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Was wir uns erzählen, wird zu unserer Wirklichkeit. Heiner Mühlmann fragt nach den Voraussetzungen dieser Erzählungen und, genauer, nach den Bedingungen, unter denen sich in der Nachkriegszeit neue kulturelle Mechanismen und ein neuer Typ des gesellschaftlichen Decorums herausbilden. Mit gesellschaftlichem Decorum sind die sichtbaren und unsichtbaren Regeln eines Staates gemeint. Parallel dazu zeigt dieser Band, welchen gewaltigen Einfluss die US-amerikanische Währung als Leitwährung in der globalen Machtpolitik seit 1945 hat. Beides wird in Mühlmanns Buch zusammengedacht. Sowohl die Leitwährung als auch das europäische Nachkriegsdecorum erfahren derzeit eine Erosion. Während die Folgen nicht absehbar sind, analysiert Heiner Mühlmann die Ideen und Irrtümer, die dieser alten Ordnung zugrunde liegen. Mit einem neuen Verständnis ihrer Genese kann insbesondere Deutschland zu einem geschärften Realismus zurückfinden.
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Seitenzahl: 199
Veröffentlichungsjahr: 2026
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1. Am Anfang sind die Bösen die Guten
2. Gehirnwäsche einer Kultur
3. Nie wieder Frieden!
4. Wir lassen uns unsere Werte nicht nehmen
5. Europäischer Eigenkrieg – Europäische Eigendarstellung
6. Celui par qui le scandale arrive
7. Si vis pacem, para bellum
8. Wir erzählen Geschichten
9. Die omnimediale Spiritualität der Kultur
10. Zur Rehabilitierung der Philosophie
11. Schlussfolgerung: Ist der Frieden dumm?
12. Schlussfolgerung aus der Schlussfolgerung
Anmerkungen, Abbildungsverzeichnis
Die apokalyptische Geschichte des 20. Jahrhunderts beginnt mit Realsatire. Es geht um die Einführung der Leitwährung. Sie ist das Joch, das die Welt bis zum heutigen Tag niederdrückt. Doch in letzter Zeit mehren sich die Befreiungsversuche. Einer der vielen Befreiungsversuche war die Versammlung der BRICS-Staaten vom 22. bis zum 25. Oktober 2024 in Kasan auf Einladung von Wladimir Wladimirowitsch Putin.
Gegen Ende der dreißiger Jahre des 20. Jahrhunderts strebte die deutsche Naziregierung die Schaffung einer Leitwährung für Europa an. Leitwährung wäre nach den damaligen Vorstellungen der Nazis natürlich die Deutsche Reichsmark geworden. Damit wären aber die anderen europäischen Staaten nicht einverstanden gewesen. Die Deutschen hätten somit zunächst den Zweiten Weltkrieg gewinnen müssen, um ihr Projekt unter Zuhilfenahme von Zwang in die Tat umzusetzen.
Die Besonderheit des deutschen Plans bildet den gravierenden Unterschied zu der Leitwährung, die jetzt die Welt beherrscht. Hier zeigt sich die Ironie des Schicksals. Denn die Besonderheit des deutschen Konzepts lag in der Schaffung einer Clearingstelle, in der Außenhandelsdefizite und Außenhandelsüberschüsse ausgeglichen werden sollten.1 Die Entstehung von Überschüssen und Defiziten ist die schleichende Auszehrungskrankheit, die jede Art von globalisierender Ausdehnung der Wirtschaft befällt.
Die Federführung des deutschen Leitwährungsprojekts hatte der damalige Reichswirtschaftsminister Walther Funk. John Maynard Keynes, der englische Starökonom, der von den Finanzpolitikern aller Staaten während der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts verehrt wurde, äußerte sich lobend über das Naziprojekt, eben weil in diesem Projekt eine Clearingstelle vorgesehen war.2 Derselbe John Maynard Keynes sollte später in leitender Stellung mit den schicksalhaften Verhandlungen befasst sein, die schließlich zur Schaffung der Leitwährung führten, von der die Welt bis heute beherrscht wird.
Das war die Situation, in der sich die Geostrategie und die Geoökonomie vor dem Eintritt der USA in den Zweiten Weltkrieg befanden: Die Deutschen standen kurz davor, den Krieg in Europa zu gewinnen, und wären dann fähig gewesen, ihren Leitwährungsplan umzusetzen.
Ob ein Staat einem anderen Staat den Krieg erklärte, wurde in der üblichen neuzeitlichen Kriegführung immer nach dem Prinzip des coercion-extraction-cycle, das heißt, nach dem Renditeprinzip „Kriegskosten gegen Kriegsgewinne“ entschieden. Moralische Gründe für Kriegserklärungen lassen sich immer und überall finden. Das gilt für alle Kriege bis zum heutigen Tag. Es gilt auch für den Ukraine-Krieg. Und außerdem gilt Folgendes: Sobald irgendwo Kampfhandlungen begonnen haben, herrschen nur noch die Prinzipien von Lüge und Falschinformation. Ob zum Beispiel der russische Angriff gegen die Ukraine wirklich nur eine Polizeioperation in einem Gebiet war, auf das Russland einen Anspruch hatte, werden wir nie herausfinden. Lüge und Wahrheit sind nicht mehr voneinander zu unterscheiden, sobald in einem Krieg die ersten Schüsse fallen.
Was die Coercion-Extraction-Regel betrifft, so gilt Folgendes: Man muss durch militärische Gewalt oder Gewaltandrohung (coercion) bewirken, dass unterworfene oder zu unterwerfende Kollektive (Vasallenkollektive) Tribut oder Steuern bezahlen (extraction). Diese Tribute müssen so groß sein, dass man damit die Waffen bezahlen kann, mit denen man die Gewalt erzeugt, die bewirkt, dass die Tribute aus Angst vor Gewalt pünktlich bezahlt werden. Auf diese Weise entstehen aus dem coercion-extraction-cycle homöostatische Systeme, die große Ausmaße annehmen können und über lange Zeitintervalle stabil sein können, die aber keinesfalls für Weltordnungen oder Universalkulturen gehalten werden sollten.3
Unsere deutschen Nazivorfahren4 standen also in den dreißiger Jahren kurz davor, den Krieg in Europa zu gewinnen und eine erste globale Leitwährung zu schaffen. War das ein Grund, der für die USA ausreichte, um in den Zweiten Weltkrieg einzutreten? Versprach der Kriegseintritt, für die USA ein rentables Geschäft zu werden, rentabel im Sinne eines coercion-extraction-cycle?
Jetzt, fast 100 Jahre nach dem Kriegseintritt der USA, kann man sagen: Ja, es war ein Bombengeschäft! Denn die USA haben den Krieg gewonnen und noch während der letzten Kriegsjahre auf der Bretton-Woods-Konferenz erreicht, dass der Dollar, die nationale Währung der USA, zur Weltleitwährung wurde. Die Durchsetzung des Dollars als Leitwährung war die größte Siegesbeute aller Kriege aller Zeiten. Mit diesem genialen Coercion-Extraction-Programm wurden die USA für die Welt zur unilateralen Führungsnation. Dieser Erfolg wurde von einem amerikanischen Vordenker polnischer Abstammung die „einzige Weltmacht“ genannt.5 Er wurde von einem amerikanischen Philosophen japanischer Abstammung das „Ende der Geschichte“ genannt.6
Der amerikanische Verhandlungsstil in Bretton-Woods wird in der Geschichtsschreibung als hinterlistig und einschüchternd dargestellt.7 Denn die Amerikaner hatten den Verhandlungsvorsitz. Am entscheidenden Tag der Vertragsunterzeichnung sollen sie den Verhandlungspartnern ein Dokument zur Unterschrift vorgelegt haben, das sie in der vorausgegangenen Nacht manipuliert hatten. Sie hatten den Satz, der besagte, Referenzsystem der Leitwährung sollte das Gold sein, durch einen Satz ersetzt, der besagte, Referenzsysteme seien Gold oder Dollar.
Aus diesem Grunde mussten die Amerikaner die gigantischen Goldreserven in Fort Knox anlegen. Denn die USA mussten sich zunächst verpflichten, jedem Dollarbesitzer aus dem Rest der Welt auf Verlangen seinen Dollarbesitz in Gold auszuzahlen. Diese Geschäftsbedingung hatte zum Beispiel dazu geführt, dass Frankreich unter der Präsidentschaft von Charles de Gaulle im Jahr 1971 ein Kriegsschiff nach New York schickte, das den Auftrag hatte, eine Goldfracht nach Frankreich zu transportieren.
Um es kurz zu machen: Nach einigen Jahren war von der Garantie der Goldparität nichts mehr übrig geblieben und das Weltwährungsreferenzsystem war schlicht und einfach der Dollar.
Besonders wichtige Wirtschaftsbereiche waren für die Dollar-Leitwährung der weltweite Rohstoff- und Energiehandel und hier besonders der Handel mit Erdöl. Die Amerikaner setzten durch, dass von den arabischen Erdöl exportierenden Ländern der Dollar als einziges Zahlungsmittel verpflichtend anerkannt wurde. Als Gegenleistung boten die Amerikaner den Erdölstaaten militärischen Schutz. Es entstanden die amerikanische Flugzeugträger- und Stützpunktstrategie und ihre Coercion-Funktion. Auf der Extraktionsseite entstanden die Gewinne, die durch Zinsgeschäfte, Staatsanleihen, Derivatgeschäfte und Seigneurialgeschäfte gemacht wurden. Seigneurialgewinne sind seit alten Zeiten die Gewinne, die von dem Staat gemacht werden, der die Münzen prägt und herausgibt.
Bei den Bretton-Woods-Verhandlungen vertrat John Maynard Keynes das Vereinigte Königreich. Er kämpfte bis zum Schluss für die Einrichtung einer Clearingstelle. Doch er hatte gegen die amerikanischen Moneymaker keine Chance. Der Plan einer Clearingstelle war den Amerikanern einfach zu subtil.
Schon bald zeigte sich der Pferdefuß der ganzen Sache: In der Volkswirtschaftslehre gibt es den Begriff „das Triffin-Dilemma“, benannt nach dem belgischen Ökonomen Robert Triffin.8 Die Theorie vom Triffin-Dilemma sagt voraus, dass ein Staat, dessen nationale Währung die Funktion einer internationalen Leitwährung hat, immer in exponentiellem und überproportionalem Ausmaß Schulden anhäuft, und dass er seine Schulden nicht auf die übliche Art zurückzahlt. Denn die Schuldenrückzahlung eines Leitwährungsstaats wird ersetzt durch Währungsmanipulationen.
Was die Rentabilitätsrechnung des amerikanischen Eintritts in den Zweiten Weltkrieg betrifft, so muss man feststellen, dass auch auf diesem Gebiet die Amerikaner alles richtig gemacht haben. Russland, die zweite große Siegermacht, hatte nach dem Zweiten Weltkrieg 9.750.000 tote Soldaten zu beklagen. Bei den USA waren es 400.000 getötete Soldaten. Eine Kriegs-Kosten-Nutzungsrechnung könnte besser nicht sein. Einfach ausgedrückt: Die Amerikaner haben geschickt abgewartet, bis die bereits beteiligten alliierten Kriegsparteien so geschwächt waren, dass sie keine Chance mehr hatten, aus eigener Kraft den Krieg gegen Deutschland zu gewinnen, und bis ihre Feinde, die Deutschen, so viele Verluste erlitten hatten, dass sie mit geringem Aufwand vernichtend geschlagen werden konnten.
Wenn wir es mit der Weisheit des chinesischen Buchs der 36 Strategeme ausdrücken, dann haben die Amerikaner das Strategem Nr. 4, das Strategem Nr. 5 und das Strategem Nr. 9 miteinander kombiniert. Das Strategem Nr. 9 hat den Titel: „Die Feuersbrunst am gegenüberliegenden Ufer beobachten“. Strategem Nr. 4 hat den Titel „Ausgeruht den erschöpften Feind erwarten“. Nr. 5 hatte den Titel „Eine Feuersbrunst für einen Raub ausnutzen“. Die Feuersbrunst ist das akkumulierte Chaos des Zweiten Weltkriegs vor dem Kriegseintritt der Amerikaner. Der Raub ist die Aneignung der Leitwährung, deren Tragweite unsere Philosophen, Politologen und Soziologen bis heute nicht verstanden haben.
Ein Wort zur Ironie des Schicksals! Damals wollten die Amerikaner nicht auf John Maynard Keynes hören, der, wie die Nazis, voraussagte, dass ein Leitwährungssystem ohne Ausgleich der Außenhandelsdefizite und Außenhandelsüberschüsse böse enden würde. Jetzt, im Jahr 2025, schaut die ganze Welt zu bei der Erfüllung dieser alten Prophezeiung aus der Zeit des Zweiten Weltkrieges.
Der Triffin-Effekt bewirkt durch die ständige Nachfrage nach Dollar, dass der Dollar im Verhältnis zu anderen Währungen ständig aufgewertet wird. Das blockiert den Export von amerikanischen Waren, weil ihre Preise wegen des teuren Dollar zu hoch sind. Jetzt, nachdem sie dies verstanden haben, könnten die Amerikaner natürlich auf ihre Leitwährung verzichten, um ihrer manuell arbeitenden Bevölkerung die Chance zu geben, ihre Produkte auf den Weltmärkten besser zu verkaufen. Das wollen die Amerikaner aber nicht. Sie wollen ihre Leitwährung behalten. Was tun sie also? Sie versuchen es mit der Einführung von Importstrafen, die so hoch sind, dass die Menschen den Mut für das Importieren von Waren ein für alle Mal verlieren. Sie errechnen die Quotienten der jeweiligen Außenhandelsdefizite, die sie mit den jeweiligen importierenden Staaten zu verzeichnen haben und schlagen die so errechneten Prozentzahlen auf die Preise aller von diesen Staaten importierten Produkte auf.
Dabei handelt es sich nicht um Zölle. Auch in diesem Punkt lässt die mangelnde Sprachkompetenz der amerikanischen Administration auf Defizite in der staatsrechtlichen Bildung schließen. Zölle beziehen sich per Definition gleichförmig auf ganze Warenkategorien, zum Beispiel: importierter Stahl, importierter Wein. Was die Amerikaner jetzt machen, differenziert zwischen den verschiedenen importierenden Staaten. Die Amerikaner versuchen, die am meisten zu bestrafen, über die sie sich am meisten ärgern. Letztlich geht es dabei um die Überlegenheit der Importwaren und um die mangelnde Konkurrenzfähigkeit der eigenen Produkte.
Die Amerikaner verfolgen somit das Ziel, den Warenimport völlig abzuschaffen. Sie vertrauen darauf, dass es ihnen gelingen wird, aus den USA wegen der Größe des eigenen Binnenmarktes eine autarke Wirtschaftszone zu machen. So sieht die Clearingstelle à l’américaine aus. Die Amerikaner haben drei Generationen gebraucht, um herauszufinden, dass John Maynard Keynes damals, bei den Verhandlungen von Bretton-Woods, Recht hatte.
Amerika als autarker, abgeschotteter Markt! Das ist das Endziel. Kann das gut gehen? Oder entsteht hier ein Gebilde, in dem eine Zeitbombe tickt? Jedoch eine Zeitbombe, die nicht explodieren, sondern implodieren wird!
Die Außenpolitik der Amerikaner während des Zweiten Weltkriegs beweist strategisches Genie. Diese Feststellung enthält weder Ironie noch Häme. Sie ist der Ausdruck reiner Bewunderung.
Aber das strategische Genie der Amerikaner ging noch weiter, denn wirklich strategisch ist eine Kriegführung nur unter der Bedingung, dass nicht nur an die Vernichtung des Feindes gedacht wird, sondern auch daran, den Feind so zu behandeln, dass man ihn nach seiner erhofften Niederlage regieren kann. Um das zu erreichen, muss man die feindliche Kultur so modifizieren, dass ihre Mobilisierungspotenziale und ihr werteorientiertes Eigenverhalten durch Nihilismus ersetzt werden.
Was ist ein WASP? WASP ist das Akronym, das der amerikanischen Elite einen Namen gibt. Es bedeutet: white Anglo-Saxon Protestant (WASP); auf Deutsch: weiß – angelsächsisch – protestantisch. Amerika-Analysten der jetzigen 20er Jahre sind der Meinung, der kulturelle Einfluss der WASPs werde stetig geringer.9 An die Stelle der WASPs träten, erstens, die Oligarchen, die weniger gebildet seien, keine überpersönlichen Werte respektierten und allein von Einkünften aus der Finanzindustrie lebten. Das bedeutet: Sie leben nicht davon, reale Objekte zu verbessern, zu produzieren und zu verkaufen, sondern sie leben allein von ihrem Geld und von der Vermehrung ihres Geldes durch Geldverleih und Zinsen.
Zweitens werden die WASPs ersetzt durch die jetzigen Vertreter der obersten Stufen des Bildungssystems (Harvard University, MIT etc.), in denen vermehrt Menschen anderer ethnischer Herkunft vertreten seien, zum Beispiel Chinesen, Inder und die sogenannten Latinos. Diese Entwicklung lässt eine Aufspaltung zwischen der höheren Bildung als Institution (Eliteuniversitäten und ihre Finanzen) und höherer Bildung als Population erkennen. Sie lässt erkennen, dass die amerikanische Ethnozugehörigkeit in den Bildungseliten geringer wird. Die Institutionen bleiben amerikanisch, ihr Output, die Bildungspopulationen, globalisieren sich.
Die eigentlichen WASPs, so sehen es die Kenner Amerikas, seien geprägt gewesen vom Streben nach höheren Werten. Diese Prägung hätten sie der Enkulturierung durch den Protestantismus verdankt. In dieser Sicht hat der Protestantismus die Funktion eines Gründungsmythos der amerikanischen Nation.
Diese Entwicklung, in der die WASPs an Einfluss verlieren, halten Analysten für einen Niedergang der Werte, denen die USA ihren Aufstieg verdanken. Als Folge des Niedergangs der Werte sehen sie einen Niedergang der USA als Nation und als Führungsmacht des Westens.
Einer der größten WASPs aller Zeiten war John Hay Whitney. Er lebte von 1904 bis 1982. Er stammte aus einer der reichsten Familien Amerikas. Seine Familie und die ebenfalls superreiche Familie von Betsey Cushing, seiner Frau in zweiter Ehe (geschiedene Frau von James Roosevelt), gehörten der Episkopalkirche an. Die Episkopalkirche ist protestantisch. Sie hat sich formiert während der Unabhängigkeitskriege im Zuge der Abspaltung von der englischen Vorherrschaft und der damit verbundenen Emanzipation von der anglikanischen Kirche. Somit gehört John Hay Whitney dem Kernbereich der protestantischen amerikanischen Werte-Elite an.
Der Protestantismus als europäische Emanzipationsbewegung und als treibende Kraft bei der Entstehung des zwischenstaatlichen Souveränitätsprinzips spielte für die amerikanische Kultur seit der Einwanderungszeit eine entscheidende Rolle. Vom Protestantismus leiten sich die Werte ab, die für das amerikanische Verhalten in seiner Blütezeit prägend waren. Zu diesen Werten gehört, erstens, das Prinzip der Askese, das in der Form der „innerweltlichen Askese“ von Max Weber für das Erfolgsprinzip der kapitalistischen Wirtschaft gehalten wurde. Zweitens stellt der europäische Protestantismus eine Rückbesinnung auf das frühchristliche Verhalten der humilitas (Demut) dar, das in der Zeit des frühen Christentums zu einer spirituellen Unabhängigkeit vom Wertesystem des römischen Imperiums führte, und das in der Zeit der europäischen Reformation zu einer inneren Unabhängigkeit vom Wertesystem des sakralrechtlichen Herrschaftsanspruchs der katholischen Kirche führte.
Vor diesem Hintergrund zeichnet sich das herausragende Persönlichkeitsprofil des John Hay Whitney ab. Er war durch sein Erbe so reich, dass er nicht hätte arbeiten müssen. Er studierte in Yale. Er arbeitete in jungen Jahren für eine Investmentbank. Er wurde Direktor des Museum of Modern Art (MoMA) in New York. Er finanzierte mehrere Broadwayshows. Er investierte in die Firma Technicolor. Er gründete die Firma Pioneer Pictures. Von 1961–1966 war er Verleger der Zeitung „New York Herald Tribune“. Er unterstützte den republikanischen Präsidenten und Exgeneral des Zweiten Weltkriegs Dwight D. Eisenhower. Von 1957 bis 1961 war er Botschafter der Vereinigten Staaten in Großbritannien. Er war befreundet mit Fred Astaire. Des Weiteren finanzierte er zahlreiche Filmprojekte, die in der ganzen Welt für den amerikanischen Lebensstil warben. Eines dieser Projekte war der Monumentalfilm „Vom Winde verweht“.
Und er arbeitete zur Zeit des Zweiten Weltkriegs für den amerikanischen Geheimdienst. Das war während seiner Zeit als Direktor des MoMA. John Hay Whitney war seit 1940 im MoMA „Chairman of the Museum Board“ 10
Die Organisation, die später „CIA“ hieß, hatte damals den Namen „OSS“. Whitney veranlasste während seiner Direktorenzeit, dass der CIA bzw. der OSS das MoMA für „war-related programms“ unter Vertrag nahm. Das MoMA fungierte in den diesbezüglichen Geheimverträgen „as a minor war contractor“. Als Tarnung diente dabei ein nomineller Vertragspartner, der die Interessen des Staates vertrat. Er hatte den Tarnnamen „Library of Congress“. Diese „Library of Congress“ hatte während des Zweiten Weltkriegs die Funktion eines „Office of War Information“. Im Jahr 1940 erfüllte das MoMA für den OSS Verträge mit einem Gesamtumsatz von 1 590 234 Dollar. Was musste das MoMA in diesen Verträgen als Gegenleistung erbringen? Hier die Antwort:
Whitney promotete während der letzten Jahre des Zweiten Weltkriegs einen Malereistil, der später „Abstrakter Expressionismus“ genannt wurde. Die Bereitstellung des „Abstrakten Expressionismus“ war der wichtigste Teil der Leistung, die das MoMA an den Geheimdienst lieferte. Die herausragende Künstlerpersönlichkeit des sogenannten Abstrakten Expressionismus war Jackson Pollock. Seine Gemälde - Bilder kann man sie nicht mehr nennen - waren Resultate einer Herstellungsmethode, aus der die Kunst des Zeichnens eliminiert war. Der Farbauftrag wurde nur noch durch Tröpfeln, Verschmieren und Spachteln bewerkstelligt. Bei dieser Art der Gemäldeherstellung gab es nur eine reduzierte Gestaltungskontrolle, die ihre Aufmerksamkeit auf das Oberflächenrelief des Farbauftrags richtete, außerdem auf Farbkontraste und auf subjektive Stimmungen, die beim Betrachten entstanden. Diese ästhetischen Stimmungen resultierten aus dem autosuggestiven Selbstkommando, das lautete: „Betrachte dieses Objekt als Kunst!“ Die ästhetischen Stimmungen resultierten ebenfalls aus der mit dem Selbstkommando verbundenen Abschirmung des Wahrnehmungssystems von der normalen Umweltwachsamkeit. Ebenfalls ergaben sich die ästhetischen Stimmungen aus den bilderlosen Stimulationen, die unter der Bedingung der kognitiven Umweltabschirmung von den mit Farben versetzten Gemäldeoberflächen ausgingen.
Dies also sind die formalen Besonderheiten der Malerei des Abstrakten Expressionismus und ihres berühmtesten Vertreters Jackson Pollock. Whitney sagte über Jackson Pollock, diese Kunst sei „eine Waffe für die nationale Verteidigung“. Sie verfolge das Ziel „die Herzen und den Willen des freien Menschen bei der Verteidigung seiner eigenen Freiheit zu fördern, zu inspirieren und zu erziehen.“ 11
„Gehirnwäsche“ ist ein salopper Ausdruck, der eine Methode der psychologischen Einflussnahme beschreibt, bei der Grundüberzeugungen entfernt und durch andere ersetzt werden sollen. Dieser Vorgang richtet sich zumeist auf Gruppen von Individuen, weil Grundüberzeugungen meistens in Kollektiven erworben und konsolidiert werden.
Kurt Lewin war der große Wegbereiter für alle gruppenpsychologischen Modelle des 20. Jahrhunderts12 Dazu gehörten auch Gehirnwäschetechniken für Kriegs- und Nachkriegskulturen. Besonders bekannt ist sein Dreiphasenmodell, das den Umdenkprozess von einer Phase der Schuldgefühle und Dysfunktionen zu einer Phase der Neuorientierung beschreibt. Bekannt sind auch seine speziellen Schriften zur Umerziehung Deutschlands nach dem Zweiten Weltkrieg.
Kurt Lewin war deutscher Jude, der seine Karriere in Deutschland begonnen hatte und in den dreißiger Jahren in die USA auswanderte. Dort setzte er seine Karriere fort und wurde zum weltbekannten Psychologen. Er wurde nach seiner Einwanderung zunächst vom OSS misstrauisch beargwöhnt. Später jedoch arbeitete er für den OSS.
Das Dreiphasenmodell ist in der Psychologie immer wieder mit der religiösen Exerzitientechnik des Ignatius von Loyola in Zusammenhang gebracht worden.13 Von beiden Beeinflussungsmethoden führt ein direkter Weg zu den Gehirnwäschetechniken der späteren Geheimdienste auf beiden Seiten des Kalten Krieges. Wichtig in allen Modellen dieser Art ist immer die erste der drei Phasen, in der Schuldgefühle und Verunsicherungen entweder implantiert oder verstärkt werden müssen, um die Grundlage für die Bereitschaft zum Gesinnungswandel zu erzeugen.
Kurt Lewin und John Hay Whitney hatten beide, was in den Beschreibungen ihrer Viten deutlich wird, engen Kontakt zum OSS. Wahrscheinlich ist auch, dass sie einander kannten. Der eingewanderte Jude Lewin kam aus der deutschen Kultur, Whitney war ein prototypischer amerikanischer WASP.
Um John Hay Whitney angemessen zu würdigen, muss man sich einen Menschentypus vorstellen, für den es außerhalb von Amerika und in unserer Epoche kein zweites Beispiel gibt. Die bei ihm vorhandene Bündelung von Kompetenzen und gesellschaftlicher Stellung war von historischer Größenordnung.14
Er war superreich und pflegte den Lebensstil des alt eingesessenen Luxus. Er liebte wertvolle Rennpferde und Kunst. Wahrscheinlich liebte er die Pferde mehr als die Kunst. Er hielt sich gern auf Rennplätzen auf, um dort seine unbezahlbar teuren Pferde gewinnen zu sehen. Durch seine Arbeit in einer Investmentbank hatte er sich früh mit den Regeln der Finanzindustrie vertraut gemacht. Das war der Kulturbereich, den Adolf Hitler „das internationale Finanzjudentum“ nannte, um die Deutschen mit Hass gegen Feinde zu konditionieren und für seinen Krieg zu motivieren. Doch Whitney war kein Jude, sondern WASP.
Dann gab es noch seine Produzentenerfolge im Showbusiness, die eine Kompetenz zeigten, die wir mit dem harmlosen Wort „künstlerische Begabung“ bezeichnen würden. Doch diese künstlerische Begabung scheint bei Whitney nur eine selbstverständliche Nebensache gewesen zu sein. Denn dieser kunstkompetente Mensch aus der Gesellschaft der Superreichen wurde Direktor des New Yorker Museums of Modern Art (MoMA) und nutzte diese Funktion auf eine Weise, die weit über die Tätigkeit eines normalen Museumskurators hinausging. Denn am MoMA fädelte er eine Kooperation mit dem Geheimdienst OSS ein. In dieser Zusammenarbeit wurde die ikonologielose Malerei des Abstrakten Expressionismus zunächst entwickelt und dann auf Wanderausstellung in Südamerika und London vorgestellt. Die kunstdidaktische Botschaft der Ausstellungen lautete: Dies ist die wahre Kunst der Gegenwart. Die Wanderausstellungen wurden präsentiert in Regionen der Welt, die außerhalb der Kriegsschauplätze des Zweiten Weltkriegs lagen.
John Hay Whitney, der Initiator und Koordinator dieser kulturellen Globalisierungsstrategie, lebte in einer intellektuellen Berührungszone mit dem Nicht-WASP Kurt Lewin, der das entwickelte, was man im Volksmund „Gehirnwäsche“ nennt, und der die Pläne für die psychologische „Umerziehung“ Deutschlands entwickelte, die später, während der Nachkriegszeit, Deutschland veränderten. Was liegt da näher als in der Erzeugung des Abstrakten Expressionismus durch Whitney eine durchgeplante Kooperation mit dem Projekt „Gehirnwäsche“ von Lewin zu sehen.
Mit diesen gebündelten Kompetenzen gelang es Whitney, die kulturelle Metanoia des Kriegsfeindes Deutschland in die Wege zu leiten.15 Er promotete seine nihilistische Kunst ohne Inhalt durch Wanderausstellungen in Lateinamerika und England, um für die zukünftig besiegten Deutschen den Eindruck zu erwecken, dass es sich um eine Kunst handelte, die aus dem weltweiten Zeitgeist entstanden war und nicht aus den Umerziehungsplänen einer Krieg führenden Partei. Der Erfinder dieser Umerziehungspläne war kein fantasieloser Politiker und kein Armee-General, sondern ein Banker, Pferdeliebhaber, Filmproduzent und Museumskurator, der nicht nur professionelles Feeling für Theater und Kino hatte, sondern der auch im Stande war, die Arbeit eines Museumskurators mit einer Raffinesse durchzuführen, die von keinem Kurator des modernen Museumswesens jemals erreicht wurde.
Nach dem Sieg über Deutschland ging es dann, wie geplant, an die Umsetzung des Projekts „Gehirnwäsche durch Kunst in Deutschland“. Es wurde die periodische Ausstellung documenta gegründet. Sie wurde in Kassel angesiedelt, weil Kassel nur 30 Kilometer von der damaligen östlichen Grenze der westlichen Welt entfernt war. Hinter dieser Grenze, sie wurde auch „der Eiserne Vorhang“ genannt, befand sich der Einflussbereich der damaligen Sowjetunion. Kassel war folglich so etwas wie der vorgeschobene Posten der westlichen Kultur, die in amerikanischen Texten gern „die okzidentale Kultur“ genannt wurde.16
Die documenta fand alle vier bis fünf Jahre statt, sie war die erste von einem Staat kuratierte Ausstellung, die der sogenannten modernen Kunst gewidmet war. In der ersten Ausstellung im Jahr 1955 ging es um die Rehabilitierung jener Kunst, die von den Nazis entartet genannt worden war. Nach dieser Rehabilitierung der entarteten Kunst als Startprogramm wurde zum Abstrakten Expressionismus übergeleitet. Außer dem abstrakten Expressionismus wurden dann auch die nachfolgenden europäischen Varianten Art Informel, Tachismus etc. ausgestellt. Später wurden die documenta-Ausstellungen mehr und mehr zu Orten von Happenings, Events, Environments usw. Mehr und mehr herrschte die Attitüde von Marcel Duchamp mit der Ästhetik des Readymade. Es entstand die Kuratorpraxis, in der alles erlaubt war, und in der es nur, erstens, auf die Verfügungshoheit über die Ausstellungsräume ankam und, zweitens, auf die Deklarationshoheit, die so funktionieren musste wie die Duchamp-Erbsünde der Moderne. Gemeint ist die Deklaration: „Dieses Urinoir-Becken ist ein Kunstwerk“. Mit der Duchampschen Allmacht über die Kunstakzeptanz des Publikums hielt auch ein mehr und mehr alberner Sprachstil Einzug in den Kunstdiskurs.
Zusammenfassend kann man sagen: Nach einigen Staffeln von documenta-Ausstellungen war das Umerziehungsziel erreicht, das von der wertebezogenen nationalistischen Mobilisierungskunst der Nazis zur wertelosen nihilistischen Kunst des abstrakten Expressionismus und zum Nihilismus der kuratorischen Albernheiten à la Marcel Duchamp führte.
Da aber diese Entwicklung doch nicht ganz selbsterklärend war, entstand gleichzeitig mit dieser Entwicklung ein großer Bedarf Kunstvermittlern und Art-Influencern. In den Räumen der documenta wurden sogenannte Besucherschulen abgehalten. Außerdem traten prominente Art-Influencer in Erscheinung. Sie gaben der documenta das menschliche Gesicht, indem sie einen Lebensstil vorführten, der von vielen nachgeahmt wurde, und in dem die Kunst der wichtigste Lebensinhalt war. Es entstand ein Publikum, in dem das Prinzip der Kunst wirklich ernst genommen wurde, und zwar so ernst, dass daraus der Rest des Lebens abgeleitet wurde. Der Kunstbegriff wurde zum inneren Lebensstil.
