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"Mama, Du musst sofort kommen, der Geschirrspüler ist schaumexplodiert!!!" - rief mein Sohn ins Telefon. Ohne Aupair wäre unsere Küche nicht hinter Schaumbergen verschwunden. Aber eigentlich war es immer schön... von unserem Alltag mit 4 Kindern und 19 Aupairs erzählt dieses Buch. Ratgeber mit vielen praktischen Tipps inbegriffen.
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Seitenzahl: 136
Veröffentlichungsjahr: 2017
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Ingeborg Naundorf
Oh Schreck Aupair
4 Kinder und 19 Aupairs - Ratgeberbuch für Eltern
Dieses ebook wurde erstellt bei
Inhaltsverzeichnis
Titel
Inhalt
Mut zum Aupair
Maria aus Tschechien
Juana aus Argentinien
Kitti aus Ungarn
Nino aus Georgien
„Nimm Dir Essen mit, wir fahren nach Brandenburg!“
Sofia aus Ungarn
Liliana aus Polen
Olga aus der Ukraine
Natalia aus der Ukraine
Daria aus der Ukraine
Josefa aus Polen
Veronica aus der Ukraine
Tamuna aus Georgien
Ljudmila aus Russland
Inara aus der Mongolei
Alexandra aus Russland
Attila aus Ungarn
Ruzana aus Armenien
Valentina aus Kolumbien
Anastasia aus der Ukraine
Aupair-Ratgeber
Impressum neobooks
Oh Schreck Aupair
4 Kinder und 19 Aupairs - Ratgeberbuch für Eltern
Ingeborg Naundorf
Impressum
Texte: © Copyright by Ingeborg NaundorfUmschlag: © Copyright by Ulrike Barth-Musil
Verlag: Ingeborg Naundorf
Hubertusdamm 24a14480 [email protected]
Druck: epubli, ein Service der
neopubli GmbH, Berlin
Printed in Germany
Alle Namen wurden aus Datenschutzgründen geändert.
„Du musst verrückt sein, Deinem Mann ein knackiges junges Mädel ins Haus zu holen! Viele Aupairs angeln sich dann den Familienvater!“ „Ein fremdes Mädchen? In Eurer Vier-Zimmer-Wohnung?“ „Da kannst Du ja morgens nicht mehr nackig ins Bad laufen!“ „Na, da kann ich Dir Geschichten erzählen: die werden immer schwanger, Jungs entdecken ihre Homosexualität… tu Dir das bloß nicht an!“ So in der Art lauten die durchwegs gut gemeinten Kommentare meines Umfelds, als ich mich kurz vor der Jahrtausendwende erstmals dem Thema Entlastung annähere. Unser junges, aber durch die beidseitige Karriere fast nicht mehr vorhandenes Familienleben soll wieder frischen Aufwind bekommen. So beschließen wir, einem Aupair die Gelegenheit zu geben, sich in Deutschland zu verwirklichen. Schließlich ist es echt zu viel verlangt, als Eltern mit Fulltime-Jobs auch noch Haushalt und Kind zu schmeißen. Mit viel Optimismus packe ich das Thema an.
Erst gilt es, die Vorbehalte meines mich liebenden männlichen Gegenparts auszuräumen, der meint, mit einem Aupair hätten wir keine Intimsphäre mehr im eigenen Heim. Da kann ich dagegenhalten: Mit einem Babysitter im Haus haben wir endlich wieder einmal Zeit für uns, mal spontan ins Kino, nicht immer alles planen müssen, Unterstützung im Alltag und auch im Urlaub. Also eher mehr Sphäre im intimen Bereich als bisher. Kinder haben eine zusätzliche Anlaufstelle, wenn Mama und Papa mal schlechte Laune haben. Von den flexiblen Dienstreise-Möglichkeiten mal ganz abgesehen. Und erst der kulturelle Austausch! An meine eigene Aupair-Zeit in Frankreich habe ich noch heute sehr schöne Erinnerungen – und dabei neben einem guten Stück Lebenserfahrung noch durchaus brauchbare Sprachkenntnisse erworben. Also eigentlich gibt es für alle Seiten nur Vorteile, das findet angesichts dieser Argumenteflut nun auch mein Mann. Der einzige, der dem Unternehmen immer noch skeptisch gegenübersteht, ist unser sechsjähriger Sohn Moritz.
Das erste Aupair engagieren wir im Herbst 1999 über eine Stellenanzeige in der Süddeutschen Zeitung, da, wo andere ihre Dienstmädchen suchen, nämlich in der Rubrik „Hauspersonal“. „Suchen nettes Aupair für unseren Sohn, 6 Jahre, nach München. Bewerbungen unter…“. Wir greifen zu diesem Mittel, da die Aupair-Anwerbung in den Heimatländern nicht erlaubt ist, teilt uns das Landesarbeitsamt Bayern mit. Allerdings erst, nachdem wir unsere Anzeige in Italien geschaltet haben, aber da wollte uns eh keiner haben. Die Anwerbung im Ausland ist nämlich den Aupair-Agenturen vorbehalten. Können wir verstehen, die wollen ja auch von was leben… (Diese Regelung gilt heute nicht mehr, siehe Ratgeber). Diverse Anrufe bei Aupair-Agenturen schrecken uns aber eher ab. Die Wortwahl lässt uns an Mädchenhandel denken, die Vermittlungsgebühren von mindestens 400 Mark sind uns zu teuer. Anfragen bei Freunden und Bekannten im Ausland führen leider nicht zum gewünschten Erfolg, wir halten wohl in den falschen Ländern Ausschau. England, Spanien, Frankreich, Italien… Fehlanzeige! Keine Chance auf die Aussicht, unser Sohn würde schon in wenigen Jahren mit seinem englischen Aupair perfekt in einer Weltsprache parlieren. Ja, das Leben war wirklich hart ohne Internet!
Auf unsere Anzeige melden sich gleich einige InteressentInnen. Wir stellen bald fest, dass ausschließlich Wechsler buchstäblich auf unserer Matte stehen – diejenigen nämlich, die das Pech hatten, in der falschen Familie zu landen. Also Aupairs, die schon im Lande sind, bereits ein Visum haben, aber nun eine neue Familie suchen. Die drei nun folgenden Vorstellungsgespräche lassen uns die Haare zu Berge stehen. Ein Junge aus Weißrussland (wir suchen schließlich einen Fußball-Partner für Moritz) erzählt von seinem Vater, der nach dem Supergau in Tschernobyl an Krebs erkrankte. Der Familie fehlt das nötige Geld für die Operation, ob wir nicht eine Möglichkeit wüssten… wir vermitteln den Jungen an einen Verein, der sich von München aus um Tschernobyl-Opfer kümmert. Nummer Zwei, ein ganz patentes Mädchen aus der Ukraine, berichtet von unhaltbaren Zuständen in ihrer Familie: Sie teilt sich einen feuchten Kellerraum mit einem zweiten Aupair. Aha, staunen wir, es gibt also offenbar Familien mit Vollzeit-Rundum-24 Stunden-Kinderbetreuung! Bei Regenwetter steht das Wasser knöchelhoch in ihrem Zimmer. Lüften können sie nicht, weil sonst Frösche durchs Kellerfenster reinhüpfen. Ach du liebe Güte. Die Geschichten klingen so dick aufgetragen, dass wir sie kaum glauben können. Die Dritte stammt aus Georgien und muss täglich die Grünwalder Villa ihrer Familie putzen. Mit den Kindern darf sie als Mensch zweiter Klasse nicht sprechen, duschen nur einmal pro Woche und ansonsten lässt sich das Mittagessen ja auch ohne Fleisch und Dessert aushalten. Wir sind fassungslos – was geschieht denn da mit den Aupairs in unserem Land? Es ist uns fast peinlich, dass wir nach all dem trotzdem noch Aupair-Eltern werden wollen.
Unsere Wahl fällt schließlich auf Maria aus Tschechien. Sie ist eine ruhige, junge Frau, die mit ihren 24 Jahren schon über die nötige Reife zu verfügen scheint, um unseren Junior verantwortungsvoll zu betreuen. So etwas entscheidet man ja nicht einfach so, da müssen Bauchgefühl und die Umstände stimmen. Schließlich übergeben wir unser Ein und Alles in ihre Obhut. Ein großer Vorteil: Sie kann schon recht gut Deutsch, weil sie schon länger in München lebt und hier einen Freund hat. Wir bringen Maria in unserer gerade leer stehenden Zweitwohnung in der Nachbarschaft unter, so haben wir den Feierabend nach wie vor ganz für uns. Vertrag? Brauchen wir nicht, eine mündliche Absprache muss reichen, wir vertrauen uns ja schließlich gegenseitig. Essensgeld? Möchte sie nicht, sie macht eine Diät. Arbeitszeit? Vereinbaren wir so frei Schnauze, je nach Bedarf. Am 1. September geht’s los.
Bekanntermaßen sind Hortplätze in der bayerischen Landeshauptstadt rar gesät. So zählt es zu Marias Aufgaben, unseren Erstklässler von der Schule abzuholen, zu bekochen und zu bespaßen, bis Mama und Papa von der Arbeit kommen. Schade nur, dass sich Moritz von ihr gar nicht abholen lassen will – an vier von fünf Tagen taucht der Schlingel erst gar nicht vor der Schule auf. Vier Wochen später ist Maria es leid, jeden Nachmittag unser Stadtviertel nach unserem Augenstern abzuscannen. Zumal Moritz sämtliche Schleichwege durch Innenhöfe und Keller kennt, er perfektioniert seine Verfolgungsjagden täglich. Fußball findet sie sowieso doof. Und mit der Arbeitszeit gibt es auch Probleme: sie findet, sie arbeitet zu lange, wir finden, zu kurz. Also kündigt sie schon mal vorsorglich telefonisch am 30. Oktober für den nächsten Monat, soll heißen ab dem nächsten Tag. Ich kann sie ja verstehen. Trotzdem kommt es für uns ein wenig unpassend, zumal ich ein frisches Gipsbein zum ständigen Begleiter habe. Aber macht ja nix, so bleiben wir schön flexibel. Ein echter Reinfall. Moritz behauptet bis heute (er ist jetzt Mitte 20), die war einfach blöd. Lustigerweise finden wir zwei Jahre später in „unserem“ Fotoladen ihre Hochzeitsfotos im Schaufenster. Sie hatte ihren Freund geheiratet, der schon seinerzeit unseren Moritz mit dem Motorrad mitnahm – ohne Helm, versteht sich. Das gesteht er uns aber erst viele Jahre später.
Stress in der Agentur, die nächste Pressereise steht schon im Kalender und unser hoffnungsfroher Start als Aupair-Familie im Eimer. Wo soll jetzt auf die Schnelle Ersatz her? Wir schalten wieder eine Anzeige in der SZ – und haben Glück, denn Juana aus Argentinien schreibt uns:
Hallo!
Ich bin Juana, 21 Jahre alt, Argentinierin und seit April wohne ich bei einer Familie, aber…ich möchte gerne andere Mutter und freundlichere Leute finden.
Ich bin sympathisch und mag gerne Kontak mit Leute zu haben, liebe alles was Spaß macht, reisen, Sport (Squash, Gymnastik, Schwimmen, Radfahren etc.), humorvolle Leute finden, und auch Musik, Kunst und Literatur. Außerdem mag ich Sprache gerne (englisch, französisch, italienisch). Ich habe Public Relations studiert und bin hier gekommen, weil ich mein Deutsch bessern will, und die europäische Kultur kennenlernen will.
Die Aupair arbeit finde ich toll, wenn man tolle Leute finden kann! Deswegen schaue ich andere möglichkeiten für mich. Ich hoffe mehr Glück haben!
Grüße, Juana
P/D: Wenn ich Fehler habe, bitte ich euer Verständnis.
Das klingt sehr nach einem Mädchen, das zu uns passt. Gleiche Interessen, gleicher Beruf. Wir rufen gleich an und vereinbaren ein Vorstellungsgespräch. Juana hat ohnehin gerade viel Zeit, ihre Familie ist für sechs Wochen nach Italien gefahren, sie soll alleine das Haus hüten. Taschengeld bekommt sie für diese Zeit nicht, sie würde schließlich nicht arbeiten und soll froh sein, wenn die Krankenversicherung weiter bezahlt wird. Essensgeld muss auch nicht sein, die Speisekammer ist ja voll. Juana nützt die Pause zur Umorientierung, denn wenn die Familie erst zurück ist, muss sie sich wieder von den Kindern schlagen lassen. Die Agentur hilft ihr mit dem lapidaren Verweis auf „kulturelle Unterschiede“ auch nicht wirklich weiter - geht ja alles gar nicht!
So retten wir das arme Juana-Kind aus ihrer Not. Wir schließen sie in unser Herz – und einen Aupair-Vertrag nach internationalen Richtlinien. Da schaltet sich ihre Agentur ein. Natürlich nur mit einer Bearbeitungsgebühr von 50 Mark, die zeigen sich da kulant, kriegen wir den nötigen Agenturstempel auf unseren Vertrag. Ohnehin wird uns jetzt erst klar, dass mit einem Aupair ganz schön viel Bürokratie anfällt. Aupair-Vertrag, Krankenversicherung, gesetzliche Unfallversicherung bei der Unfallkasse, Meldebehörde, fürs Visum auf das Ausländeramt, für die Arbeitsgenehmigung zum Arbeitsamt. Zumindest war das damals noch so. Da gehen schon einige Wochen ins Land, bis wir alles beieinander haben.
Aber Juana hat sich schon gut bei uns eingewöhnt. Mittlerweile sind wir in eine größere Vier-Zimmer-Wohnung gezogen, wo sie ein eigenes Zimmer hat. Mein Mann fand es gar nicht sooo schlimm, sich auf einen Bademantel zu besinnen – er sieht eindeutig die Vorteile, wenn wir uns gemütlich in die Oper begeben ohne uns einen Babysitter organisieren zu müssen. Unser neues Familienmitglied möchte unbedingt sehr gut Deutsch können, wenn sie nach Hause fährt. Ihre Oma ist nämlich gebürtige Deutsche. So lernt sie wie ein Weltmeister, besorgt sich Bücher aus der Bibliothek, besucht einen Sprachkurs in der Volkshochschule. An den Abenden korrigiere ich ihre Übungshefte. Wir spielen stundenlang Würfeln, Rommé oder Tikal (das schenkte uns Juana zu Weihnachten). Und Moritz? Moritz spielt erst einmal Machtspielchen. Aber nicht lange, denn Juana ist so nett zu ihm, dass er bald erkennt, wie toll eine große Schwester sein kann. So kommen wir eines Abends nach Hause und die neue große Schwester massiert ihm die Füße!! Essenstechnisch müssen wir uns an Scheiblettenkäse mit Toast gewöhnen – Juanas Grundnahrungsmittel in jeder Lebenslage. Naja, wir müssen’s ja nicht essen, nur einkaufen.
„Kannst Du bitte die Wäsche aufhängen?“ – „Das mache ich gerne, wenn Du mir zeigst, wie das geht.“ Auweia! Wer wie Juana mit Hauspersonal aufgewachsen ist, fängt bei Null an. Denn was die Arbeit betrifft, so teilt mir Juana bereits in den ersten Tagen mit: „Du kannst mir einen Elefanten in mein Zimmer stellen und ich werde ihn nicht bemerken“. Na gut, wenn ich weiß, dass sie die Arbeit nicht anspringt, so lege ich ihr eben jeden Morgen eine To-Do-Liste auf den Küchentisch. Die Arbeitszeit haben wir fest vereinbart, auf diese Weise kommen wir gut miteinander klar. Meine Agentur ist nur wenige Schritte von unserer Wohnung entfernt, ich bin ja nicht aus der Welt. Und putzen muss sie ja nicht, denn jeden Samstag kommt unsere polnische Perle Edita. Bei dieser Gelegenheit lernen wir erstaunt: Edita hat Abitur und spricht perfekt Spanisch. So freuen sich die beiden jedes Wochenende aufeinander.
Schon nach wenigen Wochen können wir uns Juana aus der Familie nicht mehr wegdenken. Moritz liebt Juana. Denn sie versteht es, jeden Nachmittag geduldig im Monopoly zu verlieren. Nur einmal gibt es richtig Ärger: Im Park verabredet Moritz mit seinem Freund, dass sie in verschiedene Richtungen mit dem Radl abhauen und sich vor Juana verstecken. Sie ruft mich völlig aufgelöst in der Agentur an, seit einer Stunde würde sie Moritz suchen… wir organisieren einen Suchtrupp und Juana redet danach eine geschlagene Woche nicht mehr mit ihrem Schützling. Das zeigt Wirkung – dann doch lieber wieder Monopoly spielen! Und auch Juana liebt Moritz: „Er ist ein ganz besonderes Kind. Bestimmt wird er einmal sehr berühmt und dann kann ich voller Stolz sagen, ich war sein Aupair-Mädchen!“
Im November folgt dann das große Aha-Erlebnis: Der Winter kommt! Juana hat noch nie einen richtigen Winter erlebt. Da sie chronisch pleite ist und sich zum Aupair-Taschengeld immer noch einen Zuschuss von Mama schicken lässt, suchen wir den nächsten Secondhand-Laden auf und erstehen eine warme Jacke und eine Schneehose. Die nächste Überraschung: Schnee und Eis gehen Hand in Hand mit blauem Himmel und Sonnenschein! Das hatte sich Juana ganz anders vorgestellt. Sie dachte an monatelange Schneewolken ohne Sonne. Umso mehr Spaß haben wir als nun vierköpfige Familie bei langen Schlittenfahrten auf der Firstalm.
Der zehnte Geburtstag von Moritz steht ins Haus. Leider muss ich ausgerechnet zu diesem Termin beruflich nach Indien! Erst ist er ein wenig sauer, weil ich zum ersten Mal, seit er denken kann, an seinem Geburtstag nicht da bin. Aber dann tröstet ihn Juana: Sie bäckt ihm die heiß ersehnte Pokémon-Torte, alles easy. Mein Mann und Juana schmeißen problemlos den Kindergeburtstag. Als ich wieder aus dem Himalaya zurück bin, kriege ich die famose Torte nur noch auf dem Foto zu sehen. Moritz hat mich gar nicht vermisst, den indischen Holzelefanten findet er cool. So einen haben seine Freunde nicht!
Ein echter Nachteil von Wechsel-Aupairs: Das Visum ist kürzer als ein Jahr. So suchen wir nach einem Schlupfloch, damit sie noch ein paar Monate länger bleiben kann, und werden fündig. Offiziell ist Juana drei Monate bei unseren Freunden in der Schweiz zu Besuch, als Touristin darf sie so lange ohne Visum bleiben. So fahren wir für einen Einreisestempel in Juanas Pass bei Nacht und Nebel von München aus über die Schweizer Landesgrenze. Beim Zoll steigt Juana aus, blinkert den Zollbeamten an sie sei auf Europatour und würde Stempel sammeln… alles geht glatt, was sie nicht zuletzt ihrer Schönheit verdankt – und Moritz, der nun doch still hält. Zuvor gab es bei der Hinfahrt nämlich Streit auf der Rückbank und Moritz hatte gedroht, sie beim Zoll zu verpetzen. Zurück fahren wir über Österreich, damit wir an der Grenze nicht so auffallen mit unserer Hin-und-Her-Fahrerei. Todmüde sind wir erst lange nach Mitternacht zurück in München.
Auf diese Weise erlebt Juana noch unsere Hochzeit mit, sie fängt sogar den Brautstrauß. Drei Monate vor der Abreise beschließt sie, eine Diät muss her. Meine österreichische Küche ist ihr doch zu wohl bekommen. Zehn Kilo schwerer kann sie unmöglich nach Hause fliegen, das wäre ihr peinlich. Zum Abschied schenken wir ihr den heiß ersehnten Tandem-Flug mit dem Paragleiter. Selig schwebt unsere Juana hoch über dem Ammersee. Es wird für uns alle ein unvergesslicher, sonnendurchwärmter Herbsttag in bayerischer Traumkulisse. Wenige Tage später steht Juana mit zwei Koffern und drei riesigen Kartons vor mir. Ich mache ihr klar, dass sie für das Übergepäck beim Einchecken am Flughafen ein Vermögen zahlen müsste. Wir packen stundenlang alles um und bringen die Kartons zur Post. (Sie kommen erst Monate später, als wir sie schon verloren glauben, bei ihr in Argentinien an.) Am Flughafen verdrücken wir alle ein paar Tränen. Juana fliegt über London nach Südamerika zurück. Sie ruft uns aus London an, der Münchner Zollbeamte wollte genau wissen, was sie denn in der Schweiz gemacht hätte. Er entließ sie dann mit den Worten, er würde ihr zwar von ihrer Geschichte kein Wort glauben, aber sie solle in Gottes Namen nach Hause fliegen! Glück gehabt, und nicht zur Nachahmung empfohlen. Nach einigen Jahren Sendepause besteht heute wieder ein sehr netter Emailkontakt nach Argentinien. Juana ist glücklich verheiratet, (siehe oben!) hat zehn Jahre lang an der deutschen Botschaft von Buenos Aires gearbeitet und ist derzeit für eine Klimaschutz-Stiftung mit Projekten in Argentinien und Paraguay unterwegs.
