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Ein Wikinger, eine Hure, ein Dixi-Klo Welch ein Schreck! Eigentlich wollte Wikinger Sven Svensson in einer Schwitzhütte seinen Met-Rausch auskurieren. Stattdessen findet er sich in einer stinkenden Großstadt mit fliegenden Dampfschiffen wieder – Jahrhunderte später! Überfordert von den fremden Eindrücken taumelt er der schamlosen Polly in die Arme. Die Hure ist fasziniert von dem gut bestückten Nordmann und nimmt ihn unter ihre Fittiche. Als Sven ihre Freundlichkeit mit Sex vergelten will, reift eine pikante Idee in ihrem Kopf. Anstatt ihm zu helfen, zurück in seine Zeit zu kommen, will sie ihn für ihre schlüpfrigen Zwecke einspannen. Doch Polly umgibt ein düsteres Geheimnis, von dem nicht einmal sie etwas weiß … Ein heiterer Zeitreise-Wikinger-Steampunk- Ærrotik-Roman mit fliegenden Toiletten, dampfendem Æther und verrückten Erfindern.
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Veröffentlichungsjahr: 2024
Titelei
Über die Autoren
Titel
Prolog
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
Epilog
Danksagung
Leseempfehlung1
Leseempfehlung2
Impressum
Sandra Florean/Laurence Horn
Odins Zahnrad
Die Autoren
Sandra Florean, bekannt durch mittlerweile 20 Veröffentlichungen, ist eine echte Kieler Sprotte, die den Weg von einer Sesselpuperin zur Autorin geschafft hat und die schon mit dem Deutschen Phantastik Preis für ihre Tätigkeit als Herausgeberin 2018 geehrt wurde. (Beste deutschsprachige Anthologie »The U-Files. Die Einhorn Akten«).
Sie arbeitet zudem als freie Lektorin und wird damit ihrer Profession als Spürnase gerecht.
Mehr über ihr Wirken findet ihr unter: www.sandraflorean-autorin-blogspot.de
Laurence Horn hat keinen eigenen Preis bekommen, ist gelernter Marmeladendeckeldreher aus Bad Schwartau und kann diverse Marmeladen am Geschmack erkennen.
Er hat bisher 14 Werke veröffentlicht (darunter die Rodinia-Romane, die nun im Drachenmond Verlag neu aufgelegt werden, www.drachenmond.de).
Näheres zu Laurence Horn findet ihr unter: www.autor-laurence-horn.de
Sandra Florean/Laurence Horn
Ein Zeitreise-Wikinger-Steampunk-Ærrotik-Roman
Prolog
Baustelle an der A1, Hamburg-Moorfleet 2015
»Dixi? … Dixi, wo bist du?«
Ajids Blick irrte hektisch über den Boden, doch da war nichts. Er konnte keinerlei Spuren von einem Fahrzeug entdecken, mit dem man seine Dixi fortgeschafft hatte. Er schaute gen Himmel. Konnte es sein, dass sich einer der Kranführer einen Scherz erlaubt hatte? Dort oben baumelte aber nichts. Erneut glitt sein Blick zu der Stelle, an der vor kurzem noch seine Erfindung gestanden hatte.
Sein Lebenswerk. Sie war fort. Gestohlen!
Was sollte nun aus seiner Familie werden? Vater, Mutter, Opa, Oma, Tanten und Onkel, seiner Schwester mit ihren vier Kindern, seiner heiligen Kuh, ganz zu schweigen von seiner Frau, die er seit Monaten nicht gesehen hatte? Sie waren in Indien geblieben, während er in Europa Arbeit gefunden hatte und versuchte, Geld für deren Überfahrt zu bekommen. Mit seiner Erfindung hätte er genug Geld zusammen, um die ganze Familie herzuholen. Obwohl Ajid befürchtete, dass er keine Kuh in einer Mietwohnung halten durfte.
Die Stimme seines Vorarbeiters ließ ihn zusammenzucken. »Ajid! Was los? Was stehst du hier rum?«
»Meine … meine Dixi ist weg«, stammelte er, während der breitschultrige Mann neben ihn trat.
»Wat willst du? Ach, dat gelbe Klo? Keine Ahnung. War vielleicht voll. Wir lassen ein Neues kommen.«
»Kein Klo. Kein Klo!« Ajid zappelte wie ein Fisch auf dem Trockenen. »Dixi ist eine mobile Toilettenkabine mit Biogas-Selbstreinigungs-Anlage. Sie ist extra gelb, damit sie nicht abgeholt wird.«
Der Vorarbeiter kratzte sich den Vollbart und klopfte ihm mit seiner anderen Pranke auf die Schulter. »Mensch, immer noch die verrückten Dinger im Kopp. Du sollst arbeiten! Ich würde dich nur ungern verlieren. Bist’n Guter.«
Ajid stampfte mit dem Fuß auf. »Chandala!«
»Ich versteh kein Wort.« Das bärtige Gesicht des massigen Mannes verdüsterte sich. »Du sollst doch kein Kauderwelsch reden. Bring Ubaru endlich den Zement. Der Schwatte wartet bereits auf dich.« Er stutzte und deutete auf den unförmigen Gegenstand in Ajids zitternden Händen. »Bist du unter die Nordmänner gegangen? Sieht ja aus wie ein Thorshammer mit Zahnrädern dran.« Er stieß ein hustendes Lachen aus. »Kleiner Steampunker, wa? Mach ma Dampf. Jetzt aber an die Arbeit.« Damit drehte er sich um und stapfte davon.
Ajid blickte ihm kurz hinterher. Dann eilte er um das Loch herum. Die Ketten, mit denen er Dixi, seine Erfindung, gesichert hatte, lagen unversehrt auf dem Boden. Die Schlösser waren intakt. Wie war das möglich? Wer hatte seine Erfindung gestohlen?
»AJID!«
»Komme … ich komme schon.«
Kapitel 1
Norwegen, Sognefjord, Fylke Sogn og Fjordane im Jahre 934
Sven Svensson trat aus dem Stall und schloss seine Hose. Es gab nichts Besseres als ein wenig körperliche Ertüchtigung und Vergnügen am Abend. Er überquerte den Hof, betrachtete versonnen eine Schnitzerei in Form eines … tja, was war es eigentlich? Ein Abbild des Gottes Thor oder war es doch Tyr?
Sven lachte auf. Es war keines seiner Werke, sondern der Brennholzhaufen. Er griff sich einige Holzscheite und stapfte zurück ins Haus. Sein Gast wartete sicherlich bereits.
Nachdem er den dunklen und fensterlosen Raum betreten hatte, mussten sich seine Augen erst an das dämmrige Licht des Herdfeuers in der Mitte der Hütte gewöhnen.
Auf einer Bank, eins der wenigen Einrichtungsgegenstände, saß ein kleiner, schmächtiger Mann mit einem Turban von der Größe eines slawischen Grubenhauses. Ein schmaler Tisch, Svens Meisterstück, stand vor seinem Gast, der gerade versuchte, etwas unter eins der Tischbeine zu schieben, um das Wackeln zu unterbinden. Als er Sven bemerkte, zuckte er zusammen.
Sven ließ das Holz von seinem Arm auf das Feuer prasseln, dass die Funken zur Decke stoben. Er setzte sich zu seinem Gast und richtete das Wort an diesen. »Lest! Lest es. Ich gebe es ungern zu, aber die Deutung eurer seltsamen Zeichensprache liegt mir nicht. Also: Lest vor!«
Der kleine Araber strich das soeben beschriebene Pergament glatt und begann, mit vom Alkohol schwerer Zunge, zu lesen. »Wir schreiben das Jahr 934. Ich, Ahmad ibnFadlānibn al-AbbāsibnRāschidibnHammād …«
Sven Svensson löste, prustend vor Lachen, seinen Blick von dem Schriftstück. »Sag mal, kann es sein, dass du zu viele Namen trägst?« Er rang nach Luft.
»Ihr müsst mich schon ausreden lassen …«, hob Ahmad an, doch Svens dröhnendes Gelächter übertönte ihn.
»Aber wer soll sich das denn merken? Außerdem sollst du über mich schreiben. Gertrüth, was meinst du?«
Ein dralles Weib mit beachtlicher Oberweite trat aus dem Dunkel einer Nische. Ihr blondes Haar leuchtete im Feuer, als sie an den Tisch kam. Da Sven saß, konnte sein Weib ihm in die Augen blicken. Sie fuhr mit einer Hand über seine nackte, muskulöse Brust, während ihre zweite Hand das Pergament ergriff. Im Gegensatz zu ihm konnte Gertrüth lesen. Er hatte gut daran getan, die Tochter des Thingsprechers zum Weibe zu nehmen, kam ihm zum wiederholten Male in den Sinn.
Mit sanfter Stimme überflog Gertrüth das Geschriebene. »Ahmad reicht«, sagte sie. »Ahmad traf Sven Svensson, ein Wikinger, eines Herrschers würdig. Hochgewachsen, bärenstark, die Muskeln gestählt, blond und blauäugig.« Hier begann das Weib, zu kichern. »Dein Gemächt wird ja gar nicht erwähnt.«
»Hm«, brummte Sven. Da hatte Gertrüth recht. Eigentlich sollte auch die Nachwelt davon erfahren. Andererseits konnte er ja nicht kundtun, dass er sein bestes Stück Midgardschlange nannte. In Zeiten, da die Kuttenträger von dem einen – einzigen – Gott predigten, könnte das falsch verstanden werden, zumal er noch den alten Göttern wie Thor und Odin frönte.
Svens Gedanken wurden durch Gertrüths helles Gelächter unterbrochen. »Was ist denn das für ein Unsinn? Meister der Schnitzkunst? Sein Ruhm reicht bis nach Gotland? Das ist nicht euer Ernst, oder? Wie viele Thronstürzer habt ihr schon getrunken?«
Svens Kopf fuhr herum. »Nur einen. Der da trinkt doch weder vergorene Trauben noch vergorene Gerste.«
»Aber Honig«, gab Ahmad leicht lallend von sich. »Honig darf ich.«
Gertrüth rollte mit den Augen. »Und wieviel Met habt ihr getrunken?«
»Zu wenig. Bring uns noch ein Horn voll.«
Ahmad hob die Hand. »Ja. Met her.«
»Damit ihr noch mehr solchen Unfug verzapft?«
»Wieso?« Sven riss Gertrüth das Pergament aus den Händen. »Es ist eine Ode. Eine Ode an mich. Das habe ich mir verdient.«
Gertrüth ergriff das Trinkhorn, schritt zu einem Fass auf einem mit Seilen an der Decke befestigten Regal und ließ die goldgelbe Flüssigkeit in das Gefäß plätschern. »Ich sage ja nichts gegen deinen Körperbau. Aber das mit dem Schnitzen …« Sie schüttelte den Kopf. »Sein Ruhm reicht bis nach Gotland. Ha! Dass ich nicht lache.«
»Wieso?«, fragte Sven erneut. Zorn wallte in ihm auf.
Ehe Gertrüth zurück an den Tisch trat, nahm sie einen kräftigen Zug aus dem Horn. Dann wischte sie sich mit dem Handrücken über den Mund. »Weil du nicht schnitzen kannst«, platzte aus ihr heraus.
Sven zuckte wie unter einem Gertenhieb zusammen. »Was soll das denn heißen?«
Der Araber versuchte unterdessen, an das Trinkhorn zu gelangen, doch Sven krallte sich daran fest. Wie zur Bestätigung von Gertrüths Worten fing augenblicklich sein Finger genau dort an zu pochen, wo er sich noch heute Mittag einen tiefen Schnitt mit dem Schnitzmesser zugefügt hatte. Bereits der vierte diese Woche. Und es war erst Wodanstag, der dritte Tag seit Wochenbeginn. Mit der anderen Hand umfasste er den selbst geschnitzten Thorshammer an seinem Hals, den er extra wegen des Arabers umgelegt hatte. Fast liebevoll glitten seine Finger über die zackige Oberfläche.
»Bestes Beispiel«, sagte Gertrüth und wies darauf. »Sieh dir das unförmige Ding an. Ein Thorshammer soll das sein? Das sieht ja eher aus wie ein Rad. Ein Rad mit Zähnen. Für Thor ist es eine Beleidigung. Du wirst schon sehen, was du davon hast. Vielleicht kannst du Odin ja damit erheitern. Odins Rad mit Zähnen dran.« Sie begann, schrill zu lachen. »Odins Zahnrad!«
»Fordere mich nicht heraus«, knurrte Sven. Innerlich schwante ihm, dass sein Weib recht hatte. Er nahm kein einziges Silberstück durch seine Schnitzkunst ein. Weder durch Göttersymbole noch durch Reparaturen von Truhen, Kisten oder Schemeln. Wäre da nicht seine mächtige Midgardschlange in der Hose, so hätte sich Gertrüth bestimmt schon einem anderen aus dem Kaff hier an den Hals geworfen. Sven seufzte. Es wollte ihm einfach kein wirklich gutes Werkstück gelingen. Und doch würde er weiterschnitzen. Jetzt erst recht. Er würde Gertrüth beweisen, dass er es konnte!
Sein Weib lachte noch immer, doch ihre Hände wanderten bereits besänftigend über Svens behaarte Brust in Richtung der groben Wollhose. Sie beugte sich wie zufällig so weit vor, dass Sven in den Ausschnitt ihres Kleides blicken konnte. Für einen Moment war er von ihren prallen Brüsten abgelenkt.
Gertrüth war eine kräftige Frau mit breiten, gebärfreudigen Hüften, aber ihre Brüste waren weich wie Daunen und so groß, dass er kaum eine mit einer Hand umschließen konnte. Ohne sich um ihren Gast zu kümmern, der dem Trinkhorn sehnsüchtige, nicht mehr ganz gerade Blicke zuwarf, schob Gertrüth ihre Hand unter den Hosensaum und umfasste seine Midgardschlange, die sofort mit einem freudigen Zucken darauf reagierte. Sven stöhnte und öffnete leicht die Beine. Gertrüth verstand diese ungewollte Aufforderung sofort, beugte sich noch etwas weiter vor und griff nach seinen Hoden. Sie packte fest zu und drückte, bis ihn ein lustvoller Schmerz durchzuckte. Ein weiteres Stöhnen entglitt ihm, ehe er es verhindern konnte. Gertrüth kicherte.
»Genug, Weib! Wir haben einen Gast.« Sven schlug mit der Faust auf den Tisch und verschüttete einen beachtlichen Schluck des Mets. Er leerte das Trinkhorn in einem Zug, ganz zum Missfallen des kleinen Arabers, und drückte es seinem kichernden Weib in die Hände.
»Ich muss pissen«, murmelte er. Schwankend richtete er sich auf. Im Vorbeigehen griff er instinktiv seine lederne Tasche mit dem Schnitzwerkzeug, hängte sie sich um, taumelte auf die Tür zu und trat ins Freie.
»Fall nicht wieder in den Fjord«, rief Gertrüth ihm hinterher. »Ich brauch dich noch.«
Als die frische, kühle Luft in seine Lungen drang, schüttelte sich Sven unwillkürlich. Dennoch atmete er tief durch, streckte seinen Nacken und betrachtete kurz die Sterne. Was für eine herrliche Nacht. Geräuschvoll stieß er die Luft aus und lief ein kleines Stück. Sein Blick glitt über den Fjord. Nahe der winzigen Siedlung lagen der schmale Bootsanleger und das Schiff, mit dem der Araber gestern angekommen war.
Ein Schrecken durchzuckte ihn. Stand dort ein Zentaur, nur wenige Schritte vom Bootsanleger entfernt?
Er blinzelte.
Die Hitzewelle in seinem Körper verebbte.
»Puh … doch nur fickende Pferde«, murmelte er, taumelte an einen Strauch und erleichterte sich.
Erneut blickte er zum Hafen. Wieso konnte er das Schiff von dieser Stelle aus nicht sehen? Ein Gebäude versperrte ihm die Sicht, doch es gab hier keine Bauwerke außer seiner eigenen Hütte und dem Stall. Das Plätschern verklang, welches ihm Erleichterung verschaffte. Sven verstaute seine Midgardschlange in der Wollhose, zog die Kordel zu und beugte sich vor. Angestrengt starrte er in die Finsternis vor sich. Für ein Gebäude war das Ding viel zu klein und doch war es mannshoch. Sven runzelte die Stirn. Er schlich los und erreichte die winzige Hütte, denn als solche konnte er diesen rechteckigen Kasten trotz seiner geringen Größe bezeichnen. Vielleicht war das ein Vorratsschuppen? Aber wer sollte ihn so rasch gebaut haben?
Sven umrundete das Ding. Was sollte in so einem kleinen Häuschen gelagert werden? Oder handelte es sich um ein neuartiges Pökelfass, welches der Araber als Geschenk aus dem Orient mitgebracht hatte? Aus Byzanz hörte man die seltsamsten Gerüchte von zwei Fuß hohen Eisenkästen, die ein Herdfeuer in sich beherbergten, bis hin zu filigranen Glasarbeiten. Warum also nicht auch ein rechteckiges Fass?
Ja, das musste es sein.
Sven wollte sich gerade abwenden, als ihm die glitzernde Oberfläche auffiel. Sie wirkte nicht hölzern. Als er sie berührte, zuckte er zurück. Sie war kalt und glatt, aber rauer als Glas. Das Ding hörte sich hohl an, als er dagegen klopfte. Er erschrak und umrundete den Kasten ein zweites Mal. Wenn er doch nur eine Lampe hätte …
Wieder fasste er das Material an. Da waren eine Vertiefung und eine Tür. Das Pökelfass fiel somit aus. Vielleicht ein Räucherofen? Oder eine Schwitzhütte? Sven grinste. Jetzt war seine Neugierde geweckt. Er musste das Ding von innen sehen.
Ungelenk versuchte er, die Tür zu öffnen. Ohne Erfolg. Diese Einkerbung war seltsam. Klein und zackig. Fast wie ein Mund. Plötzlich erkannte Sven, um was es sich handelte. Es besaß die Form eines Thorshammers mit Zacken. Wie hypnotisiert fasste sich Sven an den Hals, dorthin, wo sein Schnitzwerk hing. Er zog das hölzerne Schmuckstück über den Kopf und setzte es vorsichtig auf die Vertiefung.
Es passte! Mit einem Klacken drehte Sven den Thorshammer herum und zog die Tür auf.
Ein fruchtiger Geruch stieg ihm in die Nase. Im matten Schein des Mondes machte er eine Sitzbank aus.
Gaaanz sicher eine Schwitzhütte, schoss es ihm in den Sinn. Sven zog seinen Anhänger aus der Öffnung, hängte ihn sich um und betrat den winzigen Raum. Zögernd nahm er auf einer runden Sitzfläche Platz. Wo war der Ofen zum Anheizen?
An der linken Seite entdeckte er in Brusthöhe einen kleinen Kasten mit einer Rolle Papier darunter. Sie war weich, unendlich weich im Gegensatz zu dem Schöpfpapier oder den Pergamentrollen, die er kannte. Aber wieso befand sich hier eine Schriftrolle von derart feinem Papier? Sven rollte ein Stück ab. Ein Summen ertönte und der Innenraum begann, in einem fahlen grünlichen Licht zu leuchten. Mit einem Schrei fuhr er auf und sprang gegen die Tür. Doch anstatt sie aufzustoßen, drückte er gegen einen Vorsprung.
Mit einem dumpfen Geräusch verriegelte sich die Tür.
Er saß in der Falle!
Ein leichtes Rütteln ließ Übelkeit in ihm aufsteigen und Schwindel erfasste seinen Körper. Was taten die Götter ihm an? War es das Werk der Christen, die sein Land seit einiger Zeit heimsuchten? Oder hatte dieser Araber seine Hände im Spiel, um ihn zu fangen und als Sklaven in seine Heimat zu bringen? Bei Odin! Er war Sven Svensson und beileibe kein Angsthase. Doch dieses Hexenwerk überstieg seine Kräfte.
Mit den Fäusten hämmerte er gegen die Tür, bis ihn der Schwindel in die Knie zwang. Besinnungslos sank er zu Boden.
Kapitel 2
Whitechapel, London, England, im Jahre 1881
Polly strich das Mieder glatt und betrat den Pub. Der Geruch nach Alkohol, Tabak und schwitzenden Männern schlug ihr entgegen. Genussvoll sog sie ihn ein. Freiheit. Sie lächelte und arbeitete sich zum Tresen vor. Es war ein strenger Winter und sogar die hart gesottenen Bewohner von Whitechapel, Londons verruchtestem Viertel, rückten näher zusammen. Leere Mägen und steif gefrorene Finger trieben die Menschen in das schlichte, aber warme Etablissement. Außerdem war dem Pubbesitzer sicherlich nicht damit gedient, wenn seine Kundschaft vor seiner Tür erfror und tot und steif herumlag. Was machte das für einen Eindruck?
Polly musste sich mit Gewalt durch die Trunkenbolde drängeln, die ihr daraufhin unflätige Worte hinterherriefen. Einer fasste ihr sogar an den Po. Sie quietschte und holte bereits zum Schlag aus. Im letzten Moment hielt sie inne und warf dem Bärtigen mit den vom Ætherbier geröteten Wangen einen tiefen Blick zu. War sie nicht genau deshalb aus dem Konvent ausgebrochen und hatte ihre züchtige Nonnentracht gegen dieses Dirnenkostüm getauscht?
Der Mann grinste zurück und entblößte dabei eine Reihe gelbfleckiger Zähne. »Mach ma Platz für die Dame«, rief er und zerrte einen anderen Gast beiseite.
Polly bedankte sich artig und trat an den klebrigen Tresen heran. Sie beugte sich weiter als nötig darüber, um ihre Bestellung aufzugeben, und zog das Schultertuch etwas herunter. Warum mit ihren Reizen geizen? Bisher hatte es sie weit gebracht, wenn sie tief blicken ließ.
»Was darf’s sein?«, fragte der Barmann und starrte ihr unverhohlen auf die weißen Brüste.
Polly genoss diesen gierigen Blick. Endlich war sie nicht mehr den strengen Regeln der Keuschheit unterworfen, sondern konnte zeigen, was sie hatte.
»Ein Ætherbier, bitte. Mordskälte da draußen, nicht wahr, Sir?« Sie zwinkerte ihm zu, was ihm jedoch entging, weil sein Blick noch immer weit unterhalb ihres Gesichts verweilte.
»Du solltest dir besser etwas überziehen, Mädchen«, sagte er, räusperte sich und nahm ein fast sauberes Glas zur Hand. Er zog den Zapfhahn zu sich heran und hielt es darunter.
Ein Zischen und Rumpeln erklang und die Kupferrohre spuckten in Schüben blaues Ætherbier aus.
Polly hatte erfahren, dass sich der Pubbesitzer Harold seine eigene Brauerei im Keller des Hauses errichtet hatte. Das Selbstgebraute schmeckte im Gegensatz zum handelsüblichen Ætherbier zwar metallisch mit einer undefinierbaren Unternote, aber dafür war es billig und stark genug, um einen Ochsen umzuhauen.
Nach einem letzten Zischen stellte er ihr das Glas mit der dampfenden Flüssigkeit hin. Bläulicher Nebel umwaberte es verheißungsvoll.
Polly griff zwischen ihre Brüste nach einer Münze. Sie hatte bei den anderen Dirnen beobachtet, wie sie ihr Bargeld dort versteckten. Ihres musste jedoch bereits den Weg nach unten angetreten haben. Unauffällig hüpfte sie ein paar Mal auf und ab. Es tat sich nichts. Ihr Mieder war viel zu fest geschnürt.
»Ich komm irgendwie nicht ran«, sagte sie und warf dem Barmann einen verzweifelten Blick zu.
Er starrte zurück.
Polly überlegte. Konnte sie es wagen? Ehe sie der Mut verließ, stieg sie auf die Fußstange und lehnte sich ganz auf den Tresen. »Vielleicht könnten Sie mal? Ich weiß, dass sie irgendwo da drinnen ist.«
Der Barmann wischte sich die Hände an der schmuddeligen Schürze ab und schob seine vom Æther blau verfärbten Finger in ihren Ausschnitt. Sie waren kalt und rau, dennoch durchlief sie ein Schauder. Wie oft hatte sie davon geträumt, von einem Mann genau dort berührt zu werden? An ihrem ersten Allerheiligsten - auf das zweite mochte sie gar nicht hoffen. Sie streckte die Brüste noch weiter heraus.
»Tiefer«, hauchte sie und verdrehte genüsslich die Augen. »Sie muss da irgendwo sein.«
Seine Finger wühlten sich an ihrem weichen Fleisch vorbei. Polly stöhnte leise. Wie gut sich das anfühlte! Wie konnten sich die Nonnen so etwas nur verbieten? Als die männlich rauen Finger auf eine von der Kälte noch immer gehärtete Brustwarze stießen, zog der Barmann seine Hand ruckartig heraus.
»Du kannst es später bezahlen. Verschwinde!« Er wischte sich mit zitternder Hand den Schweiß von der Stirn und eilte an das andere Ende des Tresens.
Polly spürte dem schönen Gefühl noch eine Weile nach, bis jemand nach ihrem Bier greifen wollte. Blitzschnell packte sie die Hand und drehte sich zu dem Säufer um. »Fass es an und du bist tot!«
Der Kerl schrak zurück, sogar Polly kam ihre Stimme unerwartet tief und gefährlich, ja, fast schon mordlustig vor.
Sie rückte das Schultertuch zurecht und nahm das Glas. Schon der erste Schluck verätzte ihr die Kehle. Was für ein scheußliches Gesöff! Heiß breitete es sich in ihrem leeren Magen aus und beinahe sofort überkam sie eine willkommene Leichtigkeit, die alle Gedanken hinwegfegte. Sie kicherte. Wenn die Mutter Oberin wüsste! Sie sah sich um und entdeckte fast überall die gleichen verzückten Gesichter. Es war ein Traum! Ihr Traum von Freiheit.
Einige Huren - dass sie dieses Wort nun endlich sagen durfte, ohne Angst haben zu müssen, geschlagen zu werden! - Hure, Hure, Hure! - waren offenbar in Verkaufsgespräche vertieft. Sie rieben ihre kaum verhüllten Reize an den Männern, wiegten die Hüften hin und her und lächelten auf diese besondere Weise.
Polly sah es sich ganz genau an, bis sie meinte, es begriffen zu haben und nachmachen zu können.
An einem der hinteren Tische entdeckte sie eine Gruppe Luftmatrosen. Männer in Uniformen! Konnte es noch schöner werden?
Fast hätte sie vor Verzückung laut aufgeschrien.
Einer schlief bereits mit dem Kopf auf den Armen seinen Rausch aus. Die anderen sprachen dem blauen Bier zu und sahen sich dabei unter schweren Lidern wortlos an. Polly witterte ihre Chance, rückte noch einmal ihr Mieder zurecht und biss sich kräftig auf die Lippen, damit sie schön rot wurden. Matrosen waren für gewöhnlich wochen- oder sogar monatelang mit ihrem Schiff unterwegs. Es musste sie also nach weiblicher Gesellschaft dürsten. Luftmatrosen waren zudem echte Männer, die Tag für Tag ihr Leben aufs Spiel setzten. Polly hatte schon öfter heimlich in den Tagesblättern gelesen, dass Luftschiffe immer wieder in Flammen aufgingen oder abstürzten. So ganz war diese neue Technologie wohl nicht ausgereift. Was für mutige Helden sich trauten, auf so einem Gefährt anzuheuern!
Geschmeidig schob sich Polly durch die Pubbesucher. Eine andere Hure hatte die Gelegenheit ebenfalls entdeckt und war noch vor ihr am Ziel. Dreist setzte sich die Rothaarige auf den Schoß des größten Kerls und flüsterte ihm etwas ins Ohr. Er lachte. Sie nahm ihm den Bierkrug aus der Hand und führte ihn an seine Lippen. Natürlich ging ein Großteil daneben und schamlos leckte sie ihm das Vergossene vom bärtigen Kinn. Die meisten Männer standen auf Rothaarige, hatte Polly die anderen schon flüstern hören. Warum, war ihr schleierhaft. Wütend presste sie die Lippen zusammen. Nun war sie so weit gekommen und sollte sich ausgerechnet von einer Rothaarigen den Spaß verderben lassen?
Ganz gewiss nicht! Entschlossen schob sie sich an den Tisch heran und setzte eine besorgte Miene auf.
»Da bist du ja endlich«, rief sie in gespielter Verzweiflung. »Ich habe schon überall nach dir gesucht. Du hast deine Medizin gegen die Syphilis noch gar nicht genommen.«
Die Augen der Hure wurden so groß wie Untertassen.
Der Luftmatrose ließ schlagartig von ihr ab. »Was sagt sie da?«
»Nichts«, erwiderte die Hure und warf ihre roten Haare mit einem ungelenken Schütteln des Kopfes nach hinten. »Sie ist verrückt. Ich bin gesund. Vollkommen gesund. Sieh nach!«
Der Matrose runzelte die buschigen Brauen und griff nach ihren Röcken.
»Können wir das nicht nach draußen verlegen?
