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Stefan Mack ist ein Zugereister. Geboren in Hamburg hat er sich nach einem Studium in Hannover und langen Jahren in Berlin endlich in Nordfriesland niedergelassen. Es entbehrt nicht einer gewissen Logik, wenn er die neue Heimat mit ganz eigenen Augen sieht und staunend vor den Eigenarten einer Region und besonders deren Bewohner steht, die diesen mit Sicherheit nicht ständig und in dieser ganzen, schrecklichen Klarheit bewußt werden. Nordfriesland ist ein Abenteuer, findet der Autor, vielleicht das letzte, große und gleichzeitig subtile in einer globalisierten, zivilisierten und gleichgeschalteten Welt. Er kommt zu dem Schluß: Dieser Landstrich ist schön, und das Schönste sind seine kleinen, schrägen Geschichten. Man muß sich ihnen nur öffnen.. Natürlich ist es Macks eigenes Bild von Nordfriesland, ein Zerrbild seiner Augen, aber vielleicht entdecken sie das eine oder andere Detail auch, mit Ihren Augen...
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Seitenzahl: 90
Veröffentlichungsjahr: 2013
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Stefan Mack
Tiefen Dank an alle Einwohner, Anwohner, Darsteller, Mitspieler und Zuträger in diesem herrlichen Landkreis für die Öffnung auch meines Horizontes.
Stefan Mack, 2007
Hinterm Horizont geht’s weiter. Auch auf Sylt.
Stefan Mack, 2012
Stefan Mack
Nordfriesland für Anfänger
3. überarbeitete Auflage, März 2013
© Ahead and Amazing Verlag, Ostenfeld 2007
Alle Rechte vorbehalten.
Das Werk einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwendung außerhalb der engen Grenzen des Urheberrechtes ist ohne Zustimmung des Verlages unzulässig und strafbar. Dies gilt insbesondere für Vervielfältigung, Übersetzung, Mikroverfilmung und die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen.
Covergestaltung und Layout: Indigo Kid
Alle Bildrechte liegen beim Autor, außer:
Sturmflutbilder © Thomas Diedrichsen, Husum
Printed in Germany
ISBN (Print): 978-3-933305-60-2 ISBN (EPub): 978-3-933305-95-4
Ahead and Amazing Verlag, Jelinski GbR, Magnussenstr. 8, 25872 Ostenfeld
www.aheadandamazing.de
„Warum sollen wir im Urlaub verreisen?Die Leute kommen doch zu uns!“
Unbekannter Gastwirt
Vorwort
Willkommen in der Weite
Friede vor der Haustür
Babylonien an der Küste
Die gnadenlose Buttercremetorte
Ferienangebote
Das Wetter ist hier furchtbar!
Frühlingsgedicht
Ich schnack dich platt
Kleiner Ausflug in die Energiewirtschaft
Reine Formalitäten
Treckerzeit
Die gefühlte Sardinenbüchse
Kunst am Binnenhafen
Die Krallen des Bösen
Wo Nordfriesen baden gehen
Northfrisia Lullaby
Unsere Stadt soll schöner werden
Sport in Nordfriesland
Kenner des Landes
Die Schönheit im Innern
Autofahren im Paradies
Hab Sonne im Herzen!
Die Schatten der neuen Zeit
Lieber Leser!
Ich kenne Sie zwar nicht, aber wenn Sie dieses Buch aus dem Ständer oder Regal gegriffen haben, um es genauer zu betrachten, gibt es eigentlich nur zwei Möglichkeiten.
1. Sie kommen aus der Stadt, sind mit allen Wassern gewaschen und kennen jeden Trick. Sie sind geeicht, sofort nach dem Kleingedruckten zu suchen und alles misstrauisch zu beäugen, ob sich nicht vielleicht an einer Ware ein Minisender befindet, bereit, alle Ihre häuslichen Daten an eine Internet-Werbefirma zu funken.
Super! Dann sind Sie hier in Nordfriesland richtig. Hier können Sie wieder einen Gang zurückschalten und ohne sich umzuschauen über die Straße gehen. Aber da Sie sich schon einmal einen scharfen Blick erworben haben, möchte ich diesen auf die liebenswerten Details richten, die Sie hier vorfinden. Dieses Land führt sie zurück in die Demut vor dem Alltäglichen, weiht Sie ein in die Wunder der Einfachheit und schenkt Ihnen die Anmut des Kleinteiligen. Ehe Sie sich versehen, werden Sie eingefangen vom subtilen Charme einer heilen Welt.
2. Sie sind hier geboren, kennen hier alles und wundern sich, was man darüber Originelles schreiben kann?
Wunderbar. Dann sollten Sie sich sofort mit diesem Büchlein zur Kasse begeben. Sie finden auf diesen Seiten Ihr Zuhause und werden sich hoffentlich an den Feinheiten der hier geschilderten Erlebnisse aus ganz anderen Gründen ergötzen, als diejenigen, die hier nur einmal im Jahr eingeflogen kommen. Oder vielleicht wissen Sie noch gar nicht, dass Nordfriesland einer der schrägsten Landstriche unter allen deutschen Schrägstrichen ist.
Dieses Büchlein versteht sich als kleine Hilfe, einen ganz besonderen Landkreis subtil zu erleben und ein wenig und vor allem augenzwinkernd zu verstehen. Bitte erwarten Sie keine tiefenpsychologische Doktorarbeit und keine soziologische Studie, keine statistische Quer- oder Längsschnitt-Analyse. Wahrscheinlich trägt gerade dieser Umstand auch eher dazu bei, dass Sie Spaß daran haben, diese kleine Einführung in plattländisches savoir vivre zu lesen.
Nun denn: auf zu einer literarischen Wattwanderung! Wir werden uns zwar die Füße nass machen, aber hoffentlich nicht in einen Priel fallen.
Stefan Mack, April 2007
Immernoch irre hier!
Stefan Mack, Februar 2013
Der erste Eindruck ist völlig richtig. Nordfriesland ist tatsächlich flach. Sehr flach. Die höchste wirkliche „Erhebung“ bildet der Sandesberg nordöstlich von Ostenfeld mit seinen immerhin stattlichen 53 m. Das ist höher als Berlin-Mitte, was ihm manche der hiesigen Kartographen und besonders Erdkundelehrer gern absprechen. Aber sonst ist das Land: flach, soweit das Auge reicht. Und das ist weit bei schönem Wetter. Plötzlich versteht man den alten Witz, der besagt, dass man heute schon sieht, wer morgen zum Kaffee kommt. In diesem Spruch ist aber noch mehr enthalten, zum Beispiel, dass Nordfriesen tatsächlich gern zum Kaffee kommen, morgen, übermorgen, am besten aber schon heute. Man muss sie nur dazu einladen, und das ist wirklich die einfachste Sache der Welt. Und hier findet man Städter und Landmann in seltener Eintracht.
Moderne nordfriesische „Skyline“: Rapsfelder und Windmühlen
Denn das Land hinterlässt Spuren. Wo das Auge am verschwimmenden Horizont Halt sucht, da ist auch der Arm ständig bereit, etwas Dingliches zu greifen, ja, zu umarmen, schon um sich zu überzeugen, dass man dieser Leere und Weite doch nicht allein ausgeliefert ist. So muss man die große schriftliche Begrüßung beim Elektrodiscounter im Gewerbegebiet auch als großartige psychosoziale Reflektion verstehen: „Schön, dass Sie da sind!“
So nimmt man doch gern auch etwas in den Arm: DVDs, Festplatten und Waschmaschinen.
Bei dem überwältigenden Raumangebot, das dem nordfriesischen Einwohner jeden Tag geradezu aufgedrängt wird, kann es natürlich auch zu leichten Überreaktionen kommen. Wenig befahrene Straßen verleiten den Autofahrer zu der Ansicht, deren alleiniger Besitzer zu sein. Dann kann das sprichwörtlich freundliche Entgegenkommen der Nordfriesen gefährlich werden – besonders in Kurven.
Aber auch in den Städten hier, wenn man die etwas weniger locker gebauten Ansiedlungen so nennen darf, heißt es vorsichtig sein. Nicht allen Straßenbenutzern ist klar, dass es dafür teilweise sehr komplizierte Regeln und Gesetze gibt. Als Autofahrer tut man gut daran, höllisch aufzupassen. Es sieht oft nicht so aus, als ob Fußgänger damit rechnen, dass die Straße, die sie überqueren wollen, auch noch anderweitig benutzt wird. Zum Beispiel durch den Kraftverkehr.
Böse Zungen (auch einheimische!) behaupten ja, der Husumer fände sich kaum in seiner Stadt zurecht, wenn es nicht so viele Einbahnstraßen gäbe. Das ist meiner Erfahrung nach grundsätzlich falsch und sogar auch gefährlich.
In Einbahnstraßen muss man grundsätzlich mit Gegenverkehr rechnen. Übrigens: Fahrradfahrer, die nebeneinander die gesamte Fahrbahn vereinnahmen und so dem Entgegenkommenden einen Gruppenausflug suggerieren, müssen sich nicht unbedingt gegenseitig kennen. Deshalb heißt es hier besonders aufpassen, ob und welche merkwürdigen Ausweichbewegungen jeder Einzelne macht, wenn er bemerkt, dass plötzlich von vorn ein anderer Verkehrsteilnehmer kommt.
Ich will damit nicht sagen, dass der Nordfriese im Straßenverkehr träumt. Es ist eben nur so, dass man hier tief verinnerlicht hat, Platz zu haben. Urlauber aus hektischen Großstädten sollten sich aber nicht täuschen: dieses Gefühl erreicht auch sie, und wehe, wenn sie dann zurück in ihr dichtbesiedeltes und – befahrenes Straßenlabyrinth kommen. Denn die Folgen wären ungleich schmerzhafter als hier.
Der Nordfriese an sich ist sehr ordentlich. Die Vorgärten sind gepflegt. Um nicht zu sagen: sehr gepflegt. Vielleicht erkennt man die Häuser, die von Zugereisten gekauft wurden, am besten am Vorgarten. Denn nur jemand aus einem urbanen Ambiente, wo jeder Grashalm als kleines Wunder wahrgenommen wird, kann seinen Vorgarten bewusst verwildern lassen und das auch noch schön finden. Für jeden richtigen Nordfriesen bedeutet wirres Grün eine echte Seelenqual, der er abhelfen muss, egal ob es stürmt oder schneit.
Dass die kleinen, abgezirkelten Rasenstücke mit der Nagelschere beschnitten werden, halte ich allerdings für ein böswilliges Gerücht, was sicherlich dadurch entstanden ist, dass man den Gartenbesitzer in sehr gebückter, kniender Haltung sah. In Wirklichkeit glaube ich, wird in dieser Position einfach nur kontrolliert, ob alle Halme auch gleichlang sind.
Dennoch weist der Geräteschuppen oft ein sehr umfangreiches Arsenal auf. Da gibt es dann auch Werkzeuge, die eigentlich für kindliche Sandkastenspiele gemacht scheinen, wenn sie nicht so robust ausgeführt wären. Kein Zweifel, der Besitzer muss einen der hübschen landschafts-typischen Steinwälle in Ordnung halten.
„Na, da komm ich doch rüber!“ - Hiesige Gartenbegrenzungen sind nur der Schönheit verbunden
Nun könnte man annehmen, dass die Ergebnisse dieser aufopfernden, gemeinnützigen Tätigkeit durch Stacheldrahtzäune geschützt werden müssten. Doch so etwas wird man hier nirgends finden. Kniehohe Hecken oder Holzgatter sind die Regel, oft auch Erd- oder Steinwälle in dieser Höhe und manchmal sogar nichts, was man als Abgrenzung bezeichnen könnte. Die Türen darin, wenn es überhaupt welche gibt, sind auf keinen Fall abgeschlossen. Theoretisch kann man in vielen Dörfern quer durch die Gärten abkürzen, was aber natürlich niemand macht. Sicherlich zumeist aus dem hier üblichen, hohen Respekt vor den gärtnerischen Leistungen anderer, eher weniger, um einer Einladung zum Kaffee oder Tee zu entgehen, wenn man dabei ertappt wird.
Friesenzaun – die höchste Begrenzung hierzulande. Schlösser sind ein Sakrileg.
Anders natürlich die Kinder. Der Nordfriese ist durch und durch kinderlieb, was man deutlich an seiner für Rest-Deutschland untypischen Reproduktionsrate ablesen kann.
So kommt es vor, dass ganze Horden von Vier- bis
Zehnjährigen in einer Art durch die Dörfer vagabundieren, dass einem woanders Angst und Bange würde. Hier aber tauchen sie irgendwo über und über schokoladen- und eisverschmiert wieder auf. Aus eigener Erfahrung weiß ich aber, dass nicht alle süßen Gaben von den Hausbesitzern freiwillig angeboten wurden. Das Bewusstsein, hier geliebt zu werden, führt in nicht unwesentlicher Zahl zu überfallartigen „Besuchen“ von Kinderhorden, bei denen kategorisch die Herausgabe besonders der Speiseeisvorräte verlangt wird.
Das einzige Problem sind Katzen und Hunde, denn hier scheiden sich die Geister. Manche mögen sie und haben deshalb welche, die anderen hassen sie zutiefst. Das ist eine der wenigen Gelegenheiten, bei denen hier in Nordfriesland einmal Nachbarn hart aufeinanderprallen. Dabei stößt man manchmal auf Reste archaischen Verhaltens oder die Unbekümmertheit des Landmannes im Umgang mit Nutzvieh. Entsetzte Katzenbesitzer erfahren beim Tierarzt, dass ihr kranker Liebling ein paar Schrotkörner unter dem Fell hatte.
Ausgangspunkt für diese raue Verfahrensweise ist die Markierungssucht der lieben Tierchen, und dieser Ausgangspunkt bezeichnet oft Haustüren, die auch für Menschen in stinkende Schranken vor heimatlichen Territorien verwandelt werden.
Katzen passt auf, wenn ihr fremde Wiesen besucht! Kater „Singer“: Schrot unterm Fell
Bekannterweise lassen sich Katzen schlecht an der Leine halten. Das nordfriesische Freiheitsgefühl führt aber oft dazu, auch Hunden den ungehinderten Gebrauch der Dorfstraßen einzuräumen. Nein – keine Angst, die hiesigen Hunde sind normalerweise genauso friedlich wie ihre Halter. Aber leider produzieren sie sich in wirklich jeder Hinsicht völlig ungeniert, und das gern direkt vor der Haustür. Vor der Haustür des Nachbarn natürlich, nicht vor der eigenen.
Wenn es in Nordfriesland Gezänk und böse Worte, Abgrenzungen, Einschließungen und das Aufstellen restriktiver Schilder gibt, dann nur aus einem dieser Gründe.
Man kann durchaus sagen, dass die Nordfriesen ein sehr friedliches Volk sind. Aber irgendwo hört der Frieden auch auf, und das ist vor der Haustür. Wenn es nämlich nicht mehr ordentlich aussieht.
Der Geländewagen des Landmannes. Man benutzt ihn auch zum Einkaufen.
Um allen Missverständnissen gleich vorzubeugen und als Warnung für alle Einladungen und Eingeladenen: hier in Nordfriesland spricht man platt! Tatsächlich. Nein, kein Scherz.
