Noelle - Valuta Tomas - E-Book

Noelle E-Book

Valuta Tomas

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Beschreibung

Als Pornodarstellerin fällt es Noelle alles andere als leicht, eine Beziehung zu führen. Jedes Mal, wenn sie ihren Beruf erwähnt, sucht die zukünftige (Ex)Partnerin schneller das Weite, als dass Noelle ihre Umstände hätte erklären können. Daher versucht sie nun bei Ramsey das Pferd von hinten aufzuzäumen und verschweigt ihren Job. Sie geht sogar einen Schritt weiter und vermeidet den Beginn einer Beziehung so gut es geht. Ramsey Hayes, Professorin für Ägyptologie und Archäologie liebt und lebt ihren Job und verbringt die Hälfte des Jahres in Ägypten, um dort nach verschollenen Artefakten und Mumien zu graben. Beziehungen sind in ihrem Leben daher kaum erwähnenswert. Das ändert sich allerdings, als sie von Noelle auf einer Ausstellung von wissbegierigen Gästen, die sie aufdringlich umzingeln, gerettet wird. Bei Noelles Anblick erwischt es sie eiskalt. Über Wochen hinweg hofft Ramsey auf eine Beziehung mit Noelle, die diese aus unerfindlichen Gründen ablehnt. Da in diesem ganzen Prozess aber auch das Herz eine wichtige Rolle spielt, vernachlässigt Noelle irgendwann ihre rationale Vernunft. Entgegen ihrer eigenen Erwartung, beginnt sie eine Beziehung mit Ramsey. Tag für Tag arbeitet Noelle daran ihre kleine Notlüge aufrecht zu erhalten, bis sich die Schlinge um ihren Hals mehr und mehr zuzieht und es keinen anderen Ausweg mehr gibt, als Ramsey zu erklären, womit sie ihr Geld verdient.

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI

Seitenzahl: 494

Veröffentlichungsjahr: 2025

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Valuta Tomas

Noelle

 

 

 

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Inhaltsverzeichnis

Titel

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Impressum neobooks

Kapitel 1

Beim ersten Mal glaubte Noelle sich zu täuschen. Beim zweiten Mal bestätigte sich ihr erster Impuls. Beim dritten Mal konnte sie sich sicher sein: Dieses Lachen, welches durch das M.H. de Young Memorial Museum gleitet, dringt ihr bis ins Mark.

Jedes Mal wuchs eine kleine Gänsehaut nicht nur auf ihren Armen, sondern auf ihrem ganzen Körper, bis er sich vor Aufregung für einen winzigen Augenblick schüttelte.

Bedächtig blickt sie um sich. Sie will die Quelle dieses durchdringenden Lachens ausfindig machen. Sie möchte wissen, wer ihre Aufmerksamkeit mit einer solchen Leichtigkeit erlangt.

Leichtfüßig schreitet sie durch die Räumlichkeiten des Museums. Dort, wo sie bis eben noch ein gespieltes Interesse an den ausgestellten ägyptischen Artefakten (die in Vitrinen auf Podesten ausgestellt sind) zeigte, fallen diese nun in den Hintergrund. Ihr Interesse gilt ausnahmslos diesem Lachen.

Als sie für diese Veranstaltung gebucht wurde, war sie kurz darauf bedacht, diesen Auftrag platzen zu lassen. Sie wollte nicht raus. Sie wollte nicht auf eine weitere versnobte Veranstaltung, bei der es lediglich darum ging, um jeden Preis gesehen zu werden.

Sie wollte viel lieber in Jogginghose und ihrem durchlöcherten und ausgeleierten Shirt auf der Couch liegen und mit Chips und Kaffee Monk streamen. Sie liebt diesen leicht schrulligen Kerl, der ein Gespür für Feinheiten hat. Auch wenn er mit seinen Zwangsneurosen all die Menschen in seiner unmittelbaren Umgebung in den Wahnsinn treibt, ist er auf eine ganz besondere Weise absolut liebenswert. Seine ungebrochene Liebe zu seiner verstorbenen Ehefrau Trudy hat Noelle vom ersten Augenblick an fasziniert. Sie würde auch gerne eine solche Liebe erfahren dürfen.

Da! Da war es wieder, dieses Lachen. Dieses Lachen, welches sie schon fast magisch anzieht.

Noelle wendet sich der Richtung zu, aus der das Lachen strahlt und kann in einiger Entfernung eine kleine Menschentraube erkennen. Diese umringt eine farbige Frau die Mühe hat, sich auf all die Personen um sich herum zu konzentrieren. Es wirkt fast, als wenn hier ein VIP entdeckt und eingekesselt wurde. Fehlen nur noch die Paparazzi.

Noelle verharrt an Ort und Stelle und betrachtet diese kleine Menschentraube. Um genau zu sein, den Grund dieses kleinen Zirkels. Die Frau (das Objekt der Begierde) inmitten der Traube, versucht allen anwesenden Personen gerecht zu werden und mit ihnen zu interagieren.

Trotz eines Lächelns auf den Lippen beobachtet Noelle, wie sich die Frau mit einer Hand über ihren Irokesenschnitt fährt und danach die Hand kurz im Nacken ablegt. Die wenigen hell gefärbten Locken hüpfen wild umher.

Noelle kennt diese Geste. Auch sie versucht sich mit solchen Handlungen aus Situationen zu befreien, die ihr mehr und mehr unangenehmer werden. Sie will sich somit selbst beruhigen. Diese kleine Selbsttherapie ist bisher öfter von Erfolg als von Misserfolg gekrönt worden.

Die gute Frau scheint sich also in einer ausweglosen Situation zu befinden, aus der sie sich selbst nicht befreien kann. So wie Noelle (auch diese versnobte Veranstaltung) einschätzt, wäre es beleidigend und unverschämt, sollte sich diese unbekannte Frau ohne eine (an die anwesenden Personen gerichtete) gute Begründung aus dem Staub machen.

Noelle kann eine emotionale Regung bei der Frau erfassen, die lediglich für den Bruchteil einer Sekunde zu erkennen ist, aber dennoch genug erzählt, um zu wissen, wie unwohl sie sich in ihrer Lage fühlt.

Es bleibt ihr also nichts anderes übrig ….

Ohne sich zuvor einen Plan zurechtgelegt zu haben, schreitet sie mit festen Schritten auf diese plagende Menschentraube zu.

»Entschuldigen Sie bitte!?« Mit einer sanft ausgeführten Version des Ellenbogengesetzes zwängt sie sich durch die menschliche Mauer und steht dann der Frau gegenüber, deretwegen sie sich auf diese Mission begeben hat.

Überrascht wird sie von ihr angesehen.

Noelle schaut sie ebenfalls an. Ihr stockt der Atem. Für den Bruchteil einer Sekunde steht tatsächlich die Erde still.

Was zum …?

In ihrem ganzen Leben hat sie noch nie solch grüne Augen gesehen und dann auch noch bei einer farbigen Person. Diese Augen wirken fast smaragdgrün. Sie fesseln Noelle und ziehen sie in einen unbekannten Bann. Einen, den sie sich unvorbereitet, aber freiwillig stellt.

Noelle spürt, wie die Wärme in ihrem Körper zu steigen beginnt und ihr Herz Schwerstarbeit leistet, um im normalen Rhythmus zu schlagen. Starr blickt sie fassungslos in diese grünen Augen und vergisst, weshalb sie der unbekannten Frau gegenübersteht. Es dauert eine Erdumrundung, bis sie wieder Herrin ihrer Sinne ist und sich in ihre ganz eigene Mission Impossible zurückholt.

»Entschuldigen Sie aber, ähm ähm, der Museumsleiter möchte kurz mit Ihnen sprechen«, reimt sich Noelle eine Lüge zusammen, die hoffentlich Wirkung zeigt.

Super gestottert, Noelle.

»Oh, vielen Dank für die Information«, bedankt sich die farbige Frau bei Noelle und blickt in die Runde. »Wenn Sie mich kurz entschuldigen!?«

Durch die Körpersprache einiger anwesenden Personen kann Noelle erkennen, wie es ihnen missfällt, dass die Frau des Interesses ihnen entrissen wird.

Mit der unbekannten Frau im Schlepptau zwängt sie sich aus der Menschentraube heraus und eilt orientierungslos in irgendeine Richtung.

»Sind wir weit genug weg?«, flüstert die farbige Frau wirr.

Noelle wirft einen flüchtigen Blick über die Schulter. Die Traube hat sich aufgelöst. Alle Personen haben sich in dem Museum verteilt.

»Ja.«

Die unbekannte Frau bleibt stehen, holt tief Luft und reibt sich die Wangen. »Vielen Dank für die Rettung. Ich weiß nicht, wie lange ich noch hätte lächeln können«, schnauft sie angestrengt und reibt sich noch immer die Wangen.

»Das habe ich gerne gemacht. Sie sahen etwas hilflos aus, sodass ich keine andere Möglichkeit sah, als die holde Retterin zu spielen«, lächelt Noelle charmant und scheint die Frau ihr gegenüber zu erreichen. Deren zartes Gesicht ziert ein zurückhaltendes Lächeln, welches nicht so gequält aussieht wie noch vor wenigen Minuten.

»Professor Hayes?« Ein Mann tritt an die Seite der Frauen und betrachtet die gerettete Frau leicht unruhig. »Verzeihen Sie bitte die Störung«, ein kurzer Blick zu Noelle folgt, »aber in wenigen Minuten findet Ihre Rede statt.«

Professor? Rede?

Noelle spürt eine leichte Röte in sich aufsteigen. Wen hat sie da nur gerettet?

»Danke für die Erinnerung«, nickt die farbige Frau.

Noelle bemerkt, wie die gute Frau den Mann vor sich mit ihrem Blick fast durchbohrt und ihn somit wegscheuchen will. Der arme Kerl scheint diesen Blick allerdings nicht zu verstehen und verharrt hartnäckig an ihrer Seite.

Genervt rollt die farbige Frau mit den Augen, schnaubt leise und blickt zu Noelle zurück. »Entschuldigen Sie bitte, das ist jetzt keine weitere eingefädelte Rettung«, sie lächelt kurz »aber ich muss ….« Blind zeigt sie in eine Richtung und bewegt sich in diese.

»Keine Ursache, gehen Sie ruhig. Ich wünsche Ihnen noch einen schönen Abend.«

»Danke ich Ihnen auch. Und danke noch mal wegen ….«

Noelle weiß, worauf sie anspielt. Wie selbstverständlich winkt sie ab und schaut dabei zu, wie diese unbekannte Frau in Begleitung des aufdringlichen Herren in der Menge verschwindet.

Kaum sind die beiden außer Sichtweite, greift Noelle in ihrer Handtasche nach ihrem Handy. Sie will unbedingt nach dieser Professorin Hayes googlen. Wieso muss sie auch immer handeln und dann erst nachdenken? Das hat ihr schon so manches Bein gestellt. Sie war schon immer eine impulsive Person mit einem ausgeprägten Gerechtigkeitssinn, die mit diesen Eigenschaften oftmals auf die Nase fiel. Sie entspricht einfach nicht der gesellschaftlichen Norm.

Bis heute ist Noelle diese Tatsache gänzlich egal. Sie will der Gesellschaft nicht gefallen, was auf Gegenseitigkeit beruht.

Kaum ertasten ihre Finger ihr Handy, wird sie am Ellenbogen berührt.

»Wollen wir?« Ein Herr mittleren Alters, der ebenso wie jedes andere männliche Geschlecht bei dieser Veranstaltung wie ein Pinguin angezogen ist und versucht dazu zu gehören, weist in eine Richtung, in die auch die Professorin verschwand. Er scheint also der bevorstehenden Rede beiwohnen zu wollen.

Als Noelle für diesen Auftrag gebucht wurde, malte sie sich aus, wie der Mann (der es nicht schafft, eine Frau halten zu können und daher verdammt viel Geld für eine Eskorte ausgibt) wohl aussehen mag. Mittlerweile hat sie schon so manche Variationen dieses Geschlechts zu irgendwelchen Veranstaltungen begleitet. Es überrascht und schockiert sie zugleich eigentlich gar nichts mehr.

In Begleitung des Mannes, der scheinbar nichts mit seinem Geld anzufangen weiß und dieses lieber für eine hübsche Begleitung ausgibt, begeben sich die beiden in die größte Halle des Museums, an dessen Ende ein Rednerpult aufgestellt wurde.

Mehr und mehr Personen finden sich an diesem Ort ein, bis Ruhe unter den Anwesenden einkehrt, da jemand hinter das Rednerpult tritt. Hierbei handelt es sich allerdings keineswegs um Professorin Hayes.

Suchend schaut Noelle um sich, muss aber geschlagen aufgeben. Nirgendwo kann sie die farbige Frau entdecken. Dementsprechend deprimiert schenkt sie der gehaltenen Ansprache keinerlei Beachtung, bis der Name Hayes fällt. Sofort schaut sie zum Rednerpult zurück, an das tatsächlich diese Professorin tritt. Noelles Herz hüpft vor Freude einmal auf und ab, beruhigt sich aber ebenso schnell wieder.

»Dankeschön.« Mit einem Lächeln, welches Noelles Herz ein weiteres Mal hopsen lässt, bedankt sich diese Hayes bei dem Kollegen, der sie ankündigte.

Professor Hayes richtet ihren Blick auf die anwesenden Gäste, schaut flüchtig zu ihren Notizen auf dem Pult vor sich und findet sich gleich darauf auf eine unglaublich professionelle Weise in ihrer Rolle wieder.

»In Zusammenarbeit mit dem Louvre Museum dürfen wir Ihnen ab heute Abend mit großem Stolz und Dankbarkeit die Artefakte der vom Ägyptologen Auguste Mariette geführten Sakkara-Ausgrabung präsentieren, bei der er im November 1851 den Eingang zum Serapeum fand. Eine dem Apis Stier gewidmete Kultanlage und dessen Begräbnisstätte, dem Nekropolenbereich. Dort wurden vierundzwanzig Sarkophage aus Granit entdeckt, die jeweils bis zu achtzig Tonnen wiegen. Bis 1854 grub Auguste Mariette circa siebentausend Artefakte aus, die zum großen Teil aus Stelen, Uschebti und Statuten von Vorarbeitern oder Arbeitern bestehen. Ebenso aber auch Mumienmasken des Apis Stieres und Statuten des Gottes Ptah.«

Auch wenn Noelle ernsthaft versucht, sich auf die Rede zu konzentrieren, weil sie schon gerne wissen möchte, von welchen Artefakten sie umgeben ist, schafft sie es nicht, ihre Augen von der Rednerin zu lösen. Sie kann sich nicht erinnern, wann sie das letzte Mal von einer Frau so fasziniert war, mit der sie kaum fünf Sätze wechselte.

Kaum wird ihr bewusst, in welche Richtung ihre Gedanken abdriften, bremst sie sich selbst aus. Egal welch ein Interesse ihrerseits besteht, es kann und darf nicht weiter als diese kleine Schwärmerei gehen. Es hat in vielerlei Hinsicht keinen Sinn. Gerne kann sie sich im nächsten Jahr auf etwas mehr einlassen als nur diese kleine Neigung, aber zum jetzigen Zeitpunkt passt es nicht. Es passt einfach gar nichts. Sie muss erst mal mit sich ins Reine kommen, bevor sie sich um einen anderen Menschen kümmern kann.

Noelle atmet tief durch und spürt, wie sie innerlich ihre kleine Blockade repariert. Diese hat vor einigen Jahren Einzug in ihr Innerstes gefunden und wurde gehegt und gepflegt. Heute Abend ließ Noelle unbemerkt zu, wie diese Blockade kleine Risse bekam. Mehr darf sie sich allerdings nicht erlauben. Es wäre in vielerlei Hinsicht falsch.

Mit zusammengepresstem Kiefer (da sie es satthat immer zurückzustecken), wendet sich Noelle von der Rednerin ab und kehrt in die Halle zurück, in der eine kleine Bar errichtet wurde. Die Stimme der Professorin hinter ihr wird ruhiger und leiser, bis sie ganz verstummt.

Schnaubend schließt Noelle die Augen und umklammert das bestellte Wasser. Auch wenn sie sich zu diesem Leben entschieden hat, wusste sie damals nicht, welch bitteren Beigeschmack es haben wird. Wie schmerzhaft und einsam es werden wird. Manchmal ertappt sie sich dabei, wie sie sich wünscht, so niemals entschieden zu haben. Aber dann erwacht wieder ihre rebellische Seite und sie nimmt alle Unannehmlichkeit dieses Lebens in Kauf, nur um am Ende das Leben führen zu können, welches sie sich so sehr wünscht.

»Ich bin nicht sehr gut in solchen Dingen, aber darf ich Sie zu einem Drink einladen?«

Noelles Herz zieht augenblicklich den Kopf ein, als es vor Freude quietschen will, von ihrer Eigentümerin aber strafend angesehen wird.

Auch wenn es Noelle schwerfällt, wendet sie sich dennoch der Professorin zu, die urplötzlich neben ihr auftaucht. Sie hat nicht mitbekommen, wie deren Rede ein Ende fand. Wie denn auch? Sie war zu sehr mit sich selbst beschäftigt, als dass sie jemandem oder etwas ihre Aufmerksamkeit schenken konnte, oder wollte.

»Das hat doch schon ganz gut funktioniert«, lächelt sie freundlich, tadelt sich allerdings zeitgleich, weil sie eine solche zustimmende Antwort nicht geben wollte. Jetzt bleibt ihr nichts anderes übrig, als dieses Angebot anzunehmen und eine gewisse Zeitspanne mit der Professorin zu verbringen. Das bekommt sie hin, egal wie schwer es auch werden mag.

Noelle beobachtet, wie aufgrund ihrer Antwort diese smaragdgrünen Augen der Professorin zu leuchten beginnen.

»Was möchten Sie denn trinken?«, lächelt sie zurückhaltend.

»Wasser bitte.«

Noelle scheint lange genug an der improvisierten Bar zu stehen, sodass ihr eigens bestelltes Glas Wasser leer getrunken ist, ohne dass sie es selbst richtig mitbekommen hat.

»Trinken Sie keinen Alkohol?«

Noelle neigt den Kopf ein wenig und schmunzelt. »Diese Frage würde ich gerne mit einer Gegenfrage beantworten: Weshalb sollte ich Alkohol trinken?«

Die unbekannte Frau nickt und bestellt für sich beide jeweils ein Glas Wasser. »Sie haben Recht. Es muss nicht immer Alkohol sein.«

»Professorin also?«, beginnt Noelle ein unverfängliches Gespräch in der Hoffnung, dass dieses nicht allzu lange und allzu tiefgründig wird.

»Ja.« Die Lehrkraft nimmt die beiden Getränke entgegen und reicht Noelle ihr Glas Wasser. »Ich bin Archäologin, Ägyptologin und lehre an der San Francisco State University Kunst und Archäologie des alten Ägypten.«

»Ok, ich bin etwas unschlüssig, ob ich nun beeindruckt oder doch eher eingeschüchtert sein soll«, lächelt Noelle etwas verunsichert. Wenn sie es geschafft hätte Professor Hayes zu googlen, würde sie sich sicherlich nicht so überfahren fühlen, wie es sich im Augenblick für sie anfühlt. Sie hatte keine Ahnung, mit welch einer gebildeten Person sie gesprochen hat. Ok, sie selbst ist nicht so unterbelichtet, sodass sie ihren Namen tanzen und klatschen muss, aber eine solche Persönlichkeit nun vor sich stehen zu haben, ist schon eine ganz andere Hausnummer.

»Bitte weder das eine noch das andere. Ich mache nur meinen Job«, versucht Professor Hayes das Interesse von sich zu lenken. »Und was arbeiten Sie?«

Ungewollt wird Noelle ein wenig rot. Da wurde ihr diese Frage nun schon so oft gestellt und doch erwischt sie diese immer wieder aufs Neue. Und in Anwesenheit dieser Professorin fühlt sie sich plötzlich ziemlich minderwertig und auch irgendwie schmutzig. Sie braucht also einen kleinen Moment, bis sie zu ihrer normalen Stärke findet und diese Frage wie gewohnt beantworten kann.

»Heute Abend arbeite ich für einen Eskort-Service, aber ansonsten bin ich … Schauspielerin.«

Noelle erkennt, wie ein emotionaler Wechsel in dem Gesicht der Professorin stattfindet. Überraschung, Schock und Interesse wechseln sich blitzschnell ab, bis ein undefinierbarer Ausdruck Bestand hat. Und mit eben diesen Ausdruck schaut Professor Hayes Noelle fragend an. »Eskort-Service? Bedeutet das, dass Sie …?«

Weil sie die Frage in dem Gesicht der Professorin zwischenzeitlich so deutlich erblicken kann, dass es sie schon fast schmerzt, winkt sie lächelnd ab.

»Nein, auch wenn die Agentur Damen für einen sexuellen Dienst anbietet, verzichte ich persönlich auf diesen Nebenverdienst.« Noelle zeichnet bei dem letzten Wort Gänsefüßchen in die Luft. »Ich bin tatsächlich nur dafür zuständig, reichen Männern, deren Schwanz zu kurz geraten ist und sie diesen mit einer gut aussehenden und verdammt teuren Eskorte ausgleichen wollen, bei irgendwelchen Veranstaltungen zu begleiten und anzugeben. Ich bin also nicht mehr als das hübsche Accessoires«, zwinkert sie und wirft mit einer absichtlich übertrieben ausgeführten Handbewegung kokett ihre langen dunkelblonden Haare über die Schulter.

Eine Welle der Erleichterung zieht über das Gesicht der Professorin, was Noelle einerseits schmerzt, andererseits aber nachvollziehen kann.

»Kann ich einen Ihrer Filme schon mal gesehen haben?«

Noelle benötigt einen Augenblick, bis sie begreift, dass Professor Hayes schon einen Schritt weiter ist als sie. Kaum ist ihr dies aber bewusst, wird sie nun tatsächlich rot im Gesicht. Unkontrolliert und brutal rot.

Ich hoffe nicht.

Schnell blickt sie zu ihrem Wasserglas hinunter und räuspert sich. »Nein, das kann ich mir nicht vorstellen. Aber bitte lassen Sie uns nicht über mich reden.« Gekonnt lenkt Noelle von sich ab und zeigt in das Museum hinein. »Sie sprachen bei Ihrer Rede von einem Gott namens P … P ….«

»Ptah.«

»Äh ja, genau den meinte ich.«

Beide Frauen beginnen bei diesem namentlichen Zungenbrecher gleichzeitig zu lachen, bis Professor Hayes sich ein wenig in Noelles Richtung beugt. »Trauen Sie sich, versuchen Sie ruhig den Namen auszusprechen. Ptah.«

Noelle weiß nicht, in welche Richtung sie sich bewegen soll. Weg von der Professorin oder genau in die entgegengesetzte?

»P …. Pah. Nein. P … P ….«

»Ptah. Es ist ganz einfach.«

»Ja, wenn man täglich mit diesem Namen arbeitet, ist er sicherlich einfach«, versucht Noelle ihre Ungeschicklichkeit etwas aufzufangen, wobei sie glaubt, dies bei der Professorin nicht nötig zu haben. Sie wirkt nicht so eingebildet und arrogant, wie es Noelle bisher von anderen Personen dieses kultivierten Kalibers gewohnt ist.

»Versuchen Sie es mal, als wenn Ihnen etwas völlig egal ist und dies mit einem Püh zum Ausdruck bringen. Allerdings ohne den Umlaut ü. Einfach nur das P.«

»Ok, püh. P. P. P.«

Stolz nickt die Professorin, was Noelle dazu animiert weiterzumachen und nicht aufzugeben. »Nun sagen Sie einfach tah.«

»Tah.«

»Richtig. Und jetzt beides zusammen. Ganz langsam. P tah.«

»P tah. P tah. P tah.«

»Perfekt und jetzt etwas schneller. Ptah.«

Bevor Noelle mit dem Versuch dieses Zungenbrechers beginnt, bemerkt sie, wie die Professorin ihr direkt auf den Mund blickt. Dies hat sicherlich den Hintergrund eines Lehrfaktors, löst in ihr allerdings ein ganz anderes Gefühl aus.

Noelle versucht sich von diesem irrsinnigen Gefühl nicht allzu sehr aus der Ruhe bringen zu lassen. »P tah. Ptah. Ptah.«

Das Gesicht der Professorin beginnt vor Begeisterung zu strahlen. »Super! Perfekt, absolut perfekt. Sie haben es geschafft. Ptah. Der Gott Ptah.«

Stolz wiederholt Noelle den Namen noch einige Male, bis er auch in ihren Ohren nicht mehr ganz so sehr wie ein gequältes Furzkissen klingt.

Unbedacht folgt sie der Professorin, als diese mit einem Mal in eine Richtung geht und vor einem der unzähligen Podeste stehen bleibt. Sie richtet Noelles Aufmerksamkeit auf die dort drinnen befindliche Statue, die aus schwarzem Granit angefertigt wurde und mit Hieroglyphen verziert ist.

»Ptah, Schöpfer der Erde«, liest die Professorin vor und wandert mit gebührendem Abstand zum Glas der Vitrine die Zeile auf der Statue von oben nach unten entlang.

Bei einer anderen Vitrine links von ihnen, liest sie Hieroglyphen direkt von einer Steintafel ab, auf dem eine menschliche Figur und ein Stier abgebildet sind. »Ptah. Schutzgott der Handwerker und Künstler.«

Fasziniert und beeindruckt beobachtet Noelle die Professorin dabei, wie deren Finger von rechts nach links wandert, während sie die Hieroglyphen vorliest.

»Wieso lesen Sie jetzt von dieser Seite aus? Eben lasen Sie noch von oben nach unten und nun von rechts nach links.

Die farbige Frau schaut sie direkt an und nickt. »Ich bin beeindruckt, dass Ihnen das aufgefallen ist. Sie sind sehr scharfsinnig. Hieroglyphen kann man aus mehreren Richtungen lesen. Von oben nach unten, von unten nach oben, von rechts nach links und andersherum. Entscheidend ist hierbei die Blickrichtung des abgebildeten Lebewesens.«

»Und weil auf dieser Steintafel eine Person zu erkennen ist, die nach links schaut, lesen Sie also von rechts nach links?«

»Stele.«

»Was?«

»Diese Steintafel nennt man Stele«, schmunzelt die Professorin zuckersüß, was Noelles Herz hüpfen lässt.

Sei still.

»Aber ja, Sie haben vollkommen recht.«

Noelle blickt zu den Hieroglyphen zurück, schaut sich die abgebildeten Zeichen an und zuckt mit den Schultern. »Ich verstehe nicht, wie man aus diesen Bildern etwas lesen kann. Ich sehe da nichts außer komische Striche, einen Vogel und eine Schale. Ach, und ein Löwe ist da auch noch zu erkennen.«

Mit einem Mal beginnt die Professorin schallend zu lachen. Es ist exakt das Lachen, welches Noelle vor einiger Zeit bis ins Mark berührte und fesselte. Nun kann und darf sie dieses Lachen unmittelbar erleben. Und es fühlt sich für sie noch unbeschreiblicher an, als sie bis dahin annahm. Auch der Glanz in den grünen Augen der Professorin vereinnahmt Noelle ganz und gar für sich. Wenn sie könnte und dürfte, würde sie sich gerne in diesen Augen verlieren.

»Bis 1799 nahm man an, dass die Hieroglyphen eine reine Bildschrift sind. Also, dass jede Glyphe für ein Wort stand. Erst als man den Stein von Rosetta entdeckte, änderte sich diese Meinung, da der dortige Text in drei verschiedenen Ausführungen festgehalten wurde. Auf Altgriechisch, auf Demotisch und in Hieroglyphenschrift. Die Hieroglyphen sind keine reine Bildsprache, sondern eine mit Phonogrammen. Laute, in der nicht alle Zeichen bildlich zu deuten sind. Hauptsächlich wurden die Hieroglyphen für formale Inschriften an Wänden, Tempeln und Gräber genutzt. Für den täglichen Umgang nutzte man die hieratische Schrift.«

»Mein Gott, wie kann man sich das alles nur merken? Ich wäre völlig überfordert.« Gespielt überlastet dreht Noelle kurz den Kopf.

Die Professorin lacht noch einmal auf. »Sie als Schauspielerin müssen sich doch auch viel Text merken. Es ist eigentlich nichts anderes. Man lernt es und wenn man liebt, was man tut, fällt es einem nicht schwer, sich das Gelernte zu merken.

Wenn ich bei meinen Filmen viel Text hätte, würde ich dem eventuell zustimmen können.

Bevor sich ihre Gedanken in gesprochenen Worten wiederfinden und unbedacht aus ihrem Mund entschwinden, presst Noelle die Kiefer aufeinander.

»Natürlich, Sie haben recht«, nickt sie daher und blickt zu der Stele zurück. »Und was hatte dieser Gott Ptah nun für eine Aufgabe und weshalb haben Stiere in dieser Ausstellung einen solch hohen Stellenwert?« Wissbegierig blickt sich Noelle im Museum um.

Die Professorin setzt sich in Bewegung und umwandert ein Podest nach dem anderen. »In Sakkara, das von europäischen Touristen seit der Renaissance Ebene der Mumien genannt wird, weil dort so viele Mumien zu finden sind, wurden die Apis Stiere als heilige Tiere verehrt, da diese die Stellvertreter des Gottes Ptah unter den Lebenden darstellten. Ptah war eine entrückte Gottheit, der Apis Stier hingegen eine Gottheit des Alltags. Daher wandten sich die Menschen an ihn, weil der Großteil der Ägypter weder Worte noch Rituale kannten, um Ptah anzubeten. Ptah war für die alten Ägypter ein Weltschöpfer. Er erschuf die Welt durch das Benennen von Dingen und nutzte somit die Macht des Wortes.«

»Wenn ich Sie kurz stören darf?«

So viel zu der Macht der Worte.

Wenn Noelle könnte, würde sie dem Mann, der sich ihre Begleitung einige Dollar kosten lässt, den Mund knebeln und ihn am liebsten die Treppe hinunterstoßen, nur um sicherzugehen, dass er sie nicht noch einmal stört.

Dementsprechend missmutig schaut sie den Herren mit dem kleinen Schwanz an, hört allerdings nur mit einem Ohr dabei zu, wie er sie bittet, sie zu einigen Gästen zu begleiten. Sie will viel lieber noch einiges über diese Stiere und den Gott Ptah hören. Und zwar ausnahmslos von Professor Hayes.

Noelles Zähne knirschen, weil ihr dadurch wieder einmal bewusst wird, wie gefangen sie in dieser Welt ist. Wie sie immer und immer wieder das darstellen muss, was von ihr erwartet wird. Aber auch das hat bald ein Ende. Bald kann sie den Weg gehen, den sie für sich auserkoren hat. Bald kann sie alles hinter sich lassen und braucht keine Marionette dieses kaputten Systems mehr zu sein. Nur noch ein paar Monate, dann hat sie es geschafft. Dann geht sie ihren Weg.

Irgendwie kommt es ihr schon selbst etwas übertrieben vor, als sie kleine Tränchen in ihren Augen spüren kann, kaum dass sie zu der Professorin zurückblickt.

»Es tut mir wirklich sehr leid, aber ich ….« Ihre niedergeschlagene Miene verdeutlicht der Professorin ihren Gemütszustand, die dies sofort nachvollziehen kann.

»Ich bedanke mich recht herzlich für die nette Gesellschaft und wünsche Ihnen noch einen schönen Abend. Es war mir eine Ehre und ein wahres Vergnügen.«

»Die Ehre und das Vergnügen liegen ganz auf meiner Seite«, verabschiedet sich die farbige Frau von Noelle und reicht ihr die Hand.

Kaum nimmt Noelle diese an, muss sie diese Handlung als verdammt großen Fehler verbuchen. Ohne es kontrollieren zu können, fegt eine nie gekannte Gänsehaut über ihren Körper. Jedes noch so kleine Härchen auf ihrer Haut stellt sich schlagartig auf und verdeutlicht ihr, dass es genau das ist, was sie möchte … und braucht.

Noelle sieht, wie die Professorin die Gänsehaut bemerkt. Warum auch immer deren Aufmerksamkeit plötzlich auf ihre Arme gefallen ist. Jetzt ist es eh zu spät.

Sie sieht ein dezent verschmitztes Lächeln auf den Lippen der farbigen Frau wachsen, wodurch Noelle zwei Umstände verdeutlicht werden, die ihr bis jetzt vielleicht noch nicht so geradewegs in den Sinn kamen: Professor Hayes ist lesbisch und an ihr interessiert.

Noelle weiß nicht, ob sie vor Glück oder vor Wut heulen soll. Heulen will sie auf jeden Fall. Aber weswegen? Wegen ihrer Entscheidung und ihres damit zusammenhängenden Lebensstils? Wegen des Interesses einer solch gebildeten Frau an ihrer Person?

»Einen schönen Abend noch«, reißt sich Noelle aus ihren eigenen Gedanken, bevor sie so sehr in ihnen verfällt, dass sie dort eventuell keinen Ausweg herausfinden würde. Es nützt eh nichts, über ungebrütete Eier zu philosophieren. Sie lebt ein Leben, das ihr vieles verbaut. Und dazu hat sie sich eigenständig entschieden. Also bleibt ihr nichts anderes übrig, als diese Suppe auszulöffeln. Allein.

Kapitel 2

Die Augen sind noch nicht einmal richtig geöffnet, da dreht sich Noelle auf den Rücken und legt laut schnaufend einen Arm über ihre Augen. Sie brauchte vergangene Nacht Stunden, bis sie einschlief. Immer wieder kehrte sie gedanklich in das Museum zurück. Egal wie sehr sie von ihrem Kunden für den restlichen Abend eingespannt wurde, sie fand immer wieder eine Möglichkeit, ihre Augen auf der Suche nach Professor Hayes durch das Museum wandern zu lassen. Diese Suche schien irgendwann auf Gegenseitigkeit zu beruhen. Denn mit einem Mal befand sich die farbige Frau in irgendwelchen Gesprächen, die in ihrer unmittelbaren Nähe stattfanden. Es fiel auf, wie die Professorin immer wieder zu ihr hinüberblickte. Noelle tat es ihr gleich. Und sobald sich deren Blicke trafen, lächelten sie sich sanft an. Irgendwie war es wie ein süßes Katz und Maus Spiel. Ein Spiel, bei dem es keine Gewinnerin geben konnte.

Irgendwann, weit nach Mitternacht, kam ihr Kunde endlich mal auf die Idee, diese Veranstaltung zu verlassen. Da es zu ihrem Job gehörte, den Kunden bis zur letzten Minute zu begleiten, nahm Noelle seine Entscheidung schweren Herzens hin, ohne noch einmal ein Wort mit der Professorin wechseln zu können. Ihr Job war es an der Seite dieses Mannes gut auszusehen, nichts anderes.

Als sie in seinen Wagen stiegen und losfuhren, konnte sie gerade noch sehen, wie die Professorin das Museum verließ und nach ihr Ausschau hielt. Kaum erfasste sie die Eskort-Dame in dem Auto des Mannes, wuchs eine Enttäuschung in ihrem Gesicht, welche Noelle bis ins Mark schmerzte.

Und dieser Schmerz, gepaart mit der Enttäuschung ließ Noelle noch sehr lange im Bett wach liegen.

»Schluss! Aus! Ende! Es reicht!« Sich selbst tadelnd strampelt Noelle aus dem Bett und wandert mit harten Schritten auf das Rudergerät in ihrer Zwei-Zimmer-Wohnung zu. Sie bindet die Haare zusammen, streift sich Handschuhe über und setzt sich.

»Alexa, schalte CNN ein.«

Mit den neusten Nachrichten im Rücken beginnt Noelle zu rudern. Sie ist keineswegs ein sportlicher Mensch, aber dieses Rudergerät und das Joggen sind die einzigen Mittel, bei denen sie abschalten und alles hinter sich lassen kann. Wo sie keine Gedanken an irgendetwas oder irgendjemanden verschwendet. Sie rudert oder läuft und ist dann einfach weg. Weg von dieser Welt, weg von ihren Qualen.

Schweiß rinnt ihren Schläfen und ihrem Rücken hinunter. Innerlich baut sich eine unbekannte Wärme auf, die Noelle ins Hier und Jetzt zurückkehren lässt. Außer Atem und mit aufgeheizten Muskeln dauert es einen Moment, bis sie die gesprochenen Worte richtig wahrnimmt.

„gewidmete Kultanlage und dessen Begräbnisstätte, dem Nekropolenbereich. Dort wurden vierundzwanzig Sarkophage aus Granit entdeckt, die jeweils bis zu achtzig Tonnen wiegen.“

Erschrocken dreht sie sich um und sieht Professor Hayes auf dem Bildschirm des Fernsehers. Der Ticker verrät ihr, dass der Sender über die Zusammenarbeit des Louvre mit dem M.H. de Young Memorial Museum berichtet.

»Super! Das habe ich jetzt auch noch gebraucht!«, schimpft Noelle und belässt ihren Blick bei der farbigen Frau auf dem Bildschirm. Sie muss zugeben, dass sie in natura definitiv besser ausschaut. Sie hat diese Frau anders in Erinnerung.

Eine Erinnerung, die sie auf der Stelle vernichtet wissen will, da diese sie eh kein Stück weiterbringt.

»Alexa, schalte auf Fox News um.«

„gewidmete Kultanlage und dessen Begräbnisstätte, dem Nekropolenbereich. Dort wurden vierundzwanzig Sarkophage aus Granit entdeckt, die jeweils bis zu achtzig Tonnen wiegen.“

Wie elektrisiert schießt Noelle auf dem kleinen Sitz des Rudergeräts herum. Mit riesigen Augen starrt sie auf den Fernseher.

»Das ist doch ein schlechter Scherz! Habt ihr keine anderen Nachrichten? Müsst ihr euch gegen mich verschwören?!«, schimpft sie wie ein Rohrspatz, als sie auch auf diesem Nachrichtensender die Professorin erblicken kann.

»Alexa, schalte auf MTV um.«

Endlich ein Sender, bei dem sie sicher sein kann, diese gut aussehende und gebildete Frau nicht sehen zu müssen.

An der Duschwand gestützt, beobachtet Noelle mit gesenktem Kopf die Wassertropfen, die ihren natürlichen Weg nach unten finden und am Ende im Abfluss verschwinden.

Noch drei Filme, dann hast du es geschafft. Noch drei Filme, Noelle. Du packst das.

Atmend beginnt sie sich einzuseifen und somit die letzten Stunden von ihrem Körper zu waschen. Es ist nicht so, dass sie sich auf irgendeine Weise missbraucht oder dreckig fühlt. Nein, sie hatte von klein auf ein gutes Verständnis und Verhältnis zu der natürlichen Sexualität zwischen zwei Menschen. Dafür hat ihre Nanny in vielen aufklärenden Gesprächen sehr gut gesorgt.

Im beruflichen Bereich ist sie für sehr viele Dinge offen. Sie hat Grenzen für sich gesetzt, denen sie treu bleibt und für kein Geld der Welt jemals überschritten hat und auch nie überschreiten wird.

Privat ist sie hingegen genau das Gegenteil. Ihr ist eine beschützte Intimität wichtig. Ebenso Treue, Ehrlichkeit, Vertrauen und Monogamie. In ihren Beziehungen gibt es keine Grauzonen. Entweder ganz oder gar nicht.

Dennoch will sie die vergangenen Stunden von sich spülen, um auch diesen Tag enden lassen zu können. Sie will ihn hinter sich lassen. Diesen Tag, diesen Dreh, all diese falschen Berührungen und Handlungen.

Noelle ist noch nicht einmal richtig angezogen, da klingelt auch schon ihr Telefon. Erleichtert liest sie den Namen ihrer besten Freundin Rachel auf dem Display.

»Hey Häschen, Lust auf einen Kaffee?«

»Oh Gott, bitte ja. Und Kuchen, haufenweise Kuchen.«

Rachels Lachen am Ende der Leitung bringt Noelle selbst zum Lachen.

»Alles was du willst, Häschen. Ich bin in einer Stunde im Stella Pastry. Bis dann.«

Egal wie dreckig es Noelle geht, sobald sie die Möglichkeit hat, sich mit Rachel zu treffen, sind alle Gewitterwolken verflogen und die schlechte Laune verpufft. Rachel ist für sie wie eine Art Müllschlucker, der sie von jeglicher negativen Last befreit. Egal um was es geht, Rachel nimmt es, schmeißt es über ihre Schulter und weg ist es. Getreu dem Motto Aus den Augen aus dem Sinn.

Und genau diese Fähigkeit setzt die Freundin eine Stunde später ein, kaum dass Noelle ihre Arme um sie legt. Schon in der ersten Sekunde sind sämtliche Sorgen verflogen und Noelle kann sich auf das Treffen mit ihr freuen.

Die beiden Frauen hatten bei Noelles Anfängen in der Pornoindustrie einen gemeinsamen Dreh. Es machte tatsächlich Spaß und lief so gut, dass beide glaubten, es würde auch hinter der Kamera zwischen ihnen funktionieren. Das traf allerdings keineswegs zu. Somit entstand zwischen ihnen eine tiefe Freundschaft.

Der Spitzname Häschen (abgeleitet von Porno-Häschen) blieb aber bis heute für Noelle bestehen. Es stört sie nicht, immerhin weiß sie, wer es sagt.

»Kommst du gerade vom Dreh?«

Atmend setzt sich Noelle auf die Sitzbank, nickt und schaut wissbegierig über die Frischetheke.

»Mit wem hast du gedreht?«

»Barbie«, grunzt Noelle tief und gibt für sich beide eine Bestellung auf.

Rachel unterdrückt ein Würgen, vergisst aber absichtlich jegliche Manieren, um dennoch spielerisch einen Finger in den Hals zu stecken.

»Das kannst du laut sagen. Heute musste ich aufpassen, ihre Frisur nicht zu ruinieren. Wie, bitte schön, soll man überzeugende Sexszenen abliefern, wenn die 3-Wetter-Taft-Frisur nicht berührt werden darf? Die Frau hat echt nicht mehr alle Tassen im Schrank. Hoffentlich trennt sich David bald von ihr. Noch einmal drehe ich nicht mit ihr.«

»Er wird sie nicht rausschmeißen. Dafür hat sie zu viel in ihren Körper investiert und du weißt, wie sehr die Männer auf all das Plastik stehen.«

»Männer!«, grunzt Noelle und verdreht die Augen. »Mein Gott, Frauen haben nun mal von Natur aus keinen perfekten Körper. Ich schaue mir lieber Titten an, die bis zum Bauchnabel hängen, als dass ich irgendwelche Silikonbeutel in den Händen halte, die jeden Augenblick platzen könnten. Gott, ich wünsche mir so sehr, dass alles in Barbie irgendwann mal ausläuft. Wie so eine alte versiffte Batterie.«

Bei dieser Vorstellung beginnen die Freundinnen herzhaft zu lachen, während ihnen ihre Bestellung serviert wird.

»Kennst du eigentlich ihren richtigen Namen? Irgendwie haben wir sie beide vom ersten Augenblick an Barbie getauft. Mir ist aber tatsächlich ihr bürgerliche Name nicht bekannt«, stellt Rachel eine berechtigte Frage, die Noelle kurzzeitig ins Grübeln bringt.

»Nope, und um ehrlich zu sein, ist es mir auch egal. Mich interessiert diese Person nicht.«

»Und welche Person interessiert dich stattdessen? Wie heißt die gute Frau?«, fragt Rachel und rührt gemächlich ihren Cappuccino um.

Fragend zieht Noelle eine Augenbraue hoch. »Von welcher Frau redest du?«

»Na von der Frau, wegen der du dir all den Kuchen unter die Nase schaufelst.« Schon fast strafend zeigt Rachel vom Fedora Slice über das Tiramisu bis hin zum Blaubeer-Käsekuchen.

Die Gabel mit dem Stück Blaubeer-Käsekuchen verharrt regungslos vor Noelles offenem Mund. Schnaufend legt sie diese dann auf den Teller zurück.

Bis heute war es ihr nicht möglich, jedes noch so kleine Geheimnis vor Rachel zu verbergen. Irgendwie scheint sie für ihre beste Freundin wie ein offenes Buch zu sein. Selbst wenn sie es versuchen würde, verrät sie sich, weil sie einfach nicht dazu fähig ist, vor Rachel irgendetwas zu verheimlichen.

»Eigentlich brauchen wir gar nicht darüber reden. Es ist nicht der Rede wert.«

»Wenn meine beste Freundin eine Baggerschaufel an Kuchen vertilgt, ist es sehr wohl der Rede wert.«

Ergeben lehnt sich Noelle auf den Tisch, schiebt sich eine Hand durch die Haare und legt diese auf eine Seite.

»Sie heißt Professor Hayes. Ich habe sie vor ein paar Tagen im Museum getroffen als ich wegen einer Ausstellung gebucht wurde. Wir unterhielten uns über die dortigen Artefakte, mehr nicht. Es ist nichts Erwähnenswertes passiert. Wie gesagt, nicht der Rede wert.«

Ehe sich Noelle versieht, zückt Rachel ihr Handy und befragt das World Wide Web nach Professor Hayes. »Die?« Sie dreht ihr Smartphone in Noelles Richtung.

Kaum kann sie die farbige Frau auf dem Display erkennen, schießt Röte in ihr Gesicht. Hektisch greift sie unbedacht nach der Gabel und schiebt sich das vergessene Stück Blaubeer-Käsekuchen in den Mund.

»Das reicht mir als Antwort. Eine Professorin. Jetzt willst du es aber richtig wissen, wie?« Rachel stößt einen beeindruckten Pfiff aus. »Archäologin, Ägyptologin, Professorin an der State University. Hat unzählige Ausgrabungen geleitet und ist Expertin in der Mumifizierung. Ist ja schon irgendwie ekelig«, gluckst Rachel und scrollt sich weiter durch das Internet. »Mit ihrem Iro hat sie ein wenig Ähnlichkeit mit Viola Davis aus The Woman King. Ansonsten könnte sie glatt Lisa Berrys Zwillingsschwester sein, lecker.« Grinsend schaut Rachel ihre Freundin an, braucht aber nicht näher auf das Äußere einzugehen, da sie weiß, dass Noelle eh mit den Namen der Schauspielerinnen nichts anfangen kann. Sie schaut nicht viel fern. Daher wird sie auch kein Gesicht als Vergleich vor sich haben. »Sind ihre Augen tatsächlich so grün?«

Begeistert schaut Noelle ihre Freundin an. »Die sind der Wahnsinn, nicht wahr?«

»Ja, definitiv! Ok und weshalb trefft ihr euch nicht mal? Ihr müsst ja nicht gleich ins Bett fallen. Ein Käffchen hier, ein Abendessen da, einfach unverfänglich Zeit miteinander verbringen!? Du scheinst aufgrund deiner Kuchenschlacht ja schon großes Interesse an ihr zu haben.«

Noelle hebt den Blick und schaut Rachel strafend an. »Du weißt ganz genau warum!«

»Kennt sie deinen Job?«

»Den Eskort-Service ja, aber nicht, dass ich Pornos drehe. Und das soll auch so bleiben. Wir haben keine Nummern ausgetauscht, sodass eh keine Möglichkeit des Wiedersehens besteht. San Francisco ist groß. Ich bin ihr bis dato nicht über den Weg gelaufen, also wird dies auch in Zukunft nicht passieren. Das Thema ist durch.«

»Ich glaube dir kein Wort, aber dein Wort in Buddhas Ohr«, zieht Rachel die Schultern hoch und schnappt sich einen der drei Kuchenteller.

»Danke für deine zuversichtliche Unterstützung, Rachel. Genau das brauche ich jetzt!«

Kapitel 3

Vorsichtig lenkt Noelle ihre Ducati Scrambler in eine freie Parklücke. Wie so manche Nachteile hat der Job einer Pornodarstellerin einen weiteren, dass sie öfter als Otto-Normalverbraucher ärztliche Besuche einhalten muss.

Kaum hat sie den Helm abgenommen und mit wenigen Bewegungen ihre Haare gerichtet, wird ihr Schmuckstück schon fast sanft von hinten angestoßen. Es ist eher ein süßer kleiner Stups. Aber heftig genug, um Noelle sofort auf hundertachtzig zu katapultieren.

»Das kann doch jetzt wohl nicht wahr sein! Wie blöd kann man nur sein?!« Aufgebracht springt sie von der Maschine und steuert auf das Auto zu, welches ihren kleinen Schützling angestoßen hat.

»Oh Gott, das tut mir schrecklich leid! Ich habe das Auto erst seit gestern und ….«

Nein. Nicht bitte.

Kaum steigt Professor Hayes aus dem Wagen, möchte Noelle am liebsten schreiend wegrennen.

So viel also dazu, dass San Fran groß ist. Verdammte Scheiße noch mal.

Noelle erkennt im Gesicht der Professorin, wie sie nachzudenken beginnt, als die Motorradfahrerin vor ihr zum Stehen kommt. Erstaunlich schnell erkennt sie Professor Hayes wieder. Ihre Augen beginnen zu strahlen. Ein zurückhaltendes Lächeln ziert ihr Gesicht, welches Noelle allerdings stärker erreicht, als es sicherlich gedacht war. Sie muss zugeben, dass sie durch dieses Lächeln für einen Moment weiche Knie bekommt.

»Hallo«, lächelt die Professorin selbstsicher, klammert sich allerdings an ihrer Autotür fest. Scheinbar muss sie sich an irgendetwas festhalten.

Noelle würde dies ebenfalls gerne machen, denn sie glaubt, allein durch die Anwesenheit der Professorin die Kontrolle über ihre Beine zu verlieren. Sie schafft es nicht, ein Wort zustande zu bekommen. Ihr Mund steht offen, aber nicht eine Silbe entweicht von dort. Wenn sie könnte, würde sie ihr Herz in die nächstbeste Tonne schmeißen. Denn dieses fällt ihr ungeschützt in den Rücken und schlägt bis zum Hals.

Der Blick der Professorin fällt zur Ducati zurück. »Ist mit Ihrer Maschine alles in Ordnung? Habe ich sie schlimm erwischt?«

Dankbar über diese Ablenkung schluckt Noelle schwer und untersucht ihre Maschine sorgfältig. Kein Kratzer, keine Beule, nichts.

»Da ist alles in Ordnung. Sie sind nur gegen den Reifen gestoßen, nichts passiert.«

»Sind Sie sicher? Ich bezahle den Schaden natürlich.«

Ehe sich Noelle versieht, taucht die Professorin neben ihr auf und betrachtet das Motorrad ebenso akribisch wie sie zuvor. Ihre Körper stehen so dicht beieinander, dass Noelle für den Bruchteil einer Sekunde schwarz vor Augen wird.

»Ich habe den Wagen erst seit gestern und irgendwie komme ich mit der Schaltung noch nicht so zurecht«, erklärt die Professorin ihr kleines Missgeschick, bei dem Noelle unschlüssig ist, ob dies positiv oder eher negativ einzustufen ist. Sie hatte kein Interesse daran, dieser Professorin jemals wieder zu begegnen.

»Ich würde mich gerne für diesen Umstand entschuldigen und Sie zu einem Kaffee einladen.«

Ein Käffchen hier, ein Abendessen da schallen Rachels Worte betäubend in Noelles Ohren wieder.

Keine gute Idee, keine gute Idee, warnt ihr Kopf sie.

»Das ist wirklich nicht nötig. Es ist nichts passiert. Ich möchte Ihre Zeit nicht unnötig in Anspruch nehmen«, versucht Noelle verzweifelt diese Einladung abzuwehren, glaubt sich allerdings selbst kein Wort. Ihr fehlt es an Überzeugungskraft.

Professor Hayes läuft zu ihrem Auto zurück, holt dort ihre Handtasche heraus und reicht Noelle gleich darauf eine Visitenkarte. »Bitte, ich möchte mich wirklich für den Unfall revanchieren, allerdings habe ich jetzt einen Termin. Rufen Sie mich bitte an, wann es Ihnen zeitlich passt, ok? Ich würde mich sehr freuen.«

Ohne es richtig zu begreifen, nimmt Noelle die Karte an und blickt dort drauf.

Fuck.

»Bitte rufen Sie mich an, ja? Ich muss jetzt leider los. Haben Sie noch einen schönen Tag und Entschuldigung noch mal wegen der Umstände.«

Wie hypnotisiert schaut Noelle auf die Visitenkarte hinunter und erkennt nicht einen Buchstaben. Alles auf dieser Karte tanzt vor ihren Augen umher. Nichts ist zu entziffern, nichts zu verstehen. Sie glaubt fast Hieroglyphen auf der Karte erkennen zu können.

Kopfschüttelnd steckt sie die Karte ein und blickt um sich. Von der Professorin ist nichts mehr zu sehen. Ist vielleicht auch besser so. Noelle muss sich erst mal wieder sammeln.

»Hey Noelle, setz dich. Dauert noch ein klein wenig«, begrüßt sie die Sprechstundenhilfe wenig später, als sie sich beim Frauenarzt für ihren Termin anmeldet. Mittlerweile kennt Noelle das Personal durchgängig, was auf Gegenseitigkeit beruht.

»Kein Problem, ich habe Zeit.«

Da sie schon beim Betreten erkennen konnte, dass das Wartezimmer wieder mal gefüllt ist, setzt sie sich auf den letzten freien Platz, zückt die Visitenkarte und betrachtet sie. Dieses Mal mit einem klareren Blick.

Ramsey Hayes. Archäologin, Ägyptologin. San Francisco State University, 1600 Holloway Ave, 415-338-1111.

Nachdenklich begutachtet Noelle die Karte und dreht sie um. Erstaunt zieht sie eine Augenbraue hoch, als sie eine handschriftlich geschriebene Handynummer auf der Rückseite erblicken kann.

Wann hat sie die Nummer dort notiert?

Gedanklich versunken schwenkt Noelle die Karte hin und her und weiß nicht, was sie machen soll. Es wäre definitiv falsch, sich mit dieser Frau zu treffen. Es wäre in vielerlei Hinsicht falsch. Und der Zeitpunkt ist derzeit alles andere als gelegen. Hätte diese hinreißende Frau nicht in einem Jahr in ihr Leben treten können? Dann wäre alles etwas leichter. Aber jetzt? Jetzt ist es äußerst unpassend.

»Unschlüssig, ob Sie mich anrufen wollen?«, flüstert ihr plötzlich jemand von der Seite aus ins Ohr.

Erschrocken reißt sich Noelle herum. Zuerst erblickt sie grüne Augen, die sie nur zu einer Person zuordnen kann, dann platzt ihr Gesicht vor Schamesröte.

Das ist jetzt nicht wahr.

Wie peinlich kann es noch werden? San Francisco hat zig Frauenärzte und Professor Ramsey Hayes muss nun wahrhaftig im vollen Wartezimmer eines Gynäkologen neben einer Pornodarstellerin sitzen, der sie ihre Karte gegeben hat, um sich mit ihr zu treffen? Wenn die gute Frau von Noelles Job wüsste, wäre das Ganze vielleicht nicht ganz so grotesk, wie es sich derzeit für die junge Frau anfühlt. Da dies aber nicht der Fall ist, kann die Professorin also nur mit dem arbeiten, was ihr bekannt ist.

»Professor Hayes!«

Noch bevor Noelle auf die Frage der Professorin antworten kann, wird diese zu ihrem Termin aufgerufen. Das ist auch besser so, denn Noelle weiß nicht, was sie auf die Frage antworten soll.

»Ich werde nicht eher von diesem Stuhl aufstehen, bis Sie mir versprechen, mich anzurufen«, flüstert die Professorin und schaut Noelle direkt in ihre tiefblauen Augen.

Dieses zuversichtliche Lächeln, welches sich neckisch über das Gesicht der Professorin zieht, reißt Noelle in einen Strudel unsinniger Gedanken und unwirklichen Gefühlen.

Wie gerne würde sie Ja sagen und sich mit dieser Frau treffen? Wie gerne würde sie sorgenfrei ein Date annehmen und einen schönen Abend verbringen? Wie gerne möchte sie mal für ein paar Stunden ihren Job und ihr Leben vergessen?

Wenn doch alles nur so einfach wäre.

»Professor Hayes!«

»Und? Werden Sie mich anrufen?« Der durchdringende Blick der Professorin lähmt Noelle so sehr, dass sie nur vage mitbekommt, wie sie ein kurzes Ja krächzt.

Was? Mist!

»Schön. Ich freue mich.«

Mit ihrer Handtasche bewaffnet steht die Professorin vom Platz auf, dreht sich noch mal zu Noelle um und tippt auf die Visitenkarte. »Anrufen nicht vergessen«, zwinkert sie frech und lässt Noelle mit ihren wirren Gedanken allein.

Perplex schaut Noelle ihr hinterher und möchte ihren Kopf am liebsten in den nächstbesten Häcksler stecken, kaum dass ihr bewusst wird, dass sie den Allerwertesten der farbigen Frau mustert. Und dieser brüllt in dem cremefarbenen Kostüm um Aufmerksamkeit. Nur allzu gerne ist Noelle dazu bereit diesem Körperteil die verdiente Schmeichelei zu schenken, wenn sie nicht so verwirrt wäre.

»Gut gemacht, Noelle. Du hast soeben beim Gynäkologen ein Date klargemacht. Check. Das schafft auch nicht jeder.«

Ohne sich von den misstrauischen Blicken der anderen Patientinnen verunsichern zu lassen, schüttelt sie den Kopf und steckt die Visitenkarte so tief wie möglich in ihre Hosentasche.

Wenn sie nicht wochenlang auf einen neuen Termin warten müsste, würde sie vom Platz aufstehen und die Praxis verlassen. Sie braucht Luft, Abstand und Ruhe, bekommt aber weder das eine noch das andere.

Im Gegenteil, als die Archäologin nach einer gewissen Zeit das Behandlungszimmer hinter sich lässt, weiß Noelle nicht so recht, wie sie reagieren soll, als die farbige Frau ihr kommentarlos zuwinkt und die Praxis verlässt.

Es wird für sie aber noch verstörender, als sie als nächste Patienten aufgerufen wird und plötzlich im selben Raum steht wie diese hübsche Frau zuvor. Sie muss sich in derselben Kabine ausziehen und sie muss sich auf denselben Stuhl begeben wie die Professorin.

All diese Tatsachen schwirren in Noelles Kopf umher und lösen eine Welle an kribbelnden Gefühlen in ihr aus. Allein der Gedanke daran, wie Professor Ramsey Hayes halb nackt auf diesen Stuhl stieg und ihre langen Beine rechts und links ….

»Noelle? Ist alles in Ordnung?«

»Hm?« Fragend hebt die junge Frau den Kopf und schaut zu der Ärztin hinunter, die sie schon so lange kennt, dass sie sie tatsächlich duzen darf.

»Ja, wieso? Alles bestens.«

»Das sehe ich anders. Du bist völlig verkrampft. Wenn du dich nicht entspannst, sitzen wir beide hier fest. Und das meine ich im wahrsten Sinne des Wortes«, grinst die Ärztin und nickt auf ihre Hand, die ihren routinierten Untersuchungen nachgeht.

»Ok«, lacht Noelle und lehnt sich wieder zurück, »ich gebe mein Bestes. Ich will dich ja nicht um deinen Feierabend betrügen.«

Kapitel 4

Wenn Noelle gewusst hätte, dass der Besuch der State University eine Tagesaufgabe wird, hätte sie was zu essen mitgenommen.

Seit fast zwei Stunden irrt sie auf diesem imposanten Gelände der Universität umher und fragt unzählige Studenten nach dem Gebäude, wo Archäologie gelehrt wird. Glücklicherweise gibt es nur dreiundzwanzig Bauten. Es ist also ein leichtes, das richtige Bauwerk zu finden. Und da ihr Orientierungssinn nicht wirklich der Beste ist, irrt sie im richtigen Gebäude auch noch mal über eine halbe Stunde herum, bis sie endlich vor einer Tür steht, dessen Schild darauf hinweist, dass es sich hierbei um das Büro von Professor Ramsey Hayes handelt. Jetzt muss die gute Frau nur noch vor Ort sein. Ansonsten war dieser Tagesausflug umsonst.

Noelles wischt ihre leicht schwitzende Hand an der Hose ab, hebt sie an, ballt eine Faust und klopft gegen das Holz.

Kaum ertönt nach einigen Sekunden ein Herein, beginnt ihr Herz zu rasen. Da sucht sie seit Stunden das Büro der Ägyptologin und kaum findet sie es, macht sie sich fast ins Hemd, weil dieses auch noch besetzt ist? Was hat sie denn erwartet? Wäre es ihr lieber, wenn das Büro leer ist? Nein, das nicht unbedingt, aber irgendwie ging ihr das nun doch etwas zu schnell.

Nervös blickt Noelle um sich. Sie sucht Hilfe. Aber weshalb? Um die Tür zu öffnen? Um das Büro zu betreten?

Reiß dich zusammen, verdammt.

Mutig schluckt Noelle ihre Unsicherheit herunter, umgreift den Knauf und öffnet die Tür. Kaum kann sie die Professorin hinter einem großen Schreibtisch erblicken, fällt ihre hervorgerufene Stärke mit Pauken und Trompeten über Bord und versinkt in den Tiefen ihres wirren Gefühlsozeans.

Als die Professorin hochblickt und Noelle erfasst, glaubt die junge Frau innerlich zusammenzusacken und keucht einmal laut aus.

Was ist nur los mit ihr? Sie weiß nichts von der Archäologin. Doch Name, Beruf, Gynäkologe. Es kann doch nicht sein, dass sie tatsächlich ein klein wenig in diese farbige Frau verschossen ist, oder? Ja, sie war von ihrem Lachen vom ersten Augenblick an fasziniert und gefesselt. Und ja, jeder auf sie gerichtete Blick erwischt Noelle wie eine Abrissbirne, aber was soll das schon heißen? Nichts, absolut nichts.

»Oh hallo, welch eine Überraschung. Treten Sie doch ein.«

Professor Hayes steht von ihrem Stuhl auf und weist auf den freien Stuhl vor ihrem Schreibtisch.

Wie eine gehorsame Studentin geht Noelle dieser Aufforderung nach und bedankt sich innerlich für die Gelegenheit, ihre wackeligen Knie ein wenig die Last zu nehmen.

»Was führt Sie zu mir? Haben Sie doch einen Schaden an Ihrem Motorrad entdeckt?«, fragt die Archäologin und setzt sich mit einer Gesäßhälfte auf eine Ecke ihres Schreibtisches, um jegliche mögliche Distanz zwischen ihnen vernichtet zu wissen.

Dies bringt Noelle so sehr durcheinander, dass sie tatsächlich ihre Gedanken sammeln muss und erst dann die gestellte Frage beantwortet. »Wie? Nein, ähm, nein, ich ….« Tja, weswegen hat sich Noelle auf diesen beschwerlichen Weg gemacht?

Sie greift in ihre Hosentasche und überreicht der Professorin ihre Visitenkarte.

»Ähm, ich, … ich wollte mich nur bedanken und Ihnen die Karte zurückgeben, da ich der Meinung bin, dass es keine gute Idee wäre, wenn wir uns treffen würden.«

Die Ägyptologin nimmt die Karte an, dreht sie in ihrer Hand und betrachtet Noelle eingehend. »Es war meine Absicht, Sie zu einem Kaffee einzuladen, nicht zu einem Rendezvous.«

Peinliche Röte schießt in Noelles Gesicht. Oh Gott, hat sie etwa alles falsch verstanden? War sie zu selbstbewusst und hat jedes gesendete Signal gänzlich falsch aufgefasst?

»Das Rendezvous wollte ich mir noch etwas aufsparen«, zwinkert die Professorin lächelnd und holt Noelle ins Hier und Jetzt zurück. Sie lag also doch nicht ganz so falsch.

Nervös rutscht Noelle auf dem Stuhl umher und räuspert sich. »Ich fühle mich geschmeichelt, wirklich, aber im Augenblick ist mein Leben ziemlich kompliziert.«

»Ich grabe sechs Monate im Jahr in Ägypten im Sand. Was glauben Sie wie kompliziert mein Leben ist?«, lächelt die farbige Frau selbstsicher und zwinkert ebenso.

Bestätigend nickt sie dann allerdings und steht von der Tischecke auf. »Es tut mir leid, falls ich ein falsches Bild vermittelt haben sollte. Ich glaubte Signale empfangen zu haben, die …. Nun gut, wie dem auch sei.«

»Nein, ja, ich meine, die Signale waren schon richtig. Es ist nur …. Ich …. Mein Leben ….«

Die farbige Frau umrundet den Schreibtisch und setzt sich auf ihren Stuhl. Jetzt hat sie sich doch dazu entschieden (zum Eigenschutz) eine gewisse Distanz zwischen sich aufzubauen.

»Ich akzeptiere Ihre Entscheidung keine Sorge. Ich stelle mir nur die Frage, weshalb Sie sich auf den Weg gemacht haben, um mir die Karte zurückzubringen, statt mich einfach anzurufen und die Karte danach in den Müll zu schmeißen!?«

Ein wissentliches Lächeln ziert die vollen Lippen der Professorin, welches Noelle ein weiteres Mal die Schamesröte ins Gesicht schießen lässt. Äußerst peinliche Schamesröte. Ihr fällt darauf nichts anderes ein, als schwer zu schlucken. Wie recht Professor Hayes doch hat.

»Ich … ich kann im Augenblick nicht. Ich möchte im Augenblick auch nicht. Ich muss erst mein Leben auf die Reihe bekommen, bevor ich ….«

Ein weiteres Lächeln wächst in dem Gesicht der farbigen Frau, welches dieses Mal allerdings zärtlich und verständnisvoll wirkt. »Bitte, Sie brauchen sich mir gegenüber nicht zu einer Erklärung verpflichtet fühlen«, bremst Ramsey Hayes Noelle bei ihrer Erklärung aus und nickt verständnisvoll. »Ich respektiere Ihre Entscheidung.«

»Danke.«

Auch wenn Professor Ramsey Hayes eine gewisse Stärke und Autorität in ihre Aussage impliziert, kann Noelle in ihren Augen erkennen, wie schmerzlich diese Abfuhr für sie in Wahrheit ist.

Wenn sie könnte, würde sie …. Aber nein, es geht derzeit noch nicht. Es umgeben sie zu viele Scherben, die sie niemanden außer sich selbst beseitigen lassen möchte. Niemand hat etwas damit zu tun, nur sie ganz allein.

Tja, so recht möchte Noelle weder die Seite der Professorin verlassen noch dieses Büro. Sie möchte viel lieber mehr über ägyptische Artefakte, den Apis Stieren und dem Gott Ptah erfahren. Vielleicht auch über einige Papyri, die als Nachbildungen in Bilderrahmen die Bürowände der Ägyptologin zieren.

Auch interessiert es sie, weshalb eine Figur auf dem Tisch der farbigen Frau steht, die einem Käfer ähnelt. Was ist das für ein rundes Kreuz dort drüben an der Wand? Wofür standen dieser komische Stab und der merkwürdige Wedel, die überkreuz an der Wand hängen?

Enttäuscht darüber, dass sie aufgrund ihres Lebensstils niemals Antworten auf ihre Fragen erhalten wird, schnauft Noelle und schaut zu der Professorin zurück. Erst jetzt fällt ihr auf, dass sie von ihr (während ihrer Inspektion des Büros) ganz genau beobachtet wurde.

Sie räuspert sich, steht hektisch vom Stuhl auf und streckt der Professorin die Hand entgegen. »Vielen Dank, dass Sie sich die Zeit genommen haben.«

Wenn Noelle zuerst nachdenken und dann handeln würde, hätte sie nicht die Hand zur Verabschiedung gereicht. Denn kaum nimmt Ramsey Hayes diese an, ereilt Noelle eine Gänsehaut.

Dumm. Dumm. Dumm.

»Auf Wiedersehen und passen Sie auf sich auf«, lächelt die Archäologin und streicht Noelle für einen kurzen Moment über den Unterarm. Sie scheint zu ahnen, dass dort etwas zugange ist, das sie ausgelöst hat und scheint dies nun beruhigen zu wollen. Dass sie damit allerdings so einiges schlimmer macht, wird ihr nicht bewusst sein.

Eine unerträgliche Hitze schießt in Noelle empor und lässt sie an ihrer Entscheidung zweifeln. Auch der letzte Blick in diese grünen Augen bringt sie dazu, kurzzeitig ihre Vernunft über Bord zu werfen. Aber nein, dafür ist sie zu gewissenhaft und zu verantwortungsvoll, als dass sie absichtlich jemanden mit in ihren Abgrund reißt.

Professor Hayes begleitet Noelle zur Tür und öffnet diese für sie. »Darf ich Ihnen noch eine Frage stellen?«

Noelle betritt den Flur, dreht sich um und nickt. »Natürlich.«

»Wie ist Ihr Name?«

Als wenn ein knapp dreißig Tonnen schwer beladener Verschiffungscontainer ungebremst auf sie herabfallen würde, knickt Noelle mental zusammen. Professor Ramsey Hayes weiß bis heute nicht ihren Namen? Peinlich. Absolut peinlich.

Mit einem knallroten Gesicht stottert sie ihren vollen Namen. »No… Noelle Tolliver.«

»Ich wünsche Ihnen alles Gute, Noelle Tolliver«, lächelt die Ägyptologin und schließt langsam das Büro.

Wie erstarrt steht Noelle vor der Tür und blickt mit offenem Mund und großen Augen gegen das Holz. Von drinnen ist kein Geräusch zu hören.

Hat sie jetzt wirklich der Frau, die sie vom ersten Augenblick anziehend fand, eine solch Abfuhr erteilt? Wegen ihres Lebensstils? Wegen ihrer Probleme? Weil sie so ist wie sie ist?

Ja.

Kapitel 5

»Das war eine fantastische Idee«, ruft Noelle über den kleinen Tisch ihrer Freundin entgegen.

»Ich weiß doch, was mein Häschen braucht«, zwinkert Rachel zurück. Sie hat ihre Freundin ungebeten und ungefragt in die Schwulen- und Lesbenbar El Rio entführt, um sie einfach mal aus ihrem Schneckenhaus herauszuholen. Aber auch um sie auf andere Gedanken zu bringen. Denn wenn es nach Noelle geht, war der vergangene Dreh wohl eine Vollkatastrophe.

Nur wenige Wochen nachdem sie die State University und somit auch Professor Ramsey Hayes hinter sich ließ, stand ein neuer Drehtermin auf dem Plan. Und da sie nie weiß, mit wem sie dreht, fühlte sich der Umstand, dass ihre Kollegin eine sehr viel dunklere Hautfarbe hatte als sie, verdammt qualvoll an. Da fing sie endlich an, die Professorin zu vergessen und mit einem Mal stand sie wieder am Anfang.

Auch wenn nichts zwischen ihr und der Ägyptologin lief, fühlte sich dieser Cut für Noelle wie eine Scheidung nach jahrelanger Ehe an.

Sie konnte sich keine einzige Sekunde beim Dreh konzentrieren. Ständig musste unterbrochen und gewisse Szenen neu begonnen werden. Sie stand gänzlich neben sich. Dauerhaft schwirrte das Gesicht der Professorin vor ihren Augen umher, was sie unbewusst auf die Kollegin projizierte. Auf der einen Seite wich sie aus Angst jeder Berührung aus. Auf der anderen mutierten ihre eigenen Handlungen mehr und mehr zu einem zärtlichen Liebesspiel, statt zu einem gewöhnlichen Porno.

Erst als David sie zur Seite nahm und ihr respektvoll erklärte, ihr den Auftrag und somit auch das Geld zu entziehen, riss sie sich zusammen und sah die Kollegin als die Person an, die sie war: Eine Kollegin in der Pornoindustrie, nicht mehr und nicht weniger.

»Du wirst angeschmachtet. Elf Uhr«, klärt Rachel ihre Freundin auf, die daraufhin mürrisch reagiert.

»Könnten wir bitte unsere Nummer durchziehen? Ich habe heute keine Lust auf irgendwelche Gespräche. Ich will nur meine Ruhe haben und den Abend mit dir genießen.«

»Sie sieht aber gar nicht mal so schlecht aus«, versucht Rachel ihre Freundin davon zu überzeugen, vielleicht etwas Nettes aus diesem Abend mitzunehmen.

»Rachel, bitte«, wimmert Noelle wie ein leidender Hund und fleht sie mit ihrem unschuldigsten Blick an den sie auf Lager hat.

Rachel lacht, steht vom Stuhl auf und schnappt sich Noelles Hand, um auf der Tanzfläche ein Schauspiel abzugeben, für das die junge Frau eigentlich eine Filmrolle ergattern sollte, die zur Abwechslung mal nicht aus der Pornoschublade kommt.

Wie ein Pärchen tanzen die beiden Freundinnen eng miteinander. Verdammt eng und verdammt vertraut. Wenn man es nicht besser wüsste, könnte man glatt glauben, dass die beiden tatsächlich das Bett miteinander teilen.

Als sie sich dieses kleine Ich-gebe-dir-indirekt-eine-Abfuhr Spiel ausdachten, wollten sie ganz sichergehen und dem Ganzen die Krone aufsetzen. So einigten sie sich darauf, auch Küsse auszutauschen, um jegliche Zweifel vorweg gleich im Keim zu ersticken. Aufgrund ihres gemeinsamen Drehs ist dies für beide ein Leichtes.

»Ich hole uns was zu trinken.« Leichtfüßig schwebt Noelle zur Theke und bestellt zwei alkoholfreie Cocktails und beobachtet das rege Treiben auf der Terrasse im Hinterhof des El Rio.

Verschiedene Arten von Palmen und anderen Grüngewächsen zieren die sonst so grauen Wände und tauchen den Hinterhof in eine kleine tropische Atmosphäre. Überall hängen Lichtgirlanden, rustikal zusammengeschusterte Hocker stehen an der Theke entlang, während an der ein oder anderen Wand Podeste mit Sitzmöglichkeiten geschaffen wurden.

Die Luft zu dieser späten Stunde ist ungewöhnlich gut und Noelles Laune umso besser. Rachel hat ein Händchen für sie und ihre Problemchen. Sie findet einfach immer die beste Lösung. Was würde Noelle nur ohne sie machen? Wahrscheinlich elendig zugrunde gehen.

»Danke.« Überschwänglich schnappt sich Noelle die beiden Getränke und wandert zu einem der kleinen runden Tische zurück, die hier zu Dutzenden stehen.

»Hallo Noelle Tolliver.«

Wenn Noelle sich nicht so sehr unter Kontrolle hätte, würden ihr jetzt wahrscheinlich die Cocktailgläser aus den Händen rutschen. Oder sie würde vor Schreck so zusammenzucken, dass sie die Gläser zum Platzen bringt.

Mit rasendem Herzen blickt sie zur Seite.

Von wegen San Fran ist groß. Diese Stadt mutiert allmählich zu einem Dorf.

Noelle versucht ein Wort über ihre Lippen zu bekommen, steht aber lediglich mit offenem Mund wenige Schritte vor Professor Hayes, die sie mit ihren leuchtend grünen Augen freudig anschaut.

»Wie geht es Ihnen?«, stellt die Ägyptologin eine Frage, die Noelle nicht zu beantworten weiß. Tja, wie geht es ihr? Gut? Besser? Oder doch eher genau das Gegenteil?

Noelle schließt ihren offenstehenden Mund, da sie es nicht schafft, eine Silbe über die Lippen zu bekommen. Stattdessen gleitet ihr Blick über Professor Hayes Kleidung. Ein schwarz-weißer Einteiler, der knapp über dem Schritt endet, schwarze Jacke, schwarze Strumpfhose und gemein-gefährlich schwarze Overknee-Stiefel.

Und dabei soll man kein Schleudertrauma erleiden?

»Wie ich sehe«, ein kurzer Blick der Professorin zu Rachel folgt »konnten Sie sich doch dazu überwinden, sich jemandem zu nähern.«

Ohrenbetäubend laut beginnen Noelles Alarmglocken zu klingeln. Schlagartig wird ihr Hals trocken. Panik erwacht in ihr und lässt ihr Herz bestialisch schlagen.

Mit riesigen Augen blickt sie zwischen ihrer Freundin und Professor Hayes hin und her. »Was? Rachel? Nein! So ist das nicht. So ist das ganz und gar nicht! Es ist ….«

»Miss Tolliver, wie schon erwähnt brauchen Sie sich mir gegenüber nicht zu erklären. Ich finde es schön, wenn Sie ….«