Omnia - Monika Wolff - E-Book

Omnia E-Book

Monika Wolff

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Beschreibung

Der Himmel ist dunkel, Arbeitskraft wird zentral von In4ma$ verteilt, KI ist verboten und ausgestorben geglaub-te Dimensionswandler werden von einem jahrhunderteal-ten Geist, Airy, kontrolliert. Ist Verstecken oder Wegrennen die beste Wahl? Mira, Seherin und Datenschürferin, kämpft im Chaos zu-rückgewonnener Erinnerungen um eine Antwort, Ihr Erzfeind gönnt ihr jedoch keine Pause, die Seherzunft ist zersplittert und alles andere woran sie geglaubt hat, wird auf den Kopf gestellt. Ihr persönlicher Wunsch nach Freiheit muss gegenüber alten Freunden, gewagten Verbündeten und der inneren Angst, nicht genug zu sein, bestehen, nur damit am Ende doch alles ganz anders kommt …

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Veröffentlichungsjahr: 2025

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Titel

Omnia

Datensehertrilogie Band 3

Monika Wolff

Impressum

© 2025 Monika Wolff

Umschlag, Illustration: Hannes Mangelsdorf

Druck und Distribution im Auftrag der Autorin:

tredition GmbH, Heinz-Beusen-Stieg 5, 22926 Ahrens-burg, Deutschland

Kontaktadresse nach EU-Produktsicherheitsverordnung: [email protected]

Softcover978-3-384-77395-1

e-Book978-3-384-77396-8

Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrecht-lich geschützt. Für die Inhalte ist Monika Wolff ver-antwortlich. Jede Verwertung ist ohne ihre Zustim-mung unzulässig. Die Publikation und Verbreitung erfolgen im Auftrag Monika Wolffs, zu erreichen unter: tredition GmbH, Abteilung "Impressumservice", Ha-lenreie 40-44, 22359 Hamburg, Deutschland.

Die Handlung und alle handelnden Personen sind frei erfunden. Jegliche Ähnlichkeit mit lebenden oder realen Personen wäre rein zufällig.

Seid gewarnt, die ihr das lest.

Ihr bekämpft einen Schatten, kein sterbliches Wesen.

Ein Schatten weicht nicht.

Ein Schatten endet nicht.

Er wandelt in Räumen, die euch verborgen bleiben.

Er trägt jede eurer Wunde mit sich.

Als Waffe oder als inneren Kampf.

Was ihr sucht, ist ein Sieg.

Ein Paradox, das euch ebenso verschlingt wie ihn.

Manchmal ist es nicht der Kampf, sondern sein Preis, der ein Schicksal besiegelt

Prolog

„Wir sind immer auf der Flucht!“, sagte Betty leise, aber der Satz dröhnte in meinen Ohren. Als könnte ich irgendetwas an der Situation ändern.

Es half nicht, dass ich mich an ein Leben mit ihr als meine Partnerin erinnerte. Diese Erinnerungen ergaben kein vollständiges Bild. Nicht für mich. Und mein Verhalten dann für sie wohl erst recht nicht.

„Hier sind wir erstmal sicher“, entgegnete Patrick.

Er hatte mich an diesen Ort gebracht, nachdem mein Kreislauf während der Vereinigung vor sechs Tagen zusammengebrochen war. Die Wohnung war ruhig und unauffällig, und wenn Patrick von sicher sprach, hieß das etwas. Seiner kühlen Berechnung traute ich.

Auf seinem Gesicht lag eine verständnisvolle Mimik. Das hätte ihn fürsorglich wirken lassen können. Stattdessen erschien er einsam. Sein Leben, meine, diese Existenz wirkten wie ein Fiebertraum.

„Erstmal“, Betty schnaubte, „und wie lange noch? Das hier kann noch ewig dauern!“

Genau diese Ungewissheit nagte auch an mir. Noch dazu war ich es, die uns aufhielt.

Schweigen trat ein, unser beider Blicke lagen auf Patrick. Dieser schaute zu Boden. Die rot leuchtenden Iriden seiner künstlichen Augen mochten wer weiß was fokussieren. Durch Beton oder Stahl ließen sie sich jedenfalls nicht aufhalten. Da war es wahrscheinlicher, dass auch er keine gute Antwort parat hatte. Eine gruselige Vorstellung.

Unvermittelt blickte er auf und sagte: „Ich muss dringend etwas vorbereiten.“

Damit ließ er Betty und mich in dem Zimmer zurück. Sie war sein erster Offizier. Warum nahm er sie nicht mit? Mein Gedächtnis war aktuell wie ein Sieb. Hatte er etwas von einem Plan erwähnt? Woher kam die Dringlichkeit? Verunsichert blickte ich mich um. Mein größtes Problem in letzter Zeit war es, Zusammenhänge zu verfolgen.

Kapitän Patrick Deller hatte immer einen Plan. Ich war mir ziemlich sicher, dass er mir half, mich zu verstecken, weil er sich Verbündete wünschte. Gegen Jan, oder besser gesagt den Parasiten, der derzeit die Hülle von Jan Schwesig bediente, gab es nicht viele Menschen, die als Verbündete infrage kamen.

Im eigentlichen Sinne war Patrick gar kein Mensch, auch wenn er bis auf die Augen so aussah. Er war eine Maschine, ein elektronisches Wesen und vor allen Dingen eine künstliche Intelligenz.

KI waren seit dem teuer erkauften Sieg des letzten Weltkriegs verboten. Wie Patrick überlebt hatte, wusste ich nicht. Er wollte keinen Krieg und ich betrachtete ihn als Freund.

Im engeren Sinne waren auch weder Betty noch ich strikt als Menschen zu bezeichnen.

Elisabeth Tasarim war eine Formerin und Saugerin. Sie konnte nahezu frei Energie kontrollieren, indem sie sich von Zellenergie anderer Menschen ernährte, Energie in Materie umwandelte oder umgekehrt. Auch ihr Äußeres konnte sie vollständig ändern.

Ich war Seherin, empfindlich für Tunnelströme und zeitliche Zusammenhänge, und – wie Jan – ein Wanderwesen. In dieser Hülle nannte ich mich Mira Nielsson. Mir blieb auch nichts anderes übrig. Den Grund Parasitärer Befall gab es für Namensänderungen nicht.

Vor der Vereinigung mit einem verloren geglaubten Erinnerungsspeicher hatte ich mich ehrlich für Mira gehalten. Ich hatte es nicht besser gewusst. Irgendetwas war immer anders gewesen, aber das hatte ich auf mein seherisches Talent geschoben. Nicht darauf, dass dieser Körper mit einer anderen Seele geboren worden war als meiner.

Jetzt sollte der Fall anders aussehen, oder? Ich wusste von meinen vergangenen Leben. Ich konnte noch nicht alles zusammensetzen. Das brauchte Zeit.

Es war schließlich gerade einmal sechs Tage her, dass ich Ahn Ung, dem unglücklicheren Kind, das vor drei Jahrzehnte ungefragt als mein Transmi hatte herhalten müssen, von der Last meiner Erinnerungen wieder befreit hatte.

Eine Last, allein aufgrund des schieren Umfangs. Ich hatte mehrere ereignisreiche Leben gelebt, lange Leben, manchmal sogar …

„Wie kannst du da so ruhig bleiben?“, riss Betty mich aus meinen Gedanken.

Fragend schaute ich sie an. Obwohl sie eine Verwandlungskünstlerin war, schlug mein Herz beim Anblick ihrer Augen höher.

In sie hatte ich mich einmal verliebt. In ihr Wesen, in ihren Kampfgeist, in ihren ungebrochenen Willen, einen Weg zu finden. Hier standen wir einander wieder gegenüber. Ich war nicht mehr dieselbe und sie schien den Glauben an einen Weg gerade eben zu verlieren.

Vorsichtig trat ich einen Schritt näher an sie heran, streckte meine Hände aus und fragte leise: „Darf ich dich in die Arme nehmen?“

Ihr Blick wurde glasig, sie schluckte schwer und wir taten nicht mehr, als einander tief in die Augen zu blicken.

„Das wünsche ich mir schon so lange“, flüsterte sie. Ihre Stimme klang schwer und rau, ich konnte den Kloß in ihrem Hals quasi spüren.

Mit einem weiteren Schritt schloss ich sie in eine Umarmung. Ich war nicht mehr der Mann, in den sie sich verliebt hatte, weder körperlich noch mental. Das wusste ich.

Ihren Wunsch konnte ich ihr nicht erfüllen, nicht wirklich. Aber auch als Mira hatte ich sie kennen und schätzen gelernt. Wenigstens eine Freundin wollte ich ihr bleiben.

In meinen Armen brach ein Damm. Zwischen Schluchzern schüttete sie mir ihr Herz aus.

Seitdem ich mit dem Haufen alter Erinnerungen kämpfte, übernahm sie meinen Job. Es war mit Prestige und Sicherheit verbunden, für In4ma$ zu arbeiten. Ich war stolz auf die Stelle. Seit einer Woche war es jedoch Betty, die in meiner Form ins Büro ging und … Dinge erledigte.

Was genau, wusste ich nicht, aber ich konnte es mir denken: die Flut an generellen Anfragen von Arbeitssuchenden ließ nie nach.

Diese langweilige Aufgabe, vor der ich mich gerne mittels interessanterer Aufträge rettete, brachte Betty jedoch anscheinend an den Rand eines Nervenzusammenbruchs. Ohne Routine wurde das viel.

Solange sie erzählte, streichelte ich ihr über den Rücken, nickte verständnisvoll und hielt sie warm umfangen. Irgendwann hörte sie auf zu reden und ihre Schluchzer wurden seltener. Dann drückte sie mich ein Stück von sich weg und schaute mir ins Gesicht, suchend.

„Gibt es überhaupt eine Chance, glücklich zu werden?“, fragte sie. Ihr tränenfeuchtes Gesicht ließ mein Herz zusammenkrampfen.

„Natürlich gibt es die“, sagte ich leise, doch meine Stimme klang dünn.

„Für uns meine ich“, ergänzte sie und neue Tränen quollen über den Rand ihres Wimpernkranzes.

„Ich …“, wie gerne hätte ich ihr die Welt versprochen. Aber wie sollte ich das? „Ich bin nicht mehr dieselbe“, setzte ich erneut an. Ich meinte mich zu erinnern, dass Betty wusste, dass Murat nicht meine erste Identität war, dass sie meine Vergangenheit kannte. Auf diese Intuition musste ich mich verlassen, für lange Grübeleien war jetzt nicht die Zeit. „Du hast mich als Mira kennengelernt, du weißt, dass ich nicht dieselbe bin.“

Betty kniff die Augen zusammen, ihr Gesicht war von Schmerzen gezeichnet.

„Die Erinnerungen werden nach und nach andocken“, wiederholte ich sanft die Worte, die ich in den letzten Tagen mehrmals von Patrick zu hören bekommen hatte. Leise fügte ich hinzu: „Das wird Mira aber nicht verschwinden lassen.“

Bei der Aussage öffnete Betty wieder ihre Augen. Sie glänzten feucht, wunderschön und obwohl wir direkt nebeneinander standen, furchtbar weit weg.

Auf ihrem Gesicht spiegelte sich ein Ausdruck der Verwirrung. Ich konnte es ihr nicht verdenken, für mich war mein Zustand ebenfalls ein Rätsel.

„Die Wanderwesentechnologie sollte nie auf diese Art genutzt werden“, flüsterte ich weiter. „Die Nanobots haben so viel zu tun mit all den Erinnerungen und ich bin mir nicht einmal sicher, ob der Fall eines mehrere Jahrzehnte andauernden Verzugs in ihrer Programmierung vorgesehen ist. Ich weiß nicht, ob jemals alle Erinnerungen richtig zusammenkommen. Es ist alles … anders.“

„Aber sie sind alle da?“, bittend blickte Betty in meine Augen, als versuche sie im Geiste dahinter etwas wiederzuerkennen.

Als Saugerin konnte sie das vielleicht sogar wortwörtlich. Tatsächlich hatte sie mich anders als sogar mein eigener Vater wiedererkannt, noch bevor ich meine Erinnerungen zurückerlangt hatte.

„Alle, auch von Murat“, bestätigte ich nickend und atmete einmal tief durch, bevor ich fortfuhr. „Ich falle in alte Muster zurück, von denen ich gar nicht weiß, aus welchem Leben sie stammen.“

„Was soll das heißen?“, Betty warf sich mir mit geballten Fäusten an die Brust und ich konnte nicht anders, als sie fest an mich zu drücken. Es geschah ganz automatisch. Das war meine Elisabeth.

Wieder hörte ich sie weinen, spürte ihre Tränen an meinem Hals. Aber ich konnte sie nicht anlügen. Sie war es mehr als wert die ganze Wahrheit zu erfahren. Wenigstens von dem, was ich bisher von ihr wusste.

„Die Leben, die ich gelebt habe, all die Erinnerungen und Erfahrungen, sind wie verschiedene Teile von der Person, die ich heute bin. Ich kann nicht wieder Murat sein“, sagte ich und schluckte schwer, „nicht ohne mich zu verlieren. Ich habe Angst zu zerbrechen. Oder Teile von mir zu vergessen, wenn ich sie nicht alle verstehe. Das kann ich nicht. Werde ich verrückt? Die Seele dieses Körpers ist nicht vergangen, als ich mich vor dreißig Jahren eingenistet habe. Aber der Körper war zu klein, die Seele zu jung, ich plötzlich unwissend, was zu tun war. Wir haben uns so fest zusammengetan, wir sind eins geworden. Anders. Keiner von uns wollte sterben und wir beide wollten uns schützen. Wir haben das gemeinsam geschafft. Wenn ich von Ich spreche, meine ich diese kombinierte Einheit.“

Der letzte Satz klang wie eine schlechte Entschuldigung. Am liebsten hätte ich ihn zurückgenommen. Es gab kein Pardon, erst recht nicht, wenn ich die Person, die am meisten unter meinen Entscheidungen litt, gerade in den Armen hielt. Plötzlich kämpfte ich selber mit den Tränen.

Schnell drehte ich meinen Kopf zur Seite, damit Betty weder an Feuchtigkeit noch Atem meinen Kampf bemerkte. Sie war es, die litt, da musste ich mich nicht aufmerksamkeitsheischend in den Vordergrund drängen.

Ohne dass die Stille zwischen uns Zeit hatte anzuwachsen, drückte Betty sich erneut von mir fort. Einen Moment versuchte ich, sie weiter festzuhalten, aber sie gab nicht nach. Und deshalb tat ich es.

Mit einer Armlänge Abstand guckte sie mir ins Gesicht, strich ohrenbetäubend sanft eine Träne von meiner Wange und sagte ganz leise: „Wenn es keinen Weg zurück gibt, dann suchen wir eben einen nach vorne.“

Ein Weg nach vorne. Das sagte sie so einfach.

Wie sollte der aussehen, wenn ich nicht mal meine Vergangenheit aufgeräumt bekam? Wo sollte der entlangführen, mit jemandem wie Jan in der Welt, dem ich in diesem Zustand auf keinen Fall begegnen durfte. Warum sollte sich jemand wie Betty, der so viele Optionen offen standen, auf diese ungewisse Suche einlassen?

Jan stellte eine unkalkulierbare Bedrohung dar. Die Welt war von Kräften wie Sehern, Springern und In4ma$ geprägt. Und für mich selbst war mein Geist oder dessen neue Funktionsweise die größte Unbekannte darin. Das alles wollte ich verstehen, zumindest besser verstehen als jetzt.

„Warum?“, hauchte ich in die Luft zwischen uns.

Betty schüttelte den Kopf.

Nicht alles ließ sich sofort erklären. Wir lösten uns voneinander. Betty schien energetisiert. Aber mit ihren wippenden Schritten verließ leider auch mein kurzfristig gewonnener Antrieb wieder den Raum.

Eisregen

Nach so einem Vormittag konnte ich nicht mehr anders: Ich musste raus. Kein einziges Mal hatte ich die Wohnung verlassen, seitdem Patrick mich hierhin gerettet hatte. Das war mir nicht in den Sinn gekommen. Jetzt engten mich die uniformen Wände und niedrige Decke ein.

Damit die Wohnung sicher blieb, gab es einige Regeln zu beachten, was das Betreten und Verlassen betraf. Durch Anzahl, Uhrzeit und Bewegungsart wurde die Gesamtzahl an Bewohnern statistisch hochgerechnet.

Als Datenschürferin bei In4ma$ kannte ich derartige Modelle genau. mit gezielter Verhaltenskontrolle verschleierten wir unsere Gruppe. Möglichst unsichtbar zu werden, war generell eine gute Strategie. Es war logisch, dass Betty, solange sie wie ich aussah, und ich nicht zeitgleich die Wohnung verließen.

Um auf Nummer sicher zu gehen, begnügte ich mich jetzt, auf dem schmalen Korridor zu laufen, der wie ein langgezogener Balkon im vierten Stock einmal ums Gebäude herumführte.

Es machte sowieso keinen großen Unterschied: die Luft war nicht besonders frisch und die dicke Wolkendecke war ebenso drückend wie der Beton der Etage über uns.

Die in jüngster Vergangenheit gesichteten Löcher in der planetenumspannenden Wolkenschicht waren wieder verschwunden und erschienen wie ein fernes Märchen von besseren Zeiten. Zeiten, in denen endlich der Krieg gegen die Maschinen nicht mehr alltäglich spürbar war.

An der nächsten Ecke tauchte eine Person auf. Dort lag ein Treppenhauszugang. Hoffentlich verschwand der Bewohner durch eine der Wohnungstüren, bevor ich an ihm vorbeimusste.

Er drehte sich in meine Richtung. Das war nicht vielversprechend, was die Vermeidung einer Begegnung betraf.

Was, wenn er Betty in meiner Form getroffen und sie angesprochen hatten? Das war ungewöhnlich unter Nachbarn, aber ungewöhnlich hieß nicht unmöglich.

Vorsorglich beschleunigte ich meine Schritte und setzte einen konzentrierten Blick auf. Sollte er einfach denken, ich hätte es eilig.

Der Mann wurde langsamer … aber da war keine Tür. Wollte er sich tatsächlich unterhalten? Ganz auf die rechte Seite gedrängt ging ich weiter und schaute die Wand entlang, um bloß keinen Blickkontakt aufzubauen. Ich wollte doch nur den Kopf freikriegen!

Aber wenn er hier unterwegs war, konnte ich unmöglich weiter im Kreis über den Außenkorridor spazieren, zu groß die Gefahr aufzufallen.

Ich würde mir ein Nährstoffpaket holen! Patrick hatte mich bisher zwar versorgt, aber Seher verbrauchten überdurchschnittlich viel Zucker. Ein individuell zusammengestellter Beutel würde sich gut anfühlen.

Mit neuem Ziel und entsprechender Selbstsicherheit wollte ich mich gerade an dem Mann vorbeidrängen, als er mich ansprach: „Wir müssen reden.“

Die Stimme kam mir vertraut vor. Ich drehte meinen Kopf, um ihn anzusehen, auch auf die Gefahr hin, fremde Gedanken zu lesen. Aktuell hatte ich einfach zu wenig Kontrolle über mich und meine Fähigkeiten.

Grüne Augen blitzten mir entgegen.

Die spärliche Beleuchtung stammte einzig von den Notausgangsschildern. Das hätte den Farbeffekt verstärken können, aber ich kannte diese Augen nur zu gut: sie waren so grün wie sie wirkten.

Diese Augen hatten Anfang des Jahres wie ein Vorbote die Veränderungen in meinem Leben eingeläutet. Damals war ich Nico zum ersten Mal begegnet.

Anschließend hatte er mir besondere Techniken zum besseren Sehen beigebracht. Ohne ihn hätte ich meinen ersten Auftrag in diesem Jahr nicht gelöst, wahrscheinlich nicht einmal überlebt. Ohne Nico wäre ich Jan nicht immer wieder entgangen.

Dieselben Augen blickten mir nun entgegen und doch: nicht. Denn das war nicht Nico, dessen Geist aus der Zukunft zurückgereist war, um mich zu trainieren, sondern Nik. Niklas Falter, der genau ins Hier und Heute gehörte.

Ich konnte ihm keinen Vorwurf machen, hier zu sein. Gleichzeitig vermisste ich meinen Mentor. Er hatte den Körper seines jüngeren Ichs wieder freigegeben. Verständlich. Nur, wo war er hin?

Seit etwa einem Monat hatte ich nichts mehr von ihm gehört und war stattdessen einer dünnen Spur gefolgt, wie sie nur ein Seher hatte legen können. Alles sah danach aus, dass er tot sei.

Aber wie sollte jemand, der in der Zeit reisen konnte, getötet werden? Da glaubte ich schon eher, dass er ohne Vorwarnung zu einer anderen Zeit aufgebrochen war.

„Mira“, Nik klang drängend, gar nicht wie mein Mentor.

„Nik“, antwortete ich. Er konnte nichts für seine fehlende Erfahrung, aber ich fühlte mich plötzlich kalt und allein.

„Wir haben nicht viel Zeit, daher müssen wir uns beeilen“, sagte er leise, aber bestimmt. Das klang, als hätte er mir etwas Wichtiges mitzuteilen. Begeistern konnte ich mich nicht dafür.

„Was machst du hier? Und was heißt, wir müssen uns beeilen? Wie bist du hier hochgekommen?“, fragte ich.

Der Wohnblock war zugangsgeschützt. Nik zerstörte gerade unser wohlgeplantes Bewegungsmuster. Das versetzte mich in Alarmbereitschaft.

„Ich bin hier, um dir von meinem Plan zu erzählen“, sagte er. „Deshalb müssen wir uns ja auch beeilen.“

„Was für ein Plan?“, fragte ich entgeistert. Jetzt erst fiel mir auf, dass er zitterte. Von seinem Mantel tropfte noch Regen, er trug keine Kappe und wie immer wirkte er zu dünn.

„Der Plan“, sagte er ruhig. Er klang konzentriert, obwohl er offensichtlich fror.

„Komm mit in die Wohnung“, bot ich an, obwohl ich mir nicht sicher war, was Patrick dazu sagen würde.

„Nein“, entgegnete Nik schnell, „das Zeitfenster reicht dafür nicht.“

Er klang so völlig abgeklärt. Nie hatte ich einen Seher wie ihn kennengelernt. Und damit meinte ich nicht einmal die Methoden, die seine Zukunftsversion mir beigebracht hatte.

Nik war ein Zwilling. Das allein wog schwer unter Sehern. Er hatte unglaublich viel Potenzial – und er hatte gelernt, es kontrolliert einzusetzen. Und er war ebenfalls ein Mitarbeiter bei In4ma$.

Wenn er von einem Zeitfenster sprach, verließ ich mich darauf. Noch besser hätte ich mich gefühlt, wenn ich gewusst hätte, was dieses ausmachte.

„Der Plan betrifft den Parasiten und dessen Beseitigung“, sagte er. Sein ernster Tonfall machte mir Angst.

Dann verstand ich, was er meinte: „Du sprichst von Jan, nicht von mir.“

Nik zog eine Augenbraue nach oben: „Warum sollte die Welt ohne dich besser dran sein?“

Details. Ich schüttelte den Kopf: „Was ist dein Plan?“

Langsam wurde auch mir kalt. Es herrschte zwar kaum Wind, aber 4 Grad Celsius im vierten Stock ohne sich weiterzubewegen ließen mich trotz Mantel auskühlen.

„Jemand muss die Aufmerksamkeit des Parasiten binden. Dann muss jemand dafür sorgen, dass er einer neuen Hülle bedarf. Diese neue Hülle ist entsprechend zu präparieren, damit der ursprüngliche Geist gegen ihn bestehen bleiben kann.“

Nik holte Luft und fuhr fort: „Da wir das nicht für jeden oder jede bewerkstelligen können, muss jemand seinen Auswahlprozess beeinflussen, damit er genau die präparierte Hülle wählt. Vorteilhaft ist, wenn er glaubt, diese Hülle selbst auswählt oder als besonders mächtig einstuft. Der Geist in dieser Hülle kann den Parasiten dann an sich binden und endgültig beenden.“

Nik klang sortiert, aber dieser Plan war absolut verrückt.

„Und du redest mit mir, weil ich diese neue Hülle sein soll?“, fragte ich. Das wäre nicht abwegig, schon bei seinem letzten Wirtswechsel hatte der Parasit beinahe mich gewählt anstelle von Jan.

„Tatsächlich dachte ich, es sei offensichtlich, dass du jemand in diesem Zusammenhang sein musst“, er legte den Kopf schräg, „Die neue Hülle bin ich. Ich habe die besten Chancen ihm mental den Rang abzulaufen.“

Es war nicht eingebildet, wenn es wahr war. Obwohl ich mir diesen Satz in Erinnerung rief, fühlte ich mich vor den Kopf gestoßen. Ich war mental auch stark.

Ah, was für ein Trick. Ich wollte mich mit Jan nicht anlegen – überhaupt nicht!

„Ich kann dir mit Jan nicht helfen. Die Lücken, in denen ich die letzten dreißig Jahre überlebt habe, sind nicht mehr groß genug, um mich weiterhin vor ihm zu verstecken. Und bevor du anfängst: keine Lücke wird je groß genug sein. Jan findet einen immer.“

„Findet dich immer“, korrigierte mich Nik, „Sein Interesse an dir zeichnet dich gerade dafür aus, dass du seine Meinung beeinflusst. Du kannst ihm nahe genug kommen, um alles Notwendige in die Wege zu leiten.“

„Ich will ihm nicht nahe genug kommen!“ Mein Ausbruch ließ mich selbst zusammenfahren. Hastig schaute ich mich um, ob irgendwo eine Wohnungstür aufgerissen wurde.

„Und deswegen läufst du weg?“, fragte Nik. Die Enttäuschung, nein, den Widerwillen, diese zu akzeptieren, hörte ich deutlich aus seiner Stimme heraus.

„Ich verstecke mich in der Hoffnung, mit etwas mehr Zeit etwas Nützliches gegen ihn in meinen Erinnerungen zu finden“, entgegnete ich und spürte plötzlich das Gewicht dieser Verantwortung mich niederdrücken.

Leiser fuhr ich fort: „Die Alternative ist ihn zu zerstören. Das ist aussichtslos. Wir haben es hier mit einem Springer und Wanderwesen zu tun.“

„Eben“, sagte Nik und klang erschreckend, als wären wir uns vollkommen einig. „Was den Grund angeht, weshalb ich mit dir rede …“

Er ließ seinen Satz unbeendet nachklingen und kam mir einen Schritt näher. Ich spürte seinen Atem gegen mein Ohr. Mit einem Mal wirkte dieses Treffen wie ein eingeschworener Geheimbund.

„Meinen Bruder kann ich schlecht einweihen. Er würde alles daran setzen, mich zu beschützen“, beendete Nik seinen Satz.

Chris, sein Zwillingsbruder, war der immerwährende Retter, der ewige Perfektionist und Idealist. Wie mir das zum Hals heraushing.

„Es tut mir leid, dass der dir auch so auf den Zwirn geht“, sagte ich mitfühlend und meinte es auch. Familie suchte man sich nicht aus.

Die beiden waren gleichaltrig und hatten wahrscheinlich gemeinsam Unterricht besucht, einschließlich der aufwendigen Seherausbildung. Ich war froh, einige Jahre jünger und ihnen bzw. Chris nicht bereits während meiner Ausbildung begegnet zu sein.

„Darum geht es doch gar nicht“, sagte Nik verdrossen, „In seinen Augen kann ich nichts falsch machen. Aber ich bin der Überseher. Das macht die Sache auch so dringend. Der Parasit muss vorher gebunden werden.“

„Vorher? Bevor du zum Überseher mutierst?“, fragte ich, „Wie kannst du dir sicher sein, dass du das wirst? Das kann doch niemand vorher wissen.“

Er schüttelte den Kopf, aus seinem Haar flogen kalte Tropfen. „Genau weil ich das weiß und sonst niemand, werde ich Überseher. Und sonst niemand“, sagte er und seufzte. Dann trat er einen Schritt zurück. „Versprich mir einfach, dass du mich eher umbringen würdest als mich zum Überseher werden zu lassen.“

„Ja, klar“, antwortete ich. Das war eine Selbstverständlichkeit. Ein Überseher konnte alle um sich herum lesen – und steuern. Sein Einflussgebiet war prophezeit mit der Zeit ins Unendliche zu wachsen.

Dass Nik Angst vor einem derartigen Schicksal hatte, verwunderte mich. Bei Nico war das nie Thema gewesen, und der kam schließlich aus der Zukunft.

„Gut. Wir sehen uns also. Und du kannst heute Abend mit Chris in der Gedankenwelt rechnen.“ Damit drehte er sich um und lief zurück zum Treppenzugang.

Gedankenwelt, Chris, heute Abend. Nachdem ich aus dem Delirium der Vereinigung und einem Haufen unsortierter Erinnerungen erwacht war, hatte ich diese Einladung gegenüber Chris ausgesprochen.

Die Gedankenwelt war ein geschützter Ort nur für Seher oder genauer gesagt Menschen mit ausreichend hoher neuronaler Geschwindigkeit. Betreten konnten wir sie außerdem nie allein. Doch um sich zusammen zu tun, mussten die beiden Seher keinesfalls am selben Ort sein.

Das war eine der wenigen nützlichen Informationen, die ich bisher aus der undurchsichtigen Masse meiner vergangenen Leben extrahiert hatte.

Was heute Abend besonders auszeichnete, entzog sich meinem Weitblick. Erst recht nach dem Kauderwelsch von Niks Plan, der als unnützes Wissen seinen Platz in meinem sowieso überfüllten Hirn einnahm. Aber als Seherin wusste ich: Zufall schloss Sehen aus.

Die zufallende Tür des Treppenhauses riss mich aus meinen Gedanken und ich setzte mich wieder in Bewegung. Ich hatte nicht gerade zur Ruhe finden können, aber mein Fokus hatte sich verschoben.

Die Aussicht auf einen warmen Wohnraum war wieder verlockend und die Aussicht, in die Gedankenwelt zurückzukehren, löste freudiges Kribbeln in mir aus.

Traumwelt

Wir liefen über gewundene Pfade. Zu unserer Linken lagen Gebäude, deren Baukunst ich in der realen Welt gerade wieder vermissen lernte.

Da waren Fachwerk, Ziegelsteine, Sandsteingemäuer und die Dächer! Ziegel und Pfannen formten gerade Linien, und geschwungene Bögen. Mehr als einen simplen Eingang bot ein kleiner Unterstand – vorausschauend für Regenwetter. Doch die Sonne lachte uns entgegen und wärmte uns die Haut. Wundervoll und voller Wunder.

Wir liefen durch Wiesen, die angenehm dufteten, und zu unserer Rechten verloren sich Abzweigungen des Pfads zwischen Bäumen. Einige davon waren riesig. In ihren Schatten tummelten sich Käfer und Schmetterlinge. Die Harmonie dieses Tanzes drückte Einklang, den ich in der körperlichen Welt vermisste.

Mein Blick landete auf Chris, der in seinen hautengen Leggings und seinem fuchsroten Jägerhut mit mir durch die Gedankenwelt strich. Dass keiner von uns etwas sagte, obwohl diese vorkriegsähnliche Landschaft ihm noch fremder sein musste als mir, zeugte von Willensstärke.

Die Gedankenwelt betraten wir mit unserem Geist. Es gab kein physisches Äquivalent, deswegen war das auch einer der wenigen Orte, wo man vor Springern sicher war.

Wenn man denn in der Lage war, diesen Ort zu erreichen und dort zu bleiben. Fiel man unter die gedankliche Taktfrequenz, landete man in der Unterströmung – da dort jeder hinkonnte, schloss das auch Springer nicht aus.

Es gehörte zur Ausbildung von Sehern, die eigene Gedankengeschwindigkeit zu steuern. Als seherisch talentiert galt man überhaupt erst mit einem weit überdurchschnittlichen Wert.

Obwohl somit alle Seher befähigt waren, diesen sicheren Ort zu erreichen, waren Chris und ich allein hier. Man musste sich zusammentun, aber wenn Seher eins waren, dann Einzelgänger. Nicht einmal Chris und mir fiel es leicht zusammenzuarbeiten, dabei zählte ich ihn und Nik noch zu den Vernünftigeren unserer Zunft.

Leider hatte Chris sich auch in den Kopf gesetzt, die Energie auf dem Planeten fair unter allen aufzuteilen. Fair hieß bei ihm zu gleichen Teilen, was nicht nur fragwürdig war hinsichtlich individueller Leistungen, sondern auch grundsätzlich irrsinnig.

Es gab schlicht nicht genug Energie, seitdem die dicke Schicht Wolken Solarenergie ausschloss, Winde zum Erliegen gebracht hatte und Abgase kaum noch Luft hatten, um sich in höheren Schichten zu verteilen. Geothermie, Atomenergie und Arbeitskraft waren in den letzten sechs Jahrzehnten die treibenden Faktoren gewesen.

Einer faireren Verteilung stimmte ich durchaus zu. Wenn sich eine Mehrheit auf ein gemeinsames Verständnis von fair einigen könnte. Jedoch in keinem Fall unter Zuhilfenahme krimineller Methoden!

Chris war vor einigen Wochen bei In4ma$ eingebrochen. Mochte ja sein, dass ich ihm das besonders übelnahm, weil ich mich als Mitarbeiterin persönlich angegriffen fühlte, aber Diebstahl blieb Diebstahl.

„Dieb“, zischte ich und verfluchte mich im nächsten Augenblick. So war das hier, wenn man nicht vorsichtig war: Jeder zu laut gedachte Gedanke kam einem ausgesprochenen Wort gleich.

„Na, denkst du an mich?“, fragte er herausfordernd.

„Du läufst vor mir. Woran soll ich sonst denken?“, konterte ich, doch er hatte den Nagel auf den Kopf getroffen. Egal wie weit ich seine Haltung ablehnte, uns verband ein ganz besonderes Band.

Wenn wir einander zu nahe kamen – und dazu zählte unter Umständen alleine im selben Gebäude zu sein – prägte sich eine Standleitung zwischen uns aus. Dann teilten wir alle Sinneseindrücke miteinander.

Aus mittelmäßig erklärlichen Gründen konnte der Hochleistungschip eines Sehers diese doppelten Eingangssignale sinnvoll verarbeiten. Die so entstehende Rundumsicht war in der Gedankenwelt zum Glück kein Thema. Warum war mir egal. Hauptsache nicht noch mehr Chaos.

„Du könntest mir sagen, warum wir hier sind“, antwortete Chris.

Eine augenblickliche Eingebung aus Erinnerungen meines alten Lebens war schwer zu erklären. Insbesondere, wenn man diese Erinnerungen nicht sortiert bekam.

„Es ist gut, wenn wir zusammenarbeiten“, sagte ich, während wir uns zwischen den Ästen einiger Sträucher hindurchschoben.

„Hat Nik dir das eingetrichtert?“, Chris fuhr zu mir herum, sein Gesicht war zu einer wirschen Fratze verzogen. „Ihr Datenschürfer steckt doch immer unter einer Decke. Wohin willst du mich diesmal manipulieren?“

„Nein! Und ich manipuliere dich nicht“, entgegnete ich, „Was sollte ich davon haben?“

Chris schnaubte und lief mit langen Schritten wieder voraus: „Was solltest du von egal welcher Zusammenarbeit mit mir haben?“

Verwirrt blieb ich stehen. Merkte er es nicht?

„Es ist etwas Besonderes, dass wir diesen Ort erkunden können“, sprudelte es aus mir heraus.

„Ja“, antwortete er gedehnt, „und wie letztes Mal schon gesagt, ist es nicht schlau, ziellos hier herumzuwandern. Mit unserer Anwesenheit verändern wir diesen Ort. Es geht gar nicht anders, er besteht aus Gedanken. Wir fügen mindestens welche hinzu.“

„Und deswegen soll diesen Ort niemand betreten? Außer uns ist doch eh niemand hier. Was für eine Verschwendung“, entgegnete ich.

Er drehte sich erneut zu mir um und sagte: „Ich bin doch hier. Aber das heißt nicht, dass wir nicht vorsichtig sein sollten. Und das heißt erst recht nicht, dass es gut wäre, planlos herumzulaufen. Also: was suchen wir?“

Laut seufzend verdrehte ich die Augen. Eins der Probleme mit Chris war, dass er schlau war. Seine Worte ergaben Sinn, viel mehr Sinn als meine zerstreuten Erinnerungen. Ein fokussiertes Ziel musste her. Was konnten wir hier und heute anfangen?

„Wir suchen eine Nachricht von meinem Mentor“, entschied ich.

Das nicht alleine erledigen zu können, hatte mich tatsächlich die Tage geärgert, während sich Chris nach unserem ersten und vor heute einzigen Ausflug in die Gedankenwelt zu weiteren Besuchen geweigert hatte.

„Eine Nachricht von meinem Bruder?“

Chris’ Gesichtsausdruck und Tonfall drückten aus, was er mit dieser Frage meinte: Warum machst du dir das Leben unnötig schwer?

„Eine Nachricht von deinem zeitreisenden Bruder aus der Zukunft“, entgegnete ich. „Da Nik sich an nichts aus der Zeit, in der Nico mich trainierte, erinnern kann, wird er sich wohl kaum irgendeiner Nachricht bewusst sein.“

Während ich das sagte, erkannte ich das Ausmaß des Budenzaubers rund um die Zwillinge.

Wir sprachen hier schließlich von demselben Nik, der mich heute Nachmittag regenüberströmt besucht hatte, nur um mir das Versprechen abzunehmen, dass ich ihn nicht zum Überseher mutieren lassen würde.

Kopfschüttelnd schlug ich einen neuen Weg ein. Dabei wand ich mich nach links in eine schmale Gasse zwischen zwei Häusern entlang. Nach kurzem Zögern stampfte Chris mir schweigen hinterher.

 

In dem Labyrinth aus Straßen verirrten wir uns. Selbst als wir ein Stück zurückliefen, fanden wir uns nicht besser zurecht. Wir erkannten nicht einmal sicher, woher wir gekommen waren.

Die harmonisch fließende Veränderlichkeit kippte in ein Gefühl von Unzuverlässigkeit. Es war, als beschritten wir neue Wege, egal in welche Richtung wir liefen. Wie sollten wir auf diese Weise jemals etwas finden oder später wiederfinden können?

Hier, zwischen erhabenen Sandsteingebäuden, erreichten uns nicht mehr die glänzenden Sonnenstrahlen. Im Schatten war es kühler und eine frische Brise fegte durch die Straßen, als wollte sie uns vor sich hertreiben.

Nach einer scharfen Biegung stolperten wir plötzlich auf einen kleinen Platz. In dessen Mitte ein Springbrunnen lag. Das fließende Wasser plätscherte beständig und erzeugte eine ganz eigene Atmosphäre.

Es war, als traten wir in den geschützten Raum einer Kuppel. Obwohl wir nach wie vor in der Gedankenwelt und unverändert unter freiem Himmel wandelten, erzeugte das konstante Hintergrundgeräusch eine eigene Art Wall.

Hinter dem Springbrunnen, auf der anderen Seite des Platzes, erkannte ich tiefe Bogengänge, die unter einem Gebäude entlangführten. Das zog ich mich an.

Ohne ein Wort der Erklärung, es war einfacher nichts zu sagen als genau das Richtige, lief ich um den Brunnen herum. Trotz fehlender Erklärung folgte mir Chris, wenn auch erst nach kurzem Zögern.

Ich trat unter das Gewölbe und erstarrte nach der ersten Säule. Chris lief in mich hinein: „Was …“, doch auch ihm blieben die Worte im Halse stecken.

Erst konnte ich es nicht glauben. Aber je länger ich hinschaute, desto sicherer wurde ich mir. Am anderen Ende des Bogenganges stand Nico.

Er bewegte sich nicht, sagte nichts und sah Nik zum Verwechseln ähnlich. Aber ich war mir sicher: das war mein Mentor, nicht sein jüngeres Selbst.

Oder … wahrscheinlich war das eine mentale Notiz seiner zukünftigen Version. Wie er es überhaupt in die Gedankenwelt geschafft hatte, war mir ein Rätsel.

Gab es andere aufgeschlossene Seher oder hatte er es gar allein geschafft anstatt im Team? Es gab so Vieles, was ich noch von ihm lernen könnte. Er fehlte mir.

Schritt für Schritt näherten Chris und ich uns vorsichtig. Mein geballter Fokus und gesamte Konzentration lagen auf Nico. Mein Herz raste vor Aufregung und ich traute mich kaum zu atmen.

Nico blieb unbeweglich und stumm. Einzig das gelegentliche Zwinkern seiner Augenlider wirkte lebendig.

„Hey“, sprach ich ihn an, als wir weniger als zwei Meter von Nico entfernt waren.

„Der kann dich nicht hören“, zischte Chris direkt neben mir in mein Ohr.

„Das kannst du nicht wissen. Guck mal, es sieht so aus als würde er mich jetzt angucken, sogar anlächeln.“

Tatsächlich wirkte es so, aber das konnte genauso gut damit zusammenhängen, dass wir uns beim Heranpirschen genau in Nicos Blickfeld begeben hatten. Das dachte sich wohl auch Chris, denn er wich einige Schritte zur Seite aus. Dann rief auch er: „Hey!“

Nico reagierte nicht. Aber seine Mundwinkel schienen nun nach unten zu hängen – zumindest etwas. Insgesamt war sein Gesichtsausdruck, wie so oft, viel zu neutral für eine eindeutige Interpretation.

Gleichzeitig wurde es dunkler, als wäre die Sonne in dieser mentalen Oase hinter einer dicken Regenwolke verschwunden. Nico blinzelte langsam.

Jetzt würde er aus seiner Starre erwachen und mit uns reden! Stattdessen geschah genau gar nichts weiter. Ich war mir so sicher, dass er mir etwas sagen wollte. Warum redete er nicht mit uns? Ein weiteres Blinzeln und plötzlich wirkte es einmal mehr, als würde er innerlich lächeln.

„Was hast du gerade gedacht?“, fragte Chris eilig.

„Dass er mit uns reden sollte, wenn er etwas zu sagen hat.“ Ich seufzte frustriert.

So hatte ich mir die Nachricht meines Mentors nicht vorgestellt. Da waren die Hinweise, die mich ihn hier hatten suchen lassen, ja konkreter gewesen. Und die waren an Fadenscheinigkeit kaum zu überbieten.

„Um etwas Wichtiges auszudrücken, muss man nicht den Mund aufmachen. Das ist ein Spiel“, sagte Chris.

Zum ersten Mal seitdem ich unter den Bogen getreten war, löste ich meinen Blick von Nico und schaute Chris direkt an. Er hatte Nico immer noch fest im Fokus.

„Was meinst du mit Spiel?“, fragte ich.

Spiel, das war ein Begriff, mit dem Jan bzw. Hu Hei, die Hülle des Parasiten vor Jan, zu häufig um sich geworfen hatte. Auch Murats Erinnerungen gingen damit einher. Ich verband den Begriff daher automatisch mit Angst.

„Es ist ein Spiel, das wir als Kinder häufiger gespielt haben. Als Zwilling war ich der einzige Mensch, den Nik nie lesen konnte. Also haben wir daraus ein Spiel gemacht, die Gedanken des anderen zu erraten“, erklärte Chris ruhig.

„Und was denkt er hier?“, fragte ich mit neuer Hoffnung in der Stimme.

„Keine Ahnung“, sagte Chris und zuckte mit den Schultern. „Ich war nie besonders gut in dem Spiel. Aber ich würde vermuten, dass sein Mikroausdruck an dem Inhalt deiner Gedanken hängt.“

Ich nahm wieder Nico ins Visier.

Das mit dem Mikroausdruck konnte sein. Aber warum machte Nico es uns derartig schwer? Seine Nachricht konnte nicht viel sicherer abgelegt werden als in diesem nahezu unbesuchten Gedankenpalast.

„Sein Ausdruck hat sich auch verändert, als du da rübergegangen bist. Probieren wir mal aus, ob das stimmt“, schlug ich vor.

Während ich Nico weiter beobachtete, ging ich mit vorsichtig platzierten Schritten zu Chris hinüber. An Nicos Ausdruck veränderte sich scheinbar nichts.

Doch als ich neben Chris stand, bemerkte dieser richtig: „Er guckt jetzt hierhin.“

Ich hatte überhaupt nicht bemerkt, dass Nico sich bewegt, geschweige denn gedreht hätte. Das war ein gruseliger Effekt.

„Glaubst du, er ist einfach auf mich fokussiert? Als seine Schülerin oder jemand, dessen Gedanken er prinzipiell lesen kann?“, fragte ich Chris.

Das probierten wir weiter aus. Er bewegte sich, ich bewegte mich, wir stellten uns wieder zusammen, wechselten die Richtung, achteten auf jede kleinste Veränderung und ich gleichzeitig auf meine Gedanken. Am Ende kamen wir auf eine einzige logische Regel.