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6 Monate mit dem Motorrad auf einer Rundreise in den U.S.A und Kanada. Dieses Buch ist ein eindrücklicher Reisebericht mit vielen Schnappschüssen einer bezaubernden und vielfältigen Landschaft. Es ist auch eine Beschreibung der Begebenheiten verchiedenster Art, welche der Autor während seiner Reise erlebt hat. Über 100 schwarz-weiss Fotos.
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Seitenzahl: 141
Veröffentlichungsjahr: 2014
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Vorwort
Ich bin da
Es geht los!
In der Nähe
Was soll das
An den Gulf
Landeinwärts
Eastcoast
Atlantic Provinces
Go West
In die Berge
Entdeckungen
Perlenkette
Südwärts
Schlussspurt
Vielleicht sind es die Wechseljahre,…, von mir aus!
Gewünscht habe ich mir das schon lange: Mit dem Motorrad und dem Zelt in Nordamerika unterwegs zu sein, auf Entdeckungsreise, jeden Moment etwas Neues sehen, riechen, erleben. Einfach sein und ins Ungewisse fahren. Mich vom Moment und dem Zufall treiben lassen und geniessen.
Diese Reise starte ich alleine. Denn das „ride and feel free“ möchte ich kompromisslos auskosten.
Klar, der Preis dieser Freiheit heisst auch Alleine sein (nicht zu verwechseln mit Einsamkeit). Das weiss ich von früheren Reisen. Schön waren sie trotzdem.
Im Unterschied zu vergangenen Reisen in Europa werde ich diesmal länger unterwegs sein und auch ausgedehntere Stopps einplanen. Somit wird die Möglichkeit, soziale Kontakte zu knüpfen, grösser sein. Ich werde mir Zeit lassen.
Ich freue mich – und nachts, vor dem Einschlafen, beginnt der Film: Ich sehe mich in den unendlichen Horizont cruisen, den Wind im Bart, an lauschigen Plätzchen mein Zelt aufbauen, ich beobachte mich in der Laundry eines verschlafenen Dorfes meine Wäsche waschen, ich höre das Brummen des Motors, ich geniesse mit anderen Bikern ein Bier im rustikalen Saloon.
Manchmal wechselt die Szenerie: Es regnet tagelang, mein Motorrad wird gestohlen, mein Laptop klemmt, ein Truck nimmt mir die Vorfahrt,…
… dann lege ich eine andere Spule ein und beginne den anderen Film wieder von vorne.
Ja, ja, ich brauche ein Visum:
Ich bleibe länger als 90 Tage in den Staaten.
Klar, verstehen kann man es schon, vor allem seit 9/11 sind „sie“ noch mehr sensibilisiert.
Aber, mein lieber Schwan, es kostet doch Nerven, Geld und Zeit, bis man den Pass mit dem Visumsstempel in den Händen hat.
Interessanterweise wollen die Amerikaner „nur“ über mich als Person alles wissen, mein Motorrad ist ihnen egal.
Bei den Kanadiern ist es umgekehrt. Denen bin ich egal - aber mein Bike nicht. Anscheinend brauche ich für mein Gefährt einen Grenzpassierschein, ansonsten muss ich beim Grenzübertritt, je nach persönlicher Verfassung des Zöllners, eine Kaution hinterlegen.
Die Botschaft in Bern verweist mich nach Berlin. Berlin meint, ich müsse mich in Brüssel melden. Auf die Frage nach einer Mailadresse, einem Namen, einer Telefonnummer oder irgend etwas Konkretem, verweisen die mich auf ihre Homepage. Ich solle mich dort schlau machen…!
Nach einigen Telefonaten mit Brüssel erhalte ich die Auskunft, dass ich gar nichts brauche… ich bin gespannt.
Klar, ich hätte auch ein Motorrad dort kaufen und nach der Reise wieder verkaufen können.
Das wäre so, wie wenn man eine Reise zu zweit plant, aber anstatt die eigene Partnerin mitzunehmen, sich am Zielort eine andere „mietet“. Nicht mein Ding.
Ich nehme also mein eigenes Bike mit. Ich habe es vor einigen Jahren für eine solche Reise gekauft, dann brach jedoch der Irak-Krieg aus und die Lust, in die USA zu reisen, verging. Jetzt MUSS ich diese Reise einfach unternehmen…
Seit Monaten surfe ich im Internet. Es gibt unzählige interessante Seiten und Reiseberichte. In Nordamerika gibt es so viel zu sehen. Einiges kann ich aufgrund früherer Reisen (als Normalo-Tourist) weglassen. Einiges wird dazukommen.
Ich werde meine Reise in Miami beginnen. Dies scheint mir der ideale Ausgangspunkt zu sein. Zum einen kann ich dann Key West „abhaken“: Auf den Spuren von Hemingway… da wollte ich schon immer mal hin. Und zum anderen steht mir danach der ganze Süden zur Verfügung, bis es im Norden etwas wärmer und trockener wird.
Also, von Miami dem Golf nach bis New Orleans, den Mississippi rauf, rechts abbiegen und an die Ostküste. Hinauf in den Norden und auf irgendeinem Weg nach British Columbia. Ich möchte auch an den Pazifik und einige National Parks im Westen und Süden besuchen. Danach fahre ich eine grosse Schleife, um wieder zum Ausgangspunkt nach Florida gelangen. Das Zeitfenster: Ende April bis Mitte Oktober.
Das Wetter und der Zufall werden mich leiten.
Zürich – Miami
Es war ein angenehmer Flug. Das Übliche halt.
Nein, stimmt nicht, ganz so üblich wars nun auch wieder nicht.
Irgendwie hatte ich während des ganzen Fluges ein befreiendes und gleichzeitig auch ein gespanntes Gefühl im Bauch, trotz einiger Gin Tonic (aber die betreffen eher die Leber…).
Ich bin voller innerer, positiver Spannung und geniesse das Gefühl des Ungewissen.
Es ist schon ein Unterschied, ob man sich in einem 2-Wochen-Urlaub irgendwo befindet (mit einem Rückreiseticket in der Hand) – oder ob man einfach jetzt DA ist.
Latino-Ambiente in Miami, FL.
Fürs Erste habe ich mich in einem Hotel in Miami-Beach eingenistet. Ich muss ja noch auf mein Bike warten (es soll sich immer noch im Zoll befinden) und auch diverse Sachen kaufen (Strassenkarten, etc.).
Überhaupt, ich kann die ganze Sache easy angehen. Nun bin ich da und es kann mir nichts mehr davonrennen! Also schnuppere ich mal ein bisschen die Gegend ab und nehme eine Nase voll „Freiheit“.
Es ist recht eindrucksvoll in Miami-Beach (Art Deco Quartier). Ich habe nicht so sehr das Gefühl, in den USA zu sein. Das Strassenbild ist eher geprägt vom Latino-Fever. Strassencafés, bunte Häuser, Musik dröhnt auf die Strasse, kleine, bunte Kneipen und gepflegte Restaurants wechseln sich ab, die Leute treffen sich auf der Strasse. Am Abend sind alle herausgeputzt und die Senoritas parfümiert in allen Variationen.
Gestern habe ich mich sogar ertappt, wie ich ein Bier auf Spanisch bestellt habe - für die Bedienung nichts Ungewöhnliches.
Wie sehe ich denn aus?
Lust auf ein Steak! Mhh, da freue ich mich! Ein Steakhouse, eine Gartenwirtschaft, eine tolle Karte, ein aufmerksamer Kellner. Alles passt.
Nachdem ich meine Bestellung aufgegeben habe, besteht der Kellner in unmissverständlichem Ton darauf, meine ID oder meinen Führerschein an sich zu nehmen: „Es ist schon oft vorgekommen, dass sich Gäste nach Speis und Trank einfach in Luft aufgelöst haben - ohne zu bezahlen.“ Das Risiko wollte er mit mir nicht eingehen!
Das Motorrad abholen
Ich kann es kaum erwarten. Um 09.00 soll ich da sein, es seien alle Formalitäten erledigt, ich könne das Motorrad abholen.
Und wirklich: Alles i.O.,“schon“ um 15.00 sehe ich mein Bike in einer Lagerhalle.
Aber jetzt hat niemand Zeit für mich: Einige Latinos steuern ihre Gabelstapler wie kleine Fangios (argentinische Formel 1-Legende) und liefern sich ein hart umkämpftes Rennen… Sie liegen in die Kurven, immer knapp am Lagergut vorbei, mir graust…
Nachdem das Rennen vorbei ist (einen eindeutigen Sieger gibt es nicht, aber viel Staub), klappt es reibungslos. Mein Spanisch hat dabei auch geholfen, sonst wäre ich jetzt noch da.
Nun ist es soweit: Die Batterie anklemmen, die Scheibe montieren, die Spiegel wieder anschrauben, anlassen und dann: brummbrumm - juhui, es funktioniert und ich fahre die ersten Kilometer, ähh, Meilen.
Selbstverständlich lasse ich es mir nicht nehmen und cruise in der Gegend herum (wie einst mit dem alten Puch-Pfupferli in Ascona!). Toll, ich fühl mich gut!
Eigentlich wollte ich heute nur Salat essen
In Miami und Umgebung gibt es jeden Abend etwa 20 Biker-Meetings. Eines habe ich mir ausgesucht. Fuddrucker’s, eine Kneipe im Süden der Stadt. Draussen der grosse Parkplatz und drinnen „the world greatest Hamburger“ - dazu ein Longneck (ein grosses Spezli) für nur $ 2.99.
Nach und nach treffen die Biker ein, bis 22.00 Uhr sind es bestimmt 500 – 600. Ich staune, so viele an einem normalen Donnerstag Abend.
Wie es sich gehört, alle schön in Reih und Glied parkiert, die Biker und die Bikes auf Glanz poliert. Wer hat, präsentiert neben sich und dem Bike auch die Sozia (ebenfalls herausgeputzt).
Gibt es hier nur Harleys? Eigentlich ja, aber am Rande des Parkplatzes, schon fast im Dunkeln, entdecke ich noch eine Handvoll Suzukis, drei Goldwings und zwei BMWs. Was wäre wohl, wenn die sich in die Harley-Reihe eingliedern würden?
Man spricht über vergangene Rides, Kosten der Massanfertigung bestimmter Teile und ich bekomme haufenweise Tipps über die schönsten Strecken, die „in“-Biker-Kneipen und viel „take care“.
Natürlich bewillige ich mir noch den „World greatest Hamburger“. Er war wirklich gross und wirklich gut!
Tutto a posto!
Heute gehts mal auf die 41ste westwärts. Ich möchte unter anderem das Ambiente von Little Havana erleben. Es ist super. Bunte Kneipen, gute Stimmung.
Auf dem Rückweg nach Miami Beach, am Rotlicht, fährt ein Motorrad neben mich, und gemeinsam tuckern wir die Strasse entlang.
Wir unterhalten uns prächtig: Ja so was, ein Italiener, Flavio, seit 20 Jahren in Miami, er arbeitet im Familienrestaurant.
Lebendiges Treiben auf der Lincoln, Miami, FL
Seltsam, abends habe ich Lust auf Pasta. Flavios „La Lupa di Roma“ habe ich schnell gefunden. Eine kleine stimmungsvolle Kneipe. Italianità pur in Miami – das tut richtig gut.
Die wohlgenährte Mamma, ganz in Weiss, führt die Oberaufsicht. Der Papa, in mit Flipper übersäten kurzen Hosen, bemüht sich im Service. Flavio (Übername Ramblingbullet) speedet umher. Und wahrscheinlich haben sie noch die Nonna in der Küche…
Rigatoni (al dente) an einer leichten Safran(Fäden)-Sauce mit Pouletstückchen und Rosinen – eine delicatezza.
In die Keys
Ich habe gut geschlafen. Erstaunlich, denn heute fängt meine Reise richtig an. Ab jetzt wird es nur noch vorwärts gehen. Ich freue mich auf die nächsten Wochen und Monate; ich freue mich aufs Ungewisse, aufs Neue und fühle mich unbeschwert und frei.
Ich packe meine Sachen und belade das Motorrad; langsam, überlegt, gemütlich. Irgendwie geniesse ich diesen Augenblick und dieses Prozedere. Ein letzter (Kontroll-) Blick ins Zimmer: Alles weg. Also kann es jetzt losgehen.
Es drängt mich förmlich aus dem Hotelzimmer.
Aus Miami raus auf die Nr. 1 Richtung Süden und Key West.
Anfangs der Keys, in the middle of nowhere, finde ich „Alabama Jack’s“. Diese Freiluftkneipe ist ein must, vor allem für Biker. Schon früh nachmittags bringt eine Band die Leute in Stimmung, die Barmaid ist gut drauf, und das Bier fliesst.
Ich schaue eine Weile amüsiert zu und setze mich dann wieder auf mein Bike. Denn es zieht mich auf die Strasse, ich will jetzt fahren und entdecken!
150 Meilen, über 40 Brücken, links der Atlantik und rechts der Golf von Mexico.
Beeindruckend. So beeindruckend, dass in mir zum ersten Mal ein richtiges easy-rider-feeling aufkommt.
Also, weg mit dem Helm. Hier darf man das. Ich geniesse den Fahrtwind im Gesicht, die freie Sicht in den Horizont und auf die Gewässer. Natürlich verbrenne ich mir die Birne.
Freie Fahrt in die Keys, FL.
Ausgelassene Stimmung in Key West, FL.
Key West: Cool, diese Atmosphäre, lebendig, aufgestellt. Das Ganze hat eine Prise Karneval und eine gute Portion Tourist-City. Die Leute sind vor allem damit beschäftigt, sich selber zu feiern – oder sie essen Shrimps. Ich sehe viele Hemingway Doubles. Es scheint, als wäre ein „Papa Hemingway Look-a-Like-Contest“ am Laufen.
Ich schlendere durch die Strassen, dem Hafen entlang, und natürlich besuche ich (unter anderem) auch „Sloppy Joe“. Es spielt eine Alt-68er-Band. Die Jungs blühen richtig auf, wenn sie Santana oder alte Stones-Stücke zum Besten geben. An der Bar bietet sich schnell Gelegenheit für Smalltalk. Die Stimmung ist rundum fantastisch.
Ich fühle mich gut! Wird das mein Leben für die nächsten Wochen und Monate?
Den ganzen Tag auf dem Motorrad, die Sonne im Gesicht und im Herzen? Durch beeindruckende Natur, in lebendige Dörfer und Städte? Nette Bekanntschaften und amüsante Smalltalks?
Das kann ja – im wahrsten Sinne des Wortes – heiter werden!
Ich freue mich!
Zigarren-Stand in Key West, FL.
Übrigens, das Motorrad habe ich in einem netten, kleinen Hotel einquartiert. Es wartet da, bis ich es (hoffentlich) wieder finde…
Zu Besuch
Ich muss wieder aus den Keys heraus, nordwärts. Die gleiche Strecke zurück. Aber irgendwie zieht es mich nicht mehr nach Miami hinein. Also ziele ich weiter nordwärts.
Übrigens: Das Abblendlicht funktioniert nicht mehr. Im ersten Töffladen heisst es: „We don‘t touch any Japanese…“ (es war ein Harley-Mech), im zweiten heisst es: „Yes, you could fix an appointment for next week“, der dritte hat sich dann für $ 70 meiner erbarmt. Jonu, dafür leuchte ich wieder.
Auf der Homepage „meines“ Töffclubs habe ich gelesen, dass das Fort Lauderdale Chapter heute sein monatliches Meeting abhält: „Everybody is welcome“, heisst es da. Also gut, dann fahre ich dorthin.
Das Ft. Lauderdale-Chapter.
Ein typisch amerikanisches Einfamilienhaus-Quartier, wie wir es aus dem TV kennen und einige Bikes vor dem Haus. Ich drücke auf die Klingel. „Hi, I was just wondering…“. Klar war ich willkommen.
Die hatten sogar eine Wahnsinnsfreude, wieder einmal einen „Schweden“ zu sehen. (Für viele Amerikaner ist Schweden gleich Schweiz.)
Es war ein netter Abend und ich darf immer wieder kommen.
Mitglied eines (oder mehrerer) hiesiger Motorradclubs zu sein, ist sehr empfehlenswert. Wegen der aufgenähten Patches wird man gleich als Member erkannt und kann noch schneller Kontakt knüpfen. Auch für den Fall einer Panne, eines Informationswunsches oder Ähnlichem, ist dies sehr hilfreich.
Hilfsbereiter Gadget.
Wohin führt der Weg?
Nach den Erfahrungen der letzten Tage habe ich mich entschlossen, die Hilfe eines Navigationsgerätes in Anspruch zu nehmen. Larry, alias Gadget, ein Mitglied des Chapters ist auch meiner Meinung und hat mir seine Hilfe angeboten.
Ich treffe ihn am nächsten Morgen in seinem Shop. Zusammen mit Kollegen hat er sich in einem Hinterhof eingemietet.
Hier bastelt er grosse Flugzeugmodelle (vornehmlich Bomber) und lässt sie dann auch fliegen, am liebsten nachts… mit Leuchtmunition… faszinierend.
Das Navigationsgerät ist bald gekauft, aber den dazu passenden Mount finde ich nirgends auf die Schnelle. Gadget montiert mir seinen auf mein Bike. Grosszügig.
Jetzt kann ich nicht mehr verloren gehen!
Das Chapter hat sich für den Abend an ein Bikermeeting verabredet (Hardrock, Ft. Lauderdale).
Ich fahre auch hin. Wieder viele Biker und Bikes (Harleys), Rock dröhnt aus den Lautsprechern, das Bier fliesst in Strömen und zur allgemeinen Freude gibts noch eine Misswahl. Unterhaltsam.
Müde und zufrieden falle ich in die Federn.
Die ersten Tage meines Abenteuers waren abwechslungsreich und spannend. Ich fühle mich frei und unbeschwert und bereit für die grosse Reise.
Zweifel
Der nächste Morgen. Im Hotelzimmer in Ft. Lauderdale.
Ich sitze auf dem Bett, die USA-Strassenkarte vor mir ausgebreitet. Das Land ist riesig, die Distanzen für einen Europäer ungewohnt, vor allem für einen Schweizer, kaum zu erfassen.
Zweifel kommen auf:
Einen Moment frage ich mich, ob mein Vorhaben für die nächsten Monate überhaupt zu realisieren sei. Ich frage mich, ob ich diese Reise überhaupt will. Ich frage mich, ob ich nicht besser zu Hause geblieben wäre.
Da meldet sich mein innerer Teufel: „Sag, spinnst du? Reiss dich zusammen! Du bist ein Weichei!“
Er hat recht: Jahrelang habe ich von so einer Reise geträumt. Jetzt habe ich die Möglichkeit, meinen Traum zu realisieren. Und was mache ich? Ich sitze da und (ver)zweifle…
Ich zünde einen Glimmstängel an, nehme einen Schluck Kaffee und schau in den Spiegel. Wer ist das? Den kenne ich nicht! Ist das wirklich möglich? Will ich jetzt schon, bevor es richtig losgeht, aufgeben?
Es gelingt mir nicht, die Bedenken zu beseitigen. Ich versuche klar und rational zu denken. Gibt es denn noch Alternativen?
Ich könnte zum Beispiel einfach wieder für ein paar Tage nach Key West fahren, Party feiern und dann wieder nach Hause fliegen.
Aber was für Ausreden müsste ich nach der Rückkehr meinen Freunden und Bekannten liefern, ohne das Gesicht zu verlieren? Ich könnte von einer Panne oder einem Unfall erzählen; ich könnte sagen, das Motorrad sei auf dem Weg in die USA verloren gegangen oder beschädigt worden; ich könnte irgendeine Räubergeschichte erfinden und sagen, ich sei überfallen und ausgeraubt worden… Aber dann müsste ich ja auch vor mir selber, für die restlichen paar Jahre meines Lebens, mit dieser Lüge leben.
Ich spüre, wie mich diese Gedanken Energie kosten und suche nach einer Lösung.
Ich finde nur eine:
Ich sollte diese negativen Gedanken verwerfen und einfach losfahren. Nicht mehr denken, sondern einfach tun.
Ich schaue nochmals in den Spiegel: Ja, das ist es! Einfach tun!
Ich falte die Karte zusammen und packe meine Sachen.
Nochmals ein kurzer Zweifel: Wenn der Motor jetzt nicht anspringt, ist das ein Omen und ich sollte wieder nach Hause. Und wenn er anspringt, fahre ich los!
Nein! Wenn er nicht anspringt, telefoniere ich Gadget und er wird mir helfen. Fertig! Vor 10 Minuten hatte ich ja für mich entschieden, weniger zu denken und einfach zu tun!
Helm auf, Sonnenbrille zurechtrücken, Handschuhe an, Zündung ein, Starter drücken.
Klar läuft der Motor. Also los!
Sumpf
Ich fahre südwärts, wieder nach Miami und dann die 41 westwärts. Hier kenne ich mich ja schon etwas aus. Little Havana mit seinen farbigen Häusern und den Kneipen. Adios, vielleicht komme ich wieder…
Der Verkehr nimmt ab, zwischen den Ampeln wird der Abstand grösser, immer weniger Häuser säumen den Strassenrand.
Ich beginne mich gut zu fühlen und merke, wie ich den Fahrtwind geniesse.
Die Strasse (41) führt mitten durch die Everglades. Eigentlich nur geradeaus. Quer durch Wälder und Sümpfe.
In den Sümpfen der Everglades, FL.
