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Der Name »Odessa« steht für eines der irritierendsten Kapitel der Nachkriegsgeschichte: die massenhafte Flucht namhafter NS-Kriegsverbrecher - unter ihnen Adolf Eichmann, Klaus Barbie und Josef Mengele -, die sich mithilfe eines hoch organisierten Netzwerkes der Gerichtsbarkeit entziehen konnten. Goñis Standardwerk legt erstmals den Blick auf das gesamte Panorama dieser komplexen Operation frei. Hauptaufnahmeland und zentrale Drehscheibe war das Argentinien unter Juan Domingo Perón. Die Fluchthilfeorganisation verfügte über Basen in Skandinavien, Spanien und Italien, aktive Hilfe leisteten Schweizer Behörden - und im Vatikan liefen alle Fäden zusammen. Platz 3 der Sachbuchbestenliste März 2007!
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Seitenzahl: 784
Veröffentlichungsjahr: 2015
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Uki GoñiOdessaDie wahre GeschichteFluchthilfe für NS-Kriegsverbrecher
Uki Goñi
Die wahre Geschichte
Fluchthilfe für NS-Kriegsverbrecher
Aus dem Englischen von
Theo Bruns und Stefanie Graefe
Assoziation A
Originaltitel:The Real Odessa. How Perón Brought the Nazi War Criminals to Argentina Veröffentlicht von Granta Publications, London © Uki Goñi 2002
Uki Goñi asserts the moral right to be identified as the author of this Work.
Diese Publikation wurde unterstützt von: Stiftung do Hamburg
Die Übersetzung wurde gefördert von: Deutscher Übersetzerfonds e.V. AmSandwerder 5, 14195 Berlin
© der deutschsprachigen Ausgabe, Berlin/Hamburg, Juni 2006:
Assoziation A Gneisenaustr. 2a 10961 Berlin
www.assoziation-a.de
Lektorat: Beate Kirst und Rainer Wendling Titelgestaltung: kv
ISBN: 978-3-86241-617-2
Für Santos und Vicky
Mit der Vergangenheit hat es eine seltsame Bewandtnis, sie verändert sich, je genauer man hinschaut. Die Vergangenheit vermag es, die hartnäckigen Anstrengungen jener zunichte zu machen, die gerne eine Sicht der Dinge festschreiben würden, die sie früher als Repräsentation der Wirklichkeit durchgesetzt hatten. Trotz ihrer passiven Natur weist die Vergangenheit solche Versuche, unser Verständnis zu verdunkeln, zurück. In einem tieferen Sinne ist es natürlich der lebendige Beobachter, der sich verändert, indem er überlieferte Vorurteile aufgibt und den Tatsachen erlaubt, für sich selbst zu sprechen, anstatt sich auf die Interpretation zu stützen, die ihnen im Augenblick ihres Geschehens zuteil wurde.
Aufgrund ihres inaktiven Status bietet sie sich für diese Art geduldigen Studiums an, bei dem wir unser Selbstverständnis in Bezug darauf befragen, wer wir sind, wo wir stehen und wie wir dorthin gekommen sind. Unser Wissen erweitert sich um einen qualitativen Sprung, wenn wir bereit sind, diese Fragen an uns selbst zu stellen.
Die Gegenwart hingegen verweigert sich solch einer geduldigen Analyse. Kilometer bedruckten Papiers, Ozeane vergossener Tinte und die ganze Bandbreite der elektronischen Medien werden ihr tagtäglich gewidmet. Aber dieser Sturzbach an Informationen vermag unseren unbezähmbaren Appetit auf das, was wir pathetisch die »Wahrheit« nennen, nicht zu stillen. Die Wahrheit ist eine schwer zu fassende Kategorie, die hinter dicken Mauern verborgen ist, hinter denen sie nur in der trügerischen Verkleidung von Nachrichtensendungen, Leitartikeln oder regierungsamtlicher Propaganda hervortritt. Im Ergebnis haben die meisten von uns das Gefühl, im Hinblick auf die aktuellen Ereignisse regelmäßig belogen zu werden.
Das Studium der Vergangenheit erlaubt uns dagegen, die mystifizierende Maske, die über die Ereignisse in der Hitze ihres Geschehens gestülpt wird, abzustreifen. Wenn genügend Ausdauer und Interesse gegeben sind, vermag wagemutige Forschung die vergangene Geschichte zu entmystifizieren. Die Vergangenheit kommt uns dann zur Hilfe, lehrt uns, wie wir die Lügen, die uns heute erzählt werden, als solche erkennen können, weil sie in ihrem Charakter denen höchstwahrscheinlich sehr ähnlich sind, die uns gestern täuschten.
Der Beweggrund dieses Buches ist die Suche nach diesem flüchtigen Gral, der »Wahrheit«, um zu beweisen, dass so ein Territorium existiert. Diese Arbeit ist von keinem besonderen Interesse an dem perversen Phänomen des Nazismus inspiriert, so faszinierend es für jene, die es studieren, auch sein mag. Ihre Triebfeder ist auch nicht eine spezielle Animosität oder Sympathie gegenüber dem General Juan Domingo Perón, dem Mann, dessen Schatten auch 32 Jahre nach seinem Tod weiterhin die politische Bühne Argentiniens beherrscht, in kaum geringerem Maße als zum Zeitpunkt, zu dem er 1943 mit Evita an seiner Seite die öffentliche Arena betrat.
Was dieses Buch zu demaskieren sucht, ist die Existenz einer zentralen Lebenslüge in unserer Vergangenheit. Und wenn es uns gelingt, nachzuzeichnen, wie dieses Trugbild geschichtsmächtig werden konnte, sind wir vielleicht gegen gleich geartete Versuche gewappnet, die unser Verständnis der heutigen und zukünftigen Zeit trüben könnten.
Jahrzehntelang hat sich Argentinien geweigert, die wahre Rolle, welche die politischen Führer des Landes bei der Massenflucht von Nazis und ihren Kollaborateuren nach dem Zweiten Weltkrieg spielten, zuzugeben. In der »offiziellen Geschichte«, wie sie an Schulen und Universitäten gelehrt und von der politischen Bühne verkündet wird, wird jeder Hinweis auf die Beteiligung der argentinischen Regierung an dieser Operation sorgfältig vermieden. In den 1980er- und 1990er-Jahren erschien eine Reihe durchaus seriöser historischer Untersuchungen, sowohl von argentinischen wie auswärtigen Akademikern, welche die offizielle Darstellung unterstützten und die argentinische Regierung von jeder Verantwortung bei diesem schändlichen Unternehmen freisprachen.
Indem sie vertrauensvoll auf dieser falschen Grundannahme aufbaute, gab die argentinische Regierung im Jahr 1999 einen »Abschlussbericht« über die Einreise von Nazis heraus. Der Bericht listete eine Gesamtsumme von 80 Kriegsverbrechern auf (die wirkliche Zahl liegt viel höher), die in Argentinien einen sicheren Unterschlupf gefunden hatten, fast ohne ein Wort über den argentinischen Anteil bei ihrer Flucht zu verlieren.
Der Abschlussbericht schwieg sich ebenso über Argentiniens Geheimerlass gegen die Einreise jüdischer Flüchtlinge während und nach dem Ende des Krieges aus. Um die Existenz dieses Erlasses zu verschleiern, ging die argentinische Regierung im Jahr 2001 sogar so weit, eine Gedenktafel an der Wand des Außenministeriums anzubringen, auf der zwölf argentinische Diplomaten wegen ihrer angeblichen »Solidarität« mit Juden in Europa posthum geehrt wurden.
Die Veröffentlichung der englischsprachigen Originalausgabe dieses Buches im Jahr 2002 in London war deshalb für viele rund um den Globus ein Schock, die den Ergebnissen des Abschlussberichts vertraut hatten und die Anbringung der Gedenktafel unterstützt hatten.
Von den Enthüllungen des Buches aufgerüttelt, bat mich Mark Weitzman vom Wiesenthal Center in New York, eine Liste von Akten mit Nazi-Bezug zu erstellen, die meines Erachtens von der argentinischen Regierung freigegeben werden sollten. Ich war in der Lage, 58 Geheimakten aufzuführen. Bei einigen handelte es sich um Dokumente, zu denen ich unautorisierten Zugang erhalten hatte und die der Öffentlichkeit weithin nicht zugänglich waren, von anderen Dokumenten wusste ich, dass sie existierten, ohne dass es mir gelungen wäre, sie einzusehen.
Das Wiesenthal Center ging im Dezember mit seinem Aufruf an die Öffentlichkeit. Bis zum heutigen Tag wurden nur drei der 58 Dokumente vorgelegt. Von anderen 26 heißt es, sie seien bereits vor langer Zeit vernichtet worden. Zieht man die politischen Hindernisse und die bürokratischen Hürden in Betracht, ist die Erfolgsquote von 3 zu 58 fast schon akzeptabel.
Der Aufruf bezog sich als Herzstück auf 49 Dossiers der Einwanderungsbehörde (Geheimakten des Typus, wie sie in Kapitel 9 beschrieben werden), welche die Einreise notorischer Kriegsverbrecher wie Adolf Eichmann und Josef Mengele sowie weiterer verdächtiger Personen dokumentierten. Während meiner Recherche war es mir gelungen, die Aktenzeichen dieser Dossiers festzustellen. Die Nummer 231489/48 zum Beispiel bezieht sich auf die Einreiseakte Adolf Eichmanns. Meine Bitte, mir Zugang zu den Dokumenten zu gewähren, wurde vom damaligen Direktor der Einwanderungsbehörde rundheraus abgelehnt. Erst nachdem die New York Times in einem ganzseitigen Artikel berichtet hatte, dass Argentinien sich weigerte, diese Akten freizugeben, und nachdem eine Gruppe von Abgeordneten eine Resolution im US-Kongress eingebracht hatte, die den Appell des Wiesenthal Centers unterstützte, sah sich die argentinische Regierung im Juli 2003 zu einer Reaktion veranlasst.
Schließlich gab die Einwanderungsbehörde zwei der beantragten 49 Dossiers heraus. Eines bezog sich auf einen weniger bekannten belgischen Kriegsverbrecher, bei dem anderen handelte es sich um eine dicke Akte (72513/46, die im Kapitel 15 erwähnt wird), welche die Einreise einer großen Zahl kroatischer Verbrecher ermöglicht hatte. Ich hatte während der Recherche für dieses Buch einen beträchtlichen Aufwand an Zeit und Energie bei der Suche nach dieser Akte investiert. Ich war sehr aufgeregt, sie endlich in den Händen zu halten. Auch der Beamte der Einwanderungsbehörde, der angewiesen worden war, sie mir vorzulegen, reagierte äußerst betroffen – allerdings aus diametral entgegengesetzten Gründen. »Sie wird das Ansehen des Generals Perón beschädigen«, jammerte er, wobei ihm buchstäblich eine Träne über die Wange lief. Für den alten Peronisten, der sein Büro mit Fotos Evitas geschmückt hatte, war es ein qualvoller Augenblick. Wie sich herausstellte, handelte es sich um ein extrem kompromittierendes Dokument, das nicht nur die Unterstützer Peróns, sondern auch die katholische Kirche ernsthaft in Verlegenheit brachte. Es belegte u.a., wie Perón und der argentinische Kardinal Santiago Copello bei der Einreise einiger der übelsten kroatischen Massenmörder nach Argentinien zusammengearbeitet hatten.
Die Einwanderungsbehörde gestand auch, dass 26 der 47 angeforderten Dossiers in den 1950er- und 1960er-Jahren verbrannt worden waren. Über die verbleibenden 21 Dossiers legte sie keine Rechenschaft ab. Unter ihnen befanden sich die Einwanderungsakten der zwei wichtigsten Kriegsverbrecher, die in Argentinien Zuflucht gefunden hatten, Eichmann und Mengele, sowie die Akten weiterer bekannter SS-Männer wie Klaus Barbie und Hans Fischböck. Ein besonders befremdender Fall ist die Einwanderungsakte des SS-Mörders Josef Schwammberger, eines ehemaligen Kommandanten von NS-Arbeitslagern, der für seinen Sadismus berüchtigt war. Er hielt sich jahrzehntelang in Argentinien versteckt, bevor er 1990 festgenommen und nach Deutschland ausgeliefert wurde. Glaubt man der Auskunft der Einwanderungsbehörde, wurde Schwammbergers Akte zweimal verbrannt, einmal 1958 und ein zweites Mal im Jahr 1967. Schwammberger selbst wurde 1992 zu einer lebenslangen Freiheitsstrafe verurteilt und starb 2004 im Vollzugskrankenhaus Hohenasperg.
Das dritte Dokument, welches die argentinische Regierung bereit war, für die Öffentlichkeit freizugeben, war für mich das beziehungsreichste und sensibelste, welches in diesem Buch enthüllt wurde. Es betraf ein beschämendes Staatsgeheimnis, das im Laufe der Jahrzehnte auch zu einem Familiengeheimnis der Goñis geworden war.
Im Jahr 1938 hatte das argentinische Außenministerium eine geheime Anordnung erlassen, die es ihren Konsuln im Ausland untersagte, Juden, die vor dem Naziregime auf der Flucht waren, Visa auszustellen. Mein Großvater Santos Goñi, der in den 1930- und 1940er-Jahren als Konsul in Wien, Genua und Bolivien tätig gewesen war, wandte es strikt an. Andere argentinische Diplomaten schlugen aus der Anordnung Profit, indem sie unter der Hand Visa an Juden verkauften. Die Jahre vergingen, ohne dass die argentinische Regierung die Existenz dieses antisemitischen Erlasses jemals zugegeben hätte. Meine Familie wurde so zum unfreiwilligen Wächter eines menschenverachtenden Akts, der aus Argentiniens Geschichtsbüchern ausgespart blieb. Für mich persönlich bedeutete es eine schwere psychische Bürde, in dieses Geheimnis eingeweiht zu sein.
Da ich das Dokument während der Recherche für dieses Buch in den Archiven des argentinischen Außenministeriums nicht finden konnte, machte ich 1998 die argentinische Historikerin Beatriz Gurevich darauf aufmerksam, dass sie möglicherweise ein Exemplar in einem der Archive der argentinischen Botschaften in Europa finden könnte. Zu jener Zeit führte Gurevich im Rahmen der offiziellen Regierungskommission CEANA Recherchen in diesen Archiven in Vorbereitung des Abschlussberichts durch. Glücklicherweise gelang es Gurevich, ein Exemplar des Erlasses in der argentinischen Botschaft in Schweden zu entdecken, welches sie fotokopierte. Obwohl Gurevich das Dokument, zusammen mit weiterem sensiblen Material, das sie gefunden hatte, der Kommission vorlegte, wurde das Geheimnis nicht gelüftet und Gurevich sah sich in der unangenehmen Lage, von ihrem Posten in der Kommission zurücktreten zu müssen.
Nach reiflicher Überlegung stimmte Gurevich zu, die Existenz des Geheimerlasses in der englischsprachigen Originalausgabe dieses Buches, das 2002 erschien, öffentlich zu machen, obwohl wir keine Autorisierung seitens der Regierung besaßen, ein Dokument zugänglich zu machen, das formal gesehen immer noch ein »Staatsgeheimnis« war.
Der Runderlass (das so genannte Zirkular 11, das in Kapitel 4 näher beschrieben wird) war im letzten Jahr das dritte und letzte Dokument, welches der Öffentlichkeit zugänglich gemacht wurde – von insgesamt 58, deren Freigabe ursprünglich beantragt worden war.
Im April letzten Jahres schrieb ich dem argentinischen Außenminister Rafael Bielsa einen persönlichen Brief, in dem ich ihn nicht nur aufforderte, das Dokument freizugeben, sondern es auch offiziell für ungültig zu erklären, da es formaljuristisch gesehen – obwohl es jahrzehntelang nicht mehr angewandt worden war – immer noch in Kraft war. Mein Appell wurde von führenden argentinischen Intellektuellen und Holocaustüberlebenden aufgegriffen und unterstützt.
Unter den Unterstützern befanden sich Juden, die sich als Katholiken hatten ausgeben müssen, um argentinische Visa zu erhalten. Eine von ihnen war Irene Dab, damals ein junges Mädchen, die sich daran erinnerte, wie sie und ihre Familie in getrennte Zimmer der argentinischen Botschaft in Paris geführt und aufgefordert worden waren, das Vaterunser auf Französisch aufzusagen, um zu beweisen, dass sie nicht jüdisch waren. Eine andere war Aida Ender. Obwohl sie nach dem Krieg Visa für Argentinien erhalten hatte, wurde ihre Familie 1949 an der Grenze zu Brasilien aufgehalten und ihr wurde die Einreise verweigert. Die Eltern bestachen schließlich einen Zugschaffner, um die vierjährige Aida allein über die Grenze zu schmuggeln. Bis zum heutigen Tag hat sie die lange Reise von Pasos de los Toros nach Buenos Aires, versteckt in einem Eisenbahnabteil, nicht vergessen. Eine weitere Unterstützerin war Diana Wang, deren Eltern, Juden aus Polen, das Land 1947 als Katholiken betreten hatten. Als sie das Schiff in Buenos Aires verließ, trug Wangs Mutter einen Rosenkranz und ein Gebetbuch in der Hand, um die Beamten der Einwanderungsbehörde zu überlisten.
Am 8. Juni des vergangenen Jahres wurde der Erlass im Rahmen einer feierlichen Zeremonie in der Casa Rosada, die vom argentinischen Präsidenten Néstor Kirchner und dem Außenminister Rafael Bielsa angeführt wurde, endlich offiziell für ungültig erklärt. »In Anwendung dieser inhumanen Anordnung verweigerte mein Großvater Juden, die vor dem Holocaust flohen, Visa«, sagte ich in einer Ansprache während der Zeremonie. »Im Archiv unseres Außenministeriums lagern Dokumente, laut denen argentinische Konsuln, einschließlich meines Großvaters, Juden aufgrund dieses Erlasses Visa verweigerten.«
Auch Beatriz Gurevich, die das einzige überlieferte Exemplar des Dokuments sieben Jahre zuvor entdeckt hatte, war während der Zeremonie zugegen. »Es ist nicht leicht, in die Vergangenheit zurückzublicken. Es erfordert moralischen Mut«, sagte Gurevich.
Als ein Ergebnis konnten viele Juden, die in den Akten der Einwanderungsbehörde als Katholiken geführt wurden, ihre Religionszugehörigkeit nun richtig stellen.
Eine weitere Reihe von Dokumenten, deren Freigabe das Wiesenthal Center gefordert hatte, kam nie ans Tageslicht, wahrscheinlich weil diese Dokumente in Wirklichkeit gar nicht existierten. Weil es über eine Gedenktafel an der Wand des Außenministeriums, die 2001 dort angebracht worden war, aufgebracht war, wollte das Wiesenthal Center Dokumente sehen, die bewiesen, dass die zwölf wegen angeblicher Rettung von Juden während des Holocausts geehrten argentinischen Diplomaten tatsächlich irgendjemanden gerettet hatten. Der Aufruf wurde von der International Raoul Wallenberg Foundation, einer Institution mit Büros in New York und Buenos Aires, unterstützt, welche die argentinische Regierung seit drei Jahren bestürmte, die Gedenktafel zu entfernen.
Unter den zwölf geehrten Männern war auch Luis Irigoyen, ein Diplomat, der während des Krieges in der argentinischen Botschaft in Berlin eingesetzt gewesen war. Wie in diesem Buch im Kapitel 4 erzählt wird, weigerte er sich, hundert argentinische Juden zu retten, die die Nazis der Botschaft zur Repatriierung nach Argentinien übergeben wollten. Angesichts der Weigerung der Botschaft ordnete Eichmann die Verschleppung der Argentinier in das KZ Bergen-Belsen an. Die meisten der hundert starben dort oder in anderen Konzentrationslagern. Wie sich herausstellte, wurden die übrigen Diplomaten auf der Gedenktafel mehrheitlich dafür geehrt, den argentinischen Reisepass von argentinischen Juden in Europa erneuert zu haben oder nichtargentinischen Juden, die sich bereits außerhalb der Reichweite der Nazis befanden, Visa gewährt zu haben. So wurde zum Beispiel ein Diplomat gewürdigt, der einem italienischen Juden in Montevideo vor Ausbruch des Krieges ein Visum ausgestellt hatte. Dank der hartnäckigen und ausdauernden Kampagne der Wallenberg Foundation wurde die Gedenktafel im Mai vergangenen Jahres still und heimlich entfernt.
Uki Goñi, Buenos Aires, 28. April 2006
»Sie haben der Invasion Norwegens und Griechenlands applaudiert, der sowjetischen Republiken und Hollands. Ich weiß nicht, welcher Jubel an dem Tag ausbrechen wird, an dem sie unsere Städte und Küsten in Brand setzen. Es besteht kein Anlass zu kindischer Ungeduld; die Barmherzigkeit Hitlers ist ökumenisch. Binnen kurzem (wenn es die Vaterlandsverräter und Juden nicht verhindern) werden wir in den Genuss aller Wohltaten der Folter, der Sodomie, der Vergewaltigung und der Massenhinrichtungen kommen.«
Jorge Luis Borges, in der Zeitschrift Sur,Buenos Aires, Dezember 1941
Seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs ist die Existenz einer Schattenorganisation, die sich der Rettung von Nazi-Kriegsverbrechern verschrieben haben soll, Gegenstand unzähliger Zeitungsartikel, Dokumentationen, Romane und Spielfilme gewesen. Einige von ihnen stellten die These auf, führende Persönlichkeiten des Dritten Reichs hätten sich der Gerichtsbarkeit entzogen, indem sie den Atlantik in U-Booten überquerten. Tatsächlich gibt es in Argentinien, wo ich lebe, eine Fülle von Augenzeugenberichten über nervöse Männer in Nazi-Uniformen, die gegen Ende des Krieges in Schlauchbooten an der Küste Patagoniens anlandeten. Große Kisten, voll gepackt mit Nazigold und Hitlers Geheimarchiven, sollen des Nachts an windgepeitschten Stränden entladen und quer über den Kontinent in abgelegene Verstecke in den Anden gebracht worden sein. Diesen meist fantastischen Berichten zufolge soll Hitler seine letzten Tage im Süden Argentiniens verlebt haben, wo er immer noch begraben liege. Sein Sekretär Martin Bormann soll sich als Großgrundbesitzer in seiner Nähe niedergelassen haben, zunächst in Chile, dann in Bolivien und schließlich in Argentinien.
Aber keiner dieser weit hergeholten Berichte hat die kollektive Fantasie so stark beeinflusst wie der Roman Die Akte Odessa des britischen Bestseller-Autors Frederick Forsyth. Das Buch schildert die Aktivitäten einer Gruppe ehemaliger SS-Männer, die sich in einer Organisation namens Odessa (Organisation der ehemaligen SS-Angehörigen) zusammengeschlossen haben. Ihr Ziel sei nicht nur gewesen, ihre Kameraden vor der Nachkriegsjustiz zu retten, sondern darüber hinaus ein Viertes Reich zu begründen, fähig, die unvollendeten Träume Hitlers zu erfüllen. Dank einer ausgedehnten Recherche und aufgrund seiner eigenen Erfahrung als Reuters-Korrespondent in den frühen 1960er-Jahren gelang es Forsyth, einen Roman zu schreiben, der nicht nur glaubwürdig klang, sondern darüber hinaus Momente von Wahrheit enthielt. Seit seinem Erscheinen vor dreißig Jahren wurde die Existenz einer »wahren« Organisation Odessa von Journalisten ebenso heftig verteidigt, wie sie von ernsthaften Wissenschaftlern bestritten wurde.
Die Öffnung von Archiven und der Zugang zu Geheimdokumenten in den USA und Europa haben es in den letzten zehn Jahren ermöglicht, die fiktionalen Erzählungen über Hitlers Überleben und Forsyths plausibleren Roman anhand der historischen Tatsachen einer Überprüfung zu unterziehen. Das Bild, welches sich ergibt, stimmt nicht unbedingt mit dem eines alternden Führers überein, der am Fuße der Anden von getreuen Untergebenen gepflegt das Leben eines Tattergreises führt. Es beinhaltet nicht einmal eine Organisation, die tatsächlich den Namen Odessa geführt hätte, aber dennoch ist es düster genug und beinhaltet deutliche Hinweise auf ein organisiertes Fluchthilfenetzwerk. Die Dokumente belegen, dass die »wahre« Odessa weit mehr als eine abgeschottete Organisation von Nazi-Nostalgikern war. Vielmehr bestand sie aus einer Reihe sich überlagernder Kreise von Nicht-Nazi-Organisationen, zu denen Institutionen des Vatikans, alliierte Geheimdienste und verdeckt arbeitende argentinische Organisationen zählten. An strategischen Punkten gab es Überschneidungen mit französischsprachigen Kriegsverbrechern, kroatischen Faschisten und schließlich auch mit den SS-Männern der fiktiven Odessa, alle vereint in dem Bemühen, Hitlers Parteigänger des Bösen außer Landes zu schmuggeln.
In Argentinien wurde die Odessa-Spur jedoch verwischt und lief sogar Gefahr, gänzlich getilgt zu werden. Diese Spur führte zurück in das Präsidentschaftsbüro des Generals Juan Domingo Perón und hätte das Bild seiner geliebten Gattin Evita empfindlich beeinträchtigen können, die bis heute für ihre Landsleute eine mit fast religiöser Inbrunst angebetete Ikone geblieben ist. Als spät genug die Rolle der Schweiz als sicherer Hafen für Nazigold aufgedeckt wurde, war es nicht weiter erstaunlich, dass Argentinien versuchte, die Tatsachen in ein anderes Licht zu setzen. In einer publikumswirksamen Erklärung verkündete 1992 die Regierung des damaligen Präsidenten Carlos Menem die Öffnung der »Nazi-Archive« und versprach, sie der Forschung zugänglich zu machen. Die internationale Presse gab sich in Buenos Aires ein Stelldichein, um die Wahrheit hinter den alten Gerüchten über Peróns heimliche Allianz mit Hitler herauszufinden. Aber ihre Erwartungen auf spektakuläre Enthüllungen wurden enttäuscht.
Stattdessen fanden Reporter und Forscher einen Stoß abgegriffener »Geheimdienst«-Dossiers, die zumeist aus verblichenen Zeitungsausschnitten bestanden, die kaum brauchbare neue Informationen enthielten. Die Akte über Bormann, der in Wirklichkeit den Fall Berlins nie überlebt hatte, schloss einen Artikel ein, der versicherte, er sei mit einem U-Boot nach Argentinien gebracht worden. Auffälligerweise fehlte die Akte über Adolf Eichmann, den Architekten der »Endlösung« und berüchtigtsten Nazi-Kriegsverbrecher, der tatsächlich nach Argentinien gekommen war (unter der Schirmherrschaft der Katholischen Kirche sowie Peróns Fluchthilfeorganisation). Die aufgefundenen Dossiers bewirkten eine große Enttäuschung auf Seiten der Journalisten, während die Historikerzunft erleichtert aufatmete, schien doch der Mangel an Beweisen den wachsenden Konsens innerhalb der scientific community zu bestärken, dass eine Organisation namens Odessa niemals existiert habe und die Nazis ihre Flucht individuell arrangiert hätten und ohne organisierten Rückhalt auf getrennten Wegen nach Argentinien gekommen seien.
Dies war der Hintergrund, vor dem ich ab 1996 nach Anhaltspunkten für Argentiniens »Nazi«-Vergangenheit zu suchen begann. Der angebliche Mangel an Beweisen, der einigen nur zu gelegen kam, überzeugte mich nicht, und ich vermutete – zu Recht, wie sich später herausstellen sollte –, dass reichhaltiges Quellenmaterial existierte, das nur auf seine Entdeckung wartete. Sollte eine »wahre« Organisation Odessa jemals existiert haben, war ich entschlossen, ihre Spur ausfindig zu machen.
Wie verlautete, war 1955 – in den letzten Tagen der Regierung Perón – ein Großteil der wichtigsten Unterlagen vernichtet worden. Dies wiederholte sich im Jahr 1996, als die Verbrennung vertraulicher Dossiers der Einwanderungsbehörde, deren Archiv die Einreisepapiere der NS-Verbrecher enthielt, angeordnet wurde. Aber unverhoffte Funde in anderen argentinischen Archiven, die auf wundersame Weise diese Säuberungsaktionen überstanden hatten, führten mich zunächst nach Belgien, wo ich bedeutsame Dokumente fand, die zum Glück außerhalb der Reichweite der argentinischen Archivsäuberer gelegen hatten und die Existenz einer Organisation Peróns belegten, die der so lange geleugneten Odessa nur zu ähnlich war. Aus der Schweiz wurden mir Hunderte Seiten Regierungsdokumente geschickt, die die Kooperation antisemitischer Schweizer Beamten bei Peróns Nazifluchtoperation im Detail erkennen ließen. Die geduldige Sichtung britischer Nachkriegsunterlagen trug schließlich ihre Früchte und enthüllte die unmittelbare Komplizenschaft des Papstes beim Schutz von Kriegsverbrechern. Dokumente, die ich auf Grundlage des Freedom of Information Act aus den USA anforderte, bewiesen, dass Peróns oberster Nazi-Schmuggler tatsächlich ein Geheimagent der SS war, der 1945 im Auftrag Berlins auf eine Mission geschickt worden war, die erst nach Kriegsende beginnen sollte. Deklassifizierte CIA-Dokumente gaben darüber Aufschluss, wie das den serbischen und jüdischen Opfern seitens des kroatischen Marionettenregimes geraubte Gold in den frühen 1950er-Jahren seinen Weg nach Argentinien gefunden hatte.
So unglaublich es klingen mag, war es manchmal einfacher, Zugang zu den weit entfernten Archiven in den USA oder Europa zu bekommen als zu denen in meinem eigenen Land. Der Fortschritt meiner Arbeit in Argentinien war zum Verzweifeln langsam und wurde von zwei Seiten behindert: durch die Passivität der Regierung und durch die Weigerung der Überlebenden der Nazi-Rettungsaktion, sich interviewen zu lassen.
Eines jedoch war klar: Die Vertuschungsoperation war so gelungen, dass in jedem einzelnen Land nur Bruchstücke des Puzzles überlebt hatten. Ich war gezwungen, die Quellen, die mir in Brüssel, Bern, London, Maryland und Buenos Aires zur Verfügung standen, zu sammeln und miteinander zu vergleichen. Es war eine Herkulesaufgabe, die mich zwang, Tausende Seiten fotokopierter Dokumente zu katalogisieren und zu verschlagworten und zeitgleich in vier Sprachen (Französisch, Deutsch, Englisch und Spanisch) zu arbeiten, bevor ich imstande war, den Gesamtzusammenhang zu überschauen. Und selbst das war noch unzureichend, weil die zusammengetragene Dokumentation krasse Lücken aufwies, die durch zweihundert Zeitzeugen-Interviews gefüllt werden mussten. Es kostete mich sechs Jahre hartnäckiger Arbeit. Aber schließlich fügten sich die verstreuten Bausteine des Puzzles der Nazi-Rettungsaktion zusammen und gaben den Blick auf das gespenstische Gesamtbild frei.
Als ich die Arbeit aufnahm, wusste ich nicht, dass Teile des Puzzles wortwörtlich vor meiner Haustür lagen. Wenn ich aus meinem Apartmentfenster schaute, hatte ich über Jahre – ohne es zu wissen – den Enkelsohn des Industriemagnaten Fritz Thyssen, der in den 1930er-Jahren Hitlers Aufstieg zur Macht finanziert hatte, auf dem Bürgersteig vorbeischlendern sehen. Und nur vier Häuser weiter befand sich neben der Residenz des Schweizer Botschafters die Villa, die einst SS-Hauptsturmführer Carlos Fuldner bewohnt hatte, ein Agent Himmlers, der die Hauptfluchtlinie der Nazis koordiniert und u.a. Eichmann Schutz geboten hatte.
Man könnte meinen, es sei von Berlin, München oder Wien die Rede, aber nein, es handelt sich um das verschlafene Diplomatenviertel von Buenos Aires. Noch immer merkt man der Straße ihre düstere Vergangenheit nicht an. Auch mir selbst blieb die Anwesenheit ihres berüchtigten Bewohners verborgen, als ich in den 1960er-Jahren an Fuldners Haus vorbeiradelte. Was für eine verpasste Chance für ein Interview!
Die luxuriösen Stadtvillen und elegant sich hinschlängelnden Straßen des Viertels Palermo Chico widerlegen die Annahme, dass Hitlers Helfer während ihres Nachkriegsexils in Argentinien zu einem Leben in Armut verurteilt gewesen seien. Die meisten von ihnen wohnten an ausgesuchten Adressen in einer Stadt, die sich voller Stolz als Paris Südamerikas bezeichnete. Einige unter ihnen, wie Fritz Thyssen, der 1951 in Buenos Aires starb, bedauerten es, dem Nationalsozialismus geholfen zu haben. Der Industriemagnat hatte sich mit dem Führer überworfen und die letzten Kriegsjahre in deutschen Konzentrationslagern verbracht. Andere, wie Fuldner, blieben ihrer Sache auch lange nach Hitlers Tod loyal ergeben.
Von meinem Fenster aus kann ich auf der anderen Straßenseite das rote Backsteinhaus erspähen, in dem vor gar nicht langer Zeit Thilo Martens lebte. Er war ein deutscher Millionär, der die modernen Funkanlagen nach Argentinien geschmuggelt hatte, mit deren Hilfe Hitlers Agenten den Kontakt mit Berlin hielten. Nach dem Krieg soll Martens Geldüberweisungen für einige der notorischsten Nazis, die mit Fuldners Hilfe nach Buenos Aires fliehen konnten, getätigt haben. Aber seine Nazivergangenheit schützte den alternden Kollaborateur nicht vor einer Entführung durch die Generäle der argentinischen Militärdiktatur von 1976–83, die sich einen Großteil seines Vermögens einsteckten.1
Einige Straßenecken weiter lebte im Jahr 1943 in einem modernen und komfortablen Apartmenthaus ein weiterer SS-Hauptsturmführer, Siegfried Becker. Es gibt Gründe, anzunehmen, dass es sich bei ihm um den gerissensten und effektivsten Agenten Himmlers in der westlichen Hemisphäre handelte. Während des Krieges fädelte er gemeinsam mit Perón den Sturz der proalliierten Regierung im Nachbarland Bolivien ein. Später scheint er dabei geholfen zu haben, Nazivermögen nach Argentinien umzuleiten.
Etwas oberhalb des Hauses, in dem Becker wohnte, residierte schließlich der Mann, welcher der Nazi-Fluchtroute Leben einhauchen sollte, Oberst Perón persönlich. Der starke Mann Argentiniens teilte dort sein Bett mit einem 14-jährigen Mädchen, das heute nur noch unter dem Spitznamen bekannt ist, den ihr Perón verliehen hatte: Piraña. 1944 betrat Evita die Bühne und warf den Teenager aus dem Haus.
Nichts von alldem ahnte ich, als mich Mitte 1996 die Sunday Times aus London um einen Artikel bat. Im Rest der Welt war wenig geschehen, und die Herausgeber der Zeitung brauchten einen farbigen Bericht für ihre Auslandsseiten. Ich bot ihnen die üblichen argentinischen Themen an – politische Skandale, neue Wendungen in der Falkland-Debatte, alternde Generale aus den Dekaden der 1970er- und 1980er-Jahre, die durch die Gerichtssäle schlurften, wo sie neue Anklagen wegen zurückliegender Menschenrechtsverletzungen zu gewärtigen hatten. Die britische Stimme am anderen Ende der Leitung war nicht sonderlich beeindruckt. »Und dann ist da noch die Geschichte mit Bormanns Pass in Patagonien«, sagte ich in der stillen Hoffnung, der Redakteur möge zu dem Schluss kommen, dass aus dieser Ecke der Welt nichts Interessantes zu berichten sei.
Wie hatte ich mich getäuscht! In der Wochenendausgabe brachte die Sunday Times einen Aufmacher unter dem Titel »Bormanns Akte durch Passfund wieder geöffnet«. In dem Artikel berichtete ich, dass in Südchile ein uruguayischer Pass aufgetaucht sei, der auf den Namen Ricardo Bauer ausgestellt war, einen der Alias-Namen, die Hitlers Sekretär bei seiner Flucht nach Südamerika angeblich benutzt hatte. Der Beginn der Nachforschungen, deren Resultat dieses Buch sein sollte, stand auf wackligen Füßen, denn zwei Jahre später bewies die DNA-Analyse eines in Berlin gefundenen Schädelknochens, dass Bormann bei der Flucht aus Hitlers Bunker in den letzten Kriegstagen ums Leben gekommen war. Nichtsdestotrotz machte mir die Beschäftigung mit dem mysteriösen Kapitel Bormann eine Sache klar: Es gab keinerlei auf seriöse Quellen gestützte Forschung über die argentinische Seite der Nazi-Nachkriegsfluchtroute.
Ich hatte meine eigenen Gründe, um weitere Nachforschungen anzustellen. Schon seit langem empfand ich, dass das Schweigen in Argentinien von geradezu betäubender Präsenz war und dass das Land auf klägliche Weise zum wiederholten Mal versäumt hatte, in das eigene Spiegelbild zu blicken. Jeder Argentinier trägt eine vorgefertigte Version der Geschichte des Landes mit sich herum, die nach den jeweiligen Bedürfnissen modelliert ist. Es gibt eine Version für den eingefleischten Peronisten, eine andere für den nationalistischen Katholiken; eine für die Opfer der Massaker von 1976–83 und eine andere für die, welche vor dem alltäglichen Horror die Augen geschlossen hatten. In dem Augenblick, in dem ich dies niederschreibe, Mitte 2002, durchläuft das Land eine weitere seiner zyklischen Krisen, dieses Mal einen ökonomischen Kollaps beispiellosen Ausmaßes.
Der gegenwärtige Sturm hat mehr als die Hälfte der Bevölkerung unter die Armutsgrenze gedrückt, und dies in einem Land, das bis vor kurzem als relativ wohlhabende Mittelstandsgesellschaft galt. Auch hier spielte Schweigen eine Rolle. Unrechtmäßig erworbenes Vermögen in Milliardenhöhe war ins Ausland verschafft worden. Eine hoffnungslos korrupte politische Klasse sowie ihre dienstfertigen Bankiers hatten dabei die Hauptrolle gespielt, ohne dass auch nur eine einzige Person von Argentiniens bestechlichen Richtern wegen Korruption verurteilt worden wäre. Aber keine Form des Schweigens ist so betäubend wie jenes, das Perón, die katholische Kirche und die Nazis umgibt, denen geholfen wurde, sich der Gerechtigkeit zu entziehen. Wenn diese Mauer eingerissen würde, könnten sich die Argentinier – so dachte ich – ermutigt fühlen, auch den Rest des Gebäudes anzugehen.
Als ich 1953 in Washington, DC, geboren wurde, wo mein Vater an der argentinischen Botschaft arbeitete, schlug die Gattin des Vizepräsidenten Peróns vor, mich in Hommage an den Líder auf den Namen Juan Domingo zu taufen, weil ich an einem 17. Oktober zur Welt gekommen war, dem Tag des Volksaufstands, der Perón 1945 zur Präsidentschaft verholfen hatte. Mir blieb diese Schmach erspart, obwohl zu jener Zeit Vorschläge aus Peróns Präsidentenpalast, der Casa Rosada, ein nicht eben geringes Gewicht besaßen. Das Bewusstsein über diesen kleinen Zwischenfall zu Beginn meines Lebens versetzte mich in einen permanenten Alarmzustand während der befremdlichen Jahre, die folgen sollten.2
1955 wurde Perón von einer Gruppe rechtsgerichteter und auf fanatische Weise katholischer Generäle gestürzt, die Kabinettsposten an frühere Kollaborateure aus Himmlers Spionagenetzwerk verteilten. Diese Generäle wurden ihrerseits durch eine Serie repressiver Militärdiktaturen abgelöst, die – mit kurzen Unterbrechungen – Argentinien bis zur triumphalen Rückkehr Peróns 1973 mit ihren Stiefeln die Luft abschnürten. Nicht besser als Perón selbst, verboten sie auch nur die Erwähnung des Namens Peróns oder Evitas in der Presse. Noch schockierender war, dass die argentinischen Journalisten dieser Order Folge leisteten.
Ich wuchs in den USA auf, weit entfernt vom Zentrum der Ereignisse, die Gegenstand dieses Buches sind, und verbrachte einen Teil meiner Kindheit in einem alten Herrenhaus namens Downcrest, das meine Eltern am Ende einer von Bäumen gesäumten Straße in McLean, Virginia, gemietet hatten. Das im Stil einer Burg errichtete Haus mit nachgeahmten Zinnen blickt noch heute von hoch oben auf den Potomac-Fluss hinab. In den späten 1950er-Jahren war Senator Eugene McCarthy ein häufig und gern gesehener Gast, der zusammen mit seiner Frau und seinen Kindern zu den engsten Freunden der Familie zählte. Die McCarthys und meine Eltern hatten, obwohl sie von den entgegengesetzten Enden des Kontinents stammten, einige Lebensdaten gemeinsam: Beide Paare hatten 1945 geheiratet und beide hatten vier Kinder. Obwohl ich noch klein war, meine ich mich zu erinnern, dass ich den Gesprächen, die mein Vater, der Diplomat aus Südamerika, und McCarthy, der Kongressabgeordnete der Demokraten, auf der offenen Veranda von Downcrest hoch über dem Potomac führten, aufmerksam folgte. Manchmal finde ich Gefallen an dem Gedanken, trotz meines geringen Alters aus ihnen ein Spur Weisheit gesogen zu haben. Später trennten sich die Wege der beiden Familien. Mein Vater übernahm neue diplomatische Aufgaben, und McCarthy bewarb sich 1968 in einem fehlgeschlagenen, aber heroischen Anlauf um die Präsidentschaft der Vereinigten Staaten, in dessen Verlauf er eine Kampagne gegen den Vietnamkrieg entfesselte, die grundlegende militärische, politische und moralische Fragen bezüglich Amerikas Rolle in der Welt aufwarf.3
Im selben ereignisreichen Jahr 1968, siedelte ich – nach kurzen Zwischenaufenthalten in Argentinien und Mexiko – nach Dublin über, wo mein Vater der argentinischen Botschaft vorstand. Wenige Monate zuvor war Che Guevara in Bolivien ermordet worden. Jeden Morgen, wenn ich die Botschaft in einem Diplomatenwagen mit Chauffeur verließ, um am Unterricht im St. Conleth’s College teilzunehmen, stachen mir die Graffitis in die Augen, die in weißen Lettern von irischen Revolutionären auf den Bürgersteig gemalt worden waren: »Guevara lebt«. Nicht weniger hartnäckig schrubbte das Botschaftspersonal jeden Tag die provozierenden Buchstaben ab. Jedes Mal wenn ich an den frisch gepinselten Parolen vorbeifuhr, sank ich ein bisschen tiefer in das rote Lederpolster unseres alten Jaguars.
Das Augenfällige zu leugnen war seit dieser Episode eine Methode, der ich zutiefst misstraute. Während meiner Recherchen zu diesem Buch äußerten argentinische Diplomaten hinter vorgehaltener Hand, um das Land vom Nazi-Stigma zu befreien, sei es am besten, wenn ein für allemal »bewiesen« würde, dass es weder während des Krieges eine Kollaboration seitens Peróns noch danach eine organisierte Fluchthilfe für Nazis gegeben habe. Ich war damit nicht einverstanden. Es ist keine Schande, alte Nazi-Verbindungen einzugestehen. Schändlich ist, Beweise zu manipulieren. Wir sollten aufhören, zu übertünchen, was uns nicht gefällt.
Zwischen 1972 und 1975 pendelte ich zwischen Irland und Argentinien, ohne mich für einen festen Aufenthaltsort entscheiden zu können. Während meiner langsamen Annäherung an Argentinien, wo ich mich schließlich niederlassen sollte, durchstreifte ich immer wieder die Straßen von Buenos Aires, um mich mit einer Gesellschaft vertraut zu machen, die ich kaum kannte. Meine Übersiedlung fiel mit der Rückkehr Peróns nach 18 Jahren Exil in Spanien zusammen. Das Land versank in einer Spirale sinnloser Gewalt, angetrieben durch die bewaffnete Konfrontation zwischen den Terroristen der peronistischen Jugend, die von Peróns Rückkehr an die Macht profitieren wollten, und rechtsgerichteten Todesschwadronen, die dieser einsetzte, um die lästig gewordenen jugendlichen Anhänger abzuschütteln.
Während jener ausgedehnten Spaziergänge stieß ich auf ein verstörendes Zeichen, dem ich vielleicht mehr Beachtung hätte schenken sollen. Auf dem breiten Boulevard des 9. Juli, der Buenos Aires in zwei Hälften teilt – in den Augen mancher Argentinier die breiteste Prachtstraße der Welt –, steht ein riesiger weißer Obelisk, der das hervorstechendste Wahrzeichen der Stadt ist. Im Jahr 1974 verlor dieses Wahrzeichen auf befremdliche Weise seine Unschuld. Um den Obelisk herum war eine ringförmige Reklame angebracht worden, die sich gemütlich um den großen weißen Phallus drehte. Unablässig drehte sich das Band, das mit einer Orwellschen Botschaft in fetten, blauen Buchstaben auf strahlend weißem Grund beschriftet war: Ruhe ist gesund.4
Ich war fassungslos. Mit jeder Umdrehung wiederholte die Inschrift ihre Lehre und gewöhnte so die Argentinier an die Friedhofsruhe, die in den folgenden Jahren herrschen sollte. Überall sonst hätten sich die Leute lauthals mokiert, aber in Argentinien lachte niemand. Meine Versuche, die Inschrift mit Freunden zu diskutieren, gingen ins Leere. Die Botschaft des Rings, so lernte ich bald, war eine selffulfilling prophecy. Eine Mauer des Schweigens war errichtet worden. Selbst heute noch, ein Vierteljahrhundert später, ernte ich leere Blicke, wenn ich das Gespräch auf dieses Thema bringe.
Nach Peróns Tod und dem Sturz seiner Vizepräsidentin »Isabelita« 1976 errichtete eine neue Militärdiktatur im ganzen Land Todeslager im Nazistil. Die Generäle waren entschlossen, zu verteidigen, was sie als »christlichen und westlichen« Lebensstil der Nation ansahen. Ihre Instrumente waren Elektrofolter und Massenmord. Anstatt ihre Opfer zu vergasen, schlitzten die Generäle ihnen die Mägen auf und warfen sie bei lebendigem Leib aus Flugzeugen in den eisigen Südatlantik. So sanken sie schneller auf den Meeresgrund.
Unter der Militärdiktatur wurde die Ruhe erstickend und breitete sich allgegenwärtig aus. Nur der Buenos Aires Herald, eine kleine englischsprachige Zeitschrift, die von der überwiegend konservativen britischen Gemeinde Argentiniens gelesen wurde, wagte es, über das Blutbad zu berichten. Ich frequentierte die Büroräume im Hafen von Buenos Aires zunächst als Volontär und später als Redakteur der Inlandsnachrichten.
Täglich kamen die Mütter der Opfer vorbei, um über ihre Tragödien zu berichten. Männer in grünen Uniformen waren mitten in der Nacht in ihre Wohnungen eingedrungen und hatten ihre Kinder aus den Betten gerissen, um sie einer ungewissen Bestimmung zuzuführen. Sie wurden nie wieder gesehen. Die Entführer kamen bisweilen am folgenden Tag zurück, um Fernseher und Kühlschränke zu stehlen, und manchmal hängten sie gar die Türen aus und luden sie auf ihre Lastwagen.
Ich fragte die Mütter, warum sie ihre Geschichten nicht den großen spanischsprachigen Tageszeitungen erzählten. Warum machten sie sich die Mühe, eine kleine Zeitschrift zu behelligen, die in einer Fremdsprache erschien? »Sei nicht so naiv«, antworteten die Mütter fast lachend. »Wir waren bereits dort, und man hat uns noch nicht einmal zur Tür hinein gelassen.« So wie sie Peróns Namen aus ihrem Vokabular gestrichen hatten, so radierten Argentiniens Journalisten nun einen Teil einer ganzen Generation aus.5
Versuche, außerhalb der Redaktionsräume des Herald zur Sprache zu bringen, was ich von den Müttern gehört hatte, stießen auf eine Mauer des Schweigens, ähnlich wie meine früheren Versuche, über die kreisende Inschrift am Obelisk zu reden. Selbst bei Freunden aus meiner Generation, die auf den gemeinsam besuchten Partys zur Gitarre griffen und Blowin’ in the wind sangen, stieß ich auf leere Blicke.
Wenn es mir möglich gewesen wäre, das »Verschwindenlassen« zu vergessen, hätte das Leben kaum angenehmer sein können. Die Militärs erhielten gigantische internationale Kredite und kurbelten den Export an, für die oberen Gesellschaftsschichten boomte die Wirtschaft. Das Farbfernsehen kam endlich nach Argentinien, die Straßen waren plötzlich voller BMWs, die Flüge nach Europa und Miami quollen über vor Argentiniern, deren Taschen voller Dollars waren. Rod Stewart besuchte Buenos Aires während der Fußballweltmeisterschaft 1978. Dem Vernehmen nach soll er sich nach den Spielen den Fans angeschlossen haben, die im Keller des Experiment tanzen gingen, einer modischen Disco, wo auch ich einen Großteil meiner Freizeit außerhalb des Herald in einem Nebel von Gin Tonic verbrachte, während draußen das Töten seinen blutigen Höhepunkt erreichte.
Aber die Hölle drang selbst durch das ohrenbetäubende Hämmern der Disco-Musik, die aus den Lautsprechern des Experiment drang. Meine damalige Freundin teilte mir im Flüsterton mit, dass ihre Tante von den Militärs gekidnappt worden war. Ihr Geständnis war ein Vertrauensbeweis, denn ihre Eltern hatten sie davor gewarnt, mit irgendjemandem darüber zu sprechen. Ich beschwor sie, auf ihre Eltern einzuwirken, sich auf der Stelle an die internationale Presse zu wenden, da dies die einzige Hoffnung war, das Leben ihrer Tante zu retten, bevor die Militärs ihr schmutziges Geschäft zu Ende gebracht hatten. Die Familie blieb bei ihrer Politik des Schweigens, bis es zu spät war. Multiplizieren Sie das mit tausend ...
Noch heute graust es mich bei der Erinnerung an die Generäle mittleren Alters, die die Massentötungen befahlen, aber noch niederschmetternder war für mich der Abgrund, der selbst die aufgeklärteren Mitglieder meiner eigenen Generation vom Rest der Menschheit trennte. In der Zeit von 1976–83 versteifte sich ein Teil der Generäle mit Besessenheit auf die »jüdische Frage«. Insbesondere der mächtige Polizeichef von Buenos Aires, General Ramón Camps, setzte seinen Ehrgeiz darein, ein Verfahren gegen Argentiniens prominenteste Juden anzustrengen, um die Existenz einer angeblichen zionistischen Verschwörung gegen das »westliche und christliche« Argentinien zu beweisen. Schließlich entführte er Jacobo Timerman, den Herausgeber und Eigentümer der einflussreichen Tageszeitung La Opinión. Nachdem seine Zeitung beschlagnahmt und er selbst über Monate gefoltert worden war, gaben die »Tauben« unter den Militärs zuletzt dem internationalen Druck nach, entzogen Timerman die argentinische Staatsbürgerschaft und verwiesen ihn des Landes.6
Camps, der wütend war, weil man ihm seine Beute gestohlen hatte, berief eine Pressekonferenz im exklusiven Alvear Hotel ein, auf der er Tonbandaufnahmen von Timermans Vernehmung abspielen ließ.
»Geben Sie zu, ein Jude zu sein?«, hörte man Camps auf dem ersten Band wütend schreien.
»Nun ... ja«, antwortete Timerman erschreckt flüsternd.
»Dann sind Sie also Zionist!«, brüllte Camps.
»Nun ... ich weiß nicht, vielleicht«, antwortete Timerman.
Camps befahl, das Band zu stoppen, und strahlte die anwesenden Journalisten triumphierend an: »Haben Sie gehört, er gibt zu, Zionist zu sein.«
Der aberwitzige Auftritt des Generals in jenem Luxushotel vor der versammelten Schar der Auslandskorrespondenten war nicht halb so beängstigend wie die Haltung seines zivilen Assistenten, eines hochgebildeten jungen Mannes, der der »beste Freund« Bruce Chatwins in Argentinien war und von dem der britische Schriftsteller meinte, er besäße »eine Kultur und Sensibilität, die in Europa ausgestorben« seien. Der Assistent war zufälligerweise auch ein enger Freud von mir. Er gab mir Chatwins Adresse, als ich 1980 nach London reiste.7
Dieser junge Schreiber hatte Probleme, über die Runden zu kommen, und sein Vater hatte den Kontakt zu Camps vermittelt. Die Szene war gespenstisch: ein in allen anderen Dingen aufgeklärter Intellektueller (gemeinsam hatten wir uns in Werkausgaben von T.S. Eliots Lyrik vertieft), der den Wiedergabeknopf drückt, um das Verhör des bedeutendsten jüdischen Journalisten Argentiniens durch einen hasserfüllten, antisemitischen General abzuspielen.
Nach dem Ende der Pressekonferenz wartete ich auf meinen Freund, um ihn mit einem Wink zu einer Tasse Kaffee im Hotel einzuladen. Er strahlte über das ganze Gesicht, voller Zufriedenheit über die zahlreich anwesenden Korrespondenten und ohne sich im Geringsten über die makabre Bedeutung der eigenen Rolle im Klaren zu sein.
»Schmeiß diesen Job hin«, sagte ich ihm rundheraus.
»Was? Wie bitte?«
»Hör zu, eines Tages wird es hier ein Nürnberg geben, und dein Name wird im Zusammenhang mit diesem verrückten General genannt werden.«
»Aber nicht doch, er ist ein Freund meines Vaters. Meinst du wirklich? Ich kann das nicht glauben«, sagte er, während er den Kaffee mit einem Silberlöffel umrührte. Hier gab es kein Weiterkommen. Unsere Freundschaft ging ein paar Jahre später in die Brüche, als ich einmal versuchte, auf jene bizarre Pressekonferenz zurückzukommen. Die Mauer des Schweigens war auch nach all den Jahren noch intakt.
Den Argentiniern fehlt immer noch ein klares Verständnis jener allgemeinen moralischen Blindheit, die es der Diktatur der Jahre 1976–83 gestattete, ihre grausigen Vernichtungsmaßnahmen durchzuführen. Ebenso ist die argentinische Gesellschaft außerstande, zu begreifen, wie im Jahr 2002 die egalitärste Gesellschaft Lateinamerikas plötzlich in ein Chaos apokalyptischen Ausmaßes schlingern konnte, konfrontiert mit endemischer Korruption und dem Gespenst einer Hungersnot, die ein Land heimsuchte, das historisch als Brotkorb und beef capital der Welt gegolten hatte. Es mag noch Jahre dauern, bis solch ein Verständnis möglich ist. Bis dahin mag ein Schlüssel zur Erklärung, wie der vergangene Schrecken der Massenvernichtung und der gegenwärtige einer ungezügelten Korruption möglich wurden, in der Vorgeschichte der (immer noch geleugneten) Schließung der argentinischen Grenzen für die Juden zu Beginn des Holocausts und des warmen Empfangs, der kurz darauf den Nazis bereitet wurde, gefunden werden.
Uki Goñi, Buenos Aires, 2. Juli 2002
»Ich weiß, dass man in vielen Staaten das Judenproblem nicht versteht oder nicht verstehen will, aber wir kennen es zur Genüge.« Mit diesen Worten erläuterte NS-Außenminister Joachim von Ribbentrop einem geheimen Abgesandten aus Argentinien den Kern des Nazi-Glaubensbekenntnisses. Dieser nationalistisch eingestellte argentinische Agent hatte Mitte des Zweiten Weltkriegs und kurz vor dem militärischen Staatsstreich vom 4. Juni 1943, der eine achsenfreundliche Diktatur junger Obristen in Buenos Aires an die Macht bringen sollte, persönlichen Kontakt zu Führern des Dritten Reiches aufgenommen.
Er bot ihnen die Unterstützung seines Landes an und suchte um finanzielle Hilfe beim »Widerstand« gegen die USA nach. Wie sich herausstellen sollte, gewannen die Alliierten aber gerade die Oberhand über die einst unbesiegbar erscheinende Nazi-Kriegsmaschinerie. Damit ging auch der Traum der argentinischen Obristen, eine verdeckte Allianz mit dem Deutschen Reich zu schmieden, in die Brüche. Aber die Bande, die während jener Treffen in Berlin geknüpft worden waren, sollten die berüchtigtste Massenflucht der modernen Geschichte einleiten.8
Dem Flirt der argentinischen Führer mit dem mörderischen NS-Regime lag eine komplexe politische und religiöse Geisteshaltung zugrunde. Seit 1930 war das Land von Militärdiktatoren und durch Wahlbetrug an die Macht gekommenen Präsidenten regiert worden, unter denen eine vormals fortschrittliche und liberale Gesellschaft einen destruktiven Weg eingeschlagen hatte. Diese durch und durch korrupten Regime versuchten sich eine Legitimation zu verschaffen, indem sie eine angeblich althergebrachte hispanische Allianz des »Kreuzes und Schwertes« wiederaufleben ließen. Die Bande der »Rasse«, des Glaubens und der Sprache mit Spanien und der Diktatur Francos wurden herausgestrichen. Einige dieser Fanatiker hätten am liebsten den argentinischen Unabhängigkeitskrieg rückgängig gemacht und einen spanischen Regenten in einem wiederhergestellten Vizekönigtum am Rio de la Plata eingesetzt. Die nationalistischen Offiziere und kirchlichen Würdenträger des Landes träumten davon, Argentinien von einer säkularen Republik in eine hispanische »Katholische Nation« zu verwandeln, die ein Gegengewicht zu ihrem »materialistischen« nördlichen Nachbarn, den »angelsächsischen« Vereinigten Staaten, bilden sollte.9
In den 1940er-Jahren wurde die Außenpolitik durch diese Gruppe von »Mediävisten« bestimmt, die enge Beziehungen zum Vatikan unterhielten. Sie waren davon überzeugt, dass Argentinien, ein Land an der Südspitze Lateinamerikas, mit Spanien und dem Vatikan ein transatlantisches »Dreieck des Friedens« bildete, in dem die »spirituellen Werte der Zivilisation« bis zum Ende des Krieges in Europa konserviert werden könnten. Die »Werte«, die bewahrt werden sollten, hatten mit Demokratie wenig gemein. Diese Politiker sehnten sich vielmehr nach der Restauration einer Welt, in der die verhassten Konsequenzen der Französischen Revolution von den Seiten der Geschichte getilgt sein würden.10
Als der Zweite Weltkrieg begann, war Argentinien in ein pro-alliiertes und ein nazifreundliches Lager gespalten. Doch während die demokratisch gesinnten Bürger sich darauf beschränkten, während der Ausstrahlung der Kriegsnachrichten die Marseillaise zu singen, demonstrierten die Sympathisanten Deutschlands in der nationalistischen Bewegung ihre Macht, wobei sie auf die enthusiastische Unterstützung der katholischen Kirche zählen konnten. Ein schwacher ziviler Präsident, Ramón Castillo, wahrte eine Fassade strikter Neutralität, während seine tonangebenden zivilen und militärischen Berater unter Umgehung der offiziellen diplomatischen Kanäle den direkten Kontakt mit Berlin suchten.
Der Gesandte, der zu Privataudienzen mit Ribbentrop, Heinrich Himmler und anscheinend auch Hitler selbst nach Deutschland reiste, war Juan Carlos Goyeneche, ein katholischer Nationalist, der über ausgezeichnete Beziehungen verfügte. Sein Großvater war Präsident des Nachbarlandes Uruguay und sein Vater in den unmittelbaren Vorkriegsjahren Bürgermeister von Buenos Aires gewesen. Goyeneche selbst stand mit dem argentinischen Außenminister auf gutem Fuß und war in vertraulicher Mission für einen Oberst des Heeres unterwegs, der binnen kurzem die politische Bühne beherrschen sollte: Juan Domingo Perón. Goyeneche arbeitete eng mit dem Auslandsnachrichtendienst der SS, kurz SD-Ausland, zusammen. Dieses politische Spionagenetzwerk verfügte über Agenten in der ganzen Welt, und im Falle Argentiniens versuchte es nach den Worten eines hochrangigen deutschen Diplomaten, »die NS-Ideologie auf südamerikanischem Boden zu verankern, um die alliierten Kriegsanstrengungen zu untergraben«. Zu diesem Zweck hatte dieser Geheimdienst sein Hauptquartier auf dem amerikanischen Kontinent in Argentinien aufgeschlagen. Ein fester Stamm von Agenten war mit Berlin durch ein Netz geheimer Funkstationen, das so genannte »Bolívar-Netzwerk«, verbunden, welches das gesamte Territorium des Landes abdeckte.11
Goyeneche brach mit einem Diplomatenpass ausgestattet im April 1942 nach Europa auf. Offiziell folgte er als Gast einer staatlichen Kultureinrichtung General Francos, des Consejo Hispánico, einer Einladung nach Spanien, in Wirklichkeit war er jedoch in geheimer Mission für den argentinischen Außenminister Enrique Ruiz Guiñazú und dessen engen Berater Mario Amadeo unterwegs. Bis vor kurzem noch waren die beiden Diplomaten in der argentinischen Botschaft beim Vatikan tätig gewesen, in der Ruiz Guiñazú den Posten des Botschafters bekleidet hatte. Dort hatten sie enge Verbindungen zu Monsignore Giovanni Montini, dem späteren Papst Paul VI., sowie zu Papst Pius XII. geknüpft. Während ihres Aufenthalts in Rom hatten sie Perón getroffen, der in der faschistischen Armee Benito Mussolinis ein Training absolviert hatte und ebenfalls vom Papst empfangen worden war. Diese Vatikankontakte sollten für Goyeneches Geheimmission, die von der Fantasievorstellung des Außenministers von einem »Dreieck des Friedens« mit Argentinien als südlicher Spitze inspiriert war, von entscheidender Bedeutung sein. Goyeneche gab sich ähnlichen Illusionen hin und hoffte, dass sein Land eine Mittlerrolle spielen könnte, obwohl er in einem Brief an Ruiz Guiñazú vom 25. Januar 1942 die Befürchtung äußerte, nordamerikanischer Druck könne die »Chance, dass in naher Zukunft ein Weltfrieden in Buenos Aires unterzeichnet wird«, zunichte machen.12
Der Außenminister war dermaßen von der friedensstiftenden Rolle Argentiniens überzeugt, dass er seine Idee Ende 1941 dem Nazi-Botschafter in Buenos Aires, Baron Edmund von Thermann, unterbreitete. »Ganz Europa ist bereit für eine Neue Ordnung unter deutscher Führung«, erklärte er. Die Möglichkeit einer päpstlichen Vermittlung war in dem Vorschlag implizit enthalten. Obwohl Thermann den Eindruck hatte, dass Ruiz Guiñazú auf den Friedensnobelpreis spekulierte, leitete er die Initiative an Ribbentrop weiter. »Frankreich war gefallen, und der Moment schien günstig«, erzählte Thermann nach dem Krieg amerikanischen Vernehmungsoffizieren. Gleichwohl »lehnte Ribbentrop das Angebot rundheraus ab«.13
Aber die Wunschvorstellung wurde von Gesandten des Vatikans, Sympathisanten der Achse, italienischen Faschisten, Emissären Portugals und spanischen Falangisten weiter genährt, die wiederholt mit ähnlichen Vorschlägen an die Repräsentanten Argentiniens in Europa herantraten. Aus den unvollständig erhalten gebliebenen Aktenbeständen des argentinischen Außenministeriums ergibt sich ein klares Bild von der Rolle, die das Land für sich selbst erträumte. Im Juli 1941 hatte der päpstliche Nuntius in der Schweiz, der »in ständigem Kontakt zu faschistischen Führern stand«, den diplomatischen Vertreter Argentiniens in Bern darüber informiert, dass Hitler im Anschluss an den von ihm erwarteten militärischen Sieg über Russland unter Vermittlung der neutralen Nationen eine Friedensinitiative starten wolle und dass »der gute Wille Argentiniens im gegebenen Augenblick« von großem Nutzen sein würde.
Ungefähr zur gleichen Zeit erhielt Argentiniens Botschafter in Vichy-Frankreich Besuch von portugiesischen und spanischen Emissären, welche die argentinische Rückendeckung bei einer durch den Vatikan unterstützten deutschen Friedensofferte erreichen wollten. Kurz darauf berichtete der Botschafter in Madrid von ähnlich lautenden Gerüchten, die in den oberen Rängen der Regierung Francos zirkulierten. Im Dezember 1941 traten der spanische Außenminister Ramón Serrano Suñer und der portugiesische Diktator Antonio de Oliveira Salazar mit einem Plan zur Bildung eines ibero-amerikanischen Nationenblocks, der als Basis zum »Wiederaufbau der Welt« dienen sollte, an den diplomatischen Vertreter Argentiniens in Lissabon heran.
Im März 1942 schlug eine »bedeutende Persönlichkeit Italiens, die in Berlin zu Besuch war«, eine Vermittlerrolle der neutralen Länder Argentinien und Chile vor. Erhalten geblieben ist auch eine äußerst erhellende Note der türkischen Botschaft in Buenos Aires vom 19. November 1942, in welcher das argentinische Angebot, sich einem Vermittlungsversuch anzuschließen, begrüßt wird. Und im März 1943 übermittelte der rumänische Botschafter in Madrid der argentinischen Botschaft die Botschaft, Hitler strebe einen Separatfrieden mit Großbritannien an. Eine Zeitungsmeldung berichtete daraufhin, »der Vertreter eines Achsenlandes habe der argentinischen Regierung Verhandlungen angeboten, um die Möglichkeit eines Friedens auszuloten«.14
Als Goyeneche 1942 seinen Dienst als Kulturattaché in der argentinischen Botschaft in Madrid antrat, wurde er von den dortigen Diplomaten mit offenen Armen empfangen. Diese waren selbst in krumme Geschäfte mit den Nazis verwickelt. Sowohl der Botschafter, Adrían Escobar, als auch sein Konsul, Aquilino López, arbeiteten mit Himmlers Geheimdienst zusammen. Der Konsul überquerte die Grenze zu Frankreich, um über seine Gespräche mit spanischen Regierungsvertretern und alliierten Diplomaten Bericht zu erstatten, während der Botschafter, ein einflussreicher konservativer Politiker, der sich einem hochrangigen SS-Offizier zufolge als »großer Freund des Faschismus im Allgemeinen und des Reiches im Besonderen« zeigte, nach Biarritz und Paris reiste, um bei der SS um finanzielle Hilfe für seine mögliche Kandidatur bei den anstehenden argentinischen Präsidentschaftswahlen zu bitten.
Juan Domingo Perón war in der Botschaft bestens bekannt. Auf seiner Rückreise von Rom hatte er 1941 in Madrid einen Zwischenhalt eingelegt und er erfreute sich einer langjährigen Freundschaft mit zumindest zwei dort tätigen Diplomaten. Die Botschaft fungierte darüber hinaus als Drehscheibe für den Transport von Waffen, die Argentinien von den Nazis erworben hatte. Dies geschah in geheimem Einverständnis mit dem Franco-Regime, das den Überlandtransport von Feuerwaffen und Munition durch das besetzte Frankreich in spanische Häfen und ihre Verschiffung in spanischen Frachtern nach Argentinien deckte.15
Im Mai 1942 bestieg Goyeneche mit Escobar und López ein Auto in Richtung Frankreich, um sich mit dem Ministerpräsidenten der Vichy-Regierung, Pierre Laval, zu treffen. Im besetzten Paris traf Goyeneche auch mit dem dortigen Befehlshaber der Sipo und des SD Helmut Knochen zusammen, der für die Verfolgung der Juden, Résistance-Kämpfer und anderer »Reichsfeinde« verantwortlich war (und später als Kriegsverbrecher verurteilt wurde). Sie wurden von einem vierten Argentinier begleitet, dem früheren Botschafter in Berlin und damaligen diplomatischen Vertreter in Vichy-Frankreich, Ricardo Olivera, der fest von Deutschlands Endsieg überzeugt war. Die Argentinier erzählten Knochen, dass sie »für Deutschland« seien. Knochen bereitete eine Berlinreise für Escobar vor, doch die politischen Ambitionen des Botschafters wurden durch eine Versetzung an die argentinische Botschaft in Brasilien vereitelt. Schließlich war es Goyeneche, der die Einladung annahm. Aber zuvor hatten Escobar und er selbst noch ein bedeutsames Treffen in Rom, das die besondere Aufmerksamkeit des Chefs des Auslands-SD in Berlin, Walter Schellenberg, auf sich zog.16
Ende Juni 1942 erhielt Escobar aus Buenos Aires die Vollmacht, für zwei Tage nach Frankreich zu reisen – vermutlich um Instruktionen des SD entgegenzunehmen – und anschließend drei Tage in Rom zu verbringen. Außenminister Ruiz Guiñazú betonte in einem vorsichtig gehaltenen Telegramm, dass angesichts der »Position« Argentiniens auf dem amerikanischen Kontinent die Goyeneche und Escobar von Papst Pius XII. gewährte Audienz als »strikt privat« zu betrachten sei.17
Am 12. August bestiegen Goyeneche und Escobar ein Flugzeug in Richtung Italien. Was hatten diese beiden SD-Mitarbeiter mit einem Papst zu besprechen, der sich später wegen seiner ambivalenten Haltung zum Nationalsozialismus rechtfertigen musste?
Es scheint, dass Argentiniens mit Stolz gepflegte Vermittlerrolle Gegenstand des Gespräches war. »Escobar unterhielt gute Beziehungen zum Vatikan, und meine Absicht war vor allem, ihn in dieser Hinsicht zu benutzen, um einen Fühler in Richtung Kompromissfrieden auszustrecken«, erzählte Schellenberg nach dem Krieg seinen amerikanischen Vernehmungsoffizieren. »Escobar war ein stark nach Europa hin orientierter Mann und er hatte eine hohe Meinung von Deutschland. Ich möchte ihn von der militärischen Fraktion in Argentinien abheben – politisch gesehen war er nicht so einseitig. Er glaubte, dass Lateinamerika unter dem Einfluss des Vatikans zusammen mit Spanien und Portugal eine neue politische Einflusssphäre bilden könnte. Seine Idee war, die Einheit der römisch-katholischen Welt herzustellen. Das verstand er unter Hispanidad.«18
Trotz der Diskretion der Gesprächspartner bekam die Presse Wind von der Sache. Sie berichtete, dass Escobar eine lange Unterredung mit dem Papst gehabt habe und dieser »großes Interesse an einer eventuellen argentinischen Intervention bekundet habe«. Quellen in Argentinien verkündeten voller Genugtuung, dass »Argentiniens Rolle als Friedensmacht von anderen Regierungen anerkannt worden sei«.19
Nach der Visite Escobars wies Buenos Aires seinen Botschafter beim Vatikan an, Argentiniens Bereitschaft, im Sinne »einer Beendigung des Krieges« zu vermitteln, nochmals zu unterstreichen. Es folgten ausgedehnte Gespräche, an denen der Staatssekretär des Vatikans, Kardinal Luigi Maglione, beteiligt war. Sie kamen darin überein, dass Argentinien nach einem Friedensschluss »seine Einwanderungsgesetze großzügig auslegen müsse, um europäische Emigranten katholischen Glaubens zu ermutigen, das benötigte Land und Kapital in unserem Land zu suchen«. Am 10. Oktober wurde der argentinische Botschafter schließlich vom Papst empfangen, der die argentinische Sicht begrüßte, die darauf abzielte, »dass sich der Vatikan an der Friedenssuche beteiligte«. Pius XII. versprach, »zum gegebenen Zeitpunkt« um »die Mitarbeit der argentinischen Republik« nachzusuchen.20
Mochten die Worte des Papstes auch schmeichelhaft klingen, so wurde der abstruse Gedanke, Argentinien könne einen Frieden vermitteln, der einen Verbleib des Naziregimes an der Macht implizierte, selbst in Lateinamerika nicht ernst genommen. Die internationale Presse, einschließlich der brasilianischen, misstraute dem von Argentinien ins Spiel gebrachten »Dreieck des Friedens«, das nur für Hitler von Vorteil sein konnte. Und man kann sich leicht vorstellen, welche Heiterkeit diese Idee in den Regierungshallen von Washington oder London ausgelöst haben dürfte. Dort waren Goyeneches Verbindungen wohlbekannt, und man sah Ruiz Guiñazú als Sympathisant der Achse an. Ohnehin kam für die Alliierten nur die bedingungslose Kapitulation Hitlers in Frage.21
Nachdem er den Vatikan besucht hatte, reiste Goyeneche Ende Oktober nach Berlin weiter. Er ließ sich im Hotel Adlon nieder, in dem »besondere« Gäste von den Nazis kostenlos untergebracht wurden und in dem gegen Ende des Krieges Schellenbergs Agenten einen schwunghaften Handel mit Schmuck und Devisen betrieben. Seine erste Aktivität war ein Besuch der Blauen Division Francos an der Ostfront. Dabei wurde er von seinem alten Freund Gottfried Sandstede, dem früheren Presseattaché an der deutschen Botschaft in Buenos Aires, begleitet. Sandstede war ein Agent Schellenbergs, der Argentinien hatte verlassen müssen, als seine Spionagetätigkeit zu offensichtlich geworden war. Nach ihrer Rückkehr nach Berlin wurde Goyeneche von Otto Reinebeck, dem Lateinamerikaexperten des Auswärtigen Amtes, empfangen.22
»Er sprach bei mir vor und bat um ein Gespräch mit Ribbentrop und Adolf Hitler«, berichtete Reinebeck in einem Verhör nach dem Krieg. »Er erklärte, er habe bereits ähnliche Gespräche mit Franco in Spanien und Benito Mussolini in Italien geführt und beide Staatsoberhäupter hätten ihm ihre Unterstützung bei seinem Vorhaben, die argentinische Jugend nach faschistischen und nationalsozialistischen Grundsätzen zu erziehen, zugesagt.«23
Am 30. November 1942, wenige Tage nach dem Beginn der sowjetischen Gegenoffensive bei Stalingrad, wurde Goyeneche von Ribbentrop auf das Gut Westfalen eingeladen, wo er ihm ein mehrstündiges Gespräch gewährte. Sandstede fungierte dabei als Übersetzer. Goyeneche suchte um Nazi-Unterstützung für einen nationalistischen Kandidaten bei den für 1943 anstehenden Präsidentschaftswahlen in Argentinien nach oder – für den Fall des Scheiterns – um Unterstützung bei einem Putsch, der den »neutralen« Präsidenten Castillo im Amt belassen würde. In Argentinien stünden »die Jugend, das Militär und die Marine letzten Endes gegen die USA, denn es [sic!] bedrohe die nationale Substanz«, erzählte er Ribbentrop.24
Der Minister war über das Verständnis Argentiniens erfreut, da dies ein Kampf sei, »der das Schicksal der gesamten Zivilisation für viele Generationen bestimmen wird«, und erging sich anschließend in einer langen antisemitischen Schmährede. Stalin würde die »fundamentalen Ideen des Bolschewismus niemals aufgeben [...], denn die Hintermänner waren und bleiben [...] Juden«. Dasselbe gelte für den Präsidenten der Vereinigten Staaten, Roosevelt. »Wir wissen, dass das internationale Judentum, einerseits unter der kapitalistischen Maske, andererseits unter der bolschewistischen ganz stur sein Ziel verfolgt.«
Ribbentrop beantwortete dann drei konkrete Fragen, die Goyeneche bezüglich Argentiniens gestellt hatte: Erstens, würde Deutschland nach dem Krieg argentinische Produkte kaufen? »Wenn Argentinien seine jetzige Haltung beibehält, so würde es einen großen Vorteil davon haben [...] gegenüber den anderen Ländern, die eine solche Haltung nicht eingenommen haben«, antwortete er. »Alles, was Argentinien produziert, könnten wir aufnehmen, soviel es auch sei.« Würde Deutschland zweitens das argentinische Anrecht auf die Falklandinseln anerkennen? »England ist unser Feind. [...] Gibraltar ist wahrhaftig ein groteskes Beispiel in der Geschichte, denn es kann ja nun niemand bezweifeln, dass es auf der Iberischen Halbinsel liegt. Auch die Falklandinseln sind letzten Endes näher bei Argentinien als bei England. Wir haben daher die größte Sympathie gegenüber den gerechten Ansprüchen Argentiniens. Aber ich glaube, dass, wenn Argentinien nicht aufpasst, es passieren kann, dass die Vereinigten Staaten sich diese Inseln aneignen.«
Und stimmte Hitler drittens zu, dass Spanien die »natürliche Brücke« zwischen Argentinien und Europa darstellt? »Die Gestaltung ihrer [sic!] kulturellen und geistigen Beziehungen zu Europa ist in erster Linie Sache Argentiniens. Wir werden jedenfalls die bestehenden Bande zwischen Spanien und Argentinien stets fördern.«25
Goyeneche ließ die antisemitische Suada Ribbentrops ungerührt über sich ergehen. Solche Tiraden werden während seines Berlinaufenthalts nicht eben selten zu hören gewesen sein. Kaum vorstellbar, dass Himmler dieses Thema nicht angeschnitten hätte. Goyeneche jedenfalls war schon vor seiner Abreise aus Buenos Aires für seine rassistischen Ansichten bekannt, und nach dem Zeugnis von Personen, die ihn kannten, behielt er diese Geisteshaltung auch in seinem späteren Leben bei.26
Trotz der Aufmerksamkeit Ribbentrops, der dem Argentinier ungewöhnlich viel Zeit widmete, war Goyeneche nicht sonderlich beeindruckt. Er fand den Außenminister schlicht und einfach unausstehlich. »Als Individuum hinterlässt er einen schlechten Eindruck, er ist pedantisch und engstirnig«, schrieb Goyeneche an seinen engen Freund Amadeo in Buenos Aires. Dem SD-Chef in Madrid, Karl Arnold, vertraute Goyeneche an, Ribbentrop habe »einen schalen Nachgeschmack« bei ihm hinterlassen. Offensichtlich hatte Ribbentrop die Unterhaltung allein bestritten und »seinem Gast nicht erlaubt, mehr als ein halbes Dutzend Sätze zu sagen«. Die Wahrheit war, dass Goyeneches Herz bereits für Schellenbergs Geheimdienst schlug, der ihm bereits mehrere »Geschenke« hatte zukommen lassen, darunter eine Leica-Kamera – einschließlich der Genehmigung, sie in Berlin in Kriegszeiten zu benutzen!27
Der Argentinier hatte, seit er Sandstede, seinen ersten Kontaktmann zum Nazi-Geheimdienst, in Buenos Aires kennen gelernt hatte, einen weiten Weg hinter sich gebracht. Nun betrat er das Büro Walter Schellenbergs persönlich, des 33-jährigen SS-Brigadeführers mit einer Duellnarbe am Kinn, der dem Auslandsnachrichtendienst der SS vorstand, dem Amt VI im Reichssicherheitshauptamt. Amt IV war die gefürchtete Gestapo, und IV B 4 war Adolf Eichmanns Referat für »Judenangelegenheiten«. Auf seiner SS-Karteikarte als »rein nordisch« beschrieben, war Schellenberg eine ungewöhnlich einnehmende Persönlichkeit, die einen jungenhaften Charme ausstrahlte. Er genoss Himmlers volle Unterstützung, der sogar dessen geheime Initiativen für einen Separatfrieden mit den Westmächten tolerierte. Aufgrund seiner nachrichtendienstlichen Quellen erkannte er frühzeitig, dass Amerikas überlegene Waffenproduktion den Krieg entscheiden würde, eine Einschätzung, die sich die obersten Naziführer weigerten auch nur in Betracht zu ziehen. Folglich hielt er während des Krieges – entweder persönlich oder durch seine Agenten – den Kontakt zu den Westmächten aufrecht. Ein Mitarbeiter seines Vertrauens, Wilhelm Höttl, erinnerte sich Jahrzehnte später: »Schellenberg sagte oft, dass es eine internationale Bruderschaft der Geheimdienste gebe, seien sie nun nationalsozialistisch oder britisch oder amerikanisch, eine Schicht gleich gesinnter Personen, die sich der Geheimdiensttätigkeit verschrieben hätten und die sich wechselseitig respektieren müssten.«28
