Nietzsche, Hitler und die Deutschen - Jochen Kirchhoff - E-Book

Nietzsche, Hitler und die Deutschen E-Book

Jochen Kirchhoff

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Beschreibung

Nietzsche, Hitler und die Deutschen. Die Perversion des Neuen Zeitalters. Vom unerlösten Schatten des Dritten Reiches. Vorwort von Rudolf Bahro Erstausgabe 1990 in der edition dionysos. Neuausgabe 2024 (ohne das letzte Kapitel) "Die Lösung der globalen Krise heute, dies meine innerste Uberzeugung, ist auch mit einer adäquaten geistigen Auseinandersetzung mit dem Hitlerismus verknüpft, insbesondere mit seinen Voraussetzungen und Wurzeln sowie mit den seelischen und geistigen Bewegungsenergien, die hier zum Tragen kamen. Ich bin überzeugt, dass da etwas durchzubrechen und Gestalt zu werden versuchte, das auch uns heute angeht." "Der Nationalsozialismus war die Perspektive einer Revolte gegen den Nihilismus und die lebensfeindliche Grundtendenz des modernen Industriesystems, ein verhunzter und darum gescheiterter Versuch, den Ausrottungsfeldzug gegen die Natur zu stoppen, der sich schon damals abzeichnete. Diese Revolte gegen den Nihilismus stand im Zeichen der Vision eines Neuen Zeitalters, einer anthropologischen Wende, eines weltgeschichtlichen Umbruchs in Richtung auf die Versöhnung von Natur und Geist." Jochen Kirchhoff. Jochen Kirchhoff gelingt in diesem Werk eine umfassende geistesgeschichtliche Einordnung des Nationalsozialismus unter Einbeziehung der Kategorien lebendiger Mythos, Vision eines Friedenszeitalters und Charakterologie des deutschen Geistes. Dabei stehen die Denkweise und die Impulse Friedrich Nietzsches als Kritiker der abendländischen Kultur und als Vorbereiter einer umfassenden geistigen, seelischen und kulturellen Transformation im Mittelpunkt. Die These, dass das Dritte Reich als Perversion des Neuen Zeitalters aufgefasst werden kann, wird überzeugend dargelegt und begründet. Jochen Kirchhoff greift in diesem Werk auf seine zeitlebens stattfindende Auseinandersetzung mit Nietzsche, seine eigenen umfassenden geistesgeschichtlichen Kenntnisse und seine einzigartige philosophische Durchdringung der Weltbewusstseinskrise zurück. Das Werk besticht durch eine Vielzahl an Verweisen auf das Zeitkolorit und die naturphilosophischen, erdgeschichtlichen und wissenschaftlichen sowie politischen Diskussionen Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts zurück. Nietzsche, Hitler und die Deutschen ist ein Werk von bleibendem Wert, das der Selbsterkenntnis und der Vision der Deutschen dient.

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Seitenzahl: 340

Veröffentlichungsjahr: 2024

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Inhaltsverzeichnis

Vorwort

Vorbemerkungen

Nationalsozialismus – der «dunkle Kontinent»

Einführung

Das Gespenst des Irrationalismus

Hitler-Syndrom im deutschen Geist?

Pervertierter Aufstand, pervertierte Vision

Archetypen und mythische Realitäten

Kap.1

Deutscher Geist und deutsche Neurosen – Was war «deutsch» am Nationalsozialismus?

Die Deutschen: «Von Vorgestern und von Übermorgen»?

Facetten des deutschen Geistes

Nationalsozialismus als «Hintertreppen-Islam»

1933: Die Illusion des Heute – «chiliastische Erwartung» u. «unenthüllte Möglichkeit»

Der Archetypus des Dritten Reiches

Wille und Opfer

Kap. 2

Im Zeichen des Neuen Zeitalters oder Weltenwende und kosmische Bindung – Die Revolte gegen den Nihilismus

Auschwitz gegen Hiroshima?

Die Vision der geschichtlichen Verwandlung

Hitlers Vulgär-Pantheismus

Welteislehre gegen Darwinismus – Das «Kosmische» im Glauben Hitlers

Paradigmenwechsel vor Hitler – Edgar Daqué: Kritik des mechanistischen Denkens

Biologie und Esoterik: «Der Wille zur neuen Menschenschöpfung»

«Missverstandener Nietzsche»?

Die Wiedergewinnung des Kosmos

Der Aufruhr gegen den Intellekt

Kap. 3

Vom «Hitler» in Nietzsche

War Nietzsche ein Vorläufer Hitlers? Die Verantwortung des Denkens

Nietzsche-Formeln im deutschen Bewusstsein

„Wer, zuletzt, war deutscher als er?» Nietzsche – ein exemplarischer Deutscher?

Ernst Sandvoss: Versuch eines Tribunals gegen Nietzsche

Kap. 4

Anti-Nihilismus und Verhunzung des Mythos

Zur Genesis des Nihilismus

«Wille zum Nichts» und drohende Selbstvernichtung

Vom Bösen und vom «Feuer des Widerspruchs»

Das Wagnis des Mythos

Kap. 5

Weltherrschaft und Großer Mittag

Der verborgene „König der Welt»

Hitler und der Friedrich-Mythos

Zarathustra und das Dritte Reich

«Hier der Hammer, der die Menschen überwindet»

Rückblick

Kap. 6

«Künstler-Wille» und «ungeheure Aufgabe»

Sendungsbewusstsein und deutscher Größenwahn

Anti-Christentum

«Energie der Größe» und Anti-Humanismus

Der «Künstler-Tyrann» – die Sehnsucht nach der «großen Politik»

Sprachmagie

Von Nietzsche zu Hitler?

Kap. 7

Von Monsalvat zum Obersalzberg? Bayreuth, Nietzsche und das Dritte Reich

Wagnerianer Hitler

Der «größte Schauspieler Europas»?

«Rhythmen der Vorwelt»

Der «Fall Wagner» als «Fall Nietzsche»

Kalkulierte Ekstase

«Klingsor aller Klingsore»

«Parsifal» und das Dritte Reich

Musikmagie und der Wille zur Neuordnung der Welt

Das Klingsor-Prinzip des deutschen Geistes

Schlussbemerkungen

Literaturverzeichnis

Anmerkungen

«Ich empfand die Schuld des Geistes, seine unpolitische und dem Genuß seiner Kühnheit ästhetisch hingegebene Rücksichtslosigkeit aufs Wirkliche.»

(Thomas Mann: Leiden an Deutschland. Tagebuch blätter aus den Jahren 1933 und 1934)a

«Das religiöse Element, der Glaube der Nationalsozialisten, war die Art und Weise, in der ihren individuellen Seelen etwas davon spürbar und bewußt wurde, daß sie zu einem solchen sich bildenden und als ganzes handelnden Körper gehörten. Dieser Glaube war wie jeder religiöse Glaube der Glaube an etwas, was es wirklich gibt; er war, wie jeder wirkliche religiöse Glaube, die Transformation der Seele, durch die der Einzelne aus einem, der diese Wirklichkeit nicht sieht – oder jedenfalls nicht als seine eigene Wirklichkeit sieht – zu einem wird, der sie sieht und ihr angehört.»

(Carl Friedrich von Weizsäcker: Ein Brief über den Nationalsozialismus, 1952)b

«Der Faschismus war ein mißglückter Versuch, das Reich Gottes auf Erden zu errichten.»

(unbekannter Autor)

Vorwort

Die Freundschaft, durch die ich zu diesem Vorwort komme, verdanke ich meiner «Logik der Rettung», dem Wesensausdruck darin, der Jochen Kirchhoff als verwandt berührte. Seine Bücher über Giordano Bruno, über Schelling, über Beethoven und Mozart («Klang und Verwandlung») haben dann auch mich angerührt, nicht so sehr auf der Ebene der Meinungen, die differieren mögen, als in der Charakterverfassung. Was in solchen Freundschaften im Spiegel erscheint, ist aufklärend nach innen, besonders wenn man sich nicht einfach der Eitelkeit überlässt, endlich mal «erkannt» worden zu sein.

Als ich mit siebzehn wegen eines Fahrradunfalls liegen musste, brachte mir ein Lehrer den in der frühen DDR natürlich verpönten Nietzsche, und ich las mit roten Ohren «Zarathustra», «Ecce homo» und den «Antichrist». «Verwechselt mich vor allem nicht!», blieb mir am meisten hängen. Der DDR, der SED (immer Menschen natürlich, Kommunisten in der Regel) und meiner ersten Frau habe ich es zu verdanken, dass der kompensatorische Größenwahn nicht mit mir durchging. Wir hatten zu viel zu tun. In dieser westlichen Gesellschaft hier ist die Versuchung dazu ungleich größer, die Hemmung geringer. Nietzsche ist virulent, weil sich der emotional unreife Intellekt, zumal der tatenlose, erhöht in ihm wiedererkennt. Ja, da ist viel Richtiges, unendlich Scharfsinniges bei Nietzsche; unwahr aber ist es im Ganzen. Das macht uns Kirchhoff konzentrisch anschauen, in kreisenden Variationen.

Es geht wohl einfach darum, die Ambivalenzen bewusstzumachen, in die wir schattenhaft verstrickt sind. Während ich in der DDR lernte, dass der Faschismus hauptsächlich «die offene terroristische Diktatur der am meisten aggressiven und reaktionären Kreise des Finanzkapitals» war, gab es dort doch zugleich noch einen anderen, dem Kirchhoffschen ähnlichen Zugang, den man als geistesgeschichtlich bezeichnen könnte. Johannes R. Becher, über dessen Deutschlanddichtung ich meine philosophische Diplomarbeit schrieb, hatte in den Jahren der Emigration seine Identität als deutscher Dichter auf die Unterscheidung zwischen dem «wahren» und dem «falschen» Deutschland gegründet, und es gab in seinen Gedichten wie in seinen vielen Schriften zur «Verteidigung der Poesie» so manche Brücke zu der Ansicht Thomas Manns, mit dem Hitlerismus sei den Deutschen viel von ihrem Besten zum Bösesten ausgeschlagen. Becher schrieb in Anlehnung an ein Gryphius-Gedicht aus der Zeit des 30jährigen Krieges ein Doppelsonett, «Tränen des Vaterlandes anno 1937», das so anhob:

«Du mächtig deutscher Klang, Bachs Fugen und Kantaten, Du zartes Himmelsblau, von Grünewald gemalt, Du Hymne Hölderlins, die feierlich uns strahlt! 0 Farbe, Klang und Wort, geschändet und verraten!

Und anstatt Hölderlin auch nur dafür zu kritisieren, dass er in Nazitornistern vorfindlich war, schrieb Becher schon in Moskau ein illusionsgeladenes Stück, das Drama «Winterschlacht», wo ein junger Deutscher in Russland dahin gelangt, seine Rolle als Verrat an Deutschland zu begreifen. Aus Hölderlins Gedicht «Der Tod fürs Vaterland», zitierte Becher, natürlich mit bestimmter Interpretation, immer wieder die Zeilen:

«Denn die Gerechten schlagen wie Zauberer, und ihre Vaterlandsgesänge lähmen die Knie der Ehrelosen.»

In meiner «Logik der Rettung», auf die sich Jochen Kirchhoff in den nachfolgenden Vorbemerkungen bezieht, habe ich (u. a.) angedeutet, wir müssten uns dem Nationalsozialismus als einem notwendigen, d. h. zumindest nachträglich indisponiblen, unvermeidlichen Ereignis stellen. Es muss da eine Herausforderung gegeben haben, auf die er die psychologisch nächstliegende Antwort war, und es muss massenhaft, mehrheitlich, gerade auch in der Intelligenz, eine seelische Disposition gegeben haben, die keiner besseren Antwort fähig war – vielleicht noch nicht; denn wieso erweisen sich Werke wie die Heideggers, C. G. Jungs, Ernst Jüngers, Carl Schmitts heute, in der ökologischen Krise, als im Theoretischen aufschlussreich, während so manche antifaschistische Analyse ihren Impuls erschöpft hat? Diese mehr oder weniger dem Nationalsozialismus Verfallenen müssen dichter an elementaren Realitäten der Epoche gewesen sein. Wie vehement die fürchterliche Antwort ausfiel, auf die sie sich eingelassen hatten, das lässt ja auch auf die Stärke der Tiefenkräfte schließen, die durch die bereits damals manifeste Grundlagenkrise der kapitalistischen Industriezivilisation mobilisiert wurden. Nicht die Existenz, sondern die Kultur oder vielmehr Unkultur, Unkultiviertheit, vor allem Unbewusstheit, Unaufgeklärtheit, Unkritisiertheit, regressive Spontaneität dieser Kräfte ist das Problem. Ich setze freilich voraus, dass es eine Chance gibt, diese psychische «Kernfusion» zu steuern, dass wir uns beherrschen können, dass ich mich beherrschen kann (denn zuerst muss die Frage grundsätzlich an uns selber gehen).

Dann aber hat Kirchhoff völlig recht: Wir werden die inzwischen noch bedrohlichere (als noch bedrohlicher vorgeahnte, wenn auch nicht wirklich erlebte) Krise, die jetzt als «ökologische» – auf die Störung der Naturgleichgewichte durch den naturwüchsigen Menschengeist zurückgehende – erkannt ist, nicht lösen, wenn wir nicht wagen, diese Kräfte zu rufen, d. h. mit unserem ganzen Potential zur Stelle zu sein. Die kritische Ratio allein, zudem vorrangig als Komplizin der großen Maschine eingesetzt, macht nicht frei und führt nicht zu rettender Tat. Andererseits aber wird das physische Überleben keinen Sinn machen, eher auf neue Barbarei hinauslaufen, wenn wir Zauberlehrlinge die Geister der Unterwelt rufen, ohne uns der Anwesenheit des Alten Meisters zu versichern, der den Besen in die Ecke schicken kann.

Wenn aus dem Kirchhoffschen Buche etwas eindeutig hervorgeht, dann über seine ausgesprochene Absicht hinaus auch dies: dass Revolte gegen was auch immer, sei es noch so «böse» (wie etwa der moderne sciento- und technokratische Nihilismus), luziferisch bleibt. Revolte lässt grundsätzlich darauf schließen, dass das Protestpotential erst egozentrisch-dämonisch qualifiziert ist. Erich Fromms Studie über den rebellischautoritären Charakter in den Massenbewegungen auf das Jahr 1933 zu hat gezeigt, Revolte ist (unter den Bedingungen unserer imperialen Situation) faschistoid. Will sagen, es rettet nichts, Nietzsche verhunzt zu finden, sobald einer auf seiner Linie tatsächlich Nägel mit Köpfen macht und die entsprechenden Befehle in weniger brillante Worte kleidet. Geistig gesehen ist Nietzsche die Atombombe, Hitler bloß deren empirische Explosion. Wo wäre je der nachfolgende Vulgarisator ausgeblieben?

Im Kontext des abendländischen Individualismus ist «echte Genialität» selbst, für nichts als sich und ihre schwertkämpferische Selbstbehauptung zuständig, die übergreifende und eigentliche Ungeheuerlichkeit, ist der Skandal des aus der kosmischen Ordnung nicht geworfenen, sondern subjektivistisch ausgebrochenen Subjekts.

Wie qualifizieren, wie bezähmen wir unsere überlebenswilligen Energien? Wie weit gelingt es uns, die eigene Lebensgier, das eigene Ressentiment zurückzustellen? Gerade in dieser Stunde unserer Geschichte machen die Deutschen (Ost) unter verhältnismäßig günstigen nationalen und internationalen Experimentierbedingungen den nächsten Test auf das innerseelische Kräfteverhältnis zwischen – was die Pole betrifft dem racheschnaubenden Berserker und dem Meister in uns.

Im Allgemeinen ist heute in «Mitteleuropa» klarer als früher, dass niemand anderes als wir selbst die Ursache der heraufziehenden Totalkatastrophe und der einzelnen Konvulsionen sind. Hoffentlich gibt es genügend viele Menschen in der DDR, denen aufrichtig bewusst ist, dass die Politikbürokratie, die bis dato das Land regiert hat, ihr eigener Schatten ist. Wenn es zu mehr nicht gereicht hat in der DDR, an wem liegt das? An «denen» allein? Wird das in uns zur Vernunft, d. h. zum Stehen kommen, was im Ergebnis der Staatskrise massivere Weltzerstörung, nämlich so oder so die gesamtdeutsche Vollendung der Autogesellschaft will? Wenn die SED nicht genügt, dann braucht es offenbar eine anders konstituierte «führende Kraft».

In der DDR haben wir eine vielleicht doch nicht ganz so dünne Humusschicht, auf der Pflanzen wachsen wie Johannes Bechers «Karl Marx, der den Friedrich Hölderlin gelesen hätte». Und was den «König der Welt» und seine Königin betrifft, so gibt es mehrere Auflagen von Ernst Schwarz’ wunderbarer Erklärung und Übersetzung von Laotses Taoteking. Es gedeihen Kreuzungen von russischer Revolution und deutscher Klassik. Thomas Mann, an den Kirchhoffs Umgang mit Nietzsche, Hitler und den Deutschen am meisten erinnert, ist in der DDR weit gegenwärtiger als hier.

Ich sehe, dass ich von Kirchhoffs Buch andauernd auf das andere, östliche Deutschland komme, wo halt die nationalkulturelle Substanz noch viel unverbrauchter gegenwärtig ist und so nicht schon die bloße Beschäftigung mit einem Stoff wie diesem den Verdacht hervorruft, hier sei etwas rechts gestrickt. Jochen Kirchhoff präsentiert Material, um die Möglichkeiten neu anzuschauen, die in unserer kulturellen Erbschaft liegen.

Dass wir in tiefen Krisen die guten Geister rufen müssen, ist vielleicht ein Gemeinplatz. Aber Kulturleistungen sind Ganzheiten. Wir können nicht, wie wir in der DDR taten, von dem «fortschrittlichen», «humanistischen» halben – oder in diesem Falle vielleicht dreiviertel – Goethe sagen: «Denn er war unser.» Wenn schon, dann müssen wir die Geister ganz annehmen, wie sie waren, wie sie sind (gegenüber dem, was sie waren, gibt es bei echten Größen immer einen Überschuss, der erst noch herauskommt – natürlich auch bei Nietzsche). «Gute» Geister setzen «böse» Geister voraus, offenbar säuberlich getrennt von den guten. Wenn es möglich war, dass «Bestes» zu «Bösestem» ausschlagen konnte, dann liegen den «Geistern» offenbar Kraftpotentiale, Energien zugrunde, deren historische Psychodynamik entscheidet, in welches Licht oder in welche Finsternis sie sich hineinintegrieren. Wie wir mit dem Herausgerufenen umgehen wollen, das ist die Frage. Die Kräfte aber werden gebraucht.

Rudolf Bahro Niederstadtfeld, am 9. November 1989

Vorbemerkungen

Nationalsozialismus – der «dunkle Kontinent»

Seit den frühen 70er Jahren erfüllt mich der Verdacht, dass Wesentliches am Nationalsozialismus unverstanden, unverarbeitet, undurchschaut geblieben ist, allen Forschungsbemühungen und Veröffentlichungen zum Trotz. Dieser «Verdacht» wird von einer zunehmenden Zahl von Menschen geteilt. Gespräche über den Nationalsozialismus, wenn sie mehr sind als Anklage, Rechtfertigung und Meinungsklischee, kommen schnell an den Punkt, an dem das Unverarbeitete und Unerledigte schmerzlich aufbricht, verbunden mit dem Gefühl, dass irgend etwas fehlt in den bekannten und offiziell abgesegneten Deutungsmustern. Häufig wird dieses Gefühl verstärkt durch ein höheres Maß an Informiertheit; um Unkenntnis im vordergründigen Sinne geht es also nicht.

Als etwa am 50. Jahrestag der sogenannten Machtergreifung allenthalben wortreich des 30. Januar 1933 gedacht wurde, war im Chor der vielen, die sich in der Öffentlichkeit äußerten, keine Stimme zu vernehmen, die auch nur den Versuch unternommen hätte, die herkömmlichen Deutungsmuster zu überschreiten und andere, tiefere Schichten anzusprechen. Und es fällt wahrlich leicht, dem französischen Philosophen Jaques Derrida zuzustimmen, der anlässlich der Heidegger-Debatte den Nationalsozialismus einen «enormen, vielfältigen, verschiedenartigen und in seinen Wurzeln dunklen Kontinent» genannt hat (in einem Interview mit dem «Nouvel Observateur» vom November 1987). «Die Verdammung des Nationalsozialismus», sagt Derrida, «ist zwar der über diesen Gegenstand herrschende Konsens, sie ist aber noch kein Denken des Nationalsozialismus. Wir wissen noch nicht, was er ist oder was diese abscheuliche, aber überdeterminierte, von internen Konflikten beeinflusste Sache hervorrufen konnte.»1

Der «dunkle Kontinent» ist nur partiell aufgehellt worden. Und das Bemühen um eine «Bewältigung» der NS-Vergangenheit muss wohl als gescheitert betrachtet werden. Niemand bestreitet, dass demokratische Lernprozesse erfolgt sind, aber Bewusstwerdungsvorgänge und Erkenntnisse über die Wurzeln des Hitlerismus – auch über das, worauf er reagierte und was wir heute damit zu tun haben – sind kaum in größerer Breite zu verzeichnen. Das verrät der begrenzte Formelschatz im offiziellen Sprachgebrauch, wenn von Hitler die Rede ist, und den viele - gerade junge Leute – längst in seiner Hohlheit durchschaut haben.

Die Lösung der globalen Krise heute – dies meine innerste Überzeugung – ist auch mit einer adäquaten geistigen Auseinandersetzung mit dem Hitlerismus verknüpft, insbesondere mit seinen Voraussetzungen und Wurzeln sowie mit den seelischen und geistigen Bewegungsenergien, die hier zum Tragen kamen. Ich bin überzeugt, dass da etwas durchzubrechen und Gestalt zu werden versuchte, das auch uns heute angeht, dass da etwas «eigentlich Gemeintes» in schauerlicher Verpuppung und Verzerrung in die Geschichte einbrach und dass die ungeheuren Antriebskräfte im Nationalsozialismus auf eben jenes «eigentlich Gemeinte» zurückzuführen sind. Ohne die «New-Age-Bewegung» seit dem späten 19. Jahrhundert – diesem Vorläufer der heutigen New-Age-Bewegung -, innerhalb derer Richard Wagner und Friedrich Nietzsche eine zentrale Rolle spielten, ist Hitler nicht denkbar. Die damalige «New-Age-Bewegung» war angetreten, den technokratischen Nihilismus und das mechanistische Denken zu überwinden, um die Natur zu erlösen. Sie kippte schließlich um in geistfeindliche Regression. Hieraus erwuchs die Politsekte des Nationalsozialismus mit dem Guru Adolf Hitler, der seinerseits Richard Wagner als eine Art Guru verehrte.

Ich habe nie ganz begriffen, wie man ernsthaft glauben konnte, dass der Nationalsozialismus primär auf soziale, politische und ökonomische Faktoren zurückzuführen sei. Sicher waren diese Faktoren wichtig (und auf dieser Erklärungsebene lassen sich wohl kaum noch neue Einsichten gewinnen), aber ohne die religiöse, archetypische und geistige Dimension der Nazibewegung hätte es niemals ein Drittes Reich gegeben. Viele wissen oder ahnen heute, dass nur ein radikal neues Bewusstsein die Rettung des Planeten verbürgt, dass wir nicht bleiben können, wie wir sind, dass die tödlichen Grenzen des von uns geschaffenen Systems erreicht sind. Diese radikal neue Wahrnehmung, derer wir bedürfen, wird nicht zu leben sein ohne die Anzapfung jener Tiefenkräfte, jener geistigen, spirituellen und archetypischen Energien, welche die Stoßkraft der Hitler-Bewegung ausmachten. Wir müssen begreifen, warum die Nazis die damalige «New-Age-Bewegung» vereinnahmen konnten, warum die Energien auf so schauerliche Weise falsch gepolt wurden, dass sie in die menschenverachtende Barbarei einmündeten. Wir brauchen heute die Energien von damals, allerdings in «richtiger Polung», also in gereinigter, verwandelter Form.

Rudolf Bahro schreibt in seinem Buch «Logik der Rettung»: «Ich halte die Frage nach dem Positiven, das vielleicht in der Nazibewegung verlarvt war und dann immer gründlicher pervertiert wurde, für eine aufklärerische Notwendigkeit, weil wir sonst von Wurzeln abgeschnitten bleiben, aus denen jetzt Rettendes erwachsen könnte.» Und: «Es kann aus derselben Energie, die damals auf die Katastrophe hin disponiert war, sogar aus der Neigung zum Furor Teutonicus, wenn sie bewusst gehalten und dadurch kontrolliert wird, heute etwas Besseres werden. Kein Gedanke verwerflicher als der an ein neues anderes 1933?! Gerade der aber kann uns retten. Die Ökopax-Bewegung ist die erste deutsche Volksbewegung seit der Nazibewegung. Sie muss Hitler miterlösen – die seelische Tendenz, die, wenn auch schwächer, immer noch in uns ist – wie Russland jetzt Stalin erlöst ... »2

Der Schatten des Dritten Reiches ist noch immer unerlöst, und zwar in uns; er bleibt eine verdrängte – und in der Tiefe um so machtvollere Schicht des deutschen Bewusstseins. Und das ist durchaus nicht der geringste Teil der deutschen Misere unserer Tage. Sicher war es angesichts der Ungeheuerlichkeit des begangenen Völkermords und angesichts des totalen Zusammenbruchs des Deutschen Reiches 1945 schwer, die inneren Bewegungs- und Antriebsenergien auf dem Grunde der HitlerBewegung zu begreifen, das «eigentlich Gemeinte» darin. Eine ehemalige Nationalsozialistin sagte mir vor einigen Jahren, für sie sei Hitler wirklich ein Guru gewesen, der alle Energien der Verehrung und der Hingabe in ihr mobilisiert habe; als deutlich wurde, dass er ein «falscher Messias» war, der das deutsche Volk ins Verderben statt ins Heil führte, habe sie Hitler in den Abgrund der Hölle gewünscht. Sie selber habe sich in ihrem Hingabebedürfnis missbraucht und besudelt gefühlt. Charismatisches Führertum, ob spirituell oder politisch, sei für sie fortan unannehmbar geworden. Zu tief saß der Schock über das, was geschehen war, auch und gerade über das, was in ihr geschehen war. Ungezählten Nationalsozialisten ist es ähnlich gegangen.

Seit einiger Zeit nun zeigen die tabuisierten und verkrusteten Bewusstseinsschichten erste Verwerfungen und Risse. Im Untergrund schwelt ein sich verstärkendes Bedürfnis, gerade dieses «eigentlich Gemeinte» zu begreifen, den unerlösten Schatten wirklich anzugehen. Und es erhebt sich – wenn auch zunächst zaghaft – die Frage, ob es so etwas geben könne wie eine neue deutsche Visionssuche jenseits des Nationalsozialismus ... Es versteht sich, dass viele dem alten Denken Verhaftete einen derartigen Impuls schon im Ansatz für abwegig und gefährlich halten. Doch wir brauchen diese Art der Katharsis. Wir müssen die Energien verstehen, die zu 1933 geführt haben. Mit Verdrängung, Verleugnung und naiver Verteufelung kommen wir nicht weiter. Und moralischer Abscheu allein, so verständlich er ist, besitzt keinen echten Erkenntniswert.

Ausgangs- und Bezugspunkt des vorliegenden Versuchs ist die gegenwärtige Menschheitskrise, die reale Möglichkeit der globalen Vernichtung allen Lebens. Alle vorgenommenen Wertungen, einschließlich derjenigen Nietzsches, sind hieran orientiert.

Jochen Kirchhoff Berlin, im Oktober 1989

Einführung

Das Gespenst des Irrationalismus

Wer Tiefe und Breite der Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus an der Zahl der seit 1945 erschienenen Veröffentlichungen misst, und diese ist Legion, wird leicht ein falsches Bild bekommen. Misstrauisch beäugt vom Ausland, haben sich die Deutschen nach dem Zweiten Weltkrieg daran gemacht, die eigene Vergangenheit loszuwerden, sie abzuschütteln und zu verdrängen, und sich als gelehrige Schüler der Alliierten zu erweisen. Der Nationalsozialismus hatte sich als die Vollendung der deutschen Geschichte ausgegeben, als die Erfüllung aller deutschen Hoffnungen, Mythen, schöpferischen Irrationalismen, als die Vereinigung von Kunst und Macht, Geist und Staat. Der beispiellose Trümmerhaufen, den das niedergezwungene Dritte Reich hinterließ, hatte auch das Ideengut ganzer Epochen der deutschen Geistesgeschichte unter sich begraben; Motive, Bilder und Mythologeme nationaler Prägung waren vom Nationalsozialismus konsequent vereinnahmt, pervertiert, besudelt worden. Die materiellen Trümmer wurden im Laufe der Jahrzehnte beseitigt, doch die seelisch-geistigen Verwüstungen, die der Verlust der nationalen Identität und der schöpferisch-irrationalen Komponente im deutschen Geist verursacht hat, sind bis heute immens geblieben.

Sicher hängt dies auch mit jener von Hans Jürgen Syberberg leidenschaftlich beklagten «materialistischen Pseudo-Aufklärung» im Nachkriegsdeutschland zusammen, mit der «verkrampften deutschen Rationalität»3, die seitdem vielfach zu beobachten ist und nur auf dem Hintergrund des exzessiven Nazi-Irrationalismus begreifbar wird. Hieraus ist eine Verteufelung des Irrationalen schlechthin erwachsen, die beträchtliche Breitenwirkung gewonnen hat. «Irrationalismus» ist nachgerade zum Schmähwort geworden, zum Synonym alles dessen, was gleichsam notwendig zum Faschismus, zur Barbarei und zum Völkermord führt. Das hat deutsche Tradition. Schon Klaus Mann schreibt in seinem berühmten Brief an Gottfried Benn vom 9. Mai 1933: «Es scheint ja heute ein beinah zwangsläufiges Gesetz, dass eine zu starke Sympathie mit dem Irrationalen zur politischen Reaktion führt, wenn man nicht höllisch genau acht gibt. Erst die große Gebärde gegen die «Zivilisation» – eine Gebärde, die, wie ich weiß, den geistigen Menschen nur zu stark anzieht – ; plötzlich ist man beim Kultus der Gewalt, und dann schon beim Adolf Hitler.»4 Ein Beispiel aus den letzten Jahren: Im Frühjahr 1981 schreibt Rudolf Augstein in seiner Titelgeschichte des «Spiegel» über Nietzsche und Hitler: «Steht Deutschland eine Nietzsche-Renaissance bevor? Ganz gewiss, wenn die Vernunft zertrümmert, wenn der heilige Irrationalismus gepriesen wird.»5 Für Augstein ist Nietzsche «der Zertrümmerer jeglicher Vernunft»6, und ganz unverkennbar neigt er der Lukács-These von Hitler als dem «Testamentsvollstrecker Nietzsches» zu. Gleichwohl bestreitet er jeden nachweisbaren Kausalzusammenhang zwischen Nietzsche und Hitler.

Auch wer, wie Syberberg, ausdrücklich vom «schöpferischen Irrationalismus» der Deutschen spricht, den es wiederzugewinnen gelte, sieht sich schnell verunglimpft und mit trüben Verdächtigungen bedacht. Auf Schulen und Universitäten wird mehr als je zuvor die Behauptung verbreitet, der «deutsche Irrationalismus» (was immer damit gemeint ist) sei zumindest potentiell faschistisch; dagegen werden Ratio und Humanität beinahe als austauschbare Begriffe behandelt. Diese Gleichsetzung entstammt der Aufklärungsepoche, hat aber im Deutschland nach 1945 eine bedenkliche Dogmatisierung erfahren. Und die Hilflosigkeit in der adäquaten Auseinandersetzung mit Wirklichkeitsbereichen außerhalb der engen Grenzen der Ratio ist allenthalben spürbar. Dies hat zu einer beachtenswerten Verarmung der Sprache geführt, die wiederum mit seelisch-geistiger und ästhetischer Verkümmerung verbunden ist. Dass der Nationalsozialismus im Letzten aus politischen, ökonomischen und sozialen Ursachen heraus zu erklären sein müsse, ist die kaum ernsthaft angezweifelte Prämisse sowohl akademischer als auch journalistischer Bemühungen. Man gibt sich rational, realitätsbewusst und, je nach Standort, sozialistisch oder bürgerlich-humanistisch. Nur selten werden tiefenpsychologische, mythen- und religionsgeschichtliche oder anthropologische Forschungsergebnisse in die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus integriert. Die Sphäre der Metaphysik – oder was man darunter versteht – wird fast ausschließlich in den Bereich der Ideologie, der ideologischen Verschleierung oder Absicherung von Herrschaft verwiesen. Die damit verbundene Vereinseitigung der Perspektive ist offenkundig ein Symptom der erwähnten Verkümmerung und Verarmung.

Der deutsche Geist unserer Tage ist in ein enges Korsett eingeschnürt, was seiner Produktivität nicht eben förderlich ist. Überall beobachtbar sind die Zeichen der Lohndienerei dem angeblichen Zeitgeist gegenüber, der Korrumpierung und rechthaberischen Verbissenheit. Wer mit eigenen Arbeiten hervortritt, tut dies häufig genug mit ängstlichem Blick auf die zu erwartende Resonanz bei jenen Persönlichkeiten und Institutionen, die das Meinungsbild der Öffentlichkeit – die Summe der herrschenden Vorurteile – maßgebend beeinflussen. Mehr als bei anderen Themen gilt dies beim Thema Nationalsozialismus, wo der Boden voller Fußangeln steckt und «Beifall von der falschen Seite» genauso unliebsam ist wie der öffentliche Verriss, die politisch-moralische Verurteilung. Es ist schwer, sich dabei ein gewisses Maß an geistiger Unkorrumpiertheit zu erhalten.

Hitler-Syndrom im deutschen Geist?

Wie war Hitler möglich? Genauer: Wie war Hitler in Deutschland möglich? Es scheint, als ob diese Frage bis heute nicht wirklich überzeugend beantwortet zu werden vermochte. Die unüberschaubare Flut der Veröffentlichungen zum Nationalsozialismus und zu Hitler kann darüber keineswegs hinwegtäuschen. Hitler ist ein psychologisches Rätsel und ein abschreckendes Faszinosum geblieben, ebenso seine beispiellosen Erfolge in der Erzeugung massenhysterischen Jubels, pseudoreligiöser Begeisterung und Heilserwartung. Zuweilen drängt sich der Eindruck auf, als sei er auch Jahrzehnte nach seinem Tode noch immer die (gleichsam willkommene) Projektionsfigur für alle Negativtendenzen des Jahrhunderts; Hitler als «Inkarnation des Bösen»: Das enthebt aller geschichtlich-psychologischen Ursachenforschung genauso wie die These von Hitler als einer «Marionette des Großkapitals» o. ä. Mehr denn je erscheint es geboten, nicht auf der Stufe moralischer Empörung stehenzubleiben; und das berechtigte Erschrecken über die Dimensionalität der begangenen Verbrechen sollte keine Alibifunktion haben für nicht geleistete innere «Bewältigung». Sich existentiell als Deutscher auf Hitler und das durch ihn Ausgelöste einzulassen, ist ein schmerzhafter Prozess. Auch hat Hitler, wie Sebastian Haffner mit Recht hervorhebt, langfristig keinem Volk mehr geschadet als dem deutschen. Das nahezu hoffnungslos gestörte Verhältnis der heutigen Deutschen zu sich selbst und zur eigenen Geschichte hängt damit zusammen. Und die durch Hitler bewirkten Pathologien und Verkrampfungen im deutschen Bewusstsein sind nur mit Mühe auszuloten; sie werden auch an der Wirkung des vorliegenden Buches ablesbar sein.

Nietzsche, Hitler und die Deutschen: Das ist zunächst ein Beitrag zu der Frage, wie Hitler in Deutschland möglich war. Was ich darzustellen versuche, ist ein Stück Bewusstseinsgeschichte der Deutschen, die zugleich ein Stück «Archetypen-Geschichte» ist. Als Deutscher bin ich selbst in diese Geschichte verwoben, und es wäre unredlich, dies geringzuachten oder gar zu leugnen. Es gibt keinen archimedischen Punkt, der es mir ermöglichte, Vorgeschichte und Geschichte des Nationalsozialismus mit dem nüchternen Auge desjenigen zu betrachten, der existentiell nicht betroffen ist. Nietzsche, Hitler und die Deutschen: Das ist auch die Frage nach dem Hitler-Syndrom im deutschen Geist.

Pervertierter Aufstand, pervertierte Vision

Der vorliegende Versuch basiert im Kern auf einer zentralen These, einer Grundannahme: Der Nationalsozialismus war die Perversion einer Revolte gegen den Nihilismus und die lebensfeindliche Grundtendenz des modernen Industriesystems, ein verhunzter und darum gescheiterter Versuch, den Ausrottungsfeldzug gegen die Natur zu stoppen, der sich schon damals abzeichnete. Diese Revolte gegen den Nihilismus stand im Zeichen der Vision eines Neuen Zeitalters, einer anthropologischen Wende, eines weltgeschichtlichen Umbruchs in Richtung auf die Versöhnung von Natur und Geist, auf ein neues, nicht-entfremdetes Naturverständnis.

Der Nationalsozialismus war verhunzter Weltheilungsversuch, verhunzter Messianismus, monströs verzerrtes Bemühen, Macht zu sakralisieren und Politik spirituell zu begründen. Er war ein Stück weit vulgarisierte Lebensphilosophie als Polit-Religion oder Polit-Sekte mit Hitler als Guru. Zugleich war er pervertierter Aufstand des Mythos gegen die lebensfernen Abstraktionen und Projektionen eines eindimensionalen, mechanistischen Denkens. Dieser so zum Scheitern verurteilte Aufstand machte archetypische und spirituelle Seelenenergien zu Dominanten des kollektiven Bewusstseins und trug derart zu jener Besudelung des Mythischen bei, die bis heute nicht überwunden wurde. Der Nationalsozialismus war die Zerrform einer in der Substanz berechtigten deutschen Visionssuche, die wir zunächst einmal als solche begreifen müssen, um an Tiefenschichten unseres Bewusstseins heranzukommen. Diese Tiefenschichten können zum schöpferischen Kraftquell werden. Die Suche nach einer neuen Vision heute bedarf der gereinigten, bewusstgemachten und weisheitsvoll eingesetzten Energien: der «umgepolten» Tiefenkräfte von damals.

Zunächst bedarf es grundsätzlicher Klärungen: Was heißt Nihilismus? Und: Was hat es auf sich mit jenen archetypischen Kräften, die den «Aufstand des Mythos» in dem angedeuteten Sinne bestimmten?

Im abendländischen Nihilismus des 19. und 20. Jahrhunderts sind vier Komponenten vereint:

Die Entwertung oder «Ver-Nichtsung» aller metaphysischen und religiösen Werte (Ernst Jünger: «Léon Bloys «Dieu se retire» bezeichnet besser die große Wandlung als Nietzsches «Gott ist tot».»)

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Das zunehmend bedrohlicher werdende Gefühl der kosmischen Verlorenheit des Menschen als Konsequenz der Überwindung des geozentrischen Weltbildes (der Mittelpunktstellung der Erde), das Grauen vor der Leere des unendlichen Raumes, der des Göttlichen nicht mehr bedarf und dem Menschen seine metaphysische Würde raubt. Der Raum wird zum Nichts, der Mensch zum kosmisch bedeutungslosen Wesen an der Schwelle des Nichts.

Der globale Siegeszug der entgöttlichten Zahl, der mathematischen Abstraktion, der zunehmenden Mathematisierung der Welt. «Die Zahl als Ziffer ist den Göttern feindlich, und ihr Triumph bedeutet deren Sturz.» (Jünger)

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In dem Essay «Zahlen und Götter» spricht Jünger von der «ununterbrochnen Abstrahlung von Systemen, die mit der denaturierten oder im pythagoräischen Sinne entgöttlichten Zahl arbeiten». «Sie lässt nur Funktionen, nicht aber Bilder, seien es Ideen oder Gestalten, durchdringen.»

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Der Siegeszug der mathematischen Zahl, der sich auch in der privat- und staatskapitalistischen Quantifizierung des Güterwertes manifestiert, ist zugleich der Siegeszug des vom Lebendigen losgelösten Intellekts.

Die Möglichkeit der «Ver-Nichtsung» des Lebens (als «aktiver Nihilismus», wie Nietzsche sagt, als «Wille zum Nichts». «Lieber will noch der Mensch das Nichts wollen als nicht wollen.»).

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Die Totalmathematisierung macht die Welt nicht nur sinnlos, sondern auch zerstörbar. Die Atombombe ist der Ausdruck des (meist unbewussten) Willens zur «Ver-Nichtsung» des Lebendigen, des «nihilistischen Willens zur Macht».

Der stark von Nietzsche beeinflusste Ludwig Klages schreibt schon im Jahre 1913: «Wir täuschten uns nicht, als wir den «Fortschritt leerer Machtgelüste verdächtig fanden, und wir sehen, dass Methode im Wahnwitz der Zerstörung steckt. Unter den Vorwänden von «Nutzen», wirtschaftlicher Entwicklung», «Kultur» geht er in Wahrheiten auf Vernichtung des Lebens aus».12

Die Revolte gegen den Nihilismus zielt darauf ab (bewusst oder unbewusst), das Göttliche oder die Götter «zurückzurufen», was zugleich eine Wiederbelebung des Mythos bedeutet, die Zahl wieder zu «vergöttlichen», d. h. ihrer todbringenden Abstraktion zu entkleiden. Dies geschieht primär im orphischpythagoreischen Klangzauber der Musik. Gleichzeitig soll die Natur vom «Gitterwerk der Abstraktion» erlöst werden.

Die Revolte gegen den Nihilismus ist auch eine Revolte gegen die Hypertrophierung des Intellekts, die Tyrannei verstandesmäßiger Abstraktion. Nietzsche, der große Diagnostiker des Nihilismus und der modernen Seele, leitet die letzte, entscheidende Phase der Revolte ein: Er radikalisiert den nachkopernikanischen Nihilismus der kosmischen Verlorenheit und Winzigkeit des Menschen und versucht ihn zugleich ekstatisch und mit der Magie seines künstlerisch-philosophischen Machtwillens zu überwinden. In den drei bis vier Jahrzehnten vor der sogenannten Machtergreifung durch Hitler wirken Nietzsches Gedankenimpulse als starke Prägekräfte im Bewusstsein der deutschen Intelligenz; hinzu kommt die Wirksamkeit des «Prinzips Bayreuth», des Wagner-Erbes, auf das sich auch rassistische Sektierer berufen, sowie ein vages Umbruchs-, ja Endzeitbewusstsein. Der antinihilistische Impuls erfährt durch Nietzsche eine antisokratische, antichristliche und durch Richard Wagner eine antisemitische Stoßrichtung, die sich auf den verschiedensten Bewusstseinsebenen auswirkt.

Nur selten werden Antisemitismus und Antichristentum so unverhüllt als Einheit aufgefasst wie im Werk von Ludwig Klages. Verstecktere Gleichsetzungen sind schon erheblich häufiger. Mit Blick auf die «deutsche nationalsozialistische Revolution» stellt Sigmund Freud 1939 die These auf, dass der europäische Judenhass «im Grunde Christenhass» sei, Antisemitismus und Antichristentum also aufs engste zusammen gehörten.13 Auch hierfür haben nicht zuletzt Nietzsche und Wägner als Impulsgeber gewirkt: Nietzsche, der den Anti-Semitismus verbal mit Verachtung bedenkt, sieht doch im Christentum und den «modernen Ideen» die letzte Konsequenz des durch die Juden eingeleiteten «Sklavenaufstands in der Moral» gegen die aristokratische Grundordnung der Natur und die «vornehmen» Werte. In der »Genealogie der Moral» heißt es:

« ... die Juden, jenes priesterliche Volk, das sich an seinen Feinden und Überwältigern zuletzt nur durch eine radikale Umwertung von deren Werten, also durch einen Akt der geistigen Rache Genugtuung zu schaffen wusste. So allein war es eben einem priesterlichen Volke gemäß, dem Volke der zurückgetretensten priesterlichen Rachsucht. (...) Man weiß, wer die Erbschaft dieser jüdischen Umwertung gemacht hat ... Dieser Jesus von Nazareth ... war er nicht gerade die Verführung in ihrer unheimlichsten und unwiderstehlichsten Form, die Verführung und der Umweg zu eben jenen jüdisehen Werten und Neuerungen des Ideals? Hat Israel nicht gerade auf dem Umwege dieses «Erlösers», dieses scheinbaren Widersachers und Auflösers Israels, das letzte Ziel seiner sublimen Rachsucht erreicht?»14

Richard Wagner, seit der Jahrhundertmitte prononcierter Antisemit, will Jesus «entjudaisieren», will den eigentlichen Kern des Christentums vom Judentum erlösen – eine der Bedeutungsschichten seines «Parsifal». – Die Nationalsozialisten übernehmen wesentliche Elemente dieser Revolte, vereinnahmen sie und tragen zunehmend zu deren Pervertierung und Verhunzung bei. In Hitler und Himmler erreicht die Perversion ihren Gipfelpunkt und führt zur menschenverachtenden Barbarei unvorstellbaren Ausmaßes. Hitler wird zum Erfüllungsgehilfen derjenigen Kräfte, die er zu bekämpfen vorgibt. Und erst nach dem Zusammenbruch des Dritten Reiches entfaltet der Nihilismus der mathematischen Naturwissenschaft seine größte Wirkungsmächtigkeit. Der Kosmos als Integral alles Lebendigen rückt in äußerste Ferne, und das Leben auf dem Planeten Erde ist nunmehr als Ganzes bedroht.

Archetypen und mythische Realitäten

Ich sprach vom «Aufstand des Mythos» und den hierin wirksam gewordenen archetypischen Energien als einer wichtigen Komponente des antinihilistischen Impulses. Dass überhaupt archetypische Prägekräfte, also Urbilder in überindividuellen Tiefenschichten der Psyche, in einem derartigen Ausmaß zur Geschichtswirksamkeit zu gelangen vermochten, wie dies in Deutschland in Form einer kollektiven Neurose geschah, hat auch zu tun mit jenem Bemühen, der Sogkraft des politischen und geistigen Vakuums, der Fundamentalkrise des europäischen Geistes nach 1918 entgegenzuwirken, den Nihilismus zu überwinden. Es war zugleich die Selbstzurücknahme, Selbstauflösung oder Resignation des Geistes überhaupt – eine Art «Flucht in die Archetypen» als Ausweg aus der Krise. Der deutsche Geist stürzte gleichsam in seinen eigenen Abgrund; er, dem man einen vergrübelten Hang zu den lichtfernen Tiefen des Seins nachsagte, zur «Irrationalität», und damit – nach Maßgabe rationalen Wirklichkeitsverständnisses – zur Realitätsferne, zur «mythischen Politikfremdheit».15 Der «Ausweg aus der Krise» enthüllte sich als einer der schauerlichsten Irrtümer der neueren Geschichte.

In C.G. Jungs «Wotan»-Aufsatz von 1936 wird die religiöse oder quasi-religiöse Dimension des Nationalsozialismus ernstgenommen und dieser erstmalig tiefenpsychologisch als massenneurotisches Phänomen gedeutet. Dass man dieser Deutung zuweilen selbst den Vorwurf des «Irrationalen», ja Faschistoiden gemacht hat, sei hier in Parenthese vermerkt. Jung schreibt: «Wo nicht der Einzelne, sondern die Masse sich bewegt, da hört menschliche Regulierung auf, und die Archetypen fangen an zu wirken, wie es auch im Leben des Individuums geschieht, wenn es sich Situationen gegenübersieht, welche mit den bekannten Kategorien nicht mehr zu bewältigen sind.»16 Jung wertet die Wirksamkeit archetypischer Bestimmungsfaktoren primär als Regression, als krisengeborenen Rückfall in archaische, vorrationale Seelenschichten.

Archetypen sind nach Jung und seiner Schule eigenständige seelische Realitäten, dynamische Faktoren im Kollektiven Unbewussten, die sich in Riten, Mythen und Symbolen der Frühgeschichte genauso nachweisen lassen «wie in Traumen, Phantasien und schöpferischen Gestaltungen des gesunden und kranken Menschen unserer Zeit». Die Wirkung der Archetypen oder eines bestimmten Archetypus «erscheint in positiven und negativen Emotionen, in Faszinationen und Projektionen, aber auch in Angst, dem Gefühl des Überwältigtseins des Ich und in manischen Erhobenheits- ebenso wie in Depressionszuständen». «Jede die Gesamtheit der Persönlichkeit erfassende Stimmung ist Ausdruck der dynamischen Wirkung eines Archetyps, unabhängig davon, ob diese vom Bewusstsein des Menschen angenommen oder abgelehnt wird, ob sie unbewusst bleibt oder das Bewusstsein ergreift.» (Erich Neumann)17 Der Jungsche Begriff des Kollektiven Unbewussten, wiewohl von großem heuristischen Wert, ist insofern ergänzungsbedürftig, als in ihm das regressive Element der Archetypen zu einseitig betont wird, das der klaren Bewusstheit des Einzelnen und der Eigenverantwortung entgegensteht. Umfassender und somit wirklichkeitsnaher erscheint mir der Begriff des «universellen Tiefenbewusstseins» in der tantrisch-buddhistischen Philosophie, welcher das Kollektive Unbewusste genauso umspannt wie eine Art Überbewusstsein, das nur der höchsten Individualisierung sich erschließt.18 Neben die Komponente der Regression, und zuweilen auf eine schwer entwirrbare Weise mit ihr verzahnt, tritt jene Aufnahmebereitschaft und innere Öffnung für den Mythos, die gerade das Zeichen gesteigerter Wachheit, Reife und Bewusstheit ist. Die Symbiose beider Elemente ist besonders eindrucksvoll im musikdramatischen Werk Richard Wagners, das nicht ohne Einfluss auf Hitler geblieben ist.

Der Nationalsozialismus war eine zuhöchst komplizierte, vielschichtige Erscheinung, und man tut gut daran, dies stets im Auge zu behalten. – Und wenn Thomas Mann in seinem Vortrag «Freud und die Zukunft» (1936) hervorhebt, dass das Mythische im Leben der Menschheit «zwar eine frühe und primitive Stufe» darstelle, «im Leben des Einzelnen aber eine späte und reife»19, so klingt etwas von dem erwähnten Neben- und Ineinander zweier Stufen (Regression und Reife) im Mythischen an. Rückfall ins Archaisch-Frühgeschichtliche und Reife können in einem Einzelnen zugleich anzutreffen sein, auch in einer Epoche. Und gerade hier liegen höchste Gefährdung und Versuchung beschlossen. Der «Verrat am Mythos» wird aus dem Übergewicht der regressiven Komponente geboren, aus dem Unvermögen, sich der Herausforderung des Mythos von innen her wirklich zu stellen – aus der Unreife des Seelisch-Geistigen. Dies – und nur dies – führt zum «Teufelspakt» des deutschen Geistes, zu dessen «tödlichem Versagen» und zur Barbarei.

Der Mythenforscher Karl Kerényi begrüßt in einem Brief an Thomas Mann aus dem Jahre 1934, bezugnehmend auf dessen Werk, speziell die Josephs-Romane, «die Rückkehr des europäischen Geistes zu den höchsten, den mythischen Realitäten».20 Eine zweifellos bemerkenswerte Aussage. Sicher dürfte Kerenyi hierbei kaum an den Nationalsozialismus gedacht haben, kaum an Alfred Rosenbergs «Mythus des 20. Jahrhunderts» (erschienen 1930). Und doch bestehen hier Zusammenhänge. In seinem Aufsatz «Bruder Hitler» von 1939 beschreibt Thomas Mann den deutschen Kanzler als den Bruder des Künstlers, als die pervertierte Erscheinungsform des künstlerischen Genies. «Ohne die entsetzlichen Opfer, welche unausgesetzt dem fatalen Seelenleben dieses Menschen fallen, ohne die umfassenden moralischen Verwüstungen, die davon ausgehen, fiele es leichter, zu gestehen, dass man sein Lebensphänomen fesselnd findet.» «Der Bursche ist eine Katastrophe; das ist kein Grund, ihn als Charakter und Schicksal nicht interessant zu finden.»21 Und: «Märchenzüge sind darin kenntlich, wenn auch verhunzt (das Motiv der Verhunzung und der Heruntergekommenheit spielt eine große Rolle im gegenwärtigen europäischen Leben) ... Wagnerisch, auf der Stufe der Verhunzung, ist das Ganze.»22 Die Grenzen zwischen «Märchen» und «Mythos» sind fließend; «Märchenzüge» - das kann auch heißen: Züge des Mythischen. – Was hat es auf sich mit der Realität des Mythos, mit seiner geschichtsmächtigen Prägekraft noch «auf der Stufe der Verhunzung»?

In bewusster Abgrenzung zur Annahme vom «dichterischen» Charakter der griechischen Mythen vertritt Walter F. Otto die Auffassung von der Realität und Wahrheit des Mythos. Mythen seien mehr als bloße Bilder und dichterische Gleichnisse für Erfahrungen, sie seien «Seinsoffenbarungen, die einer eigenen Weltstunde vorbehalten sind».23 «Mythos» heißt zunächst nichts anderes als «Wort», «ursprünglich gerade nicht das Wort vom Gedachten, sondern vom Tatsächlichen». «Aber diese alten Mythen mussten den späteren Zeiten so unglaubwürdig erscheinen, das man nur die Wahl hatte, sie für absurd zu erklären, oder ...einer tiefsinnigen Phantasie zuzuschreiben.»24 Heute ist mythisch beinahe gleichbedeutend mit unwirklich oder fiktiv. Wer vom «Führer-Mythos» oder vom «Mythos der Stunde Null» o. ä. spricht, will die Lüge darin bezeichnen, die als Wahrheit auftritt. Und in der Tat ist unsere Zeit reich an künstlichen Mythen, obwohl auch diese zumeist ihre versteckten Verbindungen haben zum «echten» Mythos.

Joachim Fest schreibt, Hitler habe «in seinen impulsiven Eingebungen ... durchweg mythisch, ästhetisch, realitatsfern, kurzum unpolitisch gedacht».25 Er sei stets bemüht gewesen, die eigene Existenz zu mythologisieren.26

Diese Mythologisierungsbemühungen werden von Fest als theaterhafte Selbststilisierungen des «Führers» gewertet, was sicher eine Teilwahrheit umschreibt. Nur wird in dieser Sichtweise die eigenständige seelische Wirklichkeit und damit Wirksamkeit der mythischen Bilder unberücksichtigt gelassen. Dem Mythos – zumindest den großen geschichtsmächtigen Mythologemen – scheint eine eigene Seinsrealität innezuwohnen, die auf eine schwer definierbare Weise geschichtlich und übergeschichtlich zugleich ist: Zwar ist die Wirksamkeit des Mythischen an eine bestimmte historische Situation geknüpft, aber der Mythos selbst entzieht sich einer restlosen historischen Relativierung. Dies hat er mit großer Kunst, großer Musik, großer Dichtung gemein. Er reicht in die «Urgründe der Menschenseele» und zugleich in die «Urzeit», die «Brunnentiefe der Zeiten» hinab, wo die «Urnormen, Urformen des Lebens» gegründet sind, wie Thomas Mann sagt.27 Die Mythengeschichte der Völker und Kulturen ist nach Schelling die Wiederholung der Weltenwerdung und der Naturgeschichte im menschlichen Bewusstsein; Mythen spiegeln die Kämpfe der Weltenwerdung und setzen sie zugleich fort. Die verblüffende Ähnlichkeit von Göttern, Formen und Motiven in den Mythen der Kulturvölker ist nur mit ihrem gemeinsamen Ursprung zu erklären. Allen gemeinsam sind ungeheure Kampfvorgänge, gigantische Schlachten zwischen Göttern und Gegen-Göttern: Widerspiegelung realer seelischer Prozesse. Von der Weisheit des Mythos kann nicht nur der Künstler unaufhörlich lernen, sondern auch der Philosoph. Was in den Mythen geschildert wird, ist alles andere als «human» im Sinne bürgerlicher oder sozialistischer Wertvorstellungen. Friedlich geht es nicht zu, weder in der indischen noch in der griechischen oder germanischen Mythologie. («Mythos» und «Mythologie» werden meist als Synonyme verwendet; eigentlich bezieht sich «mythologia» auf jene Sphäre des Dichterischen, innerhalb derer der Mythos selbst vorausgesetzt wird, während er zugleich der künstlerisch-bewussten Weiterführung und Gestaltung unterliegt.) Mythengeschichte ist stets ein Stück Bewusstwerdung der Menschheitspsyche. Die unauflösbare Einheit von Zeitlichkeit und Überzeitlichkeit im Mythos bedingt dessen eigentümlich «prophetische» Komponente: Er spricht das aus, was geschah, geschieht und auch geschehen wird, zumindest geschehen könnte. Hier treten Verbindungen zutage, die nichts zu tun haben mit deterministisch verstandener Kausalität.

Der Mythos enthält archetypische «Rollen», verkörpert in Göttergestalten oder herausgehobenen Menschen, in denen bestimmte außergewöhnliche Eigenschaften oder Fähigkeiten konzentriert sind.

Diese Rollen gehen offensichtlich über das hinaus, was C. G. Jung als Archetypen (Urbilder) des Kollektiven Unbewussten bezeichnet. Eher lassen sie sich als Faktoren innerhalb des «universellen Tiefenbewusstseins» (vielleicht auch des Oberbewusstseins) begreifen. Sie gleichen Wirkungsbündeln seelischgeistiger Energien, die ihrerseits Bewusstwerdungsprozesse zu beeinflussen und auszurichten vermögen. Die einzelne Persönlichkeit kann gleichsam in ein derartiges Energiefeld hineingeraten, hineingedrückt werden, so dass vorübergehend die Trennung von personalem So-Sein und archetypischer Rolle aufgehoben scheint.

Etwas von dem hier Ausgesprochenen klingt in Thomas Manns Freud-Vortrag an:

«Wie aber nun, wenn der mythische Aspekt sich subjektivierte, ins agierende Ich selber einginge und darin wach wäre, so dass es mit freudigem oder düsterem Stolze sich seiner «Wiederkehn, seiner Typik bewusst wäre, seine Rolle auf Erden zelebrierte und seine Würde ausschließlich in dem Wissen fände, das Gegründete im Fleisch wieder vorzustellen, es wieder zu verkörpern? Erst das, kann man sagen, wäre gelebter Mythus».»28

Kapitel 1

Deutscher Geist und deutsche Neurosen – Was war «deutsch» am Nationalsozialismus?

«Denn es gibt nur ein Deutschland, nicht zwei, nicht ein gutes und ein böses, und Hitler, in all seiner Elendigkeit, ist kein Zufall; nie wäre er möglich geworden ohne psychologische Vorbedingungen, die tiefer zu suchen sind, als in Inflation, Arbeitslosigkeit, kapitalistischer Spekulation und politischer Intrige.»

Thomas Mann, 1940 29

Die Deutschen: «Von Vorgestern und von Übermorgen»?