Online am Abgrund - Jutta Berg - E-Book

Online am Abgrund E-Book

Jutta Berg

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Beschreibung

Wenn nichts mehr geht, wenn man sich elend und verzweifelt fühlt und mit keinem reden kann, ist dieser authentische Briefwechsel atemberaubend zu lesen. Eine junge Frau erlebt hinter einer "ganz normalen" Kulisse das abgrundtiefe Dasein, sinnentleert, überlastet, einsam. Sie wendet sich in letzter Not an eine anonyme Beratung. Hier entsteht ein Briefwechsel, der zu Herzen geht und aufzeigt, welche Schritte Jule geht und was sie das kostet. Hochachtung vor Menschen, die sich öffnen in ihrem Schmerz und die wahrhaft menschliche Begegnung erfahren! Ein mutmachendes Buch.

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Seitenzahl: 285

Veröffentlichungsjahr: 2017

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Jutta Berg und Jule

Online am Abgrund

Briefwechsel in seelischer Not

 

 

 

Dieses ebook wurde erstellt bei

Inhaltsverzeichnis

Titel

1. Kapitel: Notruf im Internet-Forum

2. Kapitel: Zukunft und Veränderung

3. Kapitel: Ohne Gefühl

4. Kapitel: Erster Schritt zur Therapie

5. Kapitel: Der nächste Termin

6. Kapitel: Warten

7. Kapitel: Neue Arbeit

8. Kapitel: Kein Zurück

9. Kapitel: Was für ein Tag

10. Kapitel: Kontrolle verloren

11. Kapitel: keine Flucht

12. Kapitel: Test

13. Kapitel: lange Zeit

14. Kapitel: Stimmungen

15. Kapitel: dem Suizid näher

16. Kapitel: Gedichte

17. Kapitel: Entscheidung

18.Kapitel: Klinikstress

19.Kapitel: Erklärungsnot

20.Kapitel: Vorankommen

21.Kapitel: Hoffnung

22.Kapitel: Beziehung

23.Kapitel: Neues zum Denken

24. Kapitel: Lebendigkeit

Impressum neobooks

1. Kapitel: Notruf im Internet-Forum

Online am Abgrund

Hilferuf in seelischer Not - Ein Briefwechsel

Jule22 und Jutta Berg

158 mal geantwortet

Notruf im Internet

Am 29.12.2010 um 01:28

schrieb Jule22

Betreff: Notruf

Ich kann niemandem ins Gesicht sagen wie schlecht es mir wirklich geht,

schreiben geht halt noch ganz gut.

Hier ist meine Geschichte:

Ich fing mit ca.16 Jahren an mich zu ritzen, wenig gegessen habe ich allerdings schon sehr viel früher. Als mein Vater arbeitslos wurde und lange Zuhause war, gab es nur noch Streit. Mein älterer Bruder und mein Vater haben kein gutes Verhältnis zueinander. Mein Bruder war zu mir und meiner Schwester (älter als ich) körperlich gewalttätig (das hört sich irgendwie komisch an), er hat uns halt öfter mal geschlagen. Er selbst wurde von unserem Vater aber auch geschlagen. In dieser Zeit habe ich es Zuhause einfach nicht ausgehalten. Ich blieb länger in der Schule als eigentlich nötig und war oft bei Freunden zu Haus. In einer Lehrerin von mir habe ich eine Art Elternersatz gefunden. Sie unterrichtete mich in drei verschiedenen Fächern, dort stand ich auf ‚sehr gut’ und tat alles um positiv aufzufallen. Als ihr Mann starb, war das für mich ein Schock. Sie wäre die einzige gewesen, der ich mich mal gern anvertraut hätte. Zu Hause habe ich es als immer schlimmer empfunden - ich hatte mehrmals den Plan nachts wegzulaufen. Leider verging die Schulzeit viel zu schnell, meine Eltern waren dagegen, dass ich Abi mache.

Für meinen Beruf als Krankenschwester brauchte ich keinen höheren Abschluss. Schon im ersten Berufsschullehrjahr merkte ich, dass ich diesen Beruf nicht ausüben kann. Ich hatte auch panische Angst vor dem Psychiatrieeinsatz. Auf welche Station schicken die mich? Finden Teamgespräche statt? Komme ich in Kontakt mit Essgestörten oder Selbstverletzern? Falle ich da auf? Alles Fragen, die mich wochenlang quälten, bis ich meine Mutter anrief und sie bat, von ihrer Arbeit nach Hause zu kommen. Ich sagte ihr, ich könne nicht zum Spätdienst gehen, ich kann das alles nicht mehr und ich habe ihr auch von meiner Selbstverletzung erzählt. Klar, sie war sicher geschockt - aber ihre Reaktion verzeihe ich ihr bis heute nicht. Sie weinte zwar und sagte, ich solle damit aufhören, aber die Ausbildung muss ich schon zu Ende machen und dann kann man ja weiter sehen... bla bla. Merkte sie nicht, dass ich am Ende war? Ich dachte das erste Mal an Suizid. Dann musste ich auch noch in der Schule einen Vortrag darüber halten - ich schwitzte mir vor der Klasse einen ab und fragte mich, warum ausgerechnet ich dieses Thema "Selbsttötung" abbekam? Ich war 10 Wochen lang im Unterricht mit psychischen Erkrankungen bombardiert worden, habe mich 5 Wochen auf der Gerontopsychiatrie gequält, obwohl ich doch wusste - du kannst in diesem Beruf nicht arbeiten!

Meine Mutter hat nie wieder nach meinem Ritzen gefragt. Ich machte natürlich weiter. Sogar auf dem Personalklo - ich konnte echt nicht mehr, habe kaum mehr was gegessen. Hat keiner mitbekommen. Endlich, die 3 Jahre Lehre waren vorbei - eine Chance in Bayern, über 100 Km von zu Hause entfernt suchte man nach Krankenpflegern. Für eine weitere Ausbildung hatte ich weder Kraft noch Lust. Wo mein Vater eh nur an die guten Zukunftsperspektiven und das gute Gehalt dachte und es in seinen Augen unvorstellbar gewesen wäre, wenn ich den Beruf hinschmeiße. Also bin ich zu Hause ausgezogen, in die Berge. Es war nicht leicht allein und das Wetter und die Arbeit sowieso. Aber ich fühlte mich frei - ich habe nicht mehr geritzt. Ganze 13 Monate blieb ich frei von SvV.

Bis ich hörte, dass es meinem Opa sehr schlecht ging - er hatte Krebs, meine Mutter war verzweifelt. Meine Schwester hat einige Wochen später ein Geschwür in der Brust bemerkt - Krebs? Panik! Ich also wieder zurück, nach Berlin. Wollte doch für meine Familie da sein. Ich habe dann in einem Altenpflegeheim Arbeit gefunden, wo ich auch jetzt noch arbeite, aber nur noch einen Monat. Die Altenpflege ist anstrengender als die Krankenpflege - dieses Jahr war absolut kein gutes Jahr für mich. Habe wieder mit dem Ritzen angefangen und esse sehr unregelmäßig - denke wieder an Suizid. Nächstes Jahr fange ich dann wieder in einer Klinik an zu arbeiten - brauche einfach wieder einen Wechsel, der hoffentlich besser ausgeht (aber ehrlich gesagt, denke ich nicht mehr an eine gute Wende). Ich habe Angst vor diesem, erneuten Neueinstieg in einem neuen Team.

Was soll ich mit diesen vielen Narben am Arm machen? Noch kann ich sie gut unter einem Pullover oder einer Strickjacke verstecken - aber im Sommer? Ich fange nun an mir Hilfe im Internet zu suchen, war auch schon einmal in einer Beratungsstelle. Dort wurde gesagt, dass ich die Arbeitsstelle dringend wechseln sollte und eigentlich bin ich auch recht positiv aus diesem Gespräch gegangen - nun denke ich schon es war zu positiv. Denn soo einfach, wie es sich im Gespräch gemacht hat, ist das im wahren Leben eben nicht. Nun habe ich keine Motivation noch einmal da hin zu fahren, habe einen zweiten Termin abgesagt und auch gesagt, dass kein weiteres Gespräch nötig sein wird. Trau mich gar nicht noch mal da aufzutauchen.

Da ich lange Zeit weit weg gewohnt habe und ich auch nicht gut für den Erhalt von Freundschaften gesorgt habe, habe ich nun Niemanden, dem ich mich anvertrauen kann. Jetzt wünsche ich mir so sehr Jemanden, der mich begleitet und mir Anschub gibt. Ich habe einfach keinerlei Hoffnung mehr mein Leben so zu verändern, dass es mir wieder Spaß machen könnte. Stattdessen verbiege ich mich, um in dieses Dahinleben zu passen und Allen gerecht zu werden. Mein Ritzen hat extrem zugenommen in den letzten 2 Monaten und der Grund muss nicht einmal sehr bewegend sein, um tiefe Wunden entstehen zu lassen. Es kommt mir schon vor wie eine Sucht, die ich manchmal brauche um besser einschlafen zu können oder den Arbeitstag zu überstehen. So, nun bin ich erstmal KO und Sie, wer auch immer das lesen wird, sicher auch bei so viel Text.

Wenn mich jetzt mein Gegenüber wieder fragen würde: "Wie kann denn die Hilfe aussehen, die du brauchst?" Ganz ehrlich, ich habe keine Ahnung was mir helfen könnte. Zur Zeit versuche ich einfach so wenig wie möglich zu ritzen und ab und zu auch was zu essen. Aber ich weiß, so kann das nicht mehr lange weiter gehen. Suizid? - wird mir schwer fallen. Aber nur weil ich mich vor Gott schon genug schäme, für das, was ich meinem Körper antue. Ich bin katholisch erzogen und fühle mich auch nicht gut bei dem, was ich mit meinem Leben anstelle. Manchmal bete ich und hoffe, dass alles bald vorbei sein wird - egal wie. Danke fürs Lesen und die Möglichkeit, auf diesem Wege eine Rückmeldung und Beratung zu erhalten.

Jule

Am 01.01.2011 um 18:20

schrieb: Jutta

Betreff: Re: Notruf zum Thema Selbstverletzung

Liebe Jule, ich heiße Jutta und war von Deiner Ausdrucksweise angesprochen, so dass ich mir vorstellen kann, dass unser Kontakt etwas Gutes bringt. Erstmal alle Achtung, dass Du den Beruf trotzdem gelernt hast und auch ausübst, obwohl es Dir so schwer fällt. Die einzige Zeit, in der Du nicht geritzt hast, war ja die Zeit weit weg von zu Hause. Meinst Du durch Distanz zu Deiner Familie würdest Du mehr Ruhe haben? Mehr Frieden?

"Ich kann niemandem ins Gesicht sagen wie schlecht es mir wirklich geht, schreiben geht halt noch ganz gut." Warum ist das so? Was ist daran so schlimm, jemand zu sagen, wie es Dir geht? Wer wäre denn da, um es zu hören? Und wie würde der nach dem Schreck reagieren? Hat Deine Schwester wirklich Krebs? Was machst Du in Deiner Freizeit? Berlin hat doch so tolle Möglichkeiten.

Du hast scheinbar ein Gottesbild, das einem strafenden Gott gleichkommt, der ständig aufpasst, ob wir was falsch machen. Man überträgt halt oft die Erfahrungen mit dem eigenen Vater auf Gott. Ich glaube an einen liebenden, gütigen Gott, der uns das Leben und seine Liebe schenkt. Wie denkst Du darüber? Hast Du Kontakte zu Christen? Kennst Du z.B. Taizé?

Viele Fragen fürs erste Mal, ich hoffe, ich habe Dich nicht erschreckt! Liebe Grüße, Jutta

Am 01.01.2011 um 21:50

schrieb: Jule22

Betreff: gute Fragen

Hallo Jutta, puh- so viele Fragen. Das Geschwür meiner Schwester ist bisher noch gutartig und wird nur weiter beobachtet, die Angst bleibt trotzdem. Wegen ihr bin ich auch wieder nach Berlin gezogen. Sie ist bis jetzt noch der wichtigste Mensch in meinem Leben und ich hatte mit ihr auch viel Kontakt, als ich noch in Bayern war. Sie hat mir dann immer erzählt wie schlimm es für sie ist, wenn sich unsere Eltern wieder in den Haaren haben, oder unser Bruder mit dem Vater. Ich habe mir in der Zeit echt Sorgen um sie gemacht, wo ich doch weiß,wie es Zuhause ab geht. Eine SMS von ihr hat mich sehr verunsichert, wörtlich entnommen: "Die Feier war mit Papa doch ziemlich anstrengend. Besonders vorher und danach gab es einige Zusammenstöße. Papa dreht immer mehr frei. Wird Zeit, dass ich hier rauskomme!" Ich hatte immer das Gefühl, dass ich geflohen bin, aber meine Schwester allein gelassen habe mit den Problemen Zuhause.

So, nun mal zu den anderen Fragen. "Meinst Du durch Distanz zu Deiner Familie würdest Du mehr Ruhe haben?" Ja, das Verhältnis unter meinen Eltern und mir war in der Zeit viel besser. Einmal die Woche telefonieren hat ausgereicht, um sich auszutauschen. Wenn ich im Urlaub mal ein paar Tage zu Hause war, wollte ich schon bald wieder in meine eigenen 4 Wände. Am Anfang war es schwer mich von meiner Schwester zu trennen, haben wir doch seit meiner Geburt ein Zimmer geteilt und nie allein geschlafen. "Mehr Frieden?" Ja, ich musste nicht ständig die Konflikte meiner Eltern mit anhören und war nicht meinem Bruder, der mich und meine Schwester früher schlug oder bedrohte, ausgeliefert. Überhaupt stehe ich nicht in engem Kontakt zu meinem Bruder. Er aber will mich immer umarmen, wenn ich jetzt mal komme. Er hat sich ja auch etwas geändert, aber ich kann nicht vergessen was er damals tat. Ich weise ihn dann immer zurück und er scheint gar nicht zu verstehen warum.Ich mag auch so keinen körperlichen Kontakt zu jemand anderen. Das Händeschütteln zur Begrüßung ist für mich schon Überwindung - muss aber halt manchmal sein.

"Ich kann niemandem ins Gesicht sagen, wie schlecht es mir wirklich geht, schreiben geht halt noch ganz gut." Warum ist das so? Gute Frage! Ich schäme mich vielleicht meine Schwäche zu zeigen, habe Angst andere unruhig zu machen. Aber auch wenn mich meine Eltern fragen wie es mir geht, sage ich immer, es geht mir gut. Seit ich meiner Mutter einmal gesagt habe wie schlecht es mit geht und es ja doch keine Hilfe darauf gab, finde ich es auch unnötig meine Eltern über meine Gefühle in Kenntnis zu setzen. Außerdem bin ich jetzt alt genug, um selbst mit meinen Problemen fertig zu werden. Mein Vater ist ganz stolz auf mich (wo ich doch die Jüngste bin), dass ich mein Leben schon allein finanziere, so sicher in den Bergen Auto fahre und alles, auf was ein Papa halt so stolz sein kann.

Ich habe Angst vor der Reaktion meiner Eltern, wenn sich ihr doch allzu perfektes Kind, als das 3. Sorgenkind outet. Die Reaktion von Fremden, wie z.B. in der Beratungsstelle, kann ich da schlecht einschätzen. Aber damit man mich nicht für total krank hält, habe ich dort auch nichts von Suizidgedanken gesagt. Und dir sage ich davon jetzt auch nur was, weil ich weiß, dass du mich nicht siehst, nicht anfassen kannst oder mich gar in eine Klinik schicken. Ja, ich glaube, ich habe Angst davor, dass jemand mein Leben komplett auf den Kopf stellen könnte. Dass alles, was ich jetzt noch im Anschein habe, auch noch weg bricht und ich ganz neu in ein anderes Leben starten muss. Außerdem siehst du jetzt nicht wie mein Herz rast, wenn ich das hier schreibe oder wie mein Gesicht aussieht. Die Frage hat es in sich, also die nächste erstmal: "Wer wäre denn da, um es zu hören?" Niemand! Jeder hat genug eigene Probleme. Und den Kontakt zu Freunden hab ich verloren. Meine Familie ist zwar groß, aber ein vertrauter Kontakt herrscht schon lange nicht mehr. Meine Mutter hat mir auch verboten, mit meiner Oma über schwierige Situationen zu sprechen, z.B. als ich Probleme auf Arbeit hatte oder ein Vorstellungsgespräch nicht gut war. Sonst verstehe ich mich mit meiner Oma echt gut, wir sagen uns alles, aber meine Mutter möchte sie nicht zu sehr belasten, wo doch Opa Krebs hat. Um Andere zu schonen muss ich halt meinen Mund halten und bin nun schon soweit, mir von Fremden Hilfe zu suchen. "Und wie würde der nach dem Schreck reagieren?" Das trifft dann wohl nicht zu. "Was machst Du in Deiner Freizeit?" Ich singe im Kirchenchor, wenn es die Arbeit halt zulässt. Habe in Bayern mit dem Reiten angefangen - leider ist hier in der Nähe kein guter Reiterhof. Mache öfter mal was mit Ton und bastele auch sonst gern rum. Im Handwerk liegt halt mein Interesse und auch so ein bißchen in der Kunst. Durch die Arbeit im Schichtdienst ist es schwer, feste Termine in der Woche für ein Hobby zu planen. Oft bin ich dann auch so müde, dass ich nur noch im Internet surfe oder ein Buch lese.

"Du hast scheinbar ein Gottesbild, das einem strafenden Gott gleichkommt, der ständig aufpasst, ob wir was falsch machen... Wie denkst Du darüber? Hast Du Kontakte zu Christen? Warst Du mal in Taizé? Kennst Du die Lieder aus Taizé?" Diese Fragen fasse ich jetzt mal zusammen. In meiner jungen Jugend hatten wir noch eine Jugendgruppe, die sich regelmäßig getroffen hat - das ist leider durch die geringe Nachfrage eingeschlafen und wir Älteren haben halt keine Zeit mehr. Sonst bin ich, wie gesagt, im Chor (Altersdurchschnitt eher hoch).Taizé ist mir wohl bekannt, war schon früher mit der Jugend in Taizé-Andachten oder fahre auch mal selber in den Berliner Dom, wenn dort einmal im Monat Lichtmesse ist. Da war ich sogar bis 22 Uhr geblieben, obwohl ich am nächsten Tag Frühdienst hatte, aber das gibt mir echt Kraft. Meine Beziehung zu Gott würde ich eher mit einem der Taizétexte erklären: „Bei Gott bin ich geborgen, still wie ein Kind. Bei ihm ist Trost und Heil. Ja hin zu Gott verzehrt sich meine Seele. Kehrt in Frieden ein.“ Dennoch wird Gott es nicht verzeihen, wenn sich jemand, der sich mal so an ihm festgehalten hat, das Leben selbst nimmt. Wo er es doch geschenkt hat, ich weiß nur nichts damit anzufangen.In Taizé selbst war ich leider noch nicht. Hatte durch die Ausbildung immer anders frei, als meine Freunde aus der Kirche und allein bin ich nicht gefahren. Nun, das waren wirklich viele Fragen, darum auch wieder ein so langer Text. Habe schon auf die Zeile mit "Speicherplatz voll" gewartet. Aber zum Glück hat ja alles reingepasst.Ich habe jetzt so lange an dem Text hier geschrieben, dass ich total müde bin - also positives Feedback. Das hat echt von anderen Sachen abgelenkt.

Jule

Am 02.01.2011 um 20:51

schrieb: Jutta

Betreff: Re: gute Fragen

Liebe Jule,

wenn man jemandem Probleme erzählt, die man hat, belastet man ihn dann mehr, als wenn man ihm was vorspielt? Ich bin auch Mutter und Großmutter und ich wünsche mir, dass z.B. meine Enkelin mir immer Vertrauen entgegenbringt, sonst würde ich das total doof finden. Ich will doch für sie da sein. Auch wenn ich nicht gleich eine Lösung weiß, würde mich das total freuen, dass sie sich mir anvertraut.

Mir scheint es bei Dir um das Thema 'Ablösung' zu gehen. Wie wichtig sind Deine Eltern noch für Dich? Ich sehe das z.B. als mögliches Vorbild für Deine Schwester, dass Du den Weg raus gefunden hast. Das war kein 'im Stich lassen'. Wie kann diese heilsame Ablösung weiter gehen? So etwas ist normal! Meine drei Kinder leben auch alle ihr eigenes Leben - und mir geht es gut damit!

Den Berliner Dom finde ich ja total toll! Jedes Mal, wenn ich in Berlin bin, gehe ich dort zum Gottesdienst. Das Wissen, von Gott gehalten und getragen zu werden, gibt auch meinem Leben Gelassenheit. Warte doch bitte noch mit den Suizid-Absichten, bis sich Deine Sicht auf die Welt, auf Dein eigenes Leben und Deine Gottesbeziehung etwas geklärt hat. Welche Absicht mag Gott mit Deinem Leben hier haben? Du hast ja Begabungen, Lust, Empathie u.v.m. Was könnte der Sinn Deines Lebens sein? Ich höre lieber auf zu fragen, finde die Unterhaltung mit Dir aber sehr sinnvoll.

Liebe späte Grüße, Jutta

Am 03.01.2011 um 21:49

schrieb: Jule22

Betreff: Re: Re: gute Fragen

Hi Jutta, nun habe ich mich doch noch aufgerafft zurück zu schreiben. Ich denke meine Familie ist grad nicht stabil genug, dass sie mit so einem Problem von mir (wo doch letztlich die Familie das Problem ist - jedenfalls die verschwiegene Vergangenheit) den richtigen Umgang finden könnte. Ich will auch keine weitere Zuwendung oder Sorge von ihnen für mich erfahren - will einfach nur Abstand zwischen uns. "Wie wichtig sind Deine Eltern noch für Dich?" Ich könnte gut ohne sie leben. Das hört sich jetzt hart an, aber ich empfinde kein Tochtergefühl mehr. Ich fühle mich nicht geliebt von ihnen. Genauso gut könnte ich allein in der Welt sein, ich würde keinen vermissen. Ich sehe das nicht als Ablösung von einer Familie, sondern wirklich die Flucht, die ich damals nicht ausführen konnte.

Gestern habe ich mit meiner Schwester lange telefoniert. Dabei hat sie mir gesagt, dass es ihr selbst nicht gut ginge, sie depressiv sei und sie keine Lust mehr an ihrer Arbeit hat. Da konnte ich ihr nur sagen, dass es mir genauso geht. Ich habe sie dann noch gefragt, ob sie andere Probleme hat - darauf konnte sie nicht richtig antworten, weil sie gar nicht wusste worauf ich hinaus wollte. Aber letztendlich ist das okay, sie scheint sich nichts anzutun. Habe mich dann aber nicht getraut weiter auf meine Probleme einzugehen. Morgen haben wir beide frei und sie hat sich wieder mal einen Schwesterntag gewünscht. Also gehen wir zusammen shoppen und sie probiert mal meine alte Reithose an. Sie hat nämlich gesagt, dass sie im Frühjahr gern mit mir auf dem Reiterhof (wo ich schon 2x war) Urlaub machen würde. Sie ist früher viel geritten und möchte nun auch wieder mehr Hobbys im Leben ausführen. Ich denke das ist halt ein wichtiger Ausgleich zur Arbeit, den wir beide brauchen.

Auch wenn wir wissen, dass wir unsere Berufe keine 3 Jahre mehr durchhalten würden. Ich glaube, ich schaffe nicht einmal mehr dieses eine Jahr in dem Beruf. Trotzdem, ich möchte nebenbei noch Sachen machen, die mir Spaß bringen. Wenn ich doch nur etwas mehr Zeit dafür hätte?! Seit Gestern geht es mir wieder besser, darum kann ich heute Abend noch so positiv schreiben. Geritzt habe ich mich schon den 2. Tag nicht. Aber das Essen ist noch schwer. Ich steh morgens um 4:40 Uhr auf, trink nur ne Tasse Kaffee, gehe zur Arbeit und esse bis 16 Uhr gar nichts. Oft ist es dann so, dass ich am Abend eine Hungerattacke bekomme. Wenn ich dann anfange zu essen, kann ich mich schwer stoppen.

"Warte doch einfach noch mit den Suizid-Absichten, bis sich Deine Sicht auf die Welt, auf Dein eigenes Leben und Deine Gottesbeziehung etwas geklärt hat. Welche Absicht mag Gott mit Deinem Leben hier haben?" Zur Zeit bin ich wieder raus mit den Gedanken, aber wenn so ein schlechter Tag kommt, denke ich weniger nach, dann ist eh alles egal. Ich erkenne mich ja dann fast selber nicht. Und es wird auch wieder ein Tag kommen, wo ich meine Narben nicht nachvollziehen kann. Im Moment . kann ich mit ihnen gut leben, finde sie sogar ganz nett. Aber es wird auch wieder der Tag kommen, wo ich mich frage: ´Was machst du da eigentlich mit dir, bist du ganz durchgedreht? Wie kannst du dir derart bleibende Schäden zufügen? - Dann find ich einfach keine Antwort für mein eigenes Ich.

"Was könnte der Sinn Deines Lebens sein?" Auch wenn ich grad aus den akuten Suizidgedanken raus bin, kann ich darauf keine Antwort geben. Ich habe grad wirklich ein paar Minuten nachgedacht, aber ich finde darauf keine Antwort. Wie schaffe ich das bloß nochmal mit der Beratungsstelle, wo ich war, Kontakt zu kriegen oder mich meiner Hausärztin anzuvertrauen? Habe so viel Angst vor der Reaktion anderer Leute. Wenn es mir so gut geht wie jetzt, find ich es gar nicht nötig Hilfe zu holen. Ich kann dann einfach nicht so über die negativen Gefühle in mir sprechen, als wenn sie da wären. Und wenn ich dann irgendwo auftauche mit Suizidgedanken, stecken die mich doch gleich in eine Klinik oder zu einem anderen psychologischen Dienst. Ich habe so Angst davor, was dann mit mir passiert. Überhaupt der ständige Wechsel, zwischen Depri- und Geht so- Tagen ist ziemlich anstrengend. Jetzt schau ich erstmal auf Morgen, wird sicher ein guter Tag.

Gruß Jule

Am 04.01.2011 um 23:00

schrieb: Jutta

Betreff: Re: Re: Re: gute Fragen

Liebe Jule, da ich morgen für vier Tage auf eine Konferenz reise, will ich Dir noch schnell antworten, auch wenn Du eigentlich eine längere Antwort verdient hättest. Du bist ja ziemlich gelöst von Deinem Elternhaus, wenn auch wahrscheinlich Enttäuschung und Leere ein zurückbleibendes Gefühl sind. Die Erfahrung, dass Deine Eltern sich nicht kümmern um Deine Kümmernisse, überträgst Du auf potentielle Berater. Die werden aber wahrscheinlich ganz anders reagieren, nämlich offen, wertschätzend und kompetent. Ich möchte Dich sehr ermutigen, jemand aufzusuchen und von Dir zu erzählen. Zusammen mit Deiner Schwester stehst Du an einer Weiche, die gestellt werden will. Ihr könntet gut Euer eigenes Leben beginnen. Habt Ihr das Recht, zu arbeiten um zu leben? Oder müsst Ihr leben um zu arbeiten? Was sind Deine Werte? Ich lese zwischen den Zeilen immer wieder, dass Du Interesse an verschiedenen Dingen hast. Das ist doch toll! Du reflektierst Dein Verhalten, toll! Du musst nicht ewig Krankenschwester bleiben, wie könntest Du Dich weiter bilden, bzw. welche Richtung würdest Du gern einschlagen? Wichtig ist letztlich, 'JA' zu sich selber zu sagen, momentan, zur Vergangenheit und zu den Möglichkeiten der Zukunft. Wenn Du Lust hast, schreib mir weiter. Ich hoffe, dass Dein Shopping-Schwester-Tag schön war!

Bis später, Jutta

2. Kapitel: Zukunft und Veränderung

Am 05.01.2011 um 20:14

schrieb: Jule22

Betreff: Zukunft und Veränderung

Hallo Jutta, ich bin immer noch auf der Suche nach meinem eigenen Leben, bzw. ich weiß nicht wie ich meine Wünsche in die Realität umsetzen kann. Zur Zeit denke ich eher, ich lebe um zu arbeiten, denn meine Kräfte werden in der Arbeit wirklich ausgeschöpft. Und ich muss ja auch alles auf Arbeit geben, damit mir keine Fehler passieren. Ich versuche für die Anderen, so gut wie ich kann, da zu sein. Und durch den Glauben, werde ich dazu noch mehr angetrieben. Wir sollen uns doch für die anderen einsetzen, ohne an uns zu denken. Wenn ich mal nicht 100% geben kann plagt mich das Gewissen, nicht genug für andere gesorgt zu haben. Überhaupt fällt mir der Umgang mit meinen Bewohnern und Patienten zunehmend schwerer. Vor allem gegenüber den Schrei-Bewohnern und Dementen werde ich immer lauter und fordernder. Durch den Zeitmangel ziehe ich, vielleicht auch mal einen Bettlägerigen etwas lieblos auf die andere Seite oder führe nur eine Ruck-Zuck-Wäsche durch, damit ich fertig werde. Ich hasse mich selbst dafür, dass ich so gefühlskalt geworden bin, was ich ja nie wollte. Meine Kollegen haben gar kein schlechtes Gewissen, wenn sie mal was nicht geschafft haben. Aber ich werfe mir das ewig vor und überleg noch zu Hause, ob ich auch nichts vergessen habe. Warum schaffe nur ich das nicht, mit meinem Gewissen klar zu kommen? Die Andern kümmern sich doch auch nicht drum, wenn ein Bewohner mal eine Tablette nicht bekommen hat. Darüber habe ich mal mit einer Kollegin gesprochen, als ich beim Tabletten austeilen war.

Klar würde ich lieber arbeiten um zu leben. Ich hätte kein Problem mich etwas einzuschränken, aber dafür ein glücklicheres Leben zu führen. Ich würde gern einen Handwerksberuf oder Kunsthandwerk erlernen. Aber was soll ich mit einer neuen Ausbildung, wenn ich hinterher keine Chance auf Übernahme habe? Wie kann ich mit weniger Geld eine Wohnung finanzieren? Die Gedanken daran machen mir eine getrübte Stimmung. Ich denke einfach, ich schaff das nicht noch einmal, eine Ausbildung und das dann auch noch meinen Eltern erklären. Nein, da rücken meine Wünsche in den Hintergrund. Da ist es einfacher in diesem Beruf zu bleiben und zu hoffen, dass es doch irgendwann besser wird, oder ich noch einen guten Arbeitgeber finde. Meine Schwester hat den Wunsch geäußert Musik zu studieren. Derzeit arbeitet sie noch in einer Oralchirurgie. Diese Ausbildung hat sie nur gemacht, weil unsere Mutter jemanden in der Praxis kannte. Dabei war meine Schwester schon immer eher im musischen Bereich begeistert. Ich weiß nicht, irgendwie wurden wir in diese medizinische Schiene gestellt ohne gefragt zu werden, ob es noch was anderes gibt.

Irgendwie strengt mich das Schreiben heute sehr an. Vielleicht will ich auch gar nicht in die Zukunft blicken, bin grad einfach zu negativ darauf gestimmt. Habe auch noch weitere Sorgen heute. Am Mittag habe ich mit einer Forumbekannten gechattet. Sie hat starke Suizidgedanken und möchte das an ihrem Geburtstag vollenden. Das wäre schon im Januar.Ich habe echt Angst um sie und habe mit ihr 3 Stunden gechattet. Aber was kann ich da schon gegen reden? Sie ist in Therapie, ich nicht und das weiß sie. Wie kann ich sie da ermuntern weiter an sich zu arbeiten?! Außerdem habe ich auch schon solche Gedanken gehabt. Nur, dass ich noch nicht so einen Plan hatte, sie hat ihn mir wirklich glaubwürdig gemacht. Sie hat mir sehr geholfen, als ich wieder in mein SvV zurückfiel. Aber jetzt kann ich ihr so wenig helfen, dabei ist sie mir so sehr ans Herz gewachsen. Warum mache ich mir überhaupt so einen Kopf um andere, wenn ich doch selbst manchmal die Nase voll habe vom Leben? Wie kann man, in so einer Situation, die richtigen Worte finden? Mich hat heute sehr viel beschäftigt und ich denke manchmal, ich denk schon zu viel nach. Umso länger ich mich mit meiner Zukunft beschäftige, umso schlechter wird meine Stimmung. Ich muss jetzt Schluss machen für Heute.

lg Jule

Am 07.01.2011 um 11:09

schrieb: Jule22

Betreff: Alles ist gut

Hallo Jutta, du sagtest ja ich kann ruhig weiter schreiben. Auch wenn du nicht gleich antworten kannst, möchte ich dir mitteilen, wie es mir grad geht. Seit Gestern geht es mir überraschend gut. Heute auch und ich denke schon, wie kann es mir eigentlich so gut gehen? Gedanken um die Zukunft mache ich mir zwar immer noch, aber die sind mir eigentlich nicht mehr so wichtig. Seit ich mit meiner Schwester, über die Situation zu Hause geredet habe, geht’s mir irgendwie besser. Meine Schwester kann ganz gut mit unserer Mutter über ihre Probleme reden, sagt sie. Ich kann das aber halt nicht mehr. Jetzt versuchen wir uns gegenseitig Mut zu machen, unsere Zukunft mehr selbstbestimmend zu gestalten. Ich habe auch schon nach neuen Ausbildungsangeboten geschaut - leider war noch nicht was Passendes dabei, aber ich werde jetzt öfter mal suchen. Wie ich meiner Familie, das mit meinem SvV, erklären soll weiß ich auch noch nicht. Meiner Schwester konnte ich das auch noch nicht sagen. An solchen Tagen wie Gestern und Heute bin ich mir sicher, dass ich da auch ohne Therapie wieder raus komme. Wären jetzt nur nicht die Narben am Arm, dann wäre schon alles vergessen. Das ist so das Einzige, was mich noch ein bisschen depri stimmt. Wie kann ich das annehmen, was ich mir da zugefügt habe? Und wie lange wird es mir noch so gut gehen?

Jule

Am 07.01.2011 um 12:42

schrieb: Jutta

Betreff: Re: Alles ist gut

Liebe Jule, Deine Mails habe ich gerade gelesen - danke - da ich aber auf einer Konferenz bin und volles Programm habe, antworte ich Dir erst Sonntagabend ausführlicher. Schön, dass es Dir zuletzt so gut ging. Das Thema meiner Konferenz lautet: Scham! Da kann ich sicher mit Dir etwas teilen, bezüglich der Narben usw.

Also, erst mal liebe Grüße Jutta

Am 07.01.2011 um 23:32

schrieb: Jule22

Betreff: Re: Re: Alles ist gut

Danke für diese Zwischenmail, wahrscheinlich auch noch während der Mittagspause ;) Hoffe die Schulung macht Spaß und es ist eine unterhaltsame Gruppe. Heute habe ich wieder einen Tag ohne SvV hinter mir. Allerdings fällt es mir noch schwer, nicht an den vorhandenen Narben und Wunden rumzukratzen und zu pulen. Aber es kommen immerhin keine neuen dazu, das ist ja schon mal ein Fortschritt. Ich habe das Wochenende komplett frei und habe mir einiges vorgenommen. Bin in der Hoffnung, dass es jetzt erstmal so bleibt. Obwohl mich dieses Gefühl auch irgendwie anstrengt, so ohne Selbstzweifel und ohne Sv. Irgendwie habe ich das Gefühl, dass auch was fehlt, was sonst erstmal zu einem normalen Tag von mir gehörte. Ist schwer zu beschreiben.

Dann bis Sonntag - Jule

Am 09.01.2011 um 19:58

schrieb: Jutta

Betreff: Re: Zukunft und Veränderung

Liebe Jule!

"Ich versuche für die Anderen, so gut wie ich kann, da zu sein. Und durch den Glauben, werde ich dazu noch mehr angetrieben. Wir sollen uns doch für die anderen einsetzen, ohne an uns zu denken. Wenn ich mal nicht 100% geben kann plagt mich das Gewissen, nicht genug für andere gesorgt zu haben. " Dazu kann ich nur sagen: Liebe Deinen Nächsten wie Dich selbst! Jule! Du machst Deine Arbeit, um Geld zu verdienen. Das ist okay. Du musst nicht perfekt sein. Aber Du musst lernen, Dich selbst zu lieben. Wie? Wenn man in jemanden verliebt ist, erscheint der einem in einem besonderen Licht, irgendwie bezaubernd. Gott liebt seine Geschöpfe auch und ist begeistert von uns. Das glaube ich! Und deswegen können wir uns auch in einem besonderen Licht anschauen und sagen: Okay, so bin ich und so bin ich gut. Alles, was mir schwer fällt, was mich traurig und wütend macht, hat einen Grund und ich akzeptiere mich so wie ich geworden bin. Und ab heute versuche ich, einfach ich selbst zu sein, ganz egal welche Normen gelten. Ich lebe mein Leben - Gott hilft mir - und ich weiß, dass nach schwierigen Zeiten die Sonne wieder scheinen wird. Auf der Konferenz habe ich Menschen getroffen, die eben nach schwierigen Zeiten gemerkt haben, welche Kräfte ihnen wachsen, wie sie stark werden durch die Schwierigkeiten.

Vielleicht kannst Du Deine Freundin fragen, welche Gefühle sie gut verstehen kann, was sie damit Sinnvolles anfangen könnte. Die Welt ist so oberflächlich und braucht dringend Menschen mit Tiefgang. Sensible Menschen. Liebende Menschen. Aber man muss bei sich selber anfangen - und es kann total schön sein, 'Ja' zu sich zu sagen und sich gut zu sein. Hast Du Zeit und Lust zum Lesen? Vielleicht kommen für Deine Schwester und Dich noch später interessantere Tätigkeiten in Frage. Ihr seid noch jung und vieles kann noch werden! Bleib dran! Ich war als junge Frau auch oft unglücklich und heute bin ich selber gut mit mir und viele Wünsche kann ich mir erfüllen. Außerdem weiß ich, dass ich für viele Menschen ein Segen bin.

Juchhu! Jutta

Am 09.01.2011 um 23:20

schrieb: Jule22

Betreff: Re: Re: Zukunft und Veränderung

Hallo Jutta, da es mir heute Abend nicht mehr ganz so gut geht, kann ich vielleicht nicht ganz so positiv sein. Gebe mir aber alle Mühe, deine Gedanken in meine mit einzubeziehen. Du sagst, ich soll mich selbst lieben. Das habe ich schon lang versucht umzusetzen. Da fing ich dann an mich zu schminken und meinem Spiegelbild zu sagen - so Jule, das bist du, heute siehst du wieder gut aus. Ich habe versucht mich so anzunehmen, wie ich bin. Ich muss sagen, das klappt an den meisten Tagen auch sehr gut. Die Arbeit mache ich allerdings nicht nur um Geld zu verdienen. Ich habe eine sehr hohe Verantwortung und muss mir zu jeder Zeit sicher sein, dass alle Bewohner gut versorgt sind - wenn ich da nicht perfekt bin, kann das meine staatliche Anerkennung des Berufes kosten. Und ich steh schon jeden Tag mit einem Bein im Knast - dieser Satz ist in der Pflege sehr weit verbreitet.

"Wenn man in jemanden verliebt ist, erscheint der einem in einem besonderen Licht, irgendwie bezaubernd." Leider konnte ich noch nie richtig lieben, vielleicht mal eine Schwärmerei, für eine Woche oder ich habe jemanden wirklich gern. Aber was Liebe wirklich in einem auslöst, kann ich mir nicht vorstellen. Ich glaube, ich kann gar nicht lieben.

"Vielleicht kannst Du Deine Freundin fragen, welche Gefühle sie gut verstehen kann, was sie damit Sinnvolles anfangen könnte." Sorry, dass ich diesen Satz einfach nicht verstehen will. Kannst du noch einmal schreiben was du damit meinst? Der Freundin geht es aber auch schon etwas besser. Trotzdem will sie ihre Therapie abbrechen und weiter mit ihren Suizidgedanken allein klar kommen. Dafür scheint es meiner Schwester immer schlechter zu gehen. Heute hat sie mir gesagt, dass sie sich am liebsten aus dem Fenster stürzen würde. Ich glaube zwar, dass sie das nur so nebenbei gesagt hat, aber ich bin grad so auf SvV und Suizid programmiert, dass ich gleich denke sie macht das wahr. Ich mache mir so Sorgen um meine Schwester, dass sie denselben Weg einschlägt, wie ich schon vor Jahren.