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Giordano Bruno Monografie Autor: Jochen Kirchhoff Der ausgewiesene Bruno-Kenner, Naturwissenschaftskritiker und Philosoph Jochen Kirchhoff unternimmt in dieser Monografie den Versuch, dem Leser den großen italienischen Renaissance-Philosophen Giordano Bruno vielfältig näherzubringen. Dabei werden nicht nur die Lebensumstände des umtriebigen und ungeheuer produktiven Bruno skizziert, sondern die wichtigsten philosophischen Leistungen werden herausgehoben und im Lichte der Bewusstseinskrise der Neuzeit diskutiert. Bruno ist und bleibt hochaktuell und hat mit seinem Insistieren auf einem lebendigen unendlichen Universum, der umfassenden Erkenntnisfähigkeit des Menschen und seinen vielfältigen Beiträgen zur Zerschlagung von mittelalterlichen Dogmen den Weg mit geebnet für eine grundsätzlich nicht-destruktive Naturwissenschaft und eine Wiederanbindung der Menschheit an den geistig-seelischen Kosmos. Das Feuer seines Lebens und Werkes ist nie erloschen. Jochen Kirchhoff hat es wie nur wenige Denker aufgenommen, weitergetragen und auf seine Weise genährt.
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Seitenzahl: 191
Veröffentlichungsjahr: 2024
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Die Fragestellung: Bruno und Galilei oder das Dilemma der neuzeitlichen Physik
Leben und Werk
Welteinheit und Erkenntnis – Zur Aufgabe der Philosophie
Vom Widerstreit der Gegensätze und von der Göttlichkeit der Natur
Der unendliche Raum und die Allgegenwart des Lebens – Von der kosmischen Relativität der Physik
Gestaltwandel und Wiedergeburt – Der Mensch im kosmischen Werden
Der Apostat – Die Kritik des Christentums
Schlussbemerkungen
Anmerkungen
Zeittafel
Zeugnisse
Bilbliographie
Über den Autor
Wenn der bohrende Verdacht einsetzt, ein bestimmter geschichtlicher Ablauf könne sich letztlich als eine Fehlentwicklung lebensbedrohlichen Ausmaßes erweisen, dann tritt neben die Frage nach Ursprung und Anfang einer derartigen Entwicklung diejenige nach den Alternativen im Sinne eines schöpferischen Gegenentwurfs. Die Frage nach der schöpferischen Alternative kann zur Existenzfrage werden.
Dass die neuzeitliche Physik und ihre Folgewissenschaften zunehmend häufiger unter dem Aspekt einer bedrohlichen Fehlentwicklung betrachtet werden, hängt mit dem Erkenntnisund Machtanspruch der mathematischen Naturwissenschaft zusammen. Wer die Physik und das von ihr propagierte und vielfältig nachgeahmte Wissenschaftsmodell als objektiv lebensfeindlich und verbrecherisch begreift, für den ist Hiroshima kein «Betriebsunfall» oder das Symptom tragischer politischer Verstrickung der Physiker, sondern der konsequenteste Ausdruck eines wesensmäßig destruktiven Denkens. Von Goethes scharfer Polemik gegen die Newtonsche Optik in seiner Farbenlehre führt der Weg zur modernen Wissenschaftsmüdigkeit, zur Kritik und zum Unbehagen an der als inhuman empfundenen Verbindung von abstrakter Naturwissenschaft und seelenloser Technokratie.
Dass Galileo Galilei (1564-1642) als Schlüsselfigur am Anfang der neuzeitlichen Naturwissenschaft als der Begründer ihrer Methodik steht, wird allgemein anerkannt. Von dieser Galileischen Methodik der physikalischen Forschung führt der Weg zur modernen Physik einschließlich der Kernspaltung; dies wird von keinem der maßgebenden Physiker ernsthaft bestritten. So nimmt es nicht wunder, dass im Zusammenhang mit der Diskussion um die Verantwortung des Naturwissenschaftlers für die Folgen seines Wirkens immer wieder der Begründer der neuzeitlichen Physik als gleichsam exemplarische Figur herausgestellt wurde. Das Galilei-Drama Bertolt Brechts ist ein bekanntes Beispiel dafür. – Die Frage nach der Verantwortung des Naturwissenschaftlers ist zumeist so gestellt worden, als ginge es primär um den Bereich der Gesellschaft oder des Politischen. Erheblich seltener wurde die Frage aufgeworfen nach dem Wesen der Physik selbst, nach der Verantwortung des Naturwissenschaftlers gegenüber der Natur und dem Leben.
Das Problem der gesellschaftlichen Verantwortung des Physikers (deren Fehlen mit Recht kritisiert wurde) ist fast ausschließlich angegangen worden, ohne den Wahrheitsoder Erkenntniswert der naturwissenschaftlichen Forschungsergebnisse an sich in Frage zu stellen. Der neuzeitliche Wissenschaftsbegriff, geschaffen von der mechanistischen Physik des 17. Jahrhunderts, war und ist mit einem weitreichenden Wahrheitsanspruch verknüpft, der zudem jedermann durch die augenfälligen Erfolge der Technik demonstriert werden konnte. Und jedwede Technik basiert auf der Anwendung mathematisch formulierter «Naturgesetze», deren objektive «Richtigkeit» eben dadurch in Erscheinung tritt.
Auf diese Weise bleibt dem Laien der hypothetische und spekulative Grundcharakter naturwissenschaftlicher Aussagen, soweit die unmittelbare Erfahrung überschritten wird, zumeist verborgen. Er misst vielmehr den Wahrheitswert naturwissenschaftlicher Erkenntnisse generell an deren technischer Anwendbarkeit und an der Präzision möglicher Voraussagen.
Carl Friedrich von Weizsäcker nennt die mathematische Naturwissenschaft den «harten Kern der Kultur des neuzeitlichen Europa», «das widerstandsfähigste Produkt dieser Kultur, ihr ständig wachsendes Stahlskelett»1. «Der Widerstand in der eigenen Kultur, getragen von Gläubigen, von Künstlern, von Konservativen und neuerdings von ethisch motivierten Radikalen, erweist sich diesem Wachstum gegenüber als machtlos.»2 Diese immer wieder zutage tretende Ohnmacht des Widerstands gegen den «Machtwillen» der mathematischen Naturwissenschaft liegt unter anderem darin begründet, dass nur wenige den Versuch unternommen haben, das Prinzip der neuzeitlichen Physik in seinen Ausgangspostulaten, seinen grundlegenden Voraussetzungen zu kritisieren und hieraus eine echte Alternative vorzulegen. Auch konnten Kritiker und Gegner nicht erklären, warum es mathematische Naturwissenschaft überhaupt gibt, genauer: wie es möglich ist, dass die Natur tatsächlich mathematisch beschreibbar erscheint, so dass – in Grenzen – präzise Voraussagen von Naturvorgängen immer wieder gelingen.
In Zusammenhang mit der Auseinandersetzung um den modernen Wissenschaftsbegriff und seine potentiell zerstörerischen Auswirkungen wird der Name jenes Mannes fast nie genannt, dem die vorliegende Monographie gewidmet ist. Naturwissenschaftlern und Philosophen kann ein durchaus «gestörtes Verhältnis» zu Giordano Bruno attestiert werden.
Zumindest gilt dies für jene, die sich als meinungsbildend hervorgetan haben. Und fast niemandem scheint bewusst, dass die Auseinandersetzung mit dem Naturphilosophen Giordano Bruno, dem großen Zeitgenossen Galileis, geeignet ist, uns heute am Ende einer langen Entwicklung wichtige Impulse und Denkanstöße in Richtung auf jene existentiell bedeutsame schöpferische Alternative zu geben: Denkanstöße, die an die Fundamente der neuzeitlithen Naturwissenschaft rühren und zu deren Begreifen eine Grundhaltung erforderlich ist, die von dem Mühen gespeist wird, den «harten Kern der Kultur des neuzeitlichen Europa» dort zu zerbrechen, wo er lebendige Zusammenhänge und Urphänomene zerschneidet.
Um Giordano Bruno zu verstehen, erscheint es sinnvoll, seinen naturphilosophischen Ansatz demjenigen Galileis gegenüberzustellen. Beide, Bruno und Galilei, entwickeln die eigene Naturphilosophie gegen die zu ihrer Zeit herrschende aristotelisch-scholastische Lehrmeinung. Und in fast allen einschlägigen Darstellungen wird Galilei herausgehoben als der eigentliche Überwinder der mittelalterlichen Gebundenheit in der Naturbetrachtung. Er sei als erster bemüht gewesen, «selbständig von der Sichtbarkeit der Welt her zu forschen und zu denken»3, eine Haltung, welche die Loslösung von der mittelalterlichen Gottund Jenseitsbezogenheit offenbare. Bruno dagegen wird als eine Gestalt der «Epochenschwelle» gesehen; zwar habe er einige Forschungsergebnisse der neuzeitlichen Naturwissenschaft vorweggenommen, insofern also das Mittelalter partiell überwunden, sei aber zu den eigentlichen «Grundformeln der Neuzeit» noch nicht vorgestoßen.4 Er stehe gleichsam zwischen Mittelalter und Neuzeit. Im ausgehenden 19. und beginnenden 20. Jahrhundert wurde Bruno fast ausschließlich als Vorläufer der positivistisch verstandenen Naturwissenschaft interpretiert. Besonders die «Monisten» in der Haeckel-Nachfolge beanspruchten den Nolaner (geb. in Nola bei Neapel) für sich. Der als Ketzer Verbrannte wurde zum Märtyrer der Geistesfreiheit und der Naturwissenschaft. Damit allerdings war der fundamentale Unterschied zu Galilei verwischt worden. Die heutigen Naturwissenschaftler nehmen Bruno kaum zur Kenntnis. Werner Heisenberg etwa weiß wenig mehr zu sagen, als dass Brunos Geisteshaltung «religiös» sei.5
Weizsäcker erwähnt ihn in seinem Buch «Die Einheit der Natur» (1971) mit keinem einzigen Satz. Um dies einzuordnen, muss man sich bewusst sein, dass Brunos gesamtes philosophisches Wirken letztlich um eben diesen Gedanken der «Einheit der Natur» kreist. Die Haltung der Naturwissenschaftler gegenüber Giordano Bruno ist eine merkwürdige Mischung aus Geringschätzung, geflissentlichem Ignorieren und dem Bestreben, ihn zum phantasievollen oder dichterischen Verkünder einer spekulativen Weitsicht zu machen, dem nichts ferner gelegen habe als das Prinzip der empirischen Naturwissenschaft.
Die Haltung der meisten akademischen Philosophen unterscheidet sich hiervon nur graduell. Es musste die Physiker der Neuzeit mit ihrem auf das Beobacht- und Messbare ausgerichteten Wirken irritieren, dass Bruno eine Fülle von naturwissenschaftlichen Erkenntnissen als erster formulierte, ohne jemals ein Experiment durchgeführt oder ein Fernrohr benutzt zu haben (weil es dieses Instrument noch nicht gab). Dafür einige Beispiele: Bruno war der erste, der die noch von Kopernikus angenommene kristallene Fixsternsphäre als äußerste Begrenzung des Alls «zerschlug» und die Fixsterne als Sonnen erkannte.6 Er entdeckte als erster in aller Klarheit die polare Abplattung der Erde.7 Er wies darauf hin, dass es hinter dem Saturn noch weitere Planeten geben müsse, zweihundert Jahre vor der Entdeckung des Uranus (1781). Die Planeten Neptun und Pluto wurden erst 1846 bzw. 1930 entdeckt. – Bruno wies, zwanzig Jahre vor Galilei, auf die Achsendrehung der Sonne (1591).
Auch hat der Nolaner im Ansatz, obwohl in «nur» qualitativer Form, die drei Keplerschen Gesetze vorweggenommen: Er wich als erster von der Vorstellung ab, die noch Galilei zeit seines Lebens beibehalten hatte, dass die Planeten einer gleichförmigen Kreisbewegung um die Sonne unterworfen sind. Bruno erkannte die elliptische Form der Planetenbahnen (Bezug zum 1. Keplerschen Gesetz), die Abhängigkeit der Bahngeschwindigkeit von der Sonnenentfernung (nach Bruno bewegen sich die Planeten um so langsamer, je weiter sie von der Sonne entfernt sind; Bezug zum 3. Keplerschen Gesetz) und die radiale Struktur der Schwerefelder der Gestirne als Beeinflussungsfaktor für die Planetenbewegung (Bezug zum 2. Keplerschen Gesetz, wonach sich der einzelne Planet jeweils im sonnennächsten Punkt seiner Umlaufbahn am schnellsten und im sonnenfernsten Punkt am langsamsten bewegt). Brunos nachdrücklicher Hinweis darauf, dass sich die äußeren Planeten (Jupiter und Saturn) schneller um die eigene Achse drehen als etwa Mars oder Erde, wurde erst lange Jahre danach durch Beobachtungen bestätigt. Die Zahl derartiger Vorgriffe auf spätere astronomische oder astrophysikalische Forschungsergebnisse ließe sich erheblich vermehren. – Galilei erwähnt den Nolaner an keiner Stelle in seinen Werken, und doch lässt sich unschwer nachweisen, dass er Brunos Dialog Das Aschermittwochsmahl (1584) in mehrfacher Hinsicht ausgewertet hat, unter anderem für seine Überlegungen zur Relativität der Bewegung.8 Kepler soll, wie aus einem Brief von Martin Hasdale hervorgeht (15. April 1610), sich darüber beklagt haben, dass Galilei bei der Herausstellung der eigenen Entdeckungen weder ihn noch Giordano Bruno erwähnt habe, obwohl er beiden wesentliches verdanke.9
Was unterscheidet nun die Betrachtungsweise Galileis von derjenigen des Nolaners? In einschlägigen Darstellungen wird meist darauf hingewiesen, Galilei habe die Physik als Erfahrungswissenschaft der auf spekulativen Denkelementen beruhenden aristotelischen Weitsicht entgegengesetzt – eine Behauptung, die nur mit allergrößten Einschränkungen zu akzeptieren ist.
Dies gilt auch für die bereits angedeutete These, Galilei habe das mittelalterliche Denken durch eine vom Primat der Sichtbarkeit bestimmte Methodik überwunden. Letzteres ist schon insofern nicht richtig, als dabei die eminente Bedeutung der Sichtbarkeit, der sinnlichen Gewissheit überhaupt, für das aristotelische und mittelalterliche Denken unberücksichtigt bleibt. Gerade der Umstand, dass die von Kopernikus vertretene heliozentrische Lehre dem Augenschein und der unmittelbaren sinnlichen Erfahrung diametral entgegengesetzt ist, erschwerte ihre Anerkennung.
Unmittelbar sinnlich wahrgenommen wird die Bewegung der Sonne und der anderen Gestirne, nicht aber diejenige der Erde. Und es bleibt letztlich eine bemerkenswerte Inkonsequenz Galileis, gerade durch die sinnliche Gewissheit, eben durch das Fernrohr, seine Zeitgenossen davon überzeugen zu wollen, dass Kopernikus recht hatte und nicht Aristoteles. Dies erscheint um so befremdlicher, als Galilei selbst seine eigene Untersuchungsmethode von der des Aristoteles klar abgrenzt.
Aristoteles kann, was seine naturphilosophischen Grundüberzeugungen betrifft, als der «klassische» Philosoph des «naiven Realismus» angesehen werden: Er identifiziert die sinnliche Erfahrungswelt mit der Wirklichkeit und konstruiert auf dieser Grundlage in induktiver Weise, also stets vom unmittelbar wahrgenommenen einzelnen ausgehend, in Richtung auf zunehmende Allgemeinheit das «Ganze». Mit Recht schreibt daher Weizsäcker: «Aristoteles war eher empirischer als Galilei, aber Galileis aristotelische Zeitgenossen waren es nicht.»10
Gerade durch ihren von der naiven Sinnlichkeit her bestimmten Aufbau konnte die aristotelische Kosmologie ihren eminenten Siegeszug antreten, und gerade ihre – scheinbare – Übereinstimmung mit der «Erfahrung» hat ihr eine stärkere Durchschlagskraft verschafft als der bereits zu antiker Zeit bekannten heliozentrischen Lehre. So lehnt beispielsweise der Astronom Ptolemäus, der das geozentrische System des Aristoteles modifiziert und mathematisch verfeinert hatte, das heliozentrische System deswegen ab, weil es im Widerspruch stehe zur unmit-telbaren Wahrnehmung. Obwohl er eingestehen muss, dass es geeignet sei, die Sternbeobachtungen genauer darzustellen.11 Aristarchos von Samos hatte bereits, im 3. vorchristlichen Jahrhundert, das heliozentrische Weltbild klar formuliert, und mit Sicherheit hat ihm Kopernikus wesentliche Anregungen zu verdanken.12 Auch hatte Aristarchos bereits erste Hilfweise gegeben auf die Unendlichkeit des Alls; das System des Kopernikus bedeutet insofern, da es die Endlichkeit der kugelförmig gedachten Welt und die Kristallsphären der Geozentriker beibehielt, eine mittelalterliche Modifizierung der antiken heliozentrischen Lehre.
Galilei weist explizit darauf hin, dass Aristoteles die Sinneserfahrung jedem Argument vorgezogen habe.13 Über Aristarchos von Samos und Kopernikus heißt es: «Ich kann die Höhe der Intelligenz jener Männer nicht gebührend bewundern, die es [das kopernikanische System) empfangen haben – und es für wahr halten, die mit der Entschiedenheit ihres Urteils ihren eigenen Sinnen derart Gewalt angetan haben, dass sie nun vorziehen, was ihr Verstand ihnen diktiert, gegenüber dem, was ihre Sinneserfahrung als das Gegenteil darstellt ... Meine Bewunderung ist grenzenlos, wenn ich bedenke, wie in Aristarch und Kopernikus der Verstand solch einen Angriff auf ihre Sinne unternehmen konnte, dass er sich zum Herrscher über ihren Glauben machte.»14 Bezeichnend ist auch hier, dass Galilei zwar Aristarchos und Kopernikus bewundernd hervorhebt, Giordano Bruno aber, der weit radikaler als jeder andere die Sinneserfahrung kosmisch zu relativieren vermochte, nicht erwähnt.
Galileo betont hier, wie vor ihm bereits Bruno, dass das kopernikanische System der unmittelbaren Sinneswahrnehmung nicht nur widerspricht, sondern dass durch dessen geistige Akzeptierung den Sinnen geradezu Gewalt angetan wird. Giordano Bruno begreift dies als eine Chance, die unmittelbar erfahrene Sinneswelt in ihrer engen Gebundenheit an die Gestirnoberfläche «radikal», das heißt von der Wurzel her, zu kritisieren. Für Bruno muss jede Erscheinung der kosmischen Umwelt zunächst einmal in ihrer sinnlichen Unmittelbarkeit in Frage gestellt und auf ihren möglichen Täuschungscharakter hin untersucht werden.
Wenn, so schließt Bruno, die Sinneswelt in diesem einen wichtigsten Punkt eine so fundamentale Täuschung zulässt, so dass die kosmische Wahrheit ihr antipodisch entgegengesetzt ist, dann muss die sinnliche Wahrnehmung schlechthin als trügerische Erscheinung, ja als «Schein» angesehen und gewertet werden, wobei «Schein» im Sinne Brunos nicht als Traumwelt oder Phantasmagorie aufzufassen ist, sondern als «Welt der Wirkungen», deren eigentliche Ursachen im kosmischen Gefüge zu suchen sind. Galilei war, als er sich um den Nachweis der Richtigkeit des heliozentrischen Systems bemühte, das heißt um einen Nachweis mittels der Erweiterung der sinnlichen Wahrnehmung durch das Fernrohr, im Grunde Aristoteliker und ist es auch trotz seines doch darzustellenden Platonismus geblieben.
Das Mühen um sinnliche Evidenz ohne Rückbezug auf kosmische Ursächlichkeit «nicht-sinnlicher» Natur ist ein zutiefst mittelalterlich-scholastisches Prinzip.
So gesehen hat Galilei wesentliche Elemente des mittelalterlichen Denkens, seinen naiven Empirismus in der Aristoteles- Nachfolge beibehalten und mit ihm fast die gesamte neuzeitliche Physik.
Daran ändert auch die Anwendung der Mathematik als Erkenntnisinstrument nichts, da diese das geozentrische Prinzip nicht aufzuheben vermag.
Das klingt zunächst absurd und muss demjenigen gänzlich unverständlich bleiben, der unter Hinweis auf die technische Präzision der «Raumfahrt» gerade den die Geozentrizität überwindenden Aspekt moderner Weltraumforschung herausstreicht.
Hier sollte bedacht werden, dass astrophysikalische Angaben etwa über die Oberflächentemperaturen ferner Fixsterne ausnahmslos Extrapolationen erdoberflächenverhafteter Messungen darstellen, ausgehend von der mathematischen Auswertung spektralanalytischer Beobachtungen.
Wenn etwa in einem modernen Lehrbuch der Physik darauf hingewiesen wird, «dass Erkenntnisse über die Außenwelt nur aus der Außenwelt selbst kommen können und dass wir deshalb nur auf dem Wege über die sinnlichen Wahrnehmungen zu physikalischen Gesetzen kommen können»15, so wird dadurch demonstriert, dass der aristotelische «Realismus» auch heute noch bestimmend ist für physikalisches Forschen. Auf dem Weg über die sinnliche Wahrnehmung wäre das geozentrische Weltbild niemals zu überwinden gewesen, auch nicht auf dem Weg der mathematischen Abstraktion. So hat die neuzeitliche Physik den wichtigen Gedanken des heliozentrischen Weltbildes zwar übernommen, auch sich um seine wissenschaftliche Fundierung bemüht, ihn jedoch zunehmend mehr mit aristotelischen Elementen vermischt, was dazu geführt hat, dass der Großteil der Bevölkerung dieses Gestirns nach wie vor geozentrisch denkt und empfindet und das heliozentrische, ja eigentlich «kosmozentrische» System allenfalls theoretisch angenommen hat. Zu einem kosmischen Bewusstsein, wie es im Werk Giordano Brunos zutage tritt, ist es nicht gekommen. Die geistige Überwindung der Geozentrizität war ein Akt naturphilosophischen Ganzheitsdenkens, nicht aber ein Ergebnis physikalisch-analytischer Forschung.
Das geozentrische Bewusstsein zeigt sich etwa in dem Umstand, dass die Überzeugung von der gleichsam absoluten Realität der Sinneswelt spätestens seit dem 19. Jahrhundert zur dogmatischen Doktrin weiter Kreise wurde, als das kausal-mechanische Weltbild seine größten Erfolge verzeichnen konnte. Daran hat auch die revolutionäre Wandlung der modernen Physik seit Einstein, Planck, Bohr und Heisenberg nichts grundsätzlich geändert.
Um des Nolaners Kritik der erdoberflächenverhafteten Erfahrungswelt in Richtung auf ihre kosmischen Grundlagen einzuordnen, muss gesagt werden, dass damit der gesamte Bereich des mittels physikalischer Messungen Erfassbaren angesprochen ist. Die Erweiterung oder Verfeinerung der sinnlichen Wahrnehmung durch technische Apparaturen vermag den wesensmäßig relativen Charakter dieses Erfahrungsbereichs nicht aufzuheben. Nur kosmische Grundlagenforschung wäre dazu in der Lage. Giordano Bruno macht die Notwendigkeit einer kosmischen, das heißt letztlich metaphysischen und vom Absoluten ausgehenden Grundlegung der physikalischen Erfahrungswelt deutlich. Damit sind die Grenzen rein physikalischer Erkenntnis erheblich enger gezogen, als dies gemeinhin geschieht.
Neben dem aristotelischen Element der Galileischen Physik muss das in gleichem Maße bedeutsame platonische bzw. pythagoreische Element herausgehoben werden. Für Galilei (wie für Kepler) ist das Buch der Natur in geometrischen Figuren geschrieben. In dieser Sichtweise wird die abstrakte Struktur der Mathematik zum Wesen der Natur erklärt, zum «objektiven Geist», welcher als bestimmendes Prinzip der bunten Fülle der Erscheinungen zugrunde liegt. Galilei drückt dies in den oft zitierten Sätzen aus: «Die Philosophie ist in dem großen Buch niedergeschrieben, das vor unseren Augen immer offen liegt, ich meine das Universum. Aber wir können es erst lesen, wenn wir die Sprache gelernt haben und mit den Zeichen vertraut sind, in denen es geschrieben ist. Es ist in der Sprache der Mathematik geschrieben, und seine Buchstaben sind Dreiecke, Kreise und andere geometrische Figuren; ohne diese Mittel ist es dem Menschen unmöglich, auch nur ein einziges Wort zu verstehen.»16
Dies wurde zur vielleicht wichtigsten Prämisse, zum bedeutsamsten, weil folgenreichsten Postulat der neuzeitlichen Physik.
Die Mathematik wird zum zentralen Erkenntniswerkzeug, zur physikalischen Grundlagenwissenschaft. Nur mittels der mathematischen Abstraktion glaubte man fortan, die objektiven Strukturen der Natur abbilden zu können. Hatten Galilei und seine Nachfolger alles Göttliche oder Metaphysische aus ihren Forschungen verbannt, alle «verborgenen Qualitäten» in den Dingen als wissenschaftlich unerkennbar oder schlicht als nicht vorhanden hingestellt, so blieb einzig die Mathematik als letzte Bastion der Metaphysik. Mathematik wurde zum Metaphysik Ersatz, das mathematisch formulierte «Naturgesetz» zum Abbild der platonischen Ideen. Und in diesem Sinne sind Heisenberg und Weizsäcker genauso als Platoniker zu bezeichnen wie Galilei und Kepler.
Für Giordano Bruno ist der Kosmos ein Organismus, kein Mechanismus; er kann deshalb auch mathematisch niemals vollgültig beschrieben oder erfasst werden. Während Galilei alles nicht-Mathematische als «subjektiv» aus der Naturwissenschaft auszuschließen bestrebt ist, in der Annahme, die Mathematik sei das objektive Wesen der Natur, weist Bruno einen derartigen Anspruch der Mathematik scharf zurück. Ihm ist die Mathematik, und hier liegt einer der wenigen Berührungspunkte mit seinem Gegner Aristoteles, bestenfalls eine Hilfswissenschaft mit begrenztem Anwendungsbereich. Obwohl der Nolaner die erst bei Galilei sich anbahnende vollständige Mathematisierung der Naturwissenschaft noch nicht kennen konnte, muten viele seiner kritischen Anmerkungen zur Mathematik wie direkt gegen Galilei gerichtet an. In Wirklichkeit kritisiert Bruno den platonischen Grundgedanken einer mathematischen Naturwissenschaft in seinem erkenntnistheoretischen Ansatz.
In der Galilei-Nachfolge wurde den qualitativen Theorien zunehmend der wissenschaftliche Erkenntnis- und Erklärungswert abgesprochen.
«Wer naturwissenschaftliche Fragen ohne Hilfe der Mathematik lösen will, unternimmt Undurchführbares» (Galilei).17 Die höchste aller Qualitäten, das Leben selbst, war damit aus dem Bereich der Naturwissenschaft verbannt. Wobei es nicht an Versuchen gefehlt hat und fehlt, alles Lebendige als komplizierte Form von quantifizierbaren Grundelementen aufzufassen, als Maschine im Sinne einer universalen mechanistischen Naturphilosophie, wie sie Descartes zu entwickeln gedachte. «Natur» und «Ausdehnung» sieht er als identisch an. Für Descartes ist die physikalische Welt gleichsam materialisierte Geometrie oder Mathematik. Im kausal-mechanischen Weltbild wird die Natur auf die mathematisch erfassbare Bewegung materieller Teilchen reduziert, die Gesetze der Mechanik werden zu den Grundgesetzen der Natur erklärt.
Mit der Ausdehnung des Anwendungsbereiches mathematisch-mechanistischer Methoden wuchs auch der Erkenntnisund Machtanspruch der Physik. An dem Wissenschaftsbild der Physik orientierten sich alle anderen Naturwissenschaften, und bis heute kommt keine Naturwissenschaft ohne die Physik als Hilfswissenschaft aus.
Als Newton die von Galilei mathematisierte Mechanik endgültig auf den Kosmos und die Planetenbewegungen übertrug, wurde dies als ungeheurer Erkenntnisfortschritt gewertet. Die Möglichkeit präziser Voraussagen von Sternbeobachtungen mittels der Newtonschen Gesetze schien letzte Zweifel an der universellen Gültigkeit mathematischer Naturgesetze zu beseitigen. Die Philosophie, noch in der Renaissance ein integraler Bestandteil aller Naturwissenschaft, wurde genauso entbehrlich wie die «Hypothese Gott» (Laplace). Die Philosophen ihrerseits hatten der neuen Physik wenig entgegenzusetzen, ja, sie wurden durch sie geprägt. Ein Großteil der philosophischen Werke Kants kreiste um die Frage, wie die von ihm unterstellte Notwendigkeit und Allgemeingültigkeit der mathematischen Naturgesetze zu erklären sei. Wie viele andere war Kant überzeugt von einer lückenlosen, mathematisch erfassbaren Kausalverknüpfung der Erscheinungen. Kant ist es auch, der die Physiker gleichsam aus den Fittichen der Philosophie und Metaphysik entlässt, was de facto ohnehin längst vollzogen war. Er fordert die Naturwissenschaft ausdrücklich auf, alle metaphysischen Erklärungsansätze abzulehnen und sich nur auf dasjenige zu beschränken und zu gründen, «was als Gegenstand der Sinne zur Erfahrung gehören und mit unseren wirklichen Wahrnehmungen nach Erfahrungsgesetzen in Zusammenhang gebracht werden kann»18. Zwar hat die Naturwissenschaft sich stets als Erfahrungswissenschaft verstanden und metaphysische Wissensansprüche oder Erklärungsversuche als spekulativ zurückgewiesen, nur stand im Zentrum des Wissenschaftsideals nicht die unmittelbare, lebendige Erfahrung, sondern die mathematische Konstruktion. Das von einer mathematischen Hypothese ausgehende Experiment diente primär dazu, Messreihen zu erzielen, aus welchen dann gegebenenfalls verallgemeinert ein Naturgesetz formuliert werden konnte. Höchstes Ziel der theoretischen Physik ist stets die Formulierung mathematischer Naturgesetze mit universaler Gültigkeit. Dass diese niemals restlos zu verifizieren sind und folglich hypothetisch bleiben müssen, ist bekannt und war wiederholt Gegenstand wissenschaftstheoretischer Auseinandersetzungen.
Der Begriff des mathematischen Naturgesetzes ist unvereinbar mit dem Weltorganismus-Gedanken des Giordano Bruno, dem Gedanken der lebendigen Ganzheit und Einheit der Natur.
Daher ist es, wo wir hier in rein naturwissenschaftlichem Sinne sprechen, unnötig, uns auf mathematische Phantasien einzulassen19, heißt es einmal in deutlicher Zurückweisung des naturphilosophischen Anspruchs der mathematischen Astronomie. Bei Äußerungen dieser Art pflegen Naturwissenschaftler auf die Möglichkeit hinzuweisen, mittels der mathematisch formulierten Naturgesetze präzise Voraussagen zu machen. Da dies mit der qualitativen Naturwissenschaft Brunos nicht möglich ist, wird dieser der Erklärungswert abgesprochen. Hier muss gesagt werden, dass auch die geozentrische Lehre des Ptolemäus es ermöglichte, präzise Voraussagen von beobachtbaren Gestirnbewegungen zu machen. Die mythenhafte Verklärung der entstehenden mathematischen Naturwissenschaft hat die historische Tatsache verdeckt, dass die Berechnungen des Kopernikus weder einfacher noch genauer waren als diejenigen des Ptolemäus. Die heliozentrische Lehre war der mathematischen Präzision und Voraussagekraft der geozentrischen Lehre zunächst keineswegs überlegen.20 Woraus zu folgern ist, dass die mathematische Präzision durchaus einer physikalischen Illusion dienstbar gemacht werden kann und, für sich genommen, keine Beweiskraft hat.
Ohne die herrliche Erkenntnis des Kopernikus, schreibt Bruno, sei die Kunst des Rechnens, Messens, Zeichnens und Entwerfens nichts als ein Zeitvertreib für findige Narren21.
Die mathematische Astronomie ist für den Nolaner ein zu überwindendes Element der geozentrischen Weitsicht, mittels dessen die kosmischen Phänomene niemals vollgültig erfasst werden können. Kosmologische Aussagen so weitreichender Art und mit derart hohem Erkenntnisanspruch, wie sie auf der Basis mathematischer Hypothesen von den Physikern seit Newton vorgetragen werden, hätte er als unzulässige Übergriffe von Spezialwissenschaftlern in den Bereich der Naturphilosophie zurückgewiesen. In Brunos Sicht wird hier fast ausnahmslos die kosmische Relativität der physikalischen Erfahrungswelt außer acht gelassen.
Was darunter im einzelnen zu verstehen ist, wird an späterer Stelle deutlich werden. Dass der von Galilei entwickelte Wissenschaftsbegriff in einem engen Kausalzusammenhang steht zu den beklemmenden Auswirkungen der Physik des 20. Jahrhunderts, wurde bereits angedeutet. «Durch seine ausschließliche Konzentration auf Quantität hat Galilei im Endeffekt die reale Welt der Erfahrung disqualifiziert, und er hat auf diese Weise den Menschen aus der lebenden Natur in eine kosmische Wüste vertrieben», schreibt Lewis Mumford.22 Ob es gelingt, diese «Vertreibung» rückgängig zu machen, davon dürften die Überlebenschancen der Menschheit maßgeblich mitbestimmt werden.
In diesem Zusammenhang könnte der naturphilosophische Ansatz Giordano Brunos eine bis dato ungeahnte Wirksamkeit entfalten, sofern es gelingt, ihn als lebendige Kraft schöpferischer Veränderung zu begreifen.
