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Eine Geschichte vom Brennpunkt der Welt
Am Anfang war die UN: Im November 1947 beschloss die Generalversammlung der Vereinten Nationen den Teilungsplan für das britische Mandatsgebiet Palästina – ausgenommen Jerusalem. Diese Stadt, auf die alle drei monotheistischen Religionen Anspruch erhoben und dies bis heute tun, sollte ungeteilt in die Obhut der UN übergehen. Doch der Israelisch-Arabische Krieg vereitelte 1948 diesen Plan. Jerusalem wurde in Ost und West geteilt mit einer Exklave im Nordosten der Stadt.
Die Historikerin Yfaat Weiss untersucht zum ersten Mal auf der Basis der weltweit verstreuten Quellen die Geschichte dieser Exklave bis zum Sechs-Tage-Krieg 1967: die vergeblichen Versuche der UN, Frieden zwischen den Konfliktparteien Jordanien und Israel zu stiften, die dagegen gerichteten Souveränitätsansprüche beider Parteien, die ausgelagerten Bestände der Nationalbibliothek, die verlassenen Institute der Hebräischen Universität, der biblische Zoo mit hungernden Tieren, der verwahrloste Friedhof der im Ersten Weltkrieg gefallenen Soldaten des Commonwealth, das zweckentfremdete Auguste-Viktoria-Gelände, schließlich das palästinensischen Dorf Issawiya mitten in der Exklave. Hier reicht die Geschichte in unsere Gegenwart hinein.Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:
Seitenzahl: 630
Veröffentlichungsjahr: 2025
3Yfaat Weiss
Verfehlte Mission
Das geteilte Jerusalem und die Vereinten Nationen
Aus dem Hebräischen von Jan Eike Dunkhase
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Ein Auszug aus demWerk ist 2021 in Niemandsland. Hader am Berg Scopus in der Reihe »Toldot« bei Vandenhoeck & Ruprecht in der Übersetzung aus dem Hebräischen von Jan Eike Dunkhase erschienen.Diese Maßnahme wird mitfinanziert durch Steuermittel auf der Grundlage des vom Sächsischen Landtag beschlossenen Haushaltes. Das vorliegende Werk wurde vom Leibniz-Institut für jüdische Geschichte und Kultur – Simon Dubnow gefördert.
eBook Jüdischer Verlag Berlin 2025
Der vorliegende Text folgt der deutschen Erstausgabe, 2025.
© Suhrkamp Verlag AG, Berlin, 2025
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Umschlaggestaltung: Rothfos & Gabler, Hamburg
Umschlagfoto: Lagebesprechung des Konvois auf dem Weg zum Skopusberg, 1. Mai 1959, © UN Photo / VA
eISBN 978-3-633-78286-4
www.suhrkamp.de
Cover
Titel
Impressum
Inhalt
Informationen zum Buch
Cover
Titel
Impressum
Inhalt
Einleitung
1 Res publica
Jawne, Nehardea und Pumbedita
Kleines Heiligtum
Idioten im griechischen Sinne
Kriegspsychose
»Shalom, das ist das Ende«
2 »Die internationale ›Grammatik‹ muss sich ändern!«
Internationalisierung
Flaggen
Der Vermittler
Feuerpause
Entmilitarisierung
Attentat
3 Res nullius
»Besitz, der zu einer Art Abstraktion geworden ist«
»Das Getier, das Geflügel und das Gewürm«
»Ein wahres Gibraltar«
Ein Paar Syrische Braunbären
Träume von Utopia
Macht und Geist
4 Ein Minenfeld
»Klug im Kleinen und dumm im Großen«
»Die ganze Angelegenheit ist zweifellos sehr umstritten«
Letzte Ehre
Ein verborgenes Juwel in einem modernen Vorort
»Lebende und tote britische Soldaten«
Das Brüllen des britischen Löwen
»Der stumpfeste Araber«
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UNO
-Insel in Jordanien
»Glücklich das Volk, dessen Gott der Herr ist«
Pulverfass
»In seiner Einfachheit bestechend«
Ein Entwurf
»Jerusalem wird von einer Armee der Toten belagert«
Tertium quid
6 Offenes Land
»Ein Vertrag, der andere betrifft«
»Logische Folgerungen aus falschen Annahmen«
»Eine Mischung aus Kloster und Festung«
Humanitäre Interessen
»Da die Familie ein flexibler Maßstab ist«
7 »Eine jordanische Kolonie im Herzen unseres Territoriums«
Herbarium und Konkordanz
»Nichtigkeiten«
»Bis Jordanien erwacht«
»Meine Güte, ich würde lieber nicht darauf eingehen«
8 Bollwerk des Deutschtums im Nahen Osten
»Ein Symbol des deutsch-evangelischen Christentums im Nahen Osten«
Prestige
»Gentlemen's Agreement«
»Fait accompli«
Abkühlung
9 Trennstreifen
Die mit Tränen säen
Starke Hand
»Gegendruck«
»Neue Gebiete«
10 Corpus separatum in Umkehrung
»Ohne Morgenmeditation«
Die »Besiedlung Ostjerusalems«
»Das Problem ist kein politisches mehr«
»Als Christ wie ein Tourist«
»Die lange Geschichte unseres Wirkens in den Besitzungen auf dem Skopusberg«
Epilog
Danksagung
Anmerkungen
Einleitung
1 Res publica
2 »Die internationale ›Grammatik‹ muss sich ändern!«
3 Res nullius
4 Ein Minenfeld
5
UNO
-Insel in Jordanien
6 Offenes Land
7 »Eine jordanische Kolonie im Herzen unseres Territoriums«
8 Bollwerk des Deutschtums im Nahen Osten
9 Trennstreifen
10 Corpus separatum in Umkehrung
Epilog
Quellen- und Literaturverzeichnis
Archive
Quelleneditionen
Bücher und Aufsätze
Bildnachweise
Informationen zum Buch
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Abb. 1: Karte der Kriegsschauplätze Nr. 5
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Die erste große Bewährungsprobe für die Vereinten Nationen ergab sich schon kurz nach ihrer Gründung durch die UN-Resolution über den Teilungsplan für Palästina vom 29. November 1947, den ersten arabisch-israelischen Krieg 1948 und seine vorläufige Beendigung in den Waffenstillstandsabkommen von 1949, wie der erste UN-Generalsekretär Trygve Lie in seinen Memoiren bemerkte.1 Bei ihrer Gründung im Oktober 1945, wenige Monate nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs, wurden große Erwartungen an sie geknüpft und die Hoffnung, dass sie ihre Friedensmission besser erfüllen werde als der Völkerbund, der ihr vorausging. Doch vor dem Hintergrund des Kalten Krieges und der Aufteilung der Welt in zwei Blöcke wurden ihre Möglichkeiten rasch eingeengt. Eine der großen Herausforderungen war Jerusalem. Der Teilungsplan sah für die Stadt den Status eines Corpus separatum vor, einer internationalen Stadt, doch am Ende der Kämpfe zwischen Israel und Jordanien im Mai 1948 war sie faktisch geteilt. Neben den UN-Resolutionen, die die Gültigkeit der Internationalisierung de jure bekräftigten, etablierte sich im Laufe von knapp zwei Jahrzehnten ein Status quo der internationalen Anerkennung der De-facto-Teilung in einen östlichen Teil unter jordanischer Kontrolle und einen westlichen Teil unter israelischer Kontrolle. Eine Ausnahme bildete die Exklave auf dem Skopusberg im Nordosten der Stadt, inmitten des von Jordanien kontrollierten Gebiets. Sie war ebenfalls in einen israelischen und einen jordanischen Sektor geteilt und verdankte ihre Entstehung zufälligen militärischen Umständen. Anfang Juli 1948 wurde sie im Rahmen eines Entmilitarisierungsabkommens zwischen Jordanien, Israel und der UN rechtlich verankert. Diese außergewöhnliche Realität einer entmilitarisierten Exklave unter UN-Schirmherrschaft, die bis zur israelischen Eroberung Ostjerusalems im Sechstagekrieg andauerte, steht im Zentrum dieses Buches.
10Die wissenschaftliche Forschung hat sich im Laufe der Jahre nur wenig mit Exklaven beschäftigt. Bei der ersten wissenschaftlichen Abhandlung und bisher einzigen umfassenden Arbeit über die Exklave auf dem Skopusberg handelt es sich um eine juristische Dissertation, die 1960 an der Universität Würzburg vorgelegt wurde.2 Das Interesse des Autors an dem Thema ergab sich wahrscheinlich aus der Frage des internationalen Status von West-Berlin. Doch die Entstehung der Exklave auf dem Skopusberg hat nichts mit dem geteilten Berlin zu tun, obwohl sie zur selben Zeit entstand.3 Sie ähnelt eher den Exklaven, die sich bei der Teilung Indiens bildeten. Diese fand – wie die Teilung Berlins – direkt nach dem Zweiten Weltkrieg statt, jedoch nicht im Herzen Europas, sondern im sich auflösenden britischen Kolonialreich. Anders als bei den Hunderten von Exklaven, die bei der Teilung Indiens entstanden – dünn besiedelte Exklaven von mittellosen Bauern –, verhinderte die Lage in Jerusalem, einem spirituellen Zentrum von drei monotheistischen Weltreligionen, dass die Exklave auf dem Skopusberg aus dem internationalen Bewusstsein verschwand. Zudem konzentrierte sich auf den zwei Quadratkilometern ihres Gebiets aufgrund der Lage auf dem Kamm des Ölbergs, einem heiligen Aussichtspunkt, eine besondere Ansammlung von Stätten, die jede für sich bereits Gegenstand unermüdlicher diplomatischer Bemühungen war.
In einem Zeitraum von etwa fünfundzwanzig Jahren, beginnend in den letzten Jahren des Osmanischen Reiches und endend während der britischen Mandatszeit in den späten 1930er Jahren, waren auf diesem Bergrücken zahlreiche Institutionen errichtet worden. 1907 wurde auf Initiative des deutschen Kaisers Wilhelm II. der Grundstein für die Kirche und das Hospiz Auguste Viktoria gelegt, die 1910 eingeweiht wurden. Nur wenige hundert Meter entfernt fand 1918 die Grundsteinlegung für die Hebräische Universität statt, ihre Eröffnung erfolgte 1925. Zwei Jahre darauf wurde der Jerusalem War Cemetary eingeweiht, auf dessen Gelände 1917 unweit des 11Frontverlaufs Gefallene aus Großbritannien, Australien und Neuseeland begraben worden waren. 1930 wurde auf dem Campus der Hebräischen Universität die National- und Universitätsbibliothek errichtet und 1934 in direkter Nachbarschaft der Grundstein für ein auf Initiative der US-amerikanischen zionistischen Frauenorganisation Hadassah errichtetes Krankenhaus gelegt, dessen Einweihung 1939 erfolgte. All diese Einrichtungen waren nun in der entmilitarisierten Exklave eingeschlossen. Das führte während des 19-jährigen Bestehens der Exklave bei den Verhandlungen internationaler Organisationen zu Spannungen mit Jordanien und Israel, zwischen Jordanien und Israel und mit der UNO und ihrem örtlichen Exekutivorgan, der Überwachungsorganisation der Vereinten Nationen für den Waffenstillstand (UNTSO).
Das Buch verfolgt die Bemühungen Israels, seine De-facto-Kontrolle über das Gebiet der Exklave, die es aufgrund der dortigen jüdischen Besitztümer erlangt hatte, in einen Souveränitätsanspruch umzuwandeln. Israel kompensierte die mangelnde internationale Anerkennung seiner Souveränität – Jerusalem war, wie gesagt, der Status eines Corpus separatum zugewiesen worden und dem Skopusberg der eines entmilitarisierten Gebiets unter UN-Schirmherrschaft –, indem es seinen Souveränitätsanspruch auf andere Weise geltend machte. Es verwehrte internationalen Truppen den Zugang zu dem von ihm kontrollierten Gebiet und demonstrierte damit Souveränität durch Verhinderung äußerer Einmischung; es verwehrte Commonwealth-Staaten den Zugang zum Friedhof und demonstrierte damit Souveränität durch Kontrolle der Übergänge; und zum Missfallen der UN-Beobachter arbeitete es unermüdlich – wenn auch oft vergeblich – daran, innere Souveränität durch die Kontrolle der Bewohner des benachbarten palästinensischen Dorfes Issawiya zu etablieren, die sich seiner Autorität faktisch nicht unterwarfen. Dieses historische Kapitel endete scheinbar mit der Eroberung Ostjerusalems und der Vereinigung der Stadt unter israelischer Herrschaft im Juni 1967. Das 12Muster, nach dem der israelische Souveränitätsanspruch geltend gemacht wurde, war damit allerdings nicht aus der Welt. Es bestimmte und bestimmt weiterhin die gesamte israelische Politik. Auch die Kluft zwischen einerseits der fehlenden internationalen De-jure-Anerkennung des Status von Jerusalem und andererseits dem israelischen Recht wie auch der territorialen De-facto-Kontrolle über die Stadt und andere Gebiete, die Israel 1967 eroberte, besteht bis heute fort.
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Abb. 2: Eröffnungsfeier der Hebräischen Universität, 1925
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Die Versuchung ist groß, das Schicksal der Hebräischen Universität im Jahr 1948 als von Beginn an feststehenden Schlussakt eines Dramas zu lesen, in dem sich Zerstörung und Erlösung mischen. Seit den ersten Initiativen war die Gründung der Universität auf dem Skopusberg mit einer politisch-theologischen Fracht beladen, die ihre Gründerväter immer wieder betonten, wenn sie die Worte des Propheten Jeremia zitierten: »Denn von Zion wird Weisung ausgehen und des Herrn Wort von Jerusalem.«1 Seit die zionistische Bewegung begonnen hatte, die Vision von einer Universität zu verwirklichen, offenbarte die hebräische Sprache die Gefahr, einen abstrakten religiösen Vers in einen konkreten Plan zu übersetzen2 – einen »dritten Tempel«, wie Chaim Weizmann, der 1913 vom 11. Zionistenkongress mit der Initiative betraut worden war, es in einem Brief an seine Frau Vera nannte.3 Wenngleich der Erwerb des Grundstücks von John Gray Hill während des Ersten Weltkriegs dem Zufallsspiel von Angebot und Nachfrage auf dem lokalen Immobilienmarkt geschuldet war, handelte es sich beim Skopusberg doch um einen Ort, der von Symbolen des Heiligen nur so strotzte. »Von unserem Haus aus«, schrieb Gray Hill 1912, »bietet sich der, wie ich meine, erhabenste und prachtvollste Anblick der Welt. Von der einen Seite blicken wir herab auf die Heilige Stadt und auf das große Areal, auf dem sich einst der Tempelberg befand […] und gen Norden erblicken wir unzählige Dörfer des Alten Testaments, Rama, Mitzpa und Michmasch. Wir überschauen also ein Land, das größtes menschliches Interesse und tiefste menschliche Gefühle weckt. So werden Sie gewiss verstehen, warum wir so vom Heiligen Land begeistert sind.«4
Tatsächlich lassen sich vom Rücken des Skopusbergs, der höchsten Erhebung im Umkreis, biblische Schauplätze überblicken, die für die Geschichte der hebräischen Nation zentral waren. Der frühere britische Außenminister Lord Arthur 18James Balfour, Verfasser der berühmten nach ihm benannten Deklaration, erinnerte in einer von Pathos durchdrungenen Rede anlässlich der Eröffnung der Universität im April 1925 vor mehr als 7000 Anwesenden an die besondere Bedeutung des Orts: »Von diesem Berg, dem Skopusberg, aus hat der römische Zerstörer Jerusalems jene Belagerung gelenkt, die diesem großen Kapitel in der Geschichte des jüdischen Volkes ein Ende setzte. Könnte es einen historischeren Ort geben?«5, sprach Balfour halb fragend, halb proklamierend, als er auf die Beziehung zwischen dem Verlust der Souveränität zur Zeit des Zweiten Tempels und der Hoffnung auf deren Wiedergewinnung mit der Gründung der Hebräischen Universität verwies.6 Im Wesentlichen dasselbe brachte auch Itamar Ben Avi zum Ausdruck, der Sohn des Erneuerers der hebräischen Sprache Elieser Ben-Jehuda, als er in der Jerusalemer Tageszeitung Do'ar Ha-Jom konstatierte: »Titus hat den antiken Tempel zerstört, Balfour errichtet den neuen.«7
Während Weizmann und ebenso der führende Kulturzionist Achad Ha'am die Universität einen »dritten Tempel« nannten, verglichen andere sie mit Jawne, jenem Ort, an dem der talmudischen Überlieferung zufolge Jochanan Ben-Sakkai und seine Schüler nach der Zerstörung des Zweiten Jerusalemer Tempels ein alternatives religiöses Zentrum schufen.8 Weizmann selbst betonte bei der Inauguration der Universität, sie richte »ihren Blick auf die Propheten und die Weisen, auf jene, die auf den Ruinen des jüdischen Staates die Akademien von Jawne, Nehardea und Pumbedita errichteten«.9 Waren dies tatsächlich komplementäre Gegensätze, wie Hugo Bergmann zehn Jahre darauf als Rektor vor den Freunden der Universität im New Yorker Hotel Waldorf Astoria bemerkte?10 Standen Jawne und Jerusalem einander nicht diametral gegenüber? War es überhaupt möglich, Jawne in Jerusalem zu errichten?
Einer der Ehrengäste, der aus gesundheitlichen Gründen nicht an der Eröffnungsfeier teilnehmen konnte, übermittelte seine Glückwünsche. »Die Historiker«, schrieb er, »haben uns 19gelehrt, dass unsere kleine Nation die Zerstörung ihrer staatlichen Unabhängigkeit nur deswegen überstand, weil sie ihre erhabensten Werte auf ihren geistigen Besitz, auf ihre Religion und ihre Literatur verlagerte.«11 Es ist interessant, dass der Geladene seine Glückwünsche ausgerechnet dafür nutzte, auf jene Wende zu abstrakten Werten hinzuweisen, die das Judentum infolge seines Souveränitätsverlusts vollzog. Wäre er zu den Feierlichkeiten erschienen, hätte ihn vielleicht die Verquickung eines nationalen Akts mit signifikanten religiösen Symbolen verwundert und auch, dass die Feier mit der Verlesung von Psalmen durch den Oberrabbiner Palästinas, Avraham Jitzchak Hacohen Kook, begann und mit Worten des englischen Oberrabbiners Joseph Zvi Hertz beschlossen wurde.12 Doch, wie gesagt: Der Geladene, sein Name war Sigmund Freud, musste aus gesundheitlichen Gründen fernbleiben. Mit religiösen und messianischen Sehnsüchten war es zweifellos reichlich ausgestattet, jenes säkulare kulturelle Projekt, das sich Universität nannte. Selbst ein Mann der Tat wie Arthur Ruppin, Leiter des Palästina-Amts in Jaffa, zeigte sich ergriffen, als er am Tag der Eröffnung des Instituts für Jüdische Studien im Jahr zuvor in sein Tagebuch schrieb: »Die Tatsache, daß nunmehr wirklich der erste Anfang der Hebräischen Universität gemacht ist, machte auf mich großen Eindruck. Vielleicht ist dies doch ein historischer Tag, vielleicht wird doch von Zion eine neue Lehre ausgehen und der Menschheit neue Wege weisen.«13
Das Gewicht des Heiligen wuchs noch, nachdem sich die religiösen Vorstellungen und die Sehnsüchte nach kultureller Erneuerung zu materialisieren begannen und das himmlische Jerusalem in die Planungen des irdischen Jerusalems hineingeriet. 1919 wurde der bekannte schottische Städteplaner Patrick Geddes, der zu jener Zeit die Universität im indischen Indore plante, beauftragt, den Campus der Hebräischen Universität zu entwerfen. Wie Geddes selbst sagte, rührte sein besonderes Interesse daran vor allem von der Kindheitsbekanntschaft mit dem »Bau des Salomonischen Tempels und den Büchern Esra 20und Nehemia her«.14 Durch die Affinität zum muslimischen Baustil in der Jerusalemer Altstadt und ihrer Umgebung sollte sein Entwurf für den Skopusberg-Campus ein Gegenwicht zu den Glockentürmen der russischen Maria-Magdalena-Kirche auf dem Ölberg und zum Turm des Auguste-Viktoria-Hospitals schaffen.15 Auf dem Dach des zentralen Saals, den Geddes im Herzen des Campus vorsah, sollte eine Kuppel funkeln. Ihr Sockel war, um ihn von dem des Felsendoms zu unterscheiden, nicht achteckig, sondern sechseckig geplant, in Form des Davidsterns. Dieser kleine Unterschied konnte jedoch nicht verbergen, dass Geddes' Kuppel die der Al-Aqsa-Moschee imitierte.16 Wenngleich sein Entwurf nicht realisiert wurde – auch den beiden später offiziell beauftragten modernistischen Architekten Erich Mendelsohn und Richard Kauffmann gelang es nie, einen Plan ganz durchzubringen17 –, blieb die religiöse Inspiration doch erhalten. So etwa Anfang der Dreißigerjahre bei der Initiative von Menachem Ussishkin, dem Leiter des Jüdischen Nationalfonds, die Nikanor-Höhle, in der der Stifter der prachtvollen Türen für den Zweiten Tempel begraben lag, zu einem Mausoleum und Pantheon für die Führer der zionistischen Bewegung auszubauen. Die unweit der Universität gelegene Höhle war 1902 zufällig entdeckt und 1928/29 von dem Archäologen Eleazar Lipa Sukenik ausgegraben worden und so ins zionistische Bewusstsein gelangt, wobei sich Ussishkins Plan letztlich in den Wirren des Kriegs verlor.18
Ein Jahrzehnt nach der feierlichen Eröffnung der Universität hatte sich der Skopusberg mit seinen Einrichtungen eine zentrale Stellung im Bewusstsein der politischen Führungsschicht erobert und begann die religiösen heiligen Stätten zu überschatten. Deutlich wird dies an der Reaktion der Jewish Agency auf die Empfehlungen der königlich britischen Untersuchungskommission (Peel-Kommission) im Jahr 1937, jenem Gremium, das neben der Teilung des Landes in einen jüdischen und einen arabischen Staat vorschlug, Jerusalem und Umgebung als Teil einer Sonderzone unter britischer Mandats21verwaltung zu belassen. Die Jewish Agency erarbeitete daraufhin einen Gegenvorschlag zur Teilung der Stadt, den sie 1938 der neu eingerichteten Teilungskommission (Woodhead-Kommission) vorlegte. Mit der Unterstützung von Weizmann und David Ben-Gurion enthielt sich die Exekutive der Jewish Agency dabei überraschenderweise jeglicher Forderungen im Hinblick auf die Jerusalemer Altstadt, verzichtete also bewusst auf die heiligen Stätten, um gleichzeitig in aller Entschiedenheit dafür zu plädieren, den Skopusberg dem Westteil der Stadt zuzuschlagen.19 Angesichts der zu erwartenden internationalen Distanzierung und der mangelnden Aussicht, die Altstadt für sich zu gewinnen, neigten ihre Schlüsselakteure dazu, sich mit Ersatz abzufinden. So erklärte bei den Beratungen etwa Ussishkin: »Der Skopusberg wird zum kulturellen Zentrum des jüdischen Volks werden, mit Tausenden von Studenten und Hunderten von Professoren.«20 Dies blieben freilich Visionen. Am Vorabend der Teilung belief sich die Zahl der Professoren unter den weniger als 200 akademischen Mitarbeitern auf lediglich rund 50, die Zahl der Studenten lag bei etwas über 1000.21 Die räumliche Isolierung des Elfenbeinturms im Nordosten der Stadt findet ihre Entsprechung in der Diskrepanz zwischen den Ansichten eines Teils seiner Bewohner und der öffentlichen Meinung außerhalb seiner Mauern.
Die politische Haltung der Hebräischen Universität wurde in erster Linie mit Brit Shalom identifiziert, jener zur Zeit der Universitätseröffnung gegründeten Vereinigung, die die Idee eines binationalen Staates unterstützte. Die Ansichten ihrer Mitglieder, die universelle Werte vertraten und dem Pazifismus zuneigten, stießen in der Öffentlichkeit auf allgemeine Ablehnung. Das vertiefte sich noch im Jahr 1929, als Brit Shalom die Unruhen als »authentischen und gerechten« Ausdruck der ara22bischen Nation und als ein Ergebnis der Vernachlässigung des arabischen Problems interpretierte.22 Als Sprachrohr dieser politischen Haltung fungierte der Kanzler, dann Präsident der Universität, Jehuda Leib Magnes. Wenngleich er sich der Organisation nicht offiziell anschloss, da er am Pazifismus ihrer Mitglieder zweifelte, unterstützte er in der Öffentlichkeit den Gedanken der Binationalität. Entschieden lehnte er einen politischen Zionismus ab, dessen Erfolge auf fremde Einmischung und die Forderung nach Privilegien unter dem Schutzschirm einer imperialen Großmacht zurückzuführen seien.23
Nachdem Forderungen nach einer Verbesserung der Betriebsabläufe laut geworden waren, durchlief die Hebräische Universität Mitte der Dreißigerjahre einen Evaluationsprozess, an dessen Ende eine umfassende Reform ihrer Organisationsstruktur empfohlen wurde.24 Abgesehen von der Installierung ernannter und gewählter akademischer Leitungsgremien und der Ernennung Weizmanns zum Kuratoriumsvorsitzenden empfahl die Evaluierungskommission unter Sir Philip Hartog – dem akademischen Sekretär der University of London und Vizekanzler der Universität von Dhaka in Indien – die Aufteilung des Kanzleramts. Die akademische Leitung wurde infolgedessen an Bergmann als gewählten Rektor übertragen, während Magnes zum Präsidenten der Universität ernannt wurde, ein symbolisches Amt ohne wirkliche Machtbefugnisse, das ihm die Konzentration auf sein politisches Engagement ermöglichte.25 Die öffentliche Resonanz von Magnes und seinen Weggefährten verstärkte sich paradoxerweise gerade zu der Zeit, als sich das Gewicht der Organe und Persönlichkeiten, die die Vielfalt der politischen Anschauungen repräsentierten, steigerte und die Universität zunehmend für die nationalen und sicherheitspolitischen Bedürfnisse des Jischuws eingespannt wurde.26 Die scheinbar überraschende Kluft zwischen Wirklichkeit und Einbildung, zwischen der Existenz eines breiten politischen Spektrums an der Universität und deren Identifikation mit marginalen linken Positionen diente, wie Hadva Ben-23Israel gezeigt hat, dem klaren Interesse jener verschiedenen Kräfte innerhalb und außerhalb der Universität, die sich an der Universität Einfluss verschaffen und sie als eine Einrichtung darstellen wollten, die eine »Intervention von außen« erforderlich machen würde.27
Neben dem sich diversifizierenden Meinungsklima an der Universität veränderte sich auch die Haltung von Magnes selbst: Während er nach den Unruhen von 1921 noch überzeugt war, dass die Balfour-Deklaration den Juden übermäßige Rechte zugestehe und sie einer imperialen Großmacht ausliefere, und noch 1925 Lord Balfours Teilnahme an der Eröffnungsfeier der Universität bedauerte, da diese Unterstützung sie von ihrer unmittelbaren Umwelt entfremde und sie als Projekt unter imperialer Schirmherrschaft ausweise,28 stellte er sich im Zweiten Weltkrieg auf die Seite der Briten und nahm von jener pazifistischen Haltung Abstand, die er im Ersten Weltkrieg und auch noch in seinen ersten Jahren in Jerusalem vertreten hatte.29 In anderen Fragen hatte er sich schon zuvor der britischen Position angenähert. Angesichts des arabischen Aufstands und seiner prinzipiellen Ablehnung der auf eine jüdische Bevölkerungsmehrheit abzielenden zionistischen Politik30 zeigte er Verständnis für die Sorgen der Araber vor einer jüdischen Masseneinwanderung und rechtfertigte die Politik des »Weißbuchs«.31 Magnes' Aufruf zur »täglichen geistigen und politischen Annäherung« an die Briten, Bergmanns Widerstand gegen die »Herrschaft kleinerer Nationen« und sein Aufruf zu einer arabisch-jüdischen Föderation trugen zu ihrer wachsenden Unpopularität im Jischuw bei.32
Als die Peel-Kommission 1937 ihren Teilungsplan vorlegte, taten Magnes und seine Mitstreiter alles in ihrer Macht Stehende für die Idee des binationalen Staates. Gemeinsam mit weiteren Kollegen von der Hebräischen Universität gründeten sie im Sommer 1942 die Partei Ichud, um gegen den Plan zur Errichtung eines jüdischen Staates zu opponieren, der sich auf der Biltmore-Konferenz abzuzeichnen begann. Magnes' Aktivitä24ten gipfelten in seiner Aussage vor dem angloamerikanischen Untersuchungskomitee im März 1946. Ohne von der Befürwortung eines binationalen Staats abzuweichen, aber in absolutem Widerspruch zu seiner Unterstützung der Beschränkung jüdischer Einwanderung in den Dreißigerjahren, forderte Magnes, die Einwanderung von 100 000 heimatlos gewordenen Juden ins Land Israel rechtlich abzusichern, ein humanitäres Recht, das die Forderung nach einem jüdischen Staat überflüssig machen würde. Magnes' Aussage vor dem anglo-amerikanischen Untersuchungskomitee als Ichud-Mitglied, d. h. als Privatmann, wurde in der Presse mit großer Zustimmung aufgenommen. Die private Aussage eines anderen Universitätsangehörigen und Ichud-Mitglieds, Martin Buber, verstimmte die Öffentlichkeit hingegen. Denn Buber kam weder auf die unmittelbare Vergangenheit – die Shoah – noch auf die Bedürfnisse der jüdischen Displaced Persons zu sprechen, sondern begnügte sich mit der Mahnung an die prinzipielle Affinität, die das Christentum dem Zionismus entgegenbringen müsse, und der Darstellung der allgemeinen Forderungen des Zionismus in Bezug auf den Kauf von Land, den kontinuierlichen Zustrom jüdischer Siedler und die Selbstdefinition als »jüdische Bevölkerungsgruppe«.33 In der Zeitung Haboker wurden seine vermeintlich »im Namen der Universität« vorgebrachten Äußerungen mit jener Front verglichen, die sich in Titus' Zeiten auf dem Skopusberg formiert hatte.34
Die Frage einer politischen Lösung war in die Zukunft gerichtet, während die der Beziehung zu den Briten die Gegenwart betraf. In beiden Fragen unterschieden sich Magnes und die ihm Nahestehenden von ihrer Umgebung: In den Gründungsjahren der Universität, als die jüdisch-zionistische Öffentlichkeit der britischen Mandatsmacht positiv gegenüberstand, hatte Magnes diese als Repräsentantin des britischen Imperialismus verdammt, doch mit der Zeit wendete sich das Blatt: Das Verhältnis der wichtigen Organe des Jischuws zu den Briten wurde zweckorientiert, man nutzte die britische 25Herrschaft für die eigenen Bedürfnisse und betrachtete sie zugleich als Fremdkörper; Magnes hingegen erkannte sie als »Hüterin von Recht und Ordnung mit legitimer Autorität« an, in der Überzeugung, dass nur unter ihr eine Aussicht auf die Gründung eines binationalen Staates bestünde.35 Am deutlichsten zeigte sich Magnes' Haltung in seiner kategorischen Ablehnung jüdischen Terrors. Nachdem er im Sommer 1939 bei einer Busfahrt einem Gespräch zwischen Jugendlichen im Geiste von Simsons selbstmörderischem Racheschwur »Ich will sterben mit den Philistern« (Ri 16.30) gelauscht hatte, schrieb er in sein Tagebuch: »Langsam verfällt das auserwählte Volk im Heiligen Land der barbarischen Primitivität der Wüste.«36 Eine solche Haltung war innerhalb der Zionistischen Organisation und im Jischuw wie auch an der Hebräischen Universität seinerzeit durchaus verbreitet. An einer von den Studenten organisierten Demonstration gegen den jüdischen Terror beteiligten sich rund 600 Menschen.37 So war es nur folgerichtig, dass Weizmann und Magnes sich Ende 1944 darin einig waren, die Ermordung von Lord Moyne durch die Untergrundmiliz Lechi als fatalen Vorfall zu betrachten.38 Auch die Universitätsleitung verurteilte jegliche Terroraktivitäten, insbesondere den Anschlag auf das King David Hotel.39 Magnes blieb dieser Haltung treu, als er zum Beginn des Studienjahrs 19415/47 vor Extremisten warnte, die Zerstörung und Verwüstung bringen könnten.40
Sein Engagement für die Universität ließ, wie angemerkt, im Laufe der Jahre nach. Bei verschiedenen Anlässen ging deshalb das Wort von der »Tatenlosigkeit« des Präsidenten um.41 Tatsächlich gehörte seine Rede zum Beginn des Studienjahrs zu seinen wenigen Auftritten als Präsident der Universität.42 In seiner Ansprache zur Eröffnung des Studienjahrs 1947/48 wollte er vor dem Hintergrund der Eskalation im Vorfeld der UN-Resolution die »kollektive Verantwortung ganz Israels und die individuelle Verantwortung jedes Menschen in Israel« miteinander in Einklang bringen. Theologisch-politisch formu26lierte er: »Ganz Israel bürgt füreinander.«43 Er warnte vor einem allgemeinen moralischen Niedergang und davor, dass der Mensch das Recht selbst in die Hand nehme. Den rhetorischen Höhepunkt bildete sein Ausruf: »Vor der Staatsgründung haben wir ›Gerichte‹, die ausländische Soldaten zum Erhängen verurteilen und Israels Ruf unter den Völkern zerstören.«44 Im Jahr darauf äußerte er seinen Abscheu vor der Entführung und anschließenden Ermordung von zwei britischen Feldwebeln durch die Etzel-Miliz im Juli 1947, ein Ereignis, das noch eine lange Reihe weiterer antibritischer Gewalttaten und Racheakte der »Dissidenten«-Organisationen Etzel und Lechi nach sich zog, nachdem die Briten im Februar ihren Rückzug aus dem Land angekündigt hatten.45
Die Erhängung der Feldwebel sorgte für allgemeines Entsetzen. Doch Magnes sah in der Tat die Ausnahme, die die Regel bestätigt. »Wer weiß«, rief er in seiner Rede, »wie viele unserer jungen Leute davon beeinflusst sind, wobei sie sehr gut wissen, dass ihre Verurteilung oft nur eine verbale ist, eine Verurteilung aus dem Munde von Leuten, die an ähnlichen Aktionen teilgenommen haben und ihre Taktik den Bedürfnissen des Augenblicks angepasst haben und nicht den Bedürfnissen der ewigen geistigen Werte des Judentums.«46 In Anbetracht des Ausnahmezustands sah er die Gefahr einer »Art von moralischem Moratorium«, das derartige Taten als notwendig hinnehme, bis »wir Selbstständigkeit im Land erreichen und den Staat errichten«. Dabei liege es nicht in der Macht des Menschen, »die Moral einzufrieren«.47 Magnes wollte in seiner Rede zur Eröffnung des Studienjahrs 1947/48 weder die Allgemeinheit noch sich selbst von der Mitverantwortung für die Taten jener »Dissidenten« freisprechen. Er weigerte sich allerdings, ihnen das alleinige Anrecht auf den Begriff »Dissidenz« zu überlassen, und betonte, es gebe zwei verschiedene Arten von Dissidenz, eine, die er lobe, und eine, die er verdamme;48 Letztere bedeute, das Joch des Himmelreichs abzuschütteln, während sich Erstere von der Verunreinigung abwende und 27Reinheit und Aufrichtigkeit liebe. Israel sei »der größte Dissident in der Geschichte der Menschheit«, Dissidenz entspräche mithin dem »innersten Wesen des Judentums«.49 Zum Schluss seiner Rede – es sollte seine letzte sein – verwies Magnes auf den Zufluchtsort jener Dissidenten, die gegenwärtig der Verrohung ihrer Umwelt entgegenträten: »Gott sei Dank gibt es eine Hebräische Universität im Land, einen Zufluchtsort, einen Tempel, ein kostbares Heiligtum, einen Ort zumindest, wo wir über die Jahre und nach Streit und Diskussion, denke ich, eine Übereinkunft erzielt haben. Die Übereinkunft besteht darin, dass die Universität eine res publica ist, eine autonome Körperschaft, unabhängig von Staat und ekklesía, eine Universität, die einerseits integraler Bestandteil des Lebens der Gemeinschaft ist und andererseits eine Dissidentin, getrennt von der Gemeinschaft, insofern sie sich, was immer auch die Mehrheit entscheidet, nicht ihrer Freiheit der Wissenschaft, des Denkens und der Rede entäußern kann.«50
Die Hoffnungen, die Magnes in die Universität als res publica51 setzte, schwanden mit der Erlangung der politischen Souveränität dahin. Nach und nach integrierte sich die Universität aus eigenem Antrieb in den Jischuw und unterstellte sich der Autorität der nationalen Institutionen.52 Mit der Verabschiedung des UN-Teilungsplans am 29. November 1947 endete die Zeit jener institutionellen Autonomie, die die Hochschule als »Universität des jüdischen Volkes« genossen hatte.53 Angesichts ihrer strategischen Lage und der geopolitischen Konsequenzen des Teilungsplans wurde sie über Nacht äußeren Zwängen unterworfen, die sie auch im Inneren vor neue strukturelle Probleme stellten. In einer der Senatssitzungen lautete ein Tagesordnungspunkt: »Die Universität unter dem Regime der Zukunft«.54
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Nachdem die britische Regierung ihre Entscheidung bekanntgegeben hatte, das ihr noch vom Völkerbund erteilte Mandat an die Vereinten Nationen zurückzugeben, wurde im Mai 1947 die UN-Sonderkommission für Palästina (UNSCOP) eingesetzt. Diese wies Jerusalem zum Abschluss ihrer Verhandlungen einen internationalen Status zu55 und empfahl einstimmig, das Mandat baldmöglichst aufzuheben. Gegen eine Minderheit, die für die Schaffung eines binationalen Staats eintrat, votierte eine Mehrheit von acht Stimmen dafür, auf dem Mandatsgebiet einen jüdischen und einen arabischen Staat entstehen zu lassen und Jerusalem samt Umgebung zu einem von diesen beiden Staaten getrennten internationalen Sektor zu erklären, der neutral und der Kontrolle der UNO unterstellt sein sollte. Dieser Entwurf, später bekannt als »der Teilungsplan«, wurde am 29. November 1947 nur leicht verändert als Resolution 181 in der zweiten Sitzung der UN-Vollversammlung verabschiedet. In Teil II wurde bestimmt: »Die Stadt Jerusalem wird als Corpus separatum unter einem internationalen Sonderregime errichtet und von den Vereinten Nationen verwaltet.«56 Gemäß den Empfehlungen der Sonderkommission begnügte sich die UNO dabei nicht mit der funktionalen Internationalisierung der heiligen Stätten, sondern entschied sich für die Maximalversion der territorialen Internationalisierung der Stadt und ihres Umlands.57
Laut dem Teilungsplan sollte Jerusalem entmilitarisiert und neutral sein und von einem Treuhandrat verwaltet werden, mit einem Gouverneur an der Spitze, lokaler Selbstverwaltung, einer internationalen Polizeitruppe und einem gewählten Gesetzgebenden Rat. Dieser sollte binnen Monaten ein detailliertes Gesetzeswerk entwerfen und verabschieden, das spätestens am 1. Oktober 1948 in Kraft treten und ein Jahrzehnt lang Gültigkeit besitzen sollte.58 Dieser Plan, »ein ›Statut‹ in abstracto«,59 wurde von der arabischen Seite aus verständlichen Gründen 29abgelehnt und von der jüdischen Seite aus ebenfalls verständlichen Gründen akzeptiert. Es war dies »aus taktischer Sicht klug«.60 Doch, wie Tom Segev in seinem Buch Es war einmal in Palästina. Juden und Araber vor der Staatsgründung Israels schreibt, war schon damals allen Beteiligten klar, »dass der avisierte Teilungsplan geografisch und demografisch nicht verwirklicht werden konnte: Die Grenze zwischen den beiden Staaten war lang und gewunden, militärisch unmöglich zu verteidigen. […] Zudem gab es keinen Grund zu der Annahme, dass eine internationale Treuhandschaft über Jerusalem durchführbar war. Niemand glaubte an diesen Plan; jeder wusste, dass es Krieg geben musste.«61
In Jerusalem lebten zu jener Zeit etwa 100 000 Juden. Nach dem Ausbruch der gewalttätigen Auseinandersetzungen infolge des Teilungsbeschlusses waren sie gänzlich von der einzigen Verkehrsverbindung abhängig, die noch zwischen ihnen und den jüdischen Siedlungsgebieten in der Küstenebene bestand. Über mehrere Wochen gelang es den arabischen Truppen immer wieder, die durch dicht arabisch besiedeltes Bergland führende Route zu blockieren und damit die Versorgung Westjerusalems zu unterbinden, um dort eine Nahrungsmittelknappheit auszulösen. Die Hagana, die unabhängig und ohne britische Unterstützung gegen die Belagerung kämpfte, brachte zwischen Dezember 1947 und März 1948 224 Konvois auf den Weg nach Jerusalem, von denen 216 ihr Ziel erreichten.62 Das Beharren der Exekutive der Jewish Agency und der auf sie folgenden »Volksführung« auf eigenständigem Handeln war einer von vielen Schritten, die Israel unternehmen würde, um seine Souveränität auf dem Territorium zu festigen.63 Während der allgemeinen Blockade des hebräischen Jerusalems gab es zwei jüdische Areale in der Stadt, die territorial isoliert inmitten einer von Arabern bevölkerten Umgebung lagen: das jüdische Viertel der Altstadt und, im Nordosten der Stadt, den Skopusberg mit seinen Einrichtungen – der Hebräischen Universität, der Nationalbibliothek und dem Hadassah-Kranken30haus. Der britische General John Glubb Pasha, Kommandant der Arabischen Legion, hat sie ein Jahrzehnt später in seinen von antijüdischen Affekten eingefärbten Erinnerungen in ihrer ganzen Gegensätzlichkeit beschrieben:
»Die beiden jüdischen Viertel boten in friedlicheren Zeiten zwei sehr kontrastreiche Bilder vom heutigen Judentum. Die massiven Häuserblocks des Hadassah-Hospitals auf dem Berge Scopus waren mit den neuesten Apparaten und Einrichtungen der modernen medizinischen Wissenschaft ausgestattet. Zweihundert Schritt jenseits des Hospitals strömten Scharen barhäuptiger Studenten in die Universitätsgebäude. Im jüdischen Viertel der Altstadt dagegen erfüllten vom Alter gebeugte Rabbis mit langen weißen Bärten noch streng das jüdische Gesetz und die von Moses überkommenen alten Bräuche. Bleiche junge Männer eilten, das Haar in Korkenzieherlocken beiderseits der hohlen Wangen herabhängend, schüchtern durch die engen Straßen.«64
Das jüdische Viertel im Herzen der Jerusalemer Altstadt blieb durch die UN-Resolution samt seiner orthodoxen Bevölkerung von den arabischen Vierteln umzingelt. Die Orthodoxen wurden von dem Hagana-Kommandanten David Shaltiel aufgefordert, dort zu bleiben.65 Auch die Hebräische Universität und das Hadassah-Krankenhaus im Nordosten der Stadt blieben eingekreist, nach allen Seiten hin von arabischen Vierteln und Dörfern umgeben und abhängig von einer einzigen Verkehrsachse, die mitten durch das arabische Viertel Sheik Djarach führte. Angesichts der ständigen Angriffe konnte der Transit vom und zum Skopusberg so nur mehr mit gepanzerten Konvois vonstattengehen. Versuche der Hagana, die Kontrolle über die Achse zu gewinnen, scheiterten am Widerstand der Briten, die zum Ende des Mandats ihre eigenen Truppen über diese Route abzuziehen gedachten. In der Zwischenzeit, während jüdische und arabische Einheiten um die Verkehrsverbindung kämpften, beschränkten sich die Briten auf punktuelle Präventivmaßnahmen, um direkte Angriffe auf die eige31nen Truppen zu verhindern.66 Ihre Möglichkeiten, die jüdische Seite zu schützen, waren zu diesem Zeitpunkt gewiss nur noch begrenzt; vor dem Hintergrund des jüdischen Terrors schwand aber auch ihre Bereitschaft zusehends.
Das im Teilungsplan verkündete Prinzip des Corpus separatum wirkte sich umgehend auf den verwaisten Campus im Nordosten der Stadt aus. Aufgrund seiner geografischen Lage wurde er zu einer Basis für offensive wie defensive Militäraktionen der jüdischen Truppen, die in den umliegenden arabischen Vierteln kämpften, in Shuafat, Wadi Joz und Issawiya.67 Die gewalttätigen Auseinandersetzungen, die nach der Verkündung des Teilungsplans ausbrachen, betrafen die Universitätsangehörigen naturgemäß ganz direkt. Sie ließen dabei einen Meinungsstreit sichtbar werden, der schon seit vielen Jahren geschwelt hatte, nun, angesichts der geopolitischen Veränderungen, aber akut wurde. Den Hauptschauplatz der Auseinandersetzung bildeten dabei die Senatssitzungen. So schlug etwa Buber den zwanzig Teilnehmern der Sitzung am letzten Tag des Jahres 1947 vor, man solle in Anbetracht der UN-Beschlüsse über den zukünftigen Status Jerusalems die Oberhäupter der Religionsgemeinschaften darum bitten, weltweit darauf hinzuwirken, »die Internationalisierung Jerusalems zu beschleunigen«68 – ein Vorschlag, der unter den rund 20 Anwesenden auf kein positives Echo stieß. Eine Ausnahme war Norman Bentwich, den Magnes trotz öffentlichen Widerstands 1932 zum Inhaber des »Weizmann-Lehrstuhls für internationalen Frieden« ernannt hatte, nachdem er von seinem Posten als Rechtsberater und Generalstaatsanwalt der Mandatsregierung entbunden worden war.69 Sukenik und Ben-Zion Dinaburg, der zukünftige Erziehungsminister, schmetterten den Vorschlag umgehend ab: Sie sahen darin einen »schweren politischen Fehler«, da so schon vor der Staatsgründung die »Abtrennung Jerusalems vom hebräischen Staat« akzeptiert würde. Wenn überhaupt, solle die Universität die UNO darum bitten, die »Umsetzung der Resolution zur Staatsgründung« zu beschleu32nigen. Dieselbe Position vertrat im Senat der Völkerrechtsexperte Natan Feinberg, der die Verbindung zwischen Jerusalem und dem Rest des Landes betonte; man könne nicht über Jerusalem sprechen, ohne über das Land als Ganzes zu sprechen. Auch Naftali Torczyner (Tur-Sinai), der bis zur nationalsozialistischen Machtergreifung an der Berliner Hochschule für die Wissenschaft des Judentums Bibel lehrte, fand, wenn überhaupt, müsse man sich an die UNO wenden, und dies nur nach Genehmigung der politischen Führung des Jischuws. Der Senatsbeschluss, der ohne überwältigendes Mehrheitsvotum auf Sukeniks Vorschlag formuliert wurde, neutralisierte Bubers primäres Anliegen. Was von diesem übrig blieb, war, dass man die Vereinten Nationen dringlich darum ersuchen wolle, »die notwendigen Maßnahmen zu ergreifen, um das Blutvergießen im Heiligen Land unverzüglich zu beenden«. Doch auch nur diese vorsichtige Formulierung der Öffentlichkeit kundzutun, taten sich die Universitätsbehörden schwer. Der Rektor, Michael Fekete, war überzeugt, dass man vor einer Veröffentlichung die Genehmigung des Exekutivrats der Universität einholen müsse, wobei es ihm allerdings aus technischen Gründen nicht gelang, diesen einzuberufen; so kam es zu einer erheblichen Verzögerung, die für Unmutsäußerungen im Senat sorgte.70
Bald darauf war die Universität von dem allgemeinen Blutvergießen direkt betroffen. Am Morgen des 16. Januar wurden 17 Studenten getötet, die als Teil einer studentischen Feldeinheit neben Palmach-Leuten zu jenem später als »Konvoi der 35« bekannten Transport gehörten, der den Kämpfern des eingekesselten Siedlungsblocks Gush Etzion Proviant und Medikamente bringen sollte. Dass bei einem einzelnen Angriff so viele Studenten gefallen waren, sorgte für Entsetzen. Um ähnliche Szenarien in Zukunft zu verhindern, wurde ein allgemeines Regelwerk für die Verteilung des wissenschaftlichen Nachwuchses auf eine Vielzahl von Militäreinheiten erarbeitet.71 Die Vorfälle, bei denen im Rahmen willkürlicher Racheaktionen 33unschuldige jüdische und arabische Passanten ermordet wurden, die sich durch einen unglücklichen Zufall zur falschen Zeit am falschen Ort bewegten, veranlassten Magnes, Buber und den Verwaltungsleiter der Universität, David (Werner) Senator, schließlich dazu, in der Tagespresse gegen die Gewalttaten Stellung zu beziehen. In einem Schreiben, mit dem sich die Autoren direkt an die Einwohner Jerusalems und vor allem die jüdische Öffentlichkeit wandten, verurteilten sie die überhandnehmende »Kriegspsychose« und riefen die jüdische Führung dazu auf, dem »Volksschutz« – einer während des Kriegs zur Aufrechterhaltung der Ordnung in der Stadt aus den von der allgemeinen Wehrpflicht Befreiten gebildeten Freiwilligeneinheit – klare und verbindliche Befehle zu erteilen, um die »schändlichen Angriffe des Mobs« zu verhindern.72 »Die bedauerlichen Vorfälle der letzten Zeit mögen uns eine Warnung sein!«, heißt es in dem Aufruf. »Lassen Sie nicht die Straße über uns herrschen! Lassen Sie uns nicht mit unseren eigenen Händen die moralischen Grundlagen unseres Lebens und unserer Zukunft zerstören!«73
Die Initiative der drei war zum Scheitern verurteilt. Nachdem bereits Bubers Vorstoß nicht als offizieller Aufruf der Universität an die christlichen Glaubensgemeinschaften akzeptiert worden war, stieß auch die gemeinsame Erklärung auf entschiedenen Widerstand. Politische Führungsfiguren des Jischuws versuchten sogar, die Veröffentlichung des Schreibens in der Presse zu verhindern. Bei einem Treffen mit Jitzchak Gruenbaum, Mitglied der provisorischen Regierung und wenig später Israels erster Innenminister, empörten sie sich über die Anfeindungen: »Quislinge« hatte man sie genannt und des »Dolchstoßes« beschuldigt.74 Gruenbaum nahm sich das Verfolgungsszenario, das die Bewohner des Elfenbeinturms vor ihm ausbreiteten, nicht übermäßig zu Herzen: Ihm persönlich lägen derartige Beschuldigungen fern, versicherte er, wenngleich er überzeugt sei, dass die Stellungnahme von »Idioten« formuliert worden sei, insofern die Verfasser jenes Briefs »den Kon34takt mit dem jüdischen Leben in Palästina« verloren hätten.75 Als er das Wort »Idioten« hörte, entgegnete Buber, er nehme an, Gruenbaum ziele auf den altgriechischen Begriff76 – eine ironische Anspielung auf das hebräische hediot, das dem altgriechischen Begriff für »Laie« entspricht und dem Wort »Idiot« klanglich ähnelt. Dass Gruenbaum der semantischen Differenz im Hinblick auf die Aktivität der drei eine Bedeutung beigemessen hat, ist zu bezweifeln. Jedenfalls ließ sich die Veröffentlichung ihres Schreibens nicht verhindern, da keine derartige Zensur existierte. Die Stellungnahme erschien zwar nicht in Davar, aber in der Palestine Post, wo sie große öffentliche Empörung erregte. Senator berichtete unverzüglich seinem Vertrauten Hugo Bergmann davon, der sich zu jener Zeit in Stockholm aufhielt, und schrieb ihm, dass sein guter Freund und Gesinnungsgenosse Avraham Granowski, Ussishkins Nachfolger als Vorsitzender des Jüdischen Nationalfonds, sehr aufgeregt mit ihm gesprochen habe und in Reaktion auf besagte Stellungnahme seine Tätigkeit im Exekutivausschuss der Universität beenden wolle. Senator konnte die Aufregung nur schwer verstehen. In seinem Brief an Bergmann bezeichnete er jenes Schreiben als »harmlosen Brief« und Granowskis Reaktion darauf als »Symptom der Zeit«.77
David Senator muss sich in jenen Tagen sehr einsam gefühlt haben. Der Nationalökonom, der seit 1929 als Vertreter der Nichtzionisten in der erweiterten Jewish Agency amtiert hatte und 1945 aus Protest gegen deren Vorgehen im Konflikt mit den britischen Behörden zurücktrat, war es zwar gewohnt, dass seine Positionen gleich denen seiner Mitstreiter bei Brit Shalom und später Ichud an den Rand gedrängt wurden. Aber nun geriet er vollends ins Abseits. In seinem unbeirrbaren Aktivismus versuchte er alles, um die erwartbare Eskalation nach 35dem Abzug der Briten und der Umsetzung des Teilungsplans zu verhindern. Gleichzeitig bemühte er sich, mit Gleichgesinnten auf der ganzen Welt im Austausch zu bleiben.78 Die relevanten Informationen über das Geschehen in Großbritannien übermittelte ihm sein Freund Robert Weltsch, der zwischen dem Ersten und dem Zweiten Weltkrieg in Berlin Chefredakteur der zionistischen Wochenzeitung Jüdische Rundschau gewesen war. »Merkwürdigerweise«, schrieb Weltsch Ende Januar 1948 an Senator, »glauben hier alle (d. h. Juden) noch an die Durchführung der UN-Beschlüsse und an die Entstehung des jüdischen Staates. Viele tun, als ob alles programmmässig verlaufen müsste, ungefähr so, wie sich das Felix Rosenblueth [Pinchas Rosen] vorstellt. Ich wollte, ich könnte auch so denken.«79
Neben anderem versuchte Weltsch seinen Freund Senator in ihrem Briefwechsel für die »Sammlung Wiener« zu interessieren und arbeitete diskret darauf hin, sie in die Hebräische Universität zu überführen.80 Worum es sich bei der Sammlung von Alfred Wiener handelte, beschrieb Weltsch dabei wie folgt: »Der Mann hat hier eine ziemlich interessante Bibliothek aufgebaut, die alles enthaelt, was Nazismus, Antisemitismus, Judenfrage, aber auch verwandte Gebiete wie Minoritaetsrecht, Verfassungsfragen, Gleichberechtigung usw. betrifft.«81 Wiener hatte seine Sammlung 1939 noch gerade retten können, indem er sie von Amsterdam nach London transferierte,82 und war nun besorgt darum, was nach seinem Tod mit ihr geschehen würde. Weltsch schwebten verschiedene Lösungen vor, etwa eine transterritoriale, bei der die Sammlung physisch in London verbleiben, aber im Rahmen eines akademischen Kooperationsabkommens in den Besitz der Hebräischen Universität übergehen würde. Die Ironie im Hinblick auf diese Lösung sticht ins Auge, da ja Wiener selbst in der Vergangenheit entschieden gegen die Gründung der Hebräischen Universität eingetreten war.83 Weltsch konnte sich daher gegenüber seinem Freund auch nicht den süffisanten Hinweis auf den Gesinnungs36wandel des Mannes verkneifen, der »vor 20 ein führender Anti-Zionist« gewesen sei und jetzt »ganz benebelt« zu sein scheine »von der Aussicht auf einen Judenstaat«. »So wie viele andere denkt er natürlich, dass wir jetzt einen Staat haben werden, der für alle schönen Sachen sorgen kann.«84 Das stand jedoch nur in einem privaten Anhang zum Brief, im offiziellen Exemplar, das Senator als Verwaltungsleiter in die Registratur gab, wurden diese Sätze gestrichen und durch Auslassungspunkte ersetzt.85 Senator hob in seiner Antwort an Weltsch hervor, es gebe immer noch Leute, die an einen »englischen Trick« glaubten und der Ansicht seien, »dass die Engländer schliesslich doch hierbleiben« würden.86 Er selbst halte das aber für »reinen Unsinn«: »Sie könnten das heute gar nicht mehr, selbst wenn sie wollten. Vielleicht wird in Jerusalem irgendeine Ordnung etabliert, – wie ist mir allerdings auch noch sehr zweifelhaft. Vielleicht in gewisser Weise so wie im Lande, d. h. durch faktische Teilung der Stadt.«87
Wegen des Unvermögens der britischen Behörden, die Verkehrsverbindung zwischen der Stadt und dem Hadassah-Krankenhaus beziehungsweise der Hebräischen Universität angemessen zu verteidigen, verfolgte Senator zu jener Zeit den Plan einer direkten Verbindung zwischen dem jüdischen Viertel Sanhedria und dem britischen Militärfriedhof für Gefallene des Ersten Weltkriegs auf dem Skopusberg. Der Plan fand die Unterstützung von Chaim Yasski, dem Direktor des Hadassah-Krankenhauses, der wiederholt vor der prekären Sicherheitslage gewarnt hatte und überzeugt war, dass man den Skopusberg »nicht preisgeben« dürfe, ihn vielmehr »nicht allein aus ideologischen Gründen, sondern auch zum Zweck der Sicherheit des jüdischen Jerusalems« schützen müsse.88 Doch die Briten lehnten den Bau der Umleitung wegen der hohen Kosten und aus logistischen Gründen ab.89 Die Frage, wie sich die Dinge entwickelt hätten, wenn der Plan in die Tat umgesetzt worden wäre, gehört in die lange Reihe kontrafaktischer Geschichtsszenarien. Tatsächlich leistete der Plan, der die Schaf37fung zweier jüdischer Bevölkerungszentren – einem zwischen Rechavia und Beit Hakerem und einem zwischen dem Bucharim-Viertel, Sanhedria und dem Skopusberg90 – vorsah, der faktischen Teilung der Stadt Vorschub. Anfang 1949 akzeptierte daher die Universitätsleitung das Prinzip der Internationalisierung der Stadt als Grundlage für einen zukünftigen Plan.91 Dabei beharrte sie aber sowohl bei der Senatssitzung in Jerusalem als auch bei der Verwaltungsratssitzung in London auf ihrer Absicht, um jeden Preis auf dem Skopusberg zu verbleiben, mit allen Konsequenzen, die sich aus der Topografie der Stadt und ihrer Lage darin ergaben.92
Am Ende der Mandatszeit musste die Universität mit Schwierigkeiten von innen wie von außen zurechtkommen. Dem für die Beziehungen mit der Jewish Agency verantwortlichen Vice Chief Secretary Vivian Fox-Strangways versicherte Senator, die Universität werde sich selbst verteidigen können, wenn sie die Möglichkeit dazu erhalte. Verantwortung für die »Aktivitäten von ›Etzel‹« könne sie allerdings nicht übernehmen.93 Die Gefahr, die von den in Jerusalem relativ frei agierenden Etzel-Leuten ausging,94 sorgte in Senators Kreisen für große Unruhe. Verzweifelt über die verheerende Explosion in der Ben-Jehuda-Straße – für ihn eine »dritte Zerstörung« –, sagte Weltsch: »Wenn Ben-Gurion heute fällt, so wird nicht Senator an seine Stelle treten, sondern Menachem Begin, der ja ohnedies schon der unsichtbare Führer des Yishuv ist.«95 Auch Senator war äußerst besorgt über die »Kriegspsychose« und die »Gleichschaltung« im Jischuw. Ende Januar schüttete er gegenüber seinem Freund Felix Rosenblueth sein Herz aus. Er hatte die Partei »Neue Einwanderung« (Aliya Chadasha) geführt, jene kurzlebige Partei deutscher Einwanderer, die aus Protest gegen die zionistische Politik nach der Biltmore-Konferenz gegründet und im Herbst 1948 aufgrund interner Konflikte aufgelöst wurde.96 Ausführlich schilderte er nun die mangelnde öffentliche Resonanz auf das mit Buber und Magnes verfasste Papier und beteuerte: »Mord an friedlichen, wehrlo38sen Menschen ist keine Angelegenheit mehr, über die man nachzudenken hat.« Sein Urteil über die in die Umsetzung des Teilungsplans verwickelte politische Führung lautete: »Sie haben die Einigung mit dem Revisionismus und Etzel nicht mehr nötig, sie sind beides.«97 Angesichts der sich für ihn mit dem Abzug der Briten abzeichnenden Katastrophe und der kompromisslosen Haltung der Jewish Agency schrieb Senator in einem erregten und äußerst detaillierten Appell an Weizmann: »Ich habe heute in den Zeitungen gelesen, dass die Führung der Agency die Hagana und die Etzel vereinigen und damit sogar formale Verantwortung übernehmen will, für das, was die Etzel tun wird, und moralische Verantwortung für das, was sie in der Vergangenheit getan hat.«98 Seine prophetischen Worte zur Bedeutung des zwangsläufigen Füreinander-Bürgens sollten sich nur allzu bald als wahr erweisen.
Vor allem anderen mit den logistischen Problemen der Verwaltung eines Campus befasst, der vereinsamt in einem Bürgerkriegsgebiet lag, war Senator zudem noch von seinen Mitstreitern getrennt. Bergmann bat um eine mehrmonatige Verlängerung seines Sabbaticals in Stockholm. Auf dem Skopusberg-Campus ruhte der Lehrbetrieb aufgrund der Sicherheitslage ohnehin, so dass Senator seinem Freund die Bitte gewährte.99 In einem privaten Brief wies er jedoch behutsam darauf hin, dass ihm Bergmanns Rückkehr lieber gewesen wäre.100 Auch seinem zentralen Verbündeten Bentwich, der Anfang Februar 1948 abgereist war, um vor einer Kommission des britischen Colonial Office die Juden von Aden zu vertreten, die einige Wochen nach der Verabschiedung des UN-Teilungsplans zum Opfer von Ausschreitungen geworden waren,101 übermittelte er vorsichtig: »Sie können vielleicht nicht viel oder gar nichts erreichen, aber ich habe das Gefühl, dass Sie überall – in Jerusalem, London oder New York – nützlicher sein könnten denn als ein Beobachter bei dieser Untersuchung.«102 Seinem Freund Weltsch gegenüber äußerte er sich offenherziger: »Wo sind die Samuels, die Montagues, die Roth39schilds und anderen Leute der Anglo-Jewish Association, die Zeit und Interesse genug haben, um Bentwich nach Aden zu schicken wegen der dort im Verhältnis zu uns ganz unbedeutenden Unruhen?«103 Vielleicht waren es der Zeitdruck, die Eskalation, die Unumkehrbarkeit des britischen Abzugs, das Gefühl von Verlassenheit und vielleicht auch besonderer Nähe, die Senator dazu bewegten, am Ende dem zu jener Zeit am Jewish Theological Seminar in New York weilenden Philosophen und Pädagogen Ernst Simon mit seltenem Sarkasmus zu schreiben: »Ich freue mich, dass Sie sich für die Rettung der Juden und vielleicht auch des Judentums einsetzen. Gleichwohl befürchte ich, dass es für die Rettung der Juden Palästinas zu spät sein könnte, wenn die Dinge ihren logischen Lauf nehmen. Mein einziger Rat und meine einzige Bitte an Sie ist, schnell alles zu tun, was Sie tun können, um eine starke Opposition gegen die gegenwärtige Exekutive der Jewish Agency zu organisieren, die dem jüdischen Volk das gegenwärtige Unglück gebracht hat und die uns, wenn man sie weiter agieren lässt, noch größeres Unglück bringen wird.«104
Ähnlich wie Senator, dem es darum ging, die Sicherheit der Universität zu gewährleisten, war angesichts des Teilungsbeschlusses auch Hadassah-Direktor Yasski ganz vom künftigen Geschick seines Krankenhauses in Beschlag genommen. Zwischen November 1947 und Februar 1948 hielt er sich in den Vereinigten Staaten auf, um Geld für die Medizinische Fakultät auf dem Skopusberg einzuwerben.105 Die Idee einer Medizinischen Fakultät war bereits 1913 auf dem 11. Zionistenkongress im Rahmen der Universitätspläne aufgekommen und 1938 auch vom Senat der Hebräischen Universität bewilligt worden, ihre Verwirklichung jedoch aus finanziellen wie wissenschaftlichen Gründen nicht in Gang gekommen.106 Erst 40Ende des Zweiten Weltkriegs vereinbarten Universität und Hadassah die Gründung einer solchen gemeinsamen und »unteilbaren« Einrichtung.107 Gleichzeitig leiteten Yasski und sein Stellvertreter in Jerusalem, Eli Davis, Schritte ein, um sich auf das Kommende vorzubereiten. Sie gingen davon aus, dass ein direkter Angriff auf das Krankenhaus zwar nicht zu erwarten sei, dieses aber doch von möglichen Gefechten in der Umgebung in Mitleidenschaft gezogen werden könnte. Fest entschlossen, den Krankenhausbetrieb ungeachtet der angespannten Sicherheitslage und der ständigen Angriffe auf die Zufahrtsstraße aufrechtzuerhalten, drängten sie auf eine Reihe von Maßnahmen, nicht zuletzt den Schutz der Gebäude und der Krankenwagen.108
Die Gründung des Krankenhauses folgte denselben Grundlinien wie die der Universität. Im Jahr 1912 legte Henrietta Szold in den Vereinigten Staaten den Grundstein für die Frauenorganisation »Hadassah«, 1918 begannen deren Aktivitäten in Palästina. Die Idee zur Einrichtung eines Rothschild-Hadassah-Hospitals kam erstmals 1925 auf und wurde 1932 beschlossen. Anfangs sollte das Krankenhaus im Stadtzentrum errichtet werden, wovon man jedoch aufgrund der hohen Grundstückspreise wieder Abstand nahm.109 Nach langen Verhandlungen mit den britischen Mandatsbehörden fiel die Entscheidung für den Skopusberg; ausschlaggebend waren die Schönheit des Orts, dessen Landreserven und die Nähe zur Hebräischen Universität.110 Bei den Verhandlungen verpflichtete man sich zur harmonischen Einbettung der unter anderem von Erich Mendelsohn entworfenen Gebäude in die natürliche Umgebung, auch im Hinblick auf den britischen Militärfriedhof.111 1934 wurde der Grundstein gelegt, 1939 konnte das Krankenhaus seinen Betrieb aufnehmen.
»Hadassah ist ein Projekt, das man, was die Juden angeht, als ein nationales bezeichnen kann, und so tut jeder Jude, was er kann, um es voranzubringen«, ließ der in Kairo ansässige Nahostbeauftragte der Imperial War Graves Commission Mitte 41der Dreißigerjahre verlauten.112 Diese Beobachtung war nicht falsch, aber dennoch betonte Hadassah in den Jahren nach der Gründung des Krankenhauses immer wieder, dass es zum Wohle aller Menschen des Landes bestimmt sei, »ohne Diskriminierung aufgrund von Rasse oder Glauben«.113 Der frühere Rektor der Hochschule, der Philosoph Chaim Yehuda (Leon) Roth, hob im März 1945 in einem Vortrag in London die Internationalität des Krankenhauses hervor: »Junge Ärzte aus Beirut wandeln durch das Krankenhaus, während sich junge Forscher aus Ägypten gemeinsam mit unseren Forschungsstudenten eingeschrieben haben.«114 Auch die Jewish Agency unterstrich öffentlichkeitswirksam den internationalen Aspekt und verwies auf prominente Patienten aus dem gesamten Nahen Osten, darunter Mitglieder des saudischen Königshauses.115 Die Betonung der Universalität, auf die man auch im darauffolgenden Jahrzehnt Wert legte, spiegelte eine authentische moralische Haltung wider, war zugleich aber auch der politischen Landkarte und dem Verständnis geschuldet, dass die Mandatsregierung sich allen Bewohnern des Landes gegenüber in der Pflicht sah. Eine ganz andere Internationalität zeichnete das wissenschaftliche Niveau der Klinik aus, wie Bentwich in einem der UNSCOP vorgelegten Entwicklungsplan für die Universität für die Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg bekräftigte. Zu ihrem exzellenten medizinischen Personal, so Bentwich, würden »einige der bedeutenden exilierten medizinischen Talente Europas« gehören.116 Durch diese und andere Errungenschaften sollte die herausragende Stellung des Hadassah-Krankenhauses in der Region begründet werden.
»Hätte die Hadassah-Organisation ihre Pläne umsetzen können, wäre das Hebrew University-Medical Center im Hinblick auf seine Bedeutung, Ressourcen und Modernität im Nahen Osten einzigartig gewesen«, hieß es ein Jahrzehnt nach dem Teilungsplan in einem UN-Bericht.117 Doch ein Naher Osten in diesem grenzüberschreitenden Sinne war, wie wir wissen, nicht entstanden. Die Welle der Gewalt nach dem UN-42Beschluss und die Unmöglichkeit, die Unversehrtheit der Kranken zu garantieren, gaben den Anlass für verschiedene Initiativen zur Gründung alternativer medizinischer Einrichtungen in Westjerusalem. Frustriert von dieser Situation, beklagte sich Yasski bei den Hadassah-Freunden in New York über das Scheitern der Briten bei der Sicherung der Zufahrtsstraße zum Krankenhaus. Gleichzeitig blieb er bei seiner Haltung, dass man den Skopusberg nicht verlassen dürfe und es keine Rechtfertigung dafür gebe, ein gesondertes Krankenhaus in Westjerusalem für die Hadassah-Belegschaft einzurichten, »wo wir doch hier, auf dem Skopusberg, alles haben, was wir brauchen«.118 Mit aller Kraft trieb er die Bauprojekte auf dem Skopusberg voran, wobei er parallel dazu sich bereit erklärte, angesichts der Sicherheitslage das Gesundheitswesen in der Stadt auszubauen.119 Von politischer Seite wurde er darin unterstützt. Ben-Gurion sicherte ihm Anfang März zu, die Verteidigung des Krankenhauses habe Priorität.120
Wenngleich Ende März zwischenzeitlich eine leichte Verbesserung im Hinblick auf die Verkehrsverbindung zum Skopusberg erkennbar wurde und sich in der Folge sogar eine relative Ruhe abzeichnete, berieten Leon Kohn und Golda Meirson von der Jewish Agency mit Vertretern der Universität und des Krankenhauses Anfang April in Anbetracht der allgemeinen Situation über extremere Szenarien.121 Vonseiten der Universität zeigten sich Rektor Michael Fekete, D. W. Senator und Avraham Adolf Reifenberg besorgt über das Schicksal der dort befindlichen seltenen Kulturschätze. Dagegen hoben Davis und Yasski und das Kollegium aus dem Krankenhaus angesichts der im Kriegsfall drohenden Verschlechterung der sanitären Verhältnisse und damit einer Seuchengefahr die wachsende Bedeutung der größten Klinik Westjerusalems hervor. Sie skizzierten drei Alternativen: Zur Gewährleistung eines Minimalschutzes könne man erstens ganz auf die jüdischen Sicherheitskräfte setzen, zweitens die Sicherheit des Krankenhauses dem Roten Kreuz überantworten und den Schutz der 43Universität den jüdischen Sicherheitskräften überlassen oder drittens beide Einrichtungen entmilitarisieren und dem Roten Kreuz anvertrauen. Da sich die Anwesenden nicht einigen konnten und Zweifel darüber aufkamen, ob das Rote Kreuz für diese Aufgabe geeignet sei, blieb als einzige Alternative die erste Option zurück, also die Überantwortung der Sicherheit beider Einrichtungen an die jüdischen Sicherheitskräfte. Yasski hielt dazu im Abschlussbericht der Beratung fest: »Es schien keine andere Möglichkeit zu bestehen, als den Skopusberg als einen Komplex zu betrachten, der um jeden Preis verteidigt werden muss, wie es bei unseren Grenzsiedlungen der Fall ist.«122 Yasski war klar, dass das Krankenhaus auf dem Skopusberg in diesem Fall nicht mehr als allgemeines Klinikum werde dienen können. Man würde sich auf verwundete Kämpfer spezialisieren und andere Kranke in der Stadt behandeln müssen.
