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In den 1920er und 1930er Jahren wurden auf dem Berg Scopus in Jerusalem mehrere bedeutende jüdische Institutionen etabliert: die Hebräische Universität, die jüdische Nationalbibliothek und das Hadassa-Hospital. Im jüdischen Gemeinwesen in Palästina, dem Jishuw, kam ihnen eine real wichtige, aber auch hochgradig symbolische Bedeutung zu. Infolge des arabisch-israelischen Krieges von 1948 lagen sie jedoch nunmehr auf jordanischem Territorium. In einer von der UNO verwalteten, schwer zugänglichen Enklave wurden sie zum Spielball konkurrierender Souveränitätsansprüche. Die dort befindlichen jüdischen Kulturgüter, vornehmlich Bücher und andere Sammlungen, entglitten den Gelehrten, die sie jahrzehntelang sorgsam behütet hatten. Anhand dieser Gegenstände und ihres Schicksals erzählt Yfaat Weiss in ihrem Essay die Geschichte Jerusalems nach Krieg und Teilung.
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Seitenzahl: 186
Veröffentlichungsjahr: 2021
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Essays zur jüdischen Geschichte und Kultur
Herausgegeben von Yfaat Weiss
Band 15
Yfaat Weiss
Niemandsland
Hader am Berg Scopus
Aus dem Hebräischen von Jan Eike Dunkhase
Vandenhoeck & Ruprecht
Diese Maßnahme wird mitfinanziert durch Steuermittel auf der Grundlage des vom Sächsischen Landtag beschlossenen Haushaltes.
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:
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Lektorat: André Zimmermann, Leipzig
Satz: textformart, Göttingen | www.text-form-art.deEPUB-Produktion: Lumina Datamatics, Griesheim
Vandenhoeck & Ruprecht Verlage | www.vandenhoeck-ruprecht-verlage.com
ISSN 2197-1013
ISBN 978-3-647-99438-3
Inhalt
Prolog
Ein anderes Heiligtum
Corpus separatum
Umleitung
Krieg
Waffenruhe
Entmilitarisierung
Verwahrlosung
Macht und Geist
Fauna
Flora
Privatbesitz
Souveränitätspatrouillen
Epilog
Quellen und Literatur
Zur Autorin
Prolog
1934 wurde ein größeres Konvolut an Briefen aus dem Besitz Stefan Zweigs in einer Holzkiste nach Jerusalem verschifft. Mit der Auflage, Teile davon bis zehn Jahre nach seinem Tod unter Verschluss zu halten, hatte der Schriftsteller die Briefe der Jüdischen National- und Universitätsbibliothek überlassen. © The National Library of Israel.
Im Dezember 1933 schrieb Stefan Zweig von Salzburg aus an Shmuel Hugo Bergmann, den Direktor der Jüdischen National- und Universitätsbibliothek in Jerusalem, um ihn zu bitten, der Einrichtung diskret eine Auswahl der in seinem Besitz befindlichen Korrespondenzen einzugliedern: »Ich habe da eine Auslese des wahrhaft Wichtigen gemacht und sie umfaßt neben kleineren Leuten der Literatur so ziemlich alles Wesentliche unserer Epoche«. Die Bibliothek, der Zweig diese Auslese übergeben wollte, hatte ihre feste Bleibe rund drei Jahre zuvor auf dem Berg Scopus gefunden, nachdem sie 1925 der neu eröffneten Hebräischen Universität angegliedert worden war. Bergmann, der seine Erfahrungen als Bibliothekar an der Prager Karls-Universität gesammelt hatte und die Jerusalemer Bibliothek seit seiner Einwanderung nach Palästina Anfang der Zwanzigerjahre leitete, hatte Zweig, mit dem er damals schon etwa zwei Jahre in regelmäßigem fachlichem Austausch stand, um die Überlassung von Exemplaren seiner Werke gebeten.
Nun wandte sich Zweig an ihn, im Zweifel darüber, ob er angesichts der aktuellen Situation in Österreich noch lange in Salzburg bleiben würde. Der rasante politische Niedergang unter dem im März 1933 installierten autoritären Regime von Engelbert Dollfuß, das Verbot zahlreicher Parteien, etwa der Sozialdemokraten, die Auflösung des Parlaments und die Einführung einer rigiden Pressezensur – und all dies in Anlehnung an das benachbarte Deutschland, wo das Naziregime Schriftstellern zu publizieren verbot – verhieß nichts Gutes. Die allgemeine politische Lage und auch seine eigene familiäre Situation weckten in Zweig den Wunsch, nach London überzusiedeln. In der Zwischenzeit wollte er einen Teil seiner privaten Korrespondenzen an einem sicheren Ort wissen. »Ich glaube ohne jede Überhebung, daß es eine der interessantesten Correspondenzen dieser Zeit darstellt und ein wesenhafter Besitz für Ihre, für unsere Bibliothek wäre.« Bergmann stimmte dem umgehend zu. Zweigs Bedingungen – die Transaktion streng vertraulich zu behandeln und einen Teil des Überlassenen bis zehn Jahre nach seinem Tod unter Verschluss zu halten – waren leicht zu erfüllen. Es galt nur einige wenige Absprachen zum Transport zu treffen, etwa im Hinblick auf vertrauenswürdige Kuriere, die das Material unter Umgehung des riskanten Postwegs direkt überbringen würden. Nachdem dies geklärt war, traten die Dokumente ihre Reise an. Im Lauf der folgenden zwei Jahre schickte Zweig noch weitere Korrespondenzen. Auf diese Weise erreichten die Bibliothek, die zu jener Zeit noch gar nicht über eine eigene Handschriftenabteilung verfügte, mehrere Hundert Briefe, die Zweig von Romain Rolland erhalten hatte, von Rainer Maria Rilke, Hugo von Hofmannsthal, Arthur Schnitzler und vielen anderen. Den Empfang der letzten Briefe bestätigte in Jerusalem schon Gotthold Weil, der im Oktober 1935 Bergmanns Amt übernommen hatte. Zweig lebte zu dieser Zeit bereits in London.
Für Weil, der 1919 die Orientalische Abteilung der Preußischen Staatsbibliothek zu Berlin gegründet und dann einige Jahre geleitet hatte, war dies das erste Jahr in Jerusalem. Er war nach Palästina emigriert, nachdem er infolge des nationalsozialistischen Gesetzes zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums seine Professur für Semitische Philologie an der Universität Frankfurt verloren hatte. Zum Direktor der Jerusalemer Bibliothek wurde er ernannt, nachdem sein Vorgänger Bergmann zum ersten Rektor der Universität gewählt worden war. Aufgrund seiner Expertise in türkischer und arabischer Philologie bekam Weil zugleich eine Stelle am Institut für Orientalistik. Ende 1939 wandte sich ein Mann an ihn, dem es nach Kriegsausbruch gelungen war, von Deutschland nach Palästina zu gelangen, und der in seinem Reisegepäck drei große Kisten mitführte, die ihm Ismar Elbogen, einer der Vorsitzenden der Hochschule für die Wissenschaft des Judentums in Berlin, zur Übergabe an Weil anvertraut hatte. Elbogen, der es im selben Jahr noch schaffte, in die Vereinigten Staaten zu emigrieren, autorisierte Weil, die Dokumente zu erschließen und in die Obhut der Nationalbibliothek zu geben. Weil reagierte jedoch sehr zögerlich. Zur Zeit des Zweiten Weltkrieges hielt er es, wie er zwei Jahrzehnte später schrieb,
»für das Wichtigste, vor allem die Arbeiten zu fördern, die geeignet waren, den inneren Aufbau der Bibliothek zu stärken, die tagtäglichen Erfordernisse der Hebräischen Universität, ihrer Dozenten und Studenten zu erfüllen, und den Wünschen des grossen Publikums im Lande nachzukommen, das aus Büchermangel auf unsere Zentralbibliothek angewiesen war. So musste, wie immer, das Erwünschte vor dem Notwendigen zurückstehen.«
Weil war zu jener Zeit mit der Prüfung und Sortierung Hunderter von Kisten beschäftigt, die Monat für Monat auf dem Scopusberg eintrafen und umgehend in die Bibliothek eingegliedert werden mussten. Als er nach Kriegsende Elbogens Sendung öffnete, erkannte er, dass er einen wahren Schatz vor sich hatte. Neben dem Vermächtnis des weniger bekannten jüdischen Orientalisten Martin Schreiner enthielten sie die Nachlässe von Moritz Lazarus und Leopold Zunz, den Gründervätern der Wissenschaft des Judentums. Diese Konvolute waren erste Keimzellen einer Handschriften- und Archivabteilung, die an der Hebräischen Universität de facto erst in den 1960er Jahren gegründet wurde.
Elbogens Entscheidung, jene drei Kisten von der Berliner Hochschule für die Wissenschaft des Judentums an die Jüdische National- und Universitätsbibliothek in Jerusalem zu überführen, überrascht kaum. Als er die Hebräische Universität 1928 anlässlich einer Gastvorlesung besuchte, hinterließ sie bei ihm einen starken Eindruck, der sich bei einem weiteren Besuch 1938 noch verfestigte. »Antizionismus«, schrieb er in seiner Geschichte des neuzeitlichen Judentums, die er Mitte der Dreißigerjahre in Berlin begann und im New Yorker Exil abschloss, »gehört einer vergangenen Phase der Geschichte an.« Weniger selbstverständlich war die Entscheidung Stefan Zweigs, seine Briefe auf den Berg Scopus zu schicken, zu denen er in einem weiteren Schreiben an Bergmann bemerkte, dass er sich »doch nicht recht als Besitzer« fühle, »sondern gleichsam verantwortlich für den geistigen Wert«. Schließlich hatte Zweig selbst nie den Weg nach Jerusalem gefunden, und ein Zionist war er ganz gewiss nicht. Im Februar 1918, kurz nach der Balfour-Deklaration, bemerkte er in einem Brief an Martin Buber, er sei »ganz klar und entschlossen, je mehr sich im realen der Traum zu verwirklichen droht, der gefährliche Traum eines Judenstaates mit Kanonen, Flaggen, Orden, gerade die schmerzliche Idee der Diaspora zu lieben, das jüdische Schicksal mehr als das jüdische Wohlergehen«. Die Nachlässe in Elbogens Kisten hätten, als Weil sie nach Kriegsende zu erschließen begann, unter normalen Umständen in der zweiten Hälfte der 1940er Jahre der wissenschaftlichen Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden können. Im Falle der kostbaren Briefsammlung Zweigs wäre dies gemäß seiner Verfügung ab dem Jahr 1952 möglich gewesen, ein Jahrzehnt nach seinem Freitod im brasilianischen Exil. Zu jener Zeit jedoch befand sich die Bibliothek samt all ihren Schätzen bereits seit gut vier Jahren in der Geiselhaft eines politischen Konflikts. Eine »Bibliothek in der Galut« nannte Bergmann sie, als er 1952 die traurige Situation jener Einrichtung beschrieb, die dem arabisch-israelischen Krieg zum Opfer gefallen war und sich seither außerhalb der Reichweite der Gelehrten befand, zwischen den Fronten in einer von der UNO kontrollierten entmilitarisierten Exklave inmitten von transjordanischem Hoheitsgebiet, als Teil des provisorischen Status quo nach dem Krieg von 1948 und der Teilung Jerusalems. Das Schicksal der Kulturgüter nach der Verwirklichung jenes »gefährliche[n] Traum[s] eines Judenstaates mit Kanonen, Flaggen, Orden« ist das Thema des vorliegenden Essays.
Ein anderes Heiligtum
Die feierliche Grundsteinlegung der Hebräischen Universität auf dem Berg Scopus am 1. April 1925. »Könnte es einen geschichtsträchtigeren Ort geben«, fragte Lord Balfour in seiner Ansprache. © Library of Congress, G. Eric and Edith Matson Photograph Collection.
Die Versuchung ist groß, die Geschichte der Hebräischen Universität im Jahr 1948 als von Beginn an feststehenden Schlussakt eines Dramas zu lesen, in dem sich Zerstörung und Erlösung mischen. Seit den ersten Initiativen war die Gründung der Universität auf dem Berg Scopus mit einer politisch-theologischen Fracht beladen, die ihre Gründerväter regelmäßig auffrischten, wenn sie die Worte des Propheten Jesaja zitierten: »Denn von Zion wird Weisung ausgehen und des Herrn Wort von Jerusalem.«
Wenngleich der Erwerb des Grundstücks von John Gray Hill während des Ersten Weltkrieges dem Zufallsspiel von Angebot und Nachfrage auf dem lokalen Immobilienmarkt geschuldet war, handelte es sich beim Berg Scopus doch um einen Ort, der von Symbolen des Heiligen nur so strotzte. 1912 schrieb er:
»Von unserem Haus aus bietet sich der, wie ich meine, erhabenste und prachtvollste Anblick der Welt. Von der einen Seite blicken wir herab auf die Heilige Stadt und auf das große Areal, auf dem sich einst der Tempelberg befand […], und gen Norden erblicken wir unzählige Dörfer des Alten Testaments, Rama, Mitzpa und Michmash. Wir überschauen also ein Land, das größtes menschliches Interesse und tiefste menschliche Gefühle weckt. So werden Sie gewiss verstehen, warum wir so begeistert sind vom Heiligen Land.«
Tatsächlich lassen sich vom Rücken des Scopusbergs, der höchsten Erhebung im Umkreis, biblische Schauplätze überblicken, die für die Geschichte der hebräischen Nation zentral sind. Der frühere britische Außenminister Lord Arthur James Balfour, Verfasser der berühmten nach ihm benannten Deklaration, erinnerte in seiner von Pathos durchdrungenen Rede anlässlich der Eröffnung der Universität im April 1925 vor mehr als 7 000 Anwesenden an die besondere Bedeutung des Orts: »Es war dieser Berg, von dem aus die römischen Zerstörer Jerusalems die Belagerung lenkten, die diesem großen Kapitel in der Geschichte des jüdischen Volkes ein Ende setzte. Könnte es einen geschichtsträchtigeren Ort geben?«, sprach Balfour halb fragend, halb proklamierend, als er auf den Nexus zwischen dem Verlust der Souveränität zur Zeit des Zweiten Tempels und der Hoffnung auf deren Wiedergewinnung mit der Gründung der Hebräischen Universität verwies. Im Wesentlichen dasselbe brachte auch Itamar Ben-Avi zum Ausdruck, der Sohn des Erneuerers der hebräischen Sprache Eliezer Ben-Jehuda, als er in der Jerusalemer Tageszeitung Do’ar Ha-Jom (Tagespost) konstatierte: »Titus hat den biblischen Tempel zerstört, Balfour errichtet den neuen Tempel.«
Chaim Weizmann nannte die Universität einen »dritten Tempel«, ebenso der führende Kulturzionist Achad Ha’am. Andere verglichen sie mit Jawne, jenem Ort, an dem der talmudischen Überlieferung zufolge Jochanan Ben-Sakkai und seine Schüler nach der Zerstörung des Zweiten Jerusalemer Tempels ein alternatives religiöses Zentrum schufen. Weizmann selbst betonte bei der Inauguration der Universität, sie richte »ihren Blick auf die Propheten und die Weisen, auf jene, die auf den Ruinen des jüdischen Staates die Akademien von Jawne, Nehardea und Pumbedita errichteten«. Mit religiösen und messianischen Sehnsüchten war jenes säkulare kulturelle Projekt, das sich Universität nannte, zweifellos reichlich ausgestattet. Selbst ein Mann der Tat wie Arthur Ruppin, der Leiter des Palästina-Amts in Jaffa, zeigte sich von hehren Gefühlen ergriffen, als er am Tag der Eröffnung des Instituts für Jüdische Studien im Jahr zuvor in sein Tagebuch schrieb:
»Die Tatsache, daß nunmehr wirklich der erste Anfang der Hebräischen Universität gemacht ist, machte auf mich großen Eindruck. Vielleicht ist dies doch ein historischer Tag, vielleicht wird doch von Zion eine neue Lehre ausgehen und der Menschheit neue Wege weisen.«
Ein Jahrzehnt nach der feierlichen Eröffnung der Universität hatte der Berg Scopus mit seinen Einrichtungen eine zentrale Stellung im Bewusstsein der politischen Führungsschicht erobert, er begann die eigentlich religiösen heiligen Stätten zu überschatten. Deutlich wird dies an der Reaktion der Jewish Agency auf die Empfehlungen der königlich britischen Untersuchungskommission für Palästina (Peel-Kommission) im Jahr 1937, die neben der Teilung des Landes in einen jüdischen und einen arabischen Staat vorschlug, Jerusalem und Umgebung als Teil einer Sonderzone unter britischer Mandatsverwaltung zu belassen. Die Jewish Agency erarbeitete daraufhin einen Gegenvorschlag zur Teilung der Stadt, den sie 1938 der neu eingerichteten Teilungskommission (Woodhead-Kommission) vorlegte. Mit der Unterstützung von Weizmann und Ben-Gurion enthielt sich ihre Exekutive dabei überraschenderweise jeglicher Forderungen im Hinblick auf die Jerusalemer Altstadt, verzichtete also bewusst auf die heiligen Stätten, um gleichzeitig in aller Entschiedenheit dafür zu plädieren, den Berg Scopus dem von ihr beanspruchten Westteil der Stadt zuzuschlagen. Angesichts der zu erwartenden internationalen Distanzierung und der mangelnden Aussicht, die Altstadt für sich zu gewinnen, neigten die Schlüsselakteure dazu, sich mit Ersatz abzufinden. So erklärte bei den Beratungen etwa Menachem Ussischkin, der Vorsitzende des Jüdischen Nationalfonds: »Der Scopusberg wird zum kulturellen Zentrum des jüdischen Volks werden, mit Tausenden von Studierenden und Hunderten von Professoren.« Vorerst blieben dies freilich Visionen. Am Vorabend der Teilung belief sich die Zahl der Professoren unter den weniger als 200 akademischen Angestellten auf lediglich rund 50, die Zahl der Studierenden lag etwas über 1 000. Die räumliche Isolierung des Elfenbeinturms im Nordosten der Stadt fand ihre Entsprechung in der tiefen Diskrepanz zwischen den Ansichten eines Teils der innerhalb seiner Mauern Tätigen und der öffentlichen Meinung außerhalb derselben.
Vor allem anderen galt dies für die politische Einstellung der Universitätsangehörigen. Ein großer Teil von ihnen identifizierte sich mit Brit Shalom, jener zur Zeit der Universitätseröffnung gegründeten Vereinigung, die die Idee eines binationalen Staats unterstützte. Als Sprachrohr dieser politischen Haltung fungierte der Kanzler, dann Präsident der Universität, Jehuda L. Magnes. Wenngleich er sich der Organisation nicht offiziell anschloss, da er an der Aufrichtigkeit der pazifistischen Motive ihrer Mitglieder zweifelte, unterstützte er in der Öffentlichkeit aktiv den Gedanken der Binationalität. Entschieden lehnte er jeden Erfolg des politischen Zionismus ab, der auf fremde Einmischung und den Ruf nach Vorrechten unter dem Schutzschirm einer imperialen Großmacht zurückzuführen war. Als die Peel-Kommission 1937 ihren Teilungsplan vorlegte und dieser zum festen Faktor künftiger Szenarien wurde, taten Magnes und seine Mitstreiter alles in ihrer Macht Stehende für die Idee des binationalen Staats. Zu diesem Zweck gründeten sie im Sommer 1942 gemeinsam mit weiteren Kollegen von der Hebräischen Universität die Partei Ichud, um gegen den Plan zur Gründung eines jüdischen Staates zu opponieren, der sich auf der Biltmore-Konferenz abzuzeichnen begann. Magnes’ Aktivitäten gipfelten in seiner Aussage vor dem Anglo-Amerikanischen Untersuchungskomitee im März 1946. Ohne von seiner Haltung im Hinblick auf den binationalen Staat abzuweichen, gleichzeitig aber in absolutem Widerspruch zu seiner Unterstützung der Beschränkung jüdischer Einwanderung in den 1930er Jahren forderte Magnes hier das Einwanderungsrecht für 100 000 heimatlos gewordene Juden nach Palästina. Er betrachtete dies als humanitären Akt, der die Forderung nach einem jüdischen Staat erübrigen würde. Magnes’ Äußerung als Privatmann und Mitglied des Ichud, nicht in seiner Funktion als Universitätspräsident, wurde in der Presse mit großer Zustimmung aufgenommen. Die private Aussage eines anderen Universitätsangehörigen und Ichud-Mitglieds, Martin Buber, verstimmte die Öffentlichkeit hingegen. Die Tageszeitung Ha-Boker (Der Morgen) verglich Bubers vermeintlich im Namen der Universität vorgebrachte Äußerungen sogar mit jener feindlichen Front, die sich zur Zeit des Titus auf dem Berg Scopus formiert hatte.
Am deutlichsten zeigte sich Magnes’ politische Grundhaltung in seiner kategorischen Ablehnung jüdischen Terrors. Nachdem er im Sommer 1939 bei einer Busfahrt einem Gespräch zwischen Jugendlichen im Geiste von Simsons selbstmörderischem Racheschwur »Ich will sterben mit den Philistern« (Richter 16,30) gelauscht hatte, schrieb er in sein Tagebuch: »Langsam verfällt das auserwählte Volk im Heiligen Land der barbarischen Primitivität der Wüste.« Eine solche Haltung war an der Hebräischen Universität seinerzeit durchaus verbreitet. An einer von den Studierenden organisierten Demonstration gegen den jüdischen Terror beteiligten sich rund 600 Menschen. Und so war es folgerichtig, dass Weizmann und Magnes sich Ende 1944 darin einig waren, die Ermordung von Lord Moyne durch die Untergrundmiliz Lechi als einen schlimmen Vorfall zu betrachten. Dies entsprach der Einstellung der Universitätsleitung, die terroristische Aktivitäten im Allgemeinen und den Anschlag auf das King David Hotel im Sommer 1946 im Besonderen scharf verurteilte. Magnes blieb dieser Haltung treu, als er zu Beginn des Studienjahrs 1946/47 vor Extremisten warnte, die Zerstörung und Verwüstung brächten. Im Jahr darauf äußerte er seinen Abscheu vor der Entführung und Ermordung von zwei britischen Sergeants durch die Miliz Irgun im Juli 1947, ein Ereignis, das eine lange Reihe weiterer antibritischer Gewalttaten und Racheakte der »Dissidenten«-Organisationen Irgun und Lechi nach sich zog, nachdem die Briten im Februar 1947 ihren Rückzug aus dem Land ankündigten. Dabei wollte Magnes weder die Allgemeinheit noch sich selbst von der Mitverantwortung für die »Dissidenten« freisprechen. Er weigerte sich allerdings, ihnen das alleinige Anrecht auf den Begriff »Dissidenz« zu überlassen. In seiner Rede zur Eröffnung des Studienjahrs 1947/48 betonte er, es gebe zwei verschiedene Arten von Dissidenz, eine, die er lobe, und eine, die er verdamme; Letztere bedeute, das Joch des Himmelreichs abzuschütteln, während sich Erstere von der Verunreinigung abwende und Reinheit und Aufrichtigkeit liebe. Israel sei »der größte Dissident in der Geschichte der Menschheit«, Dissidenz entspräche mithin dem »innersten Wesen des Judentums«. Zum Schluss seiner Rede – es sollte seine letzte sein – verwies Magnes auf den Zufluchtsort jener Dissidenten, die zu der Zeit gegen die Verunreinigung in ihrem Umfeld opponierten:
»Gott sei Dank, es gibt eine Hebräische Universität im Land, einen Zufluchtsort, einen Tempel, ein kostbares Heiligtum, einen Ort zumindest, wo wir über die Jahre und nach Streit und Diskussion, denke ich, eine Übereinkunft erzielt haben; die Übereinkunft besteht darin, dass die Universität eine res publica ist, eine autonome Körperschaft, unabhängig von Staat und ekklesía, eine Universität, die einerseits integraler Bestandteil des Lebens der Gemeinschaft ist und andererseits eine Dissidentin, getrennt von der Gemeinschaft, insofern sie sich, was immer auch die Mehrheit entscheidet, nicht ihrer Freiheit der Wissenschaft, des Denkens und der Rede entäußern kann.«
Die Hoffnungen, die Magnes – in dem Maße, wie es die Mandatszeit zuließ – in die Universität als res publica setzte, schwanden mit der Erlangung der politischen Souveränität. Nach und nach integrierte sich die Universität aus eigenem Antrieb in den Jischuw und unterstellte sich der Autorität der nationalen Institutionen. Mit der Verabschiedung des UN-Teilungsplans am 29. November 1947 endete faktisch die Zeit jener institutionellen Autonomie, die die Lehreinrichtung als »Universität des jüdischen Volkes« genossen hatte. Angesichts ihrer strategischen Lage und der mit der Umsetzung des Teilungsplans einhergehenden geopolitischen Konsequenzen wurde sie gewissermaßen über Nacht äußeren Zwängen unterworfen, während sie von innen her gefordert war, mit den künftigen strukturellen Herausforderungen umzugehen. In einer der Senatssitzungen lautete ein Tagesordnungspunkt: »Die Universität unter dem Zukunftsregime.«
Corpus separatum
Anlässlich der Eröffnung des neuen Studienjahres am 8. Juli 1947 wurde Chaim Weizmann und Jehuda L. Magnes die Ehrendoktorwürde der Hebräischen Universität verliehen. V. l. n. r.: Yitzhak Vilkansky-Volcani, unbekannt, Giulio (Yoel) Racah, Michael Fekete, Chaim Weizmann, (Arie) Leon Simon, Jehuda L. Magnes (stehend), Moshe Schwabe, Naftali Herz Tur-Sinai (Harry Torczyner) und David Werner Senator. Courtesy of the Central Zionist Archives, Jerusalem.
In jenen Tagen war das Regime der Zukunft noch in Nebel gehüllt. Nachdem die britische Regierung ihre Entscheidung bekanntgegeben hatte, das ihr noch vom Völkerbund erteilte Mandat an die Vereinigten Nationen zurückzugeben, wurde im Mai 1947 die UN-Sonderkommission für Palästina (UNSCOP) eingesetzt. Diese wies Jerusalem zum Abschluss ihrer Verhandlungen einen internationalen Status zu und empfahl einstimmig, das Mandat baldmöglichst aufzuheben. Gegen eine Minderheit, die für die Schaffung eines binationalen Staats eintrat, votierte eine Mehrheit von acht Stimmen dafür, auf dem Mandatsgebiet einen jüdischen und einen arabischen Staat entstehen zu lassen und Jerusalem und Umgebung zu einem von diesen beiden Staaten getrennten internationalen Sektor zu erklären, der neutral und der Kontrolle der UNO unterstellt sein sollte. Dieser Entwurf, später bekannt als »der Teilungsplan«, wurde in der zweiten Sitzung der UN-Vollversammlung am 29. November 1947 nur leicht verändert als Resolution 181 verabschiedet. In Abschnitt II wurde bestimmt: »Die Stadt Jerusalem wird als corpus separatum unter einem internationalen Sonderregime errichtet und von den Vereinten Nationen verwaltet.«
Etwa 65 000 Muslime und Christen sowie 100 000 Juden lebten damals in Jerusalem. Nach dem Ausbruch der gewalttätigen Auseinandersetzungen infolge des Teilungsbeschlusses waren sie gänzlich von der einzigen Verkehrsverbindung abhängig, die noch zwischen ihnen und den jüdischen Siedlungsgebieten in der Küstenebene bestand. Über mehrere Wochen gelang es den arabischen Bewaffneten immer wieder, die durch dicht arabisch besiedeltes Bergland führende Route zu blockieren, so die Versorgung der jüdischen Bewohner zu unterbinden und dort eine Nahrungsmittelknappheit auszulösen. Unterstützt von den Briten und unabhängigen Einheiten, brachte die Hagana zwischen Dezember 1947 und März 1948 224 Konvois auf den Weg nach Jerusalem, von denen 216 ihr Ziel erreichten. Die Beharrlichkeit der Exekutive der Jewish Agency und der auf sie folgenden provisorischen Regierung war einer von vielen Faktoren, die zur Etablierung von Israels Souveränität in diesem Raum beitrugen. Während der allgemeinen Blockade des hebräischen Jerusalems gab es zwei jüdische Areale in der Stadt, die territorial isoliert inmitten einer arabisch bevölkerten Umgebung lagen: das jüdische Viertel der Altstadt und, im Nordosten der Stadt, den Berg Scopus mit der Hebräischen Universität, der Nationalbibliothek und dem Hadassa-Krankenhaus. Der britische General John Glubb Pasha, Kommandant der Arabischen Legion, hat sie ein Jahrzehnt später in seinen von antijüdischen Affekten eingefärbten Erinnerungen in ihrer ganzen Divergenz beschrieben:
»Die beiden jüdischen Viertel boten in friedlichen Zeiten zwei sehr kontrastreiche Bilder vom heutigen Judentum. Die massiven Häuserblocks des Hadassa-Hospitals auf dem Berge Scopus waren mit den neuesten Apparaturen und Einrichtungen der modernen medizinischen Wissenschaft ausgestattet. Zweihundert Schritt jenseits des Hospitals strömten Scharen barhäuptiger Studenten in die Universitätsgebäude. Im jüdischen Viertel der Altstadt dagegen erfüllten vom Alter gebeugte Rabbis mit langen weißen Bärten noch streng das jüdische Gesetz und die von Moses überkommenen alten Bräuche. Bleiche junge Männer eilten, das Haar in Korkenzieherlocken beiderseits der hohlen Wangen herabhängend, schüchtern durch die engen Straßen.«
Die UN-Resolution beließ das jüdische Viertel im Herzen der Jerusalemer Altstadt samt seiner orthodoxen Bevölkerung umzingelt. Diese wurde von dem Hagana-Kommandanten David Shaltiel aufgefordert, dort zu verleiben und nicht aufzugeben. Auch die Hebräische Universität und das Hadassa-Krankenhaus im Nordosten der Stadt blieben eingekreist, nach allen Seiten hin von arabischen Vierteln und Dörfern umgeben und abhängig von einer einzigen Verkehrsachse, die mitten durch das arabische Viertel Sheich Dscharrah führte. Angesichts der ständigen Angriffe konnte der Transit vom und zum Berg Scopus nur noch mit gepanzerten
