Erhalten Sie Zugang zu diesem und mehr als 300000 Büchern ab EUR 5,99 monatlich.
Ende 1936 schuf der schweizerische Bundesrat die Flieger- und Fliegerabwehrtruppen und die Abteilung für Flugwesen und Fliegerabwehr. Hans Bandi wurde zum ersten Kommandanten und Waffenchef dieser neuen Truppe ernannt. Im vorliegenden Buch wird die Geschichte dieser Ereignisse aus verschiedenen Perspektiven beleuchtet. Die heutige Sicht auf die Hintergründe der damaligen Vorgänge macht deutlich, wie schwierig, kräftezehrend und konfliktreich die Aufbauarbeit war. In der Rückschau wird sichtbar, wie fundierte Bedrohungsanalysen und fachtechnische Argumente durch Intrigen und intransparente Entscheidungswege beeinträchtigt wurden.
Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:
Seitenzahl: 159
Veröffentlichungsjahr: 2014
Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:
Vorwort des Herausgebers
Lebenslauf von Oberstdivisionär Jakob Hans Bandi 19. Juli 1882 bis 6. Juli 1955
Die Flieger- und Fliegerabwehrtruppen von den Anfängen bis 1943
Von Walter Dürig
Oberstdivisionär Hans Bandi (1882 – 1955)
Späte Rehabilitierung des ersten Kommandanten und Waffenchefs der Flieger- und Fliegerabwehrtruppen
Von Hans-Georg Bandi
Der Streitfall Bandi.
Kapitel 38 aus dem Buch «General Henri Guisan. Die schweizerische Armeeführung im Zweiten Weltkrieg»
Von Willi Gautschi
Wichtige Akteure
Die Autoren
Literaturhinweise
Im Jahr 2014 jährt sich die Gründung der schweizerischen Fliegertruppe zum hundertsten Mal. Dieses Ereignis bildet den Anlass zu Publikationen und Gedenkveranstaltungen. Die Entwicklung von den Anfängen zur heutigen Luftwaffe ist in zahlreichen Dokumenten umfassend beschrieben.
Die vorliegende Schrift befasst sich mit einem besonders spannenden Abschnitt dieser hundertjährigen Geschichte. Der schweizerische Bundesrat entschied sich im Rahmen von Vollmachtsbeschlüssen am Ende des Jahres 1936 für die Schaffung der Flieger- und Fliegerabwehrtruppen. Er wählte Hans Bandi zum Kommandanten und Waffenchef im Rang eines Oberstdivisionärs und beauftragte ihn mit dem Aufbau dieser neuen Truppe in einer Zeit zunehmender internationaler Spannungen.
Das war keine leichte Aufgabe. Die Fliegertruppe verfügte über keine operativen Zielsetzungen und war schlecht gerüstet. Die Fliegerabwehrtruppe musste aus dem Nichts erschaffen werden. Die Technologie der Luftkriegsmittel steckte in den Kinderschuhen.
Schon drei Jahre später, im Mai und Juni des Jahres 1940, trat ein Ernstfall ein, wie er vor und nachher in dieser Intensität nicht mehr vorkam. Die Flieger- und Fliegerabwehrtruppen erhielten bald nach Ausbruch des Zweiten Weltkriegs den Auftrag, den Neutralitätsverletzungen durch Flugzeuge der deutschen Luftwaffe mit Waffengewalt entgegenzutreten. Die entsprechenden Einsätze erhielten damals viel Lob und Anerkennung.
Am Ende des Jahres 1943 erfolgte ein unfreiwilliger Wechsel an der Spitze der Flieger- und Fliegerabwehrtruppen. Oberstdivisionär Hans Bandi wurde gezwungenermassen durch Oberstdivisionär Friedrich Rihner abgelöst. Dieses Ereignis hatte ein Nachspiel und gab Anlass zu Publikationen und Emotionen.
Auch 70 Jahre danach ist die Ergründung der historischen Wahrheit im Betrachtungszeitraum nicht ganz einfach. Viele Quellen sind widersprüchlich, die Aussagen der Zeitzeugen teilweise irreführend. Um ein Bild der Ereignisse und des Geschehens zu vermitteln, kommen in dieser Schrift drei Aspekte zur Darstellung.
Als siebter Nachfolger von Hans Bandi im Kommando der Flieger- und Fliegerabwehrtruppen habe ich versucht, eine Beschreibung und Beurteilung der Geschichte dieser Truppe von den Anfängen bis 1943 zu verfassen. Danach folgt die Würdigung von Hans Bandi durch seinen Sohn Hans-Georg Bandi. Abschliessend ist die Betrachtung des dramatischen «Streitfalls Bandi» durch den Historiker Willi Gautschi wiedergegeben.
Der Lebenslauf von Hans Bandi am Anfang der Schrift und die drei Beiträge enthalten Wiederholungen, die ich mit Absicht stehen gelassen habe. Menschliche Schwächen und Abgründe kann man auf verschiedene Arten beschreiben.
Wenn bei den Leserinnen und Lesern das Interesse für die Geschehnisse rund um die Flieger- und Fliegerabwehrtruppen seit ihrer Entstehung sowie für das Schicksal ihres ersten Kommandanten während des Zweiten Weltkriegs geweckt wird, hat die Schrift ihren Zweck erfüllt.
Im Juli 2014
Walter Dürig
Jakob Hans Bandi von Oberwil bei Büren an der Aare, wo der Name Bandi – vermutlich aus Italien stammend – erstmals 1595 nachweisbar ist, wurde am 19. Juli 1882 in Bern geboren. Dort betrieben seine Eltern an der Spitalgasse eine stadtbekannte Konditorei. Schon als Vierjähriger wurde er infolge des frühen Todes seines Vaters Halbwaise und wuchs mit mehreren Geschwistern bei seiner Mutter auf, welche das Geschäft weiterführte. Nach der Primarschule trat er als Mechanikerlehrling bei der im Fernmeldebereich tätigen Firma Hasler AG (heute ASCOM) ein, wo er praktische Berufserfahrungen machen konnte. Anschliessend bestand er in Zürich die Eidgenössische Matur und studierte in der Folge in Deutschland an der Technischen Hochschule Fridericiana in Karlsruhe, wo er 1907 im Alter von 25 Jahren zum Elektroingenieur promovierte. In den Jahren 1905 bis1907 war er als Mitarbeiter von Industrieunternehmungen in Antwerpen und Nancy tätig.
Den Beginn seiner Militärdienstpflicht in der Schweiz, die Rekrutenschule, absolvierte er bei der Feldartillerie. Nach den üblichen Beförderungsdiensten wurde er 1903 zum Leutnant brevetiert. In der Folge entschloss er sich für die Instruktorenlaufbahn als Berufsoffizier der Artillerie. Als solcher war er von 1908 bis 1923 auf dem Waffenplatz Thun eingesetzt. Dass er sich bewährte, zeigt der Umstand seiner Abkommandierung zur Weiterausbildung kurz vor Ausbruch des Ersten Weltkriegs in das kurhessische Feldartillerieregiment 11 in Fritzlar. Anlässlich dieses Deutschlandaufenthaltes lernte er seine zukünftige Frau, Vally Thomas, kennen, mit der er sich 1914 verehelichte. Wegen seiner darin begründeten positiven Einstellung zu unserem nördlichen Nachbarland wurde er später, wie andere hohe Schweizeroffiziere, der Nazisympathie verdächtigt, was aber Felix Müller in seinem ausgezeichnet recherchierten Artikel «Der Einfluss von ‹Maulwürfen› in Guisans Stab»1 eindeutige als Rufmord bezeichnet.
Im Jahre 1924 kam es im Lebenslauf des seit 1915 dem Generalstab angehörenden Hans Bandi zu einem entscheidenden Wendepunkt. Er wurde damals nach Bern in die Generalstabsabteilung als Chef der Sektion für materielle und technische Angelegenheiten versetzt. Von 1925 bis 1926 war er Kommandant eines Artillerieregiments, von 1931 bis 1932 als Oberst Kommandant einer Artilleriebrigade und 1936 Stabschef des 2. Armeekorps. Als Sektionschef der Generalstabsabteilung bekam er den Auftrag, eine Analyse über die Situation der Schweiz im Vergleich zum Ausland hinsichtlich des aktiven Luftschutzes mit Kampffliegern und terrestrischer Fliegerabwehr bei Luftangriffen auszuarbeiten. Zusätzlich war auch der passive Luftschutz mit Alarmsystemen, Schutzräumen und anderen Anforderungen zu berücksichtigen. Hans Bandi hat diese Analyse sehr sorgfältig und gründlich durchgeführt. Von Walter Dürig, Korpskommandant und gewesener Kommandant der Flieger- und Fliegerabwehrtruppen (heute Luftwaffe), wird das 1935 vorgelegte, 47 Seiten umfassende «Memorial Luftschutz» geschichtlich als Schlüsseldokument bezeichnet und wie folgt kommentiert: «Bis 1936 war die Fliegertruppe der Generalstabsabteilung unterstellt und führte ein Schattendasein ohne klare Aufträge. Entsprechend war auch die materielle Ausrüstung nicht wirklich kriegstauglich. Die Fliegerabwehr existierte praktisch überhaupt noch nicht und war Gegenstand fruchtloser Diskussionen über den Stellenwert und die Unterstellung.» Sehr bald veranlasste das Memorial Luftschutz im Oktober 1936 die Schaffung der Abteilung für Flugwesen und Fliegerabwehr und die Aufstellung eines Stabes der Fliegerund Fliegerabwehrtruppen. Hans Bandi wurde aufgrund seiner sachlichen Kritik am bisherigen Zustand und seinen durchdachten Hinweisen auf Verbesserungsmöglichkeiten zum Oberstdivisionär und Waffenchef sowie wenig später auch zum Kommandanten der Flieger- und Fliegerabwehrtruppen ernannt. Zusammen mit seinem Stabschef Major im Generalstab Rudolf Meyer machte er sich unverzüglich intensiv an die Arbeit. Bei der Fliegertruppe gelang es, mit Unterstützung von Bundesrat Rudolf Minger bereits 1938, den veralteten Flugzeugpark durch den Ankauf von 90 damals hochmodernen deutschen Messerschmitt-Jagdflug-zeugen Me-109 E-3 aufzurüsten.
Deshalb konnte im Sommer 1940 durch den Abschuss von mindestens elf den Schweizer Luftraum verletzenden deutschen Bombern Hitlers Wehrmacht klar gemacht werden, mit welchen Verlusten sie bei einem Angriff auf die verteidigungsbereite Schweiz zu rechnen hatte. Von Oberstdivisionär Ernst Wetter wurden diese Luftkämpfe, bei denen sich die Schweizer Piloten hervorragend bewährten, in seinem Buch «Duell der Flieger und der Diplomaten» (1987) beschrieben.
Ebenso aufwendig war der Aufbau der praktisch noch inexistenten terrestrischen Fliegerabwehr. Einerseits musste durch Nachrekrutierungen und Umteilungen wenigstens ein minimaler Mannschafts- und Kaderbestand angestrebt werden. Andererseits bereitete die Beschaffung kriegstauglicher Fliegerabwehrgeschütze grosse Schwierigkeiten. Kaum zu glauben ist das folgende Zitat aus einem Schreiben von Oberst Robert Fierz (1883–1940), Chef der kriegstechnischen Abteilung, vom 9. November 1937 an Bundesrat Rudolf Minger:
«Die Forderung des Oberstdivisionär Bandi auf rasche Aufrüstung auf dem Gebiet der Kriegsflugzeuge und der Flabkanonen ist völlig unnötig, denn wir sind absolut davon überzeugt, dass wir heute einem europäischen Krieg ferner als noch vor wenigen Jahren stehen, sodass es also keinen Zweck hat, aus diesem Grunde kostspielige Anschaffungen in der Privatwirtschaft oder im Ausland zu machen, die den effektiven Kriegsanforderungen nicht Genüge leisten und man dann wegen Kreditmangels nicht in der Lage ist, zweckmässiges Material zu beschaffen.»
Bei Rudolf Minger hatte Robert Fierz mit dieser verfehlten Propaganda für die eidgenössischen Konstruktionswerkstätten keinen Erfolg. Hans Bandi ging nun auch in Bezug auf die Fliegerabwehrkanonen in die Offensive. Er liess bei der Firma Bührle in Oerlikon zum Versand ins Ausland bereitstehende Fliegerabwehrgeschütze kurzerhand für die Schweizer Armee requirieren. Während eine ab 1. Januar 1938 gültige Truppen-ordnung die Organisation der nun direkt dem Armeekommando unterstellten Fliegertruppe regelte, bestand zu diesem Zeitpunkt noch keine Gliederung der Fliegerabwehrtruppe (Ernst Wyler, Chronik der Schweizer Militäraviatik, 1990).
In der sehr kurzen Zeit seit des 1936 erteilten Auftrags an Hans Bandi zur Reorganisation der Fliegertruppe nach den Erkenntnissen des Memorial Luftschutz bis zum Ausbruch des Zweiten Weltkriegs im September 1939 war bezüglich der Einsatzbereitschaft der Flieger- und Fliegerabwehrtruppen schon erstaunlich viel erreicht worden.
Diese Porträtfotografie schenkte General Henri Guisan seinem Mitarbeiter Hans Bandi am 1. April 1940 mit einer handschriftlichen Widmung: «A mon collaborateur, le Colonel div. Bandi en amical souvenir. – General Guisan. Q.G.A. 31.3.40».
Der am 30. August 1939 zum General und Oberkommandierenden der Schweizer Armee ernannte Henri Guisan und der ihm nun unterstellte Oberstdivisionär Hans Bandi hatten zuvor nicht viel miteinander zu tun gehabt. Ihre Kontakte waren anfänglich gut. Das zeigt zum Beispiel die auf der vorstehenden Seite dargestellte Porträtfotografie.
Die Beziehung der beiden schien sich zunächst nicht wesentlich verändert zu haben. Jedenfalls beantragte der General auf Vorschlag von Generalstabchef Jakob Huber noch Ende 1941, Hans Bandi aufgrund seiner Leistungen zum Oberstkorpskommandanten zu befördern. Die Mehrzahl der damaligen Korpskommandanten lehnte dies mit der Begründung ab, die Stellung eines Waffenchefs und Kommandanten der Fliegerund Fliegerabwehrtruppen mache eine Beförderung nicht unbedingt nötig. Oberstkorpskommandant Fritz Prisi stellte in der Folge ausdrücklich fest, der negative Entscheid beruhe keinesfalls auf Zweifeln an Hans Bandis Fähigkeiten. Die Kommandanten der Bodentruppen hatten – vielleicht aufgrund der im Memorial Luftschutz festgestellten Vernachlässigung der Fliegertruppe – noch nicht realisiert, was die rasante internationale Entwicklung dieser Waffe für die Kriegsführung bedeutete. Dies trotz der erfolgreichen Luftkämpfe der Schweizer Piloten im Sommer 1940. Im Jahre 1942 veränderte sich die Situation aber. Henri Guisan begann unvermittelt, die Kommandoführung von Hans Bandi zu kritisieren. Dieser hat angesichts der Gefahr eines Angriffs Hitlerdeutschlands die Reorganisationsarbeiten mit hoher Dringlichkeit und teilweise in Alleingängen vorangetrieben und den Kontakt mit dem General etwas vernachlässigt. Vielleicht verärgerte er damit den ursprünglichen Kavalleristen und, nach Aussage von Generalstabschef Huber, etwas eitlen General Henri Guisan.
Der Hauptgrund für das sich abzeichnende Zerwürfnis war jedoch ein anderer. Der ohne Flugbrevet von der Artillerie herkommende Hans Bandi war etlichen Piloten als Kommandant nicht genehm. Für die Bewältigung des verspäteten Aufbaus der Fliegerabwehr war kein Pilotenbrevet notwendig. Diese Tatsache wurde geflissentlich ignoriert. Möglicherweise bestanden auch über die Veröffentlichung der negativen Aspekte bezüglich der Flieger im Memorial Luftschutz Vorbehalte gegenüber Hans Bandi. Zu den Opponenten gehörten unter anderen die Instruktionsoffiziere Oberst Friedrich Rihner, Kommandant eines Fliegerregiments, der sich offenbar selbst für den einzig möglichen Kommandanten der Flieger- und Fliegerabwehrtruppen hielt und Major Etienne Primault, der ausgesprochen karriereorientiert war. Da letzterer alters- und gradmässig für die direkte Nachfolge von Hans Bandi noch zu jung war, förderte er die Ernennung von Friedrich Rihner, wohl mit dem berechnenden Hintergedanken, diesen zu gegebener Zeit als Kommandant der Flieger- und Fliegerabwehrtruppen ablösen zu können. Er wusste natürlich, dass sich Friedrich Rihner in der Zeit vor der Ernennung von Hans Bandi nicht um die Modernisierung des Flugzeugbestandes bemüht hatte und nicht als besonders initiativer Kommandant betrachtet wurde. Etienne Primault nützte auch seine Verbindung mit dem, wie er selbst, welschen Oberstleutnant Bernard Barbey, Chef des umstrittenen und nirgends vorgesehenen persönlichen Stabes von Henri Guisan aus, um den General im Sinne der opponierenden Piloten zu beeinflussen. Diese Intrige war erfolgreich. General Henri Guisan veranlasste den Rücktritt von Hans Bandi auf Ende 1943. Dieser erfolgte mitten in dessen erfolgreichen Reorganisationsarbeiten. Beamtenrechtlich war Hans Bandi bis Ende 1944 gewählt und wurde deshalb für ein Jahr «beurlaubt». Er war zusehends verbittert, ahnte aber nicht, was ihm noch bevorstand.
Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs legte Henri Guisan seinen 273 Seiten umfassenden «Bericht an die Bundesversammlung über den Aktivdienst 1939 – 1945» vor, der auch öffentlich zugänglich war. Auf 19 Seiten befasste er sich, etwa zur Hälfte in kritischer Form, mit den Verhältnissen bei den Flieger- und Fliegerabwehrtruppen.
Der Bericht hatte zwei Beilagen. Einerseits den «Bericht des Chefs des Generalstabes der Armee über den Aktivdienst 1939 – 1945». Andererseits einen zusätzlichen Band mit Berichten des Kommandanten der Flieger- und Fliegerabwehrtruppen und andern Instanzen der Armee. Dabei fällt auf, dass von den fünf damals bestehenden Truppengattungen nur die Flieger- und Fliegerabwehrtruppen überraschend ausführlich auf 213 Seiten zu Worte kamen. Der Grund dafür besteht darin, dass Henri Guisan von Hans Bandis Nachfolger Friedrich Rihner einen Bericht über die bei Antritt des Kommandos im Jahr 1943 festgestellten Mängel anforderte. Rihner, welcher den offenbar mehrheitlich von seinem Stabschef, dem inzwischen zum Major aufgerückten Etienne Primault, verfassen liess, lieferte ihn als «persönlich und geheim» ab. Dies hinderte Henri Guisan nicht daran, den Bericht zu veröffentlichen, vielleicht nach dem Prinzip «Angriff ist die beste Verteidigung». Die Vermutung liegt nahe, dass er bei der Ausarbeitung seines eigenen Berichts zu ahnen begann, dass er mit dem Rauswurf von Hans Bandi zu weit gegangen war und dass die Opponenten Etienne Primault und Bernard Barbey ihn getäuscht hatten. In der Tat blieb eine sehr harte Kritik nicht aus. Praktisch alle aktiven Oberstkorpskommandanten sowie andere Offiziere, auch welsche und zur Disposition gestellte oder pensionierte, empörten sich darüber, dass der General dem Nachfolger von Hans Bandi nicht nur befohlen habe, einen Katalog der bei Antritt des Kommandos festgestellten Mängel zu verfassen. Die Publikation des Berichts gegen den Willen des Autors sorgte für Empörung. Am deutlichsten äusserte sich Oberstkorpskommandant Fritz Prisi, der das Vorgehen von Henri Guisan als «eine bis anhin nie da gewesene Ungeheuerlichkeit» bezeichnete, die einer «posthumen öffentlichen Hinrichtung» gleichkomme. Auch später gab es noch Reaktionen hoher Offiziere, so zum Beispiel von Korpskommandant Kurt Bolliger anlässlich eines Vortrags im Jahr 1982 zum Thema «Der Neutralitätsschutz im schweizerischen Luftraum von 1914 bis 1982».
Die Öffentlichkeit nahm vom Streitfall Guisan-Bandi kaum Kenntnis. General Henri Guisan hat bis heute den Nimbus des Landesvaters behalten. Er vereinte die alemannische und die romanische Schweiz in der – selbst Waffengewalt nicht scheuenden – Abwehrbereitschaft gegen einen militärischen Angriff der Achsenmächte. An der Situation änderte die persönliche Reaktion von Hans Bandi mit der «Eingabe zum Bericht von General Henri Guisan und zum Bericht des Kommandanten der Flieger- und Fliegerabwehrtruppen», den er 1947 auch an alle Parlamentsmitglieder zustellte, nichts.
Die Würfel waren gefallen. Immerhin wurde Hans Bandi im «Bericht des Bundesrates an die Bundesversammlung zum Bericht des Generals über den Aktivdienst 1939–1945» (1947) eine gewisse Genugtuung zuteil, die in der abschliessenden und im Gegensatz zum General stehenden Feststellung eindeutig zum Ausdruck kommt: «Oberstdivisionär Bandi hat unter sehr erschwerenden Umständen vor dem Krieg und in den Kriegsjahren bis zu seiner Entlassung harte Arbeit nach bestem Können geleistet.»
Ausserdem wurde Henri Guisan an Sitzungen der für die Angelegenheit zuständigen stände- und nationalrätlichen Kommissionen mit für ihn nicht angenehmen Voten und Fragen konfrontiert. Über weitere Einzelheiten gibt das im vorliegenden Buch publizierte Kapitel 38 «Der Streitfall Bandi» in der Guisan-Biographie von Willi Gautschi (1989) Auskunft.
Nicht bekannt war Willi Gautschi das folgende rätselhafte Ereignis. Der in seiner Soldatenehre zutiefst verletzte Oberstdivisionär Hans Bandi starb am 6. Juli 1955 kurz vor seinem 73. Geburtstag. An der Trauerfeier in der Berner Heiliggeistkirche nahm Bundesrat Paul Chaudet, Vorsteher des Eidgenössischen Militärdepartements, teil.
Zur grossen Überraschung der Familie von Hans Bandi und anderer Teilnehmer traf völlig unerwartet als einer der Letzten General Henri Guisan in Zivil in der Kirche ein. Als am Schluss der Feier der Sarg aus der Kirche getragen wurde, gehörte er zur kleinen Gruppe von Personen, welche dem Verstorbenen das Ehrengeleit gaben.
Wie soll man sich die unerwartete Anwesenheit von Henri Guisan erklären? Eine sichere Antwort auf diese Frage lässt sich schwer finden. Möglicherweise hatte er in der Zwischenzeit seinen Irrtum erkannt und die von Etienne Primault und Bernard Barbey geschürte Pilotenintrige durchschaut. Vielleicht überlegte er sich auch, was er Hans Bandi und seinem Umfeld, insbesondere seiner Familie, angetan hatte.
1 Weltwoche Nr. 37 vom 11. September 1986
Prolog
Vorgeschichte
Die Zeit von 1920 bis 1935
13. Oktober 1936: Geburtsstunde der Flieger- und Fliegerabwehrtruppen
Die Zeit von 1937 bis August 1939
Die Zeit des Aktivdienstes
Epilog
Die Zeit der Schaffung der Flieger- und Fliegerabwehrtruppen im Jahr 1936 und das Schicksal des ersten Kommandanten und Waffenchefs, Oberstdivisionär Hans Bandi2, haben mich als sein siebter Nachfolger schon seit einiger Zeit beschäftigt. Die Quellenlage ist sehr umfangreich. Alle Einzelheiten sind irgendwo beschrieben. Mit dem vorliegenden Beitrag habe ich versucht, das Geschehen der damaligen Zeit aufgrund meiner eigenen Erfahrungen zu deuten und die Vorgänge für interessierte Leserinnen und Leser verständlich darzustellen.
Im Zentrum der vorliegenden Beschreibung der Vorgänge von den Anfängen bis zum Jahr 1943 liegt die eigentliche Gründung der Flieger- und Fliegerabwehrtruppen. Sie basiert auf dem Bundesratsentscheid vom 13. Oktober 1936. An dieser Bundesratssitzung wurde die Abteilung für Flugwesen und Fliegerabwehr geschaffen. Gleichzeitig erfolgte die Wahl von Hans Bandi zum ersten Waffenchef der Flieger- und Fliegerabwehrtruppen. Am 31. November 1936 wählte ihn der Bundesrat auch zum Kommandanten der Flieger- und Fliegerabwehrtruppen mit Beförderung zum Oberstdivisionär.
Die Grundlage für diese Entscheide der Landesregierung bildete das Dokument Memorial Luftschutz, welches vom damaligen Generalstabschef Heinrich Roost am 31. Dezember 1935 seinem Vorgesetzten, Bundesrat Rudolf Minger, überreicht wurde.
Die vorher chaotischen Verhältnisse in den Fragen der Luftkriegsführung erhielten durch die Vorschläge in diesem Dokument eine Kanalisierung in geordnete Bahnen. Die im Memorial festgelegte Systematik ist bis zum heutigen Tag gültig.
Das Ziel des passiven Luftschutzes ist der Schutz der Bevölkerung des Landes vor den Auswirkungen der Luftkriegsführung. Die Eidgenossenschaft hat in diesem Bereich eine koordinierende Aufgabe. Die Armee muss bei Bedarf unterstützend eingreifen.
Der aktive Teil der Luftkriegsführung ist Sache der Armee unter einem zentralen Kommando. Er umfasst die Bereiche der luftgestützten und der bodengestützten Komponenten sowie den Bereich der notwendigen Luftnachrichtenbeschaffung und der Kommunikation.
Die drei Aufgaben der luftgestützten Kriegsführung sind die Luftverteidigung mit dem Luftpolizeidienst, die Unterstützung der Erdtruppen mit Feuer sowie die Luftaufklärung.
Die Anträge des Memorials wurden durch die politischen Instanzen praktisch unverändert übernommen. Der Verfasser war Hans Bandi. Seine Ernennung zum Verantwortlichen für die Umsetzung der Theorie in die Praxis war ein logischer Schritt. Seine Aufgabe erwies sich aber in einem teilweise widrigen Umfeld als sehr schwierig.
Nur drei Jahre nach dem Startpunkt der neu zu schaffenden Truppe hatte der Ausbruch des Zweiten Weltkriegs die Mobilmachung der Flieger- und Fliegerabwehrtruppen zur Folge. Dank Hans Bandi verfügte diese Truppe über einige taugliche Mittel für die Wahrung der Neutralität im Luftraum. Er war der erste Truppenkommandant der Schweizer Armee, welcher den Willen zum Neutralitätsschutz mit Waffengewalt real zu beweisen hatte. Diese Bewährungsprobe wurde im Jahr 1940 mit beschränkten Mitteln in beeindruckender Weise bewältigt.
Im vorliegenden Bericht wird auf die beschämende Intrige gegen Hans Bandi eingetreten, die zu seinem vorzeitigen Rücktritt auf Ende des Jahres 1943 führte.
Obwohl die Vorteile einer Beobachtung aus der Luft zu militärischen Zwecken offensichtlich waren und im Ausland bereits seit einigen Jahren praktiziert wurden, lehnte das Parlament 1893 einen ersten Antrag auf Bildung einer Luftschifferkompanie ab. Erst im Jahr 1897 verabschiedete die Bundesversammlung in der Wintersession einen entsprechenden Gesetzesentwurf. 1900 rückte die erste Ballonrekrutenschule auf der Berner Allmend ein. Die Ballonpioniere ermöglichten später den Aufbau der schweizerischen Fliegertruppe.
