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Ein Baby zu bekommen, ist das größte Glück. So die Erwartung. Doch zehn bis zwanzig Prozent aller Mütter geraten nach der Geburt in eine schwere Krise, die sogenannte postpartale Depression. Liebevolle Gefühle für ihr Kind bleiben aus, Traurigkeit, Ängste, Aggressionen und Schuldgefühle bestimmen den Tag. Hinzu kommt oft das Unverständnis von Familie und Freunden. In diesem Buch erzählt die Journalistin Petra Wiegers die bewegenden Geschichten von vier Frauen, die nach einem - zum Teil sehr schweren - Leidensweg durch die Depression wieder Lebensmut und Liebe für ihr Kind gefunden haben. Die Psychiaterin Susanne Simen ordnet die Geschichten in einen therapeutischen Kontext ein. Ein Buch, das aufklärt, berührt und Mut macht.
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Seitenzahl: 275
Veröffentlichungsjahr: 2016
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Cover
Haupttitel
Inhalt
Über die Autorin
Über das Buch
Impressum
Hinweise des Verlags
Petra Wiegers
Nur die Liebe fehlt
Von Depression nach der Geburt und Müttern, die ihr Glück erst finden mussten
Patmos Verlag
Einleitung
Erste Begegnung – Mavi und die Suche nach der Perfektion
Zweite Begegnung – Isabel und die bereute Mutterschaft
Dritte Begegnung – Sarah mutterseelenallein
Vierte Begegnung – Charlotte und die Angst vor der Angst
Eine glückliche Mutter ist für die Kinder segensreicher als hundert Lehrbücher über die Erziehung.
Johann Heinrich Pestalozzi
Für Ida und Theo!
Danke für deine liebevolle Unterstützung und Geduld, Stefan!
Danke, Mama und Papa.
Es gibt kaum ein größeres Tabu in unserer Gesellschaft: Eine Mutter liebt ihr Baby nicht! »Postpartale Depression« lautet ein Grund dafür – kalt und klinisch. Wie kann es passieren, dass Mütter – quer durch alle gesellschaftlichen Schichten – nach der Geburt ihres Babys nichts empfinden?
Dieses Buch soll zwar auch Antworten geben. Aber in erster Linie soll es wachrütteln. Es soll den Frauen Mut machen, die sich bisher nicht getraut haben, über ihre Krankheit zu sprechen. Die meisten Frauen, die unter einer postpartalen Depression leiden, können sich niemandem anvertrauen. Selbst den engsten, liebsten Menschen nicht. Zu groß ist die Scham, die Angst als verantwortungslose Egoistin oder gar als Monster zu gelten. Zu groß sind auch gleichzeitig die Schuldgefühle dem Baby gegenüber:
»Wie kann das sein, dass ich dich nicht liebe?«
Dieses Buch soll jungen Müttern helfen, sich zu öffnen, Angehörigen helfen, die richtigen Schlüsse zu ziehen und Mitmenschen helfen, genauer hinzusehen.
Die Geschichten von Mavi, Isabel, Sarah und Charlotte machen vielleicht ein bisschen klarer, wie diese Krankheit entstehen kann. Und wie schnell sie voranschreitet, wenn Frauen weiter Skrupel haben (müssen), sich in ihrer Not zu öffnen.
Das Muttersein ist offenbar immer noch ein Mysterium! Denn im Laufe meiner Recherche haben Frauen immer wieder zu mir gesagt: »Das hatte mir niemand vorher gesagt« oder »So habe ich mir das nicht vorgestellt.« Das Idealbild der sich aufopfernden, überglücklichen, selbstlosen Mutter, die vor Freude schier zerplatzt, wird heute gepaart mit den Ansprüchen der modernen Welt und der Selbstoptimierung. Und an diesem Bild »Übermensch Mutter« zerbrechen viele Frauen. Der Druck auf die Frauen ist groß: Sie wollen gute Mütter sein, sich liebevoll um ihre Kinder kümmern, schnell wieder zurück an den Arbeitsplatz. Sie wollen bewusst leben, sich gesund ernähren, sportlich, gepflegt, modisch und attraktiv sein. Ja, und dann wollen sie natürlich auch noch eine gute Ehe führen. Sex haben. Und das alles bitte mit der gebührenden Leichtigkeit! Dabei ist doch die einhellige Meinung: Wir Frauen haben es eigentlich gut im Vergleich zu unseren Müttern und Großmüttern. Uns steht die Welt doch offen. Aber viele Frauen wollen alles – und sie wollen alles ganz perfekt!
»Es scheint (…), als verkläre eine Art von illusorischem Heiligenschein die Wirklichkeit des Mutterseins. Zukünftige Mütter träumen nur von Liebe und Glück. Sie ignorieren die Kehrseite der Medaille: Erschöpfung , Frustration, Einsamkeit, ja sogar Entfremdung und die damit einhergehenden Schuldgefühle.«
Elisabeth Badinter: Der Konflikt – die Frau und die Mutter1
Eine Psychiaterin erzählte mir im Laufe meiner Recherche: Die häufigste Todesursache junger Mütter ist der Suizid! Zu viele junge Mütter scheitern heute an einem völlig überhöhten Idealbild der Mutter. Das ist nur eine Ursache, die eine postpartale Depression begünstigen kann. Jede vierte Mutter erleidet eine Depression nach der Geburt ihres Kindes. Aus ganz unterschiedlichen Gründen.
Was sind das für Frauen, die ihre Kinder nicht lieben können? Sind es Frauen, die vorher schon einmal erkrankt waren, oder trifft es junge Mütter wie ein Sommergewitter – ganz ohne Vorankündigung? Sind es eher gebildete oder eher ungebildete Frauen, leben sie eher in glücklichen oder unglücklichen Beziehungen? Die Antwort ist: Es kann alle Frauen treffen! Und darum erzähle ich hier die Geschichten von vier Frauen, deren Krankheitsverläufe exemplarisch sind für die vielen Geschichten, die ich während meiner Recherche gehört habe. Diese vier Frauen leben mitten unter uns – wir sehen in ihnen aber vielleicht nur die glückliche junge Mutter, die sie nach außen hin vorgibt zu sein.
Ich möchte mit diesem Buch nicht den Eindruck erwecken, Kinderkriegen sei schrecklich. Aber ich möchte dazu beitragen, mit einem Mythos aufzuräumen. Dem Mythos der perfekten Mutter! Im 21. Jahrhundert wäre es wünschenswert, Frauen die Wahrheit über den Vorgang einer Geburt und die Mutterschaft zu sagen. Und zwar BEVOR sie schwanger werden. Denn mit all dem Wissen wären Frauen besser auf ihre neue Rolle vorbereitet. Denn diese Rolle ist nicht nur von Glück und unbeschreiblicher Liebe geprägt, sondern eben auch von der Realität, die das Muttersein in der heutigen Gesellschaft bestimmt. Und die ist manchmal hart und einsam. Es sollte in unserer Gesellschaft möglich werden, offen darüber zu reden, dass das Muttersein auch (Start-) Schwierigkeiten mit sich bringt. Und allzu häufig eben in Form einer postpartalen Depression! Durch eine Entmystifizierung wird sicher keine postpartale Depression verhindert, aber durch einen offenen Umgang damit könnten Frauen leichter über psychische Probleme nach der Geburt ihrer Kinder sprechen.
Ich erzähle die Geschichten von Mavi, Isabel, Sarah und Charlotte. Es sind die Geschichten von vier Frauen, die mit der Geburt ihrer Kinder ihr Leben und die Liebe erst einmal verloren haben. Es ist die Suche nach der eigenen Rolle in einem völlig neuen Leben. Diese neue Rolle als Mutter muss von allen Frauen gleichermaßen erlernt werden. Wenn das für eine Frau besonders schwer ist, begünstigt das die Entstehung einer Depression. Manche Depression beginnt schon in der Schwangerschaft, manche erst nach der Geburt oder eben noch später. Auch führt die postpartale Depression nicht automatisch immer dazu, dass eine Mutter ihr Baby nicht lieben kann. In der Depression ist es vielen Frauen möglich, ihr Kind anzunehmen und Liebe zu spüren. Aber die Energie fehlt. Und damit sind alle Gefühle reduziert. Manche Frauen hassen aber einfach ihre neue Rolle als Mutter und können sich darin nicht wiederfinden.
Ich hoffe, anhand dieser vier Geschichten zeigen zu können, wie unterschiedlich der Verlauf einer postpartalen Depression sein kann und wie unterschiedlich die Wege der Heilung aussehen. So unterschiedlich wie eben jeder Mensch ist. Die Geschichten und Charaktere von Mavi, Isabel, Sarah und Charlotte beruhen auf meinen Begegnungen mit betroffenen Frauen, sie wurden aber von mir aus Gründen des Persönlichkeitsschutzes stark verfremdet.
Das Schlimme ist (…), dass ich mich an keine einzige Zärtlichkeit erinnere. Dabei muss es sie, von der Wahrscheinlichkeitsrechnung her, gegeben haben, diese intimen Berührungen zwischen Mutter und Kind. Aber das Gedächtnis meiner Haut hat sie nicht gespeichert.
Hermann Burger: Die künstliche Mutter2
Ich fahre mit dem Auto raus aus der Stadt. Ein Vorort. Reihenhaussiedlung, wie sie überall sein könnte. Gepflegte Gärten. Einer wie der andere. Mavi hat mich zu sich nach Hause eingeladen. Ihr ist es lieber, wir treffen uns bei ihr, weil ihre großen Kinder bald nach Hause kommen. Anna und Paul gehen schon in die Schule. Das Reihenmittelhaus liegt in einer Sackgasse. Am Eingang hängt ein selbst getöpfertes Türschild. »Familie Gründler« steht drauf. Herzchen, Blumen und eine Sonne umranken die Buchstaben. An der Tür ein Kranz aus Trockenblumen. Übrig geblieben aus dem letzten Herbst. Drei Paar Gummistiefel stehen in der Reihe am Eingang zum Garten. Rosa, hellblau und mit großen lila Punkten. Die Farben verraten, dass der Herr des Hauses wohl nicht so häufig die Gartenarbeit übernimmt. Ich klingele. Eine zierliche blonde Frau mit roten Wangen öffnet mir die Tür. Mavis Haare sind kinnlang und perfekt gefönt. Ich staune, wie genau sie die Kleidung farblich aufeinander abgestimmt hat: Schwarze Leggings, türkis-schwarze Tunika, eine Kette mit türkisen und schwarzen Steinen und türkisfarbene Ballerinas. Nach den ersten Begrüßungsritualen setzen wir uns ins Wohnzimmer. Wasser gibt es aus einer Karaffe mit Zitronenscheiben drin.
»Die sind nicht gespritzt. Darum hab ich die Schale drangelassen. Ich hoffe, das passt.«
»Klar. Toll. Vielen Dank.«
Wir sitzen auf einem hellorangen Sofa. Die Wohnlandschaft nimmt fast die Hälfte des Raumes ein. Es ist so leise hier. Wo ist eigentlich das Baby? Vor drei Monaten ist Fabian auf die Welt gekommen. Geplant war das nicht, erzählt mir Mavi. »Aber wir haben immer gesagt: Wenn es noch mal passiert, dann passiert es eben. Das ist dann gut so.« Mavi und ihr Mann Frank sind gläubig. Eine Abtreibung wäre niemals infrage gekommen.
Auch wenn sie mit zwei Kindern und ihrer Halbtagsstelle als Sekretärin schon gut ausgelastet war, haben die beiden nicht an Verhütung gedacht. »Wenn der liebe Gott will, dass noch ein Kind kommt, dann ist es uns herzlich willkommen. Das haben wir nie angezweifelt.«
Dass dieses Kind, oder besser gesagt, die Umstände rund um die Geburt dieses Kindes, alles verändern würden, damit hatte das Paar nicht gerechnet.
»Ich dachte zuerst, es sind die Heultage. Obwohl ich die zuvor gar nicht kannte. Ich war bei beiden Kindern vorher immer gut drauf. Aber auf einmal war ich so erschöpft, die Stimmung war gedrückt, ich konnte mich gar nicht richtig freuen über den Kleinen. Und das Schlimmste: Ich konnte ihn gar nicht anfassen. Hab mich geekelt.« Sie weint. »Ich kann es auch heute noch nicht gut.«
Sie schaut nach oben, die Tränen sind ihr unangenehm. Sie putzt sich die Nase. »Tschuldigung.«
»Aber nicht doch. Kein Problem.«
»Ich hatte einfach keine Energie und war so hoffnungslos. In dem Moment konnte ich mir nicht mehr vorstellen, wie das mit noch einem Kind gehen soll.«
Plötzlich gibt das Babyfon Geräusche von sich.
»Ah, jetzt wird der Fabian wach. Ich hole ihn schnell. Nimm dir gerne noch was zu trinken.«
»Ja, mach ich, danke.«
Ich sehe die Obstschale mitten auf dem Wohnzimmertisch. Voll mit Orangen, Kiwis und Bananen. Wie die Deko eines Möbelhauses. An den Wänden hängen eingerahmte Bilder: Die Familie beim Skifahren, Anna und Paul mit der Schultüte, das verliebte Ehepaar und das obligatorische Hochzeitsbild. Happy Family. Neben den Bildern hängt Jesus am Kreuz. Ziemlich groß das Kreuz. Im Bücherregal sehe ich Titel wie Die Kunst sich selbst wertzuschätzen, Wahre Kraft kommt von Innen oder Jedes Kind kann schlafen lernen, daneben eine Kinderbibel und einige Regionalkrimis. An den Fenstern hängen lange pastellfarbene Vorhänge. Alles wirkt gut durchdacht und mit Sorgfalt ausgewählt. Neben dem Kamin in der Ecke thront ein kniehoher Buddha. Irgendwie wirkt er in dieser Wohnung völlig deplatziert. Draußen fährt ein Traktor vorbei. So weit raus aus der Urbanität sind wir also schon.
Der kleine Mann auf ihrem Arm hat genauso rote Wangen wie seine Mama. Sie zeigt ihn mir stolz.
»Das ist der Fabian.« Ich verhalte mich wie man sich eben verhält. Ich fasse den Kleinen an den Händen und rede mit hoher Stimme ein paar Worte auf ihn ein. Mavi gibt ihrem Sohn die Flasche. »Ich habe vor drei Wochen abgestillt, weil ich bei den ersten Kindern ständig eine Brustentzündung hatte. Und das wollte ich nicht wieder riskieren. Außerdem nehme ich Psychopharmaka. Es gibt zwar welche, die nicht in die Muttermilch übergehen sollen, aber das Risiko ist mir zu hoch. Abgesehen davon, kann ich den Kleinen nicht so nah an mich heranlassen. Mir ist unwohl, wenn ich ihn an meiner Haut spüre. Ich kann das einfach nicht. Noch nicht.« Wenn sie redet, wirkt das fast wie eine Entschuldigung.
»Was? Du hast eine Putzfrau?«, Mavi hält ein Glas Prosecco in der Hand und ihre Stimme überschlägt sich fast. Ihre Wangen sind gerötet vom Alkohol. Ein Glas Prosecco gönnt sie sich jetzt. Auch wenn einige ihrer Freundinnen das nur naserümpfend zur Kenntnis nehmen. Schwanger und Alkohol – das geht eigentlich gar nicht. Mavi gehört zu den Frauen, die immer lächeln. Egal was sie sagen. Ihre Mundwinkel zeigen immer nach oben. Sie sieht so aus, wie man sich eine Mutter vorstellt. Gesund, selig lächelnd, zufrieden mit sich und der Welt. Die Frauen auf ihrem orangefarbenen Sofa stoßen spitze Schreie aus. Die Stimmung ist ausgelassen.
»Ja, klar, glaubst du, ich mach das alles selbst? Die Kinder kümmern sich nicht, mein Mann sowieso nicht. Und ich? Ich soll das dann alles allein machen, jede Woche? Nee. Eine Perle ist echt gut angelegtes Geld«, Elena arbeitet halbe Tage bei der Bank. Bis auf eine weitere Frau in der Runde sind alle anderen nach der Geburt ihrer Kinder zu Hause geblieben. Erst einmal. Bis die Kinder aus dem Gröbsten raus sind – da ist sich die Damenrunde einig. »Ein Kind braucht ja schließlich seine Mutter. Wozu sonst kriegt man Kinder, wenn man sich doch nicht kümmert und einfach weitermacht wie bisher?« Diese Sätze stürzen wie ein Fallbeil auf jeden herab, der versucht, eine der Übermütter nach der Zufriedenheit mit ihrem Lebensentwurf zu fragen.
Insgeheim ist Mavi ein bisschen neidisch. »Also, ich könnte das nicht. Jemand Fremden in der Wohnung haben. Außerdem mache ich ganz anders sauber als eine Putzfrau. Mir wäre das einfach nicht gründlich genug.« Aber für eine Putzfrau reicht einfach das Geld hinten und vorne nicht. »Und dann weiß ich auch nicht, mit welchem Putzlappen die was sauber macht … Vielleicht geht die mit dem Toilettenschwamm ja dann anschließend über mein Besteck.« Der Alkohol macht Mavis Zunge locker. Sie lacht laut. Sie ist beschwipst.
»Iiih,« Elena schüttelt den Kopf. »Klar brauchst du da schon ein bisschen Vertrauen. Aber so etepetete wie du bin ich da nicht, Frau Megareinlich.«
»Ja, ich weiß! Nenn mich einfach Putzfee, okay? Prost!« Alle lachen.
Mavi weiß genau, dass sie Witze platzieren kann und die Meute lacht. Das ist immer schon ihre Stärke gewesen. Auch in ihrer Familie ist sie diejenige, die im Zweifel den Laden wieder zum Lachen bringt. Frank ist oft deprimiert, frisst Probleme in sich hinein. Sie hingegen schafft es, ihn mit ihrer offenen lebensfrohen Art zum Reden zu bringen. Meistens jedenfalls. Es geht weiter um Kochrezepte, um die ersten pubertierenden Kinder und um die faulen Ehemänner, die sich in der Küche »ach so fremd« fühlen.
Mavi hat ihre Yoga-Freundinnen heute zum ersten Mal eingeladen. Den ganzen Vormittag hat sie dafür in der Küche gestanden. Es gibt Fingerfood, Prosecco oder wahlweise Aperol Spritz und als Nachtisch eine Aprikosentarte. Ihr Mann Frank ist oben im Arbeitszimmer. Männer sind heute Abend unerwünscht.
»So einen Mädelsabend sollten wir wieder viel öfter machen«, Sabine wirkt beschwipst. »Aber irgendwie ist immer so viel. Letzte Woche waren wir Skifahren, davor das Wochenende mit den Kindern Schneeschuhwandern.« Sabine hat auch zwei Kinder, genau wie Mavi und die meisten anderen Frauen hier. Zwei Kinder, einen Golden Retriever und ein blühendes Rosenbeet – das Glück einer jeder Vorstadt-Mami.
»Ja, und der Florentin hat jetzt dreimal die Woche Fußball. Der ist richtig talentiert. Ich kann gar nicht so viel nebenbei machen. Wenn wir wollen, dass der sportlich weiterkommt und vielleicht aufs Fußballinternat gehen kann, dann müssen wir halt alles andere zurückstellen«, Sabines Florentin ist schon mit drei Jahren im Fußballverein gewesen. Die meisten Wochenenden sind daher für sie tabu. Als ehrgeizige Soccermum muss man eben auch Opfer bringen, das ist ihre Devise. Und Tochter Lara geht mit Anna in dieselbe Klasse. Ein eher durchschnittliches Mädchen, wie Mavi findet, aber lieb. Mavi hat sich schon öfter gefragt, ob die beiden eigentlich auch befreundet sein würden, wenn Anna nicht so gut in der Schule wäre.
»Und du, Mavi, wie geht es denn jetzt mit der Anna weiter. Kann sie jetzt eine Klasse überspringen, oder…?«
Mavi hat gehofft, dass das Thema nicht angeschnitten würde. Nach der ersten Euphorie über die Beurteilung von Annas schulischen Leistungen reichen die Noten ihrer Achtjährigen doch nicht, um ein Jahr auszulassen. Aber sie streckt ihren Rücken durch und lächelt ihr stolzestes Mutterlächeln.
»Wahrscheinlich ja, sie wird dann nach dem Sommer gleich in die fünfte wechseln.«
Über ihren Sohn Paul redet Gott sei dank niemand mehr, denn der ist seit einigen Monaten ziemlich auf Krawall gebürstet. Paul ist momentan kein Kind, mit dem man sich als Mutter brüsten kann. Kein Tag ohne Diskussionen mit dem Zwölfjährigen. Mavi hat Angst, dass er in der Schule noch mehr absackt. Aber offen vor ihren Freundinnen darüber reden, würde sie ganz sicher nicht.
Nach der Geburt der beiden Kinder ist sie zu Hause geblieben. Ihr Job als Sekretärin ist Mavi nie so wichtig gewesen. Obwohl sie in Teilzeit wieder in einem kleinen Speditionsunternehmen vor Ort die Buchhaltung erledigt, sieht sie sich eher als Vollzeit-Mami und für das Soziale in der Familie zuständig. Eine Welt aus perfekter Haushaltsführung, Yogakursen, Kinderbetreuung und Taxidiensten für die Familie. Irgendjemand muss es ja schließlich machen. Und warum sollte es nicht der tun, der am wenigsten verdient?
»Und die neue Schwangerschaft – ist das auch eine Belastung für euch? Oder für die Kinder? Ich meine, dann müssen sie die Mama jetzt noch mehr teilen und du hast weniger Zeit. Die beiden sind ja schon fast aus dem Gröbsten raus. Gerade jetzt, mit Beginn der Pubertät, werden die Kinder dich wahrscheinlich doch sehr brauchen, oder?« Sabine weiß genau, wo der wunde Punkt bei Mavi liegt.
»Keine Ahnung. Ich weiß nicht, was in denen vorgeht. Wer weiß das schon bei Pubertierenden oder Frühpubertierenden.« Mavi ist das Thema unangenehm. Sie schämt sich dafür, dass sie nicht richtig zu ihrer Schwangerschaft stehen kann. Dass sie nicht einfach sagen kann: Doch, es ist so gewollt und die Kinder finden es gut. Aber das wäre gelogen. Die Schwangerschaft war nicht geplant. Frank und sie dachten eigentlich, sie seien als Familie komplett. Andernfalls hätten sie sicher nicht so viel Zeit zwischen den Kindern vergehen lassen. Aber nun ist es eben passiert. Und damit müssen sie nun umgehen. Sie alle.
Mavi schafft es im richtigen Moment, das Thema zu wechseln.
»Sag mal, Elke, hast du eigentlich diese komische Blumenkohldiät ausprobiert?« Gellendes Gelächter.
»Das hättest du auch für dich behalten können, Mavi. Ja, hab ich. Und siehe da: drei Pfund leichter.« Die immer noch ausreichend rundliche Elke fährt mit den Händen stolz ihre Silhouette ab. »Ich passe sogar wieder in eine Jeans, die ich mit zwanzig getragen hab. Toll, oder?«
Mavis Familie lebt seit einem knappen Jahr in dieser Neubausiedlung. Mavi und Frank haben noch keine engen Kontakte hier. Auch für die Kinder ist der Neustart holprig gewesen. Es ist kein günstiger Zeitpunkt für einen Umzug. Aber die Wellen des Lebens haben sie eben jetzt hierher gespült.
Als der kleine Fabian dann da ist, versucht Mavi weiterhin eine perfekte Hausfrau und Mutter zu sein. Eine Rolle, die sie so viele Jahre einstudiert hat und die ihrem Naturell entspricht. Sie geht darin auf. Das Haus, die Kinder, der Garten und jetzt noch der Nachwuchs. Eine heile perfekte Welt und sie hat die Fäden in ihrem kleinen Familien-Management-Unternehmen in der Hand.
Die gepflegte Vorzeige-Mama mit den Perlenohrringen, die am Wochenende auf dem Fußballplatz sogar andere Mütter mit Kaffee und Kuchen versorgt. Doch dieses Mal will es ihr nicht so richtig gelingen. »So ein drittes Kind, das erzieht sich doch quasi von selbst. Ein Nachzügler, der läuft doch im allzu vertrauten Familienrhythmus einfach mit.« Damit hat sie sich immer wieder getröstet, als der Frauenarzt ihre Befürchtung, sie könne noch mal schwanger sein, bestätigte. Würde sie das alles noch schaffen? Sie ist doch jetzt schon Ende dreißig. Würde sie die Familie weiter so managen können, wie sie es über viele Jahre tat? Die Großen haben jetzt schon ganz andere Probleme. Der Umzug ist ihnen schwergefallen. Sie kämpfen um Freundschaften und Paul mit der Pubertät und auch gerne gegen seine Eltern. Und Anna, die Kleine. Die muss sie besonders im Auge behalten. Sie wird immer stiller in letzter Zeit. Sie redet nicht, wenn sie etwas bedrückt. Jedenfalls nicht mit ihrer Mutter. Mavi plant, einen Therapeuten für sie zu suchen, sollte sie sich nicht bald ein bisschen mehr öffnen.
Die ersten drei Monate mit dem neuen Kind verlaufen reibungslos. Alle sind begeistert von dem süßen Baby. Auch Mavi liebt Fabian sehr. Sie hatte schon wieder vergessen, wie sehr die Mutterliebe ihr Herz überschwemmen kann. Sie liebt seinen Geruch, seine weiche Haut, seine speckigen Beinchen und sein süßes Gesichtchen, wenn er schläft. Mavi ist nach der Geburt körperlich sehr geschwächt. Viel mehr als es bei den anderen Kindern der Fall war. Zumindest ihrer Erinnerung nach. Aber das ist ja auch schon lange her, sagt sie sich. Sie ist halt eben nicht mehr die Jüngste. Die körperliche Erschöpfung nimmt schnell zu. Mit jeder durchwachten Nacht ist ihr Akku sofort wieder im roten Bereich. Tagsüber geht sie ihrem normalen Alltag nach. Sie hat den Anspruch, alles genauso zu schaffen wie mit zwei Kindern. Die Wohnung muss sauber und ordentlich sein, das Essen pünktlich auf dem Tisch stehen und der Haushalt soll nicht unter der neuen »Baby-Belastung« leiden. Das geht zunächst auch ganz gut. Wenn nur diese Erschöpfung nicht wäre. Aber sie hat gelernt das wegzudrücken. Schließlich hat sie ihre Aufgaben zu erledigen.
Fabian ist drei Monate alt. Die Nächte sind kurz. Zu kurz. Es ist fast Mitternacht. Viel zu spät, aber der Haushalt muss eben am Abend gemacht werden. Bevor sich das Hamsterrad des neuen Tages wieder dreht. Wäsche aufhängen, den Trockner leeren und die saubere Wäsche zusammenlegen, die Küche aufräumen, den Kindern die Klamotten rauslegen und die Brotzeitdosen herrichten. Danach klettert Mavi erschöpft ins Bett. Den Plan für den kommenden Tag im Kopf: Elterngespräch wegen Anna in der Schule, Paul muss mit seinen Zahnschmerzen zum Zahnarzt und danach ist die Vorsorgeuntersuchung bei der Kinderärztin mit Fabian dran. Ein ganz normaler Tag eben. Alltag. Frank scheint schon eingeschlafen zu sein. Sie knipst das Licht aus.
Nur schwer findet sie in den Schlaf. Als sie es endlich geschafft hat, wimmert Fabian. Es ist zwei Uhr. Ihr Körper tut weh. Sie springt auf, damit Frank nicht aufwacht. Er braucht seinen Schlaf. Er musste schließlich arbeiten gehen. Sie nimmt Fabian aus seinem Bettchen, trägt ihn nach unten ins Wohnzimmer. Er ist ganz verschwitzt. Wahrscheinlich die Zähne. Sie setzt sich aufs Sofa und summt ihn in den Schlaf. Ihr Kopf kippt immer wieder nach unten. Der Schlaf will sie mitreißen. Aber sie darf noch nicht.
Es ist drei Uhr, als sie ihn wieder hinlegt. Sie geht in ihr Bett, deckt sich vorsichtig zu und schläft sofort wieder ein. Um vier weint das Baby wieder. Mavi macht ihm eine Milch. Das Haus ist kalt in der Nacht. Mavi friert. Wie sehr sie diese Kälte hasst. Ihr Körper ist ganz steif. Das Baby auf dem einen Arm hält sie mit der anderen Hand die Flasche an ihre Wange. Die Temperatur der Milch ist gut so. Sie setzt sich wieder aufs Sofa. Er trinkt. Mavis Augenlider sind schwer. Nur fünf Stunden Schlaf. Danach sehnt sie sich. Fünf Stunden ohne Unterbrechung. Das wäre ihr Glück.
Fabian macht sein Bäuerchen. Sie bringt ihn wieder in sein Bettchen. Seine Augen aber sind weit geöffnet. Er ist nicht müde. Sie bleibt vor dem Bettchen stehen, ihre Hand an seiner Wange. Sie summt wieder ein Schlaflied. Ihm gefällt das. Mavi tut der Rücken weh. Die Haltung einer Mutter ist gebeugt, schießt es ihr durch den Kopf. Gebeugt von den Lasten des Alltags. Die Schmerzen hat sie schon seit einigen Wochen. Langsam schließen sich seine Augen. Sie versucht ganz sachte ihre Hand zurückzuziehen und leise aus dem Zimmer zu schleichen. Aber da steht der Wäschekorb. Sie stößt mit dem Fuß dagegen. Fabian ist sofort wieder wach und schreit. Er hat sich erschreckt. Mavi bleibt wie angewurzelt stehen. Ihr Körper zittert. Sie spürt Tränen in ihren Augen aufsteigen. Das hier ist ein Albtraum. Sie will, dass es aufhört. Sie will das nicht mehr. Will dieses Kind nicht mehr. Mavi geht langsam wieder zurück zu ihm. »Pscht, pscht.« Sie summt noch eine Strophe unter Tränen und wünscht sich, dass alles vorbei ist.
Um fünf Uhr geht sie in ihr Bett. Niemand hat etwas bemerkt. Sie deckt sich zu. Ihr Körper ist ganz kalt geworden. Das merkt sie erst jetzt unter der dicken kuscheligen Bettdecke. Sie findet keinen Schlaf. Lohnt es sich überhaupt noch einzuschlafen? Gleich klingelt doch schon Franks Wecker. Sie hadert mit sich. Vielleicht könnte sie schon einmal das Frühstück vorbereiten.
Um halb sechs schläft sie ein. Der Wecker um Viertel nach sechs reißt sie aus dem Tiefschlaf. Eine ganz normale Nacht ist vorbei. Sie geht die Großen wecken. Frühstück, Kaffee, Kakao, die erste Wäsche in die Maschine. Ein ganz normaler Tag beginnt.
Seitdem Fabian auf der Welt ist, sitzt die Familie wieder öfter abends zusammen. Paul und Anna erfreuen sich an dem Baby. Und Frank und Mavi sitzen Arm in Arm auf dem Sofa und sind stolz auf ihre kleine Familie. Doch je weniger Schlaf Mavi bekommt, desto öfter spürt sie diese kleinen Momente der Angst in ihrem Alltag, der kompletten Überforderung. Schafft sie das alles noch? Es ist zuerst das Autofahren, das ihr Unbehagen bereitet. Ist Fabian auch wirklich sicher in seinem Maxi-Cosi? Es ist das Einkaufen mit dem Baby, das Spazierengehen. Sie fühlt sich nicht mehr sicher. Die Welt da draußen kommt ihr mit jedem Tag größer vor. So unbehaglich und feindlich. Sie misst diesen Gefühlen keine große Bedeutung bei. Das wird schon vorbeigehen. Sie ist einfach nicht gut drauf, kennt sich so gar nicht. Vielleicht alles ein bisschen zu viel im Moment. Auch wenn sie sich das nicht gerne eingesteht. Wenn sie nur mehr schliefe, dann würde sicher alles von selbst besser. Einige Wochen kann sie sich damit beruhigen.
Sie schafft es schließlich, ihren Alltag so zu gestalten, dass sie kaum noch das Haus verlassen muss. Sie macht Umwege um die Angst. Abends, wenn die Kinder oder Frank zu Hause sind, schickt sie sie einkaufen. Sie habe es einfach tagsüber nicht geschafft, sagt sie ihnen. Termine, auch mit ihren Freundinnen, nimmt sie kaum noch wahr. Aber es geht nicht vorbei. Die Angst bleibt und schleicht sich auch ins Haus. Was sind das für Geräusche, die sie oben hört? Ist da jemand? Wer parkt da auf ihrem Grundstück? Wenn es klingelt, macht sie nicht auf. Was, wenn sie überfallen wird? Das Haus kommt ihr mit einem Mal so groß vor. So unheimlich. Immer wieder sagt sie sich, sie hat doch schon ganz andere Dinge hinbekommen, da wäre es doch lächerlich, sich von einem dritten Kind so aus der Bahn werfen zu lassen? Schließlich ist sie Profi-Mutter. Sie versucht weiter zu funktionieren. Ihr Mann arbeitet, sie versorgt die Kinder, so gut es eben geht.
Doch allmählich wird jeder Tag ein Kampf. Zunächst merkt niemand etwas. Weil es niemand merken kann. Die Angst und die Beklemmung sind in ihr. Und ihre Familie soll das nicht erfahren. Sie kümmert sich inzwischen wie nach einer Stechuhr um Fabian, ihm soll es an nichts fehlen. Aber mit ihm schmusen oder mit ihm spielen überfordert Mavi. Sie denkt daran, was sie stattdessen alles erledigen muss. Sie findet einfach keine Ruhe mehr.
Frank, Anna und Paul verlassen um 7 Uhr 15 das Haus. An diesem Tag wie an jedem anderen auch. Wie jeden Tag fällt ihr ein Stein vom Herzen. Sie muss nichts mehr spielen, muss sich nicht mehr zusammenreißen. Darf jetzt einfach nur traurig und müde sein. Darf sie? Fabian bekommt seine Milch, Mavi nimmt den Säugling mit nach oben, legt ihn auf die Krabbeldecke am Boden. Fabian nimmt ruhig hin, dass Mavi den Raum verlässt. Als wisse er, es sei am besten, sich jetzt ganz lieb zu verhalten. Die Mami braucht schließlich ihre Ruhe. Vielleicht würde sie dann wieder so, wie sie in den ersten Wochen war.
Mavi lässt ihn dort am Boden, geht in ihr Schlafzimmer und legt sich ins Bett. Sie hat immer mehr das Bedürfnis, allein zu sein. Ohne ihn. Die Bettdecke bis zum Kopf gezogen, starren ihre Augen aus dem Fenster. Sie fühlt sich krank, müde, wie in einer anderen Welt. Abgeschnitten von allem, was außerhalb ihres Körpers passiert. Sie will schlafen, aber es geht nicht. Die Gedanken tanzen munter in ihrem Kopf weiter: Was hat sie nicht noch alles zu tun? Sie muss noch eine Liste machen, sonst vergisst sie wieder die Hälfte. Und hat sie eigentlich die Waschmaschine angestellt? Und das Gulasch wollte sie doch noch aus der Tiefkühltruhe holen. Sonst werden es die Kinder heute Mittag nicht essen können. Der Tag fließt dahin, wird nur unterbrochen vom Meckern ihres Sohnes. Er stört sie. Bei jedem Geräusch, das er macht, fühlt sie wie sehr.
Mavi steht wieder auf. Es hat keinen Sinn ihrem Körper Schlaf anzubieten. Der Kopf ist stärker. Als Fabian schreit, füttert und wickelt sie ihn wortlos. Anna und Paul werden um halb zwei aus der Schule kommen. Die erste Zäsur des Tages. Sie ordnet das seit Tagen nicht mehr gewaschene Haar, zieht sich eine Jogginghose an, räumt schnell noch die Teller und Tassen vom Frühstück in die Spülmaschine, damit die beiden keinen Verdacht schöpfen. Ihre Energie ist verbraucht.
»Hast du was gekocht, Mama?« Anna quält sie mit dieser Frage. Sie sollte eigentlich froh sein, dass sie es überhaupt aus dem Bett geschafft hat, um sie zu begrüßen.
»Nein, mein Schatz, Fabian war heute Vormittag so unruhig. Macht euch doch bitte ein Brot. Der Papa kocht euch heute Abend sicher noch was.«
Sie verlässt das Esszimmer und geht in den Keller. Hier kann sie sicher sein, dass die Kinder nicht hinterherkommen. Sie setzt sich auf den Boden vor die Waschmaschine. Und wartet. Worauf? Sie weiß es nicht. Vielleicht darauf, dass alles vorbei ist.
Wenig Schlaf, permanente Erschöpfung. Die Qualen werden Woche für Woche schlimmer. Mavi weiß, dass sie ihrer Familie nicht mehr lange etwas vormachen kann. Das setzt sie zusätzlich unter Druck. Sie muss eine andere Lösung finden. Was ist bloß los mit ihr? Sie erkennt sich selbst nicht mehr. Warum ist ihr bei den anderen Kindern alles so leichtgefallen, warum konnte sie damals so in der Mutterrolle aufgehen, hatte ein schier unerschöpfliches Reservoir an Energie. Und jetzt? Ist sie einfach nur erschöpft, traurig, überfordert An diesem Tag bittet sie schließlich die Nachbarin, ihr auszuhelfen. Geduscht, geschminkt und perfekt lächelnd steht Mavi vor ihrer Tür: ob die beiden großen Kinder vielleicht für ein paar Tage mittags zu ihr kommen können. Sie selbst müsse mit Fabian zur Krankengymnastik. Vorerst einmal täglich. Er habe einen Hüftschaden und sie wolle versuchen, mit der Gymnastik eine Operation zu verhindern.
Natürlich willigt die Nachbarin ein und hofft, dass dem Kleinen eine OP erspart bleibt. Kurz bevor Anna und Paul aus der Schule kommen, fährt Mavi los, ihr Baby im Maxi-Cosi auf dem Rücksitz. Ziellos erst einmal. Dann parkt sie den Wagen an einem Waldstück. Sie versucht, einen Platz zu finden, an dem das Auto von der Straße aus nicht sichtbar ist.
Hier ist sie früher jede Woche joggen gegangen. Manchmal sogar zweimal die Woche. Früher, als noch alles gut war, sie die Fäden ihres Lebens in der Hand halten konnte. Sie steigt aus, schaut von draußen durch die hintere Scheibe, ob Fabian schläft, und schließt den Wagen ab. Sie geht einige Meter in den Wald, so dass sie niemand sehen kann, und setzt sich auf die Erde unter einen Baum. Weinen kann sie nicht. Sie sitzt da, den Kopf auf die Knie gelegt und die Arme um die angezogenen Beine geschlungen.
Nach zwei Stunden dösen geht sie zurück zum Auto. Fabian schreit. Sie ist erstaunt, wie wenig man außen hört. Im Auto ist es warm und es riecht nach voller Windel. Sie fährt zurück, holt die großen Kinder bei der Nachbarin ab und bittet Anna, die Flasche für Fabian zuzubereiten. Sie selbst müsse noch die Wäsche aufhängen. Dann verschwindet sie im Wäschekeller.
Am Abend dann hört sie den Schlüssel in der Tür. Sie atmet auf vor Erleichterung. Endlich ist Frank zu Hause.
»Hallo Schatz, ist alles gut? Hattet ihr einen guten Tag?« Mavi spürt erst jetzt, wie müde sie ist. Sie gibt ihm das Baby auf den Arm, geht wortlos an ihm vorbei nach oben. Ihre Kraft ist für heute verbraucht. Sie legt sich ins Bett. »Ist was passiert? Du bist komisch. Brauchst du was?« Frank ist ihr mit dem Baby auf dem Arm nachgegangen und steht jetzt im Türrahmen ihres Schlafzimmers. »Magst du noch was essen oder trinken? Ich kann dir auch was bringen.«
»Nein, danke.« Ihr Blick ist starr auf einen Punkt gerichtet.
Sie weiß, dass Frank nichts dafür kann, dass er es doch nur gut meint, dass er alles tun würde, ihr zu helfen, aber sie will ihn nicht sehen. Ist er es nicht gewesen, der unbedingt noch ein weiteres Kind wollte? Ihre Stirn fühlt sich so eng an, der Schmerz in den Schläfen begleitet sie seit ein paar Tagen. Die innere Leere ist so alles beherrschend, dass sie sich wie betäubt fühlt. Sie hätte so gerne etwas gesagt: »Nein, Schatz, mach dir keine Sorgen, ich komme gleich noch mal runter. Lass mich noch ein bisschen ausruhen.« Aber sie weiß schon im selben Moment, dass es eine Lüge wäre. Noch eine. Sie wird sicher nicht mehr runtergehen. Wie sie es auch an den anderen Abenden nicht getan hat. Mit der Familie zu Abend essen oder noch über den Tag zu sprechen – das ist jetzt Franks Aufgabe. Sie will niemanden mehr sehen. Das ganze Leben fühlt sich nur noch schwer an. Es ist alles zu schwer für sie.
Sie hört die Kinder unten im Haus. »Papa, was gibt es zu essen?« Anna und Paul rufen inzwischen nicht mehr nach ihr. Als wäre sie in einer Art Wachkoma: da und doch für den Alltag nicht mehr zu gebrauchen. Wie hatte es nur so weit kommen können?
