Nordroute - Lutz Geisler - E-Book

Nordroute E-Book

Lutz Geisler

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Beschreibung

Nach seiner Pensionierung macht sich Lutz Geisler im Herbst 2014 auf, um sich einen seit 30 Jahren gehegten Traum zu erfüllen: Er will den Himalaya per Mountainbike bezwingen. Er kann noch nicht wissen, dass dieser Reisetermin die vorerst letzte Möglichkeit sein würde, um diese abenteuerliche Reise zu unternehmen - um überhaupt von Tibet nach Nepal zu gelangen. Im Dezember 2016 erfährt Geisler bei einem Telefonat mit BAT und recherchiert danach im Internet, dass diese Biketour von Lhasa nach Kathmandu auf lange Zeit die letzte ihrer Art gewesen ist: "Nach dem Erdbeben in 2015 bleibt der Grenzübergang Zhangmu / Kodari bis heute geschlossen. Die chinesische Grenzstadt Zhangmu wurde nach dem Erdbeben vollständig evakuiert und ist bisher gesperrt. Die Bewohner wurden umgesiedelt. Es gibt keine Planung für Wiederaufbau der Bergstadt Zhangmu und Wiedereröffnung des Grenzüberganges nach Kodari. Es gilt als sehr wahrscheinlich, dass die Grenzstadt Zhangmu endgültig aufgegeben und der Grenzübergang Zhangmu / Kodari für immer geschlossen wird, da die Investitionen in den kommenden Jahren an die Stadt Kyirong und den Grenzübergang Kyirong / Rasuwa gehen werden." Damit bekommt Geislers Buch plötzlich einen neuen Stellenwert: Er dürfte mit seinen fünf Mitreisenden bis auf weiteres der Letzte gewesen sein, der den Himalaya auf dieser BAT-typischen, anspruchsvollen Route befahren durfte. Zum Buch: Geislers abenteuerliche Reise beginnt in Lhasa und führt ihn auf einer Nord-variante des "Friendship Highway" bis nach Kathmandu. Dass diese Reise weltweit nur von einem einzigen Reiseveranstalter (Bike Adventure Tours) angeboten wird, spricht Bände. Auf Natur- und Schotterstraßen überwindet er 1100 Kilometer und 11500 Höhenmeter. Die Erfahrungen, die er macht, und die Menschen, die ihm begegnen, sind so prägend, dass er sie auf über zweihundert Seiten in seinem Buch "Nordroute" teilen möchte.

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Seitenzahl: 210

Veröffentlichungsjahr: 2016

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Lutz Geisler

Nordroute

Erinnerungen eines Culfunbikers

 

 

 

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Inhaltsverzeichnis

Titel

Hauptfächer sind wichtig

Bodensee-Radmarathon 1981

Zürich, zum Zweiten

11.9.2014

Kathmandu, 1. Tag

Sechs Transporter für sieben Mountainbiker

Jakob

Kathmandu, 2. Tag

Mein erstes Bike

Abflug aus Kathmandu, 3. Tag

Lhasa und der Bankomat

Lhasa, 2. Tag. Drepung Monastery und Jokhang Tempel

Lhasa, 3. Tag. Bike-Tour durch Lhasa und Sera-Kloster

Lhasa, 4. Tag. Bank of China und Potala-Palast

Bahnhöfe

Vom Tibet Gang-gyan Lhasa Hotels zum Lāsà zhàn

Von Lhasa nach Yangpachen, 8. Tag und erster Bike-Tag

Königsetappe von Yangpachen nach Majang, 9. Tag und zweiter Bike-Tag

Dongu La

Nach Shigatse!

Shigatse - zweigrößte Stadt Tibets zwischen Tradition und Moderne

Auf dem Friendship Highway bis Kilometer 5.000

Wie man in großer Höhe schlafen kann

Nach Chushar!

Über den Lhakpa La nach Shegar (New Tingri)

Unspektakulär nach Old Tingri

Nach dem „Längsten" kommt das „Höchste" ...

Was heißt „lang" ?

Das „Höchste" ist gar nicht das höchste

Nach dem „Höchsten" kommt das „Größte"

Mount Everest

Von Rongbuk zurück nach Tingri

Tong La oder Lalung La?

Ein Pass noch, dann beginnt der längste Downhill der Welt

Über Superlative: Was gibt es noch außer dem Längsten, dem Höchsten, dem Größten?

Über die Freundschaftsbrücke zum „letzten Ausweg"

Bungee Jumping im Last Resort

Dashain und der Erdrutsch am Sunkoshi

Von Dhulikhel nach Bhaktapur

Die letzten Kilometer: Auf nach Kathmandu!

Räder verpacken, Bhimsen Tower und Durbar Square

Noch einmal Durbar Square und Dharahara Tower

Flight to Zürich

Friedrichshafen

Glossar

Inhalt

Impressum neobooks

Lutz Geisler

N o r d r o u t e

Erinnerungen eines Culfunbikers

Ich widme dieses Buch meiner Familie mit Evi, Florian und Philipp; meinen Reisebegleitern Claude, Katrin, Martin, Theo, Ralph sowie meinen tibetischen und nepalesischen Reisebegleitern Sujan, Tenzing, Gyatso, Tshering, Galtso, Lobsang und Ranzing.

Es ist stockdunkel - das Sternenlicht vermag die mit einer dünnen Eisschicht bedeckte Zeltplane meiner „The North Face"- Behausung nicht zu durchdringen. Und es ist kalt. Genaugenommen saukalt - und das Mitte September. Aber ich befinde mich ja auch auf knapp 5.100 m Höhe mitten in der Pampa und mitten in Tibet - ich habe endlich meinen Traum wahr gemacht und nehme teil an einer Mountainbike-Tour quer durch's Himalaya- Gebirge. Ich kuschele mich noch tiefer ins Innere meines Faserpelz- Innenschlafsacks, der sich wiederum im Inneren eines Hüttenschlafsacks befindet. Mir wird wieder etwas wärmer, und ich beginne zum x'ten Mal in dieser Nacht, „Schäfchen zu zählen", an gar nichts zu denken, einzuschlafen.

Von Tingri zum Basecamp - im Hintergrund der Mt. Everest - im Tal die Ansammlung von BAT-Zelten

Was die extreme Höhe so mit einem anstellt....

Tagsüber ist es noch ganz erträglich. Mir war auch schon vorher klar: Halber Sauerstoffdruck bedeutet halbe Steigleistung, halbe Geschwindigkeit, halbe Ausdauer, doppelte Zeit und ein Verzicht auf jeglichen Sprint, auf jede Aufholbeschleunigung usw. Fast besser als meine durchweg wesentlich jüngeren Reisebegleiter bewältige ich die im Vergleich zu den Alpen durchweg moderaten Anstiege, genieße die karge und trotzdem zauberhafte Landschaft, verständige mich in Zeichensprache mit überraschend zutraulichen Kindern und Yak- Hirten, die uns gelegentlich am Straßenrand erwarten. Nur die Nächte ....

Man diskutiert im Essenszelt bis gegen 22 Uhr mit seinen Reisebegleitern über den vergangenen Tag, über seine eigenen Bike-Erlebnisse, über „Gott und die Welt" und sucht danach sein Zelt auf. Macht Katzenwäsche, tauscht die kaum verschwitzten Bike-Klamotten gegen warme und bequeme Nachtwäsche, mummelt sich in die beiden Schlafsäcke. Und versucht zu schlafen. Die Einschlaf-Phase beginnt angesichts der Anstrengungen des Tages relativ schnell: Du döst ein, verlierst das Gefühl für Raum und Zeit, verlangsamst deine Atmung und „sackst weg" - aber nur für wenige Sekunden, denn dann bemerkt dein Körper den „doppelt verminderten" Sauerstoffdruck - verursacht durch die geringere Atemfrequenz - und du wachst panikartig auf, weil du denkst, du würdest sogleich ersticken. Schnappatmung setzt ein, du bist hellwach. Die ersten, raschen Atemzüge können den benötigten Sauerstoff zunächst kaum transportieren, die Panik bleibt für ein paar Sekunden, aber dann wird es besser und besser, die Atemzüge tiefer und tiefer, und nach wenigen Minuten verliert sich die Panik, und du versuchst erneut einzuschlafen. Dasselbe wiederholt sich nun seit Tagen hunderte von Malen in jeder Nacht, und eigenartigerweise bin ich tagsüber einigermaßen fit. Offensichtlich wirkt sich Schlafentzug weit weniger dramatisch aus als Sauerstoffentzug. Doch das kann andererseits so nicht weitergehen - schließlich ist das hier auch ein Stück Urlaub und kein Survival-Training.

Hochebene zwischen Tingri und Basecamp

Es gibt etwa ein halbes Dutzend Reiseveranstalter, die meinen „Traum" „all inclusive" im Programm haben. Der preiswerteste kommt aus Nepal, überlässt dir die Planung der Flugreise von deinem Heimatort nach Kathmandu und ist alles in allem etwa halb so teuer wie „BAT". Dann gibt es die „klassischen" deutschsprachigen Anbieter, die jedoch alle bis auf einen dieselbe Route anbieten: Sie fahren fast durchwegs auf dem „Southern Friendship Highway" von Lhasa am Yamdrock-See vorbei durch Gyantse und Shigatse - eine Route, die Tibet-Kenner noch vor Jahren ähnlich wie vor der berüchtigten Yungas-Straße (camino de la muerte) von La Paz nach Coroico in Bolivien vor Respekt schaudern ließ.

Im Buch „Vom Everest zur Atacama" schreibt noch im Jahre 2007 Holger Feist, der die Strecke in der Gegenrichtung befahren hat, über die Straße zwischen Zhangmu und Nyalam: „Die Bezeichnung Highway ist etwas irreführend, denn die Straße ist weder asphaltiert noch in einem Zustand, der überhaupt die Bezeichnung Straße rechtfertigt. Es ist ein ausgewaschener Karrenweg, der sich im Tal der hiesigen Fünftausender am Abgrund steiler Bergflanken entlangschlängelt und sich endlos das wunderschöne Tal hinaufwindet.... Wir fragen uns nur, wie unser Truck ... den nassen und ausgewaschenen Weg, der zum Teil von kleineren Steinlawinen überschüttet ist, hinaufkommen soll ..."

Über den „Friendship Highway" in Zentral-Tibet schreibt er: „Der Weg ist übersät mit Steinbrocken und Schlaglöchern. Durch das trockene Klima ist das Sträßchen sehr staubig, und wenn einmal ein Truck vorbeifährt, stehen wir minutenlang orientierungslos im Staub ..."

Seit 2011 ist die Südroute bis zum Grenzort Zhangmu jedoch durchgehend asphaltiert, stellenweise sogar in westlicher Schnellstraßenqualität, sodass von „Bike-Abenteuer" kaum mehr gesprochen werden kann. Einzig „BAT" bietet die Trans-Himalaya-Tour auf der Nordroute an, und die ist zumindest von Yangpachen bis zum Brahmaputra ähnlich abenteuerlich wie der Rest der Route früher war.

Also BAT? Der teuerste Anbieter hat noch weitere Schmankerl im Angebot: Die längste Akklimatisierungsphase von 4 Tagen in Lhasa auf 3.650 m Höhe, viele im Preis inbegriffene Besichtigungen und - das stellt sich aber erst vor Ort heraus - wegen der wenigen (5) Teilnehmer ein einzigartiges Zahlenverhältnis Biker-Begleiter von 1:1,2 und ein eigenes „The North Face"-Zelt pro Nase. Der durch seine Weltreisen per Rad bekannt gewordene Genfer Claude Marthaler sollte uns begleiten.

Warum ich diese Reise, wo sie doch ein Traum ist, nicht schon früher wahrgemacht habe? Einfache Antwort: Ich war Realschullehrer für Mathematik und Biologie und hätte zwar jeden Sommer von Ende Juli bis Anfang September genügend Zeit gehabt, eine solche Reise anzugehen, nur: In dieser Zeit ist im Himalaya Monsun, die Naturstraßen versinken im Morast, und kein Reiseanbieter würde sich auf ein derartig unsicheres Wetter-Abenteuer einlassen. Und kaum ein Tourist. Also blieb nur die Zeit nach der Pensionierung. Dann aber gleich.

So fuhr ich bereits im Januar mit meinem Freund Jakob zum alljährlichen Infotag von Bike Adventure Tours nach Zürich, wo im Volkshaus Powerpoint-Vorträge zu diversen Reisezielen stattfanden - außerdem sollten bereits feststehende Reiseleiter vorgestellt werden. Bereits da war ich vom designierten Führer der diesjährigen Tibet-Nepal-Tour, Claude Marthaler fasziniert. Claude hat bereits mehrere Reisebücher geschrieben (1) und nennt sich selber Cyclonaut, was ich im Internet folgendermaßen recherchiert habe: Ein Cyclonaut (2) ist ein Radfahrer, der den heutigen Straßenverkehr als lebensgefährlichen, aber hochinteressanten Raum betrachtet, den er erkunden und möglichst vollständig erforschen will. Er kann dabei verschiedene Rollen wie Aktivist, Wegbereiter, Vorbereiter, Whistleblower und Blogger einnehmen.

In Zürich konnte Claude zwar wenig von der Tour berichten - das taten dann andere - er überzeugte jedoch durch seine ehrliche und humanistische Weltanschauung.

Hauptfächer sind wichtig

Geht man der Frage nach, warum auch ich mich wie Claude von Jahr mehr als ein Süchtiger, dem Fahrrad Erlegener betrachte, der mittlerweile in seinem Wohnort als eine Art „Supersportler" angesehen wird (, und das völlig zu Unrecht, denn ich bin im Kreise meiner noch Radrennen absolvierenden Kollegen ein wahrhaft „kleines Licht"!), muss man unweigerlich in meiner Kindheit suchen.

Es war wohl im Jahre 1961 oder 1962, und ich besuchte die erste Klasse (Sexta) des Schubart-Gymnasiums in Ulm. Verwöhnt von guten bis sehr guten Noten aus der Hans-Multscher-Grundschule, wollten meine Eltern - speziell mein Vater - nicht einsehen, dass einem ähnlich gute Noten im Gymnasium nicht zufallen, sondern dass man sie durch vermehrten Fleiß erarbeiten muss. Er sagte den folgenschweren Satz: „Hauptfächer sind wichtig und werden dein Leben bestimmen. Deshalb erwarte ich dort gute Noten. Die meisten Nebenfächer sind fast so wichtig. Unwichtig sind dagegen Sport und ... (das traue ich mich nicht zu schreiben ...). Die Noten, die du dort nach Hause bringst, sind mir egal." Und weiter der berühmte Satz: „So lange du noch deine Füße unter meinen Tisch stellst, werde ich bestimmen, was für dich wichtig zu sein hat ..." Sprach's und hatte mal wieder ein Beispiel seiner „antiautoritären" Erziehung gegeben. (Allerdings wurde dieser Begriff erst in den Siebzigern modern.)

Für mich waren diese Sätze ein Freibrief. Ein Freibrief erst zum Herumkaspern im Sportunterricht und später, als Heranwachsender, zum Schwänzen des Sportunterrichts. Ich, der schon im Grundschulalter keinen Bezug zu Bällen und Ballspielen hatte, erweiterte meine Bezugslosigkeit um Leichathletik und Geräteturnen, um Bodenturnen und alles, was nicht im Wasser stattfand und die Bezeichnung „Sport" trug. Im Wasser hatte ich merkwürdigerweise mehr Spaß, und so waren über 13 Schuljahre die befriedigenden Schwimmnoten das Beste, was ich in Sport zu bieten hatte. Als ich in den letzten Jahren meines Lehrerdaseins immer wieder von Schülern gefragt wurde: „Und hatten Sie niemals eine Fünf?" musste ich antworten: „Doch, in Sport." Und dann folgte stets das gleiche Rätsel: „Ich hatte in 13 Schuljahren einmal eine Fünf und einmal eine Drei. Was hatte ich wohl in den restlichen 24 Zeugnissen?"

Richtig geraten! Wobei meine Schwimmnoten die durch die verheerenden sonstigen Sportnoten entstandene Gesamtnote nur minimal aufgebessert hatten - meinem Vater war's egal. Bei den Kladden zu den Bundesjugendspielen waren meist die Leistungen, die ich erbracht hatte, nicht aufgeführt - also meistens null Punkte. Ich selber merkte erst nach einigen Jahren, in welch aussichtslose Position ich mich dabei manövriert hatte: Für Mitschüler oft ein Außenseiter zu sein, den man beim Fußballspielen notgedrungen ins Tor stellte und darauf hoffte, dass kein Angriff auf's Tor erfolgte. Einer, der auch für Sportlehrer eine unrühmliche Rolle in der Mannschaft spielte. Wobei mancher Sportlehrer - heute im Nachhinein betrachtet - ebenfalls eine unrühmliche Rolle spielte, dem Pädagogik fremd zu sein schien.

So z.B. „Hi". Im Schülermund wurde Herr Hierlewang (Name geändert) „Hi" genannt, wobei „Matt Dillon" die genauso treffende Bezeichnung gewesen wäre. Er stand nämlich in „Zivil" (Hi trug niemals Sportkleidung!) neben dem Schwimmbecken oder neben dem Spielfeld, hatte seine beiden Daumen zwischen Gürtel und Hosenbund geklemmt, machte niemals etwas vor und lästerte lieber über schwache Schüler: „Na, Geisler, du Flasche? Nichts drauf heute? ...." usw. Pädagogik 1963. Matt Dillon, der Titelheld der damals im Schwarz-Weiß-Fernsehen laufenden Serie „Rauchende Colts", stand ähnlich da: Daumen zwischen Revolverhalfter und Jeans geklemmt, spöttischer Blick. Heute noch, wenn ich eine TV-Wiederholung von „Rauchende Colts" sehe, fühle ich mich auf unschöne Weise an Hi erinnert.

Nur zwei Mal konnte ich Hi verblüffen: Das erste Mal beim Tauchen im Lehrschwimmbecken der Schule, 50 m lang und 16 2/3 m breit. Als ich nach Abstoß am Beckenrand die dritte Breite in Angriff nahm und die 50 m voll machen wollte, bekam Hi einen ersten Eindruck davon, welch gute Lunge in einem solch schwachen Körper zu stecken schien. Angeblich - so berichteten mir hinterher Mitschüler - wollte er mich herausholen lassen, weil er einen Tiefenrausch befürchtete. Ein paar Wochen später trug er uns auf, in unserer Freizeit für den 5.000 m-Lauf zu trainieren, was ich natürlich nicht tat. Als dann Noten gemacht wurden, lief ich auf Anhieb ein bisschen länger als 17 Minuten, was Hi erstmals ein Zeichen des Respekts abrang.

In diesem Schuljahr hatte ich die „Drei" im Sport.

Schon in jungen Jahren faszinierte mich das Fahrrad als ideales Fortbewegungsmittel. Es machte mich frei, und da mein Vater als überzeugter Eisenbahner und Nutznießer unzähliger „Personalfahrkarten" die Anschaffung eines Autos ablehnte - er hätte sich das Auto auch nur schlecht leisten können - sehnte ich den Tag herbei, an dem ich mit meinem ersten selbstverdienten Geld mein erstes eigenes Fahrrad kaufen konnte.

Wir hatten damals in Riedlingen an der Donau gewohnt. Bei meinem ersten Sommerferienjob im VW-Autohaus der Kleinstadt war ich 14 oder 15 Jahre alt, und der Job war lausig: Lackieren der unterirdischen Treibstofftanks ohne vorherigen Rostschutz, das hieß wieder von vorne anfangen, wenn man hinten fertig war. Außerdem säuberte ich verkalkte Werkstattfenster und schleppte gemeinsam mit VW-Azubis einmal einen VW-Boxermotor von der rechten auf die linke Seite der Werkstatt, was diese köstlich amüsierte (ich war damals ziemlich klein und unbeholfen). Der Arbeitslohn von 1,98 DM pro Stunde erscheint mir heute lächerlich, versetzte mich aber damals nach Empfang der sprichwörtlichen Lohntüte in den Status eines steinreichen Industriekapitäns. Mein erstes eigenes Rad, ein dunkelviolettes Herkules-Stahlrad mit Columbusrohren und roter Sachs-Dreigangschaltung, kostete 298.- DM, bei ca. 320 DM Monatslohn blieb sogar noch etwas übrig für die „Must-have"-Radlaufglocke und einen Sportanzug. Das Rad hielt übrigens noch lange über mein erstes wirkliches Radsportereignis, die Bodenseerundfahrt 1981 über 200 km, hinaus, wurde also über 25 Jahre von mir gehegt und gepflegt. Mitte der neunziger Jahre wurde es vom Fahrrad-Abstellplatz meiner Schule gestohlen.

Bodensee-Radmarathon 1981

Schon mit dem Herkules-Vorgänger hatte ich im zarten Alter von 11 oder 12 Jahren meist gemeinsam mit meinem Bruder Volker ausgedehnte Radtouren von Ulm nach Illertissen, Blaubeuren, Niederstotzingen und Lonsee unternommen.

Als ich dann das Herkules-Rad besaß, unternahm ich Touren von Riedlingen ins nahegelegene Donauried, an den Illmensee, nach Mengen, auf den Österberg und an Zwiefalten und der Wimsener Höhle vorbei nach Hayingen.

Während der Bundeswehrzeit und in den Jahren als junger Familienvater verstaubte und verharzte das gute Herkulesrad im Keller, wurde aber nach dem Umzug der noch jungen Familie nach Friedrichshafen wieder interessant.

Bodensee-Rundfahrt (3) über 200 km? Davon hatte ich so oft gehört - zuerst vor vielen Jahren von meinem Vater, der ganz stolz darauf war, die 200 km außerhalb der Veranstaltung in einem Kurzurlaub in drei Tagen bewältigt zu haben. Ich wollte mehr und gemeinsam mit den nach damaliger Vorstellung lächerlich bunt gekleideten Radsportlern mit Sturzring (Sturzhelme gab es noch nicht) die Strecke an einem Tag bewältigen. Also meldete ich mich beim OK an. Am Starttag Anfang September regnete es fürchterlich, was die Stimmung schon drückte, dann machte sich auch noch der Mann an der Startnummernausgabe über mein geliebtes, seiner Meinung nach viel zu kleines 26'er Rad (mittlerweile war ich 1,87 m groß) lustig. Ein wenig aus Trotz, aber auch, um dem Dauerregen möglichst schnell zu entkommen, überholte ich viele Radsportler mit High-End-Ausrüstung und war am Ende nach etwas mehr als 9 Stunden (das entspricht einem 22'er-Schnitt) am Ziel. Das ungläubige Staunen des Mannes an der Startnummernausgabe war der Impuls für eine fast lebenswichtige Entscheidung: Zwei Wochen später besaß ich mein erstes Kotter-Renn-Sport-Rad (4).

Aber nur ein Jahr lang. Ich war nämlich der Meinung, an diesem „Rennrad" - es hatte noch Gepäckträger, Licht und Schutzblech, aber bereits Pedalhaken - meine Kräfte voll ausleben zu können, und fuhr erst flache und kleine Berge wie den Heiligenberg und den Höchsten, kurz darauf aber immer längere Berge wie den Pfänder und steilere Berge wie den Gehrenberg (39). Wie glücklich war ich, als ich das erste Mal ohne Absteigen die steile Rampe bei Allerheiligen bezwang!

Doch das „Rennrad" dankte es mir nicht. Ständig brachen Speichen, alle paar Wochen war ich bei meinem Radhändler „Manne" zum Speichenersetzen oder zum Nachzentrieren. Der meinte irgendwann, als er das Nachzentrieren leid war, nur lapidar: „Das Rad ist für Normalos und nicht für Kraftbolzer gebaut ..." Oder: „Den Gehrenberg fährt man auch nicht mit dem Rad - das ist was für Autos ...!" Als nach knapp einem Jahr auch noch die Speichen aus den nicht geösten Felgen rissen, hatte ich genug: Eine Rennmaschine musste her.

So erstand ich 1986 meine erste Kotter-Rennmaschine: Rahmen anthrazit metallic, komplette Dura Ace-Ausstattung, 2745.- DM. Ich war „stolz wie Oskar".

„Hauptsach' g'fahra" und „s' isch älles eba"

Die meisten Mountainbiker und Rennradfahrer sind meiner Erfahrung nach wahre Kulturmuffel. Hat man eine auch kulturell interessante Tages-oder Halbtagesfahrt ausgearbeitet, so ist die Reaktion schwäbischer Radsportkollegen darauf eher ein abweichendes „Muss net sein" und ein überzeugtes „Hauptsach' g'fahra!" als eine uneingeschränkte Zustimmung. So war es zum Beispiel, als ich Ende der neunziger Jahre eine Elsass-Rundfahrt ausgearbeitet und ins Jahresprogramm übernommen hatte. Die Strecke, die Unterkünfte, das Wetter, die Kameradschaft, ... alles war toll. Aber wir hatten kein einziges Schloss, kein historisches Haus, keine Stadtmauer und kein typisch elsässisches Restaurant aus der Nähe gesehen. Geschweige denn besichtigt. Vogesen und Lothringen 2006, Pyrenäen 2008 - dasselbe. Wobei meinen Vereinsangehörigen Berge sowieso am liebsten sind, denn „s' isch älles eba" (es ist alles eben, denn da Start-und Zielort meistens identisch sind, sind auch deren Meereshöhen identisch, und daher kommt als Differenz der beiden Höhen null heraus - die Zwischenhöhen lässt man großzügig weg).

Ein halbtägiger von mir ausgearbeiteter Paris-Rundgang anlässlich unserer Fernfahrt zur „Arrivée du Tour": Ebenfalls dasselbe. Die meisten wären lieber in den Vororten herumgeradelt anstatt sich die Notre Dame, die Sacré Cæur oder die Tuilerien anzusehen. Und so verlief der Nachmittag - um niemanden zu kränken - weder mit Rundgang zur Sacré Cæur noch mit Herumradeln. Man ging in die nächstbeste Brasserie.

Für mich persönlich erfüllt das Rad neben seinem sportlichen Zweck eine Vielzahl anderer Zwecke: Einigermaßen trainiert, ist man schneller von Innenstadt-Einkäufen wieder zurück als mit dem Auto. Man kann man die meisten Dienstgänge, Dienst-und Familienfahrten ökologisch mit dem Rad absolvieren und gleichzeitig noch eine Trainingseinheit integrieren. (So hatte ich auf diversen Fahrten zu Lehrgängen und Realschulabschlussprüfungen einfach „Zivilklamotten", Unterrichts-und Prüfungsmaterial im Rucksack). Man kann auf ökologische Art und Weise Land, Leute und Kultur kennenlernen. Ähnlich wie es als Kombination von Klettern und Biken neuerdings eine „Bike&Hike"-Welle gibt, so betrachte ich mich daher „denglisch" als „Culfunbiker" (von mir zusammengesetzt aus culture, fun und biking).

Zürich, zum Zweiten

Das erste Treffen der Reisegruppe fand dann im Sommer, abermals in Zürich, an einem warmen Sommerabend im Biergarten des Restaurants „Subito" nicht weit weg vom Hauptbahnhof statt. Neben Claude waren zwei weitere Schweizer anwesend: Ralph, ein IT-Spezialist und später mein leistungsstärkster Begleiter, sowie Theo, der langjährige Ex-Chef von „Veloplus", einer bekannten Schweizer Outdoor-Kette. Dann Martin, ein österreichischer (Klagenfurter) Ex-Mathelehrer (und damit Kollege) mit IT-Engagement in Zürich und meine Wenigkeit. Meine Ehefrau Evi war ebenfalls interessiert und somit bei diesem Treffen dabei. Katrin, eine Ulm-münchnerische Reiseverkehrs-Kauffrau mit Weltreise-Ambitionen fehlte leider. Machte ganze 5 Personen inklusive Guide. Ich fragte die ebenfalls anwesende BAT-Mitarbeiterin Marlise, ob dann die Reise überhaupt stattfindet.

„Molmoll, ja sich'r ..!"

Was sie noch nicht wusste oder nur nicht sagte: Wenig später bekamen wir alle ein Schreiben von BAT mit der Bitte um Überweisung eines „Kleingruppenzuschlages" von 250 Franken.

Wir unterhielten uns über uns alle drängende Fragen: Wie würden wir mit der Höhenkrankheit umgehen? Besteht die Gefahr für ein Lungen-oder Hirnödem? Was ist mit pochenden Kopfschmerzen, Atemnot, Schwindel, Erbrechen, Herzrasen, Schlaflosigkeit? Gibt es wirklich tödliche Gefahren? (Laut Literatur beginnen die ab 6.000 m - wir sind mit unseren 5.300 m ja nicht weit davon entfernt.) Sind Medikamente wie Diamox vernünftig, oder ist wegen der Nebenwirkungen eher davon abzuraten? Claude und Marlise rieten uns ab und hielten es sogar für Geldverschwendung, prophylaktisch Diamox mitzunehmen: So scheint es bei leichter Höhenkrankheit kaum wirksam zu sein, und bei schwerer Höhenkrankheit müssen schon schwerere Geschütze wie Dexamethason aufgefahren werden. Und Letzteres wollte Claude als Reiseapotheke „für alle" in jedem Fall mitnehmen. Jedenfalls war ich als ziemlich aktiver Rennfahrer mit jährlich über 10.000 Radkilometern froh, offensichtlich in einer Gruppe von engagierten Hobbyradlern gelandet zu sein - allerdings würden so oder so die zu fahrenden Höhenmeter oder die Länge einer Tagesetappe weniger ein Problem darstellen als die Höhenakklimatisation.

Claude und Marlise schärften uns außerdem noch ein, ja keine Bilder des Dalai Lama und keine kritischen Abhandlungen über die Rolle Chinas in Tibet mit auf die Reise zu nehmen, „da sind die Chinesen gnadenlos ..., und ihr könntet im Knast landen ...!" Die Frage, welchen Reiseführer sie denn dann empfehlen könnten, wo doch (fast) alle Reiseführer eben diese Bilder und Abhandlungen enthalten, blieb unbeantwortet.

11.9.2014

Evi begleitet mich auf der Fähre Friedrichshafen- Romanshorn, im IC Romanshorn- Flughafen Zürich. Beim vereinbarten Treffpunkt in der Nähe des späteren Check-In treffen wir auf einen BAT-Mitarbeiter. Ich hole mein Simplon Carbon-Bike aus dem TranZBag-Radsack (5), ohne den ich es schwer gehabt hätte, das Rad per IC zu transportieren, gebe den Radsack auf einer Gepäckaufbewahrung in derselben Etage ab und helfe dem BAT-Mann, mein Bike in einen stabilen BAT-Karton zu verpacken. Später kommen Martin, Ralph, Theo und Claude, die alle ihre Bikes in diese Kartons verpacken, die Kartons doppelt und dreifach zukleben und dann nebeneinander aufstellen. Die Kartons werden uns später durch ganz Tibet und Nepal begleiten und werden dann ziemlich lädiert nach unserer Ankunft in Zürich entsorgt werden. Claude ist mit seiner Freundin angereist (sie würde ihn später wegen seines „Freiheitsdrangs" verlassen), Ralph und Theo mit Frau. Katrin würde erst in Istanbul nach der Zwischenlandung auf uns treffen.

Der Flug von Zürich nach Istanbul ist gekennzeichnet von fortwährendem Gequassel - der Beweis, dass man aneinander interessiert ist und sich kennenlernen will. In den weitläufigen Gängen und Hallen des Flughafens „IST" gibt es dann WLAN, und da niemand von uns weiß, ob die Internetversorgung in Nepal einigermaßen lückenlos funktioniert, sind die meisten von uns noch einmal mit dem Verschicken und Checken der letzten Mails beschäftigt.

Ab Istanbul ist Katrin mit im „Boot", aber nicht auf den billigen Plätzen. Sie hat als Vielfliegerin Anspruch auf einen höherwertigen Sitzplatz. Mein eigener Sitzplatz ist dagegen eher minderwertig: Da er weder in der Höhe noch im Seitenabstand oder in der Neigung verstellbar ist, der des Vordermanns aber sehr wohl, bietet er während des Nachtflugs nach Kathmandu kaum Erholung. Dazu kommt, dass der Vordermann - ein Chinese - sich zum Schlafen bequem zurücklehnt und meine Knie dadurch einquetscht. Meine Bitte, er möge doch seinen Sitz wieder etwas steiler stellen, ignoriert er schlichtweg. Verständnisprobleme oder chinesisches „way of life"? Da das Flugzeug voll besetzt ist und ein Alternativplatz daher nicht zur Verfügung steht, bin ich froh, nach acht Stunden und durchwachter Nacht gegen 6 Uhr morgens - 15 Minuten früher als im Flugplan - wohlbehalten auf dem Flughafen von Kathmandu anzukommen. Wobei „wohlbehalten“ sich nicht auf steifen Nacken und steife Knie bezieht.

Kathmandu, 1. Tag

Kathmandu! Für Leute wie mich, die sich noch gut an die Bahnhöfe und Autobahnraststätten der DDR erinnern, ist dieser Flughafen in seiner Ausstattung mit denselben vergleichbar, in der Größe vielleicht mit Friedrichshafen. Und das bei knapp 1 Million Einwohnern! Traktoren statt Rollbahn-Zugmaschinen, Wellblechtunnels statt Beton, Stahl und Glas, stinkende Pissoirs statt großzügig geplanter und pieksauberer Toiletten-„landschaften" und immer wieder geschäftig wirkende Gurungs, Tamangs, Sunwars usw., die schon morgens um sieben mit dreckigen Lappen und noch dreckigerem Wischwasser auf den gesprungenen Großformat-Fliesen der Eingangshalle einen gräulich-weißen Dreckfilm erzeugen.

Namaste! (6)

Die Abfertigung ist trotz der allgegenwärtigen Polizeipräsenz schnell passiert, und wir Sechs „quellen" aus dem Flughafengebäude auf den Parkplatz „Arrival", wo wir sogleich von unzähligen Kleinbus-Chauffeuren umringt werden. Ich bin der Größte, Älteste und Weißhaarigste der Sechs und werde entsprechend umworben. Schnell stellt sich heraus, dass einer der Chauffeure tatsächlich im Auftrag von BAT handelt, aber er tut dies nicht umsonst. Er verlangt keck zehn Dollar für seine Dienste - ich gebe ihm widerstrebend 5 Euro. Und befinde mich in einem Zwiespalt: Angeblich sollten sämtliche Transfers inklusive sein, andererseits sind die Männer hier ohne Zweifel arme Mini-Jobber. Jedoch 10 Dollar? Der durchschnittliche Wochenlohn eines Nepalesen rangiert auf Platz 94 knapp hinter Bangladesch und weit hinter Indien (von 97 erfassten Ländern - Quelle: Laenderdaten.Info) und liegt bei 10 €. Später lasse ich mir sagen, dass die 5 Euro, also 600 Rupien wohl ganz OK waren - uff! Ganz nebenbei bekommen wir alle eine Blumenkette aus gelben Blüten umgehängt - ein Zeichen der Begrüßung und der großen nepalesischen Gastfreundschaft.

Schild am Bus: Tourists only. Mit fällt auf, dass die Busse und Kleinbusse - meist japanisches Fabrikat - mit dem Schild „Tourists only" neueren Baujahrs und außen stets pieksauber geputzt sind. Die morgendliche Fahrt mit Linksverkehr durch's gerade erwachende Kathmandu, durch versiffte und vom Monsun veralgte Hochhaussiedlungen, über Schlaglöcher voller Pfützen und durch lehmigen Morast, vorbei an zum Trocknen aufgehängter und irgendwie dreckig erscheinender Wäsche, vorbei an stoischen, schwarzen Rindviechern und räudigen, kläffenden und bestimmt bissbereiten Hunden versetzt mir einen Kulturschock. Zumal das morgendliche Kathmandu nicht wie kaum vier Wochen später im Sonnenschein und trocken - gleichsam wie aus „1001 Nacht" - strahlt und eher lieblich wirkt, sondern durch den Regen etwas Bedrückendes und Beklemmendes in sich hat.