On the Road... Coming Home - Bernd Hohmann - E-Book

On the Road... Coming Home E-Book

Bernd Hohmann

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Beschreibung

Bernd Hohmann ist ein leidenschaftlicher Fan der Überzeugung, dass wir Menschen unser bestes Leben, das heißt ein gesundes, erfolgreiches, erfülltes Leben in materiellem Wohlstand nur leben können, wenn wir eine bejahende, wertschätzende und freundschaftliche Beziehung zu uns selbst entwickeln. Dieser Weg zu uns selbst nach Hause in eine Freundschaft zu uns ist einer der herausfordernsten aber gleichzeitig auch einer der erfüllendsten Wege, die wir in unserem Leben gehen können. Zwei Jahre lang hat Bernd Hohmann auf seinem Weg zu sich selbst nach Hause persönliche Gedanken im Augenblick in sein Handy gesprochen und veröffentlicht sie jetzt in diesem Buch als Beitrag und Impuls für jeden, der will.

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Seitenzahl: 543

Veröffentlichungsjahr: 2021

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Inhaltsverzeichnis

Persönliche Gedanken über dieses Buch

Du bist Dein Freund

1. Angst vor Ablehnung

2. Feindseligkeit und das Bedürfnis nach Distanz

3. Das Gefühl abgelehnt zu werden - Auflösung

4. Nähe und Distanz

5. Widerstand gegen Veränderung, der Wert des Gewohnten

6. Druck ausüben und nicht genug sein

7. Schwach sein dürfen

8. Hass, Vergeltung - Liebe, Vergebung

9. Wir spielen eine Rolle

10. Zustechen, Töten, Löschung von Skrupel

11. Gar nicht reagieren

12. Selbstausdruck als Befreiung

13. Die Antworten in uns finden

14. Walk Your Talk

15. Innere Veränderungen

16. Enttäuschung und Ernüchterung

17. Bei mir bleiben

18. Wir verkaufen unser Haus

19. Coming Home

20. Wir und die Natur

21. Neun der Stäbe – Schutz vor Verletzungen

22. Fasten

23. Fastenabbruch

24. Die Kraft des Unterbewussten

25. Enttäuschung, Kraft, Stärke

26. Sich Sorgen machen

27. Freundschaft mit mir selbst schließen

28. Die Befriedigung unserer sozialen Bedürfnisse 1

29. Die Befriedigung unserer sozialen Bedürfnisse 2

30. Die Befriedigung sozialer Bedürfnisse – Wo stehe ich da eigentlich?

31. Liebe

32. Kinder in der Welt und in Deutschland

33. Kinder und Spaß

34. Was lernen wir in der Schule wirklich?

35. Warum setzte ich mich unter Druck?

36. Mein Nutzen von Druck

37. Ich wollte schon immer

38. Warum töten Menschen?

39. Tage wie diesen einfach aushalten

40. Zufriedenheit in meinem Leben wiedererlangen

41. Das verdammte Thema Bedürfnisse

42. Warum mache ich Fehler?

43. Gegenseitige Unterstützung bei der Weiterentwicklung

44. Dieser wunder-, wunderbare Zustand…

45. Die Wirkung von Versöhnung und Vergebung

46. Die Spirale nach unten einfach umdrehen

47. Vollkommenes Loslassen von alten Gefühlen

48. Ich bin in Ordnung

49. Erster Kontakt mit dem emotionalen Selbstmanagement

50. Erste Erfahrungen mit dem emotionalen Selbstmanagement

51. Erfahrung mit ESM nach 4 Wochen

52. Einstellungen und Verhalten in der ESM Arbeit

53. Meine Einstellung zu Wachstum

54. In Liebe Nein sagen

55. Ich bin ich und Du bist Du

56. Hemmungen, ein erfülltes Leben zu leben

57. Die Entstehung von Selbstzweifeln

Du und Du

58. Mir selbst etwas geben

59. Unser Erwachsenen Ding mit Kindern 1

60. Unser Erwachsenen Ding mit Kindern 2

61. Entstehung und Loslassen von Druck in meinem Leben

62. Auf eigenen Füssen leben lernen

63. Wiederaufstehen

64. Potential erkennen und loslassen.

65. Trennung und mir näher kommen in Ägypten

66. Mein Burnout und wie es dazu kam

67. Impulse und Wahrheiten durch mein Horoskop

68. ESM aktuell – Neid und zu kurz kommen

69. Arroganz und mein Burnout

70. Aufzeichnungen von 4 Monaten verloren gegangen

71. Frieden mit uns selbst schließen

72. Coaching mit Lara

73. Notwendige Distanz herstellen

74. Gründe für unsere Angst vor Nähe

75. Schützen und Schutz aufgeben

76. Coaching 1, 2, 3

77. Tiefes Glück und Zufriedenheit erleben

78. Was heißt, bei mir zu Hause ankommen?

79. Im Vertrauen öffnen

80. Nicht wissen, welches mein Weg ist

81. Im Lebensfluss sein

82. Wie ich meinen Weg finde

83. Offen und ehrlich ein Buch schreiben

84. Die Welt ist aus den Fugen geraten

85. Wachstum und Weiterentwicklung

86. Ein neues Leben beginnt

87. Die Liebe zu mir selbst

88. Mir nicht aus dem Weg gehen

89. Meine Vision, meine Berufung

90. Ohne Druck bei mir zu Hause ankommen

91. Die kleinen Schritte erlauben

92. Unsere Kompetenzen für persönliche Leistung

93. Mein Leben schenkt mir eine Frau

94. Angst vor Veränderung

95. Menschen frei geben

96. Authentisch sein

97. Trennung

98. Wir müssen wieder zu uns finden

99. Wir können unser Leben nicht abtrennen

100. Meine Kraft leben 1

101. Meine Kraft leben 2

102. Mein Thema Liebe

103. Der fatale Verlust von Verbundenheit

104. Einer von vielen sein

105. Die Angst vor uns selbst

106. Wie wirken wir auf andere

107. Die Angst, wahrgenommen zu werden

108. Unser Leben als ein Abschnitt unseres Seins

109. Wissen und Erfahrung

110. Verbundenheit mit mir selbst

111. Was hat sich bei mir geändert?

112. Die Eroberung des Paradieses

113. Wir kennen uns nicht

114. Was treibt uns alle an?

115. Abschied

116. Bei mir zu Hause ankommen

117. Über die Beziehung zu meinen/unseren Eltern

Ich und Ich

Was ich noch gerne sagen möchte

Profil von Bernd Hohmann

Persönliche Gedanken über dieses Buch

27.04.20, nachmittags, am Strand bei Walluf am Rhein

Heute ist der 27. April 2020 nachmittags. Deutschland und fast die gesamte restliche Welt befinden sich gerade in einem absoluten Ausnahmezustand. Wir sind mitten im Lockdown der aktuellen Corona Krise. Und wir erleben so gerade eine vollkommen neue, bewegende, aber auch verunsichernde Situation. Denn diese Welt wurde von einem auf den anderen Tag durch einen neuen, unbekannten Virus aus ihrer gewohnten Bahn geworfen. Und obwohl es bei uns seit Wochen auch eine Kontaktsperre gibt, geht es uns hier in Deutschland im Gegensatz zu den anderen europäischen Ländern immer noch recht gut, denn wir dürfen uns noch alleine oder zu zweit mit dem entsprechenden Abstand draußen im Freien bewegen und aufhalten.

Und wir hatten die letzten Wochen wirklich Glück mit dem Wetter, das uns fast durchgehend fantastisch viel blauen Himmel, Sonne und mittlerweile auch Wärme bietet. Und so sitze ich jetzt gerade an meinem Lieblingsplatz in der Nähe von Walluf am Strand des Rheins unter einem Baum. Und ich schaue auf den Fluss, das vorbeifließende Wasser und die großen Lastkähne, die sich kraftvoll mit stampfenden Motoren an mir vorbeischieben. Und ich fange in diesem Augenblick an, den letzten Teil meines Buches „On the Road… Coming Home“ in den Voice Recorder meines Handys zu sprechen, mein persönliches Vorwort zu diesem Buch.

Seit Anfang 2019, also seit gut einem Jahr, ruht jetzt meine Arbeit an diesem Buch, in das ich die Jahre zuvor so viel Herzblut, Offenheit und auch Zeit gesteckt habe. Meine Arbeit ruht, weil ich mich vor einem Jahr tatsächlich noch nicht getraut habe, dieses Buch zu veröffentlichen, obwohl es im Grunde genommen fertig war.

Zu meiner Zurückhaltung bei der Veröffentlichung dieses Buches möchte ich gleich weiter unten noch etwas schreiben. Jetzt möchte ich gerne für alle Menschen, die dieses Buch in die Hand nehmen, noch einmal zurückschauen zu dem Anfang, zum Ursprung dieses Buches und zu der Geschichte seiner Entstehung.

Es war Ende 2014, also vor gut fünfeinhalb Jahren, als ich immer wieder in mir das Bedürfnis verspürte, in der Art eines Tagebuches meine persönlichen Gedanken in den Voice Recorder meines Handys zu sprechen, wenn mich etwas berührte, bewegte und beschäftigte. Wenn also gerade etwas in meinem Leben passiert war oder ich mich mit einem Thema auseinandersetzte, über das ich mich mitteilen wollte. Ich hatte also in diesen Augenblicken das Bedürfnis, den Gefühlen und Gedanken, die in mir waren, Worte zu verleihen und so auf diese Art etwas loszuwerden. Und mir so auch die Chance zu geben, zu verstehen, was mich gerade beschäftigte.

Nachdem ich Ende 2014 einige Male in solchen Augenblicken meine Gedanken in mein Handy gesprochen hatte, kam mir die Idee, aus diesen Texten ein Buch zu machen. Indem ich zwei Jahre lang persönliche Gedanken in den Voice Recorder meines Handys sprach, wenn mich etwas sehr bewegte oder mich ein Thema nicht mehr losließ. Und diese gesammelten Texte dann als Buch zu veröffentlichen. Und ich wollte auf diese Art zwei Jahre lang meinen eigenen Weg der persönlichen Weiterentwicklung zu mir selbst nach Hause, auf dem ich mich zu diesem Zeitpunkt schon viele Jahre befand, begleiten. Ich wollte mich so selbst ausdrücken und meine persönliche Entwicklung dadurch unterstützen. Und natürlich wollte ich mit diesem Buchprojekt auch die Erfahrungen und Einsichten meines Prozesses anderen Menschen, die sich ebenfalls auf ihrem Weg der Weiterentwicklung befinden, als Beitrag und Impuls zur Verfügung stellen.

Und so ergab es sich, dass ich den ersten Tagebuchtext dieses Buchprojektes am 16. Dezember 2014 in meinem Kurzurlaub auf Fuerteventura in den Voice Recorder meines Handys sprach. Und meine innere Auseinandersetzung brachte mich in dem Moment gleich mit einer Erfahrung und einem Thema in Berührung, das viele von uns Menschen immer wieder tief in ihrem Wesen beschäftigt: Es ist unsere Angst vor Ablehnung, unsere Angst davor in dieser Welt, so wie wir als Menschen sind, nicht willkommen zu sein und zurückgewiesen zu werden. Und ich konnte in diesem Augenblick am Strand auf Fuerteventura eine Verbindung dieser Angst mit dem Moment unserer Geburt und der Durchtrennung unserer Nabelschnur nach der Geburt erkennen. Ich war also gleich zu Anfang dieses Projektes mitten drin im Kern unseres menschlichen Fühlens und Seins.

Es folgten dann in den nächsten zwei Jahren bis zum Ende dieses Buchprojektes am 18. Dezember 2016 ca. 130 weitere Texte, von denen ich schließlich 116 auswählte und bearbeitete und jetzt hier „endlich“ in diesem Buch veröffentliche.

Und natürlich mussten diese Texte, nachdem ich sie Wort für Wort vom Voice Recorder meines Handys in meinen Laptop übertragen hatte, noch korrigiert und überarbeitet werden. Weil ich sie so, wie ich sie in mein Handy gesprochen hatte, nicht 1 zu 1 in meinem Buch abdrucken konnte. Weil ich beim freien Sprechen in mein Handy mitunter etwas durcheinander formuliert hatte, mit etlichen Schachtelsätzen und vielen Gedankensprüngen. Und in dieser ursprünglichen Form der gesprochenen Texte hätten andere Menschen beim Lesen meines Buches nicht so einfach verstehen können, was ich eigentlich sagen will. Und sie hätten sehr wahrscheinlich beim Lesen meiner persönlichen Gedanken auch keinen Spaß gehabt wegen dieses „sperrigen“ und etwas „unhandlichen“ Sprachstils.

Bei dieser Korrektur der Sprache und des Schreibstils meiner Texte wurde deren Inhalt, wurden meine zugrunde liegenden Gedanken aber nicht verändert. Sie blieben so erhalten, wie ich sie im jeweiligen Augenblick in mein Handy gesprochen hatte, weil ich ja mit diesem Buch genau diese meine Erfahrungen, Überlegungen und Erkenntnisse aus dem gelebten Augenblick heraus anderen Menschen für ihre Auseinandersetzung mit ihrer eigenen Person und ihrem Leben anbieten wollte.

Die Korrektur meiner Texte begann im Jahr 2016 und setze sich etappenweise in den Jahren 2017 bis Ende 2018 fort. Ich nahm in dieser Zeit an einer sehr guten 2-jährigen Fortbildung im Bereich Neurowissenschaften teil. Und dabei erhielt ich „aus erster Hand“ von teilweise recht namhaften Professoren die aktuellen Erkenntnisse der Gehhirnforschung über unser menschliches Fühlen, Denken und Handeln. Ich erlebte diese Fortbildung als fantastische Ergänzung meiner persönlichen Erfahrungen der vergangenen Jahre und bin auch jetzt immer noch froh, an dieser Fortbildung teilgenommen zu haben. Und einige der Erfahrungen, die ich in den zwei Jahren meines Buchprojektes machte, erschienen mir aufgrund der Forschungsergebnisse plötzlich in einem ganz anderen Licht und wurden für mich so erklärbarer und verständlicher.

Natürlich war es mir aus diesem Grund wichtig, diese Erkenntnisse der Gehirnforschung bei der Bearbeitung meiner Texte meinen persönlichen Gedanken des Augenblicks hinzuzufügen, wenn sie zu meinen Erlebnissen und Erfahrungen passten. Und das insbesondere auch deshalb, weil ich glaubte, dass es für einige von den Menschen, die in diesem Buch lesen, ganz interessant ist, zusätzlich zu meiner persönlichen Sichtweise auf meine Erfahrungen auch noch eine „zweite Meinung“ in Form aktueller psychologischer und neurowissenschaftlicher Forschungsergebnisse zu lesen.

Ich habe die 116 Texte dieses Buches in den Jahren 2015 bis 2018 auf meinem langen Weg der Korrektur sicherlich 5 Mal durchgearbeitet und immer wieder hier und dort etwas geändert, umformuliert oder auf Grund neuerer Erkenntnisse aus meiner Fortbildung mit wissenschaftlichen Forschungsergebnissen ergänzt. Ich habe an dieser Korrektur meiner Texte sicherlich insgesamt ca. 500 Stunden gearbeitet. Und es war dabei für mich eine ganz besondere Herausforderung, meine teilweise recht persönlichen Gedanken und Erfahrungen im Verlauf von zweieinhalb Jahren immer wieder zu lesen und mich so immer wieder aufs Neue mit diesen Erfahrungen und damit auch mit mir selber auseinanderzusetzen.

Es war eine besondere Herausforderung und mitunter auch Überwindung und es war eine unglaublich lohnende Erfahrung für mich, diese Arbeit zu machen. Es ist im Grunde genommen so, als wenn wir über zwei Jahre lang ein persönliches Tagebuch schreiben und in den folgenden zwei Jahren dieses Tagebuch Seite für Seite fünf Mal immer wieder aufs Neue von vorne bis hinten durchlesen. Und dabei alles, was uns in den zwei vorausgegangenen Jahren passiert ist, erneut vor unseren Augen vorbeiziehen lassen und gefühlsmäßig wiederbeleben. So etwas ist tatsächlich sehr herausfordernd und ich fand es gleichzeitig sehr nützlich und wertvoll für mich.

Und als ich jetzt in den letzten Tagen alle 116 Texte noch einmal durchgegangen bin, um sie zu formatieren, habe ich dabei auch einige der Texte dieses Buches erneut gelesen. Und ich war wieder berührt von dem, was ich da in den Jahren 2015 und 2016 erlebt habe. Und ich war erneut bewegt von der Ehrlichkeit und der Offenheit mit der ich über meine Erfahrungen, meine Gefühle und meine Probleme in jener Zeit geschrieben habe.

Und an dieser Stelle sind wir tatsächlich jetzt auch an dem Punkt angekommen, an dem ich gerne in diesem Vorwort, wie weiter oben schon angekündigt, noch etwas mehr schreiben möchte über meine Unsicherheit, meinen Zweifel und meine Zurückhaltung bei der Veröffentlichung dieses Buches: Wie oft habe ich mich in den Jahren 2017 und 2018 im Verlauf der Überarbeitung meiner Texte gefragt, ob ich diese denn dann nach Fertigstellung tatsächlich veröffentlichen will. Ich war mir in dieser Zeit immer wieder unsicher und zweifelte an mir und meinem Anliegen. Ich fragte mich wirklich sehr oft, ob ich tatsächlich so verrückt sein wollte, mir als damals 59-jähriger erwachsener Mann mit diesem sehr persönlichen Buch derart die „Blöße“ zu geben.

Anders ausgedrückt war mir damals und es ist mir auch heute noch durchaus bewusst, dass es unter Erwachsenen und dazu noch unter Psychologen, Coaches und Trainern nicht wirklich üblich ist, sich so offen und persönlich, wie ich in meinem Buch, über seine eigenen Gefühle, Probleme und Weiterentwicklungsschritte mitzuteilen. Wir Menschen wollen von Natur aus vor anderen Menschen möglichst gut aussehen und das verständlicherweise natürlich umso mehr, wenn wir uns als Trainer und Coaches und damit sogenannte Spezialisten für die Lösung menschlicher Probleme in der Öffentlichkeit präsentieren und anbieten.

Ich befand mich also 2017 und 2018 gut zwei Jahre lang immer wieder in diesem inneren Konflikt, ob ich am Ende tatsächlich aus diesem allgemeinen Verhaltenskodex, sich bedeckt und damit in Sicherheit zu halten, ausscheren wollte und mich durch die Veröffentlichung meiner persönlichen Gedanken mit meinen sogenannten „Schwächen“ in der Öffentlichkeit zeigen wollte. Und am Ende dieser Auseinandersetzung vertagte ich Anfang 2019 die Beantwortung dieser Frage ganz einfach und legte dieses Buchprojekt zunächst einmal beiseite.

Als ich jetzt vor einigen Wochen in einem anderen Kontext persönliche Inventur machte, welche meiner Angelegenheiten noch unerledigt in meinen Schubladen lagen, fiel mein Blick natürlich auch auf dieses Buchprojekt. Und ich spürte sofort, dass dieser aktuelle Status des Unerledigten meinem ursprünglichen Anliegen und der Bedeutung dieses Buches und dem Herzblut, welches ich bis dahin schon in die Verwirklichung dieses Projektes gesteckt hatte, in keiner Weise gerecht wurde. Mir war blitzartig klar, dass ich dieses Buchprojekt jetzt abschließen muss und dass ich mein Buch „On the Road…Coming Home“ jetzt endlich veröffentlichen muss.

Und ich erinnerte mich wieder daran, dass das, wovor ich die ganze Zeit Angst hatte, nämlich mich anderen Menschen mit meinen Schwächen und Problemen zu zeigen und mir damit sozusagen die „Blöße“ zu geben, dass genau das ja von Anfang an auch eine ganz wesentliche Motivation von mir für das Schreiben dieses Buches war: nämlich anderen Menschen zu zeigen, dass auch ich als sogenannter Spezialist für menschliche Weiterentwicklung ein Mensch aus Fleisch und Blut bin und damit eben auch nicht alles weiß und kann. Und dass ich schon gar nicht perfekt bin, sondern vielmehr ganz ähnliche Probleme und Herausforderungen in meinem Leben zu bewältigen habe, wie andere Menschen auch.

Ich bin ein absoluter Fan der Überzeugung, dass wir unser bestes und damit in meinen Augen ein gesundes, erfolgreiches, erfülltes Leben in materiellem Wohlstand nur leben können, wenn wir eine bejahende, wertschätzende und freundschaftliche Beziehung zu uns selbst haben. Und es gibt Menschen, die diese positive Beziehung zu sich selbst von Geburt an haben und im Verlauf ihres Lebens auch nicht verlieren und deswegen ihr Leben lang auch nicht mehr bewusst an der Beziehung zu sich selbst arbeiten müssen. Und die deshalb von Geburt an ein sehr gutes Leben haben und das meiste läuft bei diesen Menschen scheinbar wie von allein.

Und es ist tatsächlich so, dass sehr viele von uns möglicherweise sogar die meisten von uns diese bejahende, wertschätzende und freundschaftliche Beziehung zu sich selbst beim Heranwachsen nach und nach verlieren oder sogar von Geburt an nicht haben. Und das ist ja auch nicht schlimm und schon gar keine Schande. Aber es bedeutet für uns, dass wir uns früher oder später auf den Weg machen müssen, uns Schritt für Schritt selbst kennenzulernen und dann zu lernen, uns anzunehmen und Frieden mit uns selbst zu schließen, so wie wir sind. Und genau das ist nach meinem Verständnis der Prozess des „Coming Home“ des bei uns zu Hause Ankommens, um den es in diesem Buch geht und über den ich hier in diesem Buch auf der Grundlage meiner eigenen Erfahrungen schreibe.

Und eine wesentliche Motivation dafür, mich in diesem Buch mit meinen Schwächen, Problemen und Lernschritten auf dem Weg zu mir selbst nach Hause zu zeigen, war und ist es, andere Menschen dazu zu ermutigen, diesen Weg auf ihre ganz persönliche und eigene Art auch zu gehen. Und natürlich will ich den Lesern dieses Buches mit meinen persönlichen Mitteilungen auch sagen. „Hallo Ihr da, wenn ich als Psychologe, Coach und leidenschaftlicher Spezialist für menschliche Weiterentwicklung in meinem Leben solche Probleme zu bewältigen hatte, dann könnt Ihr doch als ganz `normale´ Menschen, die Ihr keine Psychologen seid, solche Probleme „erst recht“ ohne Scham und Minderwertigkeitsgefühle haben und nach und nach lösen.“

Und jeder Mensch darf natürlich auf seine ganz persönliche Art an der Bewältigung seiner Probleme arbeiten und sich Schritt für Schritt in seinem Leben weiterentwickeln, um dann schließlich eines Tages sein bester Freund zu werden und sein bestes Leben jetzt zu leben.

Und so ist jetzt schließlich dieses Buch endlich als eine Mischung aus einem autobiographischen Tagebuch und einem persönlichen Essay Buch zu Themen, die uns alle betreffen, fertig geworden. Und ich bin sehr froh und auch etwas stolz darüber, dass ich jetzt nach vielen Auseinandersetzungen mit mir diese Frage, ob ich mich „outen“ will oder nicht, mit „ja“ beantwortet habe.

Und ich bin sehr gespannt, wie dieses Buch bei meinen Mitmenschen ankommt und welche Rückmeldungen es zu diesem Buch gibt. Und ob es denn am Ende wirklich zu einem Beitrag und einem Impuls für andere Menschen auf ihrem Weg zu sich selbst nach Hause werden kann. Darüber würde ich mich natürlich ganz besonders freuen, wenn dieses Buch nicht nur mir was gebracht hat, sondern auch für andere Menschen nützlich ist.

Und bevor ich jetzt gleich mit meinem ersten Text aus dem Dezember 2014 beginne, möchte ich hier gerne zur Einstimmung erst noch einen lyrischen Text aus meiner Trilogie „Im Fluss des augenblicklichen Seins“ und zwar aus dem 2. Band mit dem Titel „Freundschaft“ wiedergeben.

Du bist Dein Freund

Im Fluss des augenblicklichen Seins

Tief

in mir drinen

lebt ein Freund,

ein Freund,

der mich

von innigstem Herzen

liebt, anerkennt

und hinter mir steht.

Dieser Freund,

das bin ich.

Ich bin

mein Freund.

Und auf dem Weg

durch dieses Leben

bin ich

immer bei mir.

Begleite mich,

bergauf, bergab,

durch Tag

und Nacht.

Immer

bin ich

mein Freund,

wenn ich

es will

und wenn ich

zu mir stehen will.

Der wichtigste Freund

in dem Leben

eines Menschen

bist Du selber.

Du, Dein Freund!

Du kannst suchen

überall auf dieser Welt

nach Freunden

und findest Du,

findest Du Sie,

findest Du welche,

findest Du

erst einmal Dich!

Du!

Weil Du

bist Dein

wichtigster Freund.

Und hast Du

Dich gefunden,

dann findest Du

andere Freunde.

Aber sie sind

nicht wie Du

als Freund,

vergleichbar.

Freunde wichtig auch,

Freunde wichtig auch!

Aber,

so lange Du

Dich nicht

gefunden hast

als Freund,

wirst Du

keinen anderen

wirklichen Freund finden.

Weil Du

bist im Grunde genommen

allein ohne Dich, allein.

Und suchst

die Antwort und

suchst Dich

in einem anderen

und dort

kannst Du Dich

nicht finden.

Nie.

Niemals

findest Du Dich

in einem anderen.

Nur in Dir

kannst Du Dich

finden.

In Dir. In Dir.

Tief in Dir.

Das bist Du.

Dort bist Du.

Der bist Du.

Dort bist Du zu Haus.

Dort findest Du Dich.

Dort begegnest Du Dir.

Dort bist Du Dein Freund.

Und, wenn Du das

verstanden und

begriffen hast,

und, wenn Du das

zu leben beginnst,

dann beginnt

Dein Leben

in Freundschaft

mit Dir auf dieser Welt.

Und Du wirst

viele, viele,

viele Freunde finden.

Gewiss!

Frankfurt, Orange Beach, 09.05.15,

nachmittags

aus meinem Buch „Im Fluss des augenblicklichen Seins - Freundschaft“

1. Angst vor Ablehnung

16.12.14, 11.00 Uhr, Fuerteventura, Costa Calma am Strand

Ich bin jetzt für 4 Tage hier in Fuerteventura an der Costa Calma. Es ist schon ein tolles Erlebnis, mitten im Dezember kurz vor Weihnachten Sonne und Wärme erleben zu können. Heute Vormittag liege ich das erste Mal hier am Strand. Und es gibt etwas, das ich heute Morgen beim Aufwachen erlebt habe und was mich jetzt immer noch beschäftigt und worüber ich mir noch Gedanken mache.

Okay…, also, heute Morgen beim Aufwachen war ich erst ziemlich entspannt und habe es genossen, in meinem Bett zu liegen und mich nach der etwas anstrengenden Anreise gestern noch weiter zu entspannen.

Aber plötzlich habe ich Angst bekommen. Panik! Es kamen Gefühle, Empfindungen in mir hoch, die ich bis heute noch nicht an mir erlebt hatte. Und die mir, weil sie neu für mich waren, unangenehm waren, die mir Angst gemacht haben, mich unsicher gemacht haben. Mit diesen Gefühlen und Empfindungen heute Morgen habe ich eine mir unbekannte neue Seite an mir entdeckt. Und was mich dabei besonders beunruhigt hat, war die Frage, ob dieser für mich neue Teil von mir okay für mich ist, ob ich ihn annehmen kann und ob ihn auch andere Menschen annehmen können?

Jetzt habe ich mich wieder beruhigt und liege hier am Strand. Und da kommt mir der Gedanke, dass möglicherweise viele Menschen sich nicht näher auf sich selbst einlassen, um sich kennenzulernen und sich mit sich selbst auseinanderzusetzen, weil sie Angst haben, dabei eine neue, ihnen unbekannte Seite an sich zu entdecken. Eine Seite, die aber vor allem nicht nur neu für sie ist, sondern, die ihnen auch unangenehm ist, die sie nicht mögen und die sie ablehnen. Also, der entscheidende Punkt dabei ist aus meiner Sicht nicht, etwas Neues an sich zu entdecken. Obwohl uns allein auch das schon Angst machen kann, weil dadurch das vertraute, gewohnte Bild der eigenen Person gefährdet wird.

Aber ich denke, noch mehr Angst macht uns die Möglichkeit, eine neue Seite an uns zu entdecken, die wir nicht annehmen können und von der wir vermuten, dass andere Menschen sie auch nicht annehmen können.

Diese Befürchtung trifft möglicherweise unser Wesen instinktiv an einem ganz ursprünglichen und empfindsamen Punkt. Dem Punkt, an dem wir uns alle fragen: „Sind wir, so wie wir sind, eigentlich willkommen an dem Platz in unserem Leben, an dem wir uns gerade befinden?“ Oder noch grundsätzlicher gefragt: „Sind wir, so wie wir sind, eigentlich willkommen auf dieser Welt? Nehmen uns die anderen Menschen so an, wie wir wirklich sind?“

Ich musste dann eben bei meiner Auseinandersetzung mit meinen Gefühlen von heute Morgen an die Situation unserer Geburt denken. Vor unserer Geburt sind wir im Mutterleib über die Nabelschnur untrennbar mit allem versorgt, was wir für unser Überleben brauchen.

Und dann kommt da unsere Geburt und wir verlassen diesen geschützten Raum im Mutterleib. Und mit der Durchtrennung der Nabelschnur kurz nach unserer Geburt wird innerhalb von Sekundenbruchteilen unsere automatische Versorgung durch unsere Mutter unterbrochen und wir werden in die „Selbstversorgung“ geworfen. Aber in eine „Selbstversorgung“, die wir selbst zu diesem Zeitpunkt noch gar nicht aus eigener Kraft leisten können.

Das heißt, ohne die Versorgung durch einen anderen Menschen sind wir nach der Geburt nicht überlebensfähig. Aber diese Versorgung durch einen anderen Menschen findet nicht zwangsläufig statt.

Im Mutterleib ist unsere Versorgung mehr oder weniger gut gesichert. Je nachdem wie gut unsere Mutter sich in dieser Zeit selbst „versorgt“. Aber wir sind über die Nabelschnur unauflöslich an das Versorgungssystem unserer Mutter angekoppelt und werden so automatisch mitversorgt, ob unsere Mutter es will oder nicht. Aber draußen, außerhalb des Mutterleibes, ist nach der Geburt durch die Durchtrennung der Nabelschnur unsere Versorgung nicht mehr automatisch gewährleistet. Und ohne Versorgung von außen sind wir dann tatsächlich nicht überlebensfähig. Wir müssen sterben.

Das heißt, wir sind davon abhängig, dass ein anderer Mensch, und in den meisten Kulturen ist das vorrangig unsere Mutter, uns nach der Geburt annimmt und uns weiterhin versorgt. Das ist also ein sehr, sehr entscheidender Moment, wenn wir bei der Geburt den Mutterleib verlassen und dann kurze Zeit später unsere Nabelschnur durchtrennt wird. Denn…, ich komme raus aus der Gebärmutter. Ich bin in der Welt. Und es stellt sich mir instinktiv in diesem Augenblick die Frage: „Werde ich von meiner Mutter angenommen? Werde ich von ihr weiter versorgt?“

Das ist der entscheidende Moment nach der Geburt: „Werde ich…, nimmt mich meine Mutter an?“ Und erst danach, wenn meine Mutter mich nicht annehmen sollte, könnte sich die Frage stellen: „Wenn meine Mutter mich nicht annimmt, gibt es denn dann jemanden anderen, der mich annimmt und versorgt und am Leben erhält?“

Aber lehnt mich meine Mutter ab und gibt es auch keinen anderen Menschen, der mich an der Stelle meiner Mutter annimmt und versorgt, dann muss ich sterben. Ein „Nein“ meiner Mutter zu mir, ihre Ablehnung meiner Person kann also nach der Geburt tödlich für mich sein. In dieser Phase unseres Lebens und unserer Entwicklung ist es also existentiell wichtig, also überlebenswichtig für uns, dass unsere unbewusst, instinktiv an diese Welt gestellte Frage, ob wir angenommen werden, mit „Ja“ beantwortet wird.

Möglicherweise hat auch für einige von uns Erwachsenen die Frage: „Werde ich von meinem Gegenüber angenommen?“ immer noch ein Stück weit diese Tragweite und diese tiefe, existentielle Bedeutung, die sie für uns Menschen nach unserer Geburt hatte. Dies könnte erklären, warum so viele Menschen, mich eingeschlossen, auch im Erwachsenenalter noch immer große Angst davor haben, von anderen Menschen nicht angenommen zu werden, also abgelehnt zu werden. Vielleicht ist dies deswegen so, weil für einige von uns unbewusst, instinktiv eine Ablehnung unserer Person immer noch eine existentielle Bedrohung für uns darstellt. Wir also immer noch unbewusst davon ausgehen, dass wir bei einer Ablehnung unserer Person nicht überlebensfähig sind. So wie damals, als wir als Säuglinge nur überleben konnten, wenn wir von einem anderen Menschen angenommen wurden.

Dies könnte erklären, warum nicht wenige Menschen mit ihrer ganzen Kraft versuchen, eine Ablehnung ihrer Person durch andere Menschen zu vermeiden, so als wenn es um ihr Überleben ginge. Und sich dabei mitunter so sehr den Bedürfnissen und Erwartungen andere Menschen unterwerfen, dass sie den Bezug zu sich selbst fast vollkommen verlieren. Und dies kann bei extremer Ausprägung schließlich sogar zu einer Bedrohung der eignen psychischen Existenz führen.

Aber wie auch immer wir die große Angst vor Ablehnung unserer Person, die nicht wenige von uns haben, erklären, Fakt ist: Wir sind als Erwachsene nicht mehr davon abhängig, dass andere Menschen uns annehmen. Wir sind als Erwachsene bis auf wenige krankheitsbedingte Ausnahmen in der Lage, uns selbst zu versorgen und unsere Existenz sicherzustellen.

Und auch wenn eine Ablehnung unserer Person unangenehm für uns ist, uns kränkt, verletzt, verunsichert oder auch ärgerlich macht, sie hat für unsere Existenz, für unser Überleben auf dieser Welt keinerlei Bedeutung mehr.

Wir sind als Erwachsene frei und fähig, uns so zu verhalten, wie wir es für richtig und angemessen halten und können dabei ohne ernsthaftes Risiko in Kauf nehmen, dass wir mitunter die Erwartungen anderer Menschen an uns nicht erfüllen. Das ist nicht gefährlich für uns. Ich glaube, dass wir diese Tatsache viel zu oft bei unserem täglichen Handeln vergessen und uns dann aus Angst vor Ablehnung anderen Menschen mehr anpassen, als es eigentlich für uns selbst gut ist.

2. Feindseligkeit und das Bedürfnis nach Distanz

26.12.14, 14.57 Uhr, Spaziergang auf dem Weinberg bei Hünfeld

Ja, es taucht gerade beim Laufen hier auf dem Weinberg das Thema „Feindseligkeit“ in mir auf …! Feindseligkeit von anderen Menschen mir gegenüber.

Tatsächlich habe ich früher regelmäßig beim längeren Zusammensein mit anderen Menschen ab einem bestimmten Punkt den Eindruck gehabt, die anderen hätten etwas gegen mich. Sie würden sich von mir abwenden, sich gegen mich wenden oder sich sogar gegen mich zusammenschließen.

Dieser Eindruck entstand bei meiner Arbeit mit Kolleginnen und Kollegen oder in Trainings- und Selbsterfahrungsgruppen mit den anderen Gruppenteilnehmerinnen und Gruppenteilnehmern. Nach einer bestimmten Zeit des Zusammenseins mehrten sich nach meiner Wahrnehmung die Anzeichen dafür, dass zunehmend mehr Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Gruppe etwas gegen mich haben und sich von mir abwenden.

Und je länger ich mit diesen Gruppen zusammen war, desto mehr bekam ich das Gefühl zum Außenseiter in den Gruppen zu werden. So, als wenn etwas an mir nicht stimmen würde, nicht in Ordnung wäre, für das mich mehr und mehr Gruppenteilnehmerinnen und Gruppenteilnehmer ablehnten.

Und dann verhielt ich mich als Reaktion auf diese vermeintliche Ablehnung meiner Person zunehmend selbst schroff, aggressiv, verletzt, eingeschnappt den anderen gegenüber. Ich wurde selbst abweisend und zog mich aus der Gruppe zurück. Und spätestens an dieser Stelle wurde ich dann tatsächlich zum Außenseiter in den Gruppen oder machte es den anderen zumindest immer schwerer, mich tatsächlich zu mögen und anzunehmen.

Aus meiner damaligen Sicht war dieses Verhalten von mir aber völlig angemessen und berechtigt. Ich war also meiner Meinung nach mit meinem Verhalten im Recht. Denn ich reagierte ja nur auf die von mir wahrgenommene, vorausgegangene Zurückweisung und damit Verletzung der anderen Gruppenteilnehmerinnen und Gruppenteilnehmer mir gegenüber. Und es ist wirklich kein schönes Gefühl, sich in Gruppen ausgegrenzt zu fühlen. Jeder hat dies sicherlich auf die eine oder andere Art schon einmal selbst erlebt.

Aus meiner heutigen Sicht sehe ich diese Geschehnisse etwas anderes. Ich bin mir mittlerweile recht sicher, dass mich in der Vergangenheit tatsächlich nur sehr wenige Menschen wegen meiner Person abgelehnt haben. Wenn ich denn früher wirklich Mal Rückmeldungen zu meiner Person zugelassen habe und ihnen dann auch zugehört habe, waren diese Mitteilungen über mich regelmäßig sehr positiv und anerkennend.

Tatsächlich habe ich aber in der Vergangenheit, nach einer gewissen Zeit des Zusammenseins mit anderen Menschen, offenbar immer wieder selbst durch mein Verhalten dafür gesorgt, dass ich in Konflikt, Widerstand und Widerspruch zu diesen Menschen geraten bin. Und so habe ich auf diese Art dann möglicherweise irgendwann tatsächlich selbst die Ablehnung und Zurückweisung durch die anderen provoziert, die ich regelmäßig meinte, in Gruppen mir gegenüber wahrzunehmen.

Aber warum habe ich dies damals so gemacht? Warum habe ich mich selbst ab einem bestimmten Punkt des Zusammenseins mit anderen Menschen zum Außenseiter gemacht. Und das, obwohl im Grunde genommen die meisten Menschen, mit denen ich damals zusammen war, nichts gegen mich hatten, mich vielmehr sogar recht sympathisch und attraktiv fanden. Warum habe ich früher also Feindseligkeit und Ablehnung bei anderen Menschen mir gegenüber erzeugt und habe damit eine Distanz zwischen ihnen und mir hergestellt, die so im Grunde genommen gar nicht angemessen und notwendig war.

Die einzige Erklärung, die ich jetzt im Nachhinein für mein damaliges Verhalten habe, ist die, dass ich es genau wegen dieser Distanz zu den anderen Menschen gemacht habe. Dass ich also Menschen provoziert habe und mich dadurch zum Außenseiter gemacht habe, weil ich in dem Moment genau diese Distanz zu den Menschen um mich herum brauchte. Weil mir meine Beziehungen zu den anderen durch den vorangegangenen Kontakt zu eng, zu persönlich, zu intim geworden waren.

Und weil ich damals aber nicht in der Lage war, mein Bedürfnis nach Distanz zu den anderen Menschen bewusst wahrzunehmen, musste ich diesen Abstand zu den anderen unbewusst herstellen. Ich habe somit eine Situation zwischen mir und meiner Umgebung „inszeniert“, in der die anderen Menschen sich nach meiner Wahrnehmung gegen mich wandten und mich zum Außenseiter machten. Ich wurde auf diese Art nach meinem Empfinden zum Opfer und die Menschen um mich herum wurden zu den bösen Tätern, die mir mit ihrem Verhalten Unrecht taten.

Die Wahrheit ist allerdings aus meiner jetzigen Sicht eine ganz andere: Ich war für diese Situationen, unter denen ich früher regelmäßig sehr gelitten habe, selbst verantwortlich. Ich habe sie unbewusst inszeniert. Ich war also der Verursacher und damit der „Täter“ und ich war nicht das „Opfer“.

Notwendig wurden diese damaligen „Inszenierungen“ von mir, weil ich nicht in der Lage war, mein Bedürfnis nach Distanz zu den Menschen um mich herum, das zwischendurch entstanden war, bewusst zu erkennen. Somit war ich damals auch nicht in der Lage, bewusst für die Befriedigung meines Bedürfnisses nach Distanz Verantwortung zu übernehmen und den Abstand zu den Menschen um mich herum herzustellen, den ich in dem jeweiligen Augenblick brauchte.

Unbewusst habe ich aber für mich gesorgt, indem ich immer wieder Situationen „inszeniert“ habe, durch die ich dann doch den Abstand zu meinen Mitmenschen hergestellt habe, den ich brauchte. Allerdings habe ich unter dieser Art und Weise der „Selbstfürsorge“ selbst sehr gelitten und ich habe die Menschen um mich herum damit ins Unrecht gesetzt.

Aus meiner heutigen Sicht muss ich sagen, dass dies keine wirklich erwachsene Art von mir war, für mich selbst Verantwortung zu übernehmen.

3. Das Gefühl abgelehnt zu werden - Auflösung

26.12.14, 15.17 Uhr, Spaziergang auf dem Weinberg bei Hünfeld

Ein Mensch, der immer wieder in seinem Leben das Gefühl hat, er wird abgelehnt, jede Zurückhaltung und jedes kleine „Nein“ anderer Menschen ihm gegenüber sei eine Ablehnung seiner Person, so ein Mensch muss in seiner Kindheit aus meiner Sicht nicht zwangsläufig abgelehnt worden sein. Schon gar nicht müssen schlimme oder traumatische Erlebnisse in seiner Vergangenheit stattgefunden haben.

Es kann einfach nur sein, dass dieser Mensch die Erfahrung von „richtig, ehrlich angenommen werden“ in seiner Vergangenheit nicht gemacht hat. Dass er dieses Gefühl von „angenommen werden“, wer auch immer, wie auch immer er als Mensch ist, nie hatte. Und wenn ein Mensch tatsächlich alles um sich herum so interpretiert wie: „Ich werde von den anderen abgelehnt. Die anderen Menschen akzeptieren mich nicht, sie mögen mich nicht!“ Wie kommt das dann zustande? Wie entsteht so etwas? Es kann aus meiner Sicht nur dadurch entstehen, dass dieser Mensch nie wirklich erfahren und damit gelernt hat, dass er wertvoll ist, dass er liebenswert ist, dass er in Ordnung ist, von Grund auf in Ordnung. In Ordnung, so wie er gerade ist, was auch immer er gerade tut, er ist in Ordnung.

Im Idealfall bekommen wir diese grundlegende Botschaft von den wichtigsten Menschen, also insbesondere unseren Eltern, in unserem Leben während unserer Kindheit immer wieder übermittelt. Auch wenn wir einen Fehler machen, sind wir in Ordnung für diese Menschen, dann machen wir eben einen Fehler und wir sind trotz dieses Fehlers, den wir gemacht haben, immer noch in Ordnung. Und auch wenn die Folgen dieses Fehlers nicht gut waren, wir als Menschen waren trotz unseres Fehlers aber weiterhin in Ordnung. Und die negativen Folgen unseres Fehlers mussten dann eben, so gut es ging, wieder von uns korrigiert werden. Und genau das sind, wie ich finde, die entscheidenden Schlüsselerlebnisse für die Entwicklung unseres Selbstwertgefühls in unserer Kindheit, aber auch beim Lernen als Erwachsene: Ich mache einen Fehler und ich werde trotz dieses Fehlers weiterhin angenommen und bejaht. Ich werde also nicht abgelehnt, zurückgestoßen und durch den Entzug von Zuneigung, Bejahung und Respekt für diesen Fehler bestraft.

Wenn ich also von anderen Menschen in meiner Kindheit immer wieder das Gefühl vermittelt bekommen habe: Ich bin in Ordnung und gut genug, auch wenn ich mal nicht so toll bin; ich bin in Ordnung und gut genug, auch wenn ich mal Fehler mache. Ja, ich bin dann immer noch in Ordnung und gut genug…! Wenn ich also früher immer wieder dieses Gefühl von außen vermittelt bekommen habe, dann konnte ich ein gutes, sicheres Selbstwertgefühl und Selbstvertrauen entwickeln. Und ich werde mich heute als Erwachsener wirklich nur von anderen Menschen abgelehnt fühlen, wenn sie mich wirklich ablehnen. Und damit kann ich dann aber recht gelassen und selbstsicher umgehen, auch wenn jede Ablehnung durch andere Menschen etwas unangenehm für uns ist oder sogar etwas weh tut. Aber ich weiß dann eben, dass ich trotz dieser Ablehnung, so wie ich bin, in Ordnung bin.

Aber was machen nun die von uns, die diese positiven, bejahenden, stärkenden Erfahrungen in ihrer Kindheit nicht gemacht haben? Und ich zähle mich ohne Frage auch zu dieser Gruppe von Menschen dazu. Was machen wir also, wenn unsere Kindheit bei der Entwicklung unseres Selbstwertgefühls und unseres Selbstvertrauens nicht so optimal gelaufen ist, wie hier beschrieben?

Es gibt da im Grunde genommen aus meiner Sicht nur eine wirkliche Lösung, es gibt im Grunde genommen nur einen erfolgsversprechenden Weg, um diese Unsicherheit, diesen Selbstzweifel, diese Verletzlichkeit, die in unserer Vergangenheit bei uns entstanden sind, aufzulösen. Und dieser Weg ist: wir lernen, uns selbst anzunehmen. Wir geben uns selbst das Gefühl, wir sind in Ordnung, auch wenn wir Mal nicht so gut sind, wie wir es erwarten, auch wenn wir Fehler machen. Wir stehen hinter uns. Wir bejahen uns. Wir klopfen uns auf unsere Schultern. Wir nehmen uns in den Arm. Wir sagen immer wieder: „Ja, ja, ja zu uns. Ja, wir sind in Ordnung. Wir sind gut! Wir sind es wert auf dieser Welt zu sein und es uns gut gehen zu lassen. Wir sind super. Wir sind perfekt, genauso wie wir sind!“ Und das gilt dann immer so für uns. Wir nehmen uns also immer an.

Unser „uns selbst Annehmen“ ist die Entscheidung, ist das Entscheidende auf dem Weg raus aus diesem Leben in Selbstzweifel, Unsicherheit und übertriebener Verletzlichkeit. Und nur wir selbst sind diejenigen, die diese Entscheidung treffen, uns selbst anzunehmen und damit aufzuhören, an uns zu zweifeln, mit uns unzufrieden zu sein und uns nicht selbst zu vertrauen. Und wenn uns andere auf diesem Weg des Lernens annehmen, uns bejahen, uns loben, dann ist das wunderschön und herzlich willkommen. Aber solange wir selbst dies nicht mit uns tun, ist dieses Lob der anderen zwar schön, aber sobald dieses angenehme Gefühl des Lobes, der Bejahung durch die anderen vorbei ist, fallen wir wieder in unsere Selbstzweifel, unsere Unsicherheit und Kränkbarkeit zurück.

Also, die Bejahung, das Lob der anderen ist für uns eine Unterstützung, ein Motor, ein Katalysator, ein Modell für das, was wir selbst für uns tuen müssen. Was wir selbst für uns tun müssen, um wirklich frei zu werden von diesem Selbstzweifel, von dieser Selbstunsicherheit, von dieser übertriebenen Kränkbarkeit, die uns schon viel zu lange durch unser Leben begleitet haben.

Wir müssen es aber selbst tun für uns. Wir haben keine andere Wahl! Und es funktioniert, wie ich es selbst auf meinem Weg erfahren habe und wie auch Untersuchungen mittlerweile gezeigt haben. Wir Menschen können neue Einstellungen, neue Verhaltensweisen, neu Muster und Gewohnheiten erlernen. Aber es erfordert Geduld, Ausdauer und Entschlossenheit!

4. Nähe und Distanz

27.12.2014, 13.11 Uhr, Fahrt im Auto nach Frankfurt

Also, ich glaube mittlerweile, dass viele der heftigsten Konfliktsituationen in unseren Beziehungen dadurch entstehen, dass wir Menschen häufig nicht in der Lage sind, bewusst mit unseren Bedürfnissen nach Nähe und Distanz zu anderen Menschen umzugehen.

Und, dass ich da in der Vergangenheit keine Ausnahme war, habe ich ja erst gestern erkannt. Und die Dramen, die dabei zwischen Menschen passieren, finden nicht nur in unseren Zweierbeziehungen statt sondern auch in Gruppen, Organisationen, aber auch zwischen Staaten.

Wir nehmen also oft nicht wahr, wir erkennen nicht, welches gerade das für uns richtige Maß an Nähe oder Distanz zu den Menschen in unseren Beziehungen ist. Und wir sind dadurch auch nicht in der Lage, bewusst und eigenverantwortlich für die für uns richtige Nähe oder Distanz in diesen Beziehungen zu sorgen. Aber auch dann, wenn wir unser Bedürfnis nach mehr Nähe oder Distanz bewusst wahrnehmen, fehlt uns oft die Fähigkeit auf eine friedliche, respektvolle und wertschätzende Art selbst für die Erfüllung dieses Bedürfnisses zu sorgen.

Und insbesondere, wenn wir nach einer Zeit von Nähe wieder mehr Distanz zu einer uns nahestehenden Person oder auch zu einer ganzen Gruppe brauchen und dies nicht bewusst erkennen, machen wir oft viel kaputt in unseren Beziehungen zu anderen Menschen. Erzeugen wir viel Streit, Schmerz und auch Erniedrigung, um wieder das Maß an Distanz herzustellen, dass wir nach der Nähe brauchen.

Und tatsächlich ist das ja eigentlich der ganz normale, natürliche Rhythmus unseres Lebens, von jeglichem Leben allgemein: ausdehnen und wieder zusammenziehen, öffnen und wieder schließen, anspannen und entspannen, Tag und Nacht, Sommer und Winter. Wir gehen aufeinander zu, wir kommen uns näher, wir gehen wieder auseinander, wir entfernen uns wieder voneinander, wir nähern uns wieder an, wir entfernen uns wieder voneinander. Wenn wir atmen geschieht diese Bewegung, geschieht dieser Rhythmus ganz automatisch und unspektakulär, ganz von allein: einatmen und ausatmen, einatmen und ausatmen. In Beziehungen zwischen Menschen, die miteinander schwingen und harmonieren gelingt dieser Wechsel zwischen Nähe und Distanz ebenso wie ganz von allein, mitunter sogar von den Beteiligten ganz unbemerkt.

Oder aber, wenn dies in Beziehungen nicht so fließend, wie von allein gelingt, dann gibt es da auch Menschen, die erkennen, welches Maß an Nähe und Distanz sie gerade in ihren Beziehungen brauchen und die dann fähig sind, auf friedliche, respektvolle und einfühlsame Art für dieses Bedürfnis zu sorgen.

Aber vielen von uns, mich eingeschlossen, fällt es schwer oder gelingt es gar nicht, bewusst zu spüren, dass wir uns wieder etwas von einem anderen Menschen entfernen müssen, nachdem wir ihm eine Zeitlang näher waren. Dass wir also wieder etwas mehr Abstand zu ihm brauchen, bevor wir ihm wieder näherkommen. Dies wahrzunehmen, uns dieses Bedürfnis zuzugestehen und diesen Wunsch dann auch dem anderen Menschen in angemessener Weise mitzuteilen, es ihm zu erklären, das können wir oft nicht. Und dann die entsprechenden gefühlvollen, sensiblen Schritte zu machen, um diese Distanz, die wir nach der Nähe erneut brauchen, wiederherzustellen, dazu sind wir oft nicht in der Lage.

Und so kommt es dann regelmäßig zu den kleinen und mitunter auch größeren Dramen in unseren Beziehungen, von denen wir oft selbst gar nicht wissen, warum sie denn überhaupt entstanden sind. Und um den für uns notwendigen Abstand zu einem anderen Menschen wiederherzustellen, machen wir diesen Menschen dann schlecht, wir verletzten ihn, wir machen ihm Vorwürfe, wir werten ihn ab, wir beleidigen ihn, wir kränken ihn, wir greifen ihn an, wir zerstören Dinge in seinem Umfeld, wir intrigieren, wir lästern, wir tratschen, wir bekämpfen andere Menschen sogar und mitunter vernichten wir sie, um erneut Distanz zu ihnen aufzubauen.

Und wir begreifen nicht, warum wir uns so verhalten, warum wir so viel Leid zufügen und so viel kaputt machen in unseren Beziehungen zu anderen Personen. Und sehr oft hat dieses Verhalten von uns einfach nur damit zu tun, dass wir die Nähe, die wir gerade zu einem anderen Menschen oder einer Gruppe von Menschen haben, nicht mehr aushalten können.

Und wir merken selbst nicht, dass wir einfach nur das für uns richtige Maß an Abstand zu diesen Menschen einnehmen müssen, um weiterhin mit ihnen in friedlicher, angemessener Art in Beziehung bleiben zu können.

5. Widerstand gegen Veränderung, der Wert des Gewohnten

23.02.15, 07.43Uhr, Frankfurt in meinem Büro

Mir fällt gerade auf, wie wichtig für mich, wahrscheinlich aber für uns alle, die Bewertung der eigenen persönlichen Wahrnehmung ist. Ich nehme etwas wahr, ich denke über einen Sachverhalt nach, mir fällt etwas in meinem Umfeld oder an meiner eigenen Person auf, eine Erregung, ein Gefühl, ein Verhalten und in demselben Moment, da ich diese Wahrnehmung habe, kommt auch schon meine eigene Bewertung darüber. Es ist gut, es ist schlecht. Ich sehe gut, ich sehe schlecht damit aus. Es ist nützlich, es ist unnütz.

Und diese Bewertungen lösen wiederum Gefühle in mir aus: Freude, Überraschung, Angst, Unsicherheit. Und mir wird gerade klar, wie relativ und willkürlich diese Bewertungen von mir doch tatsächlich sind. Diese Bewertungen sind ganz und gar subjektiv und persönlich. Und sie sind beeinflussbar. Sie sind im Grunde genommen beliebig veränderbar. Eine Veränderung dieser Bewertungen hat aber dann wieder einen großen Einfluss auf meine Gefühle und schließlich dann auch auf mein Verhalten.

Und auf der einen Seite ist dies natürlich eine riesige Chance für uns alle, selbst auf unser Fühlen und unser Handeln Einfluss zu nehmen; beides zu steuern und in unserem Sinne zum positiven zu verändern. Auf der anderen Seite taucht bei diesem Gedanken aber auch eine Verunsicherung in uns auf.

Denn ein großes Bedürfnis von uns Menschen ist es tatsächlich, Sicherheit zu haben. Und Sicherheit entsteht durch Beständigkeit und Verlässlichkeit. Sicherheit entsteht dadurch, dass die Dinge morgen noch so sind, wie sie heute sind. Und die Gewohnheiten, die wir uns angeeignet haben, sind genau die Art von Beständigkeit und Zuverlässigkeit, die wir brauchen, um uns sicher zu fühlen. Unsere Gewohnheiten werden dadurch also zu einem Gewinn, eine Art Belohnung für uns. Sie belohnen uns mit diesem angenehmen Gefühl der Sicherheit.

Unsere Gewohnheiten sind dafür verantwortlich, dass wir in vergleichbaren Situationen automatisch immer wieder auf dieselbe Art fühlen, denken, bewerten und uns verhalten. Wir selbst werden somit berechenbar für uns und vertraut. Und unsere Gewohnheiten funktionieren immer in derselben Art unverändert weiter, bis wir sie bewusst selbst ändern oder etwas Bedeutendes in unserem Umfeld passiert, das sie ändert. Und diese Änderung durch bedeutsame Ereignisse passiert dann nicht selten auch ganz unbewusst, ohne dass wir es merken.

Aber das Besondere und gleichzeitig auch Tragische ist, dass alles in unserem Leben zu einer Gewohnheit von uns werden kann. Auch wenn es negativ für uns ist, auch wenn es uns belastet, Schmerzen und Unwohlsein verursacht und sogar dann, wenn es uns krank macht, Beziehungen zerstört oder im schlimmsten Fall unser Leben zerstört. Aber auch dann, wenn unsere Gewohnheiten solch negative Auswirkungen auf uns und unser Leben haben, verlieren sie nicht ihren Wert für uns. Ihr großer Gewinn bleibt weiterhin bestehen und das sind die Gefühle von Vertrautheit, Halt, Berechenbarkeit und Sicherheit, die uns diese Gewohnheiten geben.

Die Bedürfnisse nach Sicherheit, Kontinuität, Verlässlichkeit sind ganz wichtig für viele von uns, vor allem in einer Zeit, in der sich viel um uns herum verändert. Und so halten wir an dem Gewohnten fest, weil wir es kennen. Weil wir wissen, dass es morgen noch so ist, wie heute und übermorgen auch noch.

Und wir halten auch dann an dem Gewohnten fest, wenn es die gewohnten Schmerzen, Ängste, Sorgen, Probleme, Hindernisse und Einschränkungen sind, unter denen wir oft heftig leiden. Wir halten an all dem fest und wollen es nicht hergeben, eben weil es genauso ist, wie es heute, morgen und übermorgen auch noch ist.

Wir können uns darauf verlassen und das gibt uns Sicherheit. Und dieser Gewinn, der das Gewohnte für uns hat und diese Art Belohnung für uns, die in jeder Gewohnheit steckt, macht es uns so schwer, unsere Gefühle, unser Denken und unser Verhalten zu verändern.

Und es macht es schwierig, andere Menschen zu einer solchen Veränderung, zum Dazulernen, zu bewegen, sie für die eigene Weiterentwicklung zu gewinnen. Denn jedes Dazulernen bedeutet eine Veränderung von etwas Gewohnten. Und damit bedeutet auch jede Veränderung in unserem Leben den Verlust von Sicherheit in dem Bereich, den wir verändern wollen. Wir verlieren Sicherheit und nehmen Ungewissheit und Unsicherheit in Kauf. Denn wir wissen nicht, ob das, was wir verändern wollen, auf das wir uns durch unser Dazulernen hin entwickeln wollen, wirklich besser ist als das, was wir für das Neue aufgeben.

Anders ausgedrückt: wir geben für jede geplante Veränderung in unserem Leben einen Gewinn und damit eine sichere Belohnung auf und tauschen sie für eine zukünftige möglicherweise größere Belohnung ein. Allerdings mit der Unsicherheit, dass die geplante, angestrebte Veränderung am Ende nicht den erwarteten Gewinn bringt und wir im ursprünglichen Zustand mehr Belohnung hatten.

Viele Veränderungen treten in unserem Leben deswegen erst dann ein, wenn wir vorher gar nicht dazu gefragt werden, also durch einen unvorhergesehenen Anstoß oder auch „Schicksalsschlag“ von Außen. Oder wir entscheiden uns selbst zu einer solchen Veränderung, weil der Leidensdruck und der Schmerz der Umstände, die zu einer Gewohnheit wurden, so groß wurden, dass wir den Nutzen und Gewinn der Sicherheit, die uns das Gewohnte gibt, gerne aufgeben, um endlich auch den Schmerz und Leidensdruck loszuwerden.

In solchen Fällen verursachen diese Gewohnheiten also durch den Schmerz und den Leidensdruck, den sie erzeugen, mehr Kosten oder Verlust für uns, als sie uns durch die Sicherheit, die sie uns geben, Gewinn und damit Nutzen für uns erbringen. In solchen Fällen fällt es uns deutlich leichter, uns auf Veränderungen und Dazulernen einzulassen.

Am Ende ist es dann, ganz nüchtern betrachtet, tatsächlich eine ganz einfache Gewinn-Verlust oder Kosten-Nutzen-Rechnung, die sich da oftmals ganz unbewusst in uns vollzieht und deren Ergebnis darüber entscheidet, ob wir uns auf eine Veränderung einlassen oder nicht. Und die Art, wie jeder einzelne von uns wählt, ist von Mensch zu Mensch entsprechend unserer Persönlichkeit und Vorerfahrungen ganz unterschiedlich.

Der eine Mensch lässt sich leichter auf das Risiko einer Veränderung ein, der andere Mensch schwerer, weil der Reiz den Neuen für ihn nicht so attraktiv ist, wie die Sicherheit des Gewohnten.

6. Druck ausüben und nicht genug sein

23.02.15, vormittags, Hünfeld, zu Besuch bei meinen Eltern

Ich glaube, ich bin wirklich anstrengend für andere Menschen und auch für mich! Wie komme ich gerade jetzt zu diesem Eindruck von mir?

Ich habe eben durch Zufall die Tonaufnahme eines Gespräches zwischen mir und einem Freund von mir angehört. Diese Aufnahme ist vollkommen unbeabsichtigt bei meinem letzten Besuch bei diesem Freund entstanden. Ich hatte vor diesem Treffen etwas in das Aufnahmegerät meines Handys gesprochen und dann diese Aufnahme nicht korrekt beendet. So lief das Aufnahmegerät einfach während meines gesamten Besuches bei meinem Freund weiter, ohne dass ich davon wusste.

Wir haben bei unserem Zusammensein unter anderem auch über mein neues Lied geredet, über mögliche Partner und die Bedingungen, unter denen wir es für ein gemeinsames Projekt nutzen könnten. Und diesen Teil habe ich mir jetzt eben noch einmal angehört. Und ganz ehrlich und so ein Mist, ich konnte eben mit eigenen Ohren selbst sehr gut hören, wie anstrengend ich in diesem Gespräch war.

Ich war anstrengend, weil ich immer wieder dazwischengeredet habe. Ich habe meinen Freund ganz selten ausreden lassen. Ich habe ihn immer wieder unterbrochen, weil ich eine Idee zu dem hatte, was er gerade sagte und ich meine Idee unbedingt sofort mitteilen musste. Ich war tatsächlich nicht in der Lage vorher meinem Freund bis zu Ende zuzuhören, was er mir mitzuteilen hatte. Hallooo?! Ganz klar! Ich weiß immer schon alles im Vorhinein! Ich weiß immer alles besser! Mein Gott!

Und ich war in diesem Gespräch wie ein Skiläufer in einem Skirennen. Gute Skirennläufer fahren die Kurven in einem Rennen möglichst oft „auf Zug“. Das heißt, sie bremsen in einer Kurve nicht ab, wie jeder normale Mensch, sondern sie halten das Tempo oder geben in den Kurven besser sogar noch Gas. Und so habe ich dieses Gespräch mit meinem Freund geführt, immer auf Zug. Das heißt, ich war immer am Beschleunigen, am Gas geben.

Das ist verdammt anstrengend für meine Gesprächspartner, aber auch für mich. Da wundert es mich jetzt überhaupt nicht mehr, warum ich zwischendurch und insbesondere abends immer so müde bin. So wie ich ständig am Agieren, Beschleunigen, Tempo machen bin. Und so verhalte ich mich ja nicht nur, wenn ich im Gespräch mit jemand anderem bin. Ich stehe immer unter Hochdruck, bei allem, was ich mache, von morgens bis abends. Das ist offenbar immer noch wie früher, wobei …? Früher war das noch schlimmer.

Jetzt ist der Druck, den ich auf mich ausübe deutlich weniger, aber er ist immer noch zu viel für mich. Dieser Druck ist unnötig, er kostet mich Kraft und Energie und er macht mich müde. Und auch jetzt in diesem Augenblick, wo ich über diesen Druck in den Voice Rekorder meines Handys spreche, spüre ich deutlich, wie ich mich dabei unter Druck setze. Weil ich meine Gefühle und Gedanken hier möglichst genau und wahrheitsgemäß wiedergeben möchte, am besten perfekt. Ich spüre also jetzt gerade ganz deutlich, wie ich unter dem Druck, den ich auf mich ausübe, leide. Und gleichzeitig kann ich wahrnehmen, wie sehr ich auch an diesem Druck festhalte, ihn gar nicht aufgeben möchte.

Es ist wie ein Programm, das ich habe, nach dem ich funktioniere und das ich schon so lange anwende, dass es zu einem gewohnten und vertrauten Teil von mir geworden ist. Am besten kann ich das, was ich da im Moment an mir erlebe, mit meinen Gedanken über Gewohnheiten erklären, die ich hier in meinem letzten Text beschrieben habe.

Mich unter Druck zu setzen, ist zu einer Gewohnheit für mich geworden. Und diese Gewohnheit hat verschiedene Arten von Nutzen und damit also Gewinn für mich. Und dieser Gewinn ist offenbar größer als die Unannehmlichkeiten, also die Kosten, der Verlust, den dieser Druck verursacht. Deswegen habe ich dieses „Druck auf mich ausüben“ bisher offenbar nicht aufgegeben.

Der eine Gewinn, den ich durch meinen Druck habe, ist die Vertrautheit und Sicherheit, die mir diese Gewohnheit gibt. Das ist klar und offensichtlich. Und der andere Nutzen und Gewinn dieses Druckes ist was …?

Ich glaube, diesen Druck nicht aufgeben zu können …? Ich glaube, es nicht anders machen zu können, weil ich das Gefühl habe, dann fehlt mir etwas, dann ist etwas nicht genug an mir, ich bin dann als Mensch nicht genug, wenn mein Druck fehlt. Das heißt, ich muss mich unter Druck setzen, ich muss alles, was ich mache, unter Druck machen, damit ich selbst das Gefühl habe, genug zu sein …!? Heftig!

Da ist ja in mir offenbar immer noch dieser Gedanke, ich sei nicht genug? Ich denke offenbar immer noch, dass ich nicht genug bin, so wie ich bin! Nein, das kann nicht sein! Bitte nicht …! Dieses Gefühl, nicht genug zu sein, ist doch schon so alt! Das habe ich schon so lange. Und jetzt bin ich 57 Jahre alt und habe immer noch das Gefühl, nicht genug zu sein?! Das glaube ich jetzt nicht! Das ist mir jetzt aber unangenehm und peinlich! Nein, das kann doch eigentlich gar nicht sein.

Aber ich nehme ja im Moment deutlich wahr, dass dieser Gedanke und dieses Gefühl, nicht genug zu sein, noch da sind. Und beides treibt mich an und bringt mich dazu, mich so unter Druck zu setzen. Ich setze mich unter Druck, weil ich mir und anderen damit beweisen möchte, dass ich gut genug bin. Weil ich denke, ich sei nicht gut genug, setze ich mich unter Druck und tue alles den ganzen Tag lang unter diesem Druck. Um mir und anderen zu beweisen, dass ich eben doch gut genug bin.

Und deswegen power ich so und deswegen versuche ich immer schneller zu sein und hetze mich so und deswegen bin ich so anstrengend für andere und für mich, so kompromisslos, so extrem, so radikal und mitunter auch so aggressiv und so …, ach du meine Güte Bernd, mach doch mal langsamer Junge!

Du bist genug! Ich bin genug! Ich brauche mir und niemandem etwas zu beweisen!!

Es ist im Grunde genommen vollkommen genug, einfach nur zu sein und die Dinge geschehen zu lassen. In der Gegenwart zu sein. Jetzt! Das reicht aus. Einen Schritt nach dem anderen zu machen. Zu reagieren, aber natürlich auch zu handeln. Aber dabei nur das zu tun, was gerade passend, sinnvoll und notwendig ist und mehr nicht.

Einfach nur im Fluss sein. Jeglicher Druck ist vollkommen kontraproduktiv. Er ist schädlich, hinderlich, ungesund. Und er ist außerdem inauthentisch, also unehrlich. Er ist eine Lüge. Ich lüge mir vor, ich sei ein besserer Mensch und ich würde beweisen, dass ich toll bin, wichtig bin, wenn ich mich unter Druck setzte, wenn ich unter Druck arbeite und andere dabei auch unter Druck setze.

Und die Inauthentizität, die Unehrlichkeit ist, dass ich behaupte, ich sei ein besserer und wertvoller Mensch, wenn ich alles in meinem Leben unter Druck mache. Und in Wahrheit habe ich einfach nur Angst zu sein und dabei einfach nur so zu sein, wie ich bin. Ich habe Angst, loszulassen. Und dabei dann zu spüren, dass ich in meinen Augen nicht genug bin.

Das ist die große Unehrlichkeit: nicht zuzugeben, dass ich Angst habe, loszulassen und zu spüren, dass ich mir selbst nicht genug bin und dafür lieber herumzuwirbeln, mich und andere unter Druck zu setzen und mich mit all der Hektik und den Stress ach so wichtig zu machen.

Und wenn ich jetzt noch einen Schritt weitergehe und dabei genau hinschaue, dann kann ich sehen, dass mir das inauthentisch sein, dass mir das „mich unter Druck setzen“ einiges an Nachteilen und damit an Kosten verursacht: mich ständig unter Druck zu setzen und anderen und mir damit vorzumachen, ich sei ein besserer Mensch, führt dazu, dass ich an Wohlbefinden, Entspanntheit, Leichtigkeit, Natürlichkeit und Lebendigkeit verliere. Ich belaste meine Gesundheit, verliere an Ausdruckskraft und Energie. Letztendlich verliere ich sogar an Ergebnis, denn wenn ich hektisch und unter Druck arbeite, erreiche ich weniger bei dem, was ich mache.

Und für andere Menschen bin ich eine Belastung. Sie leiden unter mir, weil ich sie ebenfalls hetze und unter Druck setze. Und ich mache sie letztendlich sogar schlecht und werte sie ab, weil ich ihnen durch mein Verhalten vermittle, dass sie weniger wichtig und wertvoll sind, wenn sie nicht genauso hektisch und unter Druck arbeiten, wie ich. Na klar, und dadurch verliere ich dann auch an Sympathie und Zuspruch durch die Menschen um mich herum und meine Beziehungen zu ihnen werden schlechter.

Der Verlust, die Kosten meines unehrlichen, inauthentischen Verhaltens sind also hoch. Und da frage ich mich, wie ich mich in meinem Leben anders verhalten könnte, anders als hektisch, gestresst, unter Druck stehend, unehrlich. Wie könnte ich denn anders sein? Was wäre eine neue Möglichkeit, wie ich bin und mich verhalte in meinem Leben?

Mein Impuls ist, ich könnte einfach „nur“ liebevoll und sympathisch sein, liebevoll und sympathisch bei meiner Arbeit, im Umgang mit den anderen Menschen, im Umgang mit mir. Ich könnte bei allem, was ich tue liebevoll und sympathisch sein und diese Art zu sein würde meinem Leben sicherlich eine vollkommen neue Qualität geben.

Das kann ich sogar jetzt bereits deutlich spüren. Der Gedanke liebevoll und sympathisch mit mir und anderen Menschen zu sein, wandelt dieses Gefühl von Anspannung, das ich eben gerade noch hatte, in ein Gefühl von Ruhe, Frieden, Entspannung und Wärme.

Das fühlt sich wirklich auf sehr angenehme Art ganz anders an!

7. Schwach sein dürfen

24.02.15, 4.50 Uhr morgens, Bad Vilbel, bei mir in meinem Apartment

Ich habe eine Eigenschaft, die mir mein Leben schwerer macht und die mich sicherlich auch einiges an Energie und Wirksamkeit bei meinem Handeln kostet. Und am Ende kostet sie mich wahrscheinlich auch noch Erfolg bei meiner Arbeit und in meinem Leben.

Die Eigenschaft, die ich meine, ist, dass ich das Ungewisse, die Ungewissheit nicht gut aushalten kann. Das heißt, ich will sofort Klarheit in unklaren Situationen. Ich will sofort eine Lösung, wenn da ein Problem ist. Ich will sofort die Lösung und damit auch wieder die Sicherheit und wahrscheinlich auch die Kontrolle über die Situation. Und ich will ganz schnell nach Außen etwas vorzeigen können, etwas Fertiges und Gutes. Wahrscheinlich will ich damit gut vor den anderen dastehen und gut aussehen.

Und zu diesem Bedürfnis von mir, bei anderen einen guten Eindruck zu machen, also „stark“ zu wirken, passt sehr gut ein Text aus dem Buch „Kraft zum Loslassen“ von Melody Beattie, den ich gestern gerade gelesen habe: in diesem Text geht es darum, dass es erlaubt ist, Schwäche zu zeigen, schwach zu sein und trotzdem oder gerade deswegen vollwertig und stark zu sein. Das heißt also, nicht fertig, nicht perfekt, nicht gutaussehend, nicht der strahlende Sieger sein zu müssen, um in Ordnung zu sein und um anderen Menschen zu gefallen und von ihnen angenommen zu werden. Von den Eltern, den Geschwistern, den Partnern und der Partnerin, Freundinnen, Freunden und Kolleginnen, Kollegen.