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Die Schicksale von Louisa und Dorians Nebenbuhler Eric sind plötzlich fest miteinander verbunden. Ausgerechnet er lenkt erneut feindselige Vampire auf Dorians Fährte. Dieses Mal steckt ein ganzer Vampirbund dahinter, der ein für Vampire tödliches Gift entwickelt hat und Jagd auf die Alten macht, sprich: auf Dorian. Als er auszieht, um dieses Vampirnest auszulöschen, passiert das Unfassbare. Louisa gerät in die Fänge eines anderen uralten Vampirs und bekommt das geboten, was sie sich am meisten wünscht: Ein normales Leben. Um sie zu retten, muss sich Dorian mit seinen Feinden zusammentun und ihnen vertrauen. Wird es ihm gelingen? Lesermeinungen „Wahnsinn, Wendungs- und Ereignisreich, zum niederknien.“ „Band 2 ist noch besser, noch atemberaubender , tiefgründiger und spannender.“ „Ich war beeindruckt von der Tiefe und Entwicklungsfähigkeit der Charaktere“ „Bei den Protagonisten hat Sandra Florean in meinen Augen ein wahres Kunstwerk vollbracht.“ „Außergewöhnlich und originell.“
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Veröffentlichungsjahr: 2022
Sandra Florean
Bluterben
Das Buch:
Die Schicksale von Louisa und Dorians Nebenbuhler Eric sind plötzlich fest miteinander verbunden. Ausgerechnet er lenkt erneut feindselige Vampire auf Dorians Fährte. Dieses Mal steckt ein ganzer Vampirbund dahinter, der ein für Vampire tödliches Gift entwickelt hat und Jagd auf die Alten macht, sprich: auf Dorian. Als er auszieht, um dieses Vampirnest auszulöschen, passiert das Unfassbare. Louisa gerät in die Fänge eines anderen uralten Vampirs und bekommt das geboten, was sie sich am meisten wünscht: Ein normales Leben.
Um sie zu retten, muss sich Dorian mit seinen Feinden zusammentun und ihnen vertrauen. Wird es ihm gelingen?
Die Autorin:
Sandra Florean wurde 1974 in Kiel geboren, wo sie auch aufwuchs. Nach ihrer Fachhochschulreife absolvierte sie eine kaufmännische Ausbildung und arbeitet als Sekretärin.
Zum Schreiben kam sie bereits als Jugendliche, wobei Fantasy und Vampire schon immer ihre Leidenschaft waren. Seit ca. 2011 widmet sie sich ihren erdachten fantastischen Welten intensiver, veröffentlicht regelmäßig in unterschiedlichen Verlagen und ist zudem als Herausgeberin und Lektorin tätig. Ihr Debüt »Mächtiges Blut« wurde auf dem Literaturportal Lovelybooks zum besten deutschsprachigen Debüt 2014 gewählt. 2018 wurde sie für ihre Tätigkeit als Herausgeberin von „The U-Files. Die Einhorn Akten“ mit dem Deutschen Phantastik Preis für die beste Kurzgeschichtensammlung 2018 geehrt. Mehr über die Autorin: www.sandraflorean-autorin.blogspot.de
Bluterben
Nachtahn 2
Sandra Florean
Roman
Neuauflage
Bluterben – Nachtahn 2
Sandra Florean
Copyright © 2021 Sandra Florean
Südring 71, 24222 Schwentinental
Copyright © 2014 at Bookshouse Ltd.,
Bildnachweis: Pixabay: AlLes,
IStock: Katie_Martynova
Lektorat/Korrektorat: Bookshouse Ltd.
Satz: Sandra Florean
www.sandraflorean-autorin.blogspot.de
Urheberrechtlich geschütztes Material
Table of Contents
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Die Autorin
Titel
Impressum
1
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22
Nachwort
1
»Moment!« Ich packte Louisa bei den Schultern. »Sag das noch mal.«
Sie sah unglücklich und grimmig zugleich zu mir auf. »Es kann nicht von dir sein. Es muss …«
»Nein, nein. Das andere!«
»Ich bin schwanger. Von Eric.« Sie spie mir die Worte entgegen, als wolle sie »So, das hast du nun davon!« sagen.
Das war mehr als ein Schlag ins Gesicht. Hatte ich nicht geahnt, dass wir diesen Mistkerl nicht loswürden? Aber so deutlich hätte sie es nicht sagen müssen.
Ich wollte nur von meiner Freundin hören, dass sie ein Kind erwartete. Für einen Moment glauben, es wäre von mir. Nur einen winzig kleinen Augenblick vergessen, dass ich ein Vampir war. Ein totes Geschöpf, das kein Leben zeugen konnte.
»Sag doch was.« Sie sah mich hilflos an.
Ich seufzte und streichelte ihr über die Arme, aber ich wusste nicht, was ich antworten sollte. Wir hatten natürlich nie über Kinder gesprochen. Ich hatte mich längst damit abgefunden, niemals leibliche Kinder zu haben. Wenn ich dieses Daseins überdrüssig würde, was, Gott verhüte, in absehbarer Zeit nicht geschah, würde ich mir einen würdigen Nachfolger suchen und ihm alles beibringen, was ich wusste. So, wie mein Schöpfer es mit mir gemacht hatte. »Ich weiß nicht, was ich sagen soll.«
»Ich kann das Kind nicht bekommen.«
Ich sah, dass sie noch keine Entscheidung getroffen hatte. Es war ihre Art, mir zu sagen, dass sie darüber reden wollte. »Und warum nicht?«
»Das wäre … nicht richtig.«
Ich schüttelte innerlich den Kopf. Nicht richtig? Was meinte sie nun wieder? Sie war mit einem Vampir zusammen, von dem sie keine Kinder bekommen würde. Das war nicht richtig. »Hättest du gern Kinder?«
»Weiß ich nicht.« Tränen stiegen ihr in die Augen.
Sie sollte keine für sich falsche Entscheidung treffen. Wenn sie einen Kinderwunsch hegte, und wäre er noch so verborgen, wäre das hier wahrscheinlich ihre einzige Chance. Sie würde kaum wieder mehr oder weniger unfreiwillig mit einem zeugungsfähigeren Kandidaten als mir schlafen. Und dass sie mich jemals verließ, war eine Möglichkeit, die ich nicht in Betracht zog. »Louisa, du weißt, dass du von mir niemals Kinder bekommen wirst.«
»Du verlangst doch nicht von mir, dass ich das Kind bekomme? Das Kind eines anderen!«
»Ich verlange nichts von dir, mein Engel. Ich will nur, dass du dir deine Entscheidung gut überlegst. Du weißt, dass ich alles für dich tun würde, aber das ist etwas, was ich dir nicht geben kann. Wenn du es nicht haben möchtest, verstehe ich dich und bin für dich da.«
»Und wenn ich es will?«
Sie sah unglücklich aus, dabei musste sie das nicht sein. Sie hatte schon so viel überstanden, da würde sie das hier auch nicht aus der Bahn werfen. Und wenn doch, war ich da, um sie wieder zurechtzuschubsen. »Auch dann bin ich für dich da.« Ich versuchte, mir nicht anmerken zu lassen, dass mir die Vorstellung, wir würden ein Kind zusammen haben, gefiel. Dass es nicht von mir war, ach, da wollen wir mal nicht so kleinlich sein. Es hätte schlimmer kommen können als mit diesem Blödmann Eric. Zumindest sah er einigermaßen ansprechend aus. Für einen Sterblichen.
Louisa seufzte und legte ihre Stirn an meine Brust. »Warum kann es nicht einfach von dir sein?«
»Würdest du es in dem Fall bekommen wollen?«
»Natürlich!«
Ich schwieg einen Moment. Vielleicht sollte ich ihr einen kleinen Schubs in die richtige Richtung geben? Ach, was soll’s. »Außer uns weiß es doch keiner.«
Sie schreckte hoch. »Da Eric weiß, was du bist, wird er sich das wohl ausrechnen können.«
»Ich dachte, der hat die Stadt verlassen. Außerdem glaube ich nicht, dass er sich einmischen würde.« Wenn doch, konnte ich ihn immer noch um die Ecke bringen.
Da war er wieder, dieser forschende Blick, mit dem Louisa mich ansah, als würde sie jede Antwort in meinem Gesicht finden. Ich wischte ihr sanft ein paar Tränen fort.
»Du würdest ein Kind akzeptieren, das nicht von dir ist?«
Ich umfasste ihr hübsches Puppengesicht und drückte ihr einen Kuss auf die Stirn. »Natürlich. Es ist ein Teil von dir. Ich würde es lieben, als wäre es mein Eigenes.«
Sie lächelte schwach und rieb sich die Schläfe, als würde ihr die Entscheidung Kopfschmerzen bereiten.
»Du musst das ja nicht sofort entscheiden. Schlaf eine Nacht drüber.«
Sie schüttelte den Kopf. »Nein. Ich hab’s satt, schlaflos im Bett zu liegen und über mein Leben nachzudenken. Ich will das nicht allein entscheiden. Das müssen wir zusammen tun.«
Wir zusammen. Ach, wie gut das klang! Im Grunde war ihre Entscheidung gefallen, das sah ich ihr an. Sie brauchte nur die Sicherheit, dass ich hinter ihr stand. »Willst du eine Abstimmung? Aber meine Stimme zählt doppelt, weil ich älter bin.«
»Dann will ich zwei Stimmen, weil ich es zur Welt bringen muss«, erwiderte sie und lachte, wurde jedoch sofort wieder ernst. »Denkst du, das Kind zu bekommen, ist eine gute Idee?«
Eine gute Idee? Nein, mit Sicherheit nicht. Aber, hey, was war im Leben schon eine gute Idee? Dass ich mich zum Vampir hatte machen lassen, war das eine gute Idee? Auf den ersten Blick nicht, trotzdem war es die beste Entscheidung, die ich hatte treffen können. War es eine gute Idee gewesen, dass ich unbedingt Louisas Herz für mich gewinnen wollte? Nein, es hatte ihr viel Schmerz eingebracht und mir auch. Dennoch war es jede Pein wert gewesen. Die meisten hervorragenden Dinge erwuchsen aus vermeintlich nicht besonders guten Ideen. »Auf jeden Fall«, antwortete ich und zauberte damit ein Lächeln auf ihr Gesicht. »Bekommen wir ein Kind?«
»Ja, wir bekommen ein Kind!«
Ich hob sie hoch und wirbelte sie im Kreis herum, und sie klammerte sich lachend an mich. »Ich werde Vater!« Eine unbändige Freude packte mich. Dass es nicht von mir war, störte mich nicht. Ich war nicht der Typ, der immer nach dem Haar in der Suppe suchte. Außerdem war Louisa meine Freundin, sie gehörte zu mir, und das Kind in ihrem Bauch auch. Mein kleiner Porzellanengel war schwanger! Unfassbar. Ich würde allerdings noch besser auf sie aufpassen müssen. Behutsam stellte ich sie wieder auf die Füße. »Ich hoffe, ich hab dich nicht zu fest gedrückt?«
»Du wirst mich jetzt aber nicht in Watte packen wollen, oder?« Sie grinste mich an. »Ich hab ein erstes Bild bekommen. Willst du es sehen?«
Ich nickte und sah mir das Schwarz-Weiß-Bild an, das sie aus ihrer Tasche kramte, und fragte mich, von was das wohl eine Abbildung war.
»Das ist ein Ultraschallbild. Das Weiße da in dem schwarzen Rund, das ist es.«
Ich nickte vielsagend. Es sah überhaupt nicht aus wie ein Mensch. Ich musste lachen und küsste sie. Ach, das Leben hielt viele tolle Überraschungen bereit! Louisa sah mich erleichtert, aber auch ein wenig skeptisch an und zum wiederholten Male wünschte ich mir, ihre Gedanken lesen zu können. Ich musste unbedingt einen Vampir oder Menschen finden, der das konnte, und sein Blut trinken.
*
Als der Arzt meine Befürchtungen bestätigte und mir den Beweis auf dem Ultraschallmonitor zeigte, war ich wie betäubt. Warum konnte sich das Schicksal nicht zwischendurch anderen zuwenden, um dort alles durcheinanderzubringen? So viel hatte ich bereits durchgestanden, ein bisschen Ruhe wäre schön gewesen. Ich konnte nicht sagen, warum ich das Kind dennoch bekommen wollte. Vielleicht war Dorians Reaktion ausschlaggebend. Ich hatte befürchtet, er würde vor Wut toben, weil er Eric verabscheute.
Aber für Dorian war immer alles leicht. Nichts schien ihn aus der Bahn zu werfen oder ihm auch nur Kopfschmerzen zu bereiten. Gewann man nach einigen Jahrhunderten auf dieser Erde an Leichtigkeit? Er nahm diese Neuigkeit, diese absurde Wendung des Schicksals freudestrahlend als neue Herausforderung an. Ich ahnte bereits, dass er sich dem genauso hingebungsvoll widmen würde wie allen anderen Dingen, bei denen ich ihn bisher beobachten konnte.
Eric war tatsächlich verschwunden und hatte sich nicht wieder gemeldet. Annie, die ich regelmäßig traf, erwähnte ihn gelegentlich, wenn er sich bei Josh von einer seiner Reisen gemeldet hatte. Sie bemerkte, dass es mich nicht interessierte, und ließ es sein. Auch wenn Eric mir leidtat, weil er mit niemandem teilen konnte, was er erlebt hatte, hoffte ich, dass wir ihn niemals wiedersehen würden. Mit wachsendem Unbehagen dachte ich daran, was passieren würde, wenn er erfuhr, dass ich schwanger war. Natürlich wüsste er sofort, dass es von ihm sein musste. Ich hatte keine Ahnung, wie er reagieren würde, und mochte auch nicht darüber nachdenken, dass er versuchen könnte, uns das Kind wegzunehmen. Und was Dorian wohl mit ihm anstellte.
*
Wenn Louisa zur Arbeit war, arbeitete ich die vielen Akten über meine diversen Firmen durch, um wieder auf dem neuesten Stand zu sein. Eine mühselige Arbeit, die mir schnell zum Hals heraus hing. Ich musste nach einem neuen Butler Ausschau halten. Mir war klar, dass das nicht leicht werden würde. James war nicht nur mein Butler gewesen, er war mein Zimmermädchen, mein Sekretär, mein Buchhalter und mein Freund. Und ein Genie. Er hatte ein fotografisches Gedächtnis und ein Gespür fürs Geschäft gehabt. Mir sagten die meisten Absender meiner Briefe nichts.
Das alles waren sensible Informationen und mussten mit Bedacht geteilt werden. Leider weigerte sich Louisa, diese Arbeiten zu übernehmen. Ich fand, es war eine brillante Idee, dass sie für mich arbeitete. Ich hätte jemanden, der das machte, was mir nicht lag, und ich hätte Louisa die ganze Zeit bei mir. Selbstverständlich würde sie ihre bisherige Anstellung kündigen müssen. Bei mir hätte sie einen sicheren Job, denn mein Imperium würde nicht so schnell pleitegehen, und, sobald sie bei mir eingezogen war, einen kurzen Weg zur Arbeit.
Wie so oft sah Louisa die Dinge weniger praktisch. Sie schlug mir stattdessen ihre Freundin Annie vor, die über die gleiche kaufmännische Ausbildung verfügte. Ich versprach halbherzig, darüber nachzudenken, und verlegte meine Bemühungen ins Schlafzimmer, um sie in einem dieser ekstatischen Momente zumindest davon zu überzeugen, endlich bei mir einzuziehen. Sie blieb standhaft und wehrte jedes Mal lächelnd ab.
Eines Abends, wir waren schwimmen, verließ Louisa als Erste das Becken. Ich betrachtete sie verzückt, beobachtete die kleinen Rinnsale, die ihren noch immer schlanken Körper hinunterliefen. Sie trocknete sich die langen Haare ab und wickelte sie in ein Handtuch. Wenn sie die Haare hochgesteckt trug, sah sie wirklich aus wie ein Engel. Aber vielleicht ließ die Schwangerschaft sie auch strahlen.
»Du hast mich heute noch nicht gefragt, ob ich zu dir ziehen will.« Ihr Lächeln hätte den Nordpol zum Kochen bringen können.
»Louisa, ziehst du endlich bei mir ein?« Ich warf mich nach hinten ins Wasser, bis meine Ohren untergetaucht waren. Dann konnte ich sie nicht mehr hören, denn ich kannte die Antwort bereits. Irgendetwas fiel neben mir ins Wasser. Ich schreckte hoch.
Louisa stand am Beckenrand und hatte einen der gepolsterten Kleiderbügel nach mir geworfen. »Du hörst mich ja gar nicht.« Sie stemmte die schlanken Arme in die Hüften.
Ich versank in den Fluten meines Schwimmbads und tauchte zum Rand. Mit einem einzigen kraftvollen Satz sprang ich aus dem Wasser und landete tropfend vor ihr. »Um wieder dein Nein zu hören?« Ich gab ihr einen Kuss auf die Nasenspitze, ging zu meiner Liege und rubbelte mir die nassen Haare ab.
»Und wenn es dieses Mal ein Ja war?«
Ach, jetzt verhöhnte sie mich auch noch. Das geschah mir recht. Was war aus mir geworden? Aus Dorian, dem ältesten und gefürchtetsten Vampir des Kontinents? Ach, was rede ich: der ganzen Welt. Ein liebeskranker Konservenbluttrinker! »War es eins?« Ich warf ihr über die Schulter hinweg einen Blick zu. Sie strahlte mich an und war so unglaublich schön dabei! Hatte ich tatsächlich die letzte Hürde gemeistert? Mit großen Schritten ging ich zu ihr und hob sie hoch. »Du ziehst bei mir ein?«
Sie nickte lächelnd auf mich herab.
»Du weißt, dass ich ein Vampir bin? Willst du wirklich mit einem Vampir zusammenleben? Dir ist schon klar, dass ich dich nie wieder gehen lassen werde? Du weißt zu viel und bist eine Gefahr für die nationale Sicherheit.«
Louisa schüttelte den Kopf und lachte. »Ach, Dorian, du guckst zu viele Filme.«
Ich strahlte sie an. »Das ist das größte Geschenk, das du mir machen kannst. Also mal von dem kleinen Leben abgesehen, das in dir heranwächst. Vielleicht lässt du mich auch irgendwann …?«
Sie legte mir einen Finger auf den Mund und schüttelte den Kopf. »Du weißt, ich will das nicht. Jetzt erst recht nicht. Ich ziehe auch ohne Gegenleistung bei dir ein.«
Ich hatte nicht ernsthaft vor, sie zu einem Vampir zu machen. Bisher hatte ich den Gedanken immer weit weggeschoben und das tat ich auch jetzt und küsste sie. Mein Glück war perfekt. Hoffte ich zumindest, aber wir wissen ja alle, wie das mit dem Hoffen läuft.
Man rechnete unbewusst mit dem Gegenteil.
*
Jayden stand in der historischen Einkaufspassage an eine Marmorsäule gelehnt und betrachtete das rege Treiben um sich herum. Er trug einen schwarzen Anzug nach neuester Mode und teure Lederschuhe. Die strohblonden Haare hatte er sorgfältig zurückgekämmt. Sein Blick schien gelangweilt umherzuschweifen. Er stieß sich von der Wand ab und glitt mit geschmeidigen Bewegungen in den Strom der Kaufwilligen hinein. Hier und da drehten sich ein paar Köpfe nach ihm um. Sein Blick war plötzlich auf etwas vor ihm gerichtet. Er hatte sein Opfer für diesen Abend gefunden und folgte ihm hinaus auf den Domplatz und auf die geöffneten Türen der prächtigen Kirche zu.
Die Sonne war bereits untergegangen, dennoch war es angenehm mild. Er liebte das warme Wetter im Süden, die temperamentvollen Frauen und deren Blut. Sein Opfer beobachtete er seit Wochen. Er wusste, wo sie wohnte, was sie arbeitete, wer ihre Freunde waren. Ob sie Kinder oder Haustiere hatte, Kaffee oder Tee trank und dass sie ihren Mann vor einigen Wochen verloren hatte.
Woher er das wusste?
Er hatte ihn getötet.
Behände wich er einem Touristen aus, der rückwärtsgehend den richtigen Winkel zum Fotografieren des berühmten Bauwerks zu finden hoffte. Lautlos folgte er seinem Opfer, einer dunkelhaarigen Schönheit mit teuren Schnürpumps und noch teurerem Businesszweiteiler, in die Kirche. Sie bekreuzigte sich vor dem Altar, nahm an der Seite eine Kerze und zündete sie an. Sie setzte sich auf die vorderste Bank und murmelte vor sich hin. Jayden sank auf eine Bank hinter ihr. Nach wenigen Minuten stand sie auf, bekreuzigte sich erneut und schritt an ihm vorbei. Diese Szene hatte er etliche Male miterlebt. Heute sah er ihr in die Augen. Sie entdeckte ihn und senkte verlegen den Blick.
Sie hatte große braune Augen mit dichten, langen Wimpern und einer so tiefen Traurigkeit, dass ihn eine freudige Erregung befiel. Von anderen Passanten ungesehen, folgte er ihr und sprach sie nach einigen Hundert Metern an. Er schmeichelte ihr und lullte sie geschickt ein. Es war ein kurzer Wortwechsel über wenige Meter auf dem Weg zu ihrer Wohnung. Als sich Jayden verabschieden wollte, hielt sie ihn zurück und lud ihn zu sich ein. Dass er damit gerechnet hatte, ahnte sie nicht.
Als er sich kurze Zeit später in ihrem Bett über sie beugte, ahnte sie ebenfalls nicht, dass er nicht nur vorhatte, mit ihr zu schlafen. »Willst du wissen, wer deinen Mann umgebracht hat?« Er richtete sich auf und entblößte seine spitzen Eckzähne in einem Lächeln. »Das war ich.« Er legte ihr einen Finger auf die Lippen und bedeutete ihr mit einem intensiven Blick, den Mund zu halten.
Die Frau riss die Augen auf. Unfähig zu schreien, war sie gezwungen, ihn anzusehen und seinen Worten zu lauschen. Er erzählte ihr in allen Einzelheiten, wie er ihren geliebten Mann getötet hatte. Dabei nahm er sie so sanft und liebevoll, dass sich ihm ihr Körper ohne ihr Zutun entgegendrängte und sie vor Wonne aufstöhnen ließ.
Jayden ergötzte sich an ihrem Grauen und ließ sich ihr Blut schmecken. Das Blut eines zu Tode erschreckten Sterblichen schmeckte süßer, vor allem, wenn man es langsam genoss.
Gesättigt sank er neben ihr in die Kissen. Sie lebte noch. Aus Gewohnheit hatte er etwas übrig gelassen. Für Jil. Die nicht mehr bei ihm war. Er hatte nichts mehr von ihr gehört und war zu stolz, um nach ihr zu suchen. Immerhin hatte sie ihn im Stich gelassen. Jayden hatte Trudy von Anfang an nicht leiden können. Zum wiederholten Male überlegte er, ob er Mary anrufen und sich nach seiner Schwester erkundigen sollte. Er bezweifelte nicht, dass Mary den beiden wie abgemacht geholfen hatte, an den Alten heranzukommen. Irgendetwas an der Art, wie sie seinen Namen wiederholt und wie sich ihre Stimme dabei verändert hatte, hatte ihn aufhorchen lassen. Mary kannte diesen Dorian, Jayden wusste nur nicht, woher, und wie sie zu ihm stand. Es war ihm auch egal. Er hatte zu lange unter Marys Einfluss gestanden. Das wollte er nicht noch einmal riskieren.
Er war nach Norditalien gereist, wo er in seiner Kindheit viele glückliche Stunden verbracht hatte. Wochenlang hatte er sein Opfer beschattet. Um sich abzulenken, aber auch, weil er es liebte, sich immer wieder zu zügeln. Ihren Ehemann zu töten, war ein Versehen gewesen und sonst nicht seine Art. Er sorgte sich um seine Schwester, auch wenn er sich das ungern eingestand.
Jayden wälzte sich in dem bequemen Bett herum. Nach all den Wochen der Vorfreude war die Show viel zu schnell vorbei gewesen. Sein Opfer war hübsch. Anders als seine blonde Schwester, aber mit einem wohlproportionierten Gesicht und langen, schmalen Armen und Beinen. Sie erinnerte ihn an ein Mädchen aus seiner Vergangenheit. Vielleicht hatte er sie deshalb ausgewählt.
Er beschloss, wenn er bis Ende des Jahres nichts von Jil hörte, nach ihr zu suchen. Sie würde nicht merken, dass er da war. Auch wenn Mary ein Scheusal war, die Fähigkeit, sich vor anderen Vampiren zu verbergen, hatte er von ihr bekommen. Bedauerlich, dass Jil es nicht geerbt hatte.
2
Es dauerte, bis Louisa tatsächlich bei mir einzog. Ich war mir nicht sicher, ob sie mich absichtlich hinhielt. Vielleicht gab es eine Frist zu wahren, ehe man zusammenziehen konnte, ohne dass sich Freunde und Bekannte darüber wunderten. Mir war es egal. Ich hatte ihre Zusage, das reichte mir. Irgendwann war es so weit, und sie brachte ihre restlichen Sachen in einer Reisetasche mit und hielt mir ihre offene Hand hin.
»Wenn ich hier wohnen soll, brauch ich die Codes für die Türen.« Ich sagte sie ihr. Sie schüttelte den Kopf. »Das kann ich mir nicht merken. Schreib sie mir auf.«
Ich musste lachen. »Louisa, das sind Sicherheitscodes. Ich kann sie dir nicht aufschreiben. Das widerspricht ein bisschen dem Sicherheitsgedanken dahinter. Du könntest den Zettel verlieren.«
Sie zog einen Schmollmund.
»Ich helfe dir beim Lernen. Bis dahin bleibst du am besten hier drinnen.« Schnell sprang ich weg, bevor sie mir mit ihrem Ellenbogen in die Seite stoßen konnte. Ihr Lachen klang durch die Eingangshalle und erfüllte das Haus mit ganz neuem wundervollem Leben.
Mit ihr an meiner Seite, jeden Tag, begann die schönste Zeit in meinem langen Dasein. Sie war stets bei mir, selbst wenn sie nicht im Haus verweilte. Überall hing ihr Duft in der Luft und in jedem Zimmer fand ich Dinge von ihr. Es herrschte wieder Ordnung. Ich musste gestehen, dass ich Unordnung nicht ausstehen konnte, mich aber nicht in der Lage sah, sie zu beseitigen. Es war nicht so, dass ich nicht gewollt hätte, aber es war müßig, würde es doch nach kürzester Zeit wieder genauso unordentlich sein. Dieses ständige Dinge-wieder-an-ihren-Platz-bringen ging mir schlichtweg auf die Nerven. Ich stellte eine Putzfrau ein, die den Schmutz beseitigte, aber es war Louisa, die dafür sorgte, dass die Dinge an ihren Platz kamen.
Leider wollte sie noch immer nicht für mich arbeiten und war deshalb viel zu viel außer Haus. Langsam gewöhnte ich mich daran, den Schreibkram zu erledigen. Es war jedoch mehr wie eine kahle Stelle auf dem Kopf, an die man sich gewöhnte, weil man nichts dagegen machen konnte.
Noch ein Vorteil brachte das Zusammenleben: Ich konnte wieder regelmäßig trinken und schlafen. Wenn Louisa schlief oder auf der Arbeit war, begab ich mich in meine Betthöhle. Ich stellte mir einen Wecker und schlief nie mehr als vier Stunden und auch nicht jeden Tag. Das war eine angemessene Zeit, um mich zu entspannen, und nicht so lang, dass Louisa in der Zeit etwas geschehen konnte. Wobei ich leichter in den Schlaf kam, wenn ich sie oben im Bett wusste.
Ich hatte bis auf die Putzfrau und einen Koch keine neuen Sterblichen eingestellt. Bei allen Angestellten achtete ich für gewöhnlich darauf, dass sie mich nicht zu Gesicht bekamen. Ich rief sie über die Haustelefone an oder schrieb ihnen Nachrichten. Das war bei unserem Koch nicht leicht, da er immer im Haus war, wenn Louisa hier war. Sobald sie hier war, wollte ich natürlich Zeit mit ihr verbringen. Glücklicherweise ging der gute Mann seiner Arbeit nach, und wenn er das Essen servierte, war er zurückhaltend und verschwand schnell wieder an seinen Arbeitsplatz. Louisa war diejenige, die ihn lobte und Menüwünsche äußerte. Ich blieb außen vor, und Henri störte sich nicht daran.
Obwohl sie Henris Dienste gern in Anspruch nahm, nahm sie alles, was ich ihr schenkte, was ohnehin nicht viel war, eher widerwillig an. Sie war nicht der Typ Frau, der mit Kleidern, Schuhen und Schmuck glücklich zu machen war. Es war ihr unangenehm, wenn ich ihr etwas kaufte, und sie bat auch nie um etwas.
Aber ein Auto ließ sie mich kaufen. Das nahm sie nur an, weil ihr meine Sportwagen zu schnell waren. Mir natürlich auch. Damit konnte man leicht einen Unfall bauen, was mir auch schon passiert war. Ich jedoch konnte einfach ein, zwei Minuten liegen bleiben, aus dem zerbeulten Blechhaufen aussteigen, und alles war wieder in Ordnung. Ich kaufte ihr einen Audi A1, der sah nicht so abscheulich aus wie die anderen Stadtautos, und es gab ihn in Blutrot. Ich hatte gelesen, dass die Menschen unbewusst im Straßenverkehr mehr auf rote Autos achteten. Genau richtig für meine Louisa. Außerdem ließ ich ihn drosseln, auch wenn ich bei meinem Mechaniker damit auf Unverständnis stieß.
Selbst das Auto wollte sie bei mir abbezahlen mit dem Geld, das sie für die Untervermietung ihrer Wohnung bekam. Sie war entzückend und hatte wohl keine Ahnung, was mich der Audi in dieser speziellen Sonderausstattung gekostet hatte, und wie lange sie daran würde abzahlen müssen.
Einen Laptop ließ sie sich bereitwilliger von mir schenken, aber auch nur, weil sie immer über ihren alten schimpfte, und ich es irgendwann nicht mehr hören konnte und ihn wegschmiss. Manchmal verbrachte sie Stunden vor dem Ding und schrieb. Ich wusste nicht, was sie da schrieb und fragte auch nicht. Wenn sie es mir zeigen wollte, würde sie es schon tun.
Ich ließ sie noch immer ungern allein raus, aber wenn ich es tat, war es zu schön, wenn sie mich von draußen bat, sie hereinzulassen, weil sie wieder einmal den Sicherheitscode vergessen hatte. Ich bekam ein Gespür dafür, wann sie nach Hause kam. Zuerst waren es Ahnungen, doch mit der Zeit spürte ich, sobald sie in der Nähe war. Vielleicht hörte ich es auch am Klang ihres Autos. Manchmal versteckte ich mich draußen und beobachtete sie, wie sie mit der Tastatur schimpfte, als könnte die etwas dafür, dass sie sich die Zahlenkombination nicht merken konnte. Wie sie nach mir rief, die Hand in die Seite gestützt, war entzückend. Ich liebte sie wirklich über alles.
*
Annie lag mir seit meinem Umzug zu Dorian damit in den Ohren, dass wir eine Poolparty veranstalten sollten. Ich lebte mit einem Vampir zusammen. Das konnte ich Annie nicht erzählen, aber ich wollte sie nicht länger ausschließen. Immerhin war sie meine beste Freundin. Also luden wir sie und Josh zu uns auf einen Fernsehabend ein.
Pünktlich um acht Uhr klingelten die beiden am äußeren Tor. Ich hatte Dorian gebeten, es nur dieses eine Mal offen zu lassen, damit sie nicht schon eingeschüchtert hier ankamen, aber er ließ sich auf keine Diskussion ein. Wir begrüßten die beiden in der Eingangshalle, die nicht mehr so leer war, weil ich dort ein paar der antiken Möbelstücke platziert hatte. Dorian hatte den Arm um mich gelegt und war bester Laune. Ich sah diesem Treffen eher mit gemischten Gefühlen entgegen. Obwohl sich Dorian ungeniert in der Öffentlichkeit bewegte, hatte ich immer Angst, er würde entdeckt.
»Willkommen in meinem bescheidenen Heim«, empfing er die beiden und gab erst Annie und dann Josh die Hand.
Ich verdrehte die Augen, aber weder das noch Dorians Worte schienen bei meiner Freundin angekommen zu sein. So wie ich vor einiger Zeit, stand sie mit offenem Mund in der Halle und starrte auf den riesigen Kronleuchter an der hohen Decke.
»Wie habt ihr den denn da hochgekriegt? Mit einem Kran?«
»Schön, dass ihr gekommen seid.« Ich zog sie lachend ins Wohnzimmer.
Sie sah sich neugierig um. »Hey, das wollte ich mir auf keinen Fall entgehen lassen. Wow, ihr habt ja eine Menge … Platz.«
Dorian und Josh folgten uns.
»Setzt euch bitte. Kann ich euch was zu trinken anbieten?«, fragte Dorian.
»Ich nehme ein Bier«, antwortete Josh und ließ sich in einen der großen Sessel fallen. »Schön habt ihr’s hier«, fügte er hinzu und es klang so, als dachte er, er müsste etwas Derartiges sagen. Obwohl Dorian genau genommen sein Boss war, konnte Joshua das trennen.
Dorian holte aus der Küche ein Bier für Josh, eine Flasche seines Lieblingswhiskeys und zwei Gläser. Mittlerweile kannte er sich in seinem Haus so gut aus, wie es sein sollte. Auch wenn er mit einem Lächeln zurückkam, wusste ich, dass er das lieber einen Butler machen ließ. Er war sich nicht zu schade dafür, aber es langweilte ihn, wie er sagte, und er wollte seine kostbare Zeit nicht mit solchen Nichtigkeiten verschwenden. Manchmal fragte ich mich, ob Dorian als Mensch schon sonderbar war, oder ob die Zeit ihn so hatte werden lassen. Jemanden nach über sechshundert Lebensjahren von kostbarer Zeit reden zu hören, war verrückt.
Ich nahm Annie bei der Hand, und wir gingen lachend durchs Haus. »Da ist das Bad und hinter der Tür ist Dorians Arbeitszimmer. Dort geht es nach unten in die Garage und den Weinkeller, wobei da überwiegend Dorians Whiskey lagert.« Ich zog sie mit nach oben und zeigte ihr das Zimmer, das Dorian für mich vorgesehen hatte, und das ich nicht nutzte, und die Gästezimmer, die genauso wenig genutzt wurden.
»Es ist verrückt, dass du tatsächlich hier wohnst. Dieses Haus ist riesengroß! Und wie edel alles eingerichtet ist. Euer Ankleidezimmer ist so groß wie mein Wohnzimmer. Das ist echt der Hammer. Und Dorian, dieser wahnsinnig gut aussehende Kerl … Ich geb’s nur ungern zu, aber ich beneide dich. Hat Dorian vielleicht noch einen hübschen Bruder, der genauso viel Kohle hat?«
Wenn sie wüsste, wie alt dieser Bruder sein müsste. »Das Beste hast du noch nicht gesehen.« Ich zog sie wieder nach unten, um ihr die Schwimmhalle zu zeigen.
Wie erwartet, war sie sprachlos. Es war auch nicht nur ein Pool. Dieser Pool war wahrhaftig so groß wie das Becken einer öffentlichen Schwimmhalle. Trotzdem war genügend Platz für mehrere Liegen, einen Tisch und ein Regal für die Handtücher. Es war alles nicht mehr so akkurat zusammengelegt und drapiert, wie James es gemacht hatte, aber ich gab mein Bestes. Dorian war für solche Dinge nicht zu gebrauchen. Da war er ganz Mann.
»Um dich noch mehr zu schocken: Unter dem Haus ist eine Garage, in der weiß der Henker wie viele Luxuswagen stehen. Einer teurer als der andere. Wenn du ganz nach unten tauchst, kannst du durch ein Fenster einen Blick darauf werfen.«
»Und trotzdem wirkt Dorian, als wäre er völlig normal geblieben.«
Ich fand es beruhigend, dass meine Freundin meinen Vampirfreund als normal empfand. Die Tür zum Schwimmbad öffnete sich und Dorian lugte mit Josh herein.
»Es sind elf Autos, deiner nicht mitgezählt.« Er grinste mich an. »Ich wollte gerade mit Josh hinuntergehen und sie ihm zeigen. Wollt ihr mitkommen?«
Annie zog ein Gesicht, denn sie interessierte sich ebenso wenig für Autos wie ich.
»Nein danke, ich zeig Annie noch den Rest.«
»Wie ihr wollt«, sagte Dorian, kam zu mir und küsste mich, als wären wir allein. »Wir machen vielleicht noch eine Spritztour übers Grundstück.«
Ich sah seine Augen für einen winzigen Moment dunkel auflodern und musste lachen, weil ihn ein Kuss bereits erregte. Annie beobachtete uns mit großen Augen.
»Sie ist wundervoll, nicht wahr?«, raunte er ihr zu, schnappte sich Josh und ging mit ihm lachend wieder raus.
»Du hast sogar ein eigenes Auto?«
Annie wusste, dass ich mir bisher keines leisten konnte. »Ja, Dorian hat es gekauft. Seine Sportwagen sind alle zu schnell, damit möchte ich nicht fahren. Ehe er mir einen Chauffeur vorsetzt, hab ich mich darauf eingelassen. Ich zahl es ihm von dem Geld zurück, das ich für meine Wohnung bekomme.«
»Was das angeht, hast du dich nicht verändert. Wenn ich mich hier so umsehe, tut es ihm wohl nicht im Geldbeutel weh, wenn du das Auto als Geschenk annimmst.«
Ich zuckte die Schultern und wir gingen zurück ins Wohnzimmer.
»Ich hab dich noch nie so glücklich und entspannt gesehen. Dorian scheint dir gutzutun und dafür musste er sich nicht einmal die langen Haare abschneiden.«
Ich musste lachen und erinnerte mich, dass mich seine langen Haare zu Anfang abgestoßen hatten. Ich hatte mich schon immer an Kleinigkeiten festgehalten. Zum Glück war Dorian hartnäckig geblieben.
»Wenn ich all das hier geahnt hätte, hätte ich ihn an dem Abend im R7 doch angesprochen«, neckte mich Annie.
»Zu spät. Dorian gehört mir und das wird sich so schnell nicht ändern. Möchtest du einen Sekt trinken?«
Annie nickte und ich holte einen Piccolo und ein Glas aus der Küche und setzte mir Wasser für einen Tee auf.
»Du trinkst nicht mehr?«
Ich schüttelte den Kopf und sah weg, da ich ihr die Neuigkeit über meine Schwangerschaft lieber in Dorians Anwesenheit erzählt hätte.
»Das ist vernünftig. Ich kann mich noch gut an deinen Zusammenbruch erinnern. Das war echt nicht schön. Weißt du, ich hab schon länger darüber nachgedacht, ob ich dich mal darauf anspreche. Dass du zu viel getrunken hast und auch zu oft.«
»Wirklich?«
»Ich glaube, dir ist das nicht aufgefallen, aber im Gegensatz zu dir war ich nicht jedes Mal betrunken, wenn wir zusammen weggegangen sind. Ich bin froh, dass Dorian dich da rausgeholt hat, ehe es wirklich peinlich für dich geworden wäre.«
»Eigentlich war es mir schon peinlich genug.«
Annie sah mich nachdenklich an. »Du kannst dich wirklich nicht an den Abend erinnern, als wir Josh und Eric kennengelernt haben, oder?«
Ich verneinte.
»Absolut keine Erinnerung an dein Wetttrinken mit Josh? Oder deinen Tabledance? Und dass Eric dich mit Gewalt von dem Tresen zerren musste, ehe du dich blamiertest?«
Ich schüttelte entgeistert den Kopf.
»An dem Abend waren wir alle betrunken, aber du hast den Vogel abgeschossen. Es hat mich gewundert, dass du Eric nicht mit nach Hause genommen hast, so wild, wie ihr rumgeknutscht habt. Aber er war ja genauso betrunken. Da habt ihr, was das anging, gut zusammengepasst.«
Hitze stieg in mir auf, doch Annie grinste.
»Du kennst dich gut mit Autos aus.« Dorian und Josh kamen zurück und retteten mich damit aus dieser peinlichen Situation. »Das nächste Mal machen wir eine längere Tour.«
»Sehr gern«, erwiderte Josh, dessen Wangen vor Begeisterung glühten. Er setzte sich neben Annie und griff nach seiner Bierflasche.
Dorian gab mir einen kühlen prickelnden Kuss auf die Wange. »Tabledance?«, raunte er mir zu, und ich wusste, er hatte alles gehört.
Ich wurde rot.
Dorian setzte sich in den Sessel neben mir. Er ließ die Augenbrauen hüpfen, und ich konnte mir vorstellen, welches Bild ihm durch den Kopf ging.
»Ihr seht wirklich glücklich aus«, sagte Annie, die uns beobachtet hatte.
»Dafür haben wir auch allen Grund«, sagte Dorian und griff nach meiner Hand. »Louisa ist schwanger. Wir bekommen ein Kind.«
Annie fiel buchstäblich die Kinnlade hinunter. Josh stand auf und klopfte Dorian freundschaftlich auf die Schulter.
»Herzlichen Glückwunsch! Dir auch, Louisa.«
Ich nickte nur und sah Annie an.
»Das ist ja, äh, eine Überraschung.«
Ich konnte ihr ihre Bedenken förmlich ansehen und ahnte, wie das alles auf sie wirken musste. »Es war nicht geplant. Wir haben einmal nicht aufgepasst und da ist es halt passiert.« Die Wahrheit konnte ich ihr natürlich nicht erzählen.
»Tut mir leid«, sagte sie, stand auf und umarmte mich. »Damit hab ich nicht gerechnet. Du bist so schnell hier eingezogen, das hat mich schon überrascht. Meinen herzlichen Glückwunsch. Ehrlich. Euch beiden.«
Sie drückte mich und umarmte auch Dorian spontan, doch ihr zweifelnder Blick blieb. Als Dorian aufstand, um zur Feier des Tages eine Flasche Champagner aus dem Weinkeller zu holen, bat er Josh, ihn zu begleiten.
Kaum waren die beiden zur Tür hinaus, setzte sich Annie neben mich. »Bist du dir sicher, dass du das schon möchtest, Louisa?«
Ich seufzte und versuchte, ihre Bedenken, die ich gut nachvollziehen konnte, zu zerstreuen. Annie sah mich noch immer mit diesem Blick an, den ich schon so oft an ihr gesehen hatte. Sie machte sich Sorgen, ob ich die richtige Entscheidung getroffen hatte. Dafür mochte ich sie umso mehr. Irgendwann schien sie zu begreifen, wie ernst es mir war, und dass ich diese Entscheidung nicht leichtfertig getroffen hatte.
»Dorian muss wirklich der Richtige sein. Schau dich an, was er aus dir gemacht hat. Du warst so ängstlich und ernst seit der Sache mit Mick. Nun wirkst du zufrieden und unerschütterlich. Tut mir leid, dass ich skeptisch reagiert habe. Ich glaube, ich muss mich erst an diese neue Louisa gewöhnen. Die selbstbewusste, glückliche Louisa mit dem reichen Freund und bald auch mit Baby.«
Mir kamen die Tränen, und das lag nicht an den Hormonen, die seit einigen Wochen verrücktspielten. Als Annie mich lachend in den Arm nahm, fing ich richtig an zu weinen.
»Du musst doch nicht weinen.«
Doch ich konnte nicht anders, es kam einfach aus mir heraus. Ich hatte mich so oft bei Dorian ausgeweint, aber das war Annie, meine beste Freundin. Sie war diejenige, der ich bisher immer alles erzählt hatte, und es nun nicht mehr konnte. In dem Moment merkte ich erst, wie sehr sie mir fehlte. Dorians kühle Hand lag plötzlich auf meiner Schulter.
»Warum weint sie?«
Wir hatten ihn nicht hereinkommen hören. Natürlich nicht. Für gewöhnlich hielt er sich mit seinen Vampireigenarten zurück, wenn andere in der Nähe waren.
»Das sind nur die Hormone«, erklärte Annie und drückte mich fester, als wollte sie mich vor Dorian beschützen.
»Es geht schon wieder.« Ich befreite mich aus ihrer Umarmung und sah Dorian an. Er wirkte besorgt, fasste sich aber schnell wieder.
Auch wenn ich Annie nichts von dem erzählen konnte, was mir widerfahren war, redeten wir die halbe Nacht miteinander, ohne die Männer in unser Gespräch miteinzubeziehen. Annie erzählte mir von ihrem Zusammensein mit Josh, was sich in meinen Ohren harmonisch und vor allem sexgeladen anhörte. So kannte ich sie. Sie unternahmen viel mit Kelly, worüber ich mich wunderte, denn ich an ihrer Stelle hätte keine Lust, das dritte Rad am Wagen zu sein. Ich war froh, mit jemand anderem als Dorian über meine Schwangerschaft und die Wehwehchen, die mich seitdem plagten, zu reden.
Es war spät, als wir die beiden verabschiedeten.
Dorian sicherte wie immer die Tür und drehte sich mit einem schelmischen Grinsen zu mir um. »Ich wusste gar nicht, dass du Tabledance kannst. Das musst du mir unbedingt zeigen.« Er nahm mich auf den Arm und sprang mit einem Satz die Treppe hinauf und rannte ins Schlafzimmer. Er küsste mich stürmisch und machte sich gleichzeitig an meiner Hose zu schaffen.
»Dafür brauchen wir aber einen Tisch«, warf ich ein, als Dorian mich aufs Bett drängte.
»Vergiss den Tisch.«
Im Laufe der Wochen verschlimmerten sich die körperlichen Anzeichen, die sich bereits von Anfang an in Kleinigkeiten gezeigt hatten, und ich genoss Dorians Fürsorge. Die morgendliche Übelkeit ließ schnell wieder nach, aber ich wurde launisch und war zwischendurch so müde, dass ich mich kaum wachhalten konnte. Unser Koch verzweifelte fast an meinen Gelüsten. Wovon ich tagelang nicht genug bekommen konnte, verursachte mir von einem Moment auf den anderen Übelkeit.
Dorian bereitete sich, wie bei allem, was er tat, akribisch auf das Elternwerden vor. Ich sah ihn immer wieder über einem Buch über Schwangerschaft und Kindererziehung hocken. Er kam zu jeder Vorsorgeuntersuchung mit, auch wenn er sich in Gegenwart von Ärzten nicht wohlfühlte. Wie ein Kind starrte er fasziniert auf den Monitor und bat den Arzt jedes Mal, noch ein bisschen länger gucken zu dürfen. Ich war mir sicher, dass er meinen Gynäkologen mit seinem Vampirblick blendete.
Im Haus gab es genügend ungenutzte Zimmer, und wir hatten fürs Kinderzimmer das ausgewählt, das dem Schlafzimmer am nächsten lag. Ich musste Dorian zügeln, nicht sofort Möbel und Spielzeug fürs Kinderzimmer zu kaufen. Ich hatte gelesen, dass es Unglück brachte, das Kinderzimmer vor der Geburt einzurichten. Deshalb beharrte ich darauf, zu warten. Außerdem mussten wir abwarten, ob es ein Junge oder ein Mädchen würde. Ich wünschte mir ein Mädchen, weil ich hoffte, dass es nicht wie Eric aussehen würde. Dorian war das egal. Er war der glücklichste werdende Vater, den ich jemals erlebt hatte.
*
Louisa tat der Besuch ihrer Freundin gut, und ich mochte Josh. Sollte ich jemals eine freundschaftliche Beziehung zu einem Sterblichen anstreben, dann mit jemandem wie Josh. Ich lud sie erneut ein und ließ die beiden sogar bei uns übernachten. Was keine gute Idee war.
Am Morgen machte ich Annie das Angebot, für mich zu arbeiten. Sie war, wie erwartet, überrascht, aber da ich ihr wesentlich mehr zahlen würde als ihr bisheriger Arbeitgeber, wollte sie darüber nachdenken. Ihre Referenzen sprachen für sie, und als Louisas Freundin konnte ich ihr vertrauen.
Danach verabschiedete Louisa unseren Besuch. Ich hatte keine Zeit gehabt, mich noch einmal zu ihnen zu setzen, sondern hatte E-Mails zu beantworten. Das meiste waren Anfragen, die ich sofort löschen konnte. Aber es gab auch neue Personalberichte durchzuarbeiten. Da ich nicht ständig vor Ort sein konnte, bekam ich von allen Geschäftsführern einen Wochenbericht darüber, wer wie gearbeitet hatte und was es zu berichten gab. Ich las gerade den Bericht des Blutspendezentrums durch, als Louisa zu mir kam und sich auf meinen Schoß setzte.
»Sind sie weg?«, fragte ich, ohne den Blick vom Bildschirm zu wenden.
»Es war deine Idee, sie hier übernachten zu lassen.«
»Ja, das ist es auch nicht«, sagte ich und gab ihr einen Kuss auf die Wange. »Wusstest du, dass Joshua in meinem Blutspendezentrum arbeitet?«
»Ja. Wieso?«
»Ich hab Annie gefragt, ob sie für mich arbeiten will. Sie will es sich überlegen.«
»Na, das ist doch gut. Warum bist du dann so grimmig?«
Ich sah vom Monitor auf. War ich grimmig? Ja, das war ich wohl. Ich hasste diese Arbeit und ich vermisste James. Er hatte sich um diesen Mist gekümmert. Ich brauchte einen neuen James! Außerdem hatte ich die Nacht neben meiner schlafenden Freundin nicht genießen können, während ein paar Zimmer weiter zwei Sterbliche Dinge taten, die ich auch gern getan hätte. Und ich hatte Durst. »Ich hab Annie und Josh die ganze Nacht gehört.« Die Neugier hatte mich sogar an ihre Tür getrieben, die einen Spaltbreit offen gestanden hatte. Was ich gesehen hatte, hatte nicht dazu beigetragen, dass ich mich hatte entspannen können.
»Ich hab prima geschlafen«, erwiderte Louisa und schmiegte ihre warme Wange an meinen Hals.
»Ich weiß«, brummte ich und wollte sie von mir schieben, um mich wieder dieser lästigen Arbeit zu widmen. Nach den Wochenberichten musste ich einige Mahnungen überprüfen. Fürchterlich peinliche Angelegenheit. Ich hatte genug Geld, aber offenbar hatte ich ein paar Rechnungen übersehen. Oder sie steckten noch in den ungeöffneten Briefumschlägen.
»Wie lange sitzt du hier schon?«
»Keine Ahnung. Nachdem Annie das halbe Haus zusammen geschrien hat, bin ich runtergegangen.« Ich schloss den Bericht. Ich hatte ihn nur überflogen, aber das musste reichen.
»Armer Kerl. Komm, ich helfe dir.«
So kam es, dass Louisa aus Mitleid anfing, sich um meine Konten zu kümmern. Das war etwas, was ich Annie nicht anvertrauen würde. Es war besser, wenn nicht jeder wusste, wie zahlungskräftig man war. Und ich war verdammt zahlungskräftig. Louisa war meine Freundin. Sollte sie ruhig wissen, mit was für einem wohlhabenden Vampir sie ihr Leben verbrachte.
Sie überprüfte Zahlungsein- und -ausgänge und kümmerte sich um aufgelaufene Rechnungen und Mahnungen. Das war zum Glück nicht so viel, dass sie sich jeden Tag daran setzen musste, sondern hielt sie nur ein paar Stunden von mir fern. Annie überlegte es sich und fing an, stundenweise für mich zu arbeiten. So hatte ich endlich mehr Zeit für die wichtigeren Dinge im Leben. Geld wollte Louisa dafür wie erwartet nicht haben. Sie meinte, das wäre ihr Beitrag zur Miete. Das war egal. Ich hatte ihr bereits ein gut gepolstertes Konto eingerichtet und ihr eine Kreditkarte dafür gegeben, die sie jederzeit benutzen konnte.
Als sich nach meiner Stimmung auch das Wetter aufhellte, und es Sommer wurde, kam ich in den Genuss, Louisa tagtäglich leicht bekleidet herumlaufen zu sehen. Man konnte die Schwangerschaft nun deutlich sehen, und sie betonte sie mit engen Tops und Kleidern. Niemals hatte eine Schwangerschaft einer Frau so gut gestanden wie ihr.
Im Laufe des erstaunlich warmen Spätsommers hörte sie endlich auf, für diese Fremdfirma zu arbeiten. Ich hatte lange auf sie einreden müssen, aber nachdem es einige Tage sehr heiß war, und sie Kreislaufprobleme bekommen hatte, blieb sie zu meiner Freude daheim. Ich machte es ihr so bequem wie möglich, und unsere traute Zweisamkeit wurde weder von Eric noch von anderen Vampiren gestört. Nur Louisas Launen trübten unser Glück zwischenzeitlich und machten mich mitunter so wütend, dass ich nachts losgehen musste, um jemanden zu töten. Dabei wusste ich genau, dass es die Hormone waren, aber als sie mir eine Affäre mit ihrer Freundin Annie andichtete, nur weil wir über das Geschäftliche hinaus miteinander sprachen, und Annie bei einer dieser Gelegenheiten über einen meiner Scherze lachte, wäre ich fast verzweifelt. So kannte ich meine Louisa nicht, und sie machte es mir nicht leicht, sie von diesem Gedanken abzubringen. Zwei Tage später war jedoch alles wieder beim Alten, und sie verlor kein Wort darüber. Versteh einer die Frauen!
3
Als sich das Jahr dem Ende zuneigte, trug Louisa immer schwerer an ihrem Bauch. Sie schlief viel, war launisch und schimpfte darüber, dass es zu warm war im Haus. Doch wenn sie sich an mich schmiegte, und ich die Bewegungen unseres Kindes unter ihrer extrem gespannten Haut spürte, hätte ich platzen mögen vor Glück und Liebe. Für mich war es mein Kind, das sie mühsam austrug. Um es ihr zu beweisen, obwohl ich natürlich nicht annahm, dass sie einen Beweis gebraucht hätte, hatte ich mir ein besonderes Weihnachtsgeschenk überlegt.
Nach einigen Diskussionen mit ihren Eltern, die gern ein Weihnachtsfest mit der gesamten Familie veranstaltet hätten, setzte sich Louisa durch, und wir feierten Weihnachten zu zweit. Mir hätte es nichts ausgemacht, ihre Familie zu uns einzuladen, aber Louisa hatte sich dagegen gesträubt, sodass ich dem nichts entgegenzusetzen hatte. Solange wir zusammen waren, war mir alles recht. Dafür hatten wir Annie und Josh, die sowieso ständig zu Besuch kamen, um Louisa die Zeit zu versüßen und es in unserem Pool zu treiben, für den ersten Weihnachtstag eingeladen. Danach würden wir ins Penthouse umziehen. Es waren nur noch vier Wochen bis zur Niederkunft, und vom Penthouse aus waren wir schneller bei ihrem Arzt und im Krankenhaus.
Am Heiligen Abend waren wir allein. Schwimmen gehen mochte Louisa nicht mehr. Sie meinte, sie würde sich danach noch schwerer fühlen. Aber wir hatten eine Badewanne, in die wir und ihr Bauch bequem hineinpassten. Ich hatte Kerzen angezündet und ließ wiederholt warmes Wasser nachlaufen, damit sie nicht fror.
»Das ist das schönste Weihnachten, das ich je hatte.« Sie lächelte mich über die Schulter hinweg an.
»Tatsächlich?«
»Ja. Nicht nur, weil du da bist, sondern weil ich endlich das machen kann, worauf ich Lust habe.«
Ich musste lachen. »Konntest du das sonst nicht?«
»Nein, meine Eltern haben immer ein großes Trara um Weihnachten gemacht. Das Haus schmücken, einen Baum aussuchen und den auch schmücken, zusammen kochen und Weihnachtslieder singen. Die ganze Zeit musste man fröhlich sein. Das hier ist schöner. Besinnlicher, wenn du so willst.«
Besinnlich hätte ich das nicht genannt, was wir getan hatten, bevor ich ihr die Haare gewaschen hatte. Louisa war in der Schwangerschaft sinnlicher denn je, und auch wenn ich mich zurückhielt, um ihr oder dem Baby nicht wehzutun, war es jedes Mal unvergleichlich erfüllend. »Aber schenken darf ich dir trotzdem etwas, oder?«, fragte ich sie und überlegte, ob sie noch einmal Lust auf etwas herrlich Unbesinnliches hätte.
Ich saß hinter ihr, und sie lehnte sich seufzend zurück, als meine Hände wie automatisch von ihren Haaren abließen und ihre festen großen Brüste umschlossen. Sie legte den Kopf in den Nacken und reckte ihr Kinn vor, wie ich es schon so oft gesehen hatte, damit ich sie küsste.
»Du bist unersättlich.«
»Bei einer so schönen Frau wie dir ist das kein Wunder«, sagte ich, ließ aber wieder von ihr ab, da sie offensichtlich nicht so unersättlich war.
»Mein Bauch ist schon gar nicht mehr unter Wasser«, erwiderte sie kopfschüttelnd und sah mich mit zurückgelegtem Kopf an. »Ich liebe dich, Dorian.«
Wann immer sie das sagte, blieb mir die Luft weg. Es war jedes Mal, als hörte ich es zum ersten Mal. Jedes Mal wünschte ich mir, sie würde es wieder sagen. Nur, um mir erneut zu wünschen, sie würde es ein weiteres Mal sagen. Sie sagte es nicht einfach, sie ließ es mich spüren. Mir kribbelten die Handflächen, und ich bekam ein flaues Gefühl in der Magengegend.
»Aber ich will raus aus der Wanne. Ich hab nämlich auch ein Geschenk für dich.« Sie grinste mich an und ich hob sie mühelos aus dem Wasser. Ein Geschenk? Was könnte sie mir schenken, was sie mir nicht bereits geschenkt hatte?
Sie erwartete mich mit einem Lächeln im Wohnzimmer. Neben ihr lag ein hübsch verpacktes Paket, an dessen Größe ich nicht ausmachen konnte, was es enthielt. Ich hielt einen Moment inne und betrachtete sie, versuchte mir dieses Bild unwiderruflich einzuprägen. Diese wundervolle Frau in dem engen schwarzen Kleid mit dem runden Bauch und dem Lächeln eines Engels, eingerahmt von einer dunklen Haarpracht und eingehüllt in ihren einzigartigen Duft nach Blumen, Liebe und Leben.
»Du zuerst.« Sie hielt mir das Paket hin.
Ich öffnete es. Zum Vorschein kam ein in blutroten Karton gebundenes Buch. Auf dem Einband prangte mein verschnörkeltes Monogramm »DF«. Neugierig schlug ich es auf. Erzählungen eines Vampirs stand auf der ersten Seite. Ich stutzte, blätterte weiter und las den ersten Absatz. »Hallo, mein Name ist Dorian und ich bin ein Vampir …« Ich las staunend ein paar Seiten. »Du hast meine Geschichten aufgeschrieben.«
Louisa nickte erfreut. »Nicht für die Öffentlichkeit. Nur für uns. Du hast so viel erlebt, ich fand, das sollte aufgeschrieben werden. Sieh es einfach als deine Biografie – für unser Kind.«
Ich umarmte sie überwältigt. Das hatte sie also die ganze Zeit geschrieben. »Das ist ein wundervolles Geschenk. Ich danke dir!« Ich blätterte noch einmal darin herum und legte es dann beiseite. »Du musst es aber noch um ein paar ganz entscheidende Kapitel erweitern.«
Ich holte ihr Geschenk aus meinem Jackett und kniete mich vor sie auf den kalten Marmorboden. Mein Geschenk hatte eher symbolischen Charakter und war nicht so kreativ wie ihres. Leider wusste ich nicht, wie sie auf die dazugehörige Frage reagieren würde. Ich hatte lange darüber nachgedacht, aber mir lief in dieser Angelegenheit ein wenig die Zeit davon. »Louisa Flower Reeves, möchtest du meine Frau werden?«
Sie sagte nichts, sondern öffnete lächelnd die Schmuckschatulle und sah hinein. Als sie mich wieder ansah, funkelten ihre Augen wie graublaue Diamanten. »Der ist wunderschön!«
»Leider habe ich kein Erbstück meiner Mutter, aber dafür eines einer netten Hofdame einer französischen Königin. Das ist der Ring, der mir so viel Glück gebracht hatte, und ich dachte, er passt zu dir.« Ich hatte überlegt, ihr einen Ring anfertigen zu lassen, aber dieser Ring hatte es mir seit jeher angetan. Ich hatte ihn eine Zeit lang getragen, wovon ich Louisa erzählt hatte. Deshalb hatte ich ihn ausgewählt und anpassen lassen. Der Ring bestand aus einem blauen Saphir, der mit Diamantrosen eingefasst war. Etwas zu mächtig für die heutige Zeit, aber für meine Louisa genau richtig. »Louisa, ich liebe dich über alles. Willst du meine Frau werden?« Ich hielt ihr den Ring hin.
»Ja. Das will ich«, flüsterte sie und brachte mein Herz damit erneut zum Bersten.
Ich nahm ihre Hand und streifte ihr den Ring über. Er passte perfekt, selbstverständlich. »Dann werden wir wirklich eine Familie«, raunte ich ihr zu und küsste sie.
Sie warf die Arme um meinen Nacken, soweit es mit ihrem Bauch möglich war, und lachte. Staunend stellte ich fest, dass es von Glück immer noch eine Steigerung gab. Wenn Glaube Berge versetzen kann, müsste Liebe Tote aufwecken können. Nie hatte ich mich lebendiger gefühlt als mit Louisa, meiner zukünftigen Frau, im Arm. Nun wurde ich auf meine alten Tage nicht nur Vater, sondern würde sogar noch heiraten. War das zu fassen?
»Wir heiraten erst, wenn das Baby da ist«, holte sie mich mit einem Schlag wieder auf den kalten Boden der Tatsachen zurück. »So, wie ich aussehe, will ich das nicht.«
»Du bist wunderschön, Louisa«, versicherte ich ihr, da es mir im Grunde genau darum ging, es jetzt noch zu tun. Bevor das Baby kam. Vielleicht wurde ich langsam sentimental oder war altmodisch, aber ich wollte, dass das Kind nicht unehelich auf die Welt kam, sondern von Anfang an meinen Namen trug. Ich würde gern als ihr Mann mit ins Krankenhaus kommen, wenn ich so etwas schon betreten musste, nicht als ihr Freund. Wie klang denn das? Als hätten wir einen Fehler gemacht und wären deshalb zusammen.
»Ich fühl mich aber nicht so. Außerdem sind es nur noch ein paar Wochen.« Sie sah mich mit ihren weichen Augen bittend an.
Damit setzte sie mich immer schachmatt. Vielleicht stellte ich mich ja nur an.
Es wurde mir jedoch immer wichtiger, sie noch vor der Entbindung zu meiner Frau zu machen. Dabei dachte ich nicht einmal an die standesamtlichen Formalitäten. Als Vampir verfügte ich ausschließlich über gefälschte Papiere, deshalb bedeuteten die mir nichts. Ich kam aus einer sehr religiösen Zeit, und dass ich ein Untoter, ein Geschöpf der Nacht war, änderte nichts daran. Ich bin auch heute noch der Meinung, dass man alles unternehmen sollte, um sich göttlichen Beistand zu sichern.
Gerade als Vampir.
Verständlicherweise geriet ich vor allem deshalb in Panik, als Louisa nur wenige Tage nach Silvester zu mir kam. »Dorian, ich glaube, es ist so weit.«
Sie hielt sich den Bauch und wirkte angespannt. Ihre Augen waren geweitet, als hätte sie Angst. Vor Schreck ließ ich den Stapel Papiere fallen, den ich hatte entsorgen wollen. Es waren noch achtzehn Tage hin bis zum errechneten Geburtstermin. Ich hatte nicht damit gerechnet, dass es so schnell gehen würde. »Bist du sicher?«
»Das Ziehen wird immer schlimmer«, antwortete sie. »Ich hab noch nie ein Kind bekommen, aber es ist schon seit heute Morgen so. Ich möchte lieber ins Krankenhaus, Dorian.«
Ich nickte und drückte Louisa in einen Sessel. Das ging viel zu schnell! »Wir machen uns sofort auf den Weg«, versicherte ich ihr und holte die gepackte Tasche aus dem Schlafzimmer.
Es war noch nicht Mittag und diesig und kalt draußen. Ein Wetter, das ich für gewöhnlich genossen hätte, doch dieses Mal hatte ich dafür keinen Blick. »Wir müssen vorher noch etwas erledigen«, sagte ich so beiläufig wie möglich und drückte Louisa beruhigend die Hand.
»Jetzt? Dorian, was ist denn so wichtig, dass du dich jetzt noch darum kümmern musst? Kann das nicht warten?«
»Nein, das geht leider nicht.« Entschlossen schlug ich den Weg nach St. Michaels ein. Sie würde auf keinen Fall als meine Freundin das Kind bekommen!
Die verdammte Straße zur Kirche war noch immer nicht neu gepflastert worden, deshalb ließ ich den Mercedes kurzerhand stehen und trug Louisa das letzte Stück. Ich stieß die schwere Holztür mit dem Fuß auf und rannte hinein. Neben dem Altar hatte sich eine Gruppe Gläubiger um den Pastor versammelt, der ein schreiendes Baby über das Taufbecken hielt.
»Tut mir leid, meine Herrschaften, dass wir hier so hereinplatzen«, sagte ich mit meinem besten Sonntagslächeln. »Wenn Sie den Pastor für einen Moment entbehren könnten, wäre ich Ihnen sehr verbunden.«
Louisa starrte mich genauso überrascht an wie der Pastor und die restlichen Kirchenbesucher.
»Junger Mann, wir sind mitten in einer Taufe.« Der rundliche Kirchenmann hob demonstrativ das Baby etwas höher, das daraufhin etwas weniger schrill weinte.
»Das sehe ich. Und wir bekommen gerade ein Kind. Ich möchte, dass sie uns trauen, bevor es so weit ist. Wir haben alle Papiere dabei und nicht mehr viel Zeit.«
»Was?«, riefen der Pastor und Louisa wie aus einem Mund.
»Dorian, dafür haben wir keine Zeit«, sagte sie. »Das können wir später immer noch machen. Bitte fahr mich ins Krankenhaus.« Louisa krampfte sich unter einer Wehe leicht zusammen.
Die gesamte Taufgesellschaft blickte zwischen uns und dem Pastor hin und her. Selbst das Baby hatte aufgehört zu schreien.
Ich sah die Frau in meinen Armen an. »Es tut mir leid, mein Engel, doch ich will, dass du als meine Frau das Kind bekommst.« Ich sah den Pastor wieder an. »Uns wird die Zeit knapp. Würden Sie mir bitte den Gefallen tun, uns zu verheiraten. Ich würde Ihnen auch eine großzügige Spende zukommen lassen, aber ich bitte Sie, machen Sie uns zu Mann und Frau, bevor das Kind kommt!«
Die Mutter des Täuflings seufzte und lächelte gerührt.
Das schien den Pastor aus seiner Starre zu reißen. »Wenn es dir so ein Bedürfnis ist, mein Sohn, werde ich euch gern den Wunsch erfüllen. Sofern die Familie Connor nichts dagegen hat.« Er holte sich die Zustimmung der Tauffamilie ein, die uns lächelnd zunickte und offensichtlich beeindruckt war von meinem Auftritt, übergab ihnen das Baby und kam zu uns.
Ich stellte Louisa sanft auf die Füße. »Ich hoffe, du hast es dir nicht anders überlegt? Das wär jetzt peinlich für mich.«
Sie sah kopfschüttelnd zu mir auf und griff nach meiner Hand, um sie zu drücken, was ich als ein Nein interpretierte. Ich reichte dem Pastor unsere Papiere.
»Haben Sie einen Trauzeugen?«
Eine weitere Wehe ließ Louisa leise aufstöhnen. Ich trat dem Pastor imaginär in den Hintern. »Nein. Wenn Sie jetzt vielleicht so gütig wären? Und könnten wir uns bitte auf das Wesentliche beschränken? Ich möchte ungern, dass meine Zukünftige das Baby hier bekommt.«
»Hm«, sagte der Pastor, fand aber schnell zu seiner feierlichen Form zurück. »Willst du …«, er blätterte in den Papieren, »… Dorian Fitzgerald, Louisa Reeves, die Gott dir anvertraut, als deine Ehefrau lieben und ehren und die Ehe mit ihr nach Gottes Gebot und Verheißung führen – in guten und in bösen Tagen –, bis der Tod euch scheidet …?«
»Und darüber hinaus«, warf ich ein und musste meine Vampirmagie spielen lassen, damit der Gottesmann fortfuhr.
»… bis der Tod euch scheidet und darüber hinaus, so antworte: Ja, mit Gottes Hilfe.«
Ich hielt Louisa im Arm und hatte eine Hand auf ihren Bauch gelegt, der sich in regelmäßigen Abständen zusammenzog. Sie sah zu mir auf und lächelte mich mit so viel Wärme an, dass es selbst meine kalten Glieder erhitzte.
»Ja, mit Gottes Hilfe«, antwortete ich und sah sie fest an.
Der Pastor wiederholte seinen Spruch und vergaß auch meinen für unseren Fall existenziellen Zusatz nicht.
»Ja, mit Gottes Hilfe«, antwortete mein Porzellanengel mit fester Stimme und Tränen in den Augen.
»Haben Sie die Ringe?«
Ich griff in meine Jackentasche und holte die Schachtel heraus. Ich hatte goldene Eheringe anfertigen lassen mit identischer Gravur. Ihr Ring war mit drei lupenreinen Diamantrosen verziert, die denen auf dem Verlobungsring glichen, meiner war ohne jede Zier. Ich nahm Louisas Hand und streifte ihr ihren mit zitternden Fingern über. »Louisa, nimm diesen Ring als Zeichen meiner unsterblichen Liebe«, sagte ich dabei und wusste, dass sie viel besser als alle anderen in der Kirche die tiefere Bedeutung dieser Worte begriff.
Sie lächelte mich an, tat das Gleiche mit meiner Hand und sah mit tränennassen Augen zu mir auf. »Trage auch du, Dorian, diesen Ring als Zeichen meiner unsterblichen Liebe.«
Der Pastor legte unsere Hände übereinander und trat einen Schritt zurück. »Was Gott zusammengefügt hat, das soll der Mensch nicht scheiden. Hiermit erkläre ich euch zu Mann und Frau. Sie dürfen die Braut jetzt küssen.«
Das tat ich. Und wie! Sie erwiderte meinen Kuss leidenschaftlich. Ich versank förmlich in ihren weichen Lippen und ihrem lauten Herzschlag. Mein Spruch beim Ringtausch war mir spontan eingefallen, weil ich ihr noch deutlicher meine Liebe erklären wollte. Sie sollte wissen, wie viel mir dieses Eheversprechen bedeutete. Wie viel sie mir bedeutete. Dass sie ihn übernommen hatte, löschte jeden noch so kleinen, gut versteckten Zweifel in mir aus. Sie würde für immer mein sein.
Ich hätte sie ewig weitergeküsst. Meine Louisa. Meine Frau. Eine weitere Wehe holte uns in die Wirklichkeit zurück. Ich wischte ihr die Tränen fort und hob sie auf meine Arme. »Jetzt darfst du das Kind bekommen.«
Ihr Lachen hallte hell durch die große, düstere Kirche, als würde sich ein Engel an unserem Glück erfreuen.
In Krankenhäusern hatte ich mich nie wohlgefühlt. Da ging es mir wahrscheinlich wie den meisten Sterblichen. Nur, dass sie Angst hatten, in einem zu sterben. Ich hatte Angst, dass jemand erkannte, dass ich bereits tot war. Deshalb hatte ich mich zeit meines Vampirdaseins von Ärzten und Krankenhäusern ferngehalten. Sicher war sicher. Das ging dieses Mal nicht, und der Aufenthalt machte mich nervös, was Louisa nicht entging.
»Dorian, setz dich zu mir. Du machst mich nervös.«
»Es wird noch ein bisschen dauern. Sie könnten Ihrer Frau helfen, indem Sie ein bisschen mit ihr herumgehen.« Die Hebamme lächelte uns freundlich an. »Ich komme gleich wieder zu Ihnen.«
Ihrer Frau, wie gut das klang! Ich half Louisa auf die Beine und lief mit ihr den Flur auf und ab, hielt sie fest, wenn sie sich vor Schmerzen krümmte, und war für sie da. Sie war angespannt, versuchte aber, sich nicht anmerken zu lassen, wie sehr sie das alles anstrengte. Sie klammerte sich so verzweifelt an meine Hand, dass ich mich wunderte, woher sie die Kraft nahm. Ich konnte in ihren großen Augen sehen, dass sie Angst hatte. Das hatte ich auch. Ich befürchtete, sie würde die Schmerzen nicht aushalten. Louisa war von zarter, schmaler Statur und ihr Bauch wirkte mit einem Male bedrohlich überdimensioniert.
»Was hältst du von Zoe, wenn es ein Mädchen wird?«
