Niedermerz - Josefine Jordans - E-Book

Niedermerz E-Book

Josefine Jordans

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Beschreibung

Vom Sauerteigkneten in einer Schüssel, so groß, dass ein kleines Mädchen darin baden könnte, vom Hausmädchen Frieda, das immer so herrliche Geschichten erzählen konnte und vom Tagesbeginn morgens um fünf in der Backstube, wo man in die Flammen des Backofens schauen und sich ausmalen konnte, so ähnlich müsse es beim Teufel in der Hölle zugehen: In „Niedermerz“ wird die Vergangenheit lebendig. Josefine Jordans, 1946 geboren, hat im beschaulichen 600-Seelen-Dorf Niedermerz im Rheinland, wo ihr Vater stolzer Besitzer einer Bäckerei war, ihre ersten zehn Lebensjahre verbracht. In ihren ganz persönlichen Erinnerungen beschwört sie das Bild einer behüteten, aber auch ereignisreichen Kindheit herauf, wie sie in dörflicher Umgebung in den fünfziger Jahren typisch gewesen sein mag. Selten zuvor jedoch wurde davon mit solcher Liebe zum Detail berichtet: Mit einer Beobachtungsgabe, die im Lauf der Jahre nichts an Schärfe eingebüßt hat, erzählt sie von kindlichen Freuden und kleinen Schrecknissen – und davon, wie schön es ist, sich trotz aller Widrigkeiten stets geborgen im Kreise der eigenen Familie wissen zu können. „Beim Schreiben waren meine Empfindungen so stark, dass ich manchmal laut gelacht und manchmal auch leise geweint habe. Es gab viele Augenblicke, da glaubte ich, alles noch einmal zu erleben.“ Josefine Jordans (deren Familie immer noch die gleiche Bäckerei fortführt) hat neben „Niedermerz“ auch mehrere Kindergeschichten geschrieben – bisher noch unveröffentlicht –, sowie so manch andere Erzählungen, die ihr in stiller Stunde einfielen.

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Seitenzahl: 144

Veröffentlichungsjahr: 2021

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Inhaltsverzeichnis

Vorwort

Zu Hause in Niedermerz

Die Küche, das Zentrum des Hauses

Unser Speicher als Apfellager

Angst vor dem Gewitter

Vom Korn zum Brot

Morgens um fünf in der Backstube

Mein größter Weihnachtswunsch

Hausschlachtung mit Onkel Jakob

Mein Dackel Waldi

Unser Hausmädchen Frieda

Unsere Kuh bekommt ein Kälbchen

Rund um den Birnbaum

Onkel Heinrich aus Köln

Vier Wilddiebe

Maulwurfsjagd

Mein Opa, der Künstler

Backen für Kirmes

Von Oma und Opa kann man viel lernen

Oma macht sich schön

Blumen für die Oma

Opa Leonhards Tod

Die Heuernte

Kühe treiben

Getreideernte

Babysitter und Katzenmutter

Das Leben mit Kühen, Kälbern, Katzen, Hühnern

Klein Jakob wird gebadet

Der Traum vom eigenen Bruder

Die Dreschmaschine kommt

Ein grausamer Tod

Fronleichnam

Herr Gurgels hat große Wäsche

Tante Trautchen

Vetter Erich hat Leukämie

Eine Schüssel voller Ferkel

Feldarbeit

Onkel Josef wird frisiert

Auch Mädchen können Traktor fahren

Ferien in der Metzgerei

Volksschule in Niedermerz

Erstkommunionfeier

Puppentaufe

Der Nikolaus kommt

Puppenmütter

Den Opa eingesperrt

Erbstreit

Große Wäsche

Kirmes im Dorf

Beim Zahnarzt

Erholung im Kinderheim

Von Glücksburg nach Kopenhagen

Wieder daheim

Nachwort

Vorwort

Es war im Frühjahr 1992 in Hamburg im Alsterpavillon. Wer Hamburg nicht kennt: Die Alster fließt mitten durch die Stadt und ist geteilt in Binnen- und Außenalster.

Der weltbekannte Jungfernstieg liegt direkt an der Binnenalster, die dort gestaut wird und einen kleinen See bildet. An den Ufern entlang kann man stundenlange Spaziergänge unternehmen. Zur einen Seite Wasser, auf dem die flachen Rundfahrtboote und Segler fahren, und zur anderen Seite große Luxushotels und teure, exklusive Geschäfte und Restaurants. Direkt am Jungfernstieg, einer sehr verkehrsreichen Straße, liegt der Alsterpavillon unmittelbar am Ufer der Binnenalster. Ich saß an einem Fenstertisch, schaute auf die Alster hinaus und wartete auf eine Freundin. In Gedanken war ich zu Hause und überlegte, was alles zu erledigen wäre, wenn ich nach Hause käme. Was mir einfiel, schrieb ich auf einen kleinen Block, damit ich es ja nicht wieder vergessen würde.

Plötzlich stand ein älterer Herr, mager, groß, etwa Ende sechzig, an meinem Tisch und fragte: „Entschuldigen Sie, ich habe Sie beobachtet, Sie schreiben. Sind Sie Schriftstellerin?“

Mit einem Lächeln gab ich zurück: „Nein, warum meinen Sie das?“

„Ach, ich sah, wie Sie schrieben, und dachte, Sie wären eine Kollegin“, sagte der alte Herr etwas enttäuscht.

„Leider nicht“, versicherte ich. „Ich habe zwar schon mal ein Gedicht geschrieben und ein Theaterstück angefangen, aber das ist alles.“

„Haben Sie denn Phantasie und möchten Sie gern schreiben?“, fragte er, noch immer an meinem Tisch stehend.

„Oh ja, ich glaube schon, dass ich Phantasie habe, und schreiben möchte ich auch gerne. Aber mir fehlt im Augenblick die Zeit dazu. Vielleicht später einmal, wenn ich älter bin und Rentnerin, dann werde ich versuchen zu schreiben.“

„Das ist kein guter Vorsatz. Wenn Sie schreiben möchten, dann schreiben Sie jetzt. Wenn man älter wird, sind die Phantasie und der Verstand nicht mehr so frisch und jung, und es fällt immer schwerer, etwas Vernünftiges zustande zu bringen. Wie gesagt, wenn Sie schreiben wollen, dann schreiben Sie jetzt.“

Als er mich wieder verlassen hatte, schien es mir, als habe er auf seiner Suche nach etwas Gesellschaft bedauert, in mir keine Schriftstellerin gefunden zu haben.

Als mir später seine Worte durch den Kopf gingen, habe ich es sehr bereut, dass ich ihn nicht gebeten hatte, sich zu mir zu setzen, um ein wenig länger zu plaudern. Er war bestimmt sehr einsam.

Seit dieser seltsamen Begegnung stand mein Entschluss fest, mit dem Schreiben nicht zu warten, bis ich 60 Jahre oder älter bin, denn wenn man sich die Zeit nicht nimmt, hat man sie nie.

Wenige Zeit später begann ich, die Erlebnisse meiner Kindheit, an die ich mich noch sehr gut erinnere, aufzuschreiben. Es war unwahrscheinlich: Es fielen mir Dinge ein, die ich mit gut drei Jahren erlebt hatte. Schon nach der ersten Geschichte überschlugen sich meine Gedanken so sehr, dass ich Mühe hatte, alles zu Papier zu bringen.

Doch nun liegt es an Ihnen, lieber Leser, meine Erzählungen einmal aus der Sicht des Kindes zu sehen und manchmal aus der gegensätzlichen Sicht eines Erwachsenen.

Zu Hause in Niedermerz

In einem kleinen Ort im Rheinland mit etwa 600 Einwohnern, einer Kirche, einer zweiklassigen Schule, in der zwei Lehrpersonen je vier Schuljahre unterrichteten, zwei „Tante-Emma-Läden“ und zwei Bäckereien erlebte ich meine Kindheit. Meine Eltern waren stolze Besitzer einer der Bäckereien, die mein Vater von seinem Vater, meinem Großvater, und der wiederum von seinem Vater, meinem Urgroßvater, übernommen hatte.

Wie früher üblich hatten wir auch drei Kühe im Stall, zwei Pferde, die den Bäckerwagen ziehen mussten, Kaninchen, Schweine und Hühner. Direkt nebenan wohnten Oma Josefine und Opa Leonhard, die Eltern meines Vaters, und dessen zwei Brüder. Onkel Heinrich bewirtschaftete mit Tante Maria eine große Obstplantage und Onkel Hubert besaß einen Bauernhof. Seine Frau, Tante Leni, war eine große, kräftige und hübsche Person. Mit ihren großen, dunklen Augen und ihren lockigen, pechschwarzen Haaren erinnerte sie ein wenig an eine Zigeunerin. Hubert und Leni hatten zwei Kinder. Die Tochter hieß Mia. Sohn Leo war nach unserem Großvater Leonhard benannt.

Meine um vier Jahre ältere Schwester Ingrid spielte nur selten mit uns. Sie ging schon zur Schule und musste in der Bäckerei und im Haushalt mithelfen. Mia, Leo und ich, manchmal auch noch Nachbarskinder, spielten die meiste Zeit auf dem Bauernhof und in den angrenzenden Wiesen. In der Bäckerei meiner Eltern arbeiteten ein Bäckergeselle und zwei bis drei Frauen, die überall da mithalfen, wo die meiste Arbeit anfiel. Unser Haus war sehr groß mit vielen Zimmern. Da die Angestellten zu der Zeit wenig verdienten und kein Auto hatten, wohnten sie die Woche über bei uns.

Alle Schlafzimmer, nämlich das meiner Eltern, unser Kinderzimmer und die Zimmer der Angestellten, befanden sich auf der ersten Etage. Ein Badezimmer gab es im Erdgeschoss. Aber dort wurde der Ofen nur am Samstag geheizt, wenn alle nacheinander badeten.

Hochzeitsfoto meiner Eltern Franz und Maria Bremen

Zur Straße hin im Erdgeschoss befanden sich zwei hintereinander liegende Wohnzimmer, die aber nur am Sonntag benutzt wurden. Neben dem Eingang auf der anderen Seite des Hauses lag der Laden. Er war nur halb so groß wie das Wohnzimmer. Aber er reichte aus für die wenigen Kunden, die am Tage kamen. Ich kann mich nicht erinnern, dass er einmal voller Kunden gestanden hätte oder jemand hätte lange warten müssen.

In unserer Straße wohnte ein mongoloider Junge namens Josef. Er war etwa 18 Jahre alt und sehr kräftig, tapsig und unbeholfen. Meine Mutter mochte ihn wohl nicht besonders, weil er sie von der Arbeit abhielt. Wenn er sich langweilte, kam er oft in unseren Laden. Josef hatte Angst vor Hunden. Das wusste meine Mutter. Wenn sie ihn schnell loswerden wollte, bellte sie laut wie ein Hund aus der angrenzenden Küche. Josef ließ sich eine Zeit lang dadurch täuschen und nahm Reißaus. Bis er durch Zufall bemerkte, dass da kein Hund, sondern die Bäckersfrau bellte. Da rief er laut: „Tante Wauwau!“ Dabei tanzte er vor Freude und schwang seine dicken Arme hin und her. Wir lachten alle laut und herzlich. Josef bekam ein paar Bonbons und hüpfte die Straße hinunter nach Hause

Die Küche, das Zentrum des Hauses

Hinter dem Laden lag unsere Küche. Sie war einfach, aber wohnlich eingerichtet und mit kleinen roten und weißen Kacheln gefliest. Durch ein großes Fenster konnte man in die Veranda schauen, heute würde man Wintergarten sagen. Unter dem Fenster standen eine lange Holzbank und ein großer Tisch mit Stühlen, an dem jeden Morgen und jeden Mittag alle zusammen aßen. Vor der Mahlzeit warteten wir Kinder, bis die Eltern und alle Angestellten Platz genommen hatten. Dann betete mein Vater ein kurzes Tischgebet, und erst jetzt durften wir anfangen zu essen. Einmal hatten wir einen Gesellen, der evangelisch war. Uns Kindern erschien es komisch, dass er beim Tischgebet die Hände anders faltete als wir.

Wir besaßen damals schon einen Kühlschrank, der aber nicht so leise war wie die Kühlschränke von heute. Beim Spielen warf ich einmal aus Versehen meinen großen Teddy dagegen. Im gleichen Augenblick sprang der Motor des Kühlschranks an. Den Schrecken, der mir da in die Glieder gefahren ist, glaube ich heute noch zu spüren. Auch eine Nähmaschine, ein brauner Küchenschrank, in der Mitte mit Scheiben und einer Ablage darunter, hatten ihren Platz in der Küche. An der Wand zur Backstube standen zwei Herde, ein großer Kohlenherd und ein Elektroherd. Mein Vater hat oft mit meiner Mutter geschimpft, wenn sie wieder einmal vergessen hatte, eine Platte auszuschalten. Es war ja auch eine Umstellung vom Kohlenherd ohne Schaltknöpfe auf den Elektroherd. Das meiste wurde aber auf dem Kohlenherd gekocht, der mit Holz und Briketts gestocht wurde. Wenn die Glut sehr stark war, wurde die Herdfläche oft feuerrot. Dann nahm meine Mutter mit einem Eisenhaken Ring für Ring über der Glut weg und setzte den Topf oder den Wasserkessel auf die Öffnung, damit die Hitze unmittelbar an den Kessel kam und dieser dann umso schneller kochte. Auf diesem Herd wurde nicht nur das Mittagessen gekocht. Montags stand ein riesiger Waschkessel mit Kochwäsche darauf. Auch der Reisbrei für unsere Reisfläden und das Obst für die Obstfläden wurden hier gekocht. Das Obst, das nicht sofort verbraucht werden konnte, wurde in 2- oder 3-Liter-Einmachgläser gefüllt und anschließend im Einmachkessel auf dem Herd zugekocht. Das war viel Arbeit für meine Mutter und die Hausmädchen. Zu jener Zeit gab es noch kaum Obstkonserven. Zudem hatten wir Äpfel, Birnen, Pflaumen, Kirschen und Stachelbeeren aus den eigenen Wiesen und Gärten. Es wäre ein Frevel gewesen, dieses Obst nicht einzukochen. Jeder Baum und Strauch wurde bis zur letzten Frucht abgeerntet. Selbst das Fallobst wurde aufgelesen und verwertet.

Nachmittags, wenn die Arbeit in der Backstube beendet war, zog mein Vater mit den Gesellen zur Wiese, dem „Paußhof “. Die Apfelbäume dort waren so hoch, dass sie riesig lange Holzleitern brauchten, um die leckersten Äpfel aus den Baumkronen pflücken zu können. Mit viel Geschick balancierte mein Vater die schwere Leiter senkrecht von einem Ast zum andern. Die eine Hand an einer Sprosse ziemlich unten, die andere etwa drei Sprossen höher, hob er die Leiter alleine hoch und setzte sie etwas schräg an einen dicken, sicheren Ast. Mit einem Henkelkorb aus Weide in der Hand kletterte er die Leiter hinauf. Oben hängte er den Korb mit einem Fleischerhaken an der Leiter ein. Schnell war er gefüllt mit dicken Boskopäpfeln. Sie waren lange lagerfähig und ließen sich zu einem sehr aromatischen, leckeren Kompott verarbeiten. Mit gefüllten Körben gingen wir in der Abenddämmerung heim. Doch vorher mussten die Leitern noch gelegt werden, denn bei einem Sturm hätten sie ja umfallen können. Zwei Männer waren dafür nötig. Einer stellte seinen Fuß auf die untere Sprosse und hielt mit beiden Händen die Leiter fest, der zweite Mann ließ mit erhobenen Händen Sprosse für Sprosse langsam die Leiter zu Boden. Was so leicht aussah, erforderte viel Geschick. Es geschah auch schon einmal, dass dieses Manöver misslang. Dann hieß es blitzschnell zur Seite springen.

Unser Speicher als Apfellager

Ein Großteil der Äpfel und Birnen, die im Herbst auf dem Paußhof geerntet wurden, lagerten wir auf dem großen Speicher unseres Hauses. Der Fußboden war aus Beton. Das war schon fortschrittlich, da die meisten Decken in den Häusern noch aus Holz und Lehm bestanden. Zwischen den Dachziegeln pfiff der Wind, wenn es draußen stürmte und schneite. Gefroren ist unser Obst allerdings nie; denn bei starkem Frost wurden die Äpfel und Birnen mit Papier und Säcken abgedeckt. Ab und zu wurde das Obst „ömjeraaf“, das heißt aussortiert und neu aufgeschichtet. Abends, wenn meine ältere Schwester Ingrid und ich im Bett lagen, fielen uns plötzlich die großen Obstvorräte auf unserem Speicher ein. Leise schlichen wir uns eine Treppe höher auf den Speicher. Vorsichtig traten wir auf die Seiten der Holzstufen, da knarrte es weniger. Hörte Mutter uns nämlich, dann schimpfte sie mit uns, weil wir immer noch nicht schliefen. Oben angekommen, lag vor uns eine wahre Pracht und Vielfalt von Äpfeln. Boskop, die etwas sauer, aber am längsten haltbar waren, gaben einen sehr leckeren Kompott für unsere Fläden. Sternrenetten waren dunkelrot mit kleinen weißen Pünktchen, die aussahen wie Sterne. Sie hatten weißes, festes Fleisch und waren etwas süßer. Mir schmeckten die Cox Orange am besten. Sie waren sehr saftig und etwas säuerlich. Ingrid aß am liebsten einen sauren Boskop. Schon auf dem Speicher wurde ein Apfel vertilgt, einen zweiten nahmen wir mit für später. Licht aus, Türe zu und wieder ab ins Bett. Die Äpfel schmeckten köstlich. Nicht gewaschen, sondern nur ein wenig am Bettlaken oder Schlafanzug abgerieben, bissen wir voll zu. Wer hatte den größten Biss? Das war meistens meine Schwester. Doch die Hauptsache war: Die stibitzten Äpfel schmeckten hervorragend.

Angst vor dem Gewitter

Jeden Abend wurde Sauerteig zubereitet. Dabei durfte ich mitmengen, wenn ich Lust dazu hatte. Mein Vater hob mich auf den Tisch und ich kniete vor der riesengroßen Schüssel, in der ich hätte baden können. Er schob mir beide Pulloverärmel ganz hoch, sodass ich mit beiden Händen in dem weichen, warmen Brei aus Wasser und Schrot kneten konnte. „Du musst auch ganz unten in den Ecken graben, damit der Schrot auch dort mit Wasser vermengt wird“, belehrte mich mein Vater. Diese Worte klingen bis heute in meinem Ohr.

Ich durfte jedes Mal sehr lange und gründlich mengen, bis keine Knoten mehr da waren. Zur Probe ließ ich dann den Sauerteig zwischen meinen Fingern langsam in die Schüssel laufen. Es war ein herrliches Gefühl, mit beiden Armen bis zum Ellenbogen in dem lauwarmen Brei zu mengen. Bei jedem Rühren in einer Schüssel gehe ich heute noch automatisch immer ganz unten am Rand vorbei. Dann werden meine Kindheitserinnerungen wieder lebendig.

An einem anderen Tag zog sich der Himmel zu und es gab ein fürchterliches Gewitter. Mein Vater merkte, dass ich große Angst vor dem hellen Blitz und dem lauten Donner hatte. Er nahm mich auf seine Arme und trug mich zu dem großen Backstubenfenster, von dem aus wir das Gewitter gut beobachten konnten. Die kleinen Arme fest um seinen Hals geschlungen, bibberte ich ein wenig. „Du brauchst keine Angst zu haben, hier kann dir nichts passieren“, sagte er mit ruhiger Stimme und strich mir dabei übers Haar. „Siehst du, gleich blitzt es wieder“, und tatsächlich, es zuckten lange grelle Blitze am Himmel, einer nach dem anderen. Meine Angst war in seinen Armen schon viel weniger geworden. Er erklärte mir: „Die großen dunklen Wolken da oben stoßen zusammen. Dabei gibt es einen elektrischen Blitz, ähnlich wie in einer Lampe, und kurz darauf hörst du den Donner. Je weiter das Gewitter von uns entfernt ist, desto später donnert es; denn der Schall braucht eine Zeit, bis er bei uns ankommt. Wenn du zwischen Blitz und Donner langsam bis zehn zählen kannst, ist das Gewitter zehn Kilometer von dir entfernt.“

Das bin ich, an dieses blaue Stickkleid mit dem weißen Bommel kann ich mich noch erinnern

Je länger mein Vater mit seiner tiefen, ruhigen Stimme zu mir sprach, desto mehr schwand meine Angst, die sogar langsam in Staunen und Faszination überging. „Der Blitz schlägt immer im höchsten Punkt ein. Hier im Haus kann dir nichts passieren. Wir haben einen Blitzableiter auf dem Dach, dessen Leitung bis in die Erde geht. Wenn du mal bei einem Gewitter unterwegs auf freiem Feld bist und weit und breit kein Baum und Strauch zu sehen ist, musst du dich einfach auf den Boden in eine Furche legen. Unter einem hohen Baum kann es auch gefährlich sein. Wenn der Blitz in den Baum einschlägt, kannst auch du getroffen werden. Ebenso kann ein herabstürzender Ast dich verletzen.“ Vater stand noch lange mit mir am Fenster, und ich fühlte mich in seinen Armen sicher und geborgen.

Mein Vater war für mich immer der stärkste Mann, den ich kannte. In der Backstube neben der Küche hob er mich manchmal mit einer Hand so hoch, dass ich die Decke mit meinen Händen berühren konnte, wenn ich sie ausstreckte. Es war wunderbar, von einer so starken Hand in die Luft gestemmt zu werden, ohne sich irgendwo festhalten zu müssen. Es war ein wenig wie Schweben.

Vom Korn zum Brot

Über der Backstube befand sich das Mehlzimmer. Die Bauern brachten nach der Ernte den Roggen zu uns. Er war in Jutesäcken abgefüllt, die ungefähr einen Doppelzentner wogen. Die Bauern, mein Vater und auch die Gesellen schleppten unter lautem Stöhnen und rot angelaufenen Köpfen die 100-Kilo-Säcke die Treppe hinauf. Zum Nachtrocknen wurde das Korn gleichmäßig etwa einen halben Meter hoch auf den Betonboden geschüttet. Ob mein Vater es mir erlaubt hatte, weiß ich nicht mehr, aber ich hatte ruck, zuck meine Schuhe und Strümpfe aus und stapfte durch das ausgeschüttete Getreide. Es war ein schönes Gefühl, bis zu den Knien im Korn zu versinken. Langsam zog ich ein Bein aus dem Körnerhaufen und genauso langsam versenkte ich es wieder. Die Körner kribbelten an meinen Beinen hoch. Manchmal bekam ich das Übergewicht und landete der Länge nach im Getreide. Schöner als Sand, schöner als Wasser! Solche Gefühlseindrücke bewahrt man für sein ganzes Leben.