen, wie ich glaubte, ihr im Laufe des Semesters weggegessen zu haben, um es wiedergutzumachen.

Zurück in unserem Zimmer, legte ich all meine Einkäufe auf Julias Bett. Dazu legte ich einen Selbsthilfe-Ratgeber für Bulimiker, den ich gerade las. Außerdem schrieb ich ihr einen Brief, in dem ich ihr erklärte, dass ich die Diagnose erhalten habe, unter Bulimie zu leiden, und es mir schwerfalle, mich während meiner Essanfälle zu kontrollieren. Ich entschuldigte mich für mein Verhalten und vertraute ihr an, dass ich regelmäßig zu Therapiesitzungen und zur Ernährungsberatung ging. Ich schrieb ihr, dass sie jederzeit mit mir reden oder das Buch lesen könne, wenn sie irgendwelche Fragen zu meiner Essstörung habe oder sich Sorgen mache.

Als Julia an jenem Abend zurück ins Zimmer kam, tat ich so, als würde ich schlafen. Ich hörte beschämt, wie sie die Lebensmittel wegpackte. Am nächsten Tag schrieb sie mir einen netten Antwortbrief, verzieh mir, und bot mir ihre Unterstützung und Hilfe an. Wir redeten nicht über den Zwischenfall und fuhren beide drei Tage später nach Hause in die Ferien. Jetzt starrte ich auf das leere Bett meiner Zimmergenossin und fragte mich, ob unser Verhältnis je wieder das gleiche sein würde wie zuvor.

2

Ein typischer Kompensationstag

Als ich an jenem Abend von dem Sofa aus dem Keller kam, war ich froh, dass meine Zimmergenossin noch nicht aus den Ferien zurück war, denn ich wusste, dass ich ihr in dem Moment nicht hätte gegenübertreten können. Auf der Highschool war sie eine meiner guten Freundinnen gewesen, und ich hasste die Tatsache, dass ich ihr Unrecht getan hatte, indem ich sie während des vergangenen Semesters bestohlen hatte. Außerdem gefiel es mir gar nicht, dass sie jetzt dieses beschämende Geheimnis über mich kannte. Ich befürchtete zudem, dass ich mich womöglich nicht davon würde abhalten können, mich erneut an ihren Essensvorräten zu bedienen.

Bestimmt kann ich mich kontrollieren, dachte ich, während ich durch die Dunkelheit auf all die Lebensmittel starrte, die Julia in unserem Zimmer zurückgelassen hatte.

Als ich in jener Nacht versuchte zu schlafen, dachte ich an das erste Mal zurück, als ich in dem Bett in meinem Zimmer im Studentenwohnheim übernachtet hatte. Das war fünf Monate her, und zu jenem Zeitpunkt war ich so dünn gewesen, dass ich nicht auf der Seite liegen konnte, weil mein Hüftknochen auf der harten Matratze drückte. Zu jener Zeit spiegelte mein Gewicht noch meine Magersucht wider und noch nicht meine beginnende Bulimie. Zu Beginn meines Studiums hatte ich keine falschen Vorstellungen über meinen dürren Körper. Zu jenem Zeitpunkt hatte ich keine gestörte Körperwahrnehmung. Mir war klar gewesen, dass ich untergewichtig war, und einem Teil von mir hatte das gefallen. Es hatte dazu beigetragen, dass ich nicht so ein schlechtes