Niemand da - Ingvar Ambjørnsen - E-Book

Niemand da E-Book

Ingvar Ambjörnsen

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Beschreibung

Eine Hütte am Meer, die Tür schlägt im Wind, gerade erst scheint noch jemand hier gewesen zu sein. Zwei Jungen treten ein, um nachzusehen. Was sie dann tun, werden sie sich ihr ganzes Leben lang nicht erklären können. – In die Unterwelt einer Kneipe, in der die Halb- und Scheintoten vor sich hintrinken, steigt man am besten nur gelegentlich hinab. Doch was, wenn dieses Schattenreich einen auch zu Hause heimsucht? – Ein einsamer Wanderer und Hütteneinbrecher findet sich unfreiwillig in menschlicher Nähe wieder: In der benachbarten Hütte wohnen eine Frau und ein Junge, der nicht spricht. Zwischen ihnen entsteht eine mystische, aufgeladene Kommunikation. – Auf einer Ostseefähre fällt der Strom aus, der Kiel schrammt über den Grund – Katastrophe oder Einbildung? In Ingvar Ambjørnsens Erzählungen spiegelt sich Vergangenes im Gegenwärtigen, sind Menschen auf der Flucht und suchen Zuflucht, wärmen sich am Feuer, bevor sie in ihre Einsamkeit zurückkehren. Zwischen tiefer Empathie und einem unbestechlichen Blick für die Komik des Daseins leuchtet Ingvar Ambjørnsens ganzer literarischer Kosmos noch einmal auf. Ingvar Ambjørnsens letztes Buch erschien in Norwegen kurz vor seinem Tod im Sommer 2025. Zu seinem 70. Geburtstag am 20. Mai ist es nun, erweitert um fünf bisher auch in Norwegen noch unveröffentlichte Erzählungen, auf Deutsch zu lesen.

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

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Seitenzahl: 275

Veröffentlichungsjahr: 2026

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INGVAR AMBJØRNSEN(1956–2025) war einer der bedeutendsten norwegischen Autoren der Gegenwart, ausgezeichnet mit zahlreichen Literaturpreisen. Mit den Elling-Romanen gelangte er zu Weltruhm. Seit 1988 sind elf Bücher auf Deutsch bei Nautilus erschienen, zuletzt 2019 Echo eines Freundes – stets in der Übersetzung seiner Frau Gabriele Haefs. Seit 1985 lebte Ingvar Ambjørnsen mit ihr zusammen in Hamburg. Im Juli 2025 ist er nach langer Krankheit in Norwegen gestorben.

GABRIELE HAEFS(*1953) studierte Volkskunde, Sprachwissenschaft, Keltologie und Nordistik an den Universitäten Bonn und Hamburg, Promotion 1982 in Hamburg. Seit den 1980er Jahren ist sie Herausgeberin und Übersetzerin aus dem Norwegischen, Dänischen, Schwedischen, Englischen und Irischen. Sie übersetzte u. a. Jostein Gaarder, Anne Holt, Sigrid Undset, Selma Lagerlöf, Knut Hamsun und Rick Riordan und erhielt für ihr übersetzerisches Werk zahlreiche Auszeichnungen.

Die Originalausgabe des vorliegenden Buches erschien unter dem Titel Sorgen i St. Peter Ording bei Cappelen Damm, Oslo 2025. Sie wurde für die deutschsprachige Ausgabe um fünf bisher unveröffentlichte Erzählungen ergänzt.

©Gabriele Haefs, 2025

Die Erzählung »Rotes Totem« ist bereits erschienen in: Hamburger Ziegel #18, Mairisch Verlag, Hamburg 2023; die Erzählung »Ganz unten« in: Hamburg Noir, hg.v. Jan Karsten, CulturBooks, Hamburg 2023.

Diese Übersetzung wurde mit finanzieller Unterstützung durch NORLA veröffentlicht.

Edition Nautilus GmbH

Schützenstraße 49a

22761 Hamburg

www.edition-nautilus.de

[email protected]

Alle Rechte vorbehalten, ausdrücklich auch die Nutzung dieses Werks für Text- und Data-Mining im Sinne von § 44b UrhG

©Edition Nautilus 2026

Deutsche Erstausgabe März 2026

Umschlaggestaltung: Maja Bechert

www.majabechert.de

Satz: Corinna Theis-Hammad

www.cth-buchdesign.de

Porträt des Autors auf Seite 2:

©Tine Poppe

1. Auflage

ePub ISBN 978-3-96054-482-1

INHALT

GELEITWORT

VERWÜSTUNG

ROTES TOTEM

COLOR MAGIC

GANZ UNTEN (HOHELUFT)

DIE NACHTWACHE

DER KREIS SCHLOSS SICH

DIE TRAUER IN ST. PETER-ORDING

VERBRECHEN UND SPANNUNG

SCHLAG

DIE MÄUSE

DER BERG RUFT

TOTER HUND [unvollendet]

GELEITWORT

»Niemand da« ist ein passender Titel für dieses Buch, das auf Norwegisch »Die Trauer in St. Peter-Ording« heißt – der Autor ist ja auch nicht mehr da. Ingvar Ambjørnsen ist am 19. Juli 2025 gestorben. Die sieben ersten Geschichten in diesem Buch sind die letzten, die er in seinem Leben noch vollenden konnte. In Norwegen ist Die Trauer in St. Peter-Ording Ende Juli erschienen, nicht einmal zwei Wochen nach seinem Tod. Er konnte das fertige Buch nicht mehr in die Hand nehmen, hat aber das Cover gesehen und war damit sehr zufrieden. Als er am ersten Tag im Krankenhaus (das er danach nicht mehr verlassen konnte) erfuhr, dass die Edition Nautilus auch dieses Buch auf Deutsch herausbringen würde, war er richtig glücklich darüber. Zu diesem Zeitpunkt stand noch längst nicht fest, dass alles so schnell gehen und dass es sein letztes Buch sein würde. Jedenfalls das letzte, dem er den endgültigen Schliff verpassen konnte, denn Ingvar hat einen reichen Vorrat an halb und fast fertigen Manuskripten hinterlassen, die noch längst nicht alle gesichtet sind.

Der deutsche Titel aber dieses letzten Buches ist anders als der norwegische, wie gesagt. Das liegt zum einen daran, dass der Ort St. Peter-Ording – einer von Ingvars absoluten Lieblingsorten – in Norwegen total unbekannt ist und keinerlei Assoziationen zu Nordseestrand und Stelzenhäusern abruft. Und das deutsche Buch enthält einige weitere Erzählungen aus seinem Nachlass. Vier davon waren abgeschlossen, aber eigentlich für andere Buchprojekte vorgesehen, aus denen nun nichts mehr werden kann. Die fünfte, »Toter Hund«, ist unvollendet, was wirklich ein Elend ist – sie beginnt so spannend und auch ein wenig komisch: Der Ich-Erzähler erschießt den nervigen Hund des verhassten Nachbarn und legt sich erst mal wieder schlafen, zufrieden mit sich und seiner Tat und in dem Bewusstsein, dass die ganze Nachbarschaft ihm dankbar sein würde, wenn sie nur wüsste, dass er es war. Das Ganze entwickelt sich dann aber von der Nachbarschaftsfarce zu einem erotischen Viereckdrama (mindestens) – immer wieder hat Ingvar an dieser Geschichte Fragmente angefügt, nirgendwo aber gibt es eine Notiz dazu, wie das alles enden sollte. Vielleicht hat irgendwann ein Freund oder eine Kollegin eine Idee, wie es ausgehen könnte …

An der Geschichte »Verbrechen und Spannung« über die Begegnung mit dem Krimiautor ist so ungefähr alles gelogen (also nicht nach real existierenden Vorbildern suchen), nur hatte Ingvar den Krimiboom total satt und beschloss, selber nie wieder einen Krimi zu schreiben. Dass man nicht nach real existierenden Vorbildern suchen sollte, gilt auch für »Die Mäuse« und »Schlag«, und doch wirken beide wie selbst erlebt – eine echte Mäuseinvasion allerdings wurde vor Jahren ganz schnell dadurch beendet, dass zwei Kater bei uns einzogen. Die Geschichte »Der Berg ruft« hat in gewisser Weise einen Bezug zu St. Peter-Ording – dieser Ort ist ein Paradies für Drachenflieger, ganz anders als die schroffen norwegischen Felswände. Die Idee zu dieser Erzählung aber kam Ingvar eben in St. Peter-Ording, als ein Drachenflieger, dem wir gerade zusahen, urplötzlich abstürzte, dann aber triefend und fluchend aus eigener Kraft an Land kommen konnte. Der blinde Pianist Otto Gjedde aus »Der Berg ruft« tritt bereits in einem früheren Roman auf, Eine lange Nacht auf Erden. Da heißt er allerdings Claes Otto und ist überhaupt nicht blind. Sein Leben als Blindenimitator sollte das Thema eines weiteren Romans werden. Aber dazu ist es nun nicht mehr gekommen.

Eine Rezensentin hat die sieben Erzählungen in der norwegischen Ausgabe bezeichnet als »eine Art Wunder … schwarze Perlen auf einer Schnur«. Das gilt sicher auch für die anderen fünf Geschichten in der deutschen Ausgabe.

Gabriele Haefs, im November 2025

VERWÜSTUNG

Der Schlüssel passte nicht. Das war mein erster Gedanke. Dass der Alte mir den falschen Schlüssel gegeben hatte. Aber dann musste ich an damals denken, als Asle und ich zusammen hier an dieser Adresse gewohnt hatten. Schon damals war das Schloss widerspenstig gewesen. Ich steckte mir den Schlüssel in den Mund. Zog die Tür zu mir hin und machte noch einen Versuch. Nun ließ sich der Schlüssel ins Schloss schieben. Gleich darauf stand ich in der Diele.

Zum Glück roch es nicht nach Tod und Verderben. Nur nach normalem Verfall. Stinkender Abfall. Alter Zigarettenrauch. Muffige Luft. In der Küche: zwei ungespülte Essteller und ein Kochtopf mit zwei schimmeligen Kartoffeln. Im Wohnzimmer einige leere Pizzaschachteln auf dem Boden neben dem Fernsehsessel. Unordnung. Volle Aschenbecher. Leere Flaschen und Bierdosen. Das Schlafzimmer, das einmal meins gewesen war, war vollgestopft mit Kartons und allerlei nicht mehr benutztem Kram. Ein Trainingsfahrrad. Eine Nähmaschine. Elektronische Wrackteile aller Art. Sein Schlafzimmer: ein ungemachtes Bett und ein Klamottenchaos.

Ich bedauerte schon, dass ich bei dem hier zugesagt hatte.

Eigentlich war es mir egal. Ich konnte es nicht einmal vor seiner alten Mutter verheimlichen. Asle und ich waren beide über fünfzig. Wir waren alt genug zum Sterben.

Aber okay. Nun war es getan. Er war nicht hier.

Ich rief im Pflegeheim an und teilte mit, dass er am Leben war oder anderswo tot herumlag.

Im Kühlschrank fand ich eine halbe Flasche Wodka. Ich kippte einen Schuss in ein Wasserglas und ging zurück ins Wohnzimmer. Ich war müde und hatte alles satt, und draußen auf dem Hinterhof hörte ich Flügelschlag und Gackern. Die eine Mülltonne war überfüllt, der Deckel stand weit offen. Eine Schar von Sturmmöwen riss und zerrte an einer Plastiktüte, die offenbar Essensabfälle enthielt.

Die schimmeligen Kartoffeln im Kochtopf. Das ungemachte Bett. Die Möwen, die um ihr Leben schrien und kämpften. Ich falle zurück, es ist so lange her, aber nun quillt es wieder in mir hoch. Wir sind zu zweit. Wir sitzen im Halbdunkel in einer feuchten und kalten Hütte, es ist Herbst, herbstlicher Wind, rau und ekelhaft, draußen und drinnen. Wir sitzen in unseren Schlafsäcken da und essen. Später gehen wir nach draußen. Es wird jetzt richtig dunkel. Wir wandern am Strand entlang und haben ein Fernglas um den Hals hängen, auch wenn man kaum eine Armlänge weit sehen kann. Graues Meer und grauer Himmel. Die Ferngläser sind ein Teil von uns, wir hängen sie um, wenn wir hinausgehen, selbst jetzt, wo man kaum etwas sehen kann. Hier stehen wir nun und hören den Vogelzug, das Geschrei aus tausenden von Kehlen in der Dämmerung über uns, und das Schlagen der Wellen gegen die Steine weiter draußen. Schwere Seufzer, wieder und wieder. Niemand ist hier unterwegs. Die Feriengäste sind nach Hause gefahren. Die Hütten stehen leer und verlassen da. Nirgendwo ist auch nur ein Licht zu sehen. Nur wir zwei, die das Wochenende hinter diesen schimmeligen Wänden irgendwo im Wald verbringen.

Übertreibe ich das Elend? Irre ich mich, wenn ich mich zu erinnern glaube, dass wir nachts froren? Dann tue ich das sicher, um leichter verstehen zu können, was passiert ist. Was wir getan haben. Denn wir waren nette Jungs, die keine aufsehenerregenden Sachen anstellten. In meiner Erinnerung gingen die Pöbelstreiche auf das Konto anderer. Man hörte die Erwachsenen über Schandtaten reden, aber die spielten sich an anderen Orten ab, in anderen Stadtteilen. Diese Berichte waren sozusagen Reportagen aus dem Sinnlosen. Vielleicht dem Bösen. Allem, was nichts mit uns zu tun hatte.

Warum also werden wir an diesem Abend zu Einbrechern? In einer Hütte, an der wir schon viele hundert Male vorbeigekommen sein müssen? Denn wir treiben uns hier draußen schon herum, seit wir kleine Jungs waren, mit Fernglas und Vogelerkennungsbuch, mit Butterbroten und Kakao in der Thermosflasche. Wir kennen alle Häuser und Hütten hier in der Gegend, und nie sind wir auf den Gedanken gekommen, uns an fremdem Eigentum zu vergreifen.

Übrigens brechen wir gar nicht ein. Eine Tür schlägt im Wind hin und her. Wir hören das zuerst als unrhythmische Schläge in der Dunkelheit. Ab und zu ein Schlag, irgendwo ist eine Tür nicht richtig zugemacht worden, ein disharmonischer Kontrast zu dem festen Rhythmus des Meeres und der Steine dort draußen. Es ist auch nicht sehr schwer, diese Tür zu finden, denn die Hütten stehen hier weit auseinander.

Wir erreichen die Tür und schließen sie. Offenbar ist hier jemand aufgebrochen, ohne abzuschließen. Wir können die Erwachsenen informieren. Morgen auf einem Bauernhof irgendwo hier Bescheid sagen. So denken wir. Ich kann mich noch immer an dieses Gefühl von Stolz erinnern, von erwachsenem Verhalten, an den Stolz darauf, für Ordnung gesorgt, Verantwortung übernommen zu haben. Ja, wir waren zwei Jungen, die Bescheid sagten. Sie waren zufällig vorbeigekommen. Als sie unterwegs waren, um die Zugvögel zu beobachten, und als sie dann hörten, dass die Tür im Wind hin- und herschlug. Sie haben dafür gesorgt, die Hütte zu sichern. Haben eingegriffen.

Aber dann öffnen wir diese Tür wieder. Vielleicht, um uns davon zu überzeugen, dass hier niemand Hilfe braucht. Denn haben wir nicht von plötzlichen Krankheiten gehört, von denen die Erwachsenen überwältigt werden können? Gehirnschlag? Herzstillstand? Ist hier jemand? Nein. Niemand. Im Schlafzimmer stehen zwei ungemachte Betten, und in der Küche die Überreste einer Mahlzeit. Eine halbe gebratene Makrele liegt im erstarrten Fett in einer Pfanne. Ein Stück Blumenkohl und zwei Kartoffeln in einem Kochtopf.

Natürlich verlassen wir die Hütte nach dieser Entdeckung, denn hier sind ja Leute, wenigstens in der Nähe. Sie haben einfach einen Nachmittagsspaziergang gemacht, so muss es sein. Wir kehren zurück zu unserem eigenen Elend. Einer eiskalten Hütte voller Schimmel, schmutzigem Geschirr, Spinngeweben und toten Fliegen. Die feuchten Wände scheinen die Wärme in sich aufzusaugen. Wir machen Feuer im Kamin, aber auch das Holz ist feucht, es gibt nur halbherzige Flammen in den Kiefernscheiten, die wir hereintragen, sie liegen im Kamin und zischen, während wir Karten spielen und über Vögel reden.

Aber natürlich. Wir staunen ja auch über diese Tür, die wir offen vorgefunden haben, nicht nur nicht abgeschlossen, sondern im Wind hin- und herschlagend. Und spät am Abend ist die Neugier zu stark, wir gehen zurück, wir wollen nur schnell nachsehen, das ist alles. Allerhöchstens werden wir anklopfen und sagen, dass wir diese Tür vorgefunden haben, wie sie im Wind hin- und herschlug. Nur mitteilen, dass wir das waren, die die Tür zugemacht haben – oder vielleicht in aller Stille in der Dunkelheit vorübergehen.

Alles ist unverändert. Dunkle Fenster. Nicht einmal die Lampe über der Tür brennt. Und dann stellt sich der Gedanke ein, unsere gemeinsame Vorstellung davon, was passiert sein kann, dass einer von beiden hier sich nicht wohlgefühlt hat, dass sie deshalb mit dem Auto in die Stadt gefahren sind, zum Krankenhaus, weil sie Hilfe brauchten. Und in dieser hektischen Situation vergessen sie, die Tür abzuschließen, ja, sie ziehen die Tür nicht einmal richtig hinter sich zu.

Wenn wir das glauben, warum gehen wir dann ein weiteres Mal hinein? Das kann ich nicht erklären. Daran kann ich mich nicht erinnern. Aber plötzlich stehen wir zum zweiten Mal in der Hütte, wir machen sogar Licht. Es kann durchaus sein, dass wir beschließen, auf die Rückkehr der Bewohner zu warten. Denn so verantwortungsbewusst sind wir, dass wir die Hütte nicht über Nacht offen und verlassen da stehen lassen. Außerdem lässt es sich nicht leugnen, dass es um einiges angenehmer ist, hier zu sitzen als dort, wo wir herkommen. Das hier ist eine richtige Hütte mit Holzscheiten im Kamin, Kriminalromanen und grünen Glaskugeln im Bücherregal, Wandläufern, und in der Küche unter dem Tisch mit der blaukarierten Decke – ein ganzer Kasten Bier. Der wird natürlich nicht angerührt, aber die halbe Makrele teilen wir uns im Stehen am Herd. Wir machen Feuer im Kamin, und dann setzen wir uns und lesen alte Illustrierte, während wir die ganze Zeit auf Schritte draußen auf den Steinplatten lauschen, Stimmen, ach was, sind hier Leute, und damit wir erzählen können, wie sich das alles verhält. Es ist doch bekannt, dass es nach der Saison hier häufiger zu Einbrüchen in den Hütten kommt, und wo die Tür also offen stand …

Es kommt niemand. Zweimal gehen wir hinaus und rufen in die Dunkelheit. Uns überkommt Unruhe. Ich öffne eine Kommodenschublade, die ist voller Spiele. Yatzy. Mensch-ärgere-dich-nicht. Monopoly. Aber wollen wir spielen? Nein. Dazu sind wir jetzt zu nervös. Wie lange sollen wir überhaupt hier bleiben? Wir setzen uns wieder. Früher oder später muss jemand kommen. Können wir uns in die Betten im Nebenzimmer legen? Nein.

In einem Nachttisch finden wir einen Schatz, den sie nicht einmal zu verstecken versucht haben. So etwas haben wir noch nie gesehen, haben auch kaum davon gehört. Denn wir kennen zwar Zeitschriften mit Bildern von nackten Frauen, sogar von Frauen mit rasierter Muschi. Aber in diesen Zeitschriften sind die Frauen immer allein, sie sitzen auf der Bettkante, stehen vor dem Spiegel im Badezimmer. Manchmal sind sie mit gespreizten Beinen fotografiert und zeigen ihre feuchten roten Schamlippen. Aber immer sind sie allein, sie lächeln mit einer Brust in jeder Hand in die Kamera, bieten die Brüste geradezu an. An solche Zeitschriften sind wir gewöhnt, wir haben sie schon als kleine Jungen gesehen, sie wurden uns gezeigt von großen Brüdern und den älteren Jungs in der Straße.

Aber das hier. Wir blättern uns durch das, was wir uns nicht einmal in unseren wildesten Phantasien hätten vorstellen können. Wir wussten nicht, dass so etwas möglich ist, wir dachten, dass wir uns alles vorstellen könnten, wir haben so viel darüber nachgedacht, dass wir gar nicht damit aufhören können, rund um die Uhr, aber das, was wir hier sehen, während unsere Hände zittern, ist so erschütternd viel mehr.

Ein Geräusch aus dem Wohnzimmer. Wir fahren zusammen. Da kommen sie, natürlich müssen sie jetzt kommen, während wir mit hämmerndem Herzen dastehen und ein Stück Glut auf der Messingplatte vor dem Kamin anstarren.

Was wir jetzt gefunden haben, können wir nicht loslassen. Wir können unsere Finger nicht davon lassen. Und während ich Schmiere stehe – ja, jetzt ist es plötzlich wichtig, Schmiere zu stehen –, geht Asle zurück ins Schlafzimmer, schließt vorsichtig die Tür hinter sich, um dann dieses Unfassbare ganz allein zu erforschen. Wir haben uns auf eine Viertelstunde geeinigt. Und da stehe ich also auf der Türschwelle, starre hinaus in die Dunkelheit und horche, zähle die Sekunden, eins, zwei, drei, sechzig Sekunden in einer Minute, und dann eins, zwei, drei, bis fünfzehn, fünfzehn Minuten, und ich werde ganz weich in den Knien beim Gedanken daran, was ich gleich sehen werde. Es ist zwölf. Sie kommen nicht. Niemand kommt. Und als dieser Gedanke dann gedacht ist, weiß ich, dass er wahr ist. Dass es sich so verhält. Dass wir zwei hier in dieser Hütte sind, dass im Kamin ein Feuer brennt, während sich riesige Schwänze in das weiße Fleisch versenken, in die rosa Öffnungen. Ich gehe hinein. Gehe in die Küche und öffne ein Bier. Ich trinke nicht zum ersten Mal Bier, ich habe einen Onkel, bei dem ich probieren darf. Es schmeckt eigentlich ziemlich scheußlich. Aber ich stehe zum ersten Mal mit einer Bierflasche in der Hand da, und als ich an der Reihe bin, gehe ich damit ins Schlafzimmer, während Asle, mit rotem Gesicht, die Wache auf der Türschwelle übernimmt.

Bier? Trinkst du? Hast du den Verstand verloren? Und dann will er ebenfalls den Verstand verlieren, denn wir haben schließlich noch die ganze Nacht. Hier heraus kommt niemand, wir bewachen große Werte, und vielleicht gibt es hier auch etwas zu essen, der ganze Kühlschrank ist voll von Käse und Wurst, das höre ich ihn johlen.

Alles hat ein Ende. Aber mit dieser Nacht ist es so, dass, wenn ein Märchen zu Ende ist, ein neues anfängt. Nach drei Besuchen im Schlafzimmer verfliegt unsere Glut, außerdem tut es jetzt weh. Aber das Bier schmeckt nicht mehr so scheußlich wie vorher, nicht gut, aber weniger scheußlich. Außerdem merken wir zu unserem Staunen, dass in uns eine neue Glut entfacht wird, diese seltsame Glut, die die Menschen zu allen Zeiten erwärmt hat, der feine klare Rausch, der zum allerersten Mal in uns aufsteigt. Und wir werden warm und fühlen uns sicher und ziemlich klug noch dazu. Eine Pointe jagt die andere, und eine leere Flasche wird durch eine neue ersetzt. Wenn wir wild durcheinanderreden, dann weil wir in unserer Freundschaft dermaßen miteinander übereinstimmen, dass der eine die Gedanken des anderen kennt. Und als ich, auf dem Weg nach draußen, um in die Nacht zu pissen, an einer kleinen Vase aus Glas vorbeikomme und die zu Boden geht und zerbricht, bekommt mein Freund, mein Bruder, einen heftigen Lachanfall. Er kniet auf dem Sofa und hat die Hände vors Gesicht geschlagen, während er keucht: V … ase. Und dieses überaus alltägliche Wort »Vase« wird erfüllt von Magie, von einer grundlegenden Komik, die mich jetzt auch erreicht, ich sage dieses Wort immer wieder, Vase. Und ob es am Bier liegt oder ob es purer Zufall ist, das weiß ich nicht, aber das s in Vase wird abgeschliffen, bekommt einen lispelnden Klang, und wir schütteln uns vor Lachen. Und ist es nicht viel besser, auf der Türschwelle zu pissen, als hinaus auf die Steinplatten zu gehen? Die Vorhaut zurückzuziehen und in hohem Bogen Bier zu pissen. So zusammen dazustehen und um die Wette zu pissen, wie damals, als wir klein waren und die Frauen in den Zeitschriften nackt und allein. Aber jetzt ist etwas geschehen. Wir holen die neuen Zeitschriften, die neuen Bilder aus der Welt ins Wohnzimmer. Packen den ganzen Stapel auf den Tisch. Dann entdeckt Asle einen Stock, der neben dem Kamin steht, und damit zerbricht er eine blaue Keramikschüssel, so dass die Scherben über die Fensterbank stieben. Das wäre das. Gute Arbeit. Da sind wir einer Meinung. Ich hole eine Axt vom Stapel aus Holzscheiten und schlage sie in den Tisch, mitten durch die Tischdecke. Und Asle, mein Spiegelbild auf Erden, schluchzt vor Lachen, er bekommt nicht genug Luft, und plötzlich kotzt er in den Zeitungsständer, und das hat ebenfalls Unterhaltungswert. Mit frischer Energie reißen wir die Vorhänge vom Wohnzimmerfenster. Wir gehen von Zimmer zu Zimmer und reißen die Vorhänge herunter. Wir einigen uns darauf, dass die Sache hier nur auf eine einzige Weise angegangen werden kann. Ein energischer Ruck, so dass gleichzeitig auch die Gardinenstange herunterkommt. Ich hole mir die Axt und bringe Ordnung in Tassen und Teller im Eckschrank, während Asle alle Küchenschubladen aufreißt und wir den ganz besonderen Gesang von Gabeln, Messern und Löffeln bei ihrer Begegnung mit Fußboden und Wänden vernehmen können. Der Küchenschrank? Hier gibt es Mehl, hier gibt es Zucker und Salz und Ketchup und Senf in Spritzflaschen. Furzgeräusche und Lachen, bis wir einfach nicht mehr können und angezogen einschlafen, jeder in seinem Bett.

Ich werde von einer schlagenden Tür geweckt. Ich weiß nicht, wo ich bin. Aber dann höre ich draußen in der Diele Asle irgendetwas murmeln und sehe, wie das Licht eingeschaltet wird. Und ich sehe Asles Schatten, der über den Wohnzimmerboden fällt.

Die Stimme: »Bist du das? Was machst du denn hier?«

Ich gebe keine Antwort.

Er setzt sich auf das Sofa und steckt sich eine Zigarette an.

Ich: »Wie spät ist es?«

»Ich weiß nicht. Spielt das eine Rolle?«

Es ist so still. Nur die Glut in der Dunkelheit. Der Geruch von verbranntem Tabak.

»Nein«, sage ich. »Das ist eigentlich egal. Aber deine Mutter. Sie hat mich gebeten. Nein, gefleht hat sie.«

»Ja, ja. Ich war doch am Mittwoch noch bei ihr.«

»Zeit und Raum. Geheimnisvoller Kram. Ich hab mich übrigens bedient.« Hebe das leere Glas.

»Möchtest du noch eins?«

»Ja, danke.«

Das andere Bett war leer. Es war hell im Zimmer. Vage erinnerte ich mich daran, dass wir die Vorhänge heruntergerissen hatten, mit Gardinenstange und allem.

»Asle?«

Meine Stimme. Wie die eines Fremden. Etwas Unbekanntes. Ja. Ein Etwas. Mir war so schlecht. Ich hatte solche Angst. Ich setzte mich im Bett auf, und das Zimmer drehte sich langsam um mich.

Als ich noch einmal seinen Namen rief, musste ich kotzen. Auf mich selbst und auf den Boden. Und mit den Tränen kämpfen.

Ich schwankte ins Wohnzimmer hinüber und dann nach draußen.

Da war er nicht. Asle war verschwunden. Ich setzte mich auf eine niedrige Mauer und schaute auf das Meer hinaus. Der Wind leckte mich wach. Die salzige Luft füllte meine Lunge. Die vielfarbigen Steine am Strand, an denen das Meer sich brach. Das Rauschen der brechenden Wellen.

Und die Möwen. Eiia, eiia, eiia!

Wie ein weißes Flimmern von Flügeln in dem vielen Blau.

Weiter draußen konnte ich einen Streifenwagen auf den Wendeplatz bei der alten Eiche fahren sehen. Türenknallen. Dann ein Krankenwagen. Drei Weißgekleidete.

Ich ging. Nein, stürzte davon.

Als ich zur Hütte im Wald zurückkam, glaubte ich zuerst, dass er auch dort nicht wäre. Die Küche war leer. Das Wohnzimmer ebenso. Und als ich ins Schlafzimmer ging, fand ich beide Betten so vor, wie wir sie verlassen hatten. Ungemacht und feuchtklamm.

Aber in einem der anderen Zimmer finde ich ihn. Er hat sich zusammengerollt, wie eine Katze in einem zu kleinen Kinderbett, und eine Wolldecke über sich gezogen. Er antwortet nicht, als ich ihn anspreche, und ich gehe davon aus, dass er schläft.

Ich verbringe den ganzen Tag in einem Sessel vor dem Kamin und pflege den allerersten Kater meines Lebens, und ich stelle mir vor, dass das Feuer vor mir die Erinnerungen an den vergangenen Abend wegbrennt. Dass alles verschwindet.

Aber als sich draußen die Dunkelheit senkt, ohne dass er sich blicken lässt, werde ich nervös. Ich gehe zu ihm hinüber und setze mich auf die Bettkante.

»Asle?«

»Lass mich in Ruhe!«

Ich warte eine Weile. Dann sage ich: »Das ist nicht passiert. Wenn wir das beschließen, dann ist nichts passiert. Wir haben das nur geträumt. Und niemand hat uns gesehen.«

»Lass mich in Ruhe, sage ich!«

Ich ließ ihn in Ruhe. Am nächsten Tag fuhren wir in die Stadt zurück.

Es wird spät. Er holt noch eine Flasche. Wir lassen uns volllaufen. Ich bleibe über Nacht.

Und erwache im Morgengrauen. So geht es mir immer mit dem Alkohol. Der zwingt mich ins Bewusstsein, wenn der Tag sein Eintreffen meldet. Düster gestimmt werde ich auch. Resigniert. Mutlos.

Das geht vorüber. Ich brauche nur ganz still dazuliegen und darauf zu warten, dass das Licht stärker wird.

Asle schläft wie ein Stein. Er hat sich zur Wand gedreht, so dass ich seinen Hinterkopf ansehe. Die millimeterkurzen Haare, die den runden Schädel bedecken. Ich bekomme Lust, ihn zu berühren. Seinen Schädel in der Hand zu halten, wie einen warmen Stein.

Aber dann gleite ich wieder in den Halbschlaf. Ich höre die Möwen schreien und die Wellen, die sich an den Strandsteinen brechen. Und wie in einem halbzerstörten Film, ruckhaft und springend, sehe ich den Jungen, der über den Weg rennt, und später an den Feldern entlang, um Hilfe zu holen für die Toten.

Zwei Stunden später stehe ich auf. Ich bin schweißnass und fühle mich unwohl, nachdem ich angezogen geschlafen habe. Das Wohnzimmer ist erfüllt vom Dunst der nächtlichen Zigaretten. Ich öffne ein Fenster und setze mich auf die Fensterbank. Unten in dem kleinen Garten hinter dem Haus räumt eine alte Frau nach dem Festmahl auf, das die Geflügelten am Vortag abgehalten haben. Sie sammelt Papierstreifen und zerbrochene Krebsscheren ein. Sie flucht vor sich hin und redet murmelnd mit sich selbst. Die Morgensonne zeichnet ihren Schatten scharf gegen die Mauer auf der anderen Seite des Hinterhofes. Dann wird der von einer vorüberziehenden Wolke ausgewischt. Hin und her, je nachdem, wie Gott bläst oder den Atem anhält.

Das ist nur der Schnaps, der aus meinem System rinnt, denke ich und stecke mir eine neue Zigarette an. Und dann denke ich solche Dinge. Wolken, die Sonne und Schatten jagen. Das leicht Vergängliche. Die dünne Membran dazwischen, hier zu sein und ohne Existenz zu sein.

Alles, was damals über diese Sache gesagt und geschrieben wurde. In der Erinnerung wirkt es massiv und überwältigend, aber so war das wohl kaum. Wir wohnten am Meer. Solche Dinge passierten. Aber in mir lebten die Bilder weiter. Die beiden Körper in freiem Schweben in dem tiefgrünen Meerwasser. Die Stille dort unten in der Tiefe. Der heimliche Totentanz unter der aufgewühlten Oberfläche, wo die Wasservögel jagten. Die Rettungsleine – die Nabelschnur –, die sie miteinander verband. Die Mühlsteine, die an Land warteten, und die starken Strömungen, die die Tanzenden zurück zu denen führen würden, die noch am Leben waren.

Asle kam am nächsten Tag nicht in die Schule. Und auch nicht am übernächsten.

Als ich zu ihm ging, traf ich auf eine Mutter, die ich nicht kannte.

Das ist fast ein Menschenleben her. Wir gehen durch die Stadt. Über den Marktplatz und hinunter in den Hafen. Setzen uns vor die Sonnenwand bei einem Café, mit unserem Kaffee und einer Waffel, die keiner von uns beiden haben will.

Ich sage: »In all diesen Jahren habe ich gesehen, wie du um Hilfe gerannt bist. Ich habe geschlafen. Ich kann das nicht gesehen haben, und ich kann es auch nicht geträumt haben. Und dennoch habe ich dieses Bild mein ganzes Leben mit mir herumgetragen.«

Er steckt sich eine Zigarette an. »Mir ging es so verdammt schlecht. Ich brauchte Luft. Ich sah die Möwen, sowie ich zur Tür hinauskam. Die waren total hysterisch. Ich ging wieder rein und holte das Fernglas. Sturmmöwen. Silbermöwen. Riesige Mantelmöwen.«

Diesem Zirkus hättest du den Rücken zukehren sollen, denke ich.

»Und dann … ich war ganz sicher. Ich konnte sehen, dass eine der kleinsten Möwen einen rosa Schimmer im Gefieder hatte. Und die Sonne war noch nicht aus dem Meer aufgestiegen. Die konnte es also nicht gewesen sein.«

»Eine Rosenmöwe?«

»Ja, aber als ich näher kam …«

»Da waren da ganz viele«, sage ich. »Und dann war es nichts Seltenes mehr, sondern etwas Unmögliches.«

Wir bleiben eine Weile sitzen, ohne etwas zu sagen. Wieder kann ich den verängstigten Jungen vor mir sehen, der an den Feldern vorbei zum Dorfladen oben an der Hauptstraße lief, mit dem Fernglas wie einem harten Fremdkörper um den dünnen Hals, wie ein Senkblei oder vielleicht eine Schlinge.

»Und dass wir uns in ihre Betten gelegt hatten«, sagt Asle und zündet sich eine Zigarette an. »Das war das Schlimmste. Dass sie da unter ihren Decken gelegen und sich warm und sicher gefühlt hatten, lange ehe wir vorbeigekommen waren.«

ROTES TOTEM

Es gibt so viele Visionen und Träume, geheimnisvolle Räume zwischen Schlafen und Wachen. In letzter Zeit sah ich jedesmal, wenn ich die Augen schloss und schlafen wollte, langbeinige leuchtende Wesen durch einen Wald laufen. Gelbe. Rote. Orange. Eine Art Lichtecho des niedergebrannten Feuers, an dem ich, ehe ich einschlief, immer meine Blicke ruhen ließ. Eine Erinnerung an das, was unter der weißen Asche ruhte. Aber die ganze Nacht schlief ich tief traumlos und erwachte erst, wenn sich das Licht zwischen den Kiefern senkte. Es war Ende März. Im Wald lag immer noch Schnee, und in Tälern und Mulden war es ebenfalls nass. Ich blieb lieber auf den Anhöhen, wo ich trockene Wege und Pfade fand. Ich ging mit leichtem Sinn und großer Energie dahin. Ein langer Winter hatte endlich seinen Zugriff gelockert, jetzt konnte ich fast gehen, wo ich wollte.

Eines Abends bekam ich Mondschein, und ich beschloss, in dieser Nacht aufzubleiben, ich hatte einen schönen trockenen Weg erreicht, er lag vor mir in dem blauen Licht wie ein Geschenk. Es war ein warmer Frühlingstag gewesen, und ich hatte mich in Ruhe gehalten, hatte geflickt und repariert. Nun ging ich weiter im Schein des Himmelssteines, ich würde die ganze Nacht lang gehen, und darin lag eine große Freude.

Plötzlich kam mir das Gefühl, dass jemand mich beobachtete, wie das ja oft passiert, wenn man im Wald unterwegs ist, und der Grund kann einfach sein, dass wirklich jemand den, der durch den Wald streift, im Auge behält. Vögel. Insekten und kleine Kriechtiere. Sogar die Bäume spüren anderes Leben, wenn es vorübergeht. Der Wald hat tausend Augen und Ohren.

Aber das hier war anders. Eine Art hartnäckiger Wille. Der jählings losließ, um eine Weile zu verschwinden. Dann meldete er sich zurück. Direkt hinter mir. Ein bisschen zur Seite. Es war ein wenig wie Psilocybinpilze, aber dieses Spiel hatte ich nun schon lange nicht mehr gespielt, ich hatte seit dem vergangenen Sommer keinerlei Stoff angerührt, ich war clean, so kristallklar wie als kleiner Knabe.

Aber etwas folgte mir.

Ich nahm das nicht weiter wichtig. So ist es, wenn man durch den Wald geht, vor allem in der Nacht, und wenn man dabei allein ist, habe ich gemerkt, dass das Gehirn sich oft Gesellschaft holt, ohne den Wirt zu fragen, ob das gelegen kommt. Auf diese Weise bekommt der Mensch Reisegefährten und Besuch von Wichteln und Elfen.

Mir macht das nichts aus, wenn mir nur die Menschen erspart bleiben. Nun hatte ich seit über einer Woche niemanden von dieser Sorte gesehen. Nur hatte ich jetzt so gut wie nichts mehr zu essen und war bereit, ein oder zwei Hütten zu knacken, um keine Dörfer oder Ortschaften aufsuchen zu müssen. Ich hatte etwas Geld, wollte aber keine Leute sehen. Der lange Winter hatte mich scheu und abweisend gemacht, die meiste Zeit hatte ich auf einem Gebirgshof verbracht, zusammen mit einem alten Mann, der fast immer schlief.

Plötzlich stolpere ich, als ich einen Bach durchquere. Im einen Moment trete ich sicher und fest auf die Steine, die dicht unter der Wasseroberfläche liegen, im nächsten liege ich mit offenem Mund auf dem Rücken. Alle Luft ist aus mir herausgeschlagen worden. Der Rucksack hat meinen Rücken geschützt, aber mein Hinterkopf ist mit irgendeiner anderen Kugel zusammengestoßen. Ich sehe Sterne, die in der Dunkelheit tanzen, sie sehen aus wie Leuchtkäfer, sind aber leuchtend weiß.

Das Wasser ist so kalt, dass mir schon nach wenigen Sekunden alles wehtut.

Geschehnissen wie diesem sollte man ausweichen, wenn man von der Sorte ist, die im Wald am liebsten ohne Gesellschaft ihrer Wege geht.

Ich denke: Ja gut, das war also meine Gesellschaft in den letzten Stunden. Denn ich komme nicht auf die Beine. Ich liege da und spüre meinen eigenen Tod.

Ja, ja. Eines Tages wird man sich selbst und alles sehen, was zu einem gehört. Es ist gut möglich, dass es jetzt so weit ist. Meine Mutter hat Klavier gespielt, sie war vielleicht nicht besonders tüchtig, aber ich habe sie als ehrliche Ausübende erlebt. Sie spielte die Mondscheinsonate und Für Elise, und ich lag mit dem Kopf vor ihren Füßen und sah zu, wie sie die Pedale bearbeitete. Das Spiel der Füße und der Finger. Und des Gehirns, aus dem ich niemals schlau wurde. Jetzt liege ich hier und bin erwachsen genug, um zu sterben. Das kann aber auch egal sein. Ja, so kommt mir das vor. Dass es egal sein kann. Hier liege ich, und da oben über den Wipfeln steht der Mond und strahlt.

Aber dann will ich doch noch leben. Ist das nicht seltsam. Man will trotzdem leben.

Die Zeit löst sich auf. Wird zu einer anderen als die, die man kennt.

Dann stehe ich triefnass am Ufer. Mehr weiß ich nicht.

Es ist so kalt, dass es gefährlich ist. Einige Grad unter null. Ich war schon einmal in dieser Gegend, aber das ist lange her, ich kann mich nicht erinnern, wie es mit Hütten oder irgendeiner Bebauung aussieht, in dem Terrain, das hier vor mir liegt.

Zuerst Feuer. Das ist das Gesetz. Ich reiße mir den Rucksack herunter, dann die Jacke, ich betrete einen Tunnel aus Notwendigkeit, alles, was ich tue, geschieht rein automatisch, ohne Gedanken oder Planung irgendwelcher Art. Ich zerbreche trockene Zweige und Rindenstücke, ich zittere und bebe, ich muss ganz schnell Feuer machen, ehe ich die Kontrolle über meine Hände verliere, Stahl schlägt auf