Oceanblue - Stimmen der Feinde - Stefanie Peisker - E-Book

Oceanblue - Stimmen der Feinde E-Book

Stefanie Peisker

0,0

Beschreibung

Nach Maxis Angriff wurde Kaisy vom geheimnisvollen Luces von der Insel gerettet. Zu viele Feinde ihrer Mutter bedrohen ihr Leben dort. Von nun an lebt sie in einer Organisation, die gegen die Verbrechen von Sirenen und Ägiren vorgeht. Kaisy erfährt, dass die Menschen auf der Insel eine Menge dunkle Geheimnisse verbergen, und sie beginnt ihr gesamtes Leben im Internat in Frage zu stellen. Umgeben von fremden Menschen, die den Idealen ihrer Mutter folgen, versucht Kaisy sich neu zu orientieren und herauszufinden, was das Richtige ist. Zusätzlich muss sie feststellen, dass ihr Retter Luces in Wirklichkeit ein ziemliches Arschloch ist. Es scheint, als verabscheue er sie, obwohl er sie gar nicht kennt. Doch sie fühlt sich trotzdem zu ihm hingezogen ... Kaisys Leben in der Organisation bleibt jedoch nicht so sicher, wie erwartet, denn sie wird mit vielen Konflikten und Gefahren konfrontiert. Schnell muss sie lernen, was für einen hohen Preis die Arbeit in dieser Organisation haben kann ... Unerwartete Wendungen, verwirrte Gefühle und verzwickte Geheimnisse ziehen sich durch den zweiten Band der Oceanblue - Reihe und schaffen so eine spannende, aber auch humorvolle Atmosphäre.

Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:

Android
iOS
von Legimi
zertifizierten E-Readern
Kindle™-E-Readern
(für ausgewählte Pakete)

Seitenzahl: 389

Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:

Android
iOS
Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0



Für alle, die sich von der Geschichte der Sirenen mitreißen lassen...

Inhaltsverzeichnis

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

Kapital 25

Kapitel 26

Epilog

Kapitel 1

Mein ganzer Körper fühlt sich an wie Blei.

Vollkommen steif und jedes Glied so schwer, dass ich nichts bewegen kann.

Ich brauche mehrere Versuche, bis ich es endlich schaffe, meine Augenlider zu öffnen, doch schon eine Sekunde später kneife ich sie wieder zusammen, weil mich das Licht so sehr blendet.

Nach einigen Momenten öffne ich sie erneut, dieses Mal jedoch nur einen Spalt breit.

Immer noch völlig regungslos, scanne ich den Raum, in dem ich liege, mit den Augen ab. Viel scheint es hier nicht zu geben, ich sehe nur einen leeren weißen Schreibtisch, einen hölzernen Kleiderschrank und das Bett, in dem ich liege.

Ich habe keine Ahnung, wo ich bin. Klar ist nur: Das hier ist nicht der Krankenflügel der Schule und ich bin mir ziemlich sicher, dass ich nicht mehr in der Schule für Sirenen und Ägire bin.

Auf diese Schule gehe ich seit fast einem Jahr. Letzten Herbst hatte ich meine Verwandlung zur Sirene und daraufhin bin ich auf die Insel Kalliopa gekommen. Kalliopa ist eine Insel nur für Sirenen und Ägire und dort befindet sich auch die Schule.

Sirenen werden alle Frauen genannt, die durch ein bestimmtes Sirenen-Gen die besondere Fähigkeit des betörenden Singens haben. Jeder, der den Gesang einer Sirene hört, folgt der Sirene sofort, denn für normale Menschen ist es unmöglich, ihm zu wiederstehen. Die Menschen sind dann völlig in Trance und können sich auch danach nicht mehr daran erinnern was sie getan haben, während sie betört waren.

Die einzigen, die sich dagegen wehren können, sind die Ägire – doch auch sie müssen hart trainieren, um einer Sirene zu widerstehen.

Ägire sind Männer, die das Sirenen-Gen vererbt bekommen haben. Sie sind vor allem dafür da, die Sirenen zu beschützen, zu überwachen und für neuen Nachwuchs zu sorgen. Außerdem gibt es manche Ägire, die zusätzlich noch Seelenseher sind. Das bedeutet, dass sie die Gedanken von allen um sich herum hören können. Diese Fähigkeit ist sehr selten und wird vor allem zum Schutz der Insel verwendet. Also bei Polizisten zum Beispiel.

Über dem Schreibtisch kann ich schließlich eine grelle Lichtquelle ausmachen – die Sonne scheint durch ein Fenster direkt auf mich. Ich habe keine Ahnung, ob es morgens oder abends ist. Geschweige denn, dass ich wüsste, welchen Tag wir überhaupt haben.

Auf einen Schlag fallen mir wieder alle Ereignisse der letzten Zeit ein und ich bin vollkommen verwirrt.

Warum bin ich nicht tot?

Ich wurde doch angeschossen. Ich bin ins Wasser gefallen, und mein Blut hat das Wasser in Sekundenschnelle rot gefärbt. Es hat sich ausgebreitet, als würde mein ganzer Körper ausbluten.

Maxi wollte mich umbringen.

Maxi – dieser Verräter. Anfangs hat er so getan, als wären wir Freunde, damit niemand merkt, dass er mich aus tiefstem Herzen hasst. Er hat mich zweimal angegriffen und versucht mich zu töten. Beim zweiten Mal hat er auf mich geschossen. Beim ersten Mal hat er versucht mich zu erwürgen, doch ein Junge, namens Luces, den ich gar nicht wirklich kenne, hat Maxi überwältigt und mir so das Leben gerettet.

Nach diesem Angriff hat Maxi behauptet, Luces hätte uns grundlos angegriffen, und so wurde Maxi nicht bestraft.

Ich musste also weiterhin mit ihm auf die gleiche Schule gehen. Für mich war es der absolute Horror, denn er gab mir immer wieder zu verstehen, dass er mich töten will. Wochenlang lebte ich in Angst.

Und das alles nur wegen dieser Frau! Lian de Montegrande, die, wie ich von Maxi erfahren habe, meine Mutter ist. Ich habe sechzehn Jahre meines Lebens gedacht, eine andere Frau sei meine Mutter, nur um dann zu erfahren, dass meine eigentlich Mutter Lian de Montgrande ist.

Lian war eine brutale Revolutionärin und hat mich geboren, kurz bevor sie und ihre Leute einen Bürgerkrieg auf der Insel angezettelt haben. Meine Mum, also nicht meine leibliche Mutter, aber die Frau, die mich aufgezogen hat, hat mich adoptiert, und ich habe erst durch Maxi erfahren, dass sie nicht meine leibliche Mutter ist. Diese Lian ist im Bürgerkrieg gestorben, genauso wie Maxis Eltern.

Maxi hat behauptet, dass er mich töten muss, um dafür zu sorgen, dass ich nicht Lians Taten wiederhole, aber ich glaube ihm nicht. Ich glaube, er hat das getan, weil er sich dafür rächen wollte, dass er als Waise in einer Adoptivfamilie aufgewachsen ist.

Sonst hätte er mich einfach erschossen, statt mich noch zu quälen.

Beim zweiten Angriff war auch Matti dabei, der zwar nicht wusste, dass ich Lians Tochter bin, mich aber trotzdem nie leiden konnte. Er wollte mich einfach nur schikanieren und wusste nicht, dass Maxi geplant hat, mich zu töten.

Fast keiner auf der Insel wusste von meiner wahren Herkunft. Sonst hätte ich auch nicht dort leben können. Lian hatte viele Feinde und dementsprechend haben noch viele Leute mit ihr eine Rechnung offen.

Dieses Geheimnis war für mein Leben auf der Insel also essenziell. Wenn es raugekommen wäre, wäre wahrscheinlich eine ganze Meute hinter mir hergewesen.

Inzwischen ist dieses Geheimnis wahrscheinlich schon in aller Munde. Maxi hat Matti die Wahrheit über meine Mutter erzählt und dieser hat es mit Sicherheit weitererzählt.

Trotzdem bin ich fest davon überzeugt, dass mich niemand so sehr hasst wie Maxi es tut.

Als er mich erwürgen wollte, war mir klar, dass er verrückt ist. Aber dann der Angriff mit der Waffe! Was geht in jemandem vor, der sich eine Waffe beschafft und auf jemanden zielt? Bereit, zu morden...

Meine Gedanken springen zu dem Moment des Schusses. Ich hatte die Waffe schon Minuten vorher gesehen, denn er hat mir länger gedroht. Dann fiel der Schuss. Ich war starr vor Schreck und stürzte rückwärts ins Becken des Schwimmbads.

Bin ich dort nicht verblutet oder ertrunken?

Ganz langsam kommen die Erinnerungen an das, was nach dem Schuss passiert ist wieder. Ich erinnere mich, dass mich jemand gepackt und hochgezogen hat.

Als ich mich aufsetzen will, entfährt mir ein leises Stöhnen. Schon die kleinste Bewegung löst eine Schmerzenswelle aus, die an meiner linken Schulter, auf Höhe des Schlüsselbeins, ihren Höhepunkt erreicht. In Zeitlupe schaffe ich es, mich mit dem linken Arm so aufzustützen, dass ich schließlich aufrecht im Bett sitze. Meine Glieder fühlen sich an wie eingefroren.

Ich versuche angestrengt, etwas durch die Fenster zu erkennen, aber das Sonnenlicht blendet mich so sehr, dass ich nichts sehen kann, was mir Aufschluss darüber geben könnte, wo ich bin.

Um zu prüfen, wie es um meine Beine steht, wackle ich vorsichtig mit den Zehen und bewege schließlich auch meine Knie. Erleichtert stelle ich fest, dass sie unverletzt sind. Nur starr, als hätte ich mich seit hundert Jahren nicht bewegt.

Ich suche mit den Augen nach einem Waschbecken, denn mein Hals ist so trocken, dass ich kein Wort rausbringen könnte.

Doch da ist nichts. Ich strecke langsam meine Beine seitwärts über die Bettkante. Als meine Füße mit einer ruckartigen Bewegung auf den Boden fallen, weil ich sie nicht langsam absetzen kann, meldet sich meine Schulter schmerzhaft.

Während ich so auf dem Bett sitze, wage ich zum ersten Mal einen Blick an mir herunter. Zu meinem Glück sehe ich nicht die offene Wunde, die Maxis Kugel hinterlassen haben muss, sondern ein grünes Nachthemd.

Vorsichtig greife ich mir mit der rechten Hand an den Kragen und ziehe ihn so weit auf, dass ich die weißen Verbände sehe, die sich von der linken Seite des Halses quer über die rechte Seite meines Körpers ziehen. Außerdem habe ich eine Armschlinge um den Hals, die meinen Arm hält, um meine Schulter zu entlasten.

Sowohl mein unsagbarer Durst als auch das Bedürfnis, Antworten zu bekommen, bringen mich schließlich dazu, zur Tür zu humpeln und das Zimmer zu verlassen.

Ich betrete einen kalten langen Flur, von dem rechts und links unzählige Türen abgehen. Einige Sekunden schaue ich mich suchend nach etwas um, was mir irgendwie bekannt vorkommen könnte, aber in diesem Flur befindet sich rein gar nichts.

Ich gehe auf nackten Füßen etwas ängstlich den Gang entlang und biege schließlich rechts ab. Bei jedem Schritt schmerzt meine Schulter.

Hoffnungsvoll erreiche ich den nächsten Gang, aber auch in diesem ist nichts und niemand zu sehen.

Inzwischen brennt meine Schulter schmerzhaft. Ich denke kurz darüber nach umzukehren, doch vielleicht ist der Weg zu jemandem, der mir helfen kann, ja kürzer als der Weg zurück!

Entschlossen gehe ich weiter, aber auch nach der nächsten Biegung und einer äußerst schmerzhaften Treppe nach oben bin ich noch immer alleine. Niemand weit und breit.

Am oberen Absatz der Treppe muss ich mich kurz mit dem gesunden Arm am Treppengeländer abstützen, um nicht das Gleichgewicht zu verlieren. Die Verletzung macht jeden Schritt um ein Vielfaches anstrengender, und die Schmerzmittel, die ich höchstwahrscheinlich intus habe, tragen nicht gerade positiv zu meinem Kreislauf bei.

Plötzlich höre ich Stimmen.

Ich kann zwei männliche Stimmen ausmachen, eine ist mir unbekannt, doch die andere erkenne ich nach genauerem Hinhören wieder. Es ist der Junge, der mir nach Maxis erster Attacke das Leben gerettet hat. Luces.

Heute hört sie sich viel schärfer und genervter an als damals. Aus den zusammenhangslosen Gesprächsfetzen, die ich verstehe, hört es sich an wie ein Telefonat.

„Ja, mach ich ... Bis später!“, höre ich ihn und dann etwas lauter und mit extrem genervter Stimme sagen: „Kann dieses Mädchen eigentlich nichts anderes als Ärger machen? Sie ist ...“

Der andere Mann beendet den Satz für ihn: „... ausgebüxt. Ich weiß – ich denke, sie ist hier auf dem Flur. Eben hat es etwas gerumpelt draußen.“

Dieser Mann klingt völlig entspannt und ganz ruhig, weshalb ich erst, als er auf den Gang tritt, verstehe, dass mit dem Mädchen wahrscheinlich ich gemeint bin.

„Da hinten steht sie“, sagt der Mann und deutet mit einem Kopfnicken in meine Richtung. Der Junge folgt ihm.

„Du legst es auch echt drauf an zu sterben, oder?“, fragt Luces, als sie auf mich zukommen. Sein harter, scharfer Ton erschreckt mich erneut.

Dieser Junge, den ich als meinen Retter gefeiert habe, passt einfach nicht zu einem so arroganten Auftreten.

„Sei nicht so hart zu ihr, Luces“, versucht der andere Mann ihn zu beschwichtigen, während die beiden mit großen Schritten näherkommen.

Am liebsten würde ich einfach wegrennen, aber mir fehlt die Kraft, angesichts meiner Schmerzen, wieder die Treppe zu bezwingen. Ich versuche ein entspanntes Gesicht aufzusetzen, da es mir inzwischen selbst ein bisschen peinlich ist, dass ich hier so herumhumple.

„Wieso sollte ich. Bei solcher Dummheit kann ich mich nicht beherrschen“, erwidert Luces, absichtlich laut, damit ich es auch mit Sicherheit höre.

Seine Worte treffen mich härter, als er wahrscheinlich glaubt, doch ich lasse mir nichts anmerken.

„Dann solltest du lernen, dich zu beherrschen“, belehrt der Mann ihn weiter.

„Vielleicht sollte unser Gast lieber mal lernen, nicht immer Probleme zu machen, dann müsste ich mich auch nicht mehr beherrschen.“

Mit diesen Worten kommen die beiden bei mir an, und der nette Mann, der ungefähr Mitte Dreißig zu sein scheint, wendet sich zu mir.

„Hallo, ich bin Phil, und das hier ist der liebreizende Luces“, stellt er sich vor, wobei er „liebreizend“ mit einem mahnenden Blick zu Luces und vor Sarkasmus triefender Stimme hervorhebt.

„Hi“, presse ich möglichst gleichgültig hervor, schaue dabei nur Phil an und versuche Luces auszublenden.

Wie hatte ich mich in Luces so täuschen können? Bei diesem arroganten Auftreten und seinen selbstgefälligen Kommentaren hätte ich ihn unter normalen Umständen schon nach Millisekunden als Arschloch erkannt.

„Dir ist schon bewusst, was für ein Chaos du angestiftet hast, indem du einfach verschwunden bist, oder?“, fragt Phil, wobei er nicht sauer oder tadelnd, sondern eher belustigt klingt.

„Oh, das wusste ich nicht“, entschuldige ich mich leise. „Ich habe euch doch gesagt, dass sie viel zu leichtgläubig und untauglich ist“, wirft Luces ein, als wäre ich gar nicht da.

„Jetzt mach aber mal halblang!“, faucht Phil ihn an, „Sie ist, ohne zu wissen wo oder bei wem sie ist, einfach hier aufgewacht. Dass sie nicht einfach liegengeblieben ist, sondern sich selbst ein Bild machen wollte, zeugt von sehr viel mehr Weitsichtigkeit, als du sie zeigen würdest in solch einer Situation.“

„Machst du Witze? Willst du ernsthaft behaupten, dass die Kleine ein besseres Urteilsvermögen hat als ich? Die glaubt doch immer noch an Einhörner und den Weltfrieden“, erwidert Luces wütend.

Wie kann man nur so ein Mistkerl sein! Glaubt der, ich wäre fünf und würde noch in meiner Puppenwelt leben! Er kennt mich kein bisschen und denkt, er könne sich ein Urteil über mich bilden!

„Glaub mir: Man darf sie nicht unterschätzen“, verteidigt Phil mich weiter, aber meine Wut darüber, dass die beiden so tun, als wäre ich gar nicht anwesend, wird immer größer.

„Wo bin ich denn hier?“, frage ich und wende mich an Phil.

„Das erklären wir dir gleich. Erst einmal müssen wir dich wieder zurück in dein Zimmer bringen. Sonst kriege ich Ärger, weil ich dich von deiner Genesung abhalte“, erwidert er und zwinkert mir zu. „Kannst du selber zurück bis in dein Zimmer laufen oder brauchst du Hilfe?“

Als ich an die Treppen denke, fühlen sich meine Beine sehr schwach an, aber mein Stolz ist größer als meine Vernunft. Ich werde diesem aufgeblasenen Idioten mit Sicherheit nicht den Triumph gönnen, meine Schwäche zu sehen.

„Das geht schon“, sage ich und drehe mich auf dem Absatz um.

Äußerst konzentriert steige ich eine Treppenstufe nach der anderen hinunter und versuche dabei, mich mit dem Arm möglichst fest am Geländer zu stabilisieren. Den Blick auf die Treppenstufen geheftet, spüre ich die Blicke von Luces, der hinter mir die Treppe hinuntergeht.

„Geht das auch ein bisschen schneller?“, fragt er mich provozierend.

Phil, der neben mir läuft, meint beruhigend zu mir: „Hör nicht auf ihn. Du brauchst jetzt erst einmal Regenerationszeit.“

Dennoch hat Luces mit seinen Worten meinen Stolz angekratzt, was unweigerlich dazu führt, dass ich den Kopf selbstbewusst und entschlossen hebe und schneller gehe.

Einige Treppenstufen genieße ich die Genugtuung, doch dann stolpere ich und wäre beinahe die Treppe hinuntergefallen, wenn mich nicht von hinten blitzschnell ein Paar Arme zurück auf die Füße geholt hätten.

„Wie war das noch mal mit dem Urteilsvermögen?“, meint Luces selbstgefällig zu Phil, da ich ihm den optimalen Beweis dafür gegeben habe, dass ich nicht objektiv entscheiden kann.

Ich will gerade etwas erwidern, als Luces mich plötzlich auf seine Arme nimmt - Einen Arm in meinen Kniekehlen, einen an meinem Rücken.

„Vielen Dank, aber ich kann das auch alleine!“, sage ich scharf und versuche mich aus seinen Armen zu befreien.

„Ja, klar. Ich habe schon gesehen, wie gut du das alleine hinkriegst. Ein bisschen wie ein Baby, das die ersten Laufversuche startet“, macht er sich über mich lustig, während er mich ganz leichtfüßig die Treppe hinunterträgt.

„Wie nett von dir“, sage ich immer noch mit sarkastischer Stimme.

„Ich weiß, Nettigkeit ist eine meiner Stärken“, gibt er provozierend grinsend zurück.

„Ich sehe schon, ihr beiden versteht euch ganz prächtig. Die anderen werden sich freuen, wenn ich ihnen erzähle, wie höflich und zuvorkommend du plötzlich bist, Luces“, wirft Phil belustigt ein.

„Mir egal, was die anderen denken, solange sie endlich einsehen, dass sie“, er wirft mir einen abfälligen Blick zu, „keine Bereicherung, sondernd eine Behinderung ist, und dass wir sie sobald wie möglich wieder in ihre rosarote Welt entlassen sollten.“

„Du weißt, dass das nicht passieren wird“, stellt Phil nüchtern fest.

„Hoffen kann man ja wohl noch“, meint Luces.

Die Wut darüber, dass sie ganz offensichtlich schon wieder ein Gespräch über mich führen, ohne mich überhaupt wahrzunehmen, bringt mich schließlich dazu, sie wütend anzufahren: „Ich bin übrigens anwesend. Ich weiß nicht mal, wo ich hier bin, und ihr unterhaltet euch darüber, ob ich hier bleibe? Fragt mich eigentlich irgendwann auch mal jemand, was ich möchte?“

„Nein“, antwortet Luces gelassen, während er hinter Phil mein Zimmer betritt. „Das ist wie mit dem Kleinkind. Das fragt man auch nicht, ob es bei den großen Kindern mitspielen möchte, sondern erkennt, dass es dafür noch zu klein und unreif ist.“

Mit diesen Worten legt er mich auf dem Bett ab und verlässt, nachdem er Phil noch ein: „Bis gleich!“, zugeraunt hat, das Zimmer.

„Hör ihm nicht zu. Er ist im Moment einfach sehr leicht reizbar, da wir hier einiges zu klären haben“, erklärt er mit Blick zu der Tür, durch die Luces gerade den Raum verlassen hat.

Ich bin immer noch perplex. Was habe ich diesem Jungen denn getan, dass er so über mich und mit mir redet? Wir kennen uns ja gar nicht.

In meinem Kopf schwirrt es, und ich versuche mich darauf zu konzentrieren, eine sinnvolle Frage zu stellen. „Kannst du mir jetzt bitte erklären, wo ich hier überhaupt bin?“, frage ich nach kurzem Zögern.

„Ja, natürlich, obwohl dir das später noch jemand anderes genauer erklären wird. Vorerst aber reicht es, wenn du weißt, dass die Menschen auf der Insel eine nicht ganz so unschuldige Vergangenheit und Gegenwart haben, wie sie es euch in der Schule erzählt haben. Und dass es Leute wie uns gibt, die das Problem erkannt haben und dagegen vorgehen wollen, um eine noch größere Katastrophe zu verhindern.“

„Was soll das denn heißen?“, frage ich und verstehe rein gar nichts.

„Wie schon gesagt, wird dir das alles noch ausführlich erklärt, und ich muss dich jetzt wieder verlassen, denn wir haben gleich noch eine Versammlung. Ich beauftrage aber jemanden, sich um dich zu kümmern.“ Ich nicke ziemlich verwirrt.

„Aber lauf nicht wieder weg“, sagt er, während er zur Tür geht.

„Ich versuche es“, erwidere ich ironisch.

Er bleibt noch einmal kurz stehen, dreht sich zu mir und meint: „Die Tür da drüben führt übrigens zu einem Bad. Falls du Durst hast oder dich waschen willst.“ Er deutet auf eine Tür, gegenüber der Tür zum Flur. Sie ist mir eben gar nicht aufgefallen.

Kapitel 2

„Aufwachen, Schneewittchen!“, sagt jemand unsanft und schließt hinter sich die Tür meines Zimmers mit lautem Knall.

Als ich die Stimme von Luces erkenne, bin ich sofort hellwach. Für ein paar Sekunden lasse ich meine Augen noch geschlossen, als würde ich immer noch schlafen, und überlege, was ich sagen könnte.

Seine bloße Anwesenheit setzt meinen ganzen Körper unter Strom.

„Das mit dem hundertjährigen Schlaf war Dornröschen“, erwidere ich noch mit geschlossenen Augen. „Schneewittchen war die mit den Zwergen, die zwischen drin mal Tod war“, rede ich wie in Trance weiter.

Inzwischen sitze ich aufrecht im Bett und starre ihn an.

„Die Sache mit dem Tod ist bei dir ja wohl nicht ganz so weit hergeholt“, gibt er zurück, „schließlich ziehst du die Gefahr ja geradezu an.“

„Was redest du für einen Mist?“, gifte ich ihn an und gerate wieder in Wut über diesen eingebildeten Schnösel!

„Ich habe nur gesagt, dass du Ärger anziehst wie ein Magnet“, meint er völlig gefühllos.

„Danke für dieses wundervolle Kompliment“, zische ich zurück, „aber ich glaube, das geht dich alles rein gar nichts an.“

Er lacht auf und meint: „Wenn du wüsstest! Wer ist denn derjenige, der dich immer aus der Scheiße ziehen muss?“

„Ich habe dich nicht darum gebeten, dich mit Maxi zu prügeln!“

Dieser Typ macht mich echt wahnsinnig.

„Na, wenn das so ist, lass ich dich beim nächsten Mal einfach verrecken!“, faucht er zurück, offensichtlich inzwischen genervt von meiner Undankbarkeit.

Ich spiele kurz mit dem Gedanken, mich zu entschuldigen, aber mein Stolz hält mich davon ab.

Ein paar Sekunden schweigen wir uns an, bis ich es nicht mehr aushalte.

„Bist du eigentlich nur gekommen, um dich mit mir zu streiten?“, frage ich sehr viel schärfer, als beabsichtigt.

„Eigentlich wurde ich hierhergeschickt, um dich über das Ganze hier aufzuklären“, erklärt er mit matter Stimme.

„Ich bin mir sicher, du hast dich freiwillig gemeldet, weil du mich so sehr leiden kannst, nicht wahr?“, schieße ich zurück.

Er bringt echt eine verdammt giftige Kaisy in mir zum Vorschein.

„Das hättest du wohl gern, aber glaub mir, zu dem hier habe ich noch weniger Lust als du. Die anderen haben mich dazu verdonnert. Sie meinen, da ich nur ein paar Jahre älter bin als du, könnte ich dir das Ganze sehr gut erklären und dass wir so schon eine gute Basis für eine Zusammenarbeit schaffen“, murmelt er genervt.

„Und wer sagt, dass ich mit dir zusammenarbeiten möchte?“, werfe ich ein.

„Ich sage das“, erwidert er noch genervter.

Fragend ziehe ich die Augenbrauen hoch, da ich ein ironisches Lachen erwarte.

Doch er bleibt ganz ernst und sagt: „Wie gut du ohne mich klarkommst, hast du zwei Mal zu oft bewiesen. Und da alle anderen sich einig sind, dass wir dich brauchen, habe ich die wundervolle Aufgabe bekommen, auf dich aufzupassen.“

Ich bin verwirrt über seinen blöden Kommentar.

„Zweimal? Mit dem zweiten Angriff hattest du doch gar nichts zu tun.“

„Natürlich, hatte ich oder dachtest du, dass du von selbst aus dem Wasser hierher gekommen bist?“, meint er patzig.

Kurz bin ich sprachlos, denn ich begreife, dass er mir zweimal das Leben gerettet hat.

„Na, vielen Dank!“, krieg ich noch raus und sinke ins Kissen zurück.

„Für dich doch immer“, sagt er rau und schwenkt dann um: „Lass uns dieses Gespräch einfach möglichst schnell erledigen!“

Woraufhin sich in mir die Wut in Neugier wandelt. Bekomme ich jetzt endlich die Antworten, auf die ich schon die ganze Zeit warte?

„Also ...“, setzt er an, „wir sind hier im Gebäude der ASOG, was für Anti-Sirenpower-Organisation-of-Germany steht.“

Ich brauche einen Moment, um zu verarbeiten, was er gesagt hat. Teilt er mir gerade ernsthaft mit, dass ich hier in einer Organisation gegen Sirenenkräfte bin?

„Euch ist aber schon bewusst, was ich bin, oder?“, frage ich vorsichtig.

„Natürlich wissen wir, dass du auch eine bist. Du weißt gar nicht, wie viel wir über dich wissen ...“

Meine Verwirrung steigt. Ich habe von dieser Organisation noch nie gehört.

„Auf jeden Fall beschäftigt sich unsere Organisation mit der Aufklärung und Bekämpfung von Verbrechen von Sirenen und Ägiren auf Kalliopa, aber auch in Deutschland.“

„Und warum seid ihr dann gegen alle Sirenenkräfte?“, frage ich gekränkt. „Sind alle Sirenen Verbrecher? Und warum braucht man dafür überhaupt eine besondere Organisation, kann das nicht die Polizei auf der Insel machen?“, frage ich, bevor er antworten kann.

Er stößt ein höhnisches Lachen aus: „Ach, wir lassen also den einen Verbrecher vom andern verhaften, oder wie?“

Er verwirrt mich immer mehr, und ich schaue ihn fragend an.

„Meine Güte, wie naiv bist du eigentlich? Mach doch die Augen auf und wach auf aus deiner rosaroten Blümchenwelt! Glaubst du denn wirklich, dass Menschen, die nur mit ihrer Stimme andere gefügig machen können, das nicht ausnutzen? Glaub doch nicht immer nur ans Gute im Menschen. Wo Macht ist, wird sie auch benutzt.“

Seine Worte hören sich in meinen Ohren völlig paradox an. „Die Leute, die also eurer Meinung nach nur ihre Macht ausnutzen, bauen extra eine Schule, holen uns alle auf die Insel und erklären uns, dass der unerlaubte Gebrauch der Kräfte gesetzlich untersagt ist? Wenn ihnen Gerechtigkeit und das Wohl der Menschen so egal wäre, wären wir ihnen doch auch egal, und sie würden uns einfach auf die Menschheit loslassen.“

„Ihr Sirenen seid echt ganz schön blind, wenn es um euer eigenes Wesen geht ...“, murmelt er halb zu sich, halb zu mir.

„Was soll das denn jetzt schon wieder heißen?“, frage ich, genervt von seiner Überheblichkeit.

„Na ja, stell dir doch mal vor, sie würden euch nicht trainieren, euch nichts verbieten, sondern einfach so weiterleben lassen. Wie lang, glaubst du, würde es dauern, bis die Sirenen auffliegen würden? Nur einmal singen, ohne dass alle Anwesenden weggetreten sind, würde ausreichen, um das Geheimnis auffliegen zu lassen. Und wem, glaubst du, schadet das dann am meisten? Natürlich denen, die sich seit Jahren ihre Macht erschummeln. Eure Ausbildung dient quasi nur dazu, ihre eigenen Spielchen weiterhin bedeckt zu halten.“

„Du willst mir also sagen, dass es auf der Insel eine Art Maffia gibt, die wider aller Menschenrechte zu ihrem Vorteil handeln?“, frage ich verwirrt.

„Ja, so ungefähr kannst du es dir vorstellen.“

Von seinem Vortrag bin ich völlig überrumpelt und kann nur murmeln: „Und das soll ich dir jetzt einfach so glauben, oder wie stellt ihr euch das vor?“

„Meiner Meinung nach hättest du da schon längst selbst draufkommen müssen, aber falls du mir nicht glaubst, kannst du gerne auch noch jemand anderen fragen.“

Ohne auf sein Angebot einzugehen, pfeffere ich ihm hin: „Eigentlich würde mich viel mehr interessieren, was ich hier mache, wenn ihr Sirenen so hasst?“

Er seufzt, bevor er antwortet: „Um dieses Gespräch zu verkürzen, frage ich dich jetzt mal ohne diese Gefühlsduseleien ganz direkt: Du weißt, dass Lian de Montegrande deine Mutter ist, oder?“

„Ja, weiß ich, aber sie ist tot“, antworte ich knapp. Es geht also wieder um diese Frau ...

„Kann ich dann also auch davon ausgehen, dass du weißt, dass sie erkannt hat, was auf der Insel wirklich abgeht, und auch etwas dagegen getan hat?“, fragt er wieder mit dieser matten Stimme.

„Mir wurde immer mal wieder davon erzählt, wie brutal sie rebelliert hat“, gebe ich verunsichert zurück.

„Diese Gehirnwäsche ist echt ...“, murmelt er mehr zu sich selbst als zu mir.

„Was?“, frage ich, wieder etwas angenervt.

Kann er nicht einfach mal zum Punkt kommen?

„Lian hat die kriminellen Machenschaften erkannt und das, was sie euch als brutale Rebellion geschildert haben, war nicht halb so viel, wie die Arschlöcher eigentlich verdienen würden. Aber egal, das wirst du schon noch verstehen. Erst einmal genügt es, wenn du weißt, dass Lian die ursprüngliche Gründerin dieser Organisation ist. Sie hat einige Leute um sich geschart, die der gleichen Meinung waren wie sie, und diese Leute haben dann das alles hier aufgebaut.“

„Aha ... Und um was geht es da eigentlich?“, frage ich und kann noch immer nichts verstehen.

Ich habe einige Zeit auf der Insel gelebt, und auf mich wirkten die Inselbewohner immer alle sehr nett und freundlich. Ich kann mir nicht vorstellen, dass es ein so massives organisiertes Verbrechen auf der Insel gibt, dass es eine eigene Organisation gegen sie braucht.

Luces fährt in seinem Vortrag fort: „Wir überwachen die Menschen auf der Insel, sammeln Beweise und versuchen, so viele Verbrecher wie möglich ins Gefängnis zu bringen.“

„Und warum habe ich dann noch nie etwas von euch gehört?“

„Das liegt doch auf der Hand: Die Machthaber schweigen uns tot, weil es ihren eigenen Ruf zerstören würde. Sie versuchen unsere Existenz unterm Tisch zu halten, damit die naive Bevölkerung nicht auf die Idee kommt, den eigenen Verstand zu nutzen“, erklärt er mit hasserfülltem Unterton.

„Aber wenn ihr auf der Insel was bewirkt, dann müsste man das doch mitbekommen“, meine ich.

Doch er ignoriert meinen Einwurf und sagt, immer noch wütend: „Wieso? Sobald wir einen aus ihren Reihen anzeigen, weil wir genug Beweise haben, haben sie plötzlich alle nichts davon gewusst und sind ganz schockiert über das, was die Polizei da aufgedeckt hat.“

„Aber ...“, setze ich ein, doch er unterbricht mich.

„Nein, da gibt es kein Aber. Die ganze Wirtschaft und Politik dort ist korrupt und machtgierig.“

Ich setzte mich im Bett noch höher auf und sage:

„Trotzdem verstehe ich nicht, warum ich hier bin.“

Sekunden des Schweigens folgen.

„Du bist hier, weil du es erstens alleine auf der Insel nicht mehr lange überlebt hättest. Schließlich wussten einige Leute, wer du bist, und glaub mir, das wäre nicht gut für dich ausgegangen. Und weil du zweitens, nach Meinung der anderen, vielleicht eine Bereicherung für unser Team sein könntest. Wie diese Bereicherung aussehen soll, verstehe ich zwar auch nicht, schließlich bringst du keinerlei Fähigkeiten mit, aber mich fragt ja keiner.“

„Hey! Wer sagt denn, dass ich keinerlei Fähigkeiten mitbringe?“, gifte ich ihn an.

Seine abschätzige Art ärgert mich schon die ganze Zeit, aber mich auch noch als minderbemittelt darzustellen, ist wirklich zu viel.

Mit dem nächsten Satz bringt er das Fass dann endgültig zum überlaufen: „Was hast du denn vorzuweisen? Du kannst dich ja nicht mal selbst verteidigen, wie willst du denn dann hilfreich für uns sein?“

„Ich dachte, ihr sitzt hier sowieso immer nur rum und stalkt fremde Leute!“, keife ich zurück.

„Klar, deswegen habe ich auch hier rumgesessen und dir über einen Bildschirm beim Sterben zugesehen“, erwidert er, während er mir ein genervtes Lächeln schenkt.

„So meinte ich das doch gar nicht! Ich frage mich nur, warum eine Organisation, die mir erzählen will, dass sie sich auf Lian beruft, die bekanntermaßen ohne Rücksicht auf Verluste rebelliert hat, hier still rumsitzt und sich bedeckt hält.“

„Du glaubst doch nicht, dass das hier das ist, worauf wir hinarbeiten. Dir muss schon klar sein, dass man nicht einfach mit fünfzig Mann und ein paar Pistolen da reinspazieren kann. Natürlich ist geplant, einmal die Insel zu übernehmen und allen Verbrechern ihre gerechte Strafe zu erteilen, aber das braucht jahrelange Vorbereitung. Im Moment verfolgen wir zwei Ziele.

Zum einen versuchen wir, die mächtigsten Leute hinter Gitter zu kriegen, um alle zu schwächen und zum ...“

Aber weiter lasse ich ihn nicht kommen: „Du redest ja so, als wäre Kalliopa voller Mörder und Vergewaltiger!“

„Na ja, viel besser ist das nicht ... Sich Geld, Ruhm und Macht mit seinen übernatürlichen Fähigkeiten zu beschaffen, ist schon widerlich genug. Aber all das in einem Staat, der vorgibt, solche Machenschaften zu verbieten, der aber gleichzeitig einer der korruptesten überhaupt ist. Mit Geld werden plötzlich alle Verbrechen auf Kalliopa vergessen.“

„Aber du kannst mir ja jetzt wohl nicht erklären, dass alle das so machen. Dann wäre doch jeder ein Millionär auf dieser Insel!“, gebe ich entsetzt zurück.

„Das ist immer Definitionssache. Natürlich gibt es ein Netz aus Kriminellen, die zu ihrem Vorteil gegen alle Menschenrechte handeln, aber alle wissen davon. Zwar wird nicht davon gesprochen, aber jeder Bürger auf der Insel weiß von den ungerechten, menschenentwürdigenden Verbrechen, und doch macht fast keiner den Mund auf. Es wird einfach als Tatsache angesehen!“

„Und was ist das zweite Ziel?“, frage ich schnell in seinen Redefluss, um ihn vom Thema abzulenken.

Offensichtlich könnte er sich darüber stundenlang aufregen, so wie er sich gerade in Rage redet. Ich habe jetzt aber keine Lust darauf. Ich glaube, ich rede da lieber nochmal mit jemand Vernünftigerem darüber.

„Was?“, fragt er verwirrt zurück.

„Na, das zweite Ziel, das ihr verfolgt?“, erinnere ich ihn an seine vorherigen Worte.

„Ach so ... Zusätzlich suchen wir Verbündete auf der Insel, die in geeigneten Positionen arbeiten. Ich denke, einige wirst du vielleicht in nächster Zeit wiedererkennen.“

„Warum? Ich kenne doch nicht alle Leute, die auf der Insel arbeiten.“

„Glaubst du denn wirklich, dass wir dich erst seit Kurzem beobachten. Es war immer einer von uns da, um ein Auge auf dich zu haben, auch wenn du das nicht bemerkt hast.“

„Das ist ja gruselig!“, entfährt es mir, als ich daran denke, wie schwarzgekleidete Männer hinter mir herlaufen, um mich zu beschatten.

Und als meine Gedanken dann zu all den privaten Momenten mit Chris und meinen Freunden schweifen, stoße ich aus: „Ihr Perverslinge! Ihr könnt doch nicht mein Leben überwachen! Schon mal was von Privatsphäre gehört!“

Doch Luces lacht nur schallend.

Und ich schreie weiter: „Ach, war mein Privatleben so interessant? Habt ihr eigentlich alle kein eigenes Leben!?“

Diese Leute hier sind doch völlig wahnsinnig. Das muss ich mir nicht bieten lassen!

Sein Lachen verstummt.

„Raus! Ich möchte, dass du gehst! Sofort!“, fordere ich ihn auf, doch er bleibt ganz gelassen da, wo er ist.

Nachdem ich ihm einen erneuten auffordernden Blick zugeworfen habe, schlage ich meine Decke zurück und schwinge meine Beine über die Bettkante.

„Wenn du nicht gehst, dann gehe ich eben. Ich möchte keinen Augenblick mehr mit dir in einem Raum verbringen!“

Schneller, als er sich bewegen kann, stürme ich zur Tür und reiße sie auf. Erneut stehe ich in dem Gang, doch dieses Mal fühle ich mich deutlich fitter als beim letzten Mal, wenn auch meine Schulter immer noch schmerzt.

Ich bin immer noch im Nachthemd, aber das ist mir ziemlich egal. Instinktiv gehe ich wieder in die gleiche Richtung, aber weiter als ein paar Schritte komme ich nicht.

„Jetzt reiß dich zusammen, und sei nicht so dramatisch!“, schnauzt mich Luces an und dreht mich mit der Hand an der gesunden Schulter um. „Erstens solltest du dir jetzt sofort darüber klar werden, dass deine Sicherheit als Tochter von Lian für viele Leute hier sehr wichtig ist. Und zweitens sollte dir klar sein, dass ein Auge auf dich haben nicht bedeutet, jeden Schritt deines langweiligen Teenie-Lebens zu dokumentieren.“

Ein paar Sekunden starre ich ihn immer noch wütend an, doch schon bald wird mir klar, dass ich wirklich überreagiert habe. Um nicht zugeben zu müssen, dass ich einen Fehler gemacht habe, gehe ich schweigend zurück in mein Zimmer, und Luces folgt mir.

Ich versuche das Thema schnell zu wechseln.

„Das ist ja alles schön und gut, aber trotzdem möchte ich, dass du deinen Leuten ausrichtest, dass wir beide uns keineswegs anfreunden und dass ich zudem gerne hier weg möchte.“

„Das kann ich ihnen schon sagen, aber du kannst hier nicht weg.“

„Wie? Natürlich kann ich! Oder möchtet ihr mich als Entführungsopfer zwingen, hier zu bleiben?“, frage ich spöttisch.

„Wenn es sein muss ... Aber warum? Wo würdest du denn hingehen, wenn du hier rauskommst? Zurück auf die Insel zu deinem Freund Maxi oder nach Hause zu deiner Familie, mit der du ja nicht mal wirklich verwandt bist, um sie auch noch in Gefahr zu bringen?“

Ich bin also nicht mehr auf der Insel! Wo bin ich dann?

Ein einziges Durcheinander tobt in meinem Kopf.

Nur eines wird mir klar: Ich kann nicht mehr weglaufen! Ich muss einsehen, dass diese Frau, die ich nie kennengelernt habe, mich zu einem Teil von diesem ganzen Wirrwarr hier macht.

Und trotz dieser Erkenntnis kann ich das alles immer noch nicht begreifen.

Vor über einem Jahr bin ich bei mir zu Hause noch auf eine ganz normale Schule in einer ganz normalen Stadt mit ganz normalen Menschen gegangen – und jetzt?

Mein Leben wurde erst, als ich zur Sirene wurde, auf den Kopf gestellt, und als ich mich auf der Insel daran gewöhnt hatte, wurde es wieder zerstört. Als wolle irgendwer, dass ich mir niemals ein Leben aufbaue.

Immer und immer wieder zerstört irgendetwas alles, und ich muss wieder bei Null anfangen.

„Ich glaube, für heute sind wir erst einmal fertig hier.

Ich denke, du hast genug zum Nachdenken“, sagt Luces nach langem Schweigen mit plötzlich ganz veränderter Stimme, vollkommen ruhig, ganz ohne Aggression.

Bevor er mein Zimmer verlässt, bleibt er noch einmal im Türrahmen stehen und sagt: „Es kommt wahrscheinlich später noch mal jemand nach dir und deiner Schulter schauen, und morgen lernst du dann einige neue oder vielleicht auch bekannte Leute kennen.“

Mit diesen Worten zieht er die Tür hinter sich zu und lässt mich allein mit all meinen Fragen, Erkenntnissen und Eindrücken.

Dieser Typ ist mir echt ein Rätsel. Erst rettet er mich, dann stellt er sich als Arschloch heraus, und jetzt ist er plötzlich ganz ruhig und normal. Man hätte fast denken können, er hätte sich für eine Sekunde darüber Gedanken gemacht, wie es mir geht. Ja ... Wie soll ich mich eigentlich fühlen? Soll ich traurig sein, weil mein Leben mir schon wieder unter den Füßen weggezogen wurde, oder glücklich, weil ich endlich Antworten bekomme, oder erleichtert, weil ich immer noch lebe?

Die unterschiedlichsten Gefühle überfluten mich. Und immer wieder kommt mir diese eine Frage in den Kopf:

Warum geschieht mir das?

Warum muss ich eine Sirene sein? Warum muss ich Lians Tochter sein? Warum muss ich das alles hier aushalten?

Die Tatsache, dass ich in den letzten Monaten zweimal fast umgebracht worden bin und der Täter immer noch frei herumläuft, ist ja schon schlimm genug, aber jetzt auch noch das hier?

Ich möchte nach Hause zu meiner Mum und meiner Schwester in mein altes Leben! Stattdessen sitze ich auf einem fremden Bett in einem Gebäude, von dem ich nicht mal weiß, in welchem Land es steht, mit Menschen, die ich nicht kenne.

Und dann diese Organisation, die behauptet, dass ich wichtig für sie bin.

Mein Leben ist wirklich kompliziert geworden, aber ich sollte froh sein, dass ich noch lebe und dass ich hier sicher vor Maxi bin.

Die Tür öffnet sich einige Stunden später wieder und ein älterer Herr mit Stethoskop um den Hals betritt den Raum.

„Guten Tag, Kaisy“, sagt er ganz förmlich.

Automatisch setze ich mich im Bett auf.

„Guten Tag“, sage ich etwas verunsichert.

„Ich bin hier, um mir deine Verletzungen anzusehen“, erklärt er.

„Das habe ich mir schon gedacht. Ihr Stethoskop hat sie verraten“, antworte ich, als er neben mein Bett tritt.

Er verzieht die Mundwinkel zu einem leichten Lächeln.

Irgendwie habe ich das Gefühl, dass dieser Herr nicht gerade humorvoll ist. Wahrscheinlich kann er gar nicht laut lachen, sondern nur leicht grinsen.

Wortlos beginnt er mich abzuhören und meine Wunde zu betrachten. Die einzigen Worte, die er zu mir sagt, sind Anweisungen wie: „Atme mal tief ein“ oder „lehn dich mal zur Seite“.

Während er den Verband um meine Schussverletzung abnimmt, um die Wunde zu untersuchen, schaue ich weg. Eigentlich habe ich nichts gegen Blut oder Wunden, aber ich will trotzdem nicht sehen, wie die Wunde aussieht.

Schließlich bittet er mich darum aufzustehen, und stellt sich vor mich, als wolle er prüfen, ob ich gerade stehen kann.

Er macht sich immer wieder Notizen, und als er fertig ist mit der Untersuchung, zieht er sich den Stuhl vom Schreibtisch zu meinem Bett.

„Also eigentlich sieht alles sehr gut aus“, sagt er und schaut auf seine Notizen. Bevor er weiter spricht, rückt er seine Lesebrille zurecht und sagt dann: „Die OP-Wunde scheint normal zu verheilen und ...“

Ich unterbreche ihn: „Die OP-Wunde?“

„Oh ja, wir mussten die Kugel operativ aus deiner Schulter entfernen. Zu diesem Zweck haben wir dich als Notfallpatientin in ein Krankenhaus hier in der Nähe gebracht.“

„Und warum bin ich dann hier aufgewacht und nicht dort?“, frage ich weiter.

„Weil wir nicht wissen, ob ein öffentliches Krankenhaus im Moment sicher genug ist für dich.

Schließlich kann dort jeder rein und raus“, erläutert er sachlich.

„Aber sie können mich doch nicht einfach, während ich noch in Narkose bin, ins Auto laden und wegfahren“, werfe ich ein.

Er zeigt wieder ein leichtes Grinsen und meint dann:

„Das haben wir natürlich auch nicht. Wir haben ihnen erklärt, dass du Opfer eines schlimmen Verbrechen wurdest, und da der Täter noch auf freiem Fuß ist, müssen wir dich in eine sichere private Klinik verlegen.“

„Aber das hier ist doch gar keine Klinik“, meine ich.

Ich weiß zwar nicht viel über diesen Ort, aber den Unterschied zwischen Verbrechens-Aufklärungs-Organisation und Klinik kriege ich noch hin.

„Die wissen auch nicht, dass du eine Sirene bist. Die wissen auch nicht, dass es diese Organisation gibt ...

Die Menschen wissen vieles nicht.“

Damit hat er natürlich recht. Im Gegensatz zu dem Geheimnis der Sirenenexistenz ist ein gefälschtes Klinikum wohl noch ein harmloses Geheimnis.

„Auf jeden Fall sollte dich die Schusswunde nicht mehr lange einschränken. Viel belastender für deinen Körper war der hohe Blutverlust und vor allem dein Sturz ins Wasser. Du merkst wahrscheinlich immer noch, dass dein Körper noch zu Kräften kommen muss, aber auch das sollte bald gelingen.“

„Da bin ich ja beruhigt“, erwidere ich und bin wirklich sehr erleichtert über diese guten Nachrichten.

„Damit die Heilung möglichst schnell geht, würde ich dich bitten, dich so wenig wie möglich zu bewegen. Am besten versuchst du, so viel wie möglich zu schlafen und keine Wanderungen durchs Haus zu machen.“

Natürlich ist mir klar, dass er auf meinen kleinen Ausflug anspielt, und ich frage mich, ob diese Sache wohl schon jeder hier weiß.

Dennoch sinke ich erleichtert zurück in mein Bett und verschiebe weitere Fragen auf morgen.

Kapitel 3

„So, Kaisy, hereinspaziert! Komm, die tun dir nichts“, fordert mich Phil auf, als wir nach dem Labyrinth von Fluren schließlich vor einer Tür stehen bleiben.

Ich folge zögernd seiner Aufforderung und betrete ein großes Zimmer. In der Mitte steht ein brauner Holztisch, um den einige Leute sitzen. Keiner von ihnen kommt mir bekannt vor, außer Luces, der mit ausdrucksloser Miene da sitzt.

Unsicher bleibe ich stehen und drehe mich zu Phil um, doch er ist nicht mehr da. Einfach weg.

Noch mehr verunsichert mich, dass keiner außer Luces bemerkt zu haben scheint, dass ich hier mitten im Zimmer stehe. Ich dachte, ich bin so wichtig für diese Menschen, dass sie mich auch gegen meinen Willen hier festhalten würden ... Wieso beachten sie mich nicht?

Als Luces sich schließlich erhebt und auf mich zukommt, fühle ich Erleichterung. Wenigstens einer, der mir sagt, was hier los ist.

„Ich habe gehört, dass deine Wunde gut verheilt“, sagt er, wobei ich mich wundere, wie er das weiß, was mir gestern wortgleich der Arzt gesagt hat.

Aber wahrscheinlich wissen hier eh alle alles. Bei diesem Gedanken bekomme ich eine Gänsehaut, versuche aber, meinen Verstand zusammenzuhalten.

„Ja ... “, flüstere ich ihm zögernd zu. „Der Arzt geht davon aus, dass ich eine hässliche Narbe zurückbehalten werde, mein Arm sich aber wieder komplett regenerieren wird.“

Ich blicke zu dem Tisch und betrachte die Menschen, die dort sitzen. Irgendwie finde ich sie gruselig. Sie hängen über irgendwelchen Blättern und notieren ganz geschäftig irgendetwas, ohne ihr Umfeld wahrzunehmen.

„Das freut mich“, gibt Luces zurück.

Diese Aussage überrascht mich. Kann er etwa auch mal was Nettes von sich geben?

Als ich nicht reagiere, fügt er hinzu: „Ich glaube, du solltest jetzt jemanden kennenlernen, der schon die ganze Zeit auf dich wartet.“

„Aha! Und wer ist das?“, frage ich etwas nervös.

Für wen könnte ich denn so wichtig sein?

„Komm mit, dann weißt du es“, antwortet er und steuert auf eine Tür zu, die von diesem Raum abzweigt, und ich folge ihm.

„Kaisy, darf ich dir vorstellen“, er öffnet die Tür,

„deine Mutter, Lian de Montegrande.“

Keuchend setze ich mich auf. Verwirrt schaue ich mich um, bis ich in der Dunkelheit mein Zimmer wiedererkenne.

Das alles ist nur ein Traum gewesen!

Nichts davon ist real! Meine Mutter ist tot! Tot! Tot!

Tot!

Immer noch völlig aufgewühlt von diesem Traum, der sich so echt angefühlt hat, blicke ich auf den Wecker neben meinem Bett.

Eine junge Dame hat ihn mir gebracht, nachdem ich lange genug gebettelt habe. Sie wollte ihn mir nicht geben, denn ein Wecker würde nur Unruhe bringen, meinte sie, aber schließlich konnte sie ihn mir nicht abschlagen.

Es ist halb sechs. Da so früh wohl noch niemand hier wach sein wird, versuche ich wieder einzuschlafen.

Eine knappe Stunde zwinge ich mich, meine Augen geschlossen zu halten, um wieder einzuschlafen, doch die Angst, den Traum weiterzuträumen, hält mich wach. Außerdem habe ich in den letzten Tagen, trotz des Weckers, so viel geschlafen, dass mein Körper jetzt wahrscheinlich einfach völlig ausgeruht ist.

Schließlich stehe ich auf. Da ich nicht weiter im Nachthemd durch dieses Gebäude laufen möchte, suche ich nach Anziehsachen. Ich finde ein paar weiße Shirts und schwarze Leggins. Schnell streife ich sie über, auch wenn sie mir zu groß sind und schlüpfe aus der Tür. Wenn noch keiner wach ist, kann ich mich hier endlich ein bisschen umsehen.

Ich gehe denselben Weg wie beim ersten Mal, bis ich an dem Treppenabsatz ankomme, an dem ich beim letzten Mal von Luces und Phil entdeckt worden bin.

Ab hier gehe ich instinktiv nach rechts, einen Gang entlang, eine Treppe runter und biege dann erneut rechts ab. Immer rechts kann ich mir merken, sodass ich vielleicht auch wieder zurückfinde.

Ich komme zu einem großen Saal, von dem sechs Türen abgehen. In der Mitte des kreisrunden Saals steht ein Brunnen, der meine volle Aufmerksamkeit auf sich lenkt. Mit schnellen Schritten nähere ich mich ihm.

Der dreistöckige Steinbrunnen ist mit kleinen Ranken verziert und hat ganz oben zwei Steinfische, die Wasser ausspucken. Auf der zweiten Etage sind kleine Steintafeln angebracht. Auf der direkt vor mir ist in klaren Druckbuchstaben eingemeißelt:

IN GEDENKEN AN ALLE OPFER, DIE IHR LEBEN FÜR DAS WOHL ALLER GEBEN MUSSTEN.

Daneben sind viele weitere Tafeln, die sich um den ganzen Brunnen zu ziehen scheinen. Auf jeder sind Namen eingemeißelt, und ich beginne auf der ersten Tafel zu lesen:

Lian de Montegrande

Finn Moorfeld

Christopher Lambert

Anna-Marie Meyer

„Schön, nicht wahr?“, fragt Walkie-Talkie-Typ alias Officer Jackson hinter mir mit seinem typischen amerikanischen Akzent, und ich fahre erschrocken zusammen.

Verwirrt drehe ich mich um. Der Polizist, der mich und meine Oma an meinem ersten Tag im Internat verfolgt hat und der mich bei diesem dummen Aufklärungsgespräch so genervt hat, steht da, wie selbstverständlich.

„Sie? Hier?“, stottere ich verwirrt, woraufhin sein schallendes Gelächter den Raum erfüllt.

„Oh ja, Kaisy. So sieht man sich wieder“, gibt er immer noch sichtlich erheitert zurück.

„Aber ... warum? Sie haben doch einen guten Job auf der Insel“, stottere ich.

„Und deswegen soll ich das dort so akzeptieren?“, fragt er.

Offensichtlich versteht er meinen Einwand falsch, also erkläre ich: „Das meinte ich nicht. Ich habe mich darüber gewundert, wie Sie auf der Insel bei der Polizei arbeiten können, obwohl Sie offensichtlich hier für die Organisation arbeiten. Das passt doch nicht zusammen.“

„Wieso sollte das denn nicht zusammenpassen?“, fragt er, belustigt über meine Verwirrung.

„Na ja ... Also ich bin hier zwar noch nicht so lange, aber ich glaube inzwischen verstanden zu haben, dass diese Organisation vor allem die von der Inselpolizei unterstützten Machthaber als Feinde sieht.

Dementsprechend arbeiten Sie ...“

An dieser Stelle unterbricht er mich: „Du kannst mich ruhig duzen. Wir werden uns hier jetzt wohl noch öfter sehen, da sollten wir das mit der Förmlichkeit lieber lassen. Ich bin Andrew.“

„Okay, Andrew ...“, gebe ich zurück und versuche meinen Faden wiederzufinden. „Dann arbeitest du ja für den Feind ...“, versuche ich ihm meinen Gedankengang weiter zu erläutern.

„Du musst wirklich noch viel lernen, Kaisy. Hast du noch nicht darüber nachgedacht, wie die Leute hier ihre Informationen so schnell kriegen, als wären sie selbst dabei gewesen?“

Natürlich habe ich das nicht. Ich bin ja erst seit ein paar Tagen hier und weiß noch immer nicht, wo ich bin, und weiß natürlich auch nicht, wie hier die Informationen laufen.

Statt ihm das zu sagen, fasse ich, für mich verständlich, zusammen: „Das heißt, du arbeitest quasi als Spion?“

„So kann man es auch ausdrücken“, stimmt er mir zu.

„Und was machst du hier so früh morgens?“, frage ich, um das Thema zu wechseln.

„Ich hatte Nachtwache heute und war eigentlich gerade auf dem Weg ins Bett“, antwortet er mit Blick auf den Brunnen.

„Dann will ich dich nicht aufhalten“, sage ich schnell, denn ich verstehe sein Schlafbedürfnis.

„Ach, ist schon okay, ich kann mir vorstellen, dass das alles hier nicht einfach für dich ist“, erwidert er verständnisvoll.