Niveau Limbo - Daniel Küsters - E-Book

Niveau Limbo E-Book

Daniel Küsters

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Beschreibung

Winnie zieht als Zwanzigjähriger für sein Studium vom Lande in die Großstadt. Aus Angst, den Kontakt zu seinen „Kumpels“ zu verlieren, gründet er zusammen mit seinen besten Freunden den Mallorca Tupp Club. Die sechs Jungs vereinbaren, sich regelmäßig zum Kartenspielen zu treffen und von dem eingespielten Geld eine zweiwöchige Tour nach Mallorca zu machen. Schon die Spieleabende sind von vielen lustigen Sprüchen und einer Menge Alkohol geprägt. Doch das sollte sich noch steigern lassen. Bereits die Anreise steht unter dem Motto, Party, Alkohol und Frauen anbaggern. Die ersten peinlichen Problemsituationen lassen jedoch nicht lange auf sich warten und tauchen auf, bevor die Jungs den Flieger erreichen. Doch weder Rohrzange und Nagelschere im Handgepäck, noch äußerst genervte und unfreundliche Mitreisende, können verhindern, dass die sechs Jungs ihr Hotel in Cala Ratjada erreichen. In den zwei Wochen, die sie auf Mallorca verbringen, passieren ihnen allerlei lustige und unglaubliche Geschichten. Getreu dem Motto: es gibt kein Niveau, das man nicht unterschreiten kann, haben die sechs nur wenige Tabus, wenn es um Feiern, Alkohol, Mädels und dumme Sprüche geht.

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Seitenzahl: 462

Veröffentlichungsjahr: 2015

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Inhalt

Vorwort

Aller Anfang ist schwer

Tuppen für Malle

Die Auswahl

Die Anreise

Happy Hour scheiß egal

Heiße Blondine auf sechs Uhr

Der bunte Minirock

Gammelburger

Der Schein trügt

In einem wunderbaren Land

Fatales Frühstück

Viel natürlich!!!

Auf der Tour auf Tour

Ehrlich oder höflich?

Unerwarteter Besuch

Die Schaumparty oder Waschtag mal anders

Mein Ring, mein Schatz

Gesunder Reiseproviant

Kormorane und Krebse auf Mallorca

Wodka Melone macht Kopfschmerzen

Knall und Fall

Zwei für eins macht dein's und mein's

Der verlorene Sohn

Die Rückkehr des verlorenen Sohnes

Footballspieler

Das Rückspiel

Beautyqueens

Der Wein kann alles

Shopping mit Hooligans

Nichts geht über eine gute Vorbereitung

Schöner als Mr. „Xiroi“

Tiefenentspannung und Fotoshooting

Der Wein kann wirklich alles

Luftmatratzen Wohltäter

Der letzte Abend

Packen, Playa, heißer Abschied

Tränen über Tränen

Das Resümee

Nachwort

Vorwort

An einem verregneten Samstagvormittag sitze ich in meiner Kölner Wohnung auf dem Sofa und genieße die Reste meines üppigen Frühstücks. Mir bleiben noch etwa fünf Stunden, bis ich mich Duschen und ausgehfertig machen muss, um rechtzeitig in Dülken zu sein und somit einer Strafe zu entgehen. Verspätetes Erscheinen wird bei unserer elitären Gemeinschaft nicht geduldet und rigoros geahndet. Dennoch freue ich mich auf den Abend und die Jungs. Diese regelmäßigen Treffen finden inzwischen seit fast zwanzig Jahren statt. Obwohl wir immer wieder den einen oder anderen Gast bei einem solchen Event begrüßen durften, blieb der harte Kern der Gruppe stets derselbe. Er besteht neben mir noch aus inzwischen vier meiner besten Freunde und zusammen sind wir die aktiven Gründungsmitglieder des »Mallorca Tupp Clubs«. Was waren wir früher für wilde Draufgänger und was haben wir für verrückte Dinge erlebt bei all unseren Treffen und unseren Touren? Ich erinnere mich gerne an viele dieser prägenden Erlebnisse aber wie genau hatte damals noch gleich alles begonnen? Ich hole das große Fotoalbum aus dem Regal, auf dessen Rücken in bunten Buchstaben »Chronik des MTC« geschrieben steht. Als ich das einzigartige Werk aufschlage, grinst mich mein 21 jähriges Ich, gemeinsam mit fünf etwa gleichaltrigen von einem Foto aus an. Ich blättere weiter und versinke in Erinnerungen vergangener Tage.

Aller Anfang ist schwer

Nachdem ich das Abitur geschafft und den Zivildienst abgeleistet hatte, begann mein Biologiestudium. Ich war zarte 21 Jahre alt und zog für das Studium vom beschaulichen, kleinen und ländlichen Niederrheindörfchen Dülken in die Großstadt Köln. Ich hatte damals einige Sorge, dass auf Grund der räumlichen Distanz der Kontakt zu meinen Freunden in der Heimat vielleicht nach und nach einschlafen könnte. Jetzt werden einige sicherlich sagen, es gibt doch Telefon, Handys, Email, Twitter, Skype oder Facebook, aber so etwas gab es zu dieser Zeit nur bedingt bzw. gar nicht. Das Internet steckte damals noch in den Kinderschuhen, Twitter, Skype und Facebook waren weit vor ihrer Erfindung und Handys waren ähnlich groß wie Schuhkartons und überdies noch unerschwinglich. Ich könnte mir vorstellen, dass sich einige der jüngeren Leser jetzt fragen, wie unter diesen menschenunwürdigen Zuständen überhaupt eine Art Freundschaft aufrechterhalten werden konnte, wie man sich getroffen und wie man kommuniziert hat, aber lasst euch gesagt sein, es funktionierte und zwar wirklich gut, das werden euch sicherlich die älteren Leser bestätigen. Es wurden in Kettenanrufen Termine vereinbart, die im Gegensatz zu heute auch von allen eingehalten wurden. Eine andere Möglichkeit bestand darin, feste Treffpunkte und Stammlokale regelmäßig aufzusuchen oder man ging einfach mal bei einem Freund vorbei, so richtig mit bewegen in der realen Welt und nicht nur im Cyberspace und dann quatschte man eine Runde, verabredete sich für kommende Partys oder plante anstehende Events.

Genau darin bestand auch meine größte Sorge: Aufgrund der räumlichen Distanz fiel dieses »Mal-eben-Vorbeigehen« aus, ebenso eine Stippvisite mit Anwesenheitskontrolle in der Stammkneipe. Ich hatte es bei anderen Bekannten miterlebt, die zugegebenermaßen noch deutlich weiter weg von der Heimat gezogen waren, als ich mit meinen vergleichsweise lächerlichen 70 Kilometern. Die Freundschaft reduzierte sich auf ganz gelegentliche Treffen und Telefonate oder ging völlig verloren und dies wollte ich um jeden Preis vermeiden. Ich saß also mal wieder an meinem Schreibtisch in meiner Kölner Wohnung und überlegte, ob es nicht zu realisieren wäre, eine Art Stammtisch oder eine Knobel- bzw. Kegeltruppe mit guten Freunden ins Leben zu rufen. Eine solche Institution würde sicherlich dazu beitragen, dass die Freundschaft trotz eventueller räumlicher Distanz nicht so leicht verloren ginge. Es gäbe feste Regeln, feste Treffen und man würde sich »zwangsläufig« regelmäßig sehen und etwas zusammen unternehmen. Je mehr ich darüber nachdachte, umso besser gefiel mir die ganze Sache. Ich entschloss mich, meinen drei engsten Freunden meine großartige Idee beim nächsten Aufenthalt in der Heimat vorzustellen und hoffte natürlich, dass sie genauso begeistert davon wären, wie ich es war.

Endlich wurde es Freitagnachmittag, die letzte Vorlesung war vorüber und ich fuhr in mein Heimatstädtchen Dülken zurück. Noch am selben Abend traf ich mich mit meinen Freunden Nils, Hanno, der eigentlich Hans Norbert heißt, und Toni, dessen voller Name Anton ist, in unserer Stammkneipe dem Passe Partout, von uns liebevoll „Passe“ genannt. Nach den ersten üblichen Gesprächen, was es neues gibt und wie es allen geht, erzählte ich den dreien von meiner Idee und war sehr neugierig, wie sie reagieren. Leider waren sie nicht so euphorisch, wie ich es mir ausgemalt hatte. Stattdessen kamen schnell Fragen auf, was man denn in so einem Club machen sollte. Kegeln, Karten, Würfeln wurden ebenso erwogen wie einfache Treffen ohne festes Programm. Zu meinem ungläubigen Erstaunen wurde sogar die grundsätzliche Sinnhaftigkeit einer solchen festen Institution hinterfragt. Nachdem dann aber einige Runden Bier und Cola-Korn die Geister frei und empfänglich für innovative Pläne gemacht hatten, gefiel den dreien die Idee immer besser und die Sache als solches wurde nicht mehr in Frage gestellt. Es wurde vielmehr diskutiert, was genau man machen sollte, wie regelmäßig man sich treffen würde, welchen Namen man dem Kind geben könnte und wem man alles die Gnade gewähren sollte, an solch einer fantastischen Truppe teilzuhaben. Kurzum, es wurde immer später, wir wurden immer voller, aber nicht nur wir, sondern auch der Zettel mit unseren tollen Ideen.

Als ich am nächsten Morgen oder besser gesagt am nächsten Mittag wach wurde, fiel mir als erstes unser Brainstorming- Zettel ein. Ehrlich gesagt war das erste, was mir einfiel, dass der Fünf-Liter-Turm Cola-Korn nicht unsere allerbeste Idee war, ganz zu schweigen vom zweiten dieser Empire State Buildings des Alkoholkonsums. Da sich mein Brain aber trotz Turm und Storm noch als halbwegs funktionabel erwies, erinnerte ich mich dann aber sofort an besagten Zettel. Ich ging ins Wohnzimmer, wo ich ihn zusammen mit meinem Portemonnaie, einem Socken sowie zwei Bierdeckeln auf dem Tisch vorfand. Da an solchen Abenden durchaus manche Gefahren für den Geldbeutel lauern, erfreute ich mich zunächst mal an seinem Vorhandensein. Hingegen blieb bis heute im Dunkeln, warum ich die Bierdeckel mitgenommen hatte und warum die einzelne Socke nicht zusammen mit der restlichen Wäsche im Wäschekorb gelandet war.

Dass der konsumierte Alkohol am letzten Abend jedoch geringfügig über der vom Gesundheitsministerium für unbedenklich erklärten Menge gelegen haben musste, verriet mir der leicht gehässige Blick meiner Mutter, dem die Frage folgte: „Na, harter Abend gestern?“ Wahrheitsgemäß antwortete ich: „Der Abend war super, aber der Morgen danach ist hart.“ und ging mit den schriftlichen Höhepunkten unseres Abends zurück in mein Zimmer.

Nachdem ich erfolgreich mit einer halben Flasche Wasser meinen Nachdurst bekämpft hatte, fing ich an den Zettel zu studieren. Toni und Nils hatten vorgeschlagen, dass wir bei unseren Treffen ein Kartenspiel mit dem sicherlich alles erklärenden Namen Tuppen spielen sollten. Es wird lediglich mit vier Karten pro Spieler gespielt und ist ähnlich einfach, wie der Name vermuten lässt, da der Sinn des Spiels ausschließlich darin besteht, den letzten Stich zu bekommen. Toni und Nils hatten die Erfahrung mit diesem Spiel aus ihren Skiurlauben ins Rennen geführt und die Möglichkeit beschrieben, regelrechte Turniere mit damit zu veranstalten. Zudem ließ die Überschaubarkeit der Regeln darauf hoffen, dass sich der zweite feste Programmpunkt der Treffen nicht negativ auf die Spielgestaltung auswirken sollte, oder wie Nils es feingeschliffen formuliert hatte: „Mit drei Promille tuppe ich am besten!“ Nach der Festlegung der Gestaltung der Abende blieben die Fragen nach den Teilnehmern und nach der Häufigkeit der Treffen. Am Schriftbild ließ sich eindeutig erkennen, dass der Abend mittlerweile weiter fortgeschritten gewesen sein musste, aber man konnte zwischen einigem Gekrakel erkennen, dass zwei Treffen pro Monat vorgeschlagen wurden und ein dickes »Gutt«, das wirklich vorhandene doppelte „t“ drückte ganz offensichtlich die Begeisterung des Schreibenden aus, mit einem Pfeil dahinter stand. Außerdem standen einige Namen aufgelistet von denen zwei eingekreist waren. Tina und Conny, die wahrscheinlich nur von ihren Müttern bei ihren Taufnamen Martin und Constantin gerufen wurden, waren die Auserwählten, die unsere elitäre Gemeinschaft komplettieren sollten. Ganz unten und kaum noch ohne ein abgeschlossenes Studium altägyptischer Hieroglyphen zweifelsfrei zu entziffern, stand der Satz: “Zwei wochen Malle und morjen ab siebn alle mann treffen bei Winnie zum plannen.“

Neben der Möglichkeit einer recht genauen zeitlichen Einordnung der Entstehung dieses Satzes „irgendwo ziemlich am Fuße des zweiten Turms“ wurde mir vor allem eins bewusst: Ich bin Winnie! Die große Ehre, der Gastgeber der Gründungsversammlung sein zu dürfen, war erst halb gewürdigt worden, als mir die anderen Konsequenzen klar wurden. Verdammt, wir hatten Samstag und bereits 14 Uhr durch, ich lag noch halb benebelt und ungeduscht auf meinem Bett und hatte noch keinerlei Getränken besorgt, geschweige denn kaltgestellt. Jetzt werden wieder einige Jüngere sagen, Getränke kaufen ist doch samstags kein Problem, aber damals war alles noch etwas anders. Wenn man Glück hatte, gab es im Dorf einen Laden, der bis 18 Uhr geöffnet hatte. Leider hatte ich kein Glück und der letzte Versorgungsaußenposten in Dülken schloss bereits um 16 Uhr.

Ein kleines Gefühl von Hektik überfiel mich und ich katapultierte mich elfengleich aus dem Bett, worauf die Elfe wohl ein leichtes Gewichts- und Koordinationsproblem gehabt haben muss, da meine Mutter von unten rief, ich solle nicht so rumpoltern oder ob ich mein Zimmer umräumen würde. Ich schlich also meinen Möglichkeiten entsprechend ins Badezimmer, wobei mich mein Kreislauf permanent versuchte zu überreden, dass es für meinen allgemeinen Gesundheitszustand das Beste wäre, mich wieder hinzulegen. Ich griff mir meine Zahnbürste und versuchte damit die kleine Feldmaus, die sich scheinbar über Nacht an die Stelle meiner Zunge verirrt hatte, aus meinem Mund zu vertreiben und stellte mich anschließend unter die Dusche. Strikt nach der Devise, immer schön vorsichtig, nicht nach oben gucken und gleichzeitig einatmen, dann kann nichts passieren, schaffte ich es, mich wieder in einen halbwegs alltagstauglichen Menschen zu verwandeln. Ein Blick auf die Uhr, Mist es war schon 15.10 Uhr. Frühstück bzw. Mittagessen konnten warten, ich musste schleunigst zum Supermarkt, meine Freunde würden eine ausbleibende oder unzureichende Getränkeversorgung nicht gerade sportlich nehmen. Absolut von meiner Fahrtüchtigkeit überzeugt parkte ich kurze Zeit später vor dem Supermarkt. Ein schneller und geübter Blick ins reichhaltige Sortiment und ich entschied mich dafür, dass an diesem Abend nicht schlecht sein konnte, was tags zuvor noch gut war. Ich lud drei Flaschen Korn in mein Einkaufsgefährt, dazu fünf Flaschen Cola und vorsichtshalber noch eine Kiste Bier, das sollte reichen. Auf dem Weg zur Kasse fielen noch drei Tüten Chips wie von alleine in den Wagen und damit war dem leiblichen Wohl für den Abend genüge getan.

Wieder zu Hause wurden Korn und Cola postwendend in die Gefriertruhe gepackt, damit sie rechtzeitig die empfohlene Trinktemperatur erreichten. Anschließend stapelte ich das Bier in den Kühlschrank, womit der erste Teil der Vorbereitungen abgeschlossen war. Es blieb der Wunsch die Räumlichkeiten für den Abend festlich zu dekorieren: Erst mal Gläser und was zum Schreiben auf den großen Wohnzimmertisch, die Chipstüten daneben und einen Flaschenöffner. Jetzt musste ich nur noch mich selber vorbereiten, wofür mir exakt zwei Stunden und 17 Minuten Zeit blieb, perfekt. Ich machte mir eine reichlich belegte Pizza, zog mir frische Sachen an und begann, schon einmal so etwas wie eine Vorschlagsliste für die spätere Diskussion zu erstellen. Pünktlich um 18.58 Uhr ging die Klingel. Es war Nils, dem ebenfalls noch der Vorabend in den Knochen zu stecken schien, der aber sofort kundtat, dass er auch an diesem Abend dem Alkohol nicht zur Gänze abgeneigt wäre. Er wollte allerdings lieber langsam mit Bier anfangen, bevor es wieder mit Cola-Korn in die Vollen gehe. Das Ganze hielt ich für eine schlüssige Argumentation, der ich mich gerne anschloss und machte uns beiden eine Flasche auf. Kurz darauf trafen gemeinsam mit Toni auch Tina und Conny ein, erfreulicherweise musste wohl jemand den beiden glücklichen Aspiranten bereits für diesen Abend Bescheid gesagt haben. Es stellte sich heraus, dass Toni sich dieser Aufgabe mit Bravour und Hingabe gestellt hatte: Zunächst hatte er auf seinem Heimweg, so gegen vier Uhr früh, bei Tina geklingelt. Da jedoch, für Toni völlig unverständlicherweise, nach mehrmaligem Klingeln keiner aufgemacht hatte, war er weiter nach Hause und hatte es am nächsten Mittag per Telefon versucht. Hierbei gab es wohl einigen Erklärungsnotstand, als er von Martins Eltern erzählt bekam, dass irgendein Idiot mitten in der Nacht Sturm geklingelt habe. Trotz einiger Hürden waren also alle versammelt, oder zumindest fast alle. Wie eigentlich immer warteten wir auf Hanno. Er kam im Grunde immer zu spät und bis heute behaupten auch alle seine Freunde, dass er der Hauptgrund ist, warum Dinge wie GPS-Tracker, Handys oder mobile Erinnerungssysteme erfunden wurden. Wir hatten schon mehrmals überlegt, einfach alle seine Uhren eine Stunde vorzustellen, damit er einmal pünktlich sein würde. An diesem Abend aber überraschte er uns und traf bereits in seinen Maßstäben gemessen überragend pünktlich um 19.22 Uhr ein.

Zunächst erzählten wir Tina und Conny, was wir bereits am Vorabend beredet hatten: Wir wollten uns alle zwei Wochen treffen und bei unseren Treffen um Geld tuppen. Das Geld sollte in eine Gemeinschaftskasse gehen und nach etwa einem Jahr wollten wir eine gemeinschaftliche, zweiwöchentliche Tour machen. Wie es sich für einen richtigen Männerclub gehört, sollte diese Tour natürlich nach Mallorca gehen. Die beiden waren sofort von der Sache überzeugt, auch völlig ohne jeden Cola-Korn-Turm und wir konnten anfangen, uns über gewisse Einzelheiten Gedanken zu machen. Zu allererst brauchten wir einen Namen. Nachdem Tina den klangvollen Namen Tupp Teufel vorgeschlagen hatte, holte ich meinen Zettel, auf dem ich unter anderem ebenfalls einen Namensvorschlag notiert hatte, hervor: MTC, kurz, klar und überzeugend, wie ein Korn vor der Beimischung von Cola. Nicht wie manche jetzt vielleicht denken, den Musik und Tanz Club in Köln, welcher ebenfalls MTC abgekürzt wird, sondern den Mallorca Tupp Club. Der Name gefiel allen auf Anhieb gut, wurde einstimmig angenommen und somit war der MTC geboren. Jetzt galt es jedoch einen vernünftigen Verhaltenscodex für den Club auszuarbeiten, wie eine Art Satzung, und auch da hatte ich auf meinem Zettel bereits einige Vorarbeit geleistet. Nach der einen oder anderen Verbesserung standen die Statuten des MTC fest, wurden von den sechs anwesenden Mitgliedern unterzeichnet und lauteten wie folgt:

Statuten des MTC (Mallorca Tupp Club)

1. Spieltage:

Ordentliche Spieltage:

Jeder erste und dritte Dienstag im Monat ist ein ordentlicher Spieltag.

Außerordentliche Spieltage:

Ein außerordentlicher Spieltag findet nach Absprache aller Mitspieler statt.

2. Spielort und Spieldauer:

Es wird nach reihum bei den unterschiedlichen Mitgliedern gespielt. Start ist stets um 19 Uhr und Spielende wird von den Spielern am jeweiligen Tag bestimmt. Nach Absprache kann ein Spieltag früher oder später beginnen.

3. Einsatz und Sonderzahlungen:

Einsatz:

Der Einsatz pro Spiel beträgt 2 Mark1, wobei diese jeweils von mindestens der Hälfte aller Spieler zu zahlen ist. Verlieren mehrere Spieler gleichzeitig in einem Spiel, so dass die Zahl der Mindestzahler überschritten wird, müssen alle Verlierer zahlen.

Sonderzahlungen:

Sonderzahlungen sind Zahlungen, die anfallen, wenn man entweder an einem Spieltag nicht teilnehmen kann (nur gute Gründe sind zulässig), zum Ausgleich von Spritkosten oder als Strafe für zu spätes Erscheinen bzw. unentschuldigte Abwesenheit. Weitere Sonderzahlungen können für vorher abgesprochene spezielle Mottoabende eingeführt werden, aber bedürfen der Zustimmung aller.

Entschuldigte Abwesenheit bei einem Spieltag:

Kann ein Spieler aus triftigen Gründen an einem Spieltag nicht teilnehmen, muss er den Durchschnitt bezahlen, der an diesem Abend zwischen allen Anwesenden erspielt wurde, zuzüglich einer Abwesenheitsgebühr von 5 Mark. Kommt ein ordentlicher Spieltag aufgrund mehrerer Absagen nicht zu Stande, sind von jedem Spieler pauschal 30 Mark zu zahlen.

Strafen:

Für zu spätes Erscheinen wird eine Strafe von 5 Mark fällig, wenn man mehr als 5 Minuten zu spät zum vereinbarten Termin erscheint.

Bei unentschuldigtem Fehlen wird eine Strafe von 15 Mark fällig, die zuzüglich zum erspielten Durchschnitt und der Abwesenheitsgebühr zu zahlen ist.

5. Verpflegung und Bewirtung

Die Getränke und Knabbereien für den jeweiligen Spieltag stellt immer der Ausrichter. Findet ein Spieltag in Köln statt, stehen Schlafmöglichkeiten zur Verfügung.

6. Mallorca-Tour

Neben den gemeinsamen Tuppabenden soll es eine gemeinsame Mallorca-Tour über zwei Wochen geben. Termin, genaues Ziel der Fahrt sowie das Hotel werden von allen zusammen bestimmt.

7. Tuppregeln

Die Regeln, die es beim Tuppen zu beachten gibt, werden in einem gesonderten Regelwerk zusammengefasst und Verstöße werden streng geahndet.

Gegen 21.30 Uhr erklärten wir die Planungen für erfolgreich abgeschlossen und begannen voller Enthusiasmus gleich mit dem ersten offiziellen Tuppabend. Wir hatten überlegt, dass man pro Abend etwa 10-15 Spiele schaffen könnte. Bei mindestens drei Verlierern je Spiel und zwei Mark pro verlorenem Spiel sollten also ungefähr 60-100 Mark pro Abend in die Kasse kommen. Es zeigte sich jedoch bereits an diesem Abend, dass durch eine relativ ungestüme und aggressive Spielweise einiger Mitglieder, die durch zunehmenden Alkoholgenuss noch gesteigert werden konnte, dieser Betrag auch gerne mal auf das Doppelte hochgeschraubt werden konnte. Unserer Kasse kam dies natürlich zu Gute.

Am Ende des Abends waren alle sechs leicht angeschickert, aber glücklich und zufrieden ein Mitglied des MTC zu sein. Bei der Verabschiedung so gegen drei Uhr in der Früh adelte mich Hanno nur: »Das war seit der Erfindung des String Tangas mal wieder eine richtig gute Idee!«

1 Anm. des Autors: Die vor der Einführung des Euros in Deutschland geltende Währung Deutsche Mark. Ältere Menschen werden oft dabei beobachtet, wie sie empört ausrufen: „Wisst ihr, was das in Mark wäre.“

Tuppen für Malle

Die Zeit verging und wider Erwarten wurde der MTC von allen seinen Mitgliedern außerordentlich ernst genommen. Die Treffen fanden zuverlässig statt, Verspätungen kamen so gut wie nie vor und wurden mit erbarmungsloser Härte bestraft und auch das eigentliche Tuppen wurde mit äußerster Hingabe und unter Einhaltung aller Regeln durchgeführt. Trotz aller Disziplin kam der Spaß nie zu kurz, wir lachten viel, tranken noch mehr und freuten uns stets auf den nächsten Tuppabend. Irgendwann hatte Toni die Idee, man könne ja einen außerordentlichen Abend veranstalten mit besonderen, dem Anlass angepassten Regeln und falls diese Regeln nicht eingehalten werden würden, sollte dies zu empfindlichen Strafzahlungen führen, was dann der allgemeinen Kasse zu Gute kam. Wir fanden alle die Idee gut und trugen Toni auf, ein entsprechendes Regelwerk zu erstellen und es uns beim nächsten Tuppabend vorzulege, damit wir darüber abstimmen könnten. Wie beschlossen, geschah es auch und so kam es zum unvergesslichen »edlen« Tuppabend!

Besagter Abend fand an einem Samstag im Dezember bei Nils statt und stand unter dem von Toni ausgewählten philosophischen Leitsatz: „Wer den süßen Honig will, muss der Biene Sumsum leiden“. Als Hanno den Leitsatz zum ersten Mal gelesen hatte, fragte er nur, »Ey Toni, was hast du denn geraucht oder bist du als Kind mal auf ner Waldorfschule gewesen und kannst den Leitsatz vielleicht auch tanzen?« Nachdem Toni daraufhin ernsthaft versucht hatte, Hanno die tiefere Bedeutung zu erklären, nämlich dass man ab und zu für etwas Angenehmes etwas Unangenehmes in Kauf nehmen müsse, entgegnete Hanno nur, er würde sich lieber dem Angenehmen widmen und uns das Unangenehme überlassen. Nach diesem kurzen philosophischen Exkurs, konnte der eigentliche Abend beginnen. Das heißt, zunächst wurden die ersten Strafen ausgesprochen und die hatten es in sich, da Tina gleich beim geforderten Dresscode gegen mehrere Regeln verstoßen hatte. Das von Toni erarbeitete, besondere Regelwerk für den „edlen Tuppabend“ sah unter anderem angemessene Kleidung vor. Angemessen bedeutete, dass ein Hemd, sowie eine Krawatte oder Fliege Pflicht waren. Ebenso war eine dazu passende Hose sowie Lederschuhe gefordert, wobei jeglicher Jeansstoff und Turnschuhe ausdrücklich verboten waren. Außerdem war ein gepflegtes Äußeres zwingend erforderlich, was eine glatte Rasur, eine vernünftige Frisur, sowie saubere und geschnittene Fingernägel einschloss. Leider schien Tina die Regeln nicht ausreichend gut gelesen zu haben. Während alle anderen extrem herausgeputzt in Anzug oder Smoking aufliefen, hatte Tina zwar ein Hemd und eine Krawatte an, aber dazu eine braune Jeans und wäre die nicht bereits Verfehlung genug gewesen, hatte er sich seit mindestens drei Tagen nicht rasiert. Diese groben Regelverstöße hatten eine Strafzahlung von insgesamt 25 Mark zur Folge, was Toni auch umgehend verkündete. Tina meinte darauf hin nur, »Ihr spinnt doch, ich hab keinen Scheißanzug und Rasieren hab ich vergessen!« Als wir seine Aussage hörten, mussten wir erst mal lachen und dann teilte Hanno ihm mit, dass er offensichtlich wirklich die Regeln nicht richtig gelesen haben konnte, weil dort ebenfalls eindeutig vermerkt war, dass weder Beleidigungen noch Schimpfworte irgendeiner Art benutzt werden durften und eine Zuwiderhandlung jedes Mal mit zwei Mark Strafe geahndet würde. Machte dann also weitere vier Mark für Tina, der im Anschluss nur noch meinte, »Ihr blöden Arschlöcher, so die zwei Mark waren es mir wert!« Damit nicht noch jemand in irgendeine Falle tappen konnte, gingen wir daraufhin nochmal kurz die Regeln durch.

Die Kleiderordnung hatte uns ja bereits ordentlich Geld in die Kasse gespült. Auch für Beleidigungen und Schimpfworte wurde Tina bereits zur Kasse gebeten und zwar mit je zwei Mark pro Vergehen. Ebenfalls zwei Mark Strafe sollte es für jede Benutzung eines von speziell aufgeführten Worten geben, die sich laut Toni für die Oberschicht bei einem edlen Abend nicht gehören würden. Diese Worte waren Klo, Chips, Bier, Schnaps bzw. Schnapssorten, Prost, Coke bzw. Cola und tot bzw. kaputt, was normalerweise verwendet wird, wenn ein Spieler beim Tuppen verloren hat. Eine weitere Regel besagte, dass alkoholische Getränke ausschließlich mit der linken Hand und abgespreizten kleinen Finger konsumiert werden durften, wobei Zuwiderhandlungen mit einer Strafe von einer Mark geahndet wurden. Da sich auch ein andauerndes Toiletten-Gerenne für edle Leute nicht geziemt, waren lediglich drei Gänge zur Toilette pro Person erlaubt, jeden weiteren Gang musste man sich mit fünf Mark erkaufen. Schließlich und endlich war auch jegliches Stuhlkippeln verboten und kostete ebenfalls zwei Mark. Dieser Strafkatalog wurde zu unserem ohnehin bereits bestehenden Regelwerk, wonach runtergefallene Karten, sich beim Austeilen vergeben oder seine Karten zu voreilig ausspielen, bevor man an der Reihe ist, ebenfalls bestraft wurden, für diesen einen Abend hinzugefügt.

Da die Regeln nun allen nochmal ins Gedächtnis gerufen worden waren, konnten wir beginnen und wir taten dies mit einem ausgiebigen Abendmahl, was Nils extra für dieses Ereignis besorgt hatte. Es gab nichts geringeres als Mikrowellenlasagne eines bekannten Discounters, einfachheitshalber in der Original-Plastikverpackung serviert, zusammen mit Krautsalat, bei dem es sich selbstverständlich ebenfalls um ein Fertigprodukt aus dem handlichen 1kg-Eimer handelte. Nachdem wir alle unser erstes Erstaunen über diese überaus edlen Speisen abgelegt hatten, meinte ich nur in möglichst edler Ausdrucksweise: „Na, dann gib mir mal eine von den exquisiten italienischen Pasta Spezialitäten und reich mir bitte gleich auch eine gekühlte Gerstenkaltschale in der formschönen Glaskaraffe.“ Die anderen stimmten natürlich sofort mit ein und waren ebenfalls der Meinung, dass zu diesem opulenten, äußerst exquisiten Mahl zwingend eine große Menge des von mir Erbetenen Hopfentrunkes, in diesem Falle gebraut in den Niederungen zu Bitburg, erforderlich war. Noch bevor der erste Bissen gegessen wurde, floss weiteres Geld in die Kasse. Hanno bekam beim Abziehen der Folie heißen Dampf ab und meinte nur, »Fuck, ist das heiß!« und ehe die Strafe ausgesprochen war, konterte Nils mit den Worten, »Ja, kommt ja auch frisch aus der Mikro, du Ochse!« und schon klingelten wieder vier Mark in unserer Kasse. Das eigentliche Essen verlief dann ohne weitere Strafen, allerdings auch leider ohne jeglichen guten Geschmack seitens der Lasagne. Der Hunger trieb es rein und ich hatte schon Schlimmeres gegessen. Nach dem Essen hatte Toni für jeden noch ein „edles Rauchkraut“ in Form einer dicken Havanna-Zigarre besorgt, da so etwas laut seiner Aussage, zu so einem Abend einfach dazugehöre, auch wenn wir alle Nichtraucher waren. Während wir so um den Esstisch herum saßen und unsere Zigarren pafften, überlegte ich mir, dass es sicherlich eine gute Idee wäre, getränketechnisch auf einen Longdrink umzuschwenken. Zum einen, weil ich damals bereits lieber Mischgetränke getrunken habe als Bier, und zum anderen, weil sich bereits ein Liter Bier auf dem direkten Weg in meine Blase befand und ich befürchtete, mir ansonsten an dem Abend noch den einen oder anderen Toilettengang erkaufen zu müssen. Gut, ich überlegte kurz, stieß dann Nils an und fragte ihn, ob er vielleicht etwas klare, destillierte Zuckerrohressenz, vermischt mit etwas aus Amerika importierter koffeinhaltiger Brause in adäquatem Mischungsverhältnis, mit etwas Eis für mich hätte. Nils schaute mich an, wie ein Auto, was gerne mal hupen würde, und auch die anderen hatten einen Gesichtsausdruck mit riesigen Fragezeichen in den Augen. Verdammt, das war wohl nichts mit der edlen Ausdrucksweise aber noch war ich nicht am Ende, also ein neuer Versuch. »Äh Nils, es wäre toll, wenn ich vielleicht etwas klares, hochprozentiges von Übersee gemischt mit schwarzer Limonade aus einer roten Dose bekommen könnte und vielleicht ein bis zwei Eiswürfel«. Ich hatte zwar gedacht, jetzt müsste klar sein, was ich will aber nichts war klar, Nils hatte immer noch eine Mimik, die an eingeschlafene Füße erinnerte, dafür hatten Toni und Hanno meinen Wunsch dechiffriert, amüsierten sich jedoch köstlich darüber, dass Nils keine Ahnung hatte. So jetzt war es mir egal! »Mann, Nils, ich will einen Bacardi-Cola, du Volldepp!« kam im Affekt über meine Lippen. Auch meine Beteuerungen, dass es sich um einen lebensbedrohlichen Notfall handelte und ich kurz vor der totalen Dehydrierung stand, halfen hier nicht weiter und meine ersten vier Mark für diesen Abend gesellten sich unter Nils verschämten Blick in die Kasse. Die ganze Sache hatte aber auch ein Gutes, ich bekam den ganzen Abend unaufgefordert nachgeschenkt und brauchte maximal an mein leeres Glas zu tippen und Nils sprang sofort auf. Alles in Allem waren es also doch ganz gut investierte vier Mark. Die nächsten drei Stunden verliefen weitestgehend unspektakulär. Wir spielten wie immer, nur mit gewähltem Ausdruck, ab und an wanderten zwei Mark für ein versehentlich genanntes „Bier“, ein fälschlicherweise mit der rechten Hand konsumiertes Getränk oder Schimpfwort in die Kasse, und immer mehr Bier wanderte in die Verdauungstrakte meiner Mitspieler, wobei Nils mittlerweile ebenfalls auf Bacardi-Cola umgeschwenkt war und Hanno vorsichtshalber beides trank. So gegen Mitternacht wurde es langsam interessant, nicht nur, weil die Anzahl im Affekt gesagter Schimpfworte in gleichem Maße anstieg wie der Alkoholpegel, sondern weil die Anzahl an freien Toilettengängen von den meisten aufgebraucht war. Durch meine Bacardi-Cola-Taktik hatte ich noch einen Sanitätskeramikwalzer auf meiner Tanzkarte übrig, ebenso wie Nils, der sich als Gastgeber generell mit dem Trinken etwas zurückgehalten hatte. Dafür stand Hanno mächtig unter Druck, in etwa so, wie eine gut geschüttelte Dose Cola. Sein Gesicht hatte auch bereits eine ähnliche Farbe wie besagte Cola-Dose angenommen und man merkte, dass er förmlich einen inneren Dialog mit seiner Blase führte, die ihn sicherlich anflehte, endlich die unumgängliche Gebühr zu entrichten und auf die Toilette zu rennen. Zunächst versuchte Hanno jedoch Plan B und meinte, er würde sich noch eine Flasche Hopfentrunk aus dem Kühlschrank in der Küche holen. Nils schaute schon ein wenig skeptisch, weil bis dato er als Gastgeber alle Getränke geholt hatte und schrie plötzlich: »Hanno, wenn du ins Spülbecken pinkelst, tret´ ich dir die Eier eckig!« Nun waren wir in einer Zwickmühle, entschieden aber schnell und souverän, dass hier keine Beleidigung vorlag, sondern eine – zu Nils‘ Vorteil straffreie – Drohung. Und auch das Wort „Eier“ beschrieb lediglich ein Naturprodukt, das in jedem Supermarkt zu kaufen ist. Dass es sich in dem Moment um ein unflätiges Wort für einen gewissen Körperteil handelte, war nicht zweifelsfrei zu beweisen. Bei dem Wort „pinkeln“ hatten wir Nils dann allerdings, hier waren eindeutig zwei Mark fällig, die Nils jedoch nur unter Protest zahlte. Mit seiner Vermutung lag er aber allem Anschein nach goldrichtig, weil Hanno mit einer geöffneten Flasche Bier, hochrotem Kopf und einem weiterhin sehr gequälten Gesichtsausdruck aus der Küche geschlichen kam. Als Entschuldigungsversuch stammelte er nur, dass die Toilettenstrafe so hoch wäre und der Zweck die Mittel heiligen würde. Weitere zehn Minuten später war es dann so weit, Hanno stand bei gefühlten zehn bar Überdruck, nahm einen Heiermann raus und knallte ihn auf den Tisch. Für die, die nicht wissen, was ein Heiermann ist, man bezeichnete so bei uns früher ein Fünfmarkstück. »Mir reicht es, ich kann nicht mehr, ich muss jetzt, sonst platz‘ ich, nehmt die Scheißkohle, ist mir egal!«. Tina meinte darauf hin nur, dass er gleich zwei Mark dazu legen solle für das benutzte Schimpfwort, aber das hatte Hanno nicht mehr gehört bei seinem Toilettensprint, der dem derzeitigen Olympiasieger Donovan Bailey sicherlich alle Ehre gemacht hätte. Also wurden die zwei Mark notiert und wir warteten darauf, dass Hanno zurückkäme, damit wir weiter spielen konnten. Nach ungefähr zehn Minuten fragten wir uns, wo er blieb und Conny meinte, wenn er schon mal bezahlt hätte, würde er auch gleich die Lasagne befreien und die fünf Mark voll auskosten. Weitere zehn Minuten später ging ich in den Flur und rief Richtung Toilette, »Hey Hanno, die fünf Mark waren keine Monatsmiete, wir wollen weiterspielen.«. Erst mal kam keine Antwort, aber nachdem auch die anderen sich im Flur eingefunden hatten und Toni meinte, »Bist du eingepennt oder haust du dir gerade die Falten aus dem Sack? Mach hinne, ich muss auch mal, hab auch schon bezahlt!«, drang Hannos trotzige und leicht lallende Stimme durch die Klotüre. »Nix da, ich hab bezahlt, ich bleib jetzt so lange hier, wie ich will!« »Mensch Hanno, wir wollen weiter spielen und Toni muss auch mal«, versuchte ich ihn zu überreden. »Nö, ihr könnt mir die Karten unter der Türe durchschieben, dann spiel ich von hier und Toni kann draußen in die Blumen pinkeln.«, war seine Antwort. »Mensch Hanno, jetzt zick nicht so rum, du kannst nicht vom Klo aus spielen und es schneit seit zwei Stunden, wenn morgen früh in gelben Buchstaben MTC in unserem Vorgarten zu lesen ist, finden meine Eltern das nicht so gut.«, meldete sich Nils zu Wort, wobei keiner von uns die Strafe für das erneut genannte „pinkeln“ erwähnte aber Hanno machte keine Anstalten herauszukommen. »Na gut«, flüsterte Nils, »dann kommt jetzt der letzte Versuch.« Anschließend sagte er deutlich hörbar, »Kommt Jungs, lassen wir ihn und trinken im Wohnzimmer erst mal `nen eiskalten Hörnertee.« Wir gingen ins Wohnzimmer, Nils holte ein paar Schnapsgläser und aus der Küche und eine Flasche Jägermeister aus den Gefrierfach. Als er gerade anfing, die Gläser zu füllen, stand Hanno in der Wohnzimmertüre. »Na gut, ihr habt mich, ihr wisst genau, dass ich bei Hörnertee nicht widerstehen kann«, meinte er kleinlaut. »Also willst du auch einen?« fragte Nils. »Ja natürlich, du Pfeife, was glaubst du, warum ich von meinem Thron gestiegen bin?«, entgegnete Hanno. »Alles klar und das waren dann wieder zwei Mark für Beleidigung und weitere zwei gibt’s noch von dem unflätigen Wort auf Toilette.« fügte Tina wahrheitsgemäß an, worauf Hanno ziemlich erzürnt entgegnete, wir sollen ihn mal in Ruhe lassen, sonst würde er gleich wieder fünf Mark auf den Tisch legen und im Klo verschwinden. Im selben Moment kam Toni rein und riet ihm dringend davon ab, weil er gerade seinerseits seine fünf Mark auf Toilette voll ausgekostet hätte und Nils am besten ein Biohazard-Schild an die Türe hängen solle. Verdammt, die verführerische Möglichkeit der noch kostenlosen Benutzung des Sanitärbereichs, die ich mir mit eiserner Selbstdisziplin so hart erarbeitet hatte, verlor plötzlich jeden Glanz.

Gegen drei Uhr früh hörten wir mit dem Spielen auf und Nils machte Kassensturz. Es zeigte sich, dass wir dank diverser Strafen und vieler Spielrunden 294 Mark eingespielt und damit einen absoluten Rekord aufgestellt hatten, der bis heute Bestand hat. Wir erklärten den „edlen“ Tuppabend damit offiziell für beendet, was Hanno mit einem, »Endlich kann ich wieder pinkeln, wann und wie oft ich will.«, quittierte und Tina ihm mit, »Und vor allem darfst du wieder Pinkeln sagen.«, beipflichtete. Nach einer letzten Runde Jägermeister entließ uns unser edler Gastgeber auf die unergründlichen Pfade, die uns zu unseren Heimstätten führen sollten. Dieser Abend war wohl eine der seltenen Situationen, in der eine Flasche Jägermeister mal jemanden von der Toilette runtergeholt und nicht hingebracht hat.

Die Auswahl

Auf dem Heimweg vom diesem edlen Abend kam ich zufällig an einem Reisebüro vorbei und als ich mir so im Vorbeigehen vorstellte, wie die braungebrannte Schönheit auf dem Plakat im Schaufenster wohl ohne ihren Bikini aussähe, fiel mein Blick auf den Text des Plakates. Da stand in großen roten Buchstaben: „Die neuen Sommerkataloge sind raus, buchen sie jetzt und sichern sie sich den Ultra-Frühbucherrabatt!“ Ich hielt dies für eine perfekte Fügung, denn es bedeutete, bis zum nächsten Tuppen könnte ich Kataloge besorgen und wir könnten uns Gedanken über ein geeignetes Hotel machen. Wenn wir schnell buchten, würde erstens die Sache durch den Rabatt noch einiges günstiger werden und könnte zweitens keiner mehr so leicht abspringen. Rücksichtsloser Weise war am nächsten Tag jedoch Sonntag, so dass ich mein Vorhaben erst am darauf folgenden Montag umsetzen konnte. In der Kölner Innenstadt jagte und erlegte ich Kataloge von allen Veranstaltern, die Mallorca als Ziel anboten. Schwer bepackt kam ich in meine 33qm kleine Bude und fing an die Angebote zu sichten. Da es zur damaligen Zeit weder Internetportale noch hilfreiche Onlineseiten mit Erfahrungsberichten gab, war eine sehr gründliche und langwierige Katalog-Recherche nötig. Zu Beginn meiner Katalogsession fiel mir auf, dass wir uns zwar auf Mallorca als Reiseziel geeinigt hatten, aber diese Insel ist ja bekanntlich nicht so winzig und hat einige Urlaubsorte. Hier fehlte dringend nötige Information denn ein wenig musste der Ort schon eingegrenzt sein für sinnvolle Nachforschungen. Das war ärgerlich, denn es bedeutete, dass eine wirkliche Recherche zu dem Zeitpunkt gar keinen Sinn machte. Ich schaute mir trotzdem einige Hotels an, informierte mich über die unterschiedlichen Orte auf Mallorca und wartete auf den nächsten Abend, denn dann war wieder ein ordentlicher Tuppabend Dienstag und diesmal erfreulicherweise bei mir in Köln, da musste ich die Kataloge nicht einmal nach Dülken chauffieren.

Pünktlich am nächsten Abend trafen die Jungs bei mir ein und wir fingen an, uns bei einem kühlen Kölsch Gedanken über unser Reiseziel zu machen. Auf Grund meiner vorangegangenen Recherchen kamen im Grunde nur zwei Orte in Frage. Zum einen natürlich El Arenal, was allen durch einschlägige TV-Dokus mit Eimern voll Sangria und langen Strohhalmen ein Begriff war, und zum anderen Cala Ratjada, wo sich laut Katalogangaben ebenfalls ein kleines Mekka des partywilligen Volkes in der perfekten Altersklasse 18-25 befand. Den endgültigen Zuschlag erhielt Cala Ratjada, nachdem uns Tina einen kurzen Reisebericht seiner vergangenen beiden Sommern gab, die er mit einem Freund dort verlebt hatte. Er schwärmte in den höchsten Tönen, was uns die Entscheidung sehr vereinfachte und unsere Phantasien bereits Purzelbäume auf Grund der vielen potentiellen Urlaubsflirts und Alkoholeskapaden schlagen ließ. Jetzt galt es nur noch, ein geeignetes Hotel zu finden. Auch hier hatte Tina einige Tipps für uns, allerdings eher der Art, welches Hotel man auf keinen Fall nehmen sollte, nämlich die beiden, in denen er gastiert hatte, sowie einige andere, die in gewisser Weise für ihren Komfort oder besser »Antikomfort« berühmt waren. Nach einigem Hin und Her war dann ein Hotel gefunden, was uns allen zusagte. Es lag nah am Strand der Son-Moll-Bucht, relativ nah am Zentrum und machte mit seinen drei Sternen und den Katalogbeschreibungen einen recht soliden Eindruck. So entschieden wir uns für das Hotel „Alondra“ in Cala Ratjada. Die Buchung übernahm Nils gleich in der nächsten Woche. Somit stand es fest: Wir hatten es tatsächlich durchgezogen, wir würden im Juli für zwei Wochen nach Mallorca fliegen und auf dieser Insel eine neue Partyära einläuten.

Die Anreise

Der große Tag war endlich gekommen, unsere Tour begann. Am frühen Samstagmorgen setzte sich ein kleiner Autokorso in Bewegung zum Düsseldorfer Flughafen. In Fahrzeug Nummer eins, welches von Nils Freundin Emily gefahren wurde, befanden sich neben Nils und besagter Fahrerin noch Conny, zwei große Koffer und zwei Rucksäcke. In Fahrzeug Nummer zwei, das von Tonis Freundin Nicole gelenkt wurde, saßen noch Toni, Hanno und ich, sowie ein großer Koffer und drei Rucksäcke. Im dritten Auto befanden sich das restliche Gepäck und Tina mit seiner neuen Freundin Sandy am Steuer.

Einige werden sich jetzt sicher fragen, warum nicht in jedem Auto drei Leute mitgefahren sind. Wer Tina kennt, wenn er frisch verliebt ist, der weiß warum. Im Grunde war es für uns bereits ein Wunder, dass er die Tour nicht abgesagt hatte, weil zwei Wochen Trennung für ihn in diesem Zustand eigentlich völlig unzumutbar waren. Das extreme Gesülze, und Geseier, was sicherlich in den 30 Minuten den Wagen mit Schleim flutete, wollte sich von uns niemand antun. Aber gut, nur noch bis zum Check in und dann wäre Ruhe, da müssten die Frauen dann leider draußen bleiben.

Leider wussten die Mädels auch, dass sie draußen bleiben mussten, wobei das ganze eigentlich nur bei Sandy ein Problem darstellte. Ob die anderen beiden sich im Vorfeld bereits mit der Situation abgefunden hatten, es ihren Jungs einfach gönnten oder froh waren, sie mal eine Weile los zu sein, weiß ich nicht. Auf jeden Fall waren sie ruhig und entspannt. Ganz anders Sandy, sie führte sich auf, als habe Tina gerade einen Vierjahresvertrag bei der Fremdenlegion unterschrieben oder würde einen sechsmonatigen Trip ins All unternehmen. Ich wartete eigentlich nur darauf, dass sie sich entweder, wild schreiend, auf den Boden werfen würde, wie eine Vierjährige im Supermarkt, die ihr Überraschungsei nicht bekommt, oder sich kurzerhand einfach mit Handschellen an Tina ketten und den Schlüssel verschlucken würde. Beides passierte glücklicherweise nicht, aber dennoch brauchte Tina etwa 30 Minuten, um Sandy klar zu machen, dass er wirklich ganz bestimmt in zwei Wochen wieder da sein würde und er sich auf jeden Fall auf Mallorca benähme, weil sie ja im Grunde die einzige wirklich existente Frau für ihn auf dem Planeten Erde darstelle. Damit war Sandy beinahe überzeugt, hätte nicht Hanno, der, wie wir alle, besagten Satz mitbekommen hatte, leise, doch deutlich hörbar gesagt, »Ich hab gehört, auf Malle sind so geile Weiber, die können unmöglich irdischen Ursprungs sein!«. Diese Aussage bescherte Tina weitere 15 Minuten Abschiedsfreude. Nachdem er es endlich geschafft hatte, mit uns einzuchecken und Sandy mit großen, verheulten Augen in der Flughafenhalle stehen zu lassen, konnten wir uns auf den Weg Richtung Duty-free Shop machen. Da die Regeln für das Handgepäck bezüglich Mitnahme von Flüssigkeiten und der generelle Sicherheitscheck erst nach dem tragischen Zwischenfall am 11. September 2001 in den USA verschärft wurden, verliefen die Kontrollen damals relativ zügig. Daher gingen wir davon aus, schnell im Dutyfree Shop zu sein, um uns für die lange Reise mit entsprechender Wegzehrung auszustatten. Wir hatten jedoch zwei Dinge nicht bedacht. Zum einen war es extrem voll im Düsseldorfer Flughafen, da auf Grund eines verheerenden Brandes im vergangenen Jahr nur einer von drei Terminals in Betrieb war. Zum anderen hatten wir die Rechnung ohne Tina gemacht. Anfangs sah das Ganze gut aus. Hanno ging durch den Detektor, kein Ton erklang. Bei Conny, Toni und Nils schlug das Gerät ebenfalls nicht an. Dann kam ich an die Reihe und natürlich gab es einen Alarm. Das war jedoch kein Grund zur Aufregung, bei mir reagieren diese Geräte meistens, weil ich bereits damals einen versilberten Hufnagel als Glücksbringer um den Hals trug, auf den diese Detektoren anspringen. Nach kurzem Abtasten und Kontrolle mit dem Handdetektor war jedoch alles bestens. Nachdem Tina ohne Alarmton durch den Detektor ging, dachten wir, alles wäre problemlos verlaufen. Leider hatten wir falsch gedacht!

War es nicht bereits schlimm genug, dass er unseren Urlaubsanfangs-Wodka-Lemon durch seine Verabschiedungseskapaden mit Sandy unnötig lange herausgezögert hatte, kam jetzt das Sahnehäubchen.

Als Tina seinen Rucksack vom Durchleuchteband nehmen wollte, hielt ihn der Beamte auf und fragte ihn höflich, ob es ihm etwas ausmachen würde, seinen Rucksack kurz zu öffnen. Tina lief im Handumdrehen hochrot an und stammelte leise, dass es kein Problem wäre, nahm den Rucksack und zog den Reißverschluss des Hauptfaches auf. Mittlerweile waren wir natürlich gespannt, wie der BH von Dolly Buster, was die Beamten denn in dem Rucksack vermeintlich gesehen haben wollten. Conny meinte trocken »Mensch Tina, ich hab dir doch gesagt, du sollst die Knarre und das Koks zuhause lassen, jetzt haben wir den Salat.«. Das ganze hob zwar unsere Laune, schien Tina aber noch mehr zu verunsichern und seine Gesichtsfarbe schien sich noch nicht ganz sicher, ob sie rot, weiß oder doch lieber grün sein wollte. Letztlich blieb es doch bei Rot, so dass Tina ein wenig wie eine rote Ampel aussah, an der sich gerade der gesamte Fluggastverkehr aufstaute. Der Beamte schaute gründlich den Rucksack durch und meinte dann, ob Tina auch die vorderen und seitlichen Fächer öffnen könnte. Auf die Frage, ob Tina irgendwelche Waffen im Gepäck hätte, meinte Conny, »Siehst du, es ist doch die Knarre!«, und wir alle laut loslachten, währen Tina die Fächer öffnete, dem Beamten entgegnete, keine Waffen dabei zu haben, und am liebsten im Erdboden versunken wäre. Die anderen Fluggäste versuchten derweil völlig genervt, zu einem anderen Durchgang zu wechseln und bedachten Tina mit abfälligen Blicken, während sie an ihm vorbeigingen. Plötzlich hatte der Beamte etwas gefunden und zog es aus der vorderen Tasche des Rucksacks. Wir trauten unseren Augen nicht, zum Vorschein kam eine riesengroße Rohrzange. Der Beamte war sichtlich ebenso erstaunt wie wir und fragte Tina, was er dann damit im Urlaub oder im Flugzeug vorhätte. Hanno prustete los, »Ist doch klar, Reifenwechsel, wenn wir unterwegs `ne Panne haben und nicht mehr weiterfliegen können.«. »Genau!«, entgegnete Toni, »Oder, wenn wir doch abstürzen, ganz schnell unter zu Hilfenahme des MacGyver-Handbuches ein U-Boot bauen und uns alle retten«. Tina, der mittlerweile wirkte wie ein Reh, welches frontal in eine doppelläufige Schrotflinte blickt, stammelte nur entschuldigende Worte, dass er die Zange wohl noch von der Arbeit im Rucksack gehabt und vergessen hätte. Der Beamte sagte ihm dann, dass er die Zange nicht mit an Bord nehmen könne, weil ein solcher Gegenstand zu gefährlich sei, worauf Tina sofort sagte, dass es kein Problem darstelle und die Zange ruhig da bleiben könnte.

Hatten wir kurz angenommen, jetzt endlich in den Dutyfree Shop einfallen zu können, wurden wir abermals eines Besseren belehrt. Der Beamte zog, mittlerweile sichtlich genervt, einen weiteren Gegenstand aus dem Rucksack und zwar eine Nagelschere. Mit den Worten, dass man weder Scheren, Messer noch sonstige Dinge, die als Waffe verwendet werden könnten, mit in den Innenraum des Flugzeuges nehmen dürfte, legte er die Schere auf seinen Schreibtisch. Dann schaute er Tina an und fragte, ob das wirklich ernst gemeint wäre, eine Zange und eine Schere im Handgepäck mit in ein Flugzeug zu nehmen. Nach mehreren Entschuldigungen durfte Tina dann endlich passieren, natürlich ohne Zange und Schere, dafür mit hochrotem Kopf und fünf Kumpeln, die ihn noch sehr lange mit dieser Story aufziehen werden würden.

Endlich kamen wir zum Duty-free und brachen direkt durch zur Alkoholabteilung, denn nach diesem Vorfall brauchten wir dringend Hochprozentiges. Jeder schnappte sich eine Literflasche Wodka, zusätzlich drei Liter Fanta Lemon. Nachdem wir gezahlt hatten, ging es zu unserem Gate und wir konnten endlich den bereits vor Tagen ausgeklügelten Plan in die Tat umsetzen. Wir hatten vereinbart, bereits vor dem Start gemeinsam eine Flasche Wodka, quasi als Urlaubsanfangsgetränk, zu trinken und dabei eine Runde zu tuppen. Ursprünglich waren dafür etwa 70 Minuten vorgesehen gewesen, was für sechs geübte Wodkafreunde keine allzu schwere Übung darstellt. Leider waren wir durch Tinas Abschiedsaktion und sein Tête-à-tête mit dem Sicherheitsbeamten derart ausgebremst worden, dass uns nunmehr kaum 30 Minuten blieben. Das stellte selbst für uns eine echte Herausforderung dar, zumal keiner von uns vorher wirklich viel gegessen hatte. Egal, wir waren nicht zum Spaß da, wir hatten eine Mission, der MTC auf Tour nach Mallorca, da konnten wir nicht bereits vor dem Abflug schwächeln. Nils packte die Becher aus und die erste Runde wurde gemischt. Aufgrund der sich schließenden Zeitfenster entschloss sich Nils gleich mal für eine 50:50-Startmischung und meinte dazu, man könne sich ja noch steigern. Als er mit dem Einschütten fertig war, hatte Toni auch die erste Runde Karten ausgeteilt. Wir griffen unsere Becher, prosteten uns zu und nahmen alle einen beherzten Schluck. In Bruchteilen einer Nanosekunde erkannten wir die Schwachstelle in unserem so perfekt erdachten Plan. Warmer Wodka-Lemon schmeckt in etwa so gut wie ein im Sommer drei Monate ohne Socken getragener Turnschuh riecht.

Das beinahe gegen die Menschenwürde verstoßende Mischungsverhältnis änderte daran leider auch nichts und wir waren uns einig, dass wir so niemals unseren Plan in die Tat umsetzen würden. Also musste der spontan erdachte Plan B uns retten. Ich schnappte mir zwei leere Becher, ging zu einer der Bars in der Nähe der Abfluggates und bat eine nett anzusehende Kellnerin um Eis. Nachdem ich ihr die Umstände erklärt hatte, füllte sie mir lachend die beiden Becher und meinte anschließend nur, wir sollten es nicht übertreiben, weil stark Angetrunkene nicht in den Flieger dürften. Wieder zurück bei den anderen wurde ich kurz als Held gefeiert, allerdings nur ganz kurz, weil wir jetzt nur noch knappe 20 Minuten hatten. Der angetrunkene Wodka-Lemon wurde schnell mit Eis aufgefüllt, ein wenig geschwenkt und dann in einem kräftigen Schluck vernichtet. Das war von der Temperatur her viel besser, leider nicht vom Mischungsverhältnis, weswegen wir Nils baten, sich bei der nächsten Mischung ein wenig zu zügeln. Gesagt getan, Nils machte sich an die zweite Mischung, die diesmal gnädiger Weise nur ein Drittel Wodka enthielt und sich dank der Eiswürfel auch angenehm trinken ließ. Wir kriegten es sogar noch hin, eine Runde zu tuppen, so dass Hanno und Tina später die ersten Runden Bier im Flieger geben durften. Schon vor dem Abheben schafften wir die erste Punktlandung und vernichteten pünktlich zum Boarding den letzten Schluck Wodka-Lemon. Frohen Mutes ging es ab in den Flieger, wobei der Alkohol offensichtlich mit uns die Reise antrat und den Übermut gleich mitbrachte, weil anders lässt sich Folgendes wohl nicht erklären. Nils ging als erster von uns sechs in die Maschine, während die restlichen Fluggäste fast ausnahmslos bereits an Bord waren, da wir zuvor jede Minute für den Wodka gebraucht hatten. Jedenfalls waren kaum noch Zeitschriften da und Nils fragte eine der Stewardessen, ob sie irgendwo noch eine WZ oder eine FAZ hätten, was die Dame mit mitleidigem Blick verneinte. Hinter Nils betrat Conny, der mich bereits auf der Fluggastbrücke aus einiger Entfernung darauf aufmerksam machte, dass die Stewardessen „echt scharf“ aussehen würden, den Flieger. Wie Nils zuvor auch, schaute er nach Zeitungen und fragte dann eine der Stewardessen mit ruhiger Stimme, ob sie nicht einen Playboy, Hustler oder wenigstens eine Praline hätten. Ich dachte, ich hätte mich verhört, und ich glaube, der Stewardess ging es ähnlich. Nachdem sie Conny jedoch weiterhin fragend ansah, schüttelte sie ihren mittlerweile ziemlich geröteten Kopf und schaute auf den Boden. Schade, meinte Conny nur und fragte, ob es wenigstens Eis an Bord gäbe, um Getränke zu kühlen, woraufhin Toni ihn leicht energisch mit den Worten, dass wir wohl zwei Stunden mit Bier überbrücken könnten, in den Gang Richtung Sitzreihe 14 schob und ihn in größtmöglicher Entfernung zum Bordpersonal am Fenster unterbrachte. Die Stewardess schien darüber sichtlich erleichtert und Hanno sagte nur, »Machen sie sich keine Sorgen, der beißt nicht, der will nur spielen«. Als letztes betraten Tina und ich den Flieger und versuchten unsere gazellengleichen Körper mit unseren vier Mitreisenden auf den nur sechs Plätzen unterzubringen, die uns zugedacht waren. Den Ansätzen zur Platzangst konnten wir allerdings psychologisch versiert entgegenwirken durch den Einsatz von ablenkenden Hilfsmitteln: Zunächst wurden die beiden ausstehenden Runden Bier von Hanno und Tina gesittet bestellt und vernichtet und zeitgleich zwei weitere Runden, eine von mir und eine weitere von Hanno, erspielt. So verging die Zeit quasi wie im Fluge und schon stand die Maschine auf dem Rollfeld des mallorquinischen Flughafens. Die Passagiere schnappten sich umgehend ihr Handgepäck und drängelten Richtung Ausstieg. Wir blieben erstmal sitzen, schauten dem Treiben zu und Toni stellte philosophisch fest, dass die Koffer auch nicht schneller ausgeladen werden, wenn man früher am Gepäckband steht. Als nahezu alle rausgedrängelt waren, standen wir auf, nahmen unser Handgepäck und gingen in aller Ruhe Richtung Ausgang. Beim Verlassen der Maschine meinte Conny leise zur Stewardess, »Schlimm diese Ballermanntouristen, die sich nicht benehmen können!« und wenn mich nicht alles täuschte, hab ich ein leichtes Lächeln auf ihren Lippen gesehen. Das war jedoch sofort wieder verschwunden, als Hanno meinte, dass man sich ja vielleicht beim Rückflug wiedersehen würde.

Wir hatten also endlich spanischen Boden unter den Füßen, auch wenn es sich zunächst um den eines noch nicht vollständig umgebauten Flughafens handelte. Auf der Prioritätenliste dieser Renovierung ganz weit hinten standen offensichtlich die Toiletten, wenn sie nicht gänzlich vergessen worden waren. Dem Druck von jeweils vier Bier gehorchend war dies nämlich unser erster Kontakt mit der spanischen Innenarchitekturschule. Wir trauten unseren Augen und unseren Nasen nicht, aber wir befanden uns im Mekka eines Mikrobiologen. In diesen 50qm hätten Doktorarbeiten verfasst werden können über die Koexistenz von unterschiedlichen Keimen auf engstem Raum. Wir versuchten tunlich nichts zu berühren, wenn möglich nicht mal zu atmen und so schnell es ging den Raum wieder zu verlassen. Aus hygienischen Gründen haben wir auch aufs Händewaschen verzichtet, da alleine die Berührung des Wasserhahns möglicherweise lebensbedrohliche Auswirkungen zur Folge gehabt hätte.

Am Kofferband trafen wir sie alle aus dem Flugzeug wieder, die Schubser und Drängler, die Quetscher und Schieber, die Drücker und Hetzer, alle waren sie da und keiner hatte seinen Koffer. Dafür schienen sie äußerst genervt und gereizt und schimpften über das langsame spanische Bodenpersonal. Pünktlich etwa zwei Minuten nach unserer Ankunft am Kofferband, setzte sich dieses in Bewegung und zu unserer Freude hatten wir alle sechs erfreulich schnell unsere Koffer beisammen, ließen die restliche Schar Nörgler am Gepäckband zurück und machten uns auf den Weg zu unserem Transferbus.

Schnell war der Bus unserer Reisegesellschaft gefunden und nach altbewährter Klassenfahrtmanier die Rückbank bevölkert. Jetzt hatten wir die Wahl zwischen zwei Stunden Transfer ohne Getränk oder der erneuten Herausforderung mit warmem Wodka-Lemon? Weil noch nie ein Mensch an schlechtem Geschmack gestorben war, sehr wohl aber an Dehydrierung, entschlossen wir uns noch in Parkposition, die Sache mit dem Wodka ein zweites Mal zu probieren. Der Geschmack des Getränks hatte sich auf wundersame Weise von völlig ungenießbar zu „mit ganz viel gutem Willen und unter großem körperlichen Widerstreben gerade eben akzeptabel“ verbessert. Vielleicht ging dieser Wandel aber auch einher mit der Konsumierung der ersten Flasche, sowie der diversen Biere im Flugzeug. Nach weiteren geschätzten zehn Minuten hatten endlich alle Nörgler ihr Gepäck und danach ihren Bus gefunden und ein völlig genervtes Paar setzte sich auf einen der Doppelsitze vor uns. Bei genauer Betrachtung wirkte er eigentlich relativ entspannt, wohingegen sie kurz vor einem Nervenzusammenbruch stand und ihr Möglichstes tat, um ihn mit ins psychische Verderben zu ziehen. Sie meckerte in einer Tour, über das schlechte Essen im Flieger, dass man die Kopfhörer bezahlen musste, dass der Duty-free Shop ihr Parfum nicht hatte, dass die Transferbusse nicht vernünftig ausgeschildert waren und natürlich auch über die furchtbaren präpubertären Jungs, die schon am Abfluggate angefangen hatten zu saufen. Man muss dazu sagen, dass die beiden nur unwesentlich älter als wir wirkten und ich einiges darum gewettet hätte, dass er den Urlaub oder zumindest die Wartezeit im Gate lieber mit uns, als mit seiner Freundin verbracht hätte.

Nachdem wir uns an den Geschmack des lauwarmen Wodka-Lemon gewöhnt hatten und der Bus bereits einige Minuten unterwegs war, rief Conny von der einen Seite der Rückbank zur anderen, dass Nils nochmal eine Runde mischen sollte, er wolle schließlich nicht nüchtern am Hotel ankommen. Das war der Moment, in dem das Mädel vor uns realisierte, wer da im Bus hinter ihr saß und das noch für mindestens 60 Minuten. Sofort ging der Kopf rüber zu ihrem Freund und es wurde getuschelt. Toni und ich saßen unmittelbar hinter ihr, konnten aber kaum was verstehen, lediglich die Worte »Nein«, »Verrückt« und »Höllenfahrt« waren klar erkennbar. Das Ganze war für uns natürlich der Startschuss, nochmal eine Schippe drauf zu legen und nur für die völlig entnervte Schnatterzicke vor uns eine Aufführung von „Höhlenmensch im Sommerurlaub“ neu aufzulegen. Hanno gab das Stichwort: »Alles klar, Männer, lasst uns eine Runde Niveau-Limbo spielen.« Er trank seinen Wodka Lemon auf ex, gab Nils den Becher und verlangte sofortiges Nachladen und zwar bei allen, schließlich würde noch keiner lallen, niemand würde wacklig gehen und es hätte sich auch noch keiner übergeben, was das ganze überhaupt für ein lahmer Urlaub wäre. Nils tat wie ihm geheißen war und Conny feuerte umgehend die zweite Kugel ab, »Mensch Hanno, wir dürfen es aber auch nicht zu sehr übertreiben, wir wollen schließlich nicht nur Saufen, sondern auch ein paar nette Mädels klarmachen und volltrunken klappt das nicht.« Jetzt nahm das Schiff langsam Fahrt auf und auch Toni gab einen zum besten, »Klappt schon, aber du kriegst halt nur die, die entweder genauso voll sind wie du oder die sonst keiner will.« Das Getuschel in der Sitzreihe vor uns nahm zu und man konnte klar verstehen, dass sie ihn immer energischer dazu aufforderte, doch endlich mal ein Machtwort zu sprechen. Die restlichen Insassen schienen sowohl uns, als auch das Gebaren der Schnatterzicke als willkommene Unterhaltung zu sehen und wir erkannten auf dem ein oder anderen Gesicht ein Lächeln. Nur die beiden Gesichter vor uns lächelten nicht. Während er sehr gequält aussah, schien ihr Kopf kurz vor einer Explosion zu stehen. Da aber „kurz vor“ oft noch lange nichts bedeutet und wir gerade so schön in Fahrt kamen, legten wir natürlich nach. »Nils, wieso ist mein Becher leer?«, fragte Tina. »Weil du so eine Saufziege bist!«, kam die postwendende Antwort. »Nix Saufziege, ihr fahrt doch alle mit angezogener Handbremse, jetzt macht mal fertig, die Flasche ist nicht mal halbleer!« »Dafür bist du schon mehr als halbvoll und wenn du so weitermachst, redet gleich nicht mal der Portier mit dir, geschweige denn irgendein Mädel« konterte Nils. »Wer will denn reden?«, fragte Hanno. »Berechtigter Einwand, aber so Sätze wie zieh dich aus, oder leg dich hin, sollten schon drin sein.«, kommentierte ich Hannos Statement. »Wie gesagt, die Mädels, die mit euch Suffköppen noch reden, kannst du eh in die Schublade mit der Aufschrift Ladenhüter Schrägstrich Resteverwertung packen.«, kam aus Nils‘ Richtung. »Genau und am nächsten Morgen bekommst du ‘nen Schock fürs Leben.«, unterstützte Toni. »Ach was.«, konterte ich, »Erstens sind nachts alle Katzen grau, zweitens haben alle Mädels rosa Innenfutter und drittens hast du eh einen Fehler gemacht, wenn du morgens immer noch da bist!« Bei meinem letzten Ausspruch musste sogar der bedauernswerte, gequälte Freund der Schnatterzicke kurz lachen, was zunächst einen langen und sehr bösen Blick ihrerseits zur Folge hatte und zum anderen endgültig das Fass für sie zum Überlaufen brachte. Sie drehte sich zu uns herum und warf uns über die Rückenlehne einen Blick zu, als würde sie sich jeden Moment auf uns stürzen, um uns die Augen auszukratzen. Dann erhob sie ihre Stimme und richtete sie vor allem gegen Toni und mich, weil wir ihr unglücklicherweise am