O du mein Erkenschwick - Anton Stark - E-Book

O du mein Erkenschwick E-Book

Anton Stark

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Beschreibung

Anton Stark, Dipl.-Ing., Jahrgang 1933, geboren in Bamberg, Studium in Leoben und Clausthal-Zellerfeld, begann seine Arbeit bei der Ewald-Kohle AG im Jahr 1959 und durchlief dort verschiedene Abteilungen, bis er im Jahr 1969 als Betriebsdirektor und ab 1982 bis 1993 als Werkschef die Leitung der Zeche Ewald Fortsetzung und Bergwerk Haard übernahm. Seit dieser Zeit lebt er mit seiner Familie in Oer-Erkenschwick und ist eng mit der Stadt, der Zeche und nicht zuletzt dem dortigen Fußballverein “Spielvereinigung Erkenschwick 1916 e.V.”, dem er von 1975 bis 1993 als Vorsitzender vorstand, verbunden. In “O du mein Erkenschwick… – Mit Kuzorra zur Spitze im westdeutschen Fußball” greift der Autor anlässlich des 100-jährigen Jubiläums der Spvgg Erkenschwick die Fäden Orts-, Zechen- und Vereinsgeschichte auf und lässt vor diesem Hintergrund die Frühphase des Fußballsports in Erkenschwick bis zum Aufstieg der Spielvereinigung im Jahr 1943 in die damals höchste Liga im westdeutschen Fußball vor dem Auge des Lesers aufleben.

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Seitenzahl: 239

Veröffentlichungsjahr: 2016

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Für Josephine

Danksagung

Dieses Buch geht auf Archivstudien zurück, die ich 2006 im Stadtarchiv Recklinghausen bei Herrn Anton Winter aufgenommen habe. Durch seine aktive Mithilfe stellte sich der Erfolg beim Auffinden der Gründungsakte des Sportvereins Erkenschwick, einem Vorgängerverein der Spielvereinigung Erkenschwick, schnell ein. Herrn Winter gilt mein aufrichtiger Dank für die konstruktive Begleitung meiner Arbeit, die mich bewog, nicht aufzugeben; ebenso mein Dank an den Leiter des Stadtarchivs, Herrn Dr. Matthias Kordes. Für ihre archivarische Unterstützung und Ratschläge schulde ich den im Folgenden Genannten besonderen Dank: Frau Bettina Lehnert, Leiterin des Stadtarchivs Erkenschwick und Norbert Biewald, Leiter des Zeitungsarchivs beim Medienhaus Bauer, Marl, speziell für die fürsorgliche Betreuung bei den Recherchearbeiten zu den Jahren 1898 bis 1908. Besonderen Dank schulde ich dem Hauptstaatsarchiv Düsseldorf für die Erlaubnis zur Einsicht bestimmter Entnazifizierungsakten sowie der Bezirksregierung Arnsberg, in deren Außenstelle Dortmund ich die Jahresbücher für den Oberbergamtsbezirk Dortmund aus den betreffenden Jahren einsehen konnte.

Großen Dank schulde ich vielen Freunden für ihre tatkräftige Mithilfe bei der Suche nach noch ungehobenen Wissensschätzen im Hinblick auf die Frühgeschichte der Spielvereinigung. Bei der Recherche halfen mir besonders die Vereinsmitglieder und ehemaligen Spieler Klaus Klocke, Friedhelm Linn und Klaus Neisen. Die ersten Beiträge zur Frühgeschichte stammen aus einer Vereinszeitschrift „Das Stimberg-Echo“, ein Gemeinschaftsblatt der Vereine Spielvereinigung 1916 e.V, S.V. Neptun und T.u.S. 09, das im Januar 1951 erstmalig aufgelegt wurde. Eine weitere Veröffentlichung wurde in Kleinbuchform zum 40-jährigen Bestehen des Vereins im Juni 1956 herausgegeben, die jedoch keine wesentlichen Neuerungen enthält. Auch die Familie Neisen, der Vater Erich hütete in den 40er/50er Jahren das Tor der ersten Mannschaft, hat eine lesenswerte, kenntnisreiche Chronik verfasst. Um möglichst viel originales Leben aus der „früheren Zeit“ in mein Buch einfließen zu lassen, erwies sich der Austausch mit Jule Ludorf, Ehrhard Staub und Paul Paluch, bei allen dreien aus sehr unterschiedlichen Blickwinkeln, als besonders förderlich. Jetzt lebt nur noch Paluch, eine wahrhaft sprudelnde Wissensquelle in Bezug auf die Sport- und Ortsgeschichte der 30er Jahre. Ich danke allen dreien für ihre große Bereitschaft, mir ihre Erinnerungen und ihr Wissen, jederzeit wenn ich darum bat, weitergegeben zu haben.

Der Autor dankt auch Jürgen Kersting, ehemals Archivverwalter beim TUS 09, und ebenso Markus Fiesseler, Verfasser des Buches „1oo Jahre Fußball in Nordrhein-Westfalen“ für besonders wichtige Klarstellungen, die den Widerstreit gegenüber den Chronisten auflösten.

Besonders viel zu verdanken habe ich Dr. Sabine Verk-Lindner für Ihre Unterstützung, Beratung, Ermutigung und aufmerksame Durchsicht des Buches. Für die jetzige Version bin ich zuallererst ihr zu Dank verpflichtet. Sie hat sich um Satz und Drucklegung gekümmert und mit großer Einsicht, Akribie und Geduld mein Buch erheblich besser gemacht.

Der ganz besondere Dank gilt meiner Frau Josephine, die mit großer Geduld und Unterstützung des Jungen Benjamin John, eines Computerfreaks, meine stümper- und fehlerhaften Versuche ertragen konnte. Für meine vielfältigen Vernachlässigungen, die sich durch meinen schwierigen Beruf als „Bergmann“ und über lange Zeit durch meine Leidenschaft als Vereinsvorsitzender eingeschlichen haben, möchte ich um Nachsicht bitten.

Anton Stark

18.6.2016

INHALT

Vorwort

Teil I: O du mein Erkenschwick…

Auf den Spuren der Erkenschwicker Bauerschaft 1900 –1926

Vom Bauern- zum Zechendorf – Ein dornenreicher Weg

Zuwanderung und Volkszählung 1900

Eine Verwaltung ohne Biss

Der tägliche Kampf auf der Zechen-Baustelle

Der private Wohnungsmarkt nimmt Fahrt auf

Das Pokerspiel um die Zeche Freie Vogel & Unverhofft

Endlich drehen sich die Förderräder, doch wo bleiben die Kohlen?

Von der Zeche Freie Vogel zur Zeche Eiberg

Massenentlassung und Aufstieg der Zeche

Teil II: Mit Kuzorra zur Spitze im westdeutschen Fußball

Ein Rückblick auf die Zechengeschichte 1906 –1916

Gründung, Fusion mit dem Turnverein 09 und Aufnahme in den WSV

Spielverein Oer, ein Fußballverein den keiner kennt

Auf den Spuren der Spielvereinigung Erkenschwick

Im Widerstreit mit den Chronisten

Erste Meisterschaft 1924, Anmerkungen zur Ruhrbesetzung und zum Jubiläum 1926

Die entscheidenden Fußballjahre bis zur Bezirksmeisterschaft

Stilllegung der Schachtanlage Ewald Fortsetzung 1/5 und deren Folgen

Fußball im Übergangsjahr 1932 / 33 und Neustart

Der Nazistaat und seine Auswirkungen auf Politik, Wirtschaft und Sport

Der Fußballsport im Dritten Reich

Auf dem Weg zur Gauliga 1943

Vorwort

Die Spielvereinigung Erkenschwick 1916 e.V. wird einhundert Jahre alt. Im Schatten von Krieg und Zerstörung war im Gründungsjahr 1916 kaum abzusehen, dass der von einer großen Schar von Bergjungarbeitern1 der Zeche Ewald Fortsetzung gegründete Sportverein, einer der Vorläufer der heutigen Spielvereinigung Erkenschwick, derart erfolgreich werden würde. In Chroniken, Büchern, Tageszeitungen und der Fachpresse wurde überschwänglich über die Ober-Liga-West-Zeit2 berichtet. Man feierte seine Himmelsstürmer Lienhard, Rachuba, Ludorf, Sperl, Matejka, die durch ihren ungekünstelten, schnellen, direkten Angriffsfußball und durch ihre leidenschaftliche Kampfmoral die Herzen ihrer großen Fangemeinde begeisterten. „Mit Kuzorra3 zur Spitze im Westdeutschen Fußball“, 1916 –1946, möchte ich das Interesse vieler Erkenschwicker auf das erste Drittel der Vereinsepoche lenken, das bisher äußerst stiefmütterlich behandelt wurde. Das hundertjährige Jubiläum bietet einen guten Anlass, um die wohl wichtigste Epoche unserer Vereinsgeschichte einem breiten Publikum zu vermitteln und auf diese Weise hoffentlich vor dem Vergessen zu bewahren.

Das vorliegende Buch ist eine Synthese aus verschiedensten Literaturquellen, aus vielen persönlichen Gesprächen und eigenen langjährigen Erfahrungen als Werksleiter der Schachtanlage Ewald Fortsetzung und Vorsitzender der Spielvereinigung Erkenschwick. Die Anfänge für dieses Buch gehen auf Gespräche mit Schülern der Oberstufe des Willy-Brandt-Gymnasiums anlässlich der Wanderausstellung „Fußballregion Ruhrgebiet“ zur Weltmeisterschaft 2006 zurück. Durch die Kooperation mit Partnervereinen und Partnerschulen vor Ort sollte die lokale Fußballgeschichte unter verschiedenen Aspekten beleuchtet werden. Trotz intensiver Bemühungen der Schüler blieben meines Erachtens besonders die Aufarbeitung der Frühgeschichte der Spielvereinigung, die Phase der Zechenstilllegung und der NS-Zeit äußerst lückenhaft. Im Vordergrund standen mehr die ruhmreiche Oberligazeit und die Idealisierung der Mannschaft; die Zeit davor schien nicht zu existieren. Da es auch um meine Kenntnisse in Bezug auf diese Periode der Stadt-, Zechen- und Vereinsgeschichte nicht zum Besten stand, und das als langjähriger „Insider“, wollte ich mehr über die Hintergründe wissen und begann die Planung der vorliegenden Veröffentlichung – nicht ahnend, wie schwierig Recherchen über Geschichten sind, die vergessen oder nur noch wenigen in Erinnerung sind. Mit Vorsicht sind hier besonders Beiträge in Festschriften und Chroniken einzuordnen, die sich auf die Gedächtnisleistung so „genannter“ Zeitzeugen berufen.

Der Aufwand der vielen Stunden Archivarbeit war dennoch der Mühe wert, denn ich hatte das Glück, neue und wichtige Quellen zu entdecken und einige Fehler und Nachlässigkeiten richtig stellen zu können.

Eine Darstellung der 100-jährigen Geschichte der Spielvereinigung Erkenschwick muss sich zwangsläufig auch mit dem größten Arbeitgeber, dem Bergwerk Ewald Fortsetzung, und mit der Gemeinde Erkenschwick beschäftigen. Im ersten Teil des Buches rückt deshalb der Zeitabschnitt von 1898 bis 1906 in den Mittelpunkt, der in bisherigen Darstellungen in wesentlichen Aspekten zu wenig Beachtung gefunden hat. Zu einseitig steht in den Berichten über diese Phase der Erkenschwicker Geschichte und der Geschichte der Zeche die Kohle im Vordergrund. Doch die zum Teil spannungsgeladenen Ereignisse im Zuge der Ansiedlung neuer Arbeitskräfte zwischen den Ortsansässigen, den Zuwanderern und den Zechenherrn werden gern ausgeblendet. Nicht nur, dass schon nach drei Jahren, d.h. 1903, fast ebenso viele fremde Menschen im Ort lebten wie Einheimische: nämlich 391 Einheimische gegenüber 375 Zugewanderten – und das mit allen damit verbundenen Problemen: Sprachbarriere einerseits, mangelnder Infrastruktur andererseits. Der Zustrom, das war das fatale, wuchs innerhalb weniger Jahre auf das Dreifache, und das, ohne dass vonseiten der Zeche Wohnungsbau betrieben wurde. Die Erkenschwicker bestritten diese schwierigen Anfangsjahre gemeinsam mit Ehsel (heute Essel), Oer und Rapen, wobei die Amtsgemeinde4 und die Zechenverwaltung wenig Hilfe boten. Da sich von Amtswegen niemand richtig um die Neuankömmlinge kümmerte, lastete die Bewältigung der Probleme wesentlich auf den Alteingesessenen; ohne deren aufopferungsvolles Engagement wären das Amt und die Zechenverwaltung oft hilflos gewesen.

Die Erkenschwicker Einwohner haben – das ist eine Folge der Zuwanderungsgeschichte – zu einem hohen Prozentsatz migrantische Wurzeln. Egal, ob ihre Großeltern mit den Kindern aus Schlesien oder sonst woher kamen. Die Geschichte all dieser Zugewanderten, die händeringend eine Unterkunft und nicht zuletzt eine Zukunft in Erkenschwick suchten und fanden, möchte ich mit dem Kapitel „O Du mein Erkenschwick“! in Erinnerung bringen.

Die Entwicklung der Troika aus Zeche, Sportverein und der Gemeinde Erkenschwick wurde über viele Jahre fast ausschließlich von der Zeche bestimmt. Diese einseitige Ausrichtung auf den Bergbau als größtem Arbeitgeber barg natürlich stets eine Gefahr. Dies zeigte sich drastisch bei der vorübergehenden Stilllegung der Schachtanlage vom 1. Juli 1931 bis zum 1. Juli 1938, die Not und Elend über die gesamte Bevölkerung der Gemeinde Oer-Erkenschwick5 brachte. Es gehört zu den bitteren Tatsachen der Geschichte, dass nur bzw. ausgerechnet unter dem NS-Regime mit seinen auf Sicherung der wirtschaftlichen und militärischen Kriegsfähigkeit ausgerichteten Vierjahresplänen der Betrieb in der Zeche wieder aufgenommen werden konnte.

Wie ein roter Faden ziehen sich existenzielle Krisen auch durch die Chronik der Spielvereinigung. Dies betrifft besonders die Jahre des Ersten Weltkriegs mit Streiks, Hunger und Not und setzt sich fort über Revolution, Inflation bis zur Ruhrbesetzung6. Es ist nur den agilen Vorständen, wie etwa Karl Huthwelker7, und ihren Mitstreitern zu verdanken, dass es gelang, die Spielvereinigung mit zwei Fusionen, zuerst mit dem Erkenschwicker Turnverein und später mit dem Oerer-Ballspiel-Verein, durch die chaotische Anfangsphase von 19161923 zu bringen. Der Pütt8 hat in dieser Zeit wenig für den Fußball getan. Sein – allerdings nicht unbeträchtlicher – Beitrag war gesicherter Lohn, Wohnung, Urlaub, hervorragende Ausbildung, medizinische Betreuung und Deputatkohle.

Das Bergwerk als „Vater aller Dinge“ hat der Bauerschaft Erkenschwick und nach 1926 der Gemeinde Oer-Erkenschwick sicher zu oft den Stempel aufgedrückt und dadurch schon in der Frühphase der Industrialisierung entscheidende Stadtentwicklungspotenziale unterbunden. Durch die Anziehungskraft der Zeche besaß das ehemals Dreihundertneunzig-Seelen-Dorf bereits 1906 zweitausendsechshundert Ansässige, bis 1909 hatte sich die Einwohnerzahl auf 4.059 verzehnfacht und bis 1914 auf über 7.700 verzwanzigfacht. Erkenschwick ist ein typisches Beispiel einer rein industriellen Zusammenballung – ähnlich Oberhausen, nur entschieden kleiner und ohne Bahnhof –, die um die Zeche auf freier Wiese, ohne historische Vergangenheit und einen, wenn auch noch so kleinen, städtischen Kern zwischen den Gaststätten Schmitt, später Romanski, und Welter in der Stimbergstraße, heranwuchs.

Trotz dieser überproportionalen Bevölkerungszunahme war auf kommunaler Seite kaum ein Fortschritt bei der Einrichtung notwendiger Strukturen der Daseinsvorsorge – wie der Bau von Straßen, Wohnungen, Schulen, Kanalisationsanlagen, Anlagen zur Beleuchtung und Trinkwasserversorgung sowie Einrichtungen zum Gesundheitswesen, zur medizinischen Versorgung, der öffentlichen Sicherheit und der Armenfürsorge – festzustellen. Erkenschwick hatte auch große Probleme bei der Sicherung wichtiger Grundbedürfnisse einer Einwohnergemeinde; ein großer Schritt dahin wären der Aufbau einer eigenen Verwaltung und die Anlegung einer räumlichen Struktur mit Marktplatz, ergänzend dazu Geschäftshäuser, Wirtschaften, Kleinindustrie, Handwerk und große Grünflächen zur Regeneration der hart arbeitenden Bergleute gewesen. Doch solche Maßnahmen wurden teils aus sicherheitsstrategischen Gründen (Streikversammlungen) verworfen, teils für überflüssig gehalten oder wegen fehlender Geldmittel zurückgestellt. Die Realisierung, insbesondere bei den Baumaßnahmen und der Kanalisierung, war nicht selten ein „Generationenprojekt“. So wurden Schmutz, Enge und Elend ein Dauerproblem. Unbestritten hätten sich viele dieser Probleme durch eine energische, ortsverbundene Gemeindevertretung vermeiden lassen; doch diese Mitwirkungsmöglichkeit wurde den Erkenschwicker Bürgern genommen, nachdem der Ewald-Gesellschaft – dank ihrer Steuermacht – die Gemeindevertretung übertragen wurde. Eine Chance zur Mitwirkung im Gemeinderat hätte es durch eine Erhöhung der Abgeordnetenzahl durchaus gegeben – so wie beispielsweise bereits 1893 in den Gemeinden Hochlarmark und Röllinghausen erfolgt und auch in der fraglichen Zeit noch praktiziert. Warum diese in Erkenschwick nicht wahrgenommen wurde, ist nicht nachvollziehbar. Es lässt sich allerdings vermuten, dass die Zechenverwaltung derartige Ansinnen sofort abgelehnt hätte, um ihren politischen und wirtschaftlichen Vorteil nicht zu verlieren.

Insofern war mit der Zeche nicht nur unmittelbar das Leben der Bergleute, sondern darüber hinaus das der ganzen Gemeinde verknüpft.

Mit der Gründung der Zeche nahm die Geschichte der Bauerschaft Erkenschwick eine völlig neue Richtung. Die Entwicklung setzte ein, als sich die Gewerkschaft Ewald in Herten in existenzieller Vorsorge entschloss, im Jahr 1898 die „Erkenschwicker Kohlenfelder“ zum Bau einer Doppelschachtanlage9 zu erwerben. Ein schwieriges Unterfangen, da der vorgesehene Landstrich verkehrstechnisch kaum erschlossen war.

Besondere Rätsel bei der Untersuchung der Frühphase der Zechenentwicklung gaben nicht nur die geringe Förderung in den ersten beiden Betriebsjahren 1904 und 1905 sowie die plötzliche Entlassung von 270 Bergarbeitern Ende des Jahres 1904 auf, sondern insbesondere die verzweifelten Versuche der Zechenführung, noch im Jahr 1903 eine Kleinzeche aufzukaufen. Der Verdacht scheint begründet, dass der damalige Vorstandssprecher Konsul Hubert Hagedorn zu diesem Zeitpunkt bereits Kenntnisse hatte, dass es mit dem Anlaufen der Schachtanlage Ewald Fortsetzung schwerwiegende bergtechnische Probleme geben würde. So suchte Hagedorn offenbar eine möglichst große Ausgleichsmenge an Kohlen, sollte Ewald Fortsetzung im schlimmsten Fall völlig ausfallen – und sah seine Chance im Erwerb einer neuen Kleinzeche.

Der erste Teil dieses Buches soll in Form mehrerer Kurzbeiträge das komplexe Geschehen zwischen Einheimischen, Neuankömmlingen der unterschiedlichsten Nationalitäten und der selbstherrlichen Zechenverwaltung der Ewaldgesellschaft aufzeigen und den Fragen um die oben genannten „Unregelmäßigkeiten“ in den ersten Jahren der Kohlenförderung nachgehen.

Der zweite Teil widmet sich – vor dem Hintergrund von Zechen- und Ortsgeschichte – der Gründungsphase des Erkenschwicker Fußballsports bis hin zum Aufstieg in die Gauliga, die damals höchste Liga im westdeutschen Fußball.

Der Verfasser

1 Bis nach dem Ersten Weltkrieg begannen jugendliche Bergarbeiter nach Beendigung der Volksschule im Alter von 14 bis 15 Jahren ihr Berufsleben im Tagesbetrieb, Anlernberuf ohne Lehrplan. Die jugendlichen Bergleute hatten keinen Lehr-, sondern einen Arbeitsvertrag. Mit 16 kamen sie in die Grube, häufig als Pferdejunge oder als Bremser, wo sie auf einer mit Gefälle verlaufenden Verbindungsgleisstrecke zwischen zwei Sohlen arbeiteten. 1907 beschäftigte Ewald Fortsetzung noch 13 Pferde in der Förderung.

2 Höchste westdeutsche Fußballliga von 1947/48 bis 1962/63.

3 Symbolfigur des Fußballvereins Schalke 04; spielte in der 1. Mannschaft von 1923 bis 1949; Trainer der Spvgg Erkenschwick von 1943 bis 1946.

4 Vgl. zur Amtsgemeinde Recklinghausen Land, Vestischer Kalender 2011, Anton Stark, S. 78. Sie wurde am 11. Januar 1844 eingeführt.

5 Gemeinde Oer-Erkenschwick; erst am 26. Februar 1926 wurde im preußischen Landtag das Gesetz über die Regelung der kommunalen Grenzen verabschiedet. Danach wurde die Landgemeinde Oer mit den Ortsteilen Sinsen-Ost, Siepen und Oer mit dem Ortsteil Erkenschwick, der bisherigen Landgemeinde Recklinghausen-Land und dem Ortsteil Rapen, der Landgemeinde Datteln zu einer Landgemeinde mit dem Namen Oer-Erkenschwick vereinigt.

6 Ruhrbesetzung,11.1.1923, Geschichte der Bergwerke Ewald Fortsetzung und Haard (GdBEF). Am 10 Juni 1923 wurde die Zeche von belgischen Truppen besetzt, S. 58; im Dezember räumten die ausländischen Streitkräfte die Zeche.

7 Huthwelker war nur kurzzeitig auf der Schachtanlage Ewald Fortsetzung (SEF) beschäftigt. Zusammen mit Pfarrer Wunderlich war er ein großer Förderer des ev. Jünglingsvereins und unterstützte mit seinen beiden Söhnen die Idee zur Gründung eines Fußballvereins.

8 Pütt, Schachtanlage oder Bergwerk werden identisch gebraucht; der Name Pütt wurde schon im Mittelalter in bergbaulichen Urkunden verwendet.

9 Doppelschachtanlage; je nach Größe und Form des Baufeldes, das durch Grenzen, sogenannte Markscheiden, begrenzt wird, erfolgt der Aufschluss der Lagerstätte durch Förderanlagen, die aus einem Einzieh- und einem Ausziehschacht bestehen oder aus zwei Förderanlagen, eben einer Doppelschachtanlage.

Teil I: O du mein Erkenschwick…

1. AUF DEN SPUREN DER ERKENSCHWICKER BAUERSCHAFT 1900 – 1926

Die Preußen kommen

Seit Generationen gab es in der Bauerschaft Erkenschwick, die früher zur Kirchgemeinde Petrus in Recklinghausen und seit der Preußenzeit am 1. Oktober 1841 verwaltungstechnisch mit weiteren 20 Dörfern zunächst der Bürgermeisterei Recklinghausen-Land und ab dem 11. Januar 1844 zum neu geschaffenen Amtsbezirk Recklinghausen gehörte, nur eine Handvoll Bauernhöfe10; nach Leushacke11 waren es genau genommen 12 Höfe, 9 Kötter und 4 Heuerlinge.

Abb. 1: Höfner Heinrich Schulte-Hubbert

Über Generationen stellte das Bauerngeschlecht der Schulte-Hubberts den Dorfschulzen. Der letzte Hofesaufsitzer Heinrich Schulte-Hubbert – Lebensdaten: 28. August 1840 bis 1. Mai 1905 – wurde sogar zur politischen „Berühmtheit“ der Großfamilie, nachdem er unter Amtmann von Gersdorff im Jahre 1893 zum Beigeordneten ernannt wurde.

Außer zwei Bauernschenken, eine am Dorfeingang und eine in der Dorfmitte, hatte der Ort allerdings wenig zu „bieten“. Man hatte weder einen Marktplatz mit Kirche noch einen Pfarrer, weder einen Lehrer noch einen Arzt, geschweige denn eine Schule oder einen Friedhof. Zum Schulbesuch gingen die Kinder zu den in Nachbarschaft gelegenen Dörfern Horneburg12 oder Oer. Auch die Toten mussten auswärts beerdigt werden, entweder in Horneburg, oder der Leichzug fuhr bis nach Recklinghausen.

Das Wegenetz war kaum entwickelt. Die wagenbreiten sandigen Feldwege verbanden im Wesentlichen die einzelnen Höfe miteinander. Noch enger wurden die Landwege zu den Dörfern Oer und Rapen. Daraus zu schließen, man hätte im Zwist gelegen oder habe nichts miteinander zu tun haben wollen, stimmt zumindest für die Bauerschaft Rapen nicht; denn seit 1804, also seit fast hundert Jahren, war man in einem Schützenverein vereinigt und feierte gemeinsam recht ausgelassen im jährlichen Ortswechsel die Feste.

Etwas breiter als die übrigen Wege war nur die Stimbergstraße, ein ausgefahrener, teils recht sandiger Landweg, der als Nordsüdachse verkehrstechnisch das Rückgrat der Gemeinde bildete und die Bauerschaften von Groß- und Klein-Erkenschwick miteinander verband. An der Eck-Bauernschänke Wember – die Wirtschaft Kausch stand noch nicht – kam man über die Horneburger Straße Richtung Westen nach Recklinghausen, nach Osten fand man Anschluss Richtung Horneburg und Datteln.

Als vom Amt Recklinghausen verwaltungsmäßig völlig abhängige Bauerschaft blieb es nicht aus, dass man in regelmäßigen Abständen für irgendeinen x-beliebigen Vorgang einen etwa einstündigen Fußmarsch zum Amtshaus und ebenso lang wieder zurück auf sich nehmen musste; ein unhaltbarer Zustand, der endgültig erst 1914 – Erkenschwick zählte inzwischen über 7.700 Einwohner – durch Einrichtung der ersten Verwaltungsstelle im Hause Stimbergstraße 217 beseitigt wurde.

Ab 1898 fand Erkenschwick bei der Bergwerksgesellschaft13 Ewald, die ihren Sitz in Herten hatte, trotz der infrastrukturellen Nachteile bei der zweiten Generation des Grubenvorstandes, vertreten durch die Gewerken Konsul Hubert Hagedorn, Friedrich Schürenberg und Ortwin Grevel, willige Investoren. Sie dachten über neue strategische Standbeine nach, obwohl man erst zwei Jahre zuvor eine zweite Doppelschachtanlage – Ewald 3 /4 – in Gelsenkirchen / Resse in Betrieb genommen hatte. Man folgte damit dem Trend der Zeit und wollte es den großen Kohlebaronen August Thyssen und Emil Kirdorf14 nachtun, die durch Neugründungen oder Zukauf von Zechenanlagen ihre Kohlenbasis und ihr Fördervermögen stets zu vergrößern und die Selbstkosten zu vermindern suchten.

Da eine Erweiterung des eigenen, verhältnismäßig kleinen Grubenfeldes von nur 10,0 km2durch Anrainer völlig blockiert war, trat man im Jahr 1898 mit den Besitzern verschiedener, teils bereits verliehener, teils erst gemuteter Felder bei Recklinghausen zwecks Ankaufs in Verbindung. Die Wahl fiel auf eine Reihe von Grubenfeldern, die etwa zehn Kilometer nordöstlich der Zeche Ewald in den Gemeinden Erkenschwick, Rapen, Oer, Ehsel und Datteln lagen und von den alten Grubenfeldern durch das Feld der Zeche General Blumenthal getrennt waren. Noch in der ersten Hälfte desselben Jahres wurde der Erwerb mit einem Kostenaufwand von 1.883.497 Mark vollzogen; und bereits am 7. März 1899 gründete man, etwas verkürzt dargestellt, die Gewerkschaft Ewald Fortsetzung.

Zur Beschaffung der Geldmittel ermächtigte die Gewerkenversammlung den Vorstand zur Aufnahme einer mit 4.5 v. H. verzinslichten Anleihe von 4.500.000 Mark. Das neue Grubenfeld15 war mit 13,2 km2Fläche größer und günstiger gestreckt als das alte Feld und erlaubte bei entsprechender technischer Ausgestaltung und großzügiger Dimensionierung aller Querschnitte den Bau von ebenfalls zwei Doppelschachtanlagen mit Standorten in Erkenschwick und Rapen. Wegen der vorteilhafteren Straßenanbindung nach Recklinghausen und eines kürzeren Gleisanschlusses nach Sinsen entschied man sich zuerst für den Bau der Schachtanlage in Erkenschwick.

Abb. 2: Einzelfelder der Zeche Ewald Fortsetzung

Von den Gewerken erhielten der Grubenvorstand und der erste Bergwerksdirektor Schrader alle Vollmachten, die Beschlüsse auszuführen. In einem ersten Schritt kaufte Schrader im März 1899 etwa 20 Bauern und Köttern 200 Morgen Acker, Wiesen und Wald ab, die zu einem Preis von durchschnittlich 700 bis 800 Mark abgegeben wurden. Davon allein rund 130 Morgen von den Bauern Schulte-Hubbert, Schröder, Stegemann, Schnettger, Flögel und Beckbauer. Nachdem das Geschäftliche geregelt war, blieb den Bauern nur noch, mit einem wehmütigen Blick zu verfolgen, wie ihr Dorf während der nächsten Jahre ein völlig neues Gesicht erhalten sollte. „Ihr“ Zentrum, der Kettlersche Hof, wurde geschleift, das Gelände einplaniert und für die zahlreichen neuen Bauten mit Fördertürmen und hohen Schloten bereits wieder abgesteckt. Mit Eifer wurde eine 6,5 km lange Schmalspurbahn für Pferdebetrieb vom Schachtplatz über die südliche Stimbergstraße zum Bahnhof Recklinghausen gelegt; und schon am 2. Juni konnte man mit Schacht 1 und am 10. Juli 1899 mit Schacht 2 den Teufbetrieb aufnehmen.

Abb. 3: Direktor Ludwig Schrader

2. VOM BAUERN- ZUM ZECHENDORF – EIN DORNENREICHER WEG

Neue Quellenfunde und Strategien beim Wohnungsbau

Die ersten Hinweise auf unvorhergesehene Vorkommnisse bei der Förderaufnahme der Schachtanlage Ewald Fortsetzung lieferte bereits die Chronik über die Bergwerke Ewald Fortsetzung und Haard, die im September 1992 anlässlich der Zusammenlegung der Bergwerke Ewald Fortsetzung und Haard mit dem Bergwerk General Blumenthal16 angefertigt wurde. Auch wenn über die frühe Phase des Erkenschwicker Bergbaus äußerst zurückhaltend berichtet wurde, so lässt sich an den Förderzahlen im Restjahr 1903 und den vollen Betriebsjahren 1904 und 1905 ableiten, dass der Anlauf des Förderbetriebes nicht erfolgreich verlaufen war. Insbesondere blieb die Entscheidung über die plötzliche Entlassung von über 270 Bergleuten Ende 1904 völlig unklar. Auch der einmonatige Bergarbeiterstreik17 von Mitte Januar bis Mitte Februar 1905 reicht als Erklärung für die sich weiter verschlechternde Tagesförderung von 180 Tonnen in 1904 auf nur noch 122 Tonnen Kohlen in 1905 nicht aus. Um mehr über die Hintergründen der ungewöhnlichen Entwicklung zu erfahren, waren weitere Recherchen im Zeitungsarchiv Bauer in Marl, für die Zeit von 1899 bis 1906, nötig. Erst die gründliche Durchsicht des Materials zu diesem Zeitabschnitt brachte mehr Aufklärung zur Strategie des Vorstandssprechers Hubert Hagedorn, doch die Klärung der Frage, warum man 1904, kurz vor Weihnachten, über die Hälfte der Belegschaft entließ, blieb weiterhin offen.

Erstaunlich war, dass der Kopf der Führungselite zu diesem peinlichen Geschehen, das Not und Elend über ganz Erkenschwick brachte, nie ein Wort des Bedauerns verlor. Die Geringschätzung und Diskriminierung seiner Bergarbeiter konnte der Vorsitzende des Vorstandes und Bergbaukapitalist kaum besser offenbaren. Unabhängig von diesem desolaten Verhältnis zu seinen Bergleuten war der Konsul innerhalb des Grubenvorstandes die herausragende Persönlichkeit: Er konzipierte die strategische Ausrichtung des Unternehmens, war kostenbewusst und optimierungsfreudig, was Ewald Fortsetzung zu spüren bekam. Besonders ausgeprägt war seine Spürnase, sich abzeichnenden Entwicklungen rechtzeitig anzunehmen, wie die Beschäftigung mit Essener Kleinzechen bestätigt, auf die an späterer Stelle noch ausführlicher eingegangen wird. Die Einlassungen zur Wohnungspolitik der Gesellschaft, nämlich der anfängliche Verzicht auf werkseigenen Wohnungsbau zugunsten der Vergabe von Darlehen für den privaten Wohnungsbau, zeugen dagegen von kleinlicher und sich höchst nachteilig auswirkender „Pfennigfuchserei“.

Ein großer Unterschied zwischen der Ewald-Führung und anderen Bergbaugesellschaften bestand darin, dass erstere den Herausforderungen der Zuwanderung weniger mit dem Bau eigener Arbeiterhäuser oder Kolonien zu begegnen gedachte, sondern stattdessen verstärkt auf die Nutzung von Wohnraumkapazitäten am Ort und in benachbarten Ortschaften setzte.

Der sich bis Mitte 1903 erstreckende Verzicht auf Werkswohnungsbau erwies sich als eine schwerwiegende Fehlkalkulation zulasten der Einheimischen Bevölkerung und der Neuankömmlinge. Nach ihren Erfahrungen beim Bau der Schachtanlage Ewald 3/4, der erst knapp fünf Jahre zurücklag, hätte die in ihrer Profitorientierung „sparversessene“ Führungsriege wissen müssen, dass nach zwei Jahren die Unterbringungskapazitäten, auch unter Ausnutzung des sogenannten „Schwammeffektes,“ dass also jeder Hinterhof ausgebaut, jedes Keller- und Speichergeschoss notdürftig hergerichtet und vermietet wurde, ausgeschöpft sein würden. Die Konflikte, die durch die beengten Wohnverhältnisse, aber auch wegen der Unterschiede in Sprachen, Sitten und Gebräuchen, die sich auch in Handgreiflichkeiten entladen konnten, nahm man einfach in Kauf.

Die Folge dieser eigenwilligen Strategie, die zu sehr auf die Duld- und Fügsamkeit der abhängigen Ankömmlinge spekulierte, war besonders mit Förderbeginn ab Oktober 1903 eine überaus hohe Fluktuation18 von bis zu 600 Arbeitern im Jahr; kaum einer blieb länger als nötig. Ob das Abkehrverhalten auch etwas mit der gängigen Ausbeutung, der Verwahrlosung der überbelegten Behausungen oder der überheblichen Einstufung ihrer Arbeiter als „Menschen dritter Klasse“ zu tun hatte, lässt sich nur vermuten. Die moralische Seite ist wegen der unterschiedlichen Klassenverhältnisse – damals, vor 110 Jahren, gegenüber heute mit völlig anderen Rechtsverhältnissen und Moralvorstellungen – nur schwer zu beantworten; doch Klassenverhältnisse hin oder her: Die Verletzung der Menschenwürde und die Auswüchse der Unternehmerwillkür, wie sie umfassend in den Streikschlichtungen im Januar 1905 zur Sprache kamen, waren nur möglich, weil die Führungskräfte und die sogenannten „Herrenmenschen“ mit der Staatlichen Verwaltung derartige Übergriffe zuließen. In diese Kategorie fällt auch der verzögerte Wohnungsbau, dessen Anordnung auch die Unterschrift des Vorsitzenden des Grubenvorstandes Hubert Hagedorn trug.

3. ZUWANDERUNG UND VOLKSZÄHLUNG 1900

Wie ein näherer Blick zeigt, ging man nicht eben zimperlich mit den zuziehenden neuen Arbeiterfamilien um, die aus angrenzenden Gegenden oder aus dem Osten und Südosten des deutschen Reiches angezogen oder angeworben wurden. Erschöpft und müde von ihrer langen Reise, mussten sie sich zunächst um eine Unterkunft in Erkenschwick oder bei einem Bauern in den Nachbardörfern Rapen, Oer oder Ehsel kümmern. Leider war es nicht möglich herauszufinden, welche Rolle die Amtsverwaltung der Landgemeinde bei der Verteilung und Unterbringung der Ankömmlinge spielte, in deren Verantwortung diese Aufgabe fiel.

Die von der Zeche begonnene Ansiedlung von Bergarbeiterfamilien ist natürlich eine „Mär“. Nach ihren bisherigen Aktivitäten zu schließen, hielten sich beide Verwaltungsebenen, also Zeche und Amt, eher zurück und setzten von Anfang an – praktisch ausschließlich – auf die Nutzung nicht voll bewohnter Bauern- oder Nebenhäuser oder leer stehender Kotten; auch weil man aus Erfahrung wusste, dass sich die pflegeleichten, billigen Arbeitskräfte aus den preußischen Ostprovinzen, die die nackte Not und Armut aus ihrer Heimat trieb, für den Anfang mit einer noch so kleinen Kammer mit Strohbetten, Brunnenwasser und Gemeinschaftsabort begnügen würden. Die Hauptsache war, man hatte einen Arbeitsvertrag in der Tasche – eine bessere Wohnung würde sich noch finden.

Doch auch den Bauern wird nicht entgangen sein, dass bereits seit dem 1. und 2. Quartal 1899 die Nachfrage nach Wohnungen kräftig anzog und sich auch mit noch so dürftigen Wohnverhältnissen bei einer monatlichen Miete von 5-6 Mark19 je Zimmer gutes Geld verdienen ließ.

Wegen zu geringer finanzieller Leistungsfähigkeit, verursacht möglicherweise durch noch bestehende und mit dem Bau von Ewald Fortsetzung neu aufgenommener Darlehn, sahen jedenfalls die „Ewald-Macher“ zunächst vom Bau eigener Zechenwohnungen ab.20 Es wurden lediglich zwei doppelte Beamtenhäuser, ein Menagegebäude und eine Konsumanstalt gebaut – letztere bereits 1900. Das Menagegebäude, eine Art Junggesellenheim, war gedacht zur kurzfristigen Unterbringung lediger Arbeiter. Die Konsumanstalt sollte der Versorgung mit günstigen Lebensmitteln für die mit leeren Taschen ankommenden Fremden dienen, deren huckepack geschulterter Leinensack meist ihren gesamten Besitz enthielt.

Noch nie mussten die Erkenschwicker Bauern „Fremde“ aufnehmen. Doch als das Land verkauft war, im April 1899, ging alles ganz schnell und die ersten Zuwanderer standen – im wörtlichen Sinne – vor der Haustür, nachdem sie zuvor vom zuständigen Betriebsführer Friedrich Tengelmann ihre „Papiere“ erhalten hatten. Ob eine ärztliche Untersuchung stattfand, lässt sich nicht beantworten; der erste Werksarzt Dr. Wilhelm Schulte nahm erst im Jahre 1901 seinen Dienst auf. Offen bleibt auch, ob sich die ortsansässigen Bauern bewusst waren, worauf sie sich einließen, und wie die Erstaufnahme der Neuankömmlinge erfolgte, ob mit Namenskärtchen, die vom zuständigen Gemeindevertreter verteilt wurden – es war damals schon der Bergmann Heinrich Kemper, der als Ersatz für den Werkschef Schrader einspringen musste, weil die Verwaltung versäumt hatte, dessen Wohnsitz rechtzeitig in Erkenschwick anzumelden –, oder ob man die Suche nach einer Unterkunft den Fremden selbst überließ.

Stets erfordert das Finden wichtiger Archivalien nicht nur eine zeitaufwendige Recherche: Man braucht auch das Quäntchen Glück, wie beispielsweise beim Fund der Erhebungsbögen zur Volkszählung am 1. Dezember 1900 im Stadtarchiv Recklinghausen. Die Unterlagen erwiesen sich als wahre Goldgrube, weil sie alle Bauerschaften der Landgemeinde Recklinghausen mit genauen statistischen Daten enthielten. Erstmals wird daraus ersichtlich, dass Erkenschwick nicht der alleinige Zielort der Unterkunft Suchenden war. Mittels dieser Unterlagen war auch erkennbar, welche Nachbarorte ihr Interesse zeigten, um sich auch die behördlich festgelegten 10 Mark „Kopfsteuer“ pro Arbeiter zu sichern. Um die anfängliche Entwicklung nachvollziehbarer zu machen, sind im Folgenden die wichtigsten Grunddaten der ersten Jahre tabellarisch zusammengestellt: Es wird dabei versucht, sich auf möglichst wenige Zahlen zu beschränken.

Übersicht 1: Ausgangsdaten Volkszählung 1900

Bevölke-/Erkenschwick*Rapen*Oer*Ehsel*Summe*rung JahrEWEWEWEW1899 Ende391247137239724071900461+70254+71510+138441+442666+2591901608+147253-11630+120578+1373069+4031902766+158280+271763+133843+2653652+58319031229+463392+1121862+991063+2204546+89419041772+543725+3331988+1261341+2785440+128019052347+575530-1952008+201593+2526720+65219062580+233858+3282168+1602158+5657372+1286Zuwachs bis 1906 gesamt:+2189+611+796+1761+5357

Übersicht 2: Zusammensetzung der bergmännischen Belegschaft im Jahr 1900

ErkenschwickRapenOerEhselSummewohnend in70713844259davon aus östlichen Provinzen stammend7-351860davon Ausländer4724-35davon sonstige Reichsdeutsche59-7926164

Die Zahl 259 entspricht den in den einzelnen Ortschaften angegebenen Bergleuten

Übersicht 3: Behausungsziffer / Belegungszahl in Bewohner je Haus

ErkenschwickRapenOerEhselSummeAnzahl Häuser503720251340BZ 1899 Ende7,86,76,87,87,1BZ 19009,26,88,28,67,8BZ 190112,26,88,111,39BZ 190215,37,68,716,5