Nur ein halbes Herz - Debbie Wyrich - E-Book

Nur ein halbes Herz E-Book

Debbie Wyrich

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Beschreibung

Am 21. Februar 1997 bringt Debbie Wyrich ihren Sohn Daniel, einen scheinbar kerngesunden Jungen, zur Welt. Die junge Mutter ist überglücklich. Doch bereits einen Tag später stellen die Ärzte die schockierende Diagnose, dass Daniel nur ein halbes Herz hat. Die Mediziner geben ihm höchstens zwanzig Jahre zu leben. Die Krankheit ändert Debbies Leben und das ihrer Familie radikal. Es ist der Anfang von ständigen Krankenhausaufenthalten und lebensgefährlichen Operationen. Ein Wettlauf mit dem Schicksal beginnt. Mit der außergewöhnlichen Kraft und der Liebe einer Mutter kämpft Debbie für ihren Sohn und wächst dabei immer wieder über sich hinaus: Daniels Lebenszeit soll so schön wie möglich sein und die Hoffnung auf das Leben ihres Kindes gibt sie nicht auf. Das Buch »Dieses bescheuerte Herz« berichtete über die Erfüllung der Wunschliste ihres schwer kranken Sohnes Daniel und berührte zehntausende Leser. Nun erzählt Debbie ihre Geschichte vom Kampf um das Leben ihres Sohnes.

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Seitenzahl: 203

Veröffentlichungsjahr: 2015

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Debbie Wyrich

mit Tanja Janz

Nur ein halbes Herz

DER KAMPF UM MEINEN SOHN DANIEL

Inhalt

1 – Ein Junge mit roten Haaren

2 – Blaue Lippen

3 – Nur ein halbes Herz

4 – Was tun?

5 – Auf nach Kapstadt

6 – Die Selbsthilfegruppe

7 – Die erste Herz-OP

8 – 365 Tage

9 – Veränderungen

10 – Ein Brief aus Deutschland

11 – Überlebenschancen

12 – Die Trennung

13 – Neustart in Deutschland

14 – Wiedersehen in Hamburg

15 – Unverhoffte Fügungen

16 – Behinderte Kinder sind unerwünscht

17 – Mutterinstinkt

18 – Die Familie kommt

19 – Wendungen

20 – Glück und Leid

21 – Das Herz

22 – Neue Wege

Epilog

Ein Dank

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Impressum

1

Ein Junge mit roten Haaren

Am 21. Februar 1997 verließ ich wie immer morgens unser Haus. Wir lebten in einer schönen Gegend von Port Elizabeth, der fünftgrößten Stadt in Südafrika. Wir, das waren mein Mann Paul, unser gemeinsamer Sohn Ryan und ich. Ich war mit achtzehn Jahren von Deutschland wieder zurück nach Südafrika gegangen, weil dort die meisten meiner Familienmitglieder leben, und dort hatte ich bald darauf Paul kennengelernt. Man könnte sagen, wir waren eine richtig glückliche Familie: Unser Sohn war gesund, mein Mann und ich hatten Arbeit, ein schönes Haus – es fehlte uns an nichts. Ich war selbstständig, und führte einen gut laufenden Kosmetiksalon und freute mich jeden Tag auf meine netten Kunden. Das i-Tüpfelchen unseres Glücks befand sich zu diesem Zeitpunkt unter meinem Herzen. Ich war in der fünfunddreißigsten Schwangerschaftswoche und konnte es kaum abwarten, im nächsten Monat Mutter eines zweiten Sohnes zu werden, für den mein Mann und ich im Vorfeld den Namen Daniel ausgesucht hatten.

»Hallo Debbie! Da bist du ja.«

Carol, meine erste Kundin des Tages, die ungefähr in meinem Alter war, wartete bereits auf meine Ankunft vor dem Kosmetiksalon. Ich mochte sie besonders gern, weil sie so eine positive Art an sich hatte und nie ein böses Wort über irgendjemanden verlor. Ich parkte meinen Wagen auf der gegenüberliegenden Straßenseite und beeilte mich, zu ihr zu kommen.

»Guten Morgen«, sagte ich, nahm sie freundschaftlich in den Arm und fischte dabei den Schlüssel zum Salon aus meiner Handtasche. Drinnen nahm Carol an einem Tisch Platz, an dem ich ihre Nägel modellieren wollte.

»Ich setze uns eben noch einen Kaffee auf«, rief ich ihr zu und verschwand im hinteren Teil des Ladens, in dem eine kleine Küche untergebracht war. Als ich gerade den zweiten Löffel Pulverkaffee in den Filter gab, zuckte ich plötzlich zusammen und griff mir reflexartig an den Unterleib. Der gefüllte Löffel fiel scheppernd auf den gefliesten Fußboden und das feine Kaffeepulver verteilte sich auf den hellen Kacheln. Krampfartige Schmerzen durchfuhren mich, ausstrahlend vom Nierenbereich bis in die Oberschenkel hinein. Mir wurde sogleich speiübel und ich spürte, wie mir kalter Schweiß den Rücken hinablief. Stöhnend stützte ich mich auf der Spüle ab und bemerkte ein lautes Pochen an meinen Schläfen.

Bitte, lieber Gott, lass es nicht wieder neue Nierensteine sein, betete ich im Stillen. Dieses Vergnügen hatte ich schon einmal gehabt und seitdem hatte ich gehörigen Respekt vor den Koliken, die die kristallinen Ablagerungen hervorrufen konnten. Es durften einfach keine neuen Nierensteine sein. Schließlich war ich schwanger!

Ich wollte nach Carol rufen, damit sie mir half, aber die Krämpfe nahmen mir den Atem und meine Kehle war in dem Moment wie zugeschnürt. Durch die Schmerzen hindurch nahm ich das klackernde Geräusch von Absätzen war, die sich eilig näherten. Wenige Sekunden später erschien Carol in der Küche, die glücklicherweise mein Stöhnen und das Geräusch des herabfallenden Löffels gehört hatte. »Meine Güte! Was ist mit dir, Debbie?«, rief sie erschrocken aus und lief auf mich zu.

»Ich … ich weiß auch nicht«, brachte ich heraus und stützte mich zitternd auf sie.

Carol schaute an mir herab und ihre Augen weiteten sich. »Oh mein Gott!«

Ich folgte ihrem Blick, und erst jetzt spürte ich die warme Flüssigkeit, die an meinen Beinen hinablief. Auf dem Fußboden hatte sich bereits etwas davon angesammelt.

»Oh«, keuchte ich überrascht. »Meine Fruchtblase ist geplatzt. Schon?« Damit hatte ich überhaupt nicht gerechnet. Durch die Schmerzen war mir nicht in den Sinn gekommen, dass die Krämpfe möglicherweise etwas mit der bevorstehenden Geburt zu tun haben könnten.

»Du musst sofort ins Krankenhaus, Debbie«, sagte Carol in einem Ton, der keine Widerrede duldete.

»Aber ich habe doch noch über einen Monat Zeit, bis Daniel zur Welt kommt«, protestierte ich schwach, während Carol mich schon zu ihrem Wagen führte, um mich zum St. George’s Hospital in Port Elizabeth zu fahren. Ich war völlig durcheinander und konnte nicht mehr logisch denken.

Gegen acht Uhr morgens kamen wir im Krankenhaus an. Auf dem Weg dorthin hatte Carol mit ihrem Toyota vermutlich einen neuen Geschwindigkeitsrekord aufgestellt und sämtliche Verkehrsregeln ignoriert. Im Hospital wurde ich als Notfall sogleich in der gynäkologischen Abteilung untersucht. Der behandelnde Arzt bestätigte meine Befürchtung: Die Fruchtblase war geplatzt.

Der Mediziner legte mir eine Hand auf den Oberarm. »Mrs Meyer, wir müssen Sie zur Beobachtung hierbehalten, um sicherzustellen, dass keine weiteren Komplikationen auftreten. Aber wir kriegen das in den Griff, machen Sie sich keine Sorgen.« Er lächelte mir aufmunternd zu. »So was passiert nicht zum ersten Mal.«

»Herr Doktor, könnten Sie bitte meinem Mann Bescheid sagen?«, fragte ich. »Er denkt doch, ich bin bei der Arbeit.«

Der Arzt versprach mir, sich darum zu kümmern. Eine Schwester rollte ein Bett in den Behandlungsraum, in das ich mich legen sollte. Dann ging es mit einem Fahrstuhl auf die Station, wo ich weiterbehandelt werden sollte. Dort wurde ich an alle möglichen Geräte angeschlossen, die jede kleine Veränderung registrierten und dabei piepsten und surrten. Ich war heilfroh, dass Carol bei mir war und so lange blieb, bis Paul endlich vor meinem Bett stand.

Er griff nach meiner Hand und drückte sie ganz fest. »Was machst du denn für Sachen, Darling? Konntest es wohl wieder nicht abwarten, was?«, sagte er scherzhaft und zwinkerte mir zu.

Ich verzog den Mund zu einem Lächeln. »Ich bin zwar nicht die Geduldigste, aber den Monat hätte ich schon noch Zeit gehabt.«

Paul seufzte.

»Wo ist Ryan?«, wollte ich wissen.

»Bei Oma und Opa. Sie kommen dich später besuchen. Ich wollte erst mal nach dir sehen.«

»Gut.« Ich nickte. Bei dem Gedanken an meinen großen Sohn, der bereits in die Schule ging, schossen mir sogleich die Tränen in die Augen. Paul strich mir mit einer Hand über die Wange. Ihm war mein emotionaler Ausbruch nicht entgangen.

»Und wie lange sollst du jetzt hier liegen?«, wollte er wissen.

Ich zuckte mit den Schultern. »Ich weiß es nicht. Die Ärzte wollen auf jeden Fall medikamentös die Wehen verlangsamen, um die Geburt hinauszuzögern. Daniel hat ja noch einen Monat Zeit. Es wäre einfach zu früh.«

»Die Ärzte werden wissen, was sie tun.« Paul nickte und versprach mir, dafür zu sorgen, dass es mir gut ging. Dann nahm er mich in die Arme. Ich war ihm unendlich dankbar für seinen Zuspruch und dafür, dass er bei mir war. Außerdem glaubte ich ganz fest an das, was er als Nächstes sagte. »Alles wird gut, Debbie. Du wirst schon sehen.«

In regelmäßigen Abständen kamen Schwestern in mein Zimmer, überprüften die Daten der Geräte, an denen ich angeschlossen war, und verließen dann kurze Zeit später wieder den Raum. Ich wusste, dass ich medizinisch in den besten Händen war; trotzdem spürte ich im Laufe des Abends Unruhe in mir aufsteigen. Ich erschrak, als ich an meinen Beinen auf einmal ganz deutlich eine warme Flüssigkeit fühlte, dieses Mal eine viel größere Menge als zuvor im Kosmetiksalon. Ich klingelte sofort nach einer Schwester, die auch gleich kam, binnen weniger Sekunden wieder aus dem Krankenzimmer flitzte und mit einem Arzt zurückkehrte.

»Wir müssen Sie noch einmal untersuchen, Mrs Meyer«, sagte der Mann im weißen Kittel zu mir.

Mein Herz klopfte vor Aufregung mittlerweile wie nach einem Dauerlauf. »Ist es etwas Schlimmes?«, fragte ich ihn ängstlich.

»Wir müssen schauen, wie viel Fruchtwasser Ihrem Kind noch zur Verfügung steht, und dann die weitere Vorgehensweise an die Ergebnisse anpassen. Sorgen Sie sich nicht. Sie sind bei uns gut aufgehoben«, sagte er und begann mit der Ultraschall-Untersuchung. Danach runzelte er die Stirn. »Ich möchte noch einen Kollegen hinzuholen. Moment bitte.«

Wenig später erschien der Chefarzt der Gynäkologie im Behandlungszimmer, ein braungebrannter und schlanker Mann mit schütterem Haar. Er führte die gleiche Untersuchung noch einmal durch, die zuvor der andere Arzt vorgenommen hatte. »Wir sind gleich wieder bei Ihnen, Mrs Meyer«, sagte er dann und verließ mit seinem Kollegen kurz den Raum.

»Keine Angst. Doktor Baldwin ist ein guter Arzt. Er wird dafür sorgen, dass Ihnen und Ihrem Kind nichts passiert«, sagte die blonde Schwester zu mir, die den Ärzten assistierte. »Alles wird gut«, fügte sie aufmunternd hinzu. Da ich diesen Satz heute schon zum wiederholten Male zu hören bekam, entschied ich mich, darauf zu vertrauen, dass es so sein würde. Ich nickte der Krankenschwester zu und schloss dann kurz Augen, um mich etwas zu entspannen.

Einige Minuten später betraten die Ärzte wieder den Raum. Als ich die Augen öffnete, fiel mir sogleich der besorgte Gesichtsausdruck von Dr. Baldwin auf. Seine Stirn zeigte eine tiefe Falte, die ich zuvor nicht bei ihm gesehen hatte. Außerdem konnte ich fühlen, wie sich die Stimmung im Raum verändert hatte. Der Arzt redete zunächst leise mit der Schwester, die daraufhin das Zimmer verließ. Dann kam er zu mir und griff nach meiner Hand.

Mein Herzschlag beschleunigte sich. »Was ist mit mir los, Herr Doktor?«

»Sie haben sehr viel Fruchtwasser verloren. Man könnte auch sagen: Es ist gar keins mehr vorhanden.«

Ich schluckte. In meinem Kopf überschlugen sich die Gedanken. Was war mit meinem Baby? »Was bedeutet das?«

Dr. Baldwin schaute mich ernst an und sagte dann mit ruhiger und klarer Stimme. »Wir müssen Ihr Kind holen. Jetzt.«

Ich riss die Augen auf. »Wie? Jetzt? Aber es ist noch ein Monat …«

»Kinder kommen eben nicht immer nach Zeitplan«, sagte er beschwichtigend und lächelte mich an, sodass ich für einen Moment beruhigt war. »Das Fruchtwasser ist für Ihr Baby lebensnotwendig. Wenn es fehlt, besteht eine akute Gefahr für das Kind. Verstehen Sie das?«

Ich nickte und atmete tief ein und aus. »Was passiert als Nächstes?«

»Der OP wird gerade für Sie vorbereitet. Wir holen Ihr Baby per Kaiserschnitt.«

»Werde ich bei der Geburt wach sein?«, fragte ich leise. Zum einen freute ich mich darauf, so schnell wie möglich mein kleines Baby in den Armen zu halten. Zum anderen hatte ich schon immer gehörigen Respekt vor Vollnarkosen.

»Leider nicht. Wir müssen den Kaiserschnitt unter Vollnarkose durchführen. Aber machen Sie sich keine Sorgen, …«

»… alles wird gut«, beendete ich den Satz und wunderte mich selbst über meinen Optimismus in dieser Situation.

»Stimmt genau«, bestätigte Dr. Baldwin.

Danach ging alles ganz schnell. Meine Schwiegermutter, mein Vater und Ryan waren inzwischen im Hospital angekommen und erfuhren zusammen mit Paul von dem bevorstehenden Kaiserschnitt.

Was für ein Tag, dachte ich, als mich die blonde Schwester für die Operation fertig machte. Hätte mir jemand vor vierundzwanzig Stunden gesagt, dass ich heute schon ein Kind zur Welt bringen würde, ich hätte ihn höchstwahrscheinlich ausgelacht und für komplett verrückt erklärt. Natürlich hätte ich die Geburt lieber bei vollem Bewusstsein erlebt, aber das Leben war eben kein Wunschkonzert, und so akzeptierte ich die überraschende Wendung.

»Wir bleiben hier und warten auf dich, Debbie!«, rief mir meine Schwiegermutter nach, als ich im Bett zum OP geschoben wurde. »Du schaffst das!«

Da stand sie, meine Familie. Ich hob kurz die Hand und lächelte ihnen tapfer zu. Dann schlossen sich die automatischen Türen des OP-Trakts und wenig später beförderte mich ein Narkosemittel in einen traumlosen Schlaf.

Das Erste, was ich nach dem Kaiserschnitt wahrnahm, war das monotone Piepsen der Geräte, an die ich angeschlossen war. »Hallo, können Sie mich hören?«, fragte eine weibliche Stimme. »Sie müssen die Augen aufmachen!«

Ich befolgte ihren Rat und blickte auf eine grün gekleidete Frau. »Wissen Sie, wie Sie heißen?«, wollte sie von mir wissen.

»Debbie«, brachte ich hervor. Blöde Frage, dachte ich beduselt. Wieso sollte ich meinen eigenen Namen nicht kennen? Doch dann wurde mir klar, wo ich mich hier befand: Ich lag auf der Intensivstation und hatte mein zweites Kind zur Welt gebracht. Sofort lief mein Gehirn wieder auf Hochtouren. »Mein Kind – ist es gesund?«

»Ihrem Sohn geht es gut. Er ist kerngesund. Wollen Sie ihn sehen?«

Ich nickte und spürte, wie ich auf einmal ganz aufgeregt wurde. Daniel. Gleich würde ich ihn endlich sehen. Die Schwester wandte sich zum Gehen ab, als mir blitzartig ein Gedanke durch den Kopf schoss. »Moment noch!«, rief ich ihr nach.

Sie drehte sich um. »Ja?«

»Mein Baby hat aber keine roten Haare, oder?«, fragte ich. Pauls Haare waren nämlich rot und bei Ryan hatte sich meine Haarfarbe durchgesetzt. Eigentlich mochte ich rote Haare. Doch ich wusste, dass rothaarige Kinder oftmals von anderen Kindern aufgrund ihrer Haarfarbe gehänselt wurden, deswegen wünschte ich mir für Daniel, dass er eher meinen unauffälligen Haarfarbton geerbt hatte.

»Ich hole Ihnen Ihr Baby«, sagte die Schwester.

Nach einigen Minuten hielt ich Daniel zum ersten Mal in den Armen. Ich vergoss ein paar Freudentränen und bedeckte sein kleines Köpfchen immerzu mit Küssen. Vom ersten Moment an war ich bis über beide Ohren in meinen Sohn verliebt. Er war zauberhaft. Einfach perfekt. Trotz der roten Haare.

Zu dem Zeitpunkt wusste ich noch nicht, dass der 21. Februar 1997 der letzte Tag in meinem Leben sein würde, an dem ich mir über eine Banalität wie rote Haare Gedanken machen würde. Ich hatte nicht den Hauch einer Ahnung davon, was auf mich zukommen würde. Aber eins spürte ich von der ersten Sekunde an: Daniel war ein ganz besonderes Kind.

2

Blaue Lippen

Meine Enttäuschung darüber, dass ich während Daniels Geburt in einer Vollnarkose gelegen hatte, nagte an mir. Schließlich gehörte es sich doch für eine gute Mutter, bei wichtigen Ereignissen im Leben ihres Kindes gegenwärtig zu sein und nicht durch Abwesenheit zu glänzen – schon gar nicht bei der Geburt. Doch meine Unzufriedenheit darüber verflog relativ schnell, als ich kurz darauf auf ein normales Stationszimmer verlegt wurde, wo schon meine Familie auf mich wartete.

»Überraschung!«, rief mein Vater und wedelte mit seiner Videokamera vor meinem Gesicht hin und her.

Zuerst wusste ich nicht, was dieses Theater sollte, doch dann begriff ich, und meine Augen weiteten sich. »Nein, Daddy! Sag jetzt nicht, dass du die Geburt gefilmt hast!«, rief ich ungläubig, aber hoffnungsvoll.

»Und ob.« Er strahlte mich an. »Ich konnte doch nicht zulassen, dass du Daniels Geburt verschläfst.«

Ein Knaller! Ich wäre ihm am liebsten vor Freude um den Hals gefallen. Das liebte ich so sehr an meiner Familie: Wir waren immer füreinander da und kannten uns in- und auswendig. Der eine kümmerte sich immer um den anderen. Das war eine Selbstverständlichkeit. Sogar dann, wenn derjenige im künstlichen Tiefschlaf lag und keine Wünsche mehr äußern konnte.

»Die Aufnahme kannst du dir in Ruhe anschauen, wenn du mit Daniel wieder zu Hause bist«, sagte er gut gelaunt und stemmte die klobige Kamera mit einer Hand wie eine Hantel nach oben. In den 90er-Jahren war dies beinahe ein kleines Work-out, da die Geräte damals eine beachtliche Größe und ein entsprechendes Gewicht hatten.

»Ein Glück, dass wenigstens du Blut sehen kannst«, sagte ich zu meinem Vater. »Es gibt ja so einige Leute, die da zarter besaitet sind«, meinte ich und bedachte meinen Mann, der bereits beim Anblick eines Blutstropfens käsig um die Nase wurde, mit einem gespielt genervten Seitenblick.

Paul zuckte die Schultern. »Ich habe eben eine Blutal-lergie«, konterte er scherzhaft. »Nur deshalb bin ich ja auch kein Chirurg geworden.«

»Mama, wo ist denn Daniel?«, fragte nun mein ältestes Kind ungeduldig. Ryan brannte geradezu darauf, endlich seinen kleinen Bruder sehen zu dürfen.

Ich klingelte nach einer Schwester, die mir kurz darauf mein neugeborenes Baby in den Arm legte. Mein Vater schaltete sofort wieder seine Videokamera ein und filmte die erste Familienzusammenkunft mit Daniel – ohne dabei zu vergessen, uns Regieanweisungen zu geben.

»Oh, was für ein süßes Baby«, sagte meine Schwiegermutter, wobei ihre Augen verdächtig glänzten. Sie verliebte sich offenkundig sofort in ihren Enkel, so wie es mir zuvor ebenfalls ergangen war. Meine Schwiegermutter strich ihm sanft über den roten Flaum, der sein Köpfchen bedeckte, und hauchte ihm einen Kuss auf die Stirn. »Hallo, Daniel. Ich bin deine Oma.«

»Die Haare hat er von mir«, verkündete Paul aufgeregt das Offensichtliche und war sichtlich stolz auf seinen jüngsten Sohn. »Und kerngesund ist er obendrein. Das wird mal ein richtiger Champion. Einen Kämpfer erkenne ich auf den ersten Blick.«

Dann beugte Ryan sich über seinen kleinen Bruder. Er sagte kein Wort, zog stattdessen seine Nase kraus und schien angestrengt zu überlegen.

»Was hast du denn, Ryan?«, wollte ich wissen.

»Hm, also, irgendwie sieht Daniel komisch aus?«

»Wie meinst du das? Wieso sieht er denn komisch aus?« Ich bedachte mein Baby sogleich mit einem prüfenden Blick, obwohl ich von den Ärzten wusste, dass Daniel quietschfidel war und es überhaupt keinen Grund zur Besorgnis gab. Doch das war vermutlich bloß der normale Mutterinstinkt, der Wunsch, das Baby zu beschützen.

»Er sieht ziemlich verschrumpelt aus, findest du nicht? Fast wie eine Rosine aus meinem Müsli. Bleibt das jetzt für immer so? Habe ich dann einen Schrumpel-Bruder?«, fragte mein Sohn und blickte besorgt drein. Er schien sich wirklich große Sorgen um sein Brüderchen zu machen.

Ich wusste nicht, ob ich meinem inneren Impuls nachgeben und schallend loslachen sollte oder es meine mütterliche Pflicht war, meinem Ältesten zu erklären, dass Babys nach der Geburt durchaus auch übergangsweise verschrumpelt aussahen. Ich schaute hilfesuchend zu meinen umstehenden Familienangehörigen, die ebenfalls verzweifelt gegen das Lachen ankämpften. Das gab mir dann den Rest. Ich lachte laut los und meine Familie stimmte mit ein. Ryan verstand zuerst überhaupt nicht, worüber wir uns so köstlich amüsierten. Er schaute sein Schrumpel-Brüderchen die ganze Zeit mitleidig an und brachte uns dadurch nur noch mehr zum Lachen. Nachdem wir uns alle wieder beruhigt hatten, erklärte ich ihm schließlich, dass Daniel schon bald nicht mehr schrumpelig aussehen würde und dass er sich keine Sorgen um seinen kleinen Bruder machen müsse.

Am nächsten Morgen brachte mir eine Säuglingsschwester mein Baby, damit ich ihm die Brust geben konnte. Dies tat ich seit Daniels Geburt alle paar Stunden, je nachdem, wann sich bei meinem Sohn der Hunger meldete.

»So, da ist der kleine Daniel wieder.« Die Schwester lächelte mich an und legte mir meinen Jungen in die Arme. Ein paar Minuten nachdem ich ihn zu stillen begann, bemerkte ich plötzlich, dass mein Baby stark schwitzte. Ich fuhr mit meiner Hand über seine feuchte Haut. Das fand ich merkwürdig. Weder war der Kleine zu dick angezogen, noch konnte ich etwas anderes Ungewöhnliches an ihm feststellen, das ein starkes Schwitzen hätte auslösen können. Ich überlegte kurz, wie es damals bei Ryan gewesen war. Doch ich konnte mich an keine Situation beim Stillen erinnern, bei der er so extrem geschwitzt hatte, dass ich ihm das Gesichtchen abtupfen musste. In mir breitete sich ein ungutes Gefühl aus. Vielleicht reagierte ich über, weil ich haargenau auf jede Kleinigkeit achtete, versuchte ich mich zu beruhigen. Doch mein Instinkt funkte nachdrücklich, dass hier etwas nicht stimmte. Und die Signale wurden immer stärker, je mehr ich versuchte, sie mit Logik zu übertönen. Schließlich klingelte ich wieder nach der Schwester und schilderte ihr zuerst meine Beobachtungen, bevor ich ihr die glänzende Stirn meines Babys zeigte.

»Das muss sich die Hebamme mal ansehen«, sagte sie und kam bald mit Mrs Paige, der Geburtshelferin, im Schlepptau zurück in mein Zimmer. Mrs Paige war eine stämmige Frau mit einer praktischen Kurzhaarfrisur, die gleichzeitig auch als Gynäkologin praktizierte.

»Was ist denn mit Ihrem kleinen Daniel, Mrs Meyer?« Sie setzte sich zu mir ans Bett und blickte mich dabei freundlich an.

»Mein Sohn schwitzt ziemlich stark«, erklärte ich ihr aufgewühlt. »Ich finde das merkwürdig.«

»Lassen Sie mich mal sehen.« Die Hebamme blickte prüfend auf mein Kind. »Ich vermute, dass es lediglich daran liegt, dass Sie das Baby nicht richtig halten. Machen Sie sich keine Sorgen«, beschwichtigte sie mich und zeigte mir, wie ich Daniel beim Stillen besser halten sollte.

Danach verließen die beiden Frauen wieder den Raum und ich beruhigte mich etwas. Doch das merkwürdige Bauchgefühl blieb. Wieso hatte denn Ryan damals beim Stillen nicht so geschwitzt? Ihn hatte ich zu jener Zeit doch auch nicht richtig gehalten. Theoretisch hätte er doch genau wie Daniel glänzen müssen, als ich ihm die Brust gab. Ich wollte ganz bestimmt nicht die Kompetenz von Mrs Paige anzweifeln, und natürlich vertraute ich ihr, immerhin war sie eine Fachfrau, doch meine inneren Alarmglocken schrillten nach wie vor in meinen Ohren. Irgendetwas stimmte hier nicht.

Ich schloss kurz die Augen und schüttelte den Kopf. Bekamen frischgebackene Mütter nach der Geburt eigentlich öfters solche Anwandlungen? Eine Art Mutter-Koller vielleicht? Fast musste ich über mich selbst lachen, doch dann fielen mir auf einmal Daniels blaue Lippen auf, mit denen er an meiner Brust saugte. Das war alles andere als normal und für mich die eindeutige Bestätigung, dass ich meinen Mutterinstinkten zu hundert Prozent trauen konnte! Vielleicht sogar mehr als den Aussagen der Hebamme oder eines Arztes. Sofort klingelte ich erneut nach der Schwester und verlangte dieses Mal direkt nach einem Kinderarzt, der sich mein Baby ansehen sollte.

Ich musste nicht lange warten, bis der Kinderarzt das Stationszimmer betrat. Er war mittelgroß und trug eine Nickelbrille. Der weiße Kittel spannte etwas über seinem Bauch, weswegen er die unteren Knöpfe offen ließ – jedenfalls vermutete ich das.

»Wie lange sind seine Lippen schon blau?«, fragte er mich mit einer angenehm ruhigen Stimme, als er Daniel begutachtete.

»Ich … ich weiß nicht genau. Mir ist es erst vor ein paar Minuten aufgefallen«, sagte ich aufgeregt. »Davor war er schon verschwitzt. Die Hebamme meinte, es liege daran, dass ich ihn nicht richtig halte.« Ich fühlte mich mit einem Mal hilflos und starrte wie gebannt auf jede Gesichtsregung des Arztes, als er sich die Hörer seines Stethoskops in die Ohren steckte und mein Baby abhörte. Ich wagte kaum zu atmen aus Angst, zu laute Geräusche zu machen. Stattdessen verspannte ich mich am ganzen Körper und spürte, wie sich mein Herzschlag beschleunigte.

Nach einer Weile hängte sich der Kinderarzt das Stethoskop wieder zurück um den Hals und schaute mich mit ernstem Gesichtsausdruck an. »Wir müssen Daniel beim Kardiologen vorstellen, Mrs Meyer.«

»Oh Gott! Warum das?« Ich griff mir mit einer Hand an mein Herz, das nach wie vor kräftig schlug. Mittlerweile allerdings so schnell, als hätte ich einen Marathonlauf absolviert. »Was haben Sie gehört?«

»Ich bin mir nicht sicher, Mrs Meyer. Deswegen brauche ich die fachliche Aussage eines Kardiologen, um sichergehen zu können.«

Das hörte sich nicht gut an. Ganz und gar nicht gut. Ich spürte wie die Angst durch meinen Körper kroch und sich ein dicker Kloß in meiner Kehle bildete, den ich nicht hinunterschlucken konnte. Mir war klar, dass der Kinderarzt keine sichere Diagnose stellen konnte, sonst würde er mich mit Daniel nicht zu einem Kardiologen schicken. Trotzdem musste ich unbedingt erfahren, welchen Verdacht er hatte. »Bitte sprechen Sie offen mit mir, Herr Doktor. Was glauben Sie, was mit meinem Baby nicht stimmt?«, fragte ich mit zitternder Stimme.

»Es ist wie gesagt bloß eine Mutmaßung. Keine unumstößliche Beurteilung der Gesundheit Ihres Kindes. Deswegen möchte ich die Diagnose eines Kardiologen hinzuziehen. Vielleicht liege ich auch völlig falsch, denn ich habe ein anderes Fachgebiet«, holte der Arzt erklärend aus.

»Herr Doktor, bitte …«, sagte ich leise, während ich Daniel im Arm hielt.

»Die Herztöne Ihres Kindes gefallen mir nicht, Mrs Meyer. Dann das starke Schwitzen und die blauen Lippen. Meine Vermutung ist, dass Ihr Baby eventuell ein Loch im Herzen haben könnte.«

»Bitte was?«, fragte ich schockiert. In meinem Kopf stolperten unzählige Gedanken übereinander. Ich konnte die gestrige Aussage, ein kerngesundes Kind zur Welt gebracht zu haben, nicht mit der heutigen Vermutung zusammenbringen. Wie konnte mein Baby am Tag zuvor gesund sein und heute angeblich ein Loch im Herzen haben?

»Es ist nur eine Vermutung, Mrs Meyer. Ich werde Sie sofort beim Kinderkardiologen in unserem Krankenhaus anmelden. Nach der Untersuchung haben wir dann Klarheit. Es kann alles auch ganz harmlos sein.«