Gefährliche Sehnsucht - Sandra Florean - E-Book

Gefährliche Sehnsucht E-Book

Sandra Florean

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Beschreibung

Nachdem sich Louisa und Dorian mit ihren Mitstreitern Eric, Jayden und Michael zu einem Clan zusammengeschlossen haben, leben sie fernab ihrer Heimat unerkannt unter den Sterblichen. Unerklärliche Todesfälle erregen die Aufmerksamkeit der Polizei. Bei den Opfern handelt es sich um bis zur Unkenntlichkeit verbrannte Vampire, und die Fitzgeralds geraten ins Visier von Vampirjägern. Ausgerechnet der eiskalte Jayden verliebt sich Hals über Kopf in eine von ihnen und bringt damit die ganze Gemeinschaft in Gefahr ... Lesermeinungen „Gefährliche, blutdurstige, aber stets ehrenhafte Vampire, Spannung vom Feinsten, heiße Szenen und prickelnde Erotik in einer perfekten Mischung - das sind die Nachtahne!“ „Gefährliche Sehnsucht - Nachtahn 3 von Sandra Florean toppt alles! Hiermit mache ich es amtlich: Sandra Florean IST die deutsche Antwort auf J.R.Ward!“ (Lesemonsterchens Buchstabenzauber)

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Veröffentlichungsjahr: 2022

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Sandra Florean

Gefährliche Sehnsucht

Das Buch:

 

Kurz nach Beziehen ihres neuen Heimes auf der Mittelmeerinsel laden die ansässigen Vampire Dorian und seinen Clan in ihren geheimen Vampirklub ein. Auch wenn ihm Vincenzo, der Anführer der sizilianischen Vampire, ein Dorn im Auge ist, ermuntert er Louisa, sich in seinem Klub an dem Blut der Freiwilligen zu sättigen. Louisa hadert noch immer mit ihrem Schicksal, und Dorian hofft, dass ihr der zwangslose Umgang dort die Abscheu nimmt. Nicht ahnend, dass er Vincenzo damit in die Hände spielt. Vincenzo gefällt es nicht, dass er sich dem sehr viel mächtigerem Dorian beugen musste, und er versucht mit allen Tricks, Louisa auf seine Seite zu ziehen.

Unterdessen verzehrt sich Eric nach Louisas Zuneigung. Er gibt sich in dem Vampirklub seinen vampirischen Gelüsten hin und versinkt immer wieder im Blutrausch. Seine Gefühle für Louisa sind mit den Jahren tiefer und quälender geworden, vor allem, weil Louisa Dorian noch immer treu ergeben ist. Die Situation eskaliert, als eine junge Vampirin bei seinen Eskapaden stirbt und Eric damit eine der unumstößlichen Regeln des Klubs bricht. Endlich hat Vincenzo etwas gegen Dorian und Louisa in der Hand …

 

Die Autorin:

  

Sandra Florean wurde 1974 in Kiel geboren, wo sie auch aufwuchs. Nach ihrer Fachhochschulreife absolvierte sie eine kaufmännische Ausbildung und arbeitet als Sekretärin.

Zum Schreiben kam sie bereits als Jugendliche, wobei Fantasy und Vampire schon immer ihre Leidenschaft waren. Seit ca. 2011 widmet sie sich ihren erdachten fantastischen Welten intensiver, veröffentlicht regelmäßig in unterschiedlichen Verlagen und ist zudem als Herausgeberin und Lektorin tätig. Ihr Debüt »Mächtiges Blut« wurde auf dem Literaturportal Lovelybooks zum besten deutschsprachigen Debüt 2014 gewählt. 2018 wurde sie für ihre Tätigkeit als Herausgeberin von „The U-Files. Die Einhorn Akten“ mit dem Deutschen Phantastik Preis für die beste Kurzgeschichtensammlung 2018 geehrt. Mehr über die Autorin: www.sandraflorean-autorin.blogspot.de

Gefährliche Sehnsucht

 

Nachtahn 3

 

 

Sandra Florean

 

 

Roman

 

 

 

Neuauflage

Gefährliche Sehnsucht – Nachtahn 3

Sandra Florean

 

Copyright © 2021 Sandra Florean

Südring 71, 24222 Schwentinental

Copyright © 2014 at Bookshouse Ltd.,

Bildnachweis: Pixabay: AlLes

 

Lektorat/Korrektorat: Bookshouse Ltd.

Satz: Sandra Florean

 

 

 

 

 

www.sandraflorean-autorin.blogspot.de

 

 

 

Urheberrechtlich geschütztes Material

Table of Contents

page2

Die Autorin

Titel

Impressum

widmung

1. Kapitel

2. Kapitel

3. Kapitel

4. Kapitel

5. Kapitel

6. Kapitel

7. Kapitel

8. Kapitel

9. Kapitel

10. Kapitel

11. Kapitel

12. Kapitel

13. Kapitel

14. Kapitel

15. Kapitel

16. Kapitel

17. Kapitel

18. Kapitel

19. Kapitel

20. Kapitel

21. Kapitel

22. Kapitel

23. Kapitel

Nachwort

Danksagung

Dieses Buch widme ich meinen Töchtern

1

 

 

 

»Signora Fitzgerald!«

Ein Mann um die vierzig kam mit lockeren Schritten, die erkennen ließen, dass er regelmäßig joggte, den Gang auf uns zugelaufen. Seine Turnschuhe machten fast kein Geräusch auf dem karamellfarbenen Linoleumboden. »Tut mir leid, dass ich Ihnen hinterherrufe«, sagte er und hielt Louisa eine Hand hin. Eine Brise seines würzigen Aftershaves hüllte uns augenblicklich ein. »Franco Lutoni. Ich bin der Vater von Chiara, unsere Kinder …«

»Ich weiß«, unterbrach Louisa ihn. »Sagen Sie doch Louisa zu mir. Meinen Mann Dorian kennen Sie noch?«

Er nickte, und Louisa gab ihm die Hand. Kurz nur. Franco schien nichts zu bemerken. Meine Hand schüttelte er kräftig. Franco Lutoni war ein athletisch gebauter braun gebrannter Mann mit vollen dunklen Haaren, die an der Schläfe erste graue Schatten aufwiesen. Er blinzelte ein paar Mal mit seinen aufgeweckten, kleinen Augen. Es lag nicht an dem Zwielicht in dem Schulflur, sondern an Louisa, die ihn leicht mit ihrer Vampirmagie blendete.

Wie sich herausstellte, hatte sie doch etwas von Richards Blut in sich behalten. Nicht viel, aber das Blut war stark und verlieh ihr neue Kräfte. Mit Jaydens Hilfe hatte Louisa es geschafft, ihre Tarnfähigkeit zu trainieren, die ihr half, uns hier ein neues Leben aufzubauen. Nichts hatte ihr mehr am Herzen gelegen, als Zoe ein normales Leben zu ermöglichen. Sie hatte unermüdlich daran gearbeitet und es tatsächlich geschafft.

Nachdem wir Louisa, Zoe und Eric aus den Fängen meines verdorbenen Bruders befreit hatten, waren wir ein paar Jahre herumgereist. Unsere Tochter hatte von Anfang an heimlich mein Blut zu trinken bekommen. Es hatte sie nicht nur außergewöhnlich widerstandsfähig gemacht, was Kinderkrankheiten betraf, sondern ihr sogar ein wenig übernatürliche Fähigkeiten verliehen. Leider war sie auch unnatürlich schnell größer geworden, sodass wir nie lange an einem Ort bleiben konnten, ehe es jemandem auffiel. Nachdem ich das Blut abgesetzt hatte, verlangsamte sich ihre Entwicklung, und wir hatten uns eine längerfristige Bleibe gesucht.

Sie lag auf Sizilien, ein gutes Stück von der Großstadt Palermo entfernt auf dem Land, wo wir keine direkten Nachbarn hatten. Es war Louisas Wunsch, in ein wärmeres Klima überzusiedeln, und wer war ich, es ihr zu verwehren?

Nun hatten wir unseren ersten Elternabend in Zoes Schule hinter uns. Wie zur Einschulung hatten sich einige Köpfe nach uns umgedreht. Was sie sahen, war ein junges, glückliches Paar, das vielleicht ein bisschen mehr Geld für Garderobe ausgab als andere Eltern. Ich zumindest. Louisa hatte darauf bestanden, dass Zoe auf eine öffentliche Schule ging. Nicht auf eine dieser Privatschulen, wo nur verwöhnte reiche Gören hinkamen, wie sie es formulierte. Es wunderte mich, dass sie noch immer ein Problem damit hatte, dass wir wohlhabend waren.

Ich konnte mich gut daran erinnern, wie ich um sie hatte kämpfen müssen, damit sie überhaupt mit mir ausging. So sehr hatte sie mein Reichtum abgeschreckt.

Der Nachteil an dieser staatlichen Schule war, dass alle anderen eben nicht so vermögend waren und wir dadurch zwangsläufig auffielen. Etwas, worüber Louisa, obwohl sie immer versuchte, genau das zu vermeiden, nicht nachgedacht hatte. Die anderen Eltern waren gewöhnliche Leute. Das hatte ich überprüft. Wenn wir schon ein Leben unter ihnen führen wollten, wollte ich zumindest wissen, auf wen wir uns einließen. Da gab es Köche und Hausfrauen, Bauarbeiter und Fremdenführer, Imbissbesitzer und freischaffende Journalistinnen, Krankenschwestern und Carabinieri.

Nach Louisas erneutem Absturz nach unserer Rückkehr von Richards Burg und unserer Versöhnung waren wir sofort ins Sommerhaus gefahren. Und das war die richtige Entscheidung. Louisa kam zur Ruhe, entspannte sich. Vor allem öffnete sie sich endlich. Sie sprach sich mit Eric aus, dem ich beinahe das Herz herausgerissen hätte, als er mir eines Tages eine ohnmächtige Louisa nach Hause gebracht hatte. Es war Jaydens Vampirschnaps, der sie umgehauen hatte, als die drei wie so oft zusammen tanzen waren. Nun war sie ein Vampir und schaffte es dennoch, sich ins Koma zu trinken! Hatte ich nicht geahnt, dass Louisa auf ihre unberechenbare Weise auf die schrecklichen Erlebnisse reagieren würde?

Nachdem ich sie nicht gerade mitfühlend zur Rede gestellt hatte, ließ sie es endlich heraus. Wir alle halfen ihr, mit dem Erlebten klarzukommen. Es war ausgerechnet Jayden, der ihr Kraft gab. Ihm hatten wir es überhaupt erst zu verdanken, dass ich Louisa verwandeln musste. Doch das war Schnee von gestern. Er hatte sich als vertrauenswürdiges Mitglied unseres kleinen Familienbundes erwiesen. Ich hatte Louisa in diesen schwierigen Wochen oft mit ihm zusammensitzen sehen, durch ihr Schweigen verbunden.

Als ich Louisa kennenlernte, hatte sie eine schlimme Zeit hinter sich, nachdem sie von einem allzu aufdringlichen Verehrer überfallen worden war. Es war ihr, gottlob, nicht allzu viel passiert, aber die Erinnerung daran hatte sie gequält. Sie hatte sich in den Alkohol geflüchtet. Dass ich sie in diese düstere, gewalttätige Welt der Vampire gezogen hatte, machte es nicht besser. Ich hatte einige ihrer Abstürze miterleben dürfen. Etwas, worauf ich gern verzichtet hätte.

Seit ein paar Wochen hatten wir nun unser neues Domizil bezogen und alles verlief ruhig. Es war eine wundervolle Villa im alten römischen Stil, die Platz für uns alle bot. Jayden, Eric, die Klette, und mein guter Freund Michael waren noch immer bei uns und würden es auch bleiben. Ich hatte die Villa aufwendig umbauen, Spezialglas und natürlich die obligatorischen Sicherheitsmaßnahmen installieren lassen. Es waren mehrere Wohneinheiten eingerichtet mit verriegelbaren Zwischentüren, damit sich jeder zurückziehen konnte. Außerdem hatte ich das Kellerverlies mit Betthöhlen ausgestattet. Dennoch hielten wir uns meistens alle im geräumigen Wohn- und Esszimmer im Erdgeschoss auf. Wir hatten einen Pool draußen und einen Jacuzzi drinnen. Das Haus lag in einer Bucht mit kleinem Strand direkt am Mittelmeer. Es war traumhaft.

Zoe unterrichteten wir auf unseren Reisen gemeinsam. Jeder von uns hatte mehrere Jahrzehnte, oder wie ich Jahrhunderte, hinter sich, in denen sich zwangsläufig einiges Wissen angehäuft hatte. Sie war ein kluges Kind und genoss jede Unterrichtsstunde. Das kam mit Sicherheit nicht von Eric, ihrem leiblicher Vater. Mein Spross Mary hatte ihn und meine Louisa vor langer Zeit in die Finger bekommen und sie gezwungen, miteinander zu schlafen. Eine Aktion, mit der sie mich hatte quälen wollen. Es war ihr gelungen, sie hatte sich jedoch nicht lange an meiner Qual ergötzen können.

Heraus kam Zoe Eternity, die ich mehr liebte, als ich ein eigenes Kind hätte lieben können. Sie war mein Sonnenschein, der mich immer wieder aufs Neue tief berührte. Da Louisa nicht unschuldig daran war, dass ihr leiblicher Vater nun ebenfalls ein Vampir war, und weil sich Eric während ihrer Gefangenschaft bei Richard aufopferungsvoll um die beiden gekümmert hatte, durfte er bleiben. Eine Entscheidung, die ich bereits manches Mal bereut hatte.

Eric hatte sich im Gegensatz zu Louisa und Zoe schwergetan, Italienisch zu lernen. Vokabeln pauken war einfach nichts für ihn. Er war eher von der tatkräftigen Sorte. Zum ersten Mal tat er mir ein bisschen leid. Jayden war teilweise in Italien aufgewachsen, als er noch sterblich war, und Michael und ich sprachen sowieso mehrere Sprachen. Wenn man alle Zeit der Welt hatte, fing man sogar an, freiwillig Vokabeln zu lernen. Das würde Eric auch noch begreifen. Im Moment verständigte er sich mit Händen und Füßen, was scheinbar funktionierte. Wie wir alle fühlte er sich hier wohl. Was bei ihm mit Sicherheit auch an den schönen italienischen Frauen lag.

Nachdem Jayden begonnen hatte, mit Zoe ihre Fähigkeiten zu trainieren, hatte ich aufgehört, ihr mein Blut zu geben. Sie war sechseinhalb Jahre alt. Aussehen und denken tat sie wie eine Elfjährige. Sie war schon fast so groß wie Louisa, hatte jedoch breitere Schultern. Genau wie Louisa schwamm sie gern. Das Schwimmen hatte sie fast von selbst gelernt. Außerdem schlug sie mittlerweile sogar Michael im Schach und hatte angefangen, Klavier zu spielen. Wofür ich mehr als dankbar war. Ihr erstes Instrument war eine Geige gewesen. Mir stellten sich die Nackenhaare auf bei der Erinnerung an ihre vielen vergeblichen Versuche, dem fürchterlichen Instrument harmonische Klänge zu entlocken.

Zoe hatte sich gut in die Klassengemeinschaft eingefunden, wie uns ihre Klassenlehrerin versicherte, und war ein beliebtes Kind. Keiner ahnte, dass sie mit Vampiren zusammenlebte. Für Zoe war es normal. Sie verriet sich nie. Nicht einmal aus Versehen. Ihre Fähigkeiten nutzte sie ebenfalls nie. Was das anging, war sie ein bisschen wie Louisa. Sie verdrängte es und wollte einfach Kind sein.

»Louisa«, sagte Franco Lutoni. »Meine Chiara und Ihre Tochter haben sich offenbar angefreundet.«

»Oh, wie schön«, erwiderte Louisa gerührt, obwohl sie das natürlich wusste. Zoe redete seit Tagen von nichts anderem. »Kommen Sie, Ihre Frau und Chiara uns doch mal besuchen, damit die beiden zusammen spielen und wir uns ein bisschen kennenlernen können.«

»Ich bin allein mit Chiara«, sagte Franco. »Ihre Mutter und ich haben uns getrennt.«

Er sah Louisa offen an, schien noch etwas sagen zu wollen, überlegte es sich aber anders und schwieg stirnrunzelnd. Louisa war nervös. Das war sie immer, wenn wir mit Sterblichen zu tun hatten. Wenn sie nervös war, verstärkten sich ihre Kräfte. Ich war mir nicht sicher, was Franco Lutoni sah, doch die Sterblichen reagierten immer ähnlich auf Louisa. Sie starrten sie umso mehr an und wirkten verwirrt. Nicht, weil sie ahnten, dass Louisa ein Vampir war, sondern weil meine hübsche Frau sie unwillentlich mit ihrem Blendwerk betörte.

»Dann kommen Sie und Chiara eben allein zu uns«, schlug ich vor. »Morgen Nachmittag um vier, wie wäre das?«

Franco nickte lächelnd. »Sehr gern. Da wird Chiara sich freuen.«

Wir gaben uns erneut die Hände. Louisa strahlte. Wir hatten eine erste Verabredung für Zoe!

»Und bringen Sie Badesachen mit. Zoe ist verrückt nach Wasser«, rief ich Franco hinterher.

Er drehte sich um und hob die Hand. »Wie Chiara. Bis morgen!«

 

Auf dem Rückweg lächelte mich Louisa glücklich an. Sie war fürchterlich aufgeregt und ängstlich gewesen, als wir aufgebrochen waren. Dabei hatten wir es auf unseren Reisen oft probiert, waren jedes Mal länger am gleichen Ort geblieben. Keiner hatte je etwas bemerkt. Es war nur ein bisschen Blendwerk nötig. Entweder von Louisa, mir oder Jayden. Eric war zu sehr mit anderen Dingen beschäftigt, der konnte es nicht besonders gut. Michael brauchte es nicht. Er fiel unter den Sterblichen am wenigsten auf. Eigentlich war es Louisa, die am meisten auffiel. Ihre Augen waren zu hell, um natürlich auszusehen. Deshalb trug sie häufig eine Sonnenbrille. Ihre Haut war nun genauso bleich wie meine. Nur strahlender. Sie war glücklich, und das strahlte sie im wahrsten Sinne des Wortes aus.

Wenn man genauer hinsah, ganz genau, sah man den Durst. Sie hatte den Blutdrang so gut unter Kontrolle wie ich, aber sie war trotzdem immer durstig. Egal, wie viel sie trank. Das bestätigte, was ich immer angenommen hatte. Gegen Instinkte kam man nicht an. Nicht als Mensch und erst recht nicht als Vampir. Louisa trank überwiegend von mir oder Jayden zusätzlich zu den Blutkonserven, die ich uns aus einem meiner Blutspendezentren liefern ließ. Ab und zu ging sie mit Jayden aus so wie vor ihrem fürchterlichen Absturz und trank frisches Blut. Aber nicht, um satt zu werden, sondern um sich daran zu berauschen. Ich würde sie öfter auf die Jagd mitnehmen müssen, damit sie sich mal wieder satt trinken konnte und dieser hungrige Blick nachließ. Wie bei vielen Dingen tat sich Louisa sehr schwer damit, Menschen zu beißen und ihr Blut zu trinken. Ich hatte es nie verstanden, aber sie verabscheute die Nähe, den Geruch und den Akt an sich. Bei Jayden und mir war es sonderbarerweise nicht so.

»Das hat doch gut geklappt.« Sie nahm meine Hand.

»Ich hab nichts anderes erwartet.« Ich zwinkerte ihr zu. »Alle erblicken nur eine bezaubernde Frau, wenn sie dich ansehen.«

Sie lächelte und rutschte näher an mich heran, um sich an meine Schulter zu lehnen. »Und du meinst, dass sich keiner drüber wundert, dass mein Bruder und sein Freund bei uns wohnen?«

Damit niemand sich über Zoes Ähnlichkeit zu Eric Gedanken machte, hatten wir bei der Einschulung behauptet, er wäre Louisas Bruder. Sie hatten beide dunkle Haare, genauer würde wohl keiner hinsehen. Jayden hatte ich kurzerhand als Erics Liebhaber vorgestellt, was einige enttäuschte Blicke in der Damenwelt ausgelöst hatte. Eric hatte auf dem Rückweg geschimpft wie ein Rohrspatz, weil ich ihm damit die Chancen vermasselt hatte. Jayden hatte leise vor sich hin gegrinst. Was genau ihn und Eric, die sich eine Wohneinheit teilten, taten, wenn sie allein waren, wollte ich überhaupt nicht wissen. Michael war, was er war. Ein guter Freund der Familie, der eine vorübergehende Bleibe bei uns gefunden hatte. Wir waren in Italien, in dem Land, in dem Familie großgeschrieben wurde – warum sollte sich da jemand drüber wundern?

Wir fingen an, uns in die Welt der Sterblichen einzuleben. Louisa war glücklicherweise nicht so weit gegangen, sich in den Elternbeirat wählen zu lassen. Diese Verabredung war ein Anfang. Nicht der Leichteste, denn Franco Lutoni war der Polizist auf meiner Liste. Aber ich war nicht der Typ, der vor großen Herausforderungen zurückschreckte. Was konnte schon schiefgehen?

2

 

 

 

»Ein schönes Haus, ich kannte es bisher nur von außen«, sagte Franco, als wir auf die Terrasse traten. »Es hat lange leer gestanden.«

Wir hatten eine kleine Hausführung gemacht. Louisa war mit den Kindern zum Strand gegangen. Sie spielten im Wasser und bespritzten sich gegenseitig. Auch auf die Entfernung hin konnte ich Louisa genau erkennen. Wie jedes Mal, wenn ich sie in diesem knappen Bikini sah, blieb mir die Luft weg.

»Vielleicht war der Preis zu hoch«, sagte ich abwesend.

»Für Sie nicht.« Es klang wie eine Feststellung.

Ich wendete mich von der Betrachtung meiner Frau ab und meinem Gast zu. »Ich war der bessere Verhandlungspartner, sagen wir es mal so«, sagte ich und grinste, obwohl es nicht stimmte. Ich hatte den vollen Preis bezahlt, und es kümmerte mich nicht. Wir brauchten ein Heim, und dieses war groß genug, dass wir alle darin Platz finden konnten. Außerdem war es das Einzige, das Louisa wirklich gefiel. Sie hatte zwar auch meinen anderen Vorschlägen zugestimmt, doch bei diesem hier hatten ihre Augen gefunkelt. Deshalb hatte ich es sofort und ohne Preisverhandlung gekauft. Wir anderen waren es gewohnt, uns anzupassen. Louisa brauchte ein richtiges Zuhause, um zur Ruhe zu kommen.

»Sie haben es lange umbauen lassen«, fuhr mein neugieriger Gast fort. »Von außen sieht man überhaupt nichts davon. Bis auf den Anbau. Darf ich fragen, was da drin ist?«

»Sie dürfen. Das ist unsere Garage. Wir sind alle ein bisschen autoverrückt. Aber haben wir nicht alle unsere Laster? Welches ist Ihres?«

»Ich glaube, ich trinke manchmal ein bisschen zu viel.«

Ich lachte. »Da haben wir wohl was gemeinsam.«

Wir schwiegen und ich sah wieder an den Strand hinunter. Er war weit genug weg, dass Franco nicht erkennen konnte, was ich deutlich sah.

»Sie sehen überhaupt nicht aus wie ein Computerexperte. Tut mir leid, alte Polizistenangewohnheit«, fügte er entschuldigend hinzu, als ich ihm einen überraschten Blick zuwarf.

Er hatte seine Hausaufgaben gemacht, das musste ich ihm lassen. Ich allerdings auch. Franco Lutoni war dreiundvierzig Jahre alt und ein aufstrebender Polizist in Palermo gewesen. Er hatte eine Ermittlung geleitet, bei der ein gewichtiges Mafiamitglied verhaftet und verurteilt werden konnte, und damit einige Lorbeeren geerntet. Dann verschwand seine viel jüngere Frau plötzlich spurlos. Chiara war zu dem Zeitpunkt drei Jahre alt. Es wurde vermutet, dass sie in die Fänge der Mafia geraten war. Sie wurde nie wieder gesehen. Franco ließ sich in die Provinz versetzen, wo er seine Tage hinter einem Schreibtisch verbrachte. Wie wir wollte er seine Tochter schützen. Sie aus dem Sumpf der Großstadt herausholen.

Bis heute hatte er Unsummen für Privatdetektive ausgegeben, die versuchten, seine Frau aufzuspüren. Er war nie über ihren Verlust hinweggekommen, obwohl sie vor einem Jahr offiziell für tot erklärt und beerdigt worden war.

»Und Sie nicht wie ein einfacher Provinzpolizist. Alte Hackerangewohnheit.«

Er lachte ein leises angenehmes Lachen, und ich schlug ihm freundschaftlich auf die Schulter.

»Unser größtes Vermögen stammt aus dem Nachlass meines Vaters«, erklärte ich ihm, was er mit Sicherheit bereits wusste. Ich wollte ihm zeigen, dass wir keine Geheimnisse hatten. Unsere fiktiven Identitäten waren wasserdicht, dafür hatte ich gesorgt. »Doch ich war auch nicht untätig und hab mir ein kleines Imperium aufgebaut. In meiner Heimat gehören mir mehrere kleine Firmen, die nach anfänglichen Schwierigkeiten mittlerweile guten Profit abwerfen. Ich würde mal sagen, ich hab ein Händchen für Totgeglaubte.« Ich schmunzelte über meine kleine Zweideutigkeit, mit der Franco jedoch nichts anfangen konnte.

»Was hat Sie und Ihre Familie nach Sizilien verschlagen?«

Ich wurde das Gefühl nicht los, verhört zu werden. »Meine Frau«, antwortete ich und sah wieder zum Strand. »Sie war das kalte Wetter leid. Soll ich Ihnen mal was sagen, Franco?«

Ich sah ihn wieder an. Er runzelte die Stirn.

»Das war die zweitbeste Entscheidung meines Lebens.«

Franco grinste. Ein sehr sympathisches, wenn auch etwas verhaltenes, betrübtes Lächeln. »Und was war die beste Entscheidung?«

»Dass ich sie geheiratet habe«, erwiderte ich, wieder in Louisas Betrachtung versunken. Ich sollte ihr verbieten, diese winzigen Stoffstücke zu tragen, wenn Gäste anwesend waren. Es lenkte mich einfach zu sehr ab.

»Sie haben Glück, eine Frau wie Louisa zu haben.«

O ja, das hatte ich. Er tat mir leid, dass er nicht so viel Glück mit seiner Frau gehabt hatte. Sie war zwölf Jahre jünger gewesen als er und mit Sicherheit mit einem Jüngeren durchgebrannt. Ich drehte mich zu ihm um. Er hatte einen wachsamen Blick, schien aber ein netter Kerl zu sein. Das Schicksal war grausam. »Es ist bestimmt nicht leicht, ein Kind allein großzuziehen.« Ich sah ihn bedeutungsvoll an. »Wenn ich jemals etwas für Sie tun kann … Was es auch ist, kommen Sie zu mir.«

Ich hatte außerdem in Erfahrung gebracht, dass er mit seinem mickrigen Polizistengehalt nicht alle Rechnungen bezahlen konnte. Ich wusste, er wäre viel zu stolz, um von mir, einem Fremden, Geld anzunehmen, aber ich wollte ihm trotzdem signalisieren, dass er sich an uns wenden konnte – ehe er sich womöglich von der Mafia Geld lieh, die hier auf Sizilien überall ihre Finger im Spiel hatte. Ich sah an seinem Blick, dass er es verstanden hatte. Und dass er sich eher die Zunge abbeißen würde, als mich reichen Schnösel um etwas zu bitten. Wer wusste schon, was das Schicksal bringen würde.

 

»Es war sehr schön, dass Sie hier waren, Franco«, verabschiedete sich Louisa am Abend von unseren sterblichen Gästen. »Und vor allem sehr schön, dass du hier warst, Chiara. Ich hoffe, du kommst uns bald wieder besuchen?«

Die Kinder nickten begeistert. Louisa warf mir einen kurzen fragenden Blick zu.

»O ja«, sagte ich. »Das müssen wir unbedingt wiederholen, Franco.« Möglichst ohne mich, fügte ich in Gedanken hinzu.

Franco lächelte und schüttelte mir die Hand. Er nahm seine Tochter bei der Hand und ging ein paar Schritte vom Haus weg, nur um sich noch einmal umzudrehen und uns zuzuwinken. Dabei fiel sein Blick auf etwas am Boden. »Sie haben Post bekommen«, sagte er und wies darauf.

Ich hob den roten Briefumschlag auf, schob Louisa zurück ins Haus und lehnte mich seufzend von innen gegen die Tür. »Herrgott, wenn ich irgendetwas noch mehr hasse als Ärzte, sind es Polizisten«, stöhnte ich und schüttelte das Unbehagen ab, das mich seit dem Nachmittag fest im Griff hatte.

Louisa lachte. Sie und die Kinder waren bis kurz vor dem Essen im Wasser gewesen. Wir hatten eine Pizza kommen lassen. Die Kinder waren so ausgehungert darüber hergefallen, dass Franco nicht auffiel, dass Louisa und ich nichts davon aßen. Sie trug noch immer diesen Bikini unter dem kurzen Bademantel. Ich nahm sie in die Arme. Zoe lief kichernd zu Erics und Jaydens Wohnung, um ihnen alles zu berichten.

»Noch schlimmer ist es, dich in diesem Bikini sehen zu müssen, während ich mich mit einem von ihnen unterhalten muss.«

Sie schlang die Arme um meinen Hals und betrachtete mich mit schief gelegtem Kopf. Seit ich während der Rettungsaktion bei Richard gebrannt hatte, sah sie mich öfter so an, als würde sie jedes Mal darüber staunen, dass ich wieder genau so aussah wie vorher.

Da fiel mir der Umschlag ein, und ich zog ihn hinter ihrem Rücken hervor, ehe ich mich in ihrem Blick verlieren konnte. Sie ließ mich los und sah darauf. In goldenen Lettern war mein Name aufgedruckt. Ich riss ihn auf und holte eine Karte aus dickem rotem Karton heraus, die ich aufklappte.

»Eine Einladung«, murmelte ich und überflog den Text. »Ruf bitte die anderen her.«

Wir hatten schon bei unserer Ankunft bemerkt, dass es andere Vampire in der Gegend gab. Wahrscheinlich war es eine Frage der Zeit gewesen, bis wir mit ihnen zu tun bekommen würden. Diese Einladung hatte ich nicht erwartet.

Die anderen kamen nacheinander ins Wohnzimmer. Eric trug Zoe auf dem Arm, die ihm noch immer aufgeregt von ihrem Besuch erzählte. Eigentlich war sie viel zu groß, um getragen zu werden. Auch er schien mit ihrer schnellen Entwicklung nicht mitzukommen. Wir redeten in ihrer Gegenwart offen über Vampirangelegenheiten. Es hatte keinen Sinn, es vor ihr verstecken zu wollen.

»Wir haben eine Einladung der Squadra d’Immortale bekommen.« Ich hielt den Brief hoch. »Die Riege der Unsterblichen, würde ich mal grob übersetzen. Sie wollen uns ihre Aufwartung machen und laden uns in ein Restaurant ein. Ins Luce del Giorno – Tageslicht. Wie passend.«

»Wann?«, fragte Jayden.

»Morgen nach Sonnenuntergang.«

»Was bedeutet das?«, wollte Eric wissen.

»Kennst du die Gruppe, Jayden?«, fragte ich. Der Blonde schüttelte den Kopf. »Das heißt, wir müssen hingehen und uns präsentieren. Da sie uns nicht angesprochen haben, gehe ich mal davon aus, dass sie sich als die Schwächeren sehen. Deshalb auch das Treffen auf ihrem Terrain.«

»Vielleicht ist es eine Falle?«, fragte Louisa. Sie hatte sich neben Eric und Zoe gesetzt und wirkte plötzlich sehr zerbrechlich.

Ich schüttelte den Kopf. »Nein, das glaub ich nicht. Es gab immer schon solche Vampirgruppen, die zwielichtige Klubs führten. Früher waren es Freakshows. In Paris gab es vor langer Zeit diesen Zirkus der Verdammten, eine Theatertruppe, die sich selbst spielte. Grotesk und widerwärtig.«

»Ich kenne solche Gruppen«, sagte Jayden und warf einen Blick in die Runde. »In Mailand gibt es eine. Sie leiten eine Szenedisco, in der sie ihre Opfer suchen. Oder neue Vampire. Sie hatten mich auf ähnliche Weise eingeladen, als ich länger in der Gegend war. Die meisten solcher Verbindungen sind harmlos. Sie wollen in Ruhe leben und bemühen sich, unauffällig zu bleiben. Sie werden von dir gehört haben, Dorian. Deshalb die Einladung. Sie haben Angst vor dir.«

»Na, dann wollen wir ihre Angst mal schüren.« Ich grinste voller Vorfreude auf ein schönes Gemetzel.

»Wir können uns doch anhören, was sie zu sagen haben«, sagte Louisa und ließ meine Stimmung damit sofort wieder in den Keller sinken. »Wir müssen sie doch nicht gleich auslöschen, nur weil es sie gibt. Ich möchte gern wissen, wer sie sind.«

Sie hatte es zurückhaltend und ruhig gesagt, als wollte sie meine Autorität nicht unterwandern. Jeder wusste, dass ich nicht gegen sie ankam. Ich sollte mir wirklich angewöhnen, vorher mit Louisa zu sprechen. Damit sie mich nicht jedes Mal bloßstellte, wenn ich mal den Chef spielen wollte. Was ich ohnehin ungern tat. Ich war es nicht gewohnt, über mehrere Leben zu bestimmen. Über deren Tod, ja, aber nicht über deren Leben. »Wir werden alle gehen und mal schauen, was sie von uns wollen.«

 

So machten wir es auch. Ich trug meinen obligatorischen schwarzen Anzug, und selbst Eric hatte sich einen zugelegt. Er und Jayden sahen mit den passenden Sonnenbrillen aus wie die Men in Black. Sehr effektvoll. Michael war ganz der Casanova. Es gab nicht viele Männer, die in dunkelroten Samtanzügen gut aussahen. Michael war einer davon. Louisa hatte ich ein blutrotes Korsagenkleid gekauft, das viel von ihrer bleichen Haut zeigte. Sie sollte unter uns Männern herausstechen. Jeder sollte sehen, was sie war und wie mächtig. Auch wenn sie es selbst nicht sah.

»Ist es wirklich nötig, dass ich mich derart aufreizend anziehe?«, fragte sie, als sie die Treppe herunterkam. »Und diese hohen Pumps trage?« Sie blieb vor mir stehen und drehte sich zur Seite, um mir den schmalen Absatz zu zeigen.

»O ja«, antwortete ich und sah an ihrer schlanken Wade herauf, die dadurch noch länger und graziler wirkte.

»Unbedingt«, stimmten Michael und Eric mir wie aus einem Munde zu.

Louisa funkelte uns an, drehte sich um und ging mit übertrieben laszivem Hüftschwung zur Tür, die Jayden für sie aufhielt. Auch wenn Jayden für gewöhnlich immun gegen ihre Reize war, ertappte ich ihn dabei, wie er ihr auf den Hintern starrte. Hastig verschwand er nach draußen.

Wir fuhren gemeinsam in einem Auto. Dafür hatten wir extra einen Minivan in Luxusausstattung gekauft. Eigentlich zu groß für italienische Straßen, doch manchmal war es besser, wenn wir nicht getrennt fuhren. Vor allem, wenn wir Zoe dabeihatten. Wir mussten ein ganzes Stück fahren, vorbei an Slums und Müllhalden, in ein kleines Vergnügungsviertel am Rande von Palermo. In einem grau verputzten Gebäude, dessen Untergeschoss eine moderne verspiegelte Fassade hatte, fanden wir unser Ziel. Das Tageslicht. Obwohl »Geschlossen« auf dem Vorhängeschild an der Tür stand, war der Parkplatz voll und die Tür nicht verriegelt. Wir wurden von einem sterblichen Kellner, der uns die verspiegelte Glastür aufhielt, erwartet. Durch sie und die Fenster konnte man bequem nach draußen blicken. Vorüberschlendernde Touristen und sonstige Vergnügungssüchtige konnten jedoch keinen Blick ins Innere erhaschen. Außer sie drückten sich die Nase an der Scheibe platt. Das würde der Chef dieses Etablissements sicher nicht dulden.

Eben dieser erwartete uns in einem geräumigen Separee mit grünen Polstersesseln, der sich im nachfolgenden Bereich des modern eingerichteten Restaurants hinter einem dicken Vorhang befand. Er war aufgestanden, als er uns kommen hörte. Eine blonde junge Vampirin stand neben ihm. Ich ließ Louisa den Vortritt. Obwohl sie im Auto nervös gewirkt hatte, war ihr Gesicht ausdruckslos. Mit erhobenem Kopf, durch die hochgesteckten Haare noch betont, ging sie an mir vorbei, die entblößten Schultern gestrafft. Auch die Blonde trug ein rotes Kleid. Sowohl sie als auch die Farbe ihres Kleides verblassten neben Louisa. Eric und Michael gingen mit Zoe hinter uns, Jayden, der uns alle überragte, bildete das Schlusslicht.

»Es freut mich, dass ihr meiner Einladung gefolgt seid«, begrüßte uns unser Gastgeber auf Englisch. »Mein Name ist Vincenzo, das ist meine Gefährtin Concetta. Ich heiße euch in meinem bescheidenen Heim willkommen. Bitte, nehmt Platz.«

Vincenzo wies auf die Polstermöbel und wartete, bis wir saßen, ehe er sich setzte. Er sah uns nacheinander mit einem freundlichen kleinen Lächeln an, das sich nicht nur um seine Lippen zeigte. Er musste ungefähr fünfzig gewesen sein, als er verwandelt wurde. Seine kurzen schwarzen Haare waren grau meliert. Er hatte viele Lachfalten um die braunen, fast schwarzen Augen, die etwas schief in seinem Gesicht lagen und ihn müde aussehen ließen. Sein Gesicht war eckig, das Kinn rund. Seine Haut musste sonnengebräunt gewesen sein, als er noch ein Sterblicher war, denn er wirkte nicht so blass wie seine blutjunge Gefährtin. Concetta war schlank und eigentlich zu jung, um verwandelt worden zu sein. Sie hatte ein spitzes Gesicht und große blaue Augen, die die Angst nicht verbergen konnten.

Ich stellte uns ebenfalls nacheinander vor. Nur mit Vornamen. In welcher Beziehung wir zueinanderstanden, hatte ihn nicht zu interessieren. »Das ist meine Frau Louisa.« Das Wort Frau betonte ich, damit er verstand, dass sie mehr war als eine Gefährtin. »Wer ich bin, weißt du wahrscheinlich.«

»Ja, das stimmt«, sagte Vincenzo. »Du siehst genauso aus, wie die Legenden dich beschreiben.«

Legenden? Meine Güte, war ich wirklich schon so alt?

»Ich bin froh, dass andere Teile der Überlieferungen nicht stimmen«, fuhr er fort.

»Welche?«

»Dass du der Vampirkiller bist. Der tötet, ohne dass man ihm einen Grund dazu liefert.« Es sollte herausfordernd klingen. Tat es aber nicht.

»Verlass dich nicht drauf«, sagte ich, lehnte mich in meinem Sessel zurück und streckte die Beine aus. »Was willst du?«

Vincenzos scheinbar lockere und gelassene Haltung geriet ein wenig ins Wanken. Er räusperte sich. »Ich möchte dir zeigen, was wir hier tun. Und dir beweisen, dass wir keine Bedrohung für dich und deine Familie sind.«

»Clan.«

»Wie bitte?«

Schon hatte ich ihn aus dem Konzept gebracht. »Da, wo ich herkomme, nennt man so etwas Clan. Wir sind der Clan Fitzgerald. Ihr seid keine Bedrohung für uns.« Ich hörte Michael neben mir kichern. Nur leise. Ja, ich hatte etwas dick aufgetragen. Das mit dem Fitzgerald-Clan war mir gerade eingefallen. Es klang gut. So sollten wir uns nennen. Louisas schlanke, kleine Hand legte sich auf meinen Oberschenkel. Ich hatte sie gebeten, zu schweigen und glücklicherweise hielt sie sich daran. Damit wollte sie mich unauffällig auffordern, mich zurückzuhalten. Keinem fiel es auf. Es war eine Geste unter Liebenden.

»Ich bin neugierig. Was für ein Etablissement führst du hier, Vincenzo? Sag nicht, ein Restaurant für Vampire.«

Mein Gegenüber atmete erleichtert aus. »Nein und ja«, antwortete er und fand sehr schnell zu seiner vorherigen Gelassenheit zurück. »Hier oben findet normaler Restaurantbetrieb statt. Für Interessierte, sagen wir es mal so, aber auch für normale Laufkundschaft. Die eigentliche Attraktion befindet sich jedoch unter diesen Räumen. Es ist einfacher, ich zeige es euch. Wenn ihr wollt?«

Ich nickte, und wir erhoben uns.

»Ich denke, die Kleine sollte lieber hier oben bleiben. Es ist nicht jugendfrei in den unteren Räumen.«

Michael erklärte sich bereit, mit Zoe zu warten. Wir anderen folgten Vincenzo und seiner verunsicherten Vampirfreundin zur hinteren Wand des Raumes. Auch wenn Louisa selbst nicht überzeugt war von der Kraft, die in ihr schlummerte, konnte sie diese Macht mittlerweile bewusst ausstrahlen. Es war wie die dunkle Aura, die ich um mich schuf, wenn ich meine Gegner zusätzlich verängstigen wollte. Bei Louisa war sie strahlend, beinahe blendend und nicht finster. Sie wirkte eher so, dass sich ihr alle Männer zu Füßen werfen wollten – und deren Frauen sich klein und unbedeutend vorkamen. Je unsicherer sie war oder je unwohler sie sich fühlte, umso stärker war diese Ausstrahlung. Man bekam den Eindruck, als würde die Luft um sie herum flimmern. Es war ihr persönlicher Schutzschild. Dass sie andere Vampire und auch Sterbliche damit einschüchterte, war ihr überhaupt nicht bewusst.

Ich sah zu ihr hinüber. Das blutrote Kleid bildete einen herrlichen Kontrast zu ihrer bleichen Haut und den dunklen Haaren. Um den Hals trug sie die Kette, die ich ihr einst geschenkt hatte, am Finger ihren Ehering. Als sie mir unter halb geöffneten Augen einen Blick von der Seite zuwarf und leise lächelte, verblasste ihre leuchtende Aura für einen Moment. Da war sie wieder, meine Louisa, aber nur kurz. Als sie den Blick wieder nach vorn richtete, strahlte sie umso stärker und jeder schien neben ihr zu verblassen.

Unser Gastgeber blieb vor einem riesigen Gemälde mit Engelmotiven stehen, tastete hinter dem dicken goldenen Rahmen nach einem geheimen Schalter und ließ es zur Seite gleiten. Dahinter führte eine Treppe nach unten, deren Stufen mit rotem Teppich gepolstert und mit Lämpchen beleuchtet waren. Geheimtüren hinter Gemälden! Großartig. Der Mann gefiel mir.

Nicht so großartig war das, was uns am Fuße der langen Treppe erwartete. Wir hätten Louisa ebenfalls lieber oben lassen sollen. Schon, nachdem das Gemälde zur Seite geglitten war, schlug mir der Geruch nach Rauch, Schweiß, Sex und Blut entgegen. Am unteren Ende der Treppe war er fast greifbar. Süß und verführerisch hing er in der Luft. Eric atmete seufzend aus. Ihm fiel es am schwersten, seinen Blutdurst in den Griff zu bekommen. Manchmal hatte ich den Eindruck, dass er es überhaupt nicht versuchte. Er genoss das Vampirdasein in vollen Zügen. So wie es im Grunde sein sollte.

Vor uns tat sich ein Saal mit einer hohen Decke auf. Es war mehr als ein ausgebauter Keller. Er glich eher einem Gewölbe, das sich bis unter die Nachbargebäude erstrecken musste. Der riesige Raum war durch mehrere Stützsäulen unterbrochen, die die hohe Decke trugen und ihn natürlich und zwanglos in unterschiedliche Bereiche einteilten. Es war Bar, Edel-Puff und Stripteaseklub in einem. Der Boden und die Wände waren schwarz, der lange, breite Bartresen rechts von uns ebenfalls. Dafür waren sämtliche Polstermöbel, Sessel, Liegen und Stühle rot. Und fast alle besetzt. Den Großteil machten Sterbliche aus, überwiegend Frauen, doch unter ihnen amüsierte sich auch eine nicht unbeträchtliche Anzahl Vampire. Männliche und weibliche. Einige tranken völlig ungeniert von den sterblichen Frauen, die dabei kicherten und ihnen durch die Haare strichen. Von der Decke hingen mehrere goldene Kronleuchter, die gegen die drückende Schwärze der Wände ankämpften. Außerdem brannten überall verteilt dicke weiße Altarkerzen und tauchten alles in angenehm warmes, leicht flackerndes Licht.

Vor uns tanzte eine Vampirin in schwarzem Lack auf einer erhöhten Bühne, bog ihren bleichen, gelenkigen Körper und entblößte ungeniert ihre unnatürlich langen Fangzähne. Zu unserer Linken gab es mehrere abgetrennte Bereiche. Rote Vorhänge schlossen neugierige Blicke aus. Mehr als eindeutige Laute kamen aus einigen von ihnen. Die Musik war verhältnismäßig leise und eine Mischung aus Rock und Folklore mit schweren, leicht mexikanischen Klängen, die wie sanfte Finger die Ohren zu liebkosen schienen. Die Atmosphäre war ein Versprechen und verhieß sinnliche Verführung und ekstatische Erlebnisse.

Erics Augen glühten und auch Louisas Wangen waren eine Spur rosiger geworden. Sie kannten die wahre Welt der Vampire nicht. Die, die vornehmlich aus Lust und Blut bestand. Louisa war seit unserer Versöhnung sinnlicher denn je. Der Vampir kam in ihr durch. Der, der Blut trinken und seine Sinne auskosten wollte. Vielleicht lag es auch nur an dem Licht. Mich beeindruckte das wenig.

»Das Tenebra – die Finsternis –, die eigentliche Attraktion des Tageslicht«, präsentierte Vincenzo mit einer umfassenden Armbewegung und stolz geschwellter Brust. »Hier können wir sein, was wir sind. Und werden dafür geliebt. Jeder der Sterblichen hier weiß über uns Bescheid. Solange er bei uns ist. Wieder oben ist alles aus dem Gedächtnis verschwunden. Bis auf den Wunsch, das Verlangen, wieder herzukommen. Hier können sowohl Sterbliche als auch Vampire alles erlangen, was sie sich wünschen. Außergewöhnliche Erlebnisse, Ekstasen, Blut, Sex mit Sterblichen, Vampiren, Männern, Frauen. Oder einfach nette Gespräche. Keiner wird zu irgendetwas gezwungen. Auch nicht hinter den Vorhängen oder in den anderen Räumen weiter hinten. Jeder bekommt, was er oder sie sich wünscht, und kann jederzeit seinen Aufenthalt hier beenden. Neue Mitglieder nehmen wir nur nach Empfehlung und eingehender Begutachtung auf. Alles, was hier unten geschieht, fällt unter den dicken Mantel der Verschwiegenheit. Wir hatten schon Senatoren und Filmstars hier. Keiner wird je davon erfahren.«

Ich nickte. Vincenzo sah mich zustimmungsheischend an. Eric hinter mir murmelte etwas, was wie Ich werd hier Stammkunde klang. Louisa hatte missbilligend die Lippen aufeinandergedrückt.

»Das ist ein Puff«, sagte sie mehr zu sich selbst und sah Vincenzo ernst an.

»Aber, nein, Bellezza«, erwiderte dieser und lächelte charmant, sodass seine dunklen Augen fast in den vielen Lachfalten verschwanden. Dabei entblößte er gerade weiße Zähne und zwei mächtige Eckzähne. Etwas übertrieben für meinen Geschmack und mit Sicherheit unecht, aber bestimmt sehr effektvoll im Umgang mit faszinierten kleinen Sterblichen. »Das ist ein Ort der Lust, aber auch des Spaßes. Der Freude. Jeder kann sich hier auf seine Art vergnügen. Es darf nur niemand getötet werden. Das ist eine unserer eisernen Regeln, und sie wurde in über zweihundert Jahren noch nie gebrochen. Jeder, wirklich jeder, ist freiwillig hier. Wer gehen möchte, kann das tun. Falls dich das beruhigt.«

Louisa schnaufte. Nein, das beruhigte sie nicht. Wir folgten Vincenzo und seiner tippelnden Freundin durch den Saal in einen privateren Raum, in dem uns einige Vampire erwarteten. Unsere Appetithäppchen, wie ich erkannte, nachdem wir uns gesetzt hatten. Damit, dass er uns von seinen Schützlingen trinken ließ, zeigte er ihnen und indirekt auch uns, dass er über ihnen stand. Er begab sie damit in unsere Hände. Jayden und Eric winkten sich je eine Frau heran, die sich sofort zu ihnen setzten, Vincenzo bot mir seinen Arm an. Seine Freundin Concetta lief zu Louisa und blieb unsicher vor ihr stehen. Louisa ignorierte die Vampirin und fixierte Vincenzo, als ich von ihm trank. Ich wollte viel trinken, um genügend Bilder zu sehen. Und um herauszufinden, was er konnte. Bisher hatte ich noch keine Fähigkeiten bei ihm gespürt. Er hatte auch nicht vor uns damit geprahlt. Es war immer besser, man wusste, was der andere draufhatte, bevor man sich mit ihm anlegte.

Ich ließ von ihm ab. Er war harmlos. Etwas älter als Jayden, aber nicht annähernd so stark wie unser ernster Engel.

»Ich will von dir trinken«, forderte Louisa mit fester Stimme und überraschte damit nicht nur unseren Gastgeber.

Ich wusste, Jayden hatte ihr mehr über die Welt der Vampire, wie er sie kennengelernt hatte, erzählt. Wenn alle diese Vampirgruppen nach den gleichen Doktrinen lebten, hätte Vincenzo ihr sogar von sich aus sein Blut anbieten müssen. Und nicht das seines Anhängsels, der nicht viel mehr war als ein Frischling. Schwach, farblos, minderwertig. Louisa war stärker als alle hier im Raum. Außer mir natürlich. Sie war meine Königin, wenn man so wollte, und hatte nur das Beste verdient.

Sie überraschte uns ein weiteres Mal, indem sie ihn mit einem Blick aus ihren hellen Augen vor ihrem Sessel in die Knie zwang, damit sie aus seinem Hals trinken konnte. Was hatte ich für eine kluge, selbstbewusste Frau! Wenn Vincenzo bisher nicht begriffen hatte, wo sein Platz war – jetzt wusste er es.

Als sie ihn freigegeben hatte, setzte er sich in einen Sessel uns gegenüber und winkte sich selbst einen der Vampire heran, um sich zu stärken. Vielleicht aber auch, um sich zu beruhigen. Ich konnte genau erkennen, wie sich seine Brust unter dem roten Hemd schwer hob und senkte. Die meisten Vampire erregte es, wenn andere von ihnen tranken. Das konnte ich nicht beurteilen. Ich ließ ja nur Louisa von mir trinken. Sie erregte mich sowieso. Selbst jetzt. Sie schlug die Beine vorsichtig übereinander und ließ ihr oberes Bein mit dem wunderschönen roten Pumps leicht auf- und abwippen. Ich hätte mich wie Eric ihr gegenübersetzen sollen, schoss es mir in den Kopf, als ich seinen schmachtenden Blick sah. Eric hing mehr denn je an ihren Lippen. Bildlich gesprochen. Er war ihr Spross, da war eine gewisse Verbundenheit verständlich. Es passte mir dennoch nicht.

Concetta war hinter Vincenzo getreten und musterte uns feindselig. Sie und Louisa würden keine Freundinnen werden.

»Wie könnt ihr das alles vor der Polizei geheim halten? Gerade hier im Mafiagebiet?«, fragte Jayden. Er war derjenige, der sich in der modernen Welt der Vampire, aber vor allem in unserer Wahlheimat Italien am besten auskannte.

»Wer die Mafia in der Hand hat, beherrscht auch die Polizei«, antwortete Vincenzo vielsagend. »Besser noch, wenn man die Frauen einflussreicher Polizisten und Politiker in der Hand hat. Viele dieser Ehefrauen stehen auf meiner Mitgliederliste.«

»Wie schaffst du es, dass sich nicht herumspricht, dass ihr Vampire seid?«, fragte Louisa.

Vincenzo tippte sich an die Schläfe. »Magie.« Er ließ seine dunklen Augen funkeln. »Ich habe jeden Einzelnen unter die Lupe genommen und jedem ein geheimes Codewort eingepflanzt. Sobald sie den Klub verlassen, verabschieden meine Türsteher sie mit eben diesem Wort. Sie erinnern sich nicht an Vampire und alles, was mit uns zusammenhängt. Sie wissen nur, dass sie einen ungemein befriedigenden und wundervollen Abend hier verbracht haben. Wenn sie wiederkommen und von unserem Empfangspersonal mit dem gleichen Stichwort begrüßt werden, fällt ihnen alles wieder ein.«

»Aber wie bekommst du sie freiwillig hierher?«

»Neugier, Bellezza.« Vincenzo lächelte. »Gute, alte Neugier. Frauen bringen ihre Freundinnen mit. Männer ihre Fußballkumpels. Gäste des Restaurants werden von unseren Mitarbeitern angesprochen, ob sie Interesse an einer Reise in die Welt der Lust und Sinnesfreuden haben. Jeder kann sich alles zwanglos und unverbindlich angucken. Uns hat es nie an Interessierten gemangelt. Die Leute sind seit jeher auf der Suche nach Aufregung und Abwechslung vom Alltag, neuen Erfahrungen. Sie sind fasziniert von der düsteren Atmosphäre. Sie reizt das Unbekannte, das Verbotene, das Lasterhafte.«

»Wie behältst du deine Vampire im Griff?«, fragte ich.

»Mit Zuckerbrot und Peitsche, wie man so schön sagt.« Zum ersten Mal sah Vincenzo wie ein Anführer aus und nicht wie jemand, der neue Mitglieder von seinem Klub überzeugen wollte. »Hier unten haben wir alles, was wir brauchen. Jeder hat seine persönlichen Räume zum Rückzug, wir haben jede Art von Amüsement und Beschäftigungsmöglichkeit. Und jederzeit ausreichend frisches Blut. Rausgehen darf jeder nur mit meiner Zustimmung und auch nicht allein. Die Jungen gehen anfangs nicht raus. Viele kommen aus der Gegend, haben Familie und Freunde und könnten wiedererkannt werden. Deshalb bleiben sie unten, bis genügend Zeit verstrichen ist. Die Sterblichen, die für uns arbeiten, sind tabu. Es darf nur von den Gästen getrunken werden. Wobei die Gäste sich den Vampir aussuchen und nicht anders herum. Die Gäste sind immerhin diejenigen, die bezahlen. Keiner verwandelt jemanden ohne meine Zustimmung. Wer sich meinen Anordnungen widersetzt, wird bestraft. Mit dem Einzigen, was hilft. Blutentzug und Einzelhaft. Wer jemanden tötet, wird ebenfalls getötet.«

»Auge um Auge«, murmelte ich.

Unser Gastgeber nickte zustimmend. »Wie ihr seht, leben wir in unserer kleinen Gemeinschaft in Frieden mit den Menschen und mit anderen Vampiren. Wir wollen keinen Ärger und kein Aufsehen. Deshalb habe ich euch eingeladen. Um euch die Hand zu reichen. Ich erkenne dich, Dorian, ohne Einschränkung als den Stärkeren an und werde dir und euch nicht in die Quere kommen. Meine Leute ebenfalls nicht. Es wäre schön, wenn wir zu einer friedlichen Koexistenz finden könnten. Ihr seid natürlich jederzeit als meine persönlichen Gäste willkommen. Ich muss jedoch darauf bestehen, dass auch ihr euch an meine Regeln haltet. Gerade, was die Unversehrtheit meiner Gäste und Schützlinge betrifft.«

»Wenn alles tatsächlich so läuft, wie du es schilderst«, sagte ich, »haben wir kein Problem damit.«

»Wundervoll«, rief unser Gastgeber und klatschte in die Hände. »Wenn ihr wollt, führe ich euch noch ein bisschen herum.«

 

*

 

Ich wusste nicht, warum ich von Vincenzo trinken wollte. Vielleicht, weil er ohne Zweifel attraktiv war? Er war nicht jung und makellos wie Dorian. Er war angenehm unperfekt mit den vielen Lachfalten und der kleinen Narbe am grau melierten Haaransatz. Er war größer, als er im Sitzen wirkte, und kräftig gebaut. Die obersten Knöpfe des roten Seidenhemdes standen offen und um den Hals trug er eine goldene Kette. Der Anhänger verschwand in den dichten schwarzen Haaren seiner Brust. Er war einer der Männer, die erst im fortgeschrittenen Alter ihre wahre Attraktivität entfalteten und die man sich unmöglich als jungen Spund vorstellen konnte.

Ich wollte wissen, wie er sich anfühlen, wie er schmecken würde. Als er sich auf ein Knie herunterließ, damit ich aus seinem Hals trinken konnte, sah ich dunkle Bartstoppeln auf seinen Wangen. Es kratzte, als ich mit dem Kinn darüberstrich. Vincenzo roch, wie er aussah. Herb, dunkel, männlich. Gut. Er schmeckte sogar noch besser.

Ich hatte gelernt, die Lebensbilder zu unterdrücken, wenn ich von jemandem trank. Ich konnte in den Augen der Leute viel mehr erkennen als früher. Ich fühlte, wenn es jemand ehrlich mit uns meinte. Oder nicht. Bei Vincenzo spürte ich mehr.

Dorian war alt und gefährlich. Das wusste er, deshalb fürchtete er ihn. Auch wenn er es geschickt verbarg, hatte er eine Heidenangst vor ihm. Er schien zu ahnen, dass ich Dorian davon abgehalten hatte, ihn und seine Leute ohne vorherige Unterhaltung zu töten. Und dass ein Wort von mir genügen würde, und Dorian würde das nachholen. Auf der Stelle und mit Freuden. Dorian war es egal, ob sie uns gefährlich werden konnten oder nicht. Er hätte sie so oder so am liebsten tot gesehen.

Es verwirrte Vincenzo, dass Dorian auf mich, einen jungen Vampir, hörte. Und dass ich stärker war als er selbst. Ich hatte keine Ahnung, was für Fähigkeiten Vincenzo hatte, aber ich wusste, ich könnte ihn ebenso mühelos töten wie den Armbrustschützen in Richards Burg, der mich angeschossen hatte. Dafür musste ich nicht einmal mehr in Rage geraten. Ich hatte es geübt. Mit Jayden und Dorian. Dorian blieb der Einzige, den ich niemals würde besiegen können. Selbst wenn ich es jemals vorgehabt hätte. Er war einfach zu stark.

Dieses Treffen war nicht nur ein Zeichen der Unterwerfung und Anerkennung von Dorians Überlegenheit. Vincenzo wollte herausfinden, wer wir anderen waren und warum wir mit Dorian, dem Vampirkiller, zusammen waren. Ob wir ihm gefährlich werden konnten. Mit oder ohne Dorians Billigung.

Auf den ersten Blick hatte für mich alles wie eine gewöhnliche Nacktbar ausgesehen – schmuddlig und anstößig. Die Einrichtung war geschmacklos, die schwarzen Wände ließen kaum Luft zum Atmen. Es roch nach frischem Blut, Sex und Tabak. Wahrscheinlich charakteristisch für solche Läden. Eric war hellauf begeistert.

Vincenzo zeigte uns einige andere, privatere Räume, in denen es zivilisierter zuging. Sie waren alle ansprechend und in hellen Farben eingerichtet. Mit modernen Ledersofas und gepolsterten Betten und Tischchen mit Kerzen darauf. Jeder dieser Räume hatte ein Bad und sah sauber aus. In manchen entdeckte ich sogar persönliche Dinge; ein paar Kleidungsstücke, Haarbürsten, Bücher, eine Zeitschrift.

»Hier können sowohl Menschen als auch Vampire mit allen Sinnen genießen«, erklärte uns Vincenzo. »Gerade die jungen Vampire halte ich so im Zaum. Wenn der Hunger kommt. Denn das haben wir ja alle erlebt, nicht wahr? Erst kommt der Durst, dann der Hunger. Hier können sie ihn stillen und keinem geschieht ein Leid.«

Dorian hörte sich alles geduldig an, schien aber wenig interessiert an dem, was Vincenzo uns anpries. Als wir uns auf den Rückweg nach oben machten, vorbei an älteren sterblichen Frauen, die sich an junge, hübsche Vampire heranschmissen, damit die ihr Blut trinken konnten, lud Vincenzo mich und Dorian ein.

»Es wäre eine große Ehre für mich und die Squadra d’Immortale, wenn ich euch als meine Gäste begrüßen könnte. Nehmt es als Zeichen meiner Dankbarkeit an und verbringt eine Nacht bei uns. Wir haben nicht oft so hohen Besuch in unseren bescheidenen Räumen.«

Ich warf ihm einen Blick zu. Er hielt den Kopf gesenkt, als würde er sich in Demut vor uns verneigen, und sah uns abwartend an. Es war ihm ernst damit, dass er uns als hohen Besuch titulierte. Offenbar war das der Moment, in dem Dorian ihn entweder billigte oder …

Dorian war stehen geblieben und sah den äußerlich viel älteren Mann an. »Das ist sehr freundlich. Aber ich habe kein Interesse an dieser Art der Vergnügung.«

Vincenzo ließ nicht locker. »Deine Frau möglicherweise doch.« Er warf mir einen durchdringenden Blick zu. »Und die anderen Mitglieder deines Clans.«

Dorian brummte nur und ging an ihm vorbei die Treppe hoch. Michael und Zoe saßen in dem Separee am Tisch. Zoe malte, und Michael unterhielt sich mit dem Kellner, der scheinbar sonst nichts zu tun hatte. Als wir nach oben kamen, sprang er auf und räumte hastig den benutzten Teller weg.

»Was für ein hübscher Bursche«, raunte Michael mir zwinkernd zu, als er sich zu uns gesellte.

Ich musste grinsen und griff nach Zoes Hand.

»Denkt über mein Angebot nach.«

»Das werden wir«, sagte Dorian überraschenderweise und zauberte damit ein erleichtertes Lächeln auf Vincenzos Züge.

Erst da wurde mir klar, wie angespannt Vincenzo die ganze Zeit gewesen war. Und dass er bis eben gedacht hatte, wir würden ihn vernichten. Dabei hatte Dorian ihm nicht gedroht und sich zivilisiert und wohlmeinend benommen. Manchmal fragte ich mich, was für Geschichten über Dorian in der Welt der Vampire kursierten.

Wir gingen, wie wir gekommen waren. Zusammen. Auch wenn ich ahnte, dass Eric und Jayden gern länger geblieben wären.

 

»Was hat Vincenzo damit gemeint, dass nach dem Durst der Hunger kommt?«, fragte ich Dorian unterwegs.

Jayden warf uns einen schnellen Blick im Rückspiegel zu. Eric und er saßen vorn, Michael und Zoe hinten uns gegenüber. Michael lachte leise und machte ein wissendes Gesicht.

Dorian seufzte und beugte sich zu mir. Er flüsterte mir ins Ohr, damit Zoe nicht alles hören konnte. »Jeder Vampir verspürt, sobald der Blutdurst gebändigt ist oder manchmal auch schon währenddessen, ein anderes Verlangen. Das kann sich unterschiedlich äußern. Manche Vampire gehen bis an die Grenze ihrer Unverwundbarkeit. Andere haben das Verlangen, zu töten. Wieder andere haben mehr Lust. Auf Sex. Vielleicht auch auf andere Praktiken.«

Ich wusste nicht so recht, was ich mit der Antwort anfangen sollte, denn auf mich traf keins der Dinge zu. Ich war stets durstig, aber ich hatte weder das Bedürfnis, mich zu malträtieren noch andere zu töten. Dass ich bei einem so gut aussehenden und aufregenden Mann wie Dorian mehr Lust hatte, lag bestimmt nicht daran, dass ich ein Vampir war. Unser Sex war von Anfang an umwerfend gewesen. »Was war es bei dir?«, fragte ich ihn.

Dorian seufzte. Sein Atem kitzelte mich im Nacken. Wir kannten uns nun über sieben Jahre. Nach der Sache bei Richard waren wir keinen Tag mehr getrennt gewesen, und doch erregte mich seine Nähe noch wie am ersten Tag. Er sog meinen Duft ein, wie er es so oft schon getan hatte, und seufzte erneut. »Das Töten.« Seine leise Stimme klang rau und tiefer als sonst. Lustvoller. Als dachte er an etwas Schönes zurück.

Mir lief ein kalter Schauder über den Rücken.

Seit die anderen bei uns waren, wir zu einem Clan, einem Familienverbund geworden waren, zeigte Dorian immer öfter seine Vampirseite. So hatte ich ihn vorher nicht gekannt. Zu Anfang war ich überrascht, wie hart und unnachgiebig er sein konnte. Jayden hatte mir erzählt, dass Dorian Eric fast umgebracht hatte, nachdem ich diesen fürchterlichen Absturz hatte. Ich hatte Dorian daraufhin zur Rede gestellt, und er hatte mich so wütend und bedrohlich angefahren, dass ich einen Moment Angst vor ihm hatte. Es war nur ein kleiner Moment, denn ich wusste, er würde mir niemals etwas tun, aber er war da gewesen. Und Dorian hatte es gesehen. Entschuldigt hatte er sich dafür nicht.

»Wirst du Vincenzos Einladung annehmen?«, fragte Jayden.

»Weiß ich nicht«, erwiderte Dorian brummig, sah Zoe an und lächelte. »Ich bin lieber zu Hause – mit meinem kleinen Engel. Komm her und wärm deinen alten Vater ein bisschen.«

Zoe hüpfte lachend zu ihm auf den Schoß und schmiegte sich an ihn. »Die Väter der anderen Kinder sehen alle viel älter aus als du«, sagte sie und grinste.

Die beiden machten sich immer einen Spaß daraus, zu raten, wie alt andere Leute waren. Dann rechneten sie aus, wie viel älter Dorian war. Oder Michael. Oder Jayden. Dorian hatte manchmal einen seltsamen Humor, den Zoe teilte. Er bettete ihren Kopf an seinen Hals und strich ihr über die langen dunklen Haare. Sein Blick nahm einen verträumten Ausdruck an, wie jedes Mal, wenn er sie im Arm hielt. Er liebte sie wie seine eigene Tochter, obwohl sie Eric so ähnlich sah. Genau deshalb hasste Dorian ihn wohl auch so. Eric hatte mir etwas gegeben, was er mir nie würde geben können.

 

»Du hast heute wunderschön ausgesehen in dem Kleid«, raunte er mir zu, als wir einige Zeit später in unserem Himmelbett lagen.

Er angelte einen roten Pumps von der schneeweißen Bettdecke. »Und in diesen Schuhen. Du solltest öfter so hohe Absätze tragen.«

Ich lachte und sah ihn an. »Du traust Vincenzo nicht, oder?«

Dorian seufzte und zog mich zu sich auf seine harte Brust. »Nein, aber er ist harmlos. Du hast nichts zu befürchten, wenn wir wieder hingehen.«

Ich fuhr überrascht hoch. »Willst du seine Einladung annehmen?«

»Nein. Aber du.« Dorian lächelte nur. Wissend und liebevoll. Er zog mich wieder an sich und küsste mich.

»Vielleicht wird es dir guttun. Zur Entspannung. Oder …«

»Oder was?«, fragte ich und machte mich los, um ihn ansehen zu können.

»Wie viele Männer hast du gehabt, seit du ein Vampir bist?«

»Was?« Ich wurde augenblicklich wütend. Diese Wut zu kontrollieren war das Erste, was ich hatte lernen müssen. Und das Schwierigste. Es gelang mir nicht immer. Wenn ich richtig in Rage geriet, geriet alles außer Kontrolle. Deshalb nahm es keiner auf die leichte Schulter, wenn ich böse wurde. Es war nun nicht so, dass mich alle mit Samthandschuhen anfassten, aber sie waren auf der Hut und riefen mich jedes Mal sofort zur Ruhe. Vor allem, wenn Dorian nicht in der Nähe war. Dorian war der Einzige, der sich in meinen Kopf einschleichen und mich zur Besinnung bringen konnte.

---ENDE DER LESEPROBE---