Ohne ein einziges Wort - Rosie Walsh - E-Book
Beschreibung

Stell dir vor, du begegnest einem Mann, einem wundervollen Mann, und verbringst sieben Tage mit ihm. Am Ende dieser Woche bist du dir sicher: Das ist die große Liebe, und es geht ihm ganz genauso. Zweifellos. Dann muss er verreisen und verspricht dir, er meldet sich auf dem Weg zum Flughafen. Aber er ruft nicht an. Er meldet sich gar nicht mehr. Deine Freunde raten dir, ihn zu vergessen, doch du weißt, sie irren sich. Irgendetwas muss passiert sein, es muss einen Grund für sein Verschwinden geben. Und nun stell dir vor, du hast recht. Es gibt einen Grund, aber du kannst ihn nicht ändern. Denn der Grund bist du.

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EPUB

Seitenzahl:540


Buch

Als Sarah in ihrem Heimatort in Gloucestershire auf Eddie David trifft, ist ihr eines sehr schnell klar: Er ist der Mann ihres Lebens. Und das, obwohl Sarah frisch geschieden ist und nicht mehr an die große Liebe glaubt. Sie verbringen eine traumhafte Woche inmitten blühender Sommerwiesen miteinander und planen ihre gemeinsame Zukunft. Dann muss Eddie verreisen und verspricht, sich auf dem Weg zum Flughafen zu melden. Aber er ruft nicht an. Er meldet sich gar nicht mehr. Sarahs Freunde raten ihr, ihn zu vergessen – so sind Männer nun einmal. Doch sie weiß, sie irren sich. Irgendetwas muss geschehen sein, es muss einen Grund für sein Verschwinden geben. Und mit der Zeit muss sie feststellen, dass sie recht hat. Es gibt einen Grund, doch er gibt Sarah keinen Frieden. Denn der Grund ist das Einzige, was sie nicht miteinander geteilt haben: die Wahrheit.

Autorin

»Ohne ein einziges Wort« ist das Debüt der britischen Autorin Rosie Walsh und wurde über Nacht in 30 Länder verkauft. Wenn Rosie nicht schreibt, geht sie gerne spazieren, spielt Violine in einem Orchester, kocht und rollt ihre Yogamatte aus, so oft sie kann. Sie lebt mit ihrem Mann und ihrem kleinen Sohn in Bristol.

Rosie Walsh

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Ohne ein einziges Wort

Roman

Aus dem Englischenvon Stefanie Retterbush

Die englische Originalausgabe erscheint 2018 unter dem Titel »The Man who didn’t call« bei Mantle, an imprint of Pan Macmillan, London.

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3. AuflageDeutsche Erstveröffentlichung Mai 2018

Copyright © der Originalausgabe 2018 by Rosie Walsh Ltd

Copyright © der deutschsprachigen Ausgabe 2018 by Wilhelm Goldmann Verlag, München, in der Verlagsgruppe Random House GmbH, Neumarkter Str. 28, 81673 München

Umschlaggestaltung: © FAVORITBUERO, MünchenUmschlagmotiv: © Gary Waters/getty images, © kostins/shutterstock

Umschlagmotiv Innenseiten: © Kevin Eaves/shutterstock

Redaktion: Lisa Caroline Wolf

MR· Herstellung: kw

Satz: Uhl + Massopust, Aalen

ISBN: 978-3-641-22258-1V002

www.goldmann-verlag.de

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Dieses Buch ist all jenen gewidmet, die ein ausgebliebener Telefonanruf schon mal aus der Bahn geworfen hat.Vor allem denjenigen, die nie gedacht hätten, das könnte ihnen etwas ausmachen.

»Doch wir können uns überhaupt nur verlieben, ohne zu wissen, in wen wir uns verliebt haben.«

Alain de BottonVersuch über die Liebe

Erstes Kapitel

Hallo du,

heute ist es auf den Tag genau neunzehn Jahre her, seit wir uns an diesem strahlend schönen Morgen mit einem Lächeln voneinander verabschiedet haben. Dass wir uns wiedersehen, stand außer Frage, oder? Es war nur die Frage wann, nicht die Frage ob. Eigentlich war es nicht einmal eine Frage. Die Zukunft mag zwar so ungreifbar vor uns gelegen haben wie der flüchtige, sich an den Rändern kräuselnde Saum eines Traums, aber ganz zweifellos kamen wir beide darin vor. Gemeinsam.

Doch dann kam alles ganz anders. Selbst nach all diesen Jahren kann ich es noch immer nicht fassen.

Neunzehn Jahre seit diesem Tag. Neunzehn volle Jahre! Und noch immer suche ich nach dir. Ich werde nie aufhören, nach dir zu suchen.

Oft tauchst du auf, wenn ich es am wenigsten erwarte. Vorhin war ich ganz gefangen in einem sinnlos kreisenden düsteren Gedankengang; wurde fast zerquetscht von einer unsichtbaren eisernen Faust. Und plötzlich warst du da: ein buntes Herbstblatt, das lustig über den stumpfen bleigrauen Rasen taumelte. Vorsichtig richtete ich mich auf und roch das Leben; spürte den Tau an den Füßen; sah das in mannigfachen Tönen leuchtende Grün ringsum. Ich versuchte, dich zu fassen, dieses kunterbunte Blatt, Purzelbäume schlagend und zappelnd und kichernd. Versuchte, deine Hand zu nehmen, dir in die Augen zu schauen, aber wie ein optischer Brennfleck bist du immer wieder zur Seite gehuscht; bist ungreifbar geblieben.

Ich werde nie aufhören, nach dir zu suchen.

Zweites Kapitel

Sechster Tag: Als wir es beide wussten

Das Gras war feucht geworden. Feucht und dunkel war es und sehr geschäftig. Es erstreckte sich von hier bis zum rußschwarzen Waldrand und wimmelte nur so von arbeitsamen Ameisenbataillonen und behäbigen Schnecken und winzigen, hauchdünne Seidenfäden ziehenden Spinnen. Die Erde unter uns saugte das letzte bisschen Wärme auf wie ein durstiger Schwamm.

Eddie lag neben mir und summte die Star-Wars-Titelmelodie. Sein Daumen streichelte meinen. Behutsam, sanft wie die Wolken, die gemächlich über die schmale Mondsichel am Himmel über uns strichen. »Komm, wir suchen Außerirdische«, hatte er vorhin gesagt, als der violette Himmel sich langsam purpurrot gefärbt hatte. Und jetzt lagen wir beide immer noch hier.

In der Ferne hörte ich den letzten Zug des Tages laut seufzend über den Hügel schnaufen, und ich musste lächeln beim Gedanken daran, wie Hannah und ich als Kinder immer hier draußen gezeltet hatten. Auf einem kleinen Streifen Wiese, in diesem kleinen Tal, versteckt vor der, wie es mir damals schien, winzig kleinen Welt.

Kaum hatte sich der Sommer angekündigt, hatte Hannah jedes Jahr aufs Neue unsere Eltern angebettelt, endlich das Zelt aufstellen zu dürfen.

»Also gut«, hatten sie dann irgendwann widerstrebend nachgegeben. »Solange du im Garten bleibst.«

Der Garten vor dem Haus war platt und eben. Er war von beinahe jedem Fenster einsehbar. Aber das reichte Hannah nicht. Sie war zwar fünf Jahre jünger als ich, aber immer schon viel verwegener und abenteuerlustiger gewesen. Sie wollte hinaus auf die große Wiese, hinaus in die weite Welt. Die Wiese zog sich den steilen Hang hinter dem Haus hinauf und war ganz oben gerade eben genug, um dort ein Zelt aufzustellen. Einsehbar war es nur vom Himmel. Sie war mit harten, eingetrockneten Kuhfladen-Frisbees übersät und so steil, dass man von oben beinahe in unseren Schornstein gucken konnte.

Unsere Eltern fanden Zelten auf der Wiese keine besonders gute Idee.

»Aber da kann doch gar nichts passieren«, hatte Hannah mit ihrer vorlauten Piepsstimme beharrt. Wie diese Stimme mir fehlte.

»Alex ist doch dabei.« Hannahs beste Freundin war eigentlich ständig bei uns zu Hause. »Und Sarah auch. Die beschützt uns, wenn irgendwelche Bösewichter uns was wollen.«

Als wäre ich ein schrankgroßer Muskelprotz mit zielsicherem rechten Haken.

»Und wenn wir zelten, brauchst du uns auch kein Abendessen zu machen. Und kein Frühstück …«

Hannah war wie ein Minibulldozer; nie gingen ihr die Argumente aus, und immer gaben unsere Eltern irgendwann klein bei. Zuerst schlugen sie neben uns auf der Wiese ihr Zelt auf. Aber irgendwann, als ich mich gerade mühsam durch den undurchdringlichen, unwegsamen Dschungel der Pubertät schlug, erlaubten sie Hannah und Alex, allein draußen zu campen, mit mir als Aufpasserin.

Und so lagen wir drei dann zusammen in Dads altem Festivalzelt – ein ausladendes Ding aus orangerotem Segeltuch, riesig wie ein Beduinenzelt – und lauschten auf die Sinfonie seltsamer Geräusche draußen im Gras. Oft lag ich noch lange wach, nachdem meine kleine Schwester und ihre beste Freundin längst eingeschlafen waren, und fragte mich, wie ich die beiden beschützen sollte, würde man uns tatsächlich überfallen. Die Last dieser verantwortungsschweren Aufgabe, Hannah zu beschützen – nicht nur hier im Zelt, sondern immer und überall –, fraß sich wie geschmolzenes Gestein in meinen Magen, kochend wie ein brodelnder Vulkan. Mal ehrlich, was hätte ich denn schon ausrichten können? Potenzielle Angreifer mit gekonnten Teeniehandkantenschlägen ausschalten? Sie mit einem marshmallowverklebten Grillspieß erdolchen?

Oft zögerlich, nicht besonders selbstsicher, so hatte meine Klassenlehrerin mich mal in einem Zeugnis beschrieben.

»Na toll, das ist ja mal wirklich hilfreich«, hatte Mum gebrummt in demselben Tonfall, mit dem sie sonst unseren Vater rüffelte. »Hör einfach nicht auf sie, Sarah. Sei so unsicher, wie du willst! Dafür ist die Pubertät schließlich da!«

Ganz erschöpft vom mentalen Tauziehen zwischen schwesterlichem Beschützerinstinkt und jugendlicher Ohnmacht schlief ich schließlich ein, und wenn ich morgens viel zu früh wieder aufwachte, machte ich mich gleich daran, aus den bunt zusammengewürfelten Zutaten, die Hannah und Alex anscheinend vollkommen wahllos eingepackt hatten, ihre berühmt-berüchtigten »Frühstückssandwichs« zusammenzubauen.

Ich legte eine Hand auf die Brust, um das harte Schlaglicht auf diese Erinnerung zu dämpfen. Das war kein Abend zum Traurigsein: Es war ein Abend für das Hier und Jetzt. Für Eddie und mich und das große, beständig wachsende Was-es-auch-war zwischen uns.

Ich konzentrierte mich auf die nächtlichen Geräusche der Lichtung im Wald. Wirbelloses Rascheln, Säugetierschnuffeln. Das grüne Rauschen flatternder Blätter; wie Eddies Atem sich unbeschwert hob und senkte. Ich lauschte auf seinen Herzschlag, der gleichmäßig durch den Pullover klopfte, und bewunderte diese stete Verlässlichkeit. »Es wird sich alles zeigen«, sagte mein Vater immer gerne. »Abwarten und Tee trinken, Sarah.«

Aber ich wartete jetzt schon eine ganze Weile. Schon eine ganze Woche lang beobachtete ich diesen Mann und hatte noch keine Spur von Unruhe oder Unsicherheit ausmachen können. In vielerlei Hinsicht erinnerte er mich an das Ich, das ich mir für meine Arbeit angeeignet hatte: beständig, vernünftig, unbeeindruckt vom unsteten Auf und Ab des Lebens – aber dieses Ich hatte ich mir mit jahrelanger Übung mühsam antrainiert. Eddie dagegen schien einfach so zu sein.

Ich fragte mich, ob er die kribbelnde Aufregung in meiner Brust wohl spüren konnte. Noch vor ein paar Tagen war ich: frisch getrennt, bald geschieden, stramm auf die vierzig zugehend. Und jetzt das. Er.

»Schau mal, ein Dachs!«, rief ich aufgeregt, als ich aus den Augenwinkeln eine gedrungene maskierte Gestalt undeutlich vorbeitrotten sah. »Ob das wohl Cedric ist?«

»Cedric?«

»Ja. Wobei, das kann er unmöglich sein. Wie lange leben Dachse im Allgemeinen so?«

»Ich glaube, so ungefähr zehn Jahre.« Eddie lächelte; ich konnte es hören.

»Dann ist es ganz bestimmt nicht Cedric. Aber vielleicht sein Sohn. Oder Enkel.« Ich unterbrach mich. »Wir haben Cedric sehr gemocht.«

Ein vibrierendes Lachen pulsierte durch seinen ganzen Körper und sprang auf mich über. »Wer ist denn wir?«

»Ich und meine kleine Schwester. Wir haben früher oft auf einer Wiese ganz in der Nähe gezeltet.«

Er drehte sich auf die Seite, das Gesicht ganz nahe an meinem, und ich sah es in seinen Augen.

»Cedric, der Dachs. Ich … du«, raunte er leise, schnell. Mit dem Finger strich er an meinem Haaransatz entlang. »Ich mag dich. Ich mag dich und mich, uns beide zusammen. Ich mag uns beide zusammen sehr.«

Ich lächelte. Mitten hinein in diese gütigen, aufrichtigen Augen. Strahlte ihn an, mit seinen Lachfältchen, dem markanten Kinn. Ich nahm seine Hand und küsste ihn auf die Fingerspitzen, die nach zwei Jahrzehnten Holzarbeit rau waren und gesprenkelt von unzähligen Splittern. Schon jetzt kam es mir vor, als würde ich ihn schon immer kennen. Mein ganzes Leben lang. Es war, als seien wir füreinander geschaffen, als seien wir von Geburt an füreinander bestimmt gewesen, und jemand hätte so lange geschubst und geschoben und geplant und gemauschelt, bis wir uns endlich vor sechs Tagen »zufällig« begegneten.

»Ich hatte gerade ein paar schrecklich kitschige Gedanken«, murmelte ich nach langem Schweigen.

»Ich auch.« Er seufzte. »Mir kommt es fast vor, als hätte jemand das Drehbuch der vergangenen Woche zu einer Filmmusik mit einem ganzen Orchester schmachtender Geigenmelodien geschrieben.«

Ich musste lachen, er küsste mich auf die Nasenspitze, und ich fragte mich, wie es sein konnte, dass man Wochen, Monate – sogar Jahre – dumpf vor sich hin lebte, ohne dass irgendwas passierte, und dann, innerhalb von ein paar Stunden, alles plötzlich kopfstand. Wäre ich an diesem Tag etwas später losgegangen, ich wäre wohl schnurstracks in den Bus gestiegen und ihm nie begegnet, und dieses neue Gefühl vollkommener Sicherheit wäre nichts weiter gewesen als das ungehörte Flüstern verpasster Gelegenheiten.

»Erzähl mir noch mehr von dir«, bat er. »Ich weiß immer noch nicht genug. Ich will alles über dich wissen. Die lückenlose und ungekürzte Lebensgeschichte der Sarah Evelyn Mackey – einschließlich sämtlicher ungeschönter unschöner Kapitel.«

Nachdenklich drehte ich mich auf die Seite.

Nicht, dass ich nicht damit gerechnet hätte, dass so etwas früher oder später kommen würde. Ich hatte mir nur noch nicht überlegt, was ich dann machen sollte. Die lückenlose und ungekürzte Lebensgeschichte der Sarah Evelyn Mackey – einschließlich sämtlicher ungeschönter unschöner Kapitel. Vermutlich würde er damit umgehen können. Dieser Mann trug eine unsichtbare Rüstung, ihn umgab eine stille Stärke, die mich an eine mittelalterliche Stadtmauer erinnerte oder eine wettergegerbte stämmige Eiche.

Mit der Hand fuhr er die Linie meiner Hüfte bis hinauf zum Brustkorb nach. »Ich liebe diese kleine Kurve«, murmelte er versonnen.

Ein Mann, der sich so wohlfühlte in seiner eigenen Haut, dass man ihm beinahe jedes Geheimnis verraten, jede Wahrheit anvertrauen konnte, und der in der Lage wäre, sie für sich zu behalten, ohne dabei selbst ins Wanken zu geraten oder irreparable Schäden davonzutragen.

Natürlich konnte ich es ihm sagen.

»Ich habe eine Idee«, meinte ich zu ihm. »Lass uns heute Abend hier draußen zelten. Wir tun einfach, als wären wir noch jung und unvernünftig. Wir machen ein Lagerfeuer, braten Würstchen am Spieß, erzählen uns Geschichten. Vorausgesetzt, du hast überhaupt ein Zelt? Aber du wirkst auf mich wie ein Mann mit einem Zelt.«

»Ich bin ein Mann mit einem Zelt«, bestätigte er grinsend.

»Prima! Also, dann machen wir das, und dann erzähle ich dir alles. Ich …« Ich unterbrach mich und schaute ins Dunkel der Nacht. Die letzten dicken Blütenkerzen der ausladenden Rosskastanie am Waldrand schimmerten matt. Eine Butterblume wiegte sich in der Dunkelheit dicht vor unseren Gesichtern. Aus mir unerfindlichen Gründen, die mir zu erläutern sie sich nie herabgelassen hat, hatte Hannah Butterblumen immer gehasst.

Plötzlich fühlte es sich an, als stiege ungebeten etwas in meiner Brust auf. »Es ist so schön hier draußen. Da kommen so viele Erinnerungen hoch.«

»Okay«, meinte Eddie lächelnd. »Wir zelten hier draußen. Aber zuerst musst du bitte mal herkommen.«

Und dann küsste er mich auf den Mund, und für eine ganze Weile verschwamm der Rest der Welt zu einem bloßen Hintergrundrauschen, als hätte jemand einen Schalter umgelegt oder an einem Regler gedreht.

»Ich will nicht, dass morgen unser letzter Tag ist«, murmelte er, als wir uns schließlich widerstrebend voneinander lösten. Er schlang die Arme noch fester um mich, und ich spürte die wohlige Wärme seiner Brust und seines Bauches, das sanfte Kitzeln der kupferroten Haare in meiner Hand.

Eine Nähe wie diese war für mich lange nur eine entfernte Erinnerung gewesen, dachte ich und atmete seinen sauberen, sandigen Duft ein. Als Reuben und ich schließlich hingeworfen hatten, schliefen wir längst wie zwei Buchstützen jeder auf seiner Seite ganz am Rand des Bettes. Das leere, unberührte Laken zwischen uns das Zeugnis unseres gemeinschaftlichen Versagens.

»Bis dass die Matratze uns scheidet«, hatte ich eines Abends gesagt, aber Reuben hatte darüber nicht lachen können.

Eddie rückte ein bisschen von mir ab, damit ich ihm ins Gesicht sehen konnte. »Ich habe … Hör zu, ich frage mich gerade, ob ich meinen Urlaub nicht einfach absagen soll. Dann könnten wir uns noch eine ganze Woche lang in den Wiesen wälzen.«

Nichts lieber als das! Das wünsche ich mir mehr, als du je erahnen wirst, dachte ich. Siebzehn lange Jahre war ich verheiratet, und in dieser ganzen Zeit habe ich mich kein einziges Mal so gefühlt wie jetzt mit dir.

Ich stützte mich auf die Ellbogen. »Noch eine Woche mit dir wäre himmlisch«, sagte ich zu ihm. »Aber du solltest deinen Urlaub nicht absagen. Wenn du wiederkommst, bin ich ja noch da. Es ist kein Abschied für immer.«

»Aber du bist dann nicht mehr hier; du bist in London.«

»Schmollst du jetzt?«

»Ja.« Er drückte mir einen Kuss aufs Schlüsselbein.

»Dann hör sofort auf damit. Ich bin nur zwei Tage nach dir wieder in Gloucestershire.«

Aber auch das schien ihn nicht zu besänftigen.

»Wenn du jetzt aufhörst zu schmollen, komme ich dich vielleicht sogar vom Flughafen abholen«, fügte ich noch hinzu. »Ich könnte dastehen in der Ankunftshalle mit einem Pappschild in der Hand mit deinem Namen drauf, und der Wagen wartet draußen auf dem Kurzparker-Parkplatz.«

Darüber schien er kurz nachzudenken. »Das wäre wirklich nett«, meinte er dann. »Wirklich sehr nett.«

»Abgemacht.«

»Und …« Er zögerte, schien plötzlich unsicher zu werden. »Und ich weiß, das ist jetzt vielleicht ein bisschen früh, aber wenn du mir deine Lebensgeschichte erzählt hast und ich uns Würstchen gegrillt habe, die, vielleicht oder auch nicht, genießbar sind, möchte ich ein sehr ernstes Gespräch mit dir führen über die hinderliche Tatsache, dass du in Kalifornien lebst und ich in England. Dein Besuch hier ist eindeutig viel zu kurz.«

»Ich weiß.«

Er zupfte an dem dunklen Gras. »Wenn ich aus dem Urlaub zurückkomme, dann bleibt uns noch … wie lange, eine Woche? Bevor du wieder zurück in die Staaten fliegst?«

Ich nickte. Das war in dieser Woche die einzige dunkle Wolke an unserem ansonsten strahlend blauen Himmel gewesen; zu wissen, dass wir uns bald voneinander verabschieden mussten.

»Tja, dann müssen wir uns wohl … ich weiß auch nicht. Was einfallen lassen. Eine Entscheidung treffen. Ich kann das nicht einfach vergessen. Ich kann nicht mit dem Wissen leben, dass es dich irgendwo da draußen gibt, und nicht bei dir sein. Ich finde, wir sollten versuchen, das irgendwie hinzukriegen.«

»Ja«, erwiderte ich leise. »Ja, das finde ich auch.« Ich schlüpfte mit der Hand in seinen Ärmel. »Ich wollte eben genau dasselbe sagen und hab mich dann doch nicht getraut.«

»Wirklich?«, fragte er leise lachend und hörbar erleichtert. Erst da ging mir auf, dass es ihn sicher auch einiges an Mut und Überwindung gekostet hatte, dieses heikle Thema anzusprechen. »Sarah, du bist eine der selbstbewusstesten Frauen, die ich kenne.«

»Mmmm.«

»Bist du. Das ist eins der Dinge, die ich so an dir mag. Eins der vielen Dinge, die ich so sehr an dir mag.«

Es war Jahre her, seit ich mir gezwungenermaßen angewöhnt hatte, mir Selbstbewusstsein anzutackern wie ein Werbeplakat an eine Reklametafel. Aber obwohl es mir heute nicht mehr schwerfiel, obwohl ich bei Medizinerkongressen auf der ganzen Welt Vorträge hielt, Journalisten routiniert Interviews gab und ein mehrköpfiges Team führte, war es mir immer noch sehr unangenehm, darauf angesprochen zu werden. Ich fühlte mich unbehaglich dabei oder vielleicht auch nur entblößt und verwundbar, als stünde ich mitten in einem heftig tobenden Unwetter mutterseelenallein auf einem Berggipfel.

Und dann küsste Eddie mich wieder, und alles um uns herum begann sich aufzulösen. Alle Traurigkeit der Vergangenheit, alle Unsicherheit der Zukunft. Das hier sollte so sein. Genau so.

Drittes Kapitel

Fünfzehn Tage später

»Ihm muss was ganz Schreckliches zugestoßen sein.«

»Zum Beispiel?«

»Zum Beispiel könnte er tot sein. Vielleicht nicht unbedingt tot. Wobei, wer weiß? Meine Oma ist mit gerade mal vierundvierzig einfach tot umgefallen.«

Jo drehte sich auf dem Beifahrersitz zu mir um. »Sarah.«

Ich wich ihrem Blick aus.

Woraufhin sie Tommy anschaute, der uns über den M4 in Richtung Westen fuhr. »Hast du das gehört?«, fragte sie.

Er gab keine Antwort. Er hatte die Zähne fest zusammengebissen, und die blasse Haut an den Schläfen pulsierte, als versuchte etwas Lebendiges sich aus seinem Schädel zu befreien.

Jo und ich hätten nicht mitkommen sollen, dachte ich zum wiederholten Mal. Eigentlich waren wir überzeugt gewesen, Tommy würde sich über die Unterstützung seiner beiden ältesten Freunde an so einem wichtigen Tag freuen – schließlich passierte es nicht so oft, dass man Schulter an Schulter mit dem Typen dastehen musste, der einem in der Schule das Leben zur Hölle gemacht hatte, während die örtliche Tagespresse Fotos davon knipste –, aber mit jeder weiteren regenbesprenkelten Meile, die wir fuhren, wurde immer deutlicher, dass wir seine Aufregung nur noch verschlimmerten.

Allein hätte er ein Lächeln aufsetzen und siegesgewisses Selbstbewusstsein heucheln können, doch mit uns stand er unter strenger Beobachtung ausgerechnet durch die beiden Menschen, die ihn am besten kannten. Und musste so tun, als sei die Vergangenheit längst Schnee von gestern. Schaut her, was aus mir geworden ist: ein erfolgreicher Sportberater. Und heute stelle ich meiner alten Schule mein tolles neues Programm vor! Schaut her, wie überglücklich ich bin, mit dem Chef der Sportabteilung zusammenarbeiten zu dürfen – dem Typen, der mich damals in den Bauch geboxt und sich dann schlappgelacht hat, als ich das Gesicht im Gras vergraben und Rotz und Wasser geheult habe!

Und was es auch nicht besser machte: Jos siebenjähriger Sohn Rudi saß neben mir auf dem Rücksitz. Sein Vater hatte heute ein Vorstellungsgespräch, und Jo hatte keine Zeit mehr gehabt, sich um einen Babysitter zu kümmern. Rudi hatte unser Gespräch über Eddies unerklärliches Verschwinden äußerst interessiert verfolgt.

»Sarah glaubt, dass ihr Freund tot ist, und Mum wird gerade stinkig«, bemerkte er nachdenklich. Rudi machte momentan eine seltsame Phase durch. Er hatte sich angewöhnt, mitgehörte Erwachsenengespräche zu markanten Einzeilern zu verknappen. Und er konnte das wirklich gut.

»Er ist nicht ihr Freund«, stellte Jo klar. »Sie waren bloß sieben Tage zusammen.«

Es wurde wieder ganz still im Auto. »Sarah. Denken Sieben-Tage-Freund ist tot«, sagte er mit aufgesetztem russischem Akzent. Rudi hatte einen neuen Schulfreund, Aleksandr, der erst kürzlich von irgendwo in der Nähe der ukrainischen Grenze nach London gezogen war.

»Getötet von Geheimdienst. Mum widersprechen. Mum sauer sein auf Sarah.«

»Ich bin nicht sauer«, widersprach Jo angesäuert. »Ich mache mir bloß Sorgen.«

Darüber musste Rudi kurz nachdenken. Dann meinte er: »Ich glauben, du erzählen Lüge.«

Was Jo nicht bestreiten konnte, also blieb sie lieber stumm. Ich wollte Jo nicht nerven, also blieb ich auch stumm. Und Tommy hatte sowieso seit gut zwei Stunden keinen Pieps mehr von sich gegeben, also blieb auch er stumm. Woraufhin Rudi das Interesse verlor und sich wieder dem Spiel auf seinem iPad widmete. Erwachsene hatten ständig solche unerklärlichen und vollkommen sinnfreien Probleme.

Ich schaute Rudi zu, wie er etwas, das wie ein Kohlkopf aussah, in die Luft jagte, und plötzlich überrollte mich die Sehnsucht wie eine Lawine: die Sehnsucht nach seiner kindlichen Unschuld, seiner Unversehrtheit, seiner Heilen-Welt-Sicht. Ich stellte mir vor, wie es in Rudi-Land wohl aussehen musste, in der Handys bloß Spielzeug waren, keine perfiden psychologischen Foltergeräte, und in der die Liebe seiner Mutter so zuverlässig und selbstverständlich war wie ein ruhiger, gleichmäßiger Herzschlag.

Wenn es irgendeinen guten Grund gab, erwachsen zu werden, wollte sich der mir heute so gar nicht erschließen. Wer würde nicht lieber Kohlköpfe in die Luft sprengen und mit russischem Akzent reden? Wem wäre es nicht lieber, morgens Frühstück gemacht und die Klamotten rausgelegt zu bekommen, wenn die scheinbar einzige Alternative dazu eine abgrundtiefe, alles verschlingende Verzweiflung war? Und das nur wegen eines Mannes, der einem das Gefühl gegeben hatte, er sei alles, und der nun irgendwie plötzlich wieder nichts war. Und nicht etwa wegen des Mannes, mit dem man siebzehn Jahre lang verheiratet war. Nein, wegen einem, mit dem man gerade mal sieben gemeinsame Tage verbracht hatte. Kein Wunder, dass alle in diesem Wagen mich für vollkommen verrückt halten mussten.

»Hör zu, ich weiß, das klingt alles nach einer kitschigen Foto-Love-Story«, sagte ich schließlich. »Und ich könnte mich bestimmt längst selbst nicht mehr reden hören. Aber irgendwas muss ihm zugestoßen sein, da bin ich mir ganz sicher.«

Jo öffnete Tommys Handschuhfach und holte eine Riesentafel Schokolade heraus, von der sie mit roher Gewalt einen großen Brocken abbrach.

»Mum?«, fragte Rudi und spitzte die Ohren. »Was hast du da?«

Er wusste ganz genau, was sie da hatte. Jo reichte ihrem Sohn wortlos ein Stück Schokolade. Rudi strahlte sie an mit seinem breitesten, zähnebleckendsten Grinsen, und Jo – obwohl ihr Geduldsfaden kurz davor war zu zerreißen – erwiderte sein Lächeln. »Und frag erst gar nicht nach mehr«, ermahnte sie ihn. »Sonst wird dir nur wieder schlecht.«

Rudi sagte nichts. Er schien davon auszugehen, sie würde ohnehin früher oder später nachgeben.

Jo drehte sich wieder zu mir um. »Sarah. Ich will dir ja wirklich nicht zu nahe treten. Aber … ich glaube, du machst dir da was vor. Du musst dich einfach damit abfinden, dass Eddie nicht tot ist. Und er ist nicht verletzt, sein Telefon ist nicht kaputt, und er kämpft auch nicht gegen eine lebensbedrohliche Krankheit.«

»Nicht? Hast du die Krankenhäuser abgeklappert? Mit der Gerichtsmedizin gesprochen?«

»O Gott«, wisperte sie und starrte mich vollkommen fassungslos an. »Sag mir jetzt nicht, dass du irgendwas davon getan hast, Sarah! Grundgütiger!«

»Grundgütiger«, flüsterte Rudi.

»Hör auf«, fuhr Jo ihn an.

»Du hast damit angefangen.«

Jo gab Rudi noch ein Stück Schokolade, und er widmete sich wieder seinem iPad. Das hatte ich ihm als kleines Präsent aus den USA mitgebracht, und vorhin hatte er mir im Vertrauen gestanden, er liebe es mehr als alles andere auf der Welt. Worüber ich erst lachen und dann, sehr zu Rudis Erstaunen, ein bisschen weinen musste, weil ich wusste, dass er diesen Ausdruck sicher von Jo gelernt hatte. Sie hatte sich als unglaubliche Löwenmutter erwiesen, meine süße kleine Joanna Monk, ihrer eigenen verkorksten Kindheit zum Trotz.

»Also?«

»Natürlich habe ich die Krankenhäuser nicht abgeklappert«, entgegnete ich seufzend und beobachtete eine kleine Kuhherde, die unter einer Telefonleitung auseinandersprang. »Ich bitte dich, Jo.«

»Ganz sicher?«

»Natürlich bin ich mir da sicher. Was ich damit nur sagen wollte, ist, dass du genauso wenig wie ich wissen kannst, wo Eddie abgeblieben ist.«

»Aber Männer machen das andauernd!«, herrschte sie mich an. »Das weißt du genauso gut wie ich!«

»Ich weiß gar nichts übers Daten. Ich war die letzten siebzehn Jahre verheiratet.«

»Dann lass es dir von mir gesagt sein: Es hat sich nichts verändert«, erklärte Jo verbittert. »Sie melden sich immer noch nicht.«

Sie schaute Tommy an, doch der reagierte nicht. Seine gespielte Zuversicht hatte sich schlagartig verflüchtigt wie Morgennebel im strahlenden Sonnenschein, und er hatte, seit wir losgefahren waren, kaum ein Wort gesprochen. Vorhin an der Autobahnraststätte hatte er einen kurzen Anflug von Löwenmut gezeigt, als er eine Nachricht bekommen hatte mit der Ankündigung, drei örtliche Tageszeitungen wollten jemanden vorbeischicken, aber nur wenige Minuten später hatte er mich in der Warteschlange des WHSmith Buchladens »Sarah« genannt, und Tommy nannte mich nur Sarah, wenn er richtig Schiss hatte. (Seit unserem dreizehnten Lebensjahr, als er angefangen hatte, Liegestützen zu machen und Stretchklamotten zu tragen, war ich für ihn nur noch »Harrington« gewesen.)

Das Schweigen wurde immer undurchdringlicher, und ich verlor die Schlacht, die ich gekämpft hatte, seit wir in London losgefahren waren.

Bin auf dem Weg zurück nach Gloucestershire, schrieb ich Eddie, ehe ich mich bremsen konnte. Rückendeckung für meinen guten Freund Tommy, der an unserer alten Schule ein wichtiges neues Projekt vorstellt. Wenn du dich mit mir treffen magst, könnte ich bei meinen Eltern übernachten. Wäre schön, wenn wir miteinander reden könnten. Sarah x

Kein Stolz, keine Scham. Das hatte ich längst hinter mir gelassen. Alle paar Sekunden tippte ich auf das Display meines Handys und wartete ungeduldig auf die Zustellbestätigung.

Zugestellt, verkündete das verfluchte Ding munter.

Mit Argusaugen beobachtete ich die Anzeige und wartete auf die kleine Textblase. Eine Textblase würde bedeuten, dass er zurückschrieb.

Keine Textblase.

Ich guckte noch mal. Keine Textblase.

Ich guckte noch mal. Noch immer keine Textblase. Ich steckte das Telefon in die Handtasche, außer Sichtweite. So benahmen sich doch sonst nur verliebte Teenager, wenn sie zum ersten Mal Liebeskummer hatten, dachte ich. Mädchen, die noch lernen mussten, sich selbst zu lieben, und in milder Hysterie darauf warteten, dass der Junge, den sie am Freitag zuvor in einer verschwitzten Ecke geküsst hatten, sich endlich bei ihnen meldete. So benahm sich doch keine erwachsene Frau von sechsunddreißig Jahren. Eine Frau, die die ganze Welt bereist, eine Tragödie überlebt und eine Kinderhilfsorganisation gegründet hatte.

Der Regen ließ langsam nach. Durch den kleinen Schlitz im Fenster konnte man den nassen Asphalt riechen und feuchte, dampfende, rauchige Erde. Ich litt Höllenqualen. Mit leerem Blick starrte ich hinaus auf ein Feld mit großen Rundballen aus Heu, so fest in glänzende schwarze Folie gequetscht wie stämmige Oberschenkel in zu enge Leggings. Nicht mehr lange, dann würde ich vollends den Verstand verlieren. Ich stand am Rande eines Nervenzusammenbruchs. Und bald würde ich im freien Fall in den Abgrund taumeln, wenn ich nicht endlich herausfand, was passiert war.

Rasch checkte ich mein Handy. Vor ziemlich genau vierundzwanzig Stunden hatte ich die SIM-Karte herausgenommen und das Telefon neu gestartet. Zeit, es noch einmal zu versuchen.

Eine halbe Stunde später waren wir auf dem zweispurigen Zubringer nach Cirencester, und Rudi fragte seine Mutter, warum die Wolken alle in verschiedene Richtungen zogen.

Wir waren bloß noch ein paar Meilen von der Ecke entfernt, an der wir uns über den Weg gelaufen waren. Ich schloss die Augen und versuchte mich an meinen kleinen Spaziergang an diesem heißen Morgen zu erinnern. Diese wenigen vollkommen unkomplizierten Stunden in der Zeitrechnung Vor Eddie. Die Sauermilchsüße der Holunderblüten. Ach ja, und das verdorrte Gras. Die träge schwebenden Schmetterlinge, wie betäubt von der Hitze. Da war ein Roggenfeld gewesen; wie ein fedriger, getreidehülsengrün bemalter Teppich, über dem sich die heiße Luft staute. Hin und wieder ein erschrecktes Kaninchen, das wie vom Katapult abgeschossen davonsprang. Und die seltsame Erwartung, die an diesem Tag in der Luft über dem ganzen Dorf lag, diese brütende Stille, die verstreuten Düfte.

Ungebeten spulte meine Erinnerung im schnellen Vorlauf zu der Stelle kurz vor dem Augenblick, als ich Eddie zum ersten Mal gesehen hatte – ein aufrichtiger, freundlicher Mensch mit warmen Augen und offenem Gesicht, der sich mit einem entlaufenen Schaf unterhielt –, und wie verknotetes Gestrüpp schlangen sich Trauer und Verwirrung um das Bild in meinem Kopf.

»Du kannst mir gerne sagen, dass ich mich selbst in die Tasche lüge«, sagte ich in die Stille des Wagens hinein. »Aber das war kein kleiner belangloser Flirt. Das war … Das war alles. Wir beide wussten es. Und darum bin ich mir auch so sicher, dass ihm etwas zugestoßen sein muss.«

Bei dem Gedanken schnürte es mir die Kehle zu.

»Sag doch auch mal was«, meinte Jo zu Tommy. »Sag was dazu.«

»Ich bin Sportberater«, murmelte der. Ihm war die ganze Sache so unangenehm, dass sein Hals feuerrot anlief. »Mein Fachgebiet sind Körper, nicht Köpfe.«

»Und wer hat Köpfe als Fachgebiet?«, fragte Rudi. Er belauschte unser Gespräch sehr aufmerksam.

»Therapeuten haben Köpfe als Fachgebiet«, antwortete Jo matt. »Therapeuten und ich.«

Ferapeuten. So in etwa klang das Wort bei ihr. Jo war in Ilford geboren und aufgewachsen und sprach waschechtes, unverfälschtes Cockney. Ich liebte sie sehr. Ich liebte sie für ihre unverblümte Art und ihr aufbrausendes Temperament, ich liebte sie für ihre Furchtlosigkeit (manche würden auch fehlendes Feingefühl für persönliche Grenzen sagen), und am meisten liebte ich sie dafür, wie heiß und innig sie ihren Sohn liebte. Ich mochte einfach alles an Jo, aber heute wäre es mir trotzdem lieber gewesen, nicht mit ihr in einem Auto zu sitzen.

Rudi fragte mich, ob wir bald da wären. Ich sagte Ja. »Ist das eure Schule?«, fragte er und wies auf ein Fabrikgebäude.

»Nein. Wobei durchaus eine gewisse architektonische Ähnlichkeit besteht.«

»Ist das eure Schule?«

»Nein. Das ist ein Waitrose-Supermarkt.«

»Wie lange dauert es denn noch?«

»Nicht mehr lange.«

»Wie viele Minuten?«

»Ungefähr zwanzig?«

Rudi sank vor Selbstmitleid zerfließend im Autositz zusammen. »Das ist ja noch ewig«, stöhnte er. »Mum, ich brauche neue Spiele. Kann ich neue Spiele haben?«

Jo sagte ihm, das könne er nicht, und Rudi murmelte was, einfach trotzdem welche kaufen zu wollen. Beinahe ehrfürchtig sah ich zu, wie er ganz selbstverständlich Jos Apple-ID und das dazugehörige Passwort eintippte.

»Ähm, entschuldige«, flüsterte ich.

Er schaute auf und sah mich an, und der kleine blonde Afro rahmte seinen Kopf wie ein seltsamer Heiligenschein, während er die mandelförmigen Augen schelmisch verdrehte. Er machte eine Geste, als schlösse er einen Reißverschluss über den Lippen, und hob dann mahnend den Zeigefinger. Und weil ich diesen kleinen Kerl viel mehr liebe, als gut für ihn ist, tat ich wie mir geheißen und hielt den Mund.

Seine Mutter richtete ihre Aufmerksamkeit wieder auf das andere Kind auf der Rückbank. »Jetzt hör mal zu«, sagte sie und legte mir eine pummelige Hand aufs Bein. Die Nägel hatte sie sich heute in einer Farbe namens Rubble lackiert. »Ich glaube, du musst den Tatsachen ins Auge sehen. Du hast einen Mann kennengelernt. Du hast eine Woche mit ihm verbracht. Dann ist er in den Surfurlaub gefahren und nicht wieder aufgetaucht.«

Die Fakten waren momentan einfach zu schmerzhaft. Da waren mir meine Theorien lieber.

»Fünfzehn Tage hatte er Zeit, sich bei dir zu melden, Sarah. Du hast ihm geschrieben, versucht ihn anzurufen und alles Menschenmögliche angestellt, darunter vieles, was ich ehrlich gesagt von jemandem wie dir nie erwartet hätte … und mit welchem Ergebnis? Keine Reaktion. Ich hab das alles schon erlebt, mit der Liebe, und es tut verdammt weh. Aber es tut nur so lange weh, bis du die Wahrheit akzeptierst und die ganze Sache endgültig abhakst.«

»Ich würde die Sache ja abhaken, wenn ich davon überzeugt wäre, dass er schlicht und ergreifend das Interesse verloren hat. Bin ich aber nicht.«

Jo seufzte tief. »Tommy. Bitte hilf mir doch mal.«

Tiefes Schweigen machte sich breit. Konnte es etwas Peinlicheres geben als das?, fragte ich mich. So ein Gespräch zu führen, mit beinahe vierzig Jahren, verdammt noch mal? Vor drei Wochen um diese Zeit war ich ein ganz normaler vernünftiger erwachsener Mensch gewesen. Ich hatte einen Bericht für ein Kinderkrankenhaus geschrieben, mit dem meine Organisation bald eine neue Kooperation beginnen sollte. Ich hatte gekocht und gegessen, mich um meinen eigenen Kram gekümmert, ich hatte Witze gemacht, Anrufe getätigt und entgegengenommen, E-Mails beantwortet. Und jetzt saß ich da und hatte meine Gefühle deutlich weniger im Griff als der Siebenjährige auf der Rückbank neben mir.

Im Rückspiegel prüfte ich anhand von Tommys Augenbrauen, ob er irgendwas zu diesem Thema anzumerken hatte. Als ihm mit Anfang zwanzig langsam die Haare anfingen auszugehen, hatten seine Augenbrauen ein eigenartiges Eigenleben entwickelt. Inzwischen konnte man an ihren Kapriolen seinen Gemütszustand verlässlicher ablesen als an dem, was aus seinem Mund kam.

Sie trafen sich beinahe über der Nase. »Die Sache ist die«, setzte er an. Dann unterbrach er sich wieder, und man merkte, wie schwer es ihm fiel, sich über irgendwas anderes Gedanken zu machen als um seine eigenen drängenden Probleme. »Die Sache ist die, Jo, du gehst davon aus, dass ich bezüglich Sarahs Dilemma derselben Meinung bin wie du. Aber ich bin mir da nicht so sicher.« Er redete leise und bedächtig wie eine Katze, die um den heißen Brei herumschleicht, um sich nicht die Pfoten zu verbrennen.

»Wie bitte?«

»Ich wittere Stunk«, flüsterte Rudi.

Tommys Augenbrauen rangen sich den nächsten Satz ab. »Ich bin mir sicher, die meisten Männer melden sich nicht, weil sie einfach kein gesteigertes Interesse haben. Aber diese Geschichte klingt für mich, als stecke mehr dahinter. Die viele Zeit, die sie zusammen verbracht haben. Stell dir das mal vor! Hätte Eddie es nur auf Du-weißt-schon-was abgesehen, hätte er sich gleich nach der ersten Nacht aus dem Staub gemacht.«

Jo schnaubte abfällig. »Warum nach einer Nacht abhauen, wenn er genauso gut sieben Tage Du-weißt-schon-was haben kann?«

»Jo, ich bitte dich! Das gilt vielleicht für zwanzigjährige Jungs, aber doch nicht für einen gestandenen Mann von beinahe vierzig Jahren!«

»Redet ihr über Sex?«, erkundigte Rudi sich.

»Ähm, nein?« Jo wusste nicht, was sie darauf erwidern sollte. »Was weißt du denn über Sex?«

Erschrocken widmete sich Rudi wieder seinen betrügerischen iPad-Aktivitäten.

Jo beobachtete ihn eine Weile, aber er war ganz geschäftig über das Display gebeugt und murmelte mit seiner russischen Stimme vor sich hin.

Ich atmete tief ein. »Ich muss ständig daran denken, dass er sogar überlegt hat, meinetwegen seinen Urlaub abzublasen. Warum sollte er denn …«

»Ich muss Pipi«, verkündete Rudi plötzlich. »Ich glaube, ich habe unter einer Minute«, fügte er hinzu, ehe Jo nachfragen konnte.

Wir hielten vor der landwirtschaftlichen Hochschule, gleich gegenüber der Gesamtschule, auf die Eddie damals gegangen war. Wie graue Nebelschwaden legte der Schmerz sich um mich, als ich das Schild anstarrte und mir vorzustellen versuchte, wie der zwölfjährige Eddie durch das Tor gehopst sein musste. Ein kleines rundes Jungengesicht. Dieses Lächeln, das ihm im Laufe der kommenden Jahre klitzekleine Fältchen ins Gesicht knittern würde.

Gerade an deiner Schule vorbeigefahren, schrieb ich ihm, noch ehe ich es mir anders überlegen konnte. Wünschte, ich wüsste, was los ist.

Jo war verdächtig guter Laune, als sie mit Rudi wieder in den Wagen stieg. Sie sagte, es werde doch noch ein wunderschöner Tag und dass sie sich sehr freuen würde, mit uns allen eine kleine Landpartie zu machen.

»Ich habe ihr gesagt, dass sie gemein zu dir war«, flüsterte Rudi mir zu. »Willst du ein Stück Käse?« Er klopfte auf eine Tupperdose mit den verschmähten Käsescheiben von den Sandwichs, die Jo ihm vorhin angeboten hatte.

Ich strubbelte ihm durch die Haare. »Nein«, flüsterte ich zurück. »Aber ich hab dich lieb. Danke.«

Jo tat, als hätte sie unsere Unterhaltung überhört. »Du sagtest eben, Eddie habe überlegt, den Urlaub abzusagen«, nahm sie den Gesprächsfaden wieder auf.

Und mir ging plötzlich das Herz auf, weil ich natürlich wusste, warum es ihr so schwerfiel, nicht die Geduld mit mir zu verlieren. Ich wusste nur zu gut, dass von den vielen Männern, denen Jo in den Jahren, bevor sie Rudi bekommen hatte, ihr Herz und ihre Seele (und oft auch ihren Körper) geschenkt hatte, die wenigsten sich danach noch mal bei ihr gemeldet hatten. Und die, die sich meldeten, hatten, wie sich dann später herausstellte, meistens einen veritablen Harem. Wieder und immer wieder hatte sie sich hinhalten lassen, weil sie die Hoffnung darauf einfach nicht aufgeben wollte, wahrhaft und aufrichtig geliebt zu werden. Dann war eines Tages Shawn O’Keefe auf der Bildfläche erschienen, und Jo war schwanger geworden, und Shawn war bei ihr eingezogen, wohl wissend, dass es bei Jo ein Dach über dem Kopf und einen immer vollen Kühlschrank gab. In der ganzen Zeit hatte er keinen einzigen Tag gearbeitet. Manchmal verschwand er nächtelang, ohne ihr zu sagen, wohin. Und auch das »Bewerbungsgespräch« heute war sicherlich erstunken und erlogen.

Jo hatte diesem Treiben sieben Jahre lang tatenlos zugesehen. Wohl weil sie irgendwie davon überzeugt zu sein schien, ihre Liebe zueinander würde wachsen und gedeihen, wenn sie und Shawn sich nur ein bisschen mehr Mühe gäben und sie nur noch ein bisschen Geduld hätte, bis er endlich erwachsen wurde. Sie hatte sich selbst eingeredet, aus ihnen könnte irgendwann eine kleine heile Familie werden, wie sie selbst sie als Kind nie gehabt hatte.

Ja, Jo wusste alles über Selbstbetrug.

Aber meine eigene verzwickte Lage schien einfach zu viel für sie. Sie hatte mich unermüdlich aufzumuntern versucht, seit Eddie einfach von der Bildfläche verschwunden war. Sich gezwungen, geduldig meinen haarsträubenden Theorien zuzuhören. Mir glaubhaft versichert, er würde bestimmt morgen anrufen. Aber selbst hatte sie kein einziges Wort davon geglaubt, und jetzt hatte sie schlicht und ergreifend die Schnauze gestrichen voll. »Lass dich nicht genauso ausnutzen, wie ich mich habe ausnutzen lassen«, sagte sie zu mir. »Dreh dich um und renn, Sarah. Lauf um dein Leben, solange du noch kannst.«

Das Problem war nur, ich konnte nicht.

Ich hatte mir den Gedanken, Eddie könnte einfach das Interesse verloren haben, gründlich durch den Kopf gehen lassen. Ihn von allen Seiten eingehend beleuchtet. An jedem einzelnen der fünfzehn Tage, an denen mein Telefon stumm wie ein Fisch geblieben war. Hatte jeden einzelnen der warmen, wunderbaren Momente mit ihm durchkämmt auf der Suche nach kleinsten Haarrissen, winzigen Warnsignalen, dass er sich der ganzen Sache vielleicht nicht ganz so sicher gewesen war wie ich. Und hatte rein gar nichts gefunden.

Eigentlich war ich vorher kaum noch bei Facebook gewesen, aber plötzlich war ich ständig online, fast ununterbrochen, und filzte sein Profil immer wieder auf der Suche nach einem Lebenszeichen. Oder – viel schlimmer – Hinweisen auf eine andere Frau.

Nichts.

Ich rief an und schrieb Nachrichten. Ich schickte ihm sogar einen erbärmlichen kleinen Tweet. Ich lud mir Facebook Messenger runter und WhatsApp und schaute jeden Tag nach, ob er vielleicht irgendwo aufgetaucht war. Immer mit demselben Ergebnis: Eddie David war zum letzten Mal vor über zwei Wochen online gewesen. An dem Tag, als ich sein Haus verlassen hatte, damit er seine Koffer für Spanien packen konnte.

Und obwohl ich mich dafür in Grund und Boden schämte, die Verzweiflung war größer, also registrierte ich mich sogar bei etlichen Dating-Apps, um herauszufinden, ob er irgendwo angemeldet war.

War er nicht.

Mit allen Mitteln wollte ich diese unkontrollierbare Situation irgendwie unter Kontrolle bringen. Ich konnte nicht mehr schlafen, und wenn ich nur an Essen dachte, wurde mir speiübel. Ich konnte mich auf nichts konzentrieren, und jedes Mal, wenn das Telefon läutete, stürzte ich mich darauf wie ein verhungerndes Tier. Vor Erschöpfung lief ich wie in dicke Watte gepackt herum, wie ein Zombie. Manchmal drohte es mich zu ersticken. Nachts lag ich oft stundenlang wach und starrte in die pechschwarze Dunkelheit von Tommys Gästezimmer in Westlondon.

Das Komische war, ich wusste, dass ich das nicht bin. Ich wusste, dass es vollkommen irre war, und ich merkte selbst, dass es immer schlimmer wurde statt besser. Aber ich hatte weder den Willen noch die Kraft, selbst mit einer strengen Intervention die Notbremse zu ziehen.

Warum ruft er nicht an?, tippte ich eines Tages in die Google-Suche ein. Was dann kam, war der reinste Online-Tsunami. Meinem verbliebenen Restverstand zuliebe schloss ich die Seite lieber wieder ganz schnell.

Stattdessen hatte ich Eddie ein erneutes Mal gegoogelt und mich durch die Webseite seiner Schreinerei geschnüffelt, auf der Suche nach … Eigentlich wusste ich schon gar nicht mehr, was genau ich suchte. Und natürlich hatte ich auch nichts gefunden.

»Meinst du, er hat dir wirklich alles über sich erzählt?«, fragte Tommy. »Bist du dir beispielsweise ganz sicher, dass keine andere Frau im Spiel ist?«

Die Straße führte bergab in eine flache Senke, eine sattgrüne Parklandschaft, in der stattliche Eichen zusammenstanden wie gediegene Gentlemen in einer Raucher-Lounge.

»Er hat keine andere«, erklärte ich.

»Woher willst du das so genau wissen?«

»Das weiß ich, weil … ich es einfach weiß. Er ist Single, er ist zu haben. Nicht nur sprichwörtlich, sondern auch gefühlsmäßig.«

Ein Reh blitzte kurz am Straßenrand auf und verschwand dann in einem Birkenwäldchen.

»Okay. Und was ist mit anderen Warnzeichen?«, hakte Tommy nach. »Irgendwelche Ungereimtheiten? Hattest du das Gefühl, er verheimlicht dir was?«

»Nein.« Ich zögerte. »Wobei, vielleicht …«

Jo drehte sich zu mir um. »Was?«

Ich seufzte. »An dem Tag, als wir uns kennengelernt haben, hat er ein paar Anrufe weggedrückt. Aber das war das einzige Mal«, fügte ich rasch hinzu. »Von da an ist er immer drangegangen, wenn sein Handy geklingelt hat. Und es hat ihn auch niemand Seltsames angerufen; es waren entweder Freunde oder seine Mum oder Kundenanfragen …« Und Derek, dachte ich plötzlich. Ich hatte nie so richtig rausbekommen, wer dieser Derek eigentlich war.

Tommys Augenbrauen schienen mit einer komplizierten Triangulation befasst.

»Was?«, fragte ich ihn. »Was denkst du gerade? Das war bloß am ersten Tag, Tommy. Danach ist er immer rangegangen, wenn ihn jemand angerufen hat.«

»Das glaube ich dir ja. Mir geht’s eher darum …« Er brach ab.

Jo schwieg unüberhörbar, aber ich ignorierte sie einfach.

»Mir geht’s eher darum, dass ich Internet-Dating immer schon recht riskant fand«, sagte Tommy schließlich. »Ich weiß, du hast ihn nicht online kennengelernt, aber die Situation ist durchaus vergleichbar – ihr habt keine gemeinsamen Freunde, keine gemeinsame Geschichte. Er könnte sich für Wer-weiß-wen ausgegeben haben.«

Ich runzelte die Stirn. »Aber wir sind Facebook-Freunde. Warum sollte er meine Freundschaftsanfrage annehmen, wenn er irgendwas zu verbergen hätte? Beruflich ist er auch bei Twitter und Instagram, und seine Schreinerei hat eine eigene Geschäftsseite. Mit Fotos von ihm. Außerdem war ich eine Woche lang bei ihm zu Hause, schon vergessen? Die Post war an Eddie David adressiert. Wäre er nicht Eddie David, Möbelschreiner, dann wüsste ich das.«

Wir waren jetzt tief in dem alten Wald, der sich durch den ganzen Cirencester Park zieht. Wie glänzend polierte Pennys fiel das Licht durch das löchrige Blätterdach auf Jos nackte Oberschenkel, während sie aus dem Fenster starrte und offensichtlich mit ihrem Latein am Ende war. Nicht mehr lange, dann würden wir wieder aus dem Wald herausfahren und kurz darauf zu der Kurve kommen, in der der Unfall damals passiert ist.

Bei dem Gedanken fiel mir das Atmen plötzlich schwer. Als sei die Luft im Wagen mit einem Mal ganz dünn geworden.

Ein paar Minuten noch, dann fuhren wir aus dem grünlichen Dämmerlicht der Bäume heraus und hinein in die vom Regen reingewaschenen, strahlend hellen Wiesen und Felder. Ich schloss die Augen. Selbst nach all den Jahren konnte ich nicht hinschauen, rüber auf den grasbewachsenen Seitenstreifen, wo die Rettungssanitäter sie damals hingelegt hatten. Beim vergeblichen Versuch, das Unausweichliche doch noch irgendwie abzuwenden.

Jos Hand suchte mein Knie.

»Warum machst du das?« Rudi fuhr sofort die Antennen aus. »Mum? Warum hast du die Hand auf Sarahs Bein gelegt? Warum sind da Blumen an den Baum gebunden? Warum sind alle plötzlich so …«

»Rudi«, sagte Jo. »Rudi, wie wäre es mit einer Runde ›Ich sehe was, was du nicht siehst‹? Ich sehe was, was du nicht siehst, und das beginnt mit einem ›W‹!«

Er wurde kurz still. »Dafür bin ich zu alt«, brummte Rudi beleidigt. Er hasste es, nicht zu wissen, was vor sich ging.

Ich hatte die Augen fest zusammengekniffen, obwohl ich wusste, dass wir die Stelle längst passiert hatten.

»Ein Wal«, murmelte Rudi widerstrebend. »Eine Wasserpistole. Ein Wison.«

»Alles klar, Harrington?«, fragte Tommy nach einer respektvollen Redepause.

»Ja.« Ich machte die Augen wieder auf. Weizenfelder, bröckelige Trockensteinmauern, Fußpfade, die sich durch abgegraste Pferdeweiden schlängelten. »Alles bestens.«

Es wurde nicht einfacher. Neunzehn Jahre hatten die scharfen Kanten und spitzen Ecken der Erinnerung etwas zu glätten vermocht und die schlimmsten Stellen abgeschliffen. Aber sie waren immer noch da.

»Reden wir doch noch ein bisschen über Eddie«, schlug Jo vor. Ich wollte »Ja« sagen, aber meine Stimme verlor das Gleichgewicht wie eine Ballerina bei einer verunglückten Pirouette. »Wenn du so weit bist«, sagte sie und tätschelte mir das Bein. »Nur keine Eile.«

»Na ja, ich frage mich halt schon die ganze Zeit, ob ihm womöglich was zugestoßen ist«, krächzte ich, als meine Stimme mir wieder einigermaßen gehorchte. »Er wollte zum Windsurfen nach Südspanien.«

Tommys Augenbrauen mussten darüber nachdenken. »Das wäre also nicht allzu weit hergeholt.«

Woraufhin Jo einwandte, ich sei doch mit Eddie auf Facebook befreundet. »Da hätte sie es doch mitbekommen, wenn ihm was passiert wäre.«

»Wir sollten auch nicht voreilig ausschließen, dass sein Handy kaputt sein könnte«, warf ich ein. Meine Stimme wurde immer dünner, je mehr Hoffnungsfäden vor meinen Augen zerrissen. »Es war eh eine einzige Katastrophe, er …«

»Süße«, unterbrach Jo mich sanft. »Süße, sein Telefon ist nicht tot. Es klingelt doch, wenn du ihn anrufst.«

Ich nickte zerknirscht.

Chips mampfend trat Rudi von hinten gegen Jos Sitz. »Laaaaaaaaaaangweilig.«

»Hör sofort damit auf«, raunzte sie ihn an. »Und denk dran, was wir übers Reden mit vollem Mund gesagt haben.«

Worauf sich Rudi hinter Jos Rücken zu mir umdrehte und mir mit weit aufgesperrtem Schnabel einen Blick auf den halb zerkauten Inhalt gewährte. Leider und aus mir unerfindlichen Gründen glaubt er, das sei so was wie ein Insiderwitz zwischen uns.

Meine Hand glitt ins Seitenfach meiner Handtasche, und meine Finger schlossen sich um das letzte Stückchen Hoffnung, das mir noch geblieben war. »Aber Maus«, piepste ich kleinlaut. Ich hatte heiße Tränen in den Augen, die jeden Augenblick herunterzukullern drohten. »Er hat mir Maus anvertraut.«

Behutsam hielt ich sie in der hohlen Hand. Glatt war sie und abgewetzt und kleiner als eine Walnuss. Eddie hatte sie mit gerade mal neun Jahren selbst aus einem Stück Holz geschnitzt. »Sie hat schon viel mit mir durchgemacht«, hatte er gesagt. »Sie ist meine Talisfrau.«

Sie erinnerte mich an den Messingpinguin, den Dad mir damals während meiner Schulprüfungen als Schreibtischkumpan geschenkt hatte. Ein finsterer kleiner Bursche, der mich streng angeguckt hatte, sobald ich die Prüfungsfragen aufschlug. Auch heute liebte ich diesen Pinguin noch sehr. Ich konnte mir gar nicht vorstellen, ihn jemand anderem anzuvertrauen.

Maus bedeutete Eddie genauso viel. Das wusste ich ganz sicher – und doch hatte er sie mir gegeben. »Pass gut auf sie auf, bis ich wieder da bin«, hatte er gesagt. »Sie ist mir wirklich wichtig.«

Jo warf einen Blick über die Schulter nach hinten und seufzte. Ich hatte ihr die Geschichte mit Maus schon erzählt. »Leute ändern halt ihre Meinung«, murmelte sie leise. »Vielleicht war es für ihn einfacher, den Schlüsselanhänger abzuschreiben, als sich bei dir zu melden.«

»Sie ist nicht bloß ein Schlüsselanhänger. Sie …« Ich gab auf.

Als Jo wieder ansetzte, klang ihre Stimme sanfter: »Hör zu, Sarah. Wenn du dir so sicher bist, dass ihm was Schlimmes zugestoßen ist, warum lässt du dann nicht die ganzen vergeblichen Kontaktversuche sein und postest etwas auf seiner Facebook-Seite? Wo es jeder sehen kann? Schreib, dass du dir Sorgen machst. Frag, ob jemand was von ihm gehört hat.«

Ich schluckte schwer. »Wie meinst du das?«

»Ich meine es so, wie ich es gesagt habe. Bitte seine Freunde um Hilfe. Frag nach, ob sie was wissen. Was hält dich davon ab?«

Ich drehte mich um und schaute aus dem Fenster, weil ich darauf keine Antwort wusste.

Aber Jo ließ nicht locker. »Ich glaube, das Einzige, was dich davon abhält, ist, dass es dir peinlich ist. Du schämst dich. Und wenn du wirklich, ganz ehrlich felsenfest davon überzeugt wärst, dass ihm was Schreckliches zugestoßen ist, dann würdest du dich einen feuchten Kehricht darum scheren, ob die Aktion womöglich peinlich sein könnte oder nicht.«

Gerade fuhren wir an dem alten Militärflugplatz vorbei. Ein ausgeblichener orangeroter Windsack flatterte zerfleddert über der leeren Landebahn, und plötzlich musste ich daran denken, wie Hannah vor Lachen geschrien hatte, als Dad einmal bemerkte, das Ding sehe aus wie ein riesengroßer orangefarbener Schniedel. »Schniedelsack!«, hatte sie trompetet, und Mum hatte zwar versucht, streng zu gucken, dann aber auch vor Lachen geprustet.

Rudi öffnete auf dem iPad Jos Mediathek und klickte eine Playlist an mit dem Titel »East Coast Rap«.

Wenn ich mir wirklich solche Sorgen machte, warum hatte ich dann nicht tatsächlich längst etwas auf Eddies Profil gepostet? Hatte Jo am Ende doch recht?

Chalford mit seinen kleinen steinernen Cotswolds-Bilderbuch-Cottages, die sich so entschlossen an die Flanke ihres Hügels klammerten, als harrten sie ihrer baldigen Rettung, schob sich langsam heran. Nach Chalford kam Brimscombe, danach Thrupp und dann Stroud. Und in Stroud wurde Tommy an unserer alten Schule schon von einem großen Empfangskomitee bestehend aus Lehrern, Schülern und Pressevertretern erwartet. Ich musste mich endlich zusammenreißen.

»Augenblick mal«, meinte Tommy unvermittelt. Er drehte Rudis Rap leiser und schaute mich im Rückspiegel an. »Harrington, hast du Eddie eigentlich gesagt, dass du verheiratet bist?«

»Nein.«

Worauf seine Augenbrauen schier auszuflippen drohten. »Ich dachte, du hättest ihm alles gesagt!«

»Habe ich auch! Aber wir haben nicht unsere ganzen Exgeschichten voreinander ausgebreitet. Das hätte ich irgendwie … na ja, geschmacklos gefunden. Ich meine, wir sind beide fast vierzig …« Ich brach ab. Hätten wir das tun sollen? »Eigentlich wollten wir einander unsere ganze Lebensgeschichte erzählen, aber dann sind wir doch nicht dazu gekommen. Wobei wir beide ganz glasklar gesagt haben, dass wir Single sind.«

Tommy beobachtete mich im Rückspiegel. »Aber habt Reuben und du eure Webseite schon aktualisiert?«

Verdutzt runzelte ich die Stirn und fragte mich, worauf er hinauswollte.

Und dann: »O nein«, wisperte ich fassungslos. Eiskalte Finger legten sich um meinen Magen.

»Was denn?«, kreischte Rudi. »Wovon redet ihr?«

»Die Webseite von Sarahs Organisation«, erklärte Jo ihm. »Da gibt es eine ganze Seite über Sarah und Reuben, wie sie gemeinsam die Clowndoctors-Initiative gegründet haben, nach ihrer Hochzeit, damals in den Neunzigern. Und dass sie die Organisation heute noch gemeinsam leiten.«

»Ach!«, rief Rudi. Hocherfreut, das Rätsel endlich doch noch gelöst zu haben, legte er das iPad beiseite. »Sarahs Freund hat das gelesen, und es hat ihm das Herz gebrochen! Darum ist er jetzt tot, weil man mit kaputtem Herzen nicht leben kann.«

»Tut mir leid – das schlucke ich nicht«, meinte Jo ganz sachlich. »Wenn ihr eine ganze Woche zusammen verbracht habt, Sarah, und es ihm genauso ernst war wie dir, dann hätte das nicht gereicht, um ihn abzuschrecken. Er hätte dich zur Rede gestellt. Er hätte sich nicht einfach geschlichen und sich in eine Ecke verzogen wie eine krepierende Katze.«

Aber da war ich schon längst wieder in dieser verflixten Messenger-App und tippte eine Nachricht an ihn.

Viertes Kapitel

Erster Tag: Der Tag, an dem wir uns begegneten

Es war ein brütend backofenheißer Tag, als ich Eddie David kennenlernte. Die ganze Landschaft drohte unaufhaltsam zu zerschmelzen wie Eis in der Sonne und zu einer riesig großen Pfütze zu zerlaufen. Vögel verschanzten sich auf stockstarren Bäumen, und Bienen berauschten sich an den stetig steigenden Temperaturen. Es fühlte sich nicht an wie ein Nachmittag, an dem man sich Hals über Kopf in einen wildfremden Menschen verliebte. Es fühlte sich genauso an wie jeder andere 2. Juni vorher auch, an dem ich diesen Weg gegangen war. Totenstill, traurig, bedrückend. Vertraut.

Ich hörte Eddie, bevor ich ihn sah. Ich stand an der Bushaltestelle und überlegte angestrengt, was für ein Wochentag wohl heute war – Donnerstag, entschied ich schließlich. Was hieß, dass ich noch beinahe eine Stunde würde warten müssen. Hier in dieser schier unerträglichen, sengenden Mittagshitze. Auf einen unklimatisierten Bus, in dem ich dann bestimmt bei lebendigem Leib im eigenen Saft gegart würde. Weshalb ich nur kurz zögerte und dann ganz gemächlich im Schneckentempo den Weg zum Dorf hinuntertappte auf der Suche nach dem klitzekleinsten Fitzelchen Schatten. Auf einer schillernden Hitzewelle hörte ich das schrille Geschrei der Kinder aus der Grundschule herüberwabern.

Das plötzlich vom Blöken eines Schafs irgendwo vor mir übertönt wurde. MÄÄÄÄH, knödelte es. MÄÄÄÄH!

Worauf dem Schaf dröhnendes Männerlachen entgegenschlug, das wie ein angenehm kühler Lufthauch die drückende Hitze verwirbelte. Ich musste lächeln, noch ehe ich den Mann überhaupt gesehen hatte. Sein Lachen fasste alles zusammen, was ich über Schafe dachte, mit ihren komischen Gesichtern und dem etwas dümmlichen Blick aus den seitlich stehenden Augen.

Die beiden waren noch ein ganzes Stückchen entfernt, drüben auf der Dorfwiese. Der Mann mit dem Rücken zu mir, das Schaf ein paar Schritte weiter. Mit ausdruckslosem Gesicht stierte es den Mann an. Versuchsweise blökte es ihm noch ein lautes Määääh entgegen, worauf der Mann etwas erwiderte, das ich nicht verstand.

Als ich mich schließlich dazugesellte, waren die beiden bereits in ein ernstes Gespräch vertieft.

Etwas linkisch stand ich am Rand der Wiese auf dem ausgedörrten Gras und beobachtete die beiden, und irgendwie kam es mir fast vor, als würde ich ihn kennen. Ich kannte ihn natürlich nicht, aber er war ein charmantes Abziehbild vieler jener Jungs, mit denen ich früher zur Schule gegangen war: ein großer, liebenswerter Schrank von einem Kerl. Kurz geschorene Haare und schokokeksbraune Haut. Die uniforme Bekleidung des West Country bestehend aus Cargo-Shorts und ausgeblichenem T-Shirt. So ein Kerl konnte Regale anbringen und ganz bestimmt auch surfen, und höchstwahrscheinlich fuhr er einen klapprigen alten Golf, den ihm seine liebenswürdige, wenn auch etwas schrullige Mutter vor Jahren mal geschenkt hatte.

Ein Mann, wie ich ihn, so stand es in meinen Teenie-Tagebüchern zu lesen, eines Tages einmal heiraten wollte. (»Eines Tages« bezog sich dabei auf eine unbestimmte Zeit in der fernen Zukunft, wenn ich wie ein Schmetterling aus meinem verschrumpelten Kokon gekrochen war, mein Mauerblümchendasein als Mandys und Claires treudoofes und allgemein eher unbeliebtes Anhängsel weit hinter mir gelassen und mich als unerschrockene, strahlend schöne junge Frau, die jeden Mann, den sie wollte, kinderleicht um den Finger wickelte, neu erfunden hatte.) Mein Zukünftiger sollte hier aus der Gegend kommen – Sapperton oder eines der umliegenden Dörfer – und er sollte unbedingt einen Golf fahren. (Der Golf war aus mir heute unerfindlichen Gründen ein absolutes Muss. In meinen Tagträumen fuhren wir in den Flitterwochen nach Cornwall, wo ich ihn dann zutiefst beeindruckte, indem ich mich mit einem Surfbrett unter dem Arm furchtlos in die Wellen stürzte.)

Es sollte alles ganz anders kommen. Statt eines kernigen Landburschen hatte ich einen effeminierten amerikanischen Clown geheiratet. Einen richtig echten Clown mit knallroter Pappnase, Ukulele und albernem Hütchen. In ein paar Stunden, wenn die ersten zaghaften Strahlen der kalifornischen Morgensonne zartgelbe Lichtkleckse an die glatten Wände unserer gemeinsamen Wohnung malten, würde er allmählich aufwachen. Womöglich würde er gähnen, sich umdrehen, sich an seine neue Freundin schmiegen und ihr den Hals küssen, ehe er aufstand, die Klimaanlage hochdrehte und ihr einen widerlich gesunden grünen Smoothie zusammenbraute.

»Hallo«, sagte ich.

»Hey, hallo«, sagte der Mann mit einem Blick über die Schulter nach hinten. Hey, hallo. Als würden wir uns seit Jahren kennen. »Mir ist gerade ein Schaf zugelaufen.«

Sein neuer Freund trompetete, ohne den Blick vom Gesicht des Mannes zu wenden, ein weiteres empörtes Määääh hinaus, das klang wie ein Nebelhorn. »Wir kennen uns zwar erst seit ein paar Minuten«, erklärte der Mann mir, »aber das zwischen uns beiden ist was Ernstes.«

»Verstehe.« Ich musste lächeln. »Ist das überhaupt erlaubt?«

»Wahre Liebe kennt keine Regeln«, entgegnete er fröhlich.

Unerwartet schoss es mir durch den Kopf: Wie ich England vermisse.

»Wie haben Sie beide sich denn kennengelernt?«, fragte ich und trat einen Schritt auf die Wiese.

Lächelnd sah er das Schaf an. »Na ja, ich saß hier und habe mich ein bisschen selbst bemitleidet, als diese junge Dame plötzlich wie aus dem Nichts vor mir stand. Wir fingen an, uns zu unterhalten, und ehe ich michs versah, redeten wir schon darüber, dass sie bei mir einzieht.«

»Dieser junge Mann«, korrigierte ich ihn. »Ich verstehe zwar nicht viel von Schafen, aber ich kann Ihnen versichern, dass es sich mitnichten um eine Dame handelt.«

Er stutzte, dann lehnte er sich zurück und warf einen prüfenden Blick unter das Fahrgestell des Schafs.

»Ach.«

Das Schaf starrte ihn bloß mit seinen dümmlichen seitlich gestellten Augen an. »Dann heißt du also gar nicht Lucy?«, fragte er verdattert. Das Schaf sagte dazu lieber nichts. »Es hat mir gesagt, es hieße Lucy.«

»Es heißt ganz bestimmt nicht Lucy«, entgegnete ich.

Das Schaf määähte abermals, und der Mann lachte. Eine hitzetaumelnde Dohle flatterte schwerfällig flügelschlagend aus einem der Bäume am Wegesrand hinter uns auf.

Und dann stand ich irgendwie plötzlich neben ihnen. Der Mann, das Schaf und ich standen zusammen auf dem sonnengebleichten Dorfanger. Der Mann schaute mich von unten an. Seine Augen hatten die Farbe ferner Meere, dachte ich. Warm und voll guter Absichten.

Er war wirklich wunderbar.

Es wird Monate dauern, bis du wieder in der Lage bist, authentische Gefühle für einen anderen Mann zu entwickeln, hatte man mir heute Morgen lakonisch mitgeteilt. Ein gut gemeinter Ratschlag von einer ziemlich überheblich anmutenden App mit dem klingenden Namen »Der TrennungsCoach«, die meine liebe Freundin Jenni mir (ohne mein Wissen und ohne meine Zustimmung) aufs Handy geladen hatte, und zwar gleich nachdem Reuben und ich unsere Trennung offiziell bekannt gegeben hatten. Seitdem schickte sie mir jeden Morgen düstere Push-Nachrichten mit Updates zu dem emotionalen Trauma, das ich gerade durchlebte. Zusammen mit der aufmunternden Zusicherung, alles, was ich gerade empfinde, sei okay und total normal.

Nur hatte ich leider überhaupt kein emotionales Trauma erlitten. Selbst als Reuben mir gesagt hatte, es täte ihm leid, aber er fände, wir sollten uns scheiden lassen, hatte ich mich zwingen müssen, ein paar Tränchen zu verdrücken, um seine Gefühle nicht zu verletzen. Als die App mir etwas über mein gebrochenes Herz und meinen gleichsam gebrochenen Lebenswillen schrieb, kam ich mir vor, als läse ich fremde E-Mails, die nicht für mich bestimmt waren.

Aber Jenni freute sich, wenn sie sah, wie ich die Nachrichten las, weshalb ich die blöde App bisher nicht gelöscht hatte. Jennis seelisches Wohlbefinden – zunehmend fragiler, je näher die große böse Vierzig rückte und ihre Hoffnung auf eigenen Nachwuchs schleichend zunichtemachte – hatte schon immer maßgeblich davon abgehangen, Bedürftige betüddeln zu dürfen.

Der Mann wandte sich wieder an das Schaf. »Tja, wirklich schade. Und ich dachte, wir hätten eine gemeinsame Zukunft, Lucy und ich.« Sein Handy fing an zu klingeln.

»Meinen Sie, Sie kommen darüber hinweg?«

Er zog das Handy halb aus der Hosentasche und drückte den Anruf weg. »Ach, ich denke schon. Ich hoffe es zumindest.«

Etwas besorgt sah ich mich um nach einem weiteren Schaf, einem Bauern, einem hilfsbereiten Schäferhund. »Ich finde, wir sollten irgendwas unternehmen seinetwegen, meinen Sie nicht auch?«

»Vermutlich.« Der Mann rappelte sich auf. »Ich rufe Frank an. Dem gehören die meisten Schafe hier in der Gegend.« Er wählte eine Nummer auf dem Handy, und ich schluckte und wurde plötzlich unsicher. Wenn das mit dem Schaf erst mal geklärt war, würden wir aufhören müssen mit der Witzelei und ernsthaft miteinander reden.