Nur nach vorn? - Frank Thomsen - E-Book

Nur nach vorn? E-Book

Frank Thomsen

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Beschreibung

Die Menschheit stößt langsam aber sicher an ihre Grenzen. Das 'mehr ist besser' Wirtschaftsparadigma funktioniert nur noch mit großen wirtschaftspolitischen Anstrengungen und geht auf Kosten der Umwelt und damit auch auf Kosten von uns selber. Aber warum ist das so? Sind wir denn nicht schlau genug, um neue Wege zu beschreiten? In 'Nur nach Vorn?' wird erörtert, warum unsere Ur-Basisprogrammierung uns immer wieder in die Schranken unserer Problemlösungskompetenz weist. Das System der Sicherung des Individuums und der Gruppe schlägt immer wieder gnadenlos zu. Doch es gibt Auswege und Möglichkeiten, mit dieser Erkenntnis umzugehen. In vielen Beispielen, Szenarien und Zukunftsausblicken wird deutlich, dass wir als Menschheit das erste Mal etwas ändern können. Wenn wir dazu bereit sind, holistisch denken zu lassen.

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Seitenzahl: 252

Veröffentlichungsjahr: 2015

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Motivation

Upgrade vs. Innovation

Den initialen Startschuss für das Buch bekam ich am 31.12.2013. Nicht weil Silvester so ein Tag ist, an dem man sich solche irrwitzigen Vorhaben wie ein Buch zu schreiben nach dem zweiten Glas Wein einfach mal vornimmt. Es hatte mit einem Artikel von Joshua Topolsky zu tun, dem ehemaligen Editor-in-Chief des erfolgreichen Onlinemagazins The Verge aus New York. Der von Topolsky jährlich zu Silvester erscheinende Leitartikel war auch dieses Mal sehr positiv gehalten: „Welcome to the age of upgrade“.1 Quintessenz: Jede Iteration bzw. jedes Upgrade der jetzt bestehenden Technik, jedes neue Smartphone, jeder neue vernetzte Thermostat und jede schnellere CPU ist ein Gewinn für uns.

Da saß ich nun auf unserem Sofa zu Silvester und war nachdenklich geworden. Irgendwas hatte Josh dieses Mal nicht ganz durchdacht oder begriffen: Die Welt kann sich zu viele inkrementelle Upgrades einfach nicht mehr leisten. Nehmen wir die Herstellung und Distribution von Mobiltelefonen. Es werden pro Tag ca. 6 Mio. davon hergestellt. Lassen Sie sich das mal auf ihren Gehirnwindungen zergehen: 6 Millionen Handys am Tag, das sind über 2 Mrd. Einheiten im Jahr! Ein wahrhaft gigantischer Berg an Plastik, Edel- und Schwermetallen, inklusive Seltenen Erden, Glas und vielen komplizierten chemischen Verbindungen und Abfällen, die bei der Produktion anfallen. Nur damit man wieder das neueste Upgrade hat, das lediglich marktverträglich und damit inkrementell verbessert wurde. Ein etwas angepasstes Design, ein etwas schnellerer Prozessor, eine bessere Kamera – aber keine echte Innovation, die die Menschen unbedingt benötigen würden.

Ist so ein Denken altmodisch oder konservativ?

Vielleicht denke ich zunehmend wie mein Vater. Er wurde 1939 geboren, teilte sich zu dieser Zeit den Erdball mit gerade mal 2,5 Milliarden Menschen, ist in einer schwierigen Nachkriegszeit aufgewachsen, konnte jedoch mit dem Wirtschaftswunder Ende der 50er/Anfang der 60er Jahre den Traum des neuen Deutschlands leben und davon profitieren. Vater von 3 Kindern, Bauingenieur, später Prokurist eines mittelgroßen Bauunternehmens in Hamburg.

Er kannte kein YouTube, geschweige denn Video on Demand, keinen Nespresso Volluto, keine XING App, kein Twitter im Auto, er hatte keinen Bedarf an Pilates oder Ashtanga Yoga. Er brauchte in seinem Leben nie einen PC sein Eigen nennen, geschweige denn ein Connected Smart-Device bedienen, abgesehen von einem einfachen Navigationsgerät in seinem letzten Auto. Auf seinem Schreibtisch in der Firma stand lediglich ein Telefon.

Er starb an einem Dienstag im November 2008. Mit ihm starb für mich die Generation der Pre-Smartphone-Nutzer. Wenn ich in der Arbeit so in meinen PC starre, dann denke ich immer öfter an ihn. Hatte er nicht ein schöneres, unbeschwerteres Leben? Oder war es langweiliger? Hat ihm etwas gefehlt? Und, was noch interessanter ist: Hätte mir anstelle seiner Person etwas gefehlt? Die Antwort ist ganz einfach: Er war ein Kind seiner Zeit. Wie wir alle mehr oder weniger mit den Gegebenheiten unserer Gesellschaft, unserer Umwelt leben müssen, hat auch mein Vater das Leben geführt, das in seiner Zeit ganz einfach praktikabel war.

Bei allem Konservativismus meines Vaters gab es die sehr positive ‚Alles ist möglich‘-Mentalität meiner Mutter. Das hat zu mehr oder minder schwierigen familiären Situationen geführt und gleichzeitig zu meinem Drang, die Welt zum Besseren zu innovieren, wenn auch meistens nur gedanklich. 1970 geboren, bin ich in der ersten Hälfte meiner Kindheit mit relativ wenig Technik aufgewachsen. Umso mehr war die technische Zukunft faszinierend. Ich habe als Kind mit Begeisterung die „Was ist was“-Bücher gelesen und mit meinen Brüdern wirklich stundenlang über die kommenden technischen Möglichkeiten nachgedacht. Raumschiff Enterprise (heute im Originaltitel Star Trek), Raumschiff Orion, Mein Onkel vom Mars, später Knight Rider und einige andere Zukunftsserien in unserem 3-kanäligen Fernsehangebot waren sozusagen Pflichtprogramm. Wir haben uns fliegende, selbstfahrende Autos vorgestellt und wortwörtlich ausgemalt, riesengroße, flache Fernseher, aber auch winzig kleine Bildschirme, die in Brillen eingebaut werden können, inklusive einem ganzen TV-Sender, der die entsprechenden Programme für so eine Technik hätte liefern sollen. Wir dachten über das Leben in Unterwasserstädten nach oder wie die Kolonisierung des Mondes oder des Mars aussehen könnte. Es gab in unseren Köpfen Raumschiffe, menschliche Roboter, Elektronenhirne, superschnelle, röhrenartige Schnellzugsysteme, Nudel-Koch-Automaten inklusive Soßen- plus Parmesan-Funktion.

Dann kam der Commodore 64, unser erster Home-Computer. Faszination pur, wenn auch komplett offline. Mit lächerlichen 38911 Byte freiem Arbeitsspeicher brach für uns das ‚echte‘ Computer-Zeitalter an (dazu später mehr). In meiner Studienzeit kam ich 1993 das erste Mal mit dem WWW in Berührung, schrieb in einer kleinen Studentengruppe meine ersten Zeilen HTML-Code. Später entwickelte sich daraus ein ganzes Business mit Agentur, Dot-Com Venture Capital und auch dem Totalabsturz der Firma. In dieser Zeit außerdem die eigene Familiengründung, mit allen Höhen und Tiefen der menschlichen Empfindungen. Nach der wilden Startup-Zeit bin ich in die IT-Beraterzunft gegangen, mit gelegentlichen selbständigen Zwischenstationen (Schreiben und Aufführen eines Musicals, Konzeption eines Food- und Livestyle-TV-Senders, Konzeption und Entwicklung einer Mobile Couponing Lösung). Schließlich wurde ich hauptberuflich Innovationsberater und durch das ständige, themenübergreifende Recherchieren Trend- und Zukunftsforscher.

Zwischen Entertainment und kritischem Ausblick

Anfangs war ich eine Art Zukunftsprediger, der die ach so vielversprechenden Innovationssprünge lobpreist und eine geradezu paradiesische ‚Alles wird gut!‘-Welt aufmalt. Über die Zeit bin ich realistischer geworden. Vielleicht auch dadurch, dass es inzwischen zu viele meiner Art gibt und wir schon oft als „die Spinner“ abgetan und richtiggehend abgelehnt werden. Das liegt leider auch daran, dass es in dem Bereich Zukunfts- und Innovationsforschung sehr viele Entertainer gibt, die unsere Zukunft eher als Zirkusnummer präsentieren. Da werden Menschen auf Veranstaltungen und Kongresse gezerrt, die eigentlich nichts zu einer seriösen Beschäftigung mit unseren Herausforderungen und Lösungsmöglichkeiten beitragen. Wie auf dem Jahrmarkt werden selbsternannte Biohacker mit seltsamen, in Eigenbau gefertigten Sensoren (geschwulstartig unter der Haut) vorgeführt, es wird von Moral Enhancement und Parallel-Verschaltung von Synapsen geschwafelt und gruselige Roboter-Zwillinge präsentiert. Sicherlich ist so etwas für den einen oder anderen Kunden kurzweilig und, ja, „sooo faszinierend!“ – aber völlig unsinnig, wenn man mal genau darüber nachdenkt. Bringt Ihnen das den Überblick über Ihre tatsächliche Zukunft? Hilft Ihnen das? Können Sie diesbezüglich Zusammenhänge in Ihrem Kopf formen?

Bitte verstehen Sie mich nicht falsch: Es ist wichtig, über die Zukunft bzw. die technischen und gesellschaftlichen Entwicklungsmöglichkeiten zu sprechen, auch in dieser Nummern-Show-Art – damit sich Nein- und Vielleicht-später-Sager überhaupt damit beschäftigen. Nur dieser fast zwanghafte, unreflektierte Fortschrittsglaube gepaart mit überkommenen, viel zu überzogenen Wachstumsfantasien passt nicht mehr in diese Zeit. Einige eigentlich wichtige Thematiken verkommen nur noch zu Marketing-Worthülsen. Die Welt scheint nur noch aus disruptiven Lösungen, Innovationssprüngen, Big Data, Nanotechnologie und Cloud Services zu bestehen. Es ist eine Zeit des nervösen Sirrens in der Luft, der Panik, „The Next Big Thing“ zu verpassen. Darum werden z. B. auch Startups mit so vielen Milliarden bedacht, obwohl nur wenig Substanz dahintersteckt.

Ein Versuch, einige Dinge zu hinterfragen

Dies ist keine wissenschaftliche Arbeit, sondern eine eigene Sichtweise auf die Welt. Einige Inhalte sind sogar richtig spekulativ, manchmal aus dem Bauch heraus. Fassen Sie daher das Buch am besten wie einen Road Trip auf: Der Weg ist das Ziel, um unsere heutige Welt zumindest etwas besser zu verstehen bzw. zu hinterfragen. Zwischendurch, sozusagen am Wegesrand, lohnt es sich immer mal wieder, ein paar Zusammenhänge etwas genauer zu betrachten, auch wenn einige Details eventuell schon mit der Publikation veraltet sein werden.

Und: Machen Sie hin und wieder mal eine Pause. Legen Sie das Buch weg. Denken Sie über einen Sachverhalt mal in Ruhe nach, anstatt von der Flut an Informationen das Flimmern in den Augen zu bekommen – auch wenn das so manche automatisch erstellte Big-Data-Statistik der beteiligten Verlage durcheinanderbringt, die Datenanalysten sogar misstrauisch macht, ob dieses Werk denn fesselnd genug ist (und damit im User-Aktivitäts-Ranking vielleicht herabgestuft wird). Für mich kein Problem. Holen Sie sich jetzt ruhig erstmal einen Kaffee.

Und dann starten Sie.

München, im Januar 2015

Das programmierte Streben nach Sicherheit

Haben Sie sich nicht auch schon öfter gefragt, warum sind wir so sind, wie wir sind? Dieses ständige Streben nach Mehr, nach Wachstum, nach dem neuesten Fernseher, Smartphone, günstigsten Steak oder funktionsreichsten Kaffeevollautomaten? Warum blenden wir ganz automatisch die daraus entstehenden Probleme aus, die jedoch immer gravierender unsere Umwelt und damit uns selber gefährden? Um dies zu ergründen, möchte ich Sie auf eine kleine Reise nehmen, die vor vielen Millionen Jahren begann. Nicht erschrecken: Es wird zunächst etwas theoretisch und was vermeintlich nichts mit dem Titel und der Hauptaussage des Buches zu tun hat, fügt sich im Verlauf dieser ersten Kapitel zusammen.

In der Ursuppe fing alles an

Stellen Sie sich einen sehr frühen Einzeller vor.2 Alleine, in der Ursuppe der noch einigermaßen jungen Welt, vor ca. 3,5 Mrd. Jahren. Was war mit diesem Stück Leben los? Es hatte eine interessante Grundprogrammierung3 herausgebildet: Überleben durch Absicherung, um weitere Bakterien der gleichen Art produzieren zu können. Zum Beispiel durch Zurückweichen vor Stoffen/Gasen, die nicht verarbeitet werden konnten, gleichzeitig jedoch möglichst im selben Gebiet zu bleiben, um das vorhandene Stoffangebot zu nutzen für die beschleunigte, vermehrte Produktion von Artgenossen, um über die schiere Anzahl von Kopien eine Chance zu haben, die Art zu erhalten und auszubauen.

Nebenbei haben einige Arten von den kleinen Einzellern übrigens auch erstmalig den für uns so wichtigen Sauerstoff produziert – nun nicht, weil sie es so wollten, sondern weil einfach nichts anderes als Stickstoff und Kohlendioxid und ein paar weitere, für uns ziemlich giftige Gase zur Verfügung standen. Überhaupt ‚dachten‘ die kleinen Viecher nichts, sondern waren eher wie kleine Nano-Bio-Maschinchen. Für mindestens eine Milliarde Jahre lang blieb das auch so. Alles in allem ein ziemlich langweiliger Planet.

Nach ein paar Trillionen Bakteriengenerationen fingen die Einzeller irgendwann an, sich gegenseitig durch Botenstoffe wahrzunehmen. Der Ur-Programmcode erfuhr eine Modifikation: Sicherung der eigenen Lebenseinheit plus Eingehen von Gemeinschaften mit gleichartigen Lebenseinheiten, um die eigene Einheit weiter abzusichern. Dies hatte einen beschleunigten genetischen Austausch zur Folge, der eine schnellere und effektivere Art der Fortentwicklung ermöglichte. Die Ausbildung von spezialisierten Zellen innerhalb eines Lebewesens hatte begonnen, Organe wurden gebildet. Ab diesem Zeitpunkt gab es in Zellverbünden sinnvolle Ausnahmeregelungen der Ur-Programmierung, es durfte bzw. musste Wachstumsgrenzen geben, es musste gestorben werden. Aber: Die Basis-Grundprogrammierung ‚Sicherung der Lebenseinheit‘ war weiterhin für das ganze Lebewesen gültig.4

Im Laufe der biologischen Evolution verfeinerten sich die Techniken, Stoff- und Datenaustausch zu ermöglichen. Es wurden immer mehr Datenleitungen zwischen den ganzen spezialisierten Zellverbünden innerhalb der Lebenseinheiten gelegt, um schneller oder besser/angepasster schwimmen, laufen, fliegen zu können. Das Zentralnervensystem wurde geboren, später das so komplexe Gehirn. Diese Entwicklung ermöglichte es, dass die Kommunikation auch zwischen Artgenossen ausgefeilter wurde, um sich gegenseitig vor Feinden zu warnen, aber auch um Futterplätze kundzutun, die Arterhaltung durch kognitive Selektion des Stärksten (da Sicherheit Gebenden) zu gewährleisten.

In der Ursuppe nahm also nicht nur die Kommunikation ihren Anfang (ja, so blöd war das gar nicht von den Bibelschreibern mit „Am Anfang war das Wort“ --> also Grundkommunikation), sondern auch die so geniale Basisprogrammierung ‚Sicherheit herstellen‘ wurde zum All-Time-Winner in der belebten Welt.

Bevor wir uns jetzt alle die ganz tiefen Sinn-Fragen stellen – z. B. was/wer hat dann den Urknall ausgelöst und wer hat diese ganzen Basisnaturgesetze konzipiert und/oder wie viele Universum-Versuche es vielleicht schon gegeben haben könnte –, kommen wir buchstäblich auf die Erde zurück. Wir haben nämlich nur diesen einen Planeten und wir, also die Menschheit, sollten uns gewahr werden, warum wir mittlerweile vom Anthropozän sprechen. Wir haben die Erde so nachhaltig umgestaltet/umgewühlt/kaputt gemacht, dass noch Hunderttausende, vielleicht Millionen von Jahren unsere Hinterlassenschaften zu spüren sind.

Der Grund liegt eigentlich auf der Hand. Wir wollen Sicherheit.

Basisabsicherungen

Wir, die angebliche Krönung der Schöpfung, sind in unserem Read-only-BIOS5 immer noch nach den Regeln programmiert, die in der Ursuppe vor 3,5 Milliarden Jahren ihren Anfang nahmen.

Sicherung des eigenen Genbestands

Die Auswahl eines Partners zur Fortpflanzung folgt eigentlich recht einfachen Regeln: Bevorzugt werden physische und materielle Stärke plus eine gewisse Intelligenz, um sich in der Gruppe zu behaupten und um sich in der Umwelt zurechtzufinden. Diese Eigenschaften vergrößern die Möglichkeiten, mehr materielle Dinge zu erreichen, um die Nachkommenschaft (= eigener Gen-Bestand) bestmöglich zu versorgen. Die ganzen romantischen Dinge – sorry für die Fans von Filmen wie „Mit Dir an meiner Seite“ oder „Pretty Woman“ – sind Maßnahmen zur Erreichung des primären Ziels: Nachkommenschaft zur Vergrößerung der Gruppe, die folglich die eigene Existenz besser absichert. Das Prinzip Sex ist dabei ein sinnvolles Verfahren der Natur, um sich über Generationen an verändernde Umweltbedingungen durch „Survival of the fittest“ anpassen zu können.6

Als logische Konsequenz der eigenen Absicherung und Arterhaltung sind wir darauf programmiert, uns um Dinge, Personen, Nachkommenschaft (etc.) zu kümmern.7 Natürlich ist diese Eigenschaft bei jedem Menschen unterschiedlich stark ausgeprägt, aber so gut wie immer vorhanden. Ganze Wirtschaftszweige und Produktgruppen existieren nur durch unsere eingebaute Fürsorglichkeit, darunter Autopflege, Onlinespiele, Tierhandlungen, Gartencenter und vieles mehr. Menschen haben geradezu ein liebevolles Verhältnis zu ihrem Handy (und stecken es meist in designverachtende Hüllen, um es besser zu schützen) oder können sich ein Leben ohne bestimmte liebgewonnene Schuhe nicht mehr vorstellen.

Sicherheit durch Gemeinschaft, Ortskenntnis und Behausung

Die Evolution hat uns eine Ortsprägung, ein Heimatgefühl einprogrammiert. Im vorindustriellen Zeitalter hatte jeder Mensch nur eine natürlich begrenzte Anzahl an direkten sozialen Kontakten, die ihm Sicherheit vor Feinden, vor Hunger, Kälte etc. in einem überschaubaren Ort ermöglichten. Gleichzeitig gab es in diesem Gebiet nur eine begrenzte Anzahl an lokal zugänglichen Nahrungsmitteln und Rohstoffen.

Darum schließen wir uns auch heute noch zu ‚Herden‘ zusammen, denken auch entsprechend so: Wir möchten, dass unser Team gewinnt für unseren Ort, mit dem wir viele Heimat-Assoziationen haben, um unsere eigene, persönliche Sicherheit über die Stärke der Gemeinschaft zu erhöhen. Gehen Sie mal an einem x-beliebigen Samstag in ein Fußballstadion – Sie werden diese Grundprogrammierung kaum deutlicher in unserer heutigen Zeit erleben/fühlen können.

Und es hat sich für uns als sehr praktisch erwiesen, einen einigermaßen geschlossenen Raum unser Eigen zu nennen, um sich vor Feinden in den Ruhephasen zu schützen. Einige Millionen Jahre in Höhlen, Waldkuhlen, Mulden etc. haben unsere Verhaltensweisen als Landlebewesen nachhaltig geprägt. Da braucht es hierzu auch keine Erziehung oder elterliche Prägung. Kleine Kinder bauen sich z. B. mit Decken und Kissen unter Tischen kleine gemütliche Höhlen und können darin besonders gut (weil sicher) spielen oder entspannen.

Diese Programmierung bewirkt, dass der überwiegende Teil der Menschen weiterhin ein Leben lang in ihrem Geburtsstaat wohnen bleibt.8 Und es ist der Grund dafür, dass es immer noch Landesgrenzen und damit Besitzansprüche gibt. Nur wenn es extrem unsicher geworden ist, sein tägliches Leben zu bestreiten, fliehen Menschen aus ihrer Heimatregion.9

Sicherung durch Angst vor Feinden und Unbekanntem

Angst ist ein natürlicher Mechanismus, um die persönliche Sicherheit und/oder auch die Sicherheit der Gruppe zu unterstützen. Daraus entwickelten sich die unterschiedlichsten Verhaltensweisen und physiologischen Anpassungen.

Beispielsweise fördert unsere Möglichkeit, mit zwei Beinen relativ schnell zu laufen und heutzutage noch schneller mit diversen Verkehrsmitteln in unserer vertrauten Region unterwegs zu sein, ein tiefes, archaisches Sicherheitsgefühl: Angreifer haben es sehr viel schwerer, einem etwas zuleide zu tun (da in Bewegung), die Möglichkeiten der Nahrungsbeschaffung durch Ausweitung des Territoriums können steigen. Wir werden – zumindest gedanklich – unangreifbar, flexibel, frei.10 Und wir erhalten durch das Unterwegssein eine größere Übersicht/Transparenz der Umgebung.

Wenn uns etwas nicht bekannt ist, wird hingegen eine Abwehrhaltung bzw. Angst ausgelöst. Diesen Mechanismus erleben wir am Tag teilweise hundertfach. Es braucht nur ein neuer Kollege am Arbeitsplatz erscheinen, der einen bisher unbekannten Dialekt spricht, regional spezifische Wörter oder Wortwendungen für bestimmte Alltagsgegenstände benutzt. Gänzlich unverständliche Sprachen lösen geradezu eine Not-Situation aus: Es wird nicht mehr transparent, ob das Gegenüber Freund oder Feind ist, oft ist das erste Gefühl Flucht. Die eigene Sicherheit ist – wenn auch nur tiefenpsychologisch – gefährdet.11

Aus diesem Grundverhalten bzw. durch unsere genetische Programmierung ergibt sich, dass wir uns nur in sehr engen Grenzen auf Neues einlassen, da es generell etwas Unbekanntes ist und Unbekanntes eine potentielle Bedrohung darstellt. In der Produkt- und Markenwelt ist man daher sehr vorsichtig geworden, was größere Änderungen am Produktdesign angeht, da der Konsument schnell verschreckt wird. Gute neue Konzepte sind z. B. in der Automobil- oder Softwareindustrie schon grandios gescheitert, nur weil das Aussehen eine leichte Veränderung erfahren hat.12

Die Bereitschaft, sich auf etwas Neues einzulassen, hängt jedoch auch stark vom sozialen Umfeld, von den äußeren Umständen ab: Menschen, die in armen Verhältnissen leben, haben auch die größte Angst vor Veränderung. Wenn man sehr wenig hat, versucht man das Wenige noch zu schützen. Neue Prozesse, neue Techniken, neue Sichtweisen werden daher in armen Regionen dieser Welt meistens nur zögerlich angenommen, auch wenn sie ganz logisch betrachtet ein sehr viel besseres Leben versprechen.13 Sicherheit finden bedürftige Menschen häufig in traditionellen Bräuchen und in der kurzfristigen Mittelbeschaffung, was auch ein psychologischer Grund für die fortschreitende Übergewichtigkeit von ärmeren Menschen in Verbindung mit den heute massenhaft industriell hergestellten Lebensmitteln ist. Menschen, die in einem Land oder einer Region leben, in der die Basisversorgung sichergestellt ist, können sich dagegen mehr Flexibilität im Denken und Handeln leisten. Etwas Neues auszuprobieren und später auch im Leben einzusetzen, ist bei Reicheren mit weniger Risiko verbunden, neue Dinge können spielerisch erlernt und genutzt werden.

Mit dem Alter wächst der Sicherungsbedarf

In den unterschiedlichen Lebensaltern verändert sich das Sicherheitsbedürfnis: Kindern und Jugendlichen ist Sicherheit nicht so wichtig, da im jungen Alter meistens eine gute physische Ausgangslage vorherrscht bzw. hohe körperliche Regenerationsmechanismen wirken. Ferner sorgt das Elternhaus für die Basisversorgung an Nahrung, Wärme, Schutz. Dadurch ist eine sehr viel höhere Flexibilität im Denken möglich, die Welt kann spielerisch erkundet werden.14 Dagegen wird das Sicherheitsdenken im zunehmenden Alter geradezu die beherrschende Lebenseinstellung. Die körperliche Stärke nimmt ab, womit das Individuum physisch angreifbarer wird.

In jedem Lebensalter aber wird versucht, sich das Leben einfacher zu machen bzw. seine persönlichen Basisbedürfnisse auf eine einfachere Art zu stillen. Denn: Vereinfachung bedeutet Sicherheit. Darauf ist unser gesamtes soziales und wirtschaftliches System aufgebaut. Und viele unserer Probleme sind dadurch begründbar.

Vereinfachung bedeutet Sicherheit

Wie oft fragen Sie sich am Tag: „Könnte das nicht auch für mich einfacher laufen?“ Einfacher aus dem Bett kommen, unkomplizierter frühstücken, einfacher zur Arbeit fahren, einfacher die Arbeit verrichten, einfacher nach Hause kommen, einfacher die nächsten Rechnungen überweisen. Sich einfach wohl fühlen. Wie es die Werbeclips von Expedia, Weg.de & Co. so idyllisch darstellen: Liegestuhl am Pool, Cocktail in der Hand, nicht hungrig, ausgeglichen, lächelnd, rundum zufrieden.

„Wenn einfach einfach einfach ist“ – vom E-Plus-Provider Simyo so dämlich wie genial formuliert – ist meiner Meinung nach der beste Werbeslogan der letzten 10 Jahre. Weil er genau den Kern-Trigger der Menschheit auf den Punkt bringt: Das Leben einfach machen.

Zur Lebensvereinfachung verpflichtet

Die Welt sieht so aus wie sie ist – mit allen Errungenschaften und fortschreitenden Innovationen, die wir Technologie und Gesellschaft nennen –, weil wir aus unserem Basisprogramm heraus alles einfacher/leichter/unkomplizierter machen müssen.

Dem menschlichen Körper ist immer daran gelegen, möglichst wenig Energie zu verbrauchen, um a) für schlechte Zeiten vorzusorgen und um b) in Situationen der Nahrungsbeschaffung oder Verteidigung genug Power zu entwickeln. Und das ist nicht nur im muskulären Bereich zu sehen, sondern auch das Energie- und Programmierungsmanagement im Gehirn ist diesbezüglich voreingestellt (bezüglich der Bildung oder Stärkung von Neuronen und Synapsen). Da es im Laufe unserer menschlichen Entwicklung die meiste Zeit kein Internet, Smartphones oder LED-Duschbrauseköpfe gab, mit denen man sich herumärgern – sorry: beschäftigen – konnte, waren bestimmte essentielle Körperfunktionen und Reaktionen auf Standardsituationen schon seit sehr langer Zeit über verschiedene, ältere Regionen des Gehirns ‚hartverdrahtet‘, um Gehirn-Rechenleistung zu sparen.15 Das macht man in der IT/Computertechnologie übrigens genauso: Immer wiederkehrende Funktionen müssen nicht im Hauptprozessor berechnet werden, sie werden schon im Motherboard (Hauptplatine) oder in speziellen Karten wie der Grafikkarte bereitgestellt.

Wenn also etwas weniger anstrengend/einfacher für das Muskelsystem und das Gehirn ist, dann verbraucht der individuelle Körper weniger Energie, kann sich schonen und damit die eigene Sicherheit erhöhen. Im Umkehrschluss soll aber die Herstellung dieser Sicherheit möglichst einfach sein, was uns zu unserem Drang bringt, immer neue einfachere Dinge und Prozesse zu erfinden und zu nutzen. Nur drei Beispiele:

Das Auto: Weniger selbst laufen müssen --> Körperenergie sparen --> zeitliche Einsparung für Dinge, um unsere Sicherheit weiter zu erhöhen, z. B. Nahrungsbeschaffung und -aufnahme

Industriell hergestellte Nahrungsmittel: Weniger selbst nach Essen suchen zu müssen --> weniger Gehirn-Processing-Power, weniger persönlicher Energieeinsatz für die Nahrungszubereitung

Automatisierte Klimatechnik: Gleichbleibende Umgebungstemperatur bedeutet weniger Stress und damit Energieeinsatz für den Körper --> deutlich höhere Basissicherheit bezüglich Gesundheit --> kein körperlicher Energieeinsatz zur Beschaffung von brennbarem Material etc.!

Gemütlichkeit ist sozusagen das ultimative Sicherheitsgefühl, weil in dem Moment alles körperlich einfach und sicher ist. Darum ist der so oft gescholtene SUV eigentlich nur ein Produkt unseres Strebens nach dem Basisbedürfnis, mit sehr wenig Energieaufwand des eigenen Körpers es sehr sicher zu haben: Erhöhte Transparenz, da höher als andere Fahrzeuge, Stabilität/Robustheit, Schnelligkeit (Feinden entkommen, Gefühl des Jagens), angenehme Klimatisierung. Die Geländegängigkeit spielt beim SUV so gut wie keine Rolle.

Das Produkt als Diener und Untertan

Die materielle Anhäufung ist für uns ein wichtiges Mittel zum Zweck, unserem Streben nach Sicherheit nachzukommen. Schließlich bedeutet mehr Material mehr Sicherheit vor Feinden, vor Hunger, vor Ausschluss aus unserer Gruppe/dem Kulturkreis. Kurz: Wir hamstern, was das Zeug hält.

Ein weiterer diesbezüglicher Aspekt ist tiefenpsychologisch etwas komplizierter. Ist es unser eigenes Ding/Material/Gadget/T-Shirt/etc., haben wir eine gefühlte Kontrolle darüber, machen es uns sozusagen untertan. Und was unser Untertan ist, muckt nicht auf, greift uns nicht an, ganz im Gegenteil: das Ding dient uns.

Diese psychologischen Eckpfeiler unserer Konsumgesellschaft lösen bei vielen Menschen eine Art Suchtverhalten aus: Wir benötigen immer mehr Produkt-Untertanen, um uns letztendlich sicher zu fühlen. Die meiste Werbung – egal für welches Produkt – verkauft darum eigentlich nur die Hoffnung, mit dem beworbenen Produkt ein einfacheres/sicheres Leben führen zu können, eine Art Erlösung von der Kompliziertheit der Welt. Sehen Sie sich einmal bewusst einen Abend lang einen privaten TV-Sender an und analysieren Sie die Werbebotschaften,16 beispielsweise:

Werbung für Singlebörsen: Auf einfache Weise den richtigen Partner finden, nicht mehr allein zu sein und dadurch sozialem Druck zu entgehen

Werbung für Reiseportale: Mit wenig Aufwand das günstigste Angebot bekommen (um damit gegenüber anderen Personen auch seinen sozialen Status zu stärken oder zu stabilisieren)

Werbung für Spielekonsolen oder TV-Sets: Sicherheit, keine Langeweile zu haben. Darum gibt es auch immer neue Spielekonsolen und TVs, weil die Geräte durch den rasanten Innovationszyklus schnell veralten und darum wieder langweilig werden.

Werbung für Autos: Sicherheit durch vermeintliche Unabhängigkeit, Selbstbestimmung, Erlösung von der Anstrengung, sich selber zu bewegen, Unangreifbarkeit

Werbung für Putzmittel oder Seifen: sich einfach absichern vor potentiellen Krankheiten, Ekelfaktor reduzieren etc.; übrigens interessant hierbei: Sauberkeit ist tatsächlich ein Statussymbol, eine Art Machtbeweis. Je mehr Sterne ein Hotel hat (und je exklusiver, teurer es ist), desto mehr Wert wird z. B. auf Sicherheit durch frische Handtücher gelegt

Fertigprodukte, Fast Food, Nahrungsergänzungsmittel: Erlösung von der anstrengenden Suche nach Nahrung und Genuss

Durch diese geradezu verzweifelte Suche nach Lebensvereinfachung mit immer neuen verheißungsvollen Produkt-Untertanen haben wir uns den Alltag ganz schön kompliziert gemacht. Immer mehr Lebensvariablen sind kognitiv zu verarbeiten. Das hat natürlich Folgen.

Verdrängung als automatischer Vereinfachungsmechanismus

Wenn wir zu viele Dinge auf dem Zettel haben, die zu viel Gehirn-Verarbeitungsleistung abzweigen, können wir nicht mehr zielgerichtet unser Überleben sichern (plakativ gesprochen: jagen, Kinder hüten, Unterkünfte bauen etc.). Themen und Dinge, die gedanklich und auch räumlich zu weit weg sind, werden automatisch verdrängt bzw. vergessen – insbesondere, wenn sie keine oder keine unmittelbare Gefahr darstellen.

Mir geht es übrigens nicht anders: Immer wieder ertappe ich mich dabei, wegzuschalten. Zum Beispiel kam neulich im Spiegel TV Magazin ein Beitrag über Pelzzüchtung. Nach dem Anteasern durch die Moderatorin sah ich schon die grausigen, bedrückenden Bilder vor meinem geistigen Auge ablaufen. Was tat ich also? Ich schaltete um. Denn ich wusste in diesem Moment: Es würde mich einfach derzeit zu stark belasten. Was könnte ich schon dagegen tun? Gegen all die schlimmen, natur- und tierverachtenden Systeme und Praktiken?17

Sie können Ihr eigenes energiesparendes Verdrängungsdenken mit einem ganz einfachen Test selber entlarven: Wenn die Wetterkarte im Fernsehen kommt, gucken sie auch auf andere Gebiete oder nur auf ihr eigenes Bundesland? Die allermeisten – ich inklusive – schauen instinktiv nur auf den eigenen Wohnort (in meinem Fall Bayern). Andere Bundesländer interessieren mich nur peripher, wenngleich meine eigentliche Heimat Hamburg schon mal die eine oder andere Augenmuskelbewegung hervorruft.

Wenn wir also dermaßen von unserer Biologie gegängelt werden, was unsere Denkmöglichkeiten angeht, wie können wir uns überhaupt so weit fortentwickelt haben? Es hat damit zu tun, dass im Laufe der Geschichte bestimmte Gruppen (z. B. der Klerus, später: Wissenschaftler, Inhaber politischer Ämter etc.) einfach mehr Zeit bekommen haben, tatsächlich über einige Dinge stärker und länger nachzudenken, indem sie sich nicht auf die Nahrungssuche o. ä. begeben mussten. Mit der Zeit konnten den jeweiligen Umweltbegebenheiten angepasste Prozessanweisungen entstehen, der Klebstoff Kultur entstand, damit nicht täglich jemand Amok läuft oder sonst wie in großem Stil austickt.

Institutionelle Lebensanweisungen

Religionen haben sich weitestgehend aus dem Sicherheitsbedürfnis der Menschen entwickelt, und zwar im Kontext einer bestimmten Zeit, örtlichen Gegebenheiten, Flora/Fauna und Klima18 – den Lebensgegebenheiten. Dabei ist es völlig unerheblich, ob es sich um Christentum, Buddhismus oder Islam handelt: Alle religiösen Lehren haben geeignete, alltäglich anwendbare und wiederkehrende Prozessanweisungen, um den Menschen im Alltag durch Wiederholungen von Gebeten, Bräuchen und sonstigen Ritualen Sicherheit durch schon Erlerntes zu geben. Der Bonuseffekt hiervon ist die starke Identifikation mit anderen Gläubigen, die auch diesen Regeln folgen, wodurch eine erhöhte Gruppenzugehörigkeit (Gemeinschaftsgefühl) ausgelöst wird. Die schlimmste Strafe ist daher der Ausschluss aus der Gruppe. Durch starke Diversifikation der Interessensgebiete und der sozialen Granulation gibt es jedoch mittlerweile viele unterschiedliche Lebens-Sicherheitsanker als Option.

Ähnlich den religiösen Gemeinschaften und Organisationen sind die politischen bzw. Herrschaftssysteme eigentlich auch nur eine Folge des Sicherheitsdenken des Menschen: Wir wollen eine starke Führung, die uns vor dem Bösen verteidigt, die aber auch Kompliziertes einfach macht (zumindest in der Darstellung) und somit einfachere Entscheidungen gestattet, was wiederum eine höhere Energiekonservierung im Gehirn ermöglicht und dafür mehr Processing-Power für andere Notsituationen reserviert. Die Bewältigung des alltäglichen Lebens wird durch Menschen, die sagen, wo es langgeht, vermeintlich einfacher.19

Folgen der natürlich beschränkten Denkweise

Die Sicherungsmechanismen plus unsere natürliche, in der Regel auf Energiesparen eingestellte Gehirn-Rechenleistung hat dazu geführt, dass wir viele einzelne Lebensvereinfachungen entwickelt haben, ohne dabei die Wechselwirkungen mit anderen gesellschaftlichen oder umwelttechnischen Thematiken oder Gegebenheiten zu beachten.

Die vielen Einzelvereinfachungen haben uns letztendlich die Welt kompliziert gemacht, superduper kompliziert – so sehr, dass kein Mensch mehr den ganzen Überblick haben kann. Wir sind also Opfer unseres programmierten individuellen Sicherungssystems geworden.

Kurz: Es wird immer komplizierter, ein einfach sicheres Leben zu führen.

Wenn einfach nicht einfach ist

Politiker und Wähler, Unternehmenslenker und Arbeitnehmer unterliegen gleichermaßen der Systematik „einfach ist besser“. Für die wahlberechtigten Bürger ist der jetzige politische Prozess in den meisten Fällen jedoch zu kompliziert. Die mittlerweile vielen verschiedenen Parteien und Meinungsfacetten werden auch durch Wahl-o-Maten oder ähnlichen Meinungsbildungshilfsmitteln nicht unbedingt transparenter, im Gegenteil. Durch unsere immer kompliziertere, damit kleinteiligere Lebenswelt mit hunderten Lebensvariablen erstarken in mehreren Ländern Europas leider die radikaleren Parteien, die gegen den europäischen Gedanken Sturm laufen.20 Das große Ganze ist schwer fassbar, das Denken über die jeweiligen Landesgrenzen hinweg fällt zunehmend schwerer bzw. es ist nicht in den örtlichen Lebensalltag integrierbar, liegt zu weit außerhalb der persönlich empfundenen Sicherheitszone. Dabei sollten wir gerade in unserer heutigen Zeit sehr viel vernetzter, großräumiger denken, um Landesgrenzen überschreitende Problemlösungen voranzutreiben.

Dummerweise sind Politiker aber auch nur Menschen und wie ihre Wähler immer mehr von der heutigen Komplexität der Welt überfordert. Das Spektrum an Themen ist einfach zu groß, zu viele Stellschrauben bzw. Variablen existieren und für ganzheitliche Überlegungen ist meistens zu wenig Zeit.

Um sich das vorzustellen, verwende ich gerne eine Bildgegenüberstellung: Auf der einen Seite einen alten Modelleisenbahn-Trafo von Märklin mit nur einem Stellhebel, auf der anderen Seite ein Bild vom Kontrollzentrum der größten Modelleisenbahnanlage der Welt im Miniatur Wunderland Hamburg. Der Märklin-Trafo aus der guten alten Zeit trifft ganz gut die Stellschrauben-Menge, die ich noch in meiner Kindheit erlebt habe: Es gab praktisch nur zwei Funktionen, nämlich vorwärts und rückwärts fahren, das allerdings mit einer stufenlosen Geschwindigkeitsregelung. Keine weitere Ablenkung durch zusätzliche, heute standardmäßige digitale Sonderfunktionen (verschiedene Züge, die unterschiedlich schnell fahren können, Lichtfunktionen, Geräuschfunktionen, digitale Weichensteuerung etc.!). Die Welt war übersichtlich. Das andere Bild vom hochtechnisierten Miniatur Wunderland symbolisiert unsere Welt heute: unglaublich viele, durch die technische Machbarkeit hervorgerufene Optionen, Stellschrauben, Variablen – vom Einzelnen überhaupt nicht mehr nachzuvollziehen, geschweige denn zu kontrollieren.

Aus dieser sich täglich verschärfenden Komplexitäterhöhung heraus wird eine Horde von Beratern und Assistenten für die Großkopferten (wie man hier in Bayern sagt) benötigt, um überhaupt einigermaßen die anstehenden Problemstellungen zu sichten, zusätzlich zu recherchieren und Lösungsvorschläge zu erarbeiten. Diese Berater scheitern in vielen Fällen dann immer noch, weil selbst die Zusammenfassungen der Zusammenfassungen immer noch viel zu komplex für die Politiker sind.

Politiker können wie wir alle rein biologisch nicht holistisch, also ganzheitlich denken. Wenn etwas außerhalb des täglichen Erlebensbereichs steht, werden auch keine tiefergehenden Verknüpfungen aufgebaut. Frau Merkel braucht sich z. B. nicht um Fragen rund um die vielschichtige Entwicklung des Internets kümmern, dazu hat sie Experten. Ihre eigene Erlebenswelt in Bezug auf Nachrichtenaustausch ist hauptsächlich auf mündliche und papierschriftliche Kommunikation reduziert, plus einen Anteil SMS (die sie schon mal gerne während einer Bundestagssitzung schreibt), plus ihrem wöchentlichen Videoblog, der aber auch so ist, als ob sie schnell mal ein Fernsehinterview gibt. Das Internet steht nicht als Priorität auf ihrer Tagesagenda, und Frau Merkel denkt wirklich, „das Internet ist für uns alle Neuland“21 – denn im Kopf der Bundeskanzlerin ist das auch so.

Konzerndenken

Trotz moderner Kommunikations- und Zusammenarbeitswerkzeugen, vielen verschiedenen Organisationsberatern mit immer wieder neuen Verheißungen „Jetzt werden Sie wie ein modernes Startup!“ werden die meisten Großkonzerne wie kaiserliche Hofstaaten des 19. Jahrhunderts geführt. Das geht auch kaum anders. Veränderungen sind für die Unternehmens-Supertanker geradezu gefährlich. Der oft zitierte Vergleich mit großen und kleinen Schiffen trifft es ganz gut: Kann ein kleines Schiff noch schnell in eine andere Richtung ausweichen, wenn z. B. unvorhergesehen ein Eisberg auftaucht, kann ein dickes Containerschiff die Richtung nur über viele Kilometer wirklich ändern – es fährt einfach in das Hindernis hinein.

Darum können allzu große Innovationen in Konzernen, seien es nun rein organisatorische, technische oder serviceorientierte, tatsächlich systemisch bedingt nur sehr schwer oder mit unglaublich hohem Aufwand umgesetzt werden. Die Masse an Mitarbeitern kann ihre Tätigkeiten in eingespielten Prozessen nicht so schnell ändern.