Only with You - Du bist mein größtes Glück - Geneva Lee - E-Book

Only with You - Du bist mein größtes Glück E-Book

Geneva Lee

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Beschreibung

Erst kommt die Liebe, dann die Hochzeit ... dumm nur, wenn es nie die eigene ist!

Während Cassies beste Freundinnen am College ihre perfekten Prinzen getroffen haben, hat Cassie nur reihenweise Frösche geküsst. In Seattle soll alles anders werden. Cassie hat den begehrtesten Praktikumsplatz der Stadt an Land gezogen, aber der hat es in sich: Am ersten Tag trifft sie nicht nur auf ihren jungen, gut aussehenden Chef, sie muss auch feststellen, dass sie nicht die Einzige ist, die für das Praktikum mit Aussicht auf einen festen Job eingestellt wurde. Ihr Konkurrent um die Stelle ist ebenso wie Cassie jung, ehrgeizig, kreativ ... und ausgerechnet ihr Exfreund.

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Seitenzahl: 365

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BUCH

Während Cassies beste Freundinnen am College ihre perfekten Prinzen getroffen haben, hat Cassie nur reihenweise Frösche geküsst. In Seattle soll alles anders werden. Cassie hat den begehrtesten Praktikumsplatz der Stadt an Land gezogen, aber der hat es in sich: Am ersten Tag trifft sie nicht nur auf ihren jungen, gut aussehenden Chef, sie muss auch feststellen, dass sie nicht die Einzige ist, die für das Praktikum mit Aussicht auf einen festen Job eingestellt wurde. Ihr Konkurrent um die Stelle ist ebenso wie ­Cassie jung, ehrgeizig, kreativ … und ausgerechnet ihr Exfreund.

AUTORIN

Geneva Lee ist eine hoffnungslose Romantikerin und liebt Geschichten mit starken, gefährlichen Helden. Mit der »Royals«-Saga, der Liebesgeschichte zwischen dem englischen Kronprinzen Alexander und der bürgerlichen Clara, traf sie mitten ins Herz der Leserinnen und eroberte die internationalen Bestsellerlisten im Sturm. Geneva Lee lebt zusammen mit ihrer Familie im Mittleren Westen der USA.

GENEVA LEE IST ONLINE ZU FINDEN UNTER:

www.genevalee.com, www.facebook.com/genevaleeauthor, www.instagram.com/realgenevalee/

VON GENEVA LEE BEREITS ERSCHIENEN

Secret Sins – Stärker als das Schicksal

DIE ROYALS-SAGA

Royal Passion (01) • Royal Desire (02) • Royal Love (03) • Royal Dream (04) • Royal Kiss (05) • Royal Forever (06) • Royal Destiny (07)

DIE LOVE-VEGAS-TRILOGIE

Game of Hearts (01) • Game of Passion (02) • Game of Destiny (03)

DIE GIRLS-IN-LOVE-REIHE

Now and Forever – Weil ich dich liebe (01) • With or Without You – Mein Herz gehört dir (02) • Only with You – Du bist mein größtes Glück (03)

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GENEVA LEE

Roman

Deutsch von Michelle Gyo

Die Originalausgabe erschien 2018 unter dem Tite l »Reaching Gavin« bei Ivy Estate, Louisville.

Der Inhalt dieses E-Books ist urheberrechtlich geschützt und enthält technische Sicherungsmaßnahmen gegen unbefugte Nutzung. Die Entfernung dieser Sicherung sowie die Nutzung durch unbefugte Verarbeitung, Vervielfältigung, Verbreitung oder öffentliche Zugänglichmachung, insbesondere in elektronischer Form, ist untersagt und kann straf- und zivilrechtliche Sanktionen nach sich ziehen.

Sollte diese Publikation Links auf Webseiten Dritter enthalten, so übernehmen wir für deren Inhalte keine Haftung, da wir uns diese nicht zu eigen machen, sondern lediglich auf deren Stand zum Zeitpunkt der Erstveröffentlichung verweisen. Dieses Buch ist auch als E-Book erhältlich.Copyright der Originalausgabe © 2018 by Geneva Lee

Copyright der deutschsprachigen Ausgabe © 2019 by Blanvalet Verlag in der Penguin Random House Verlagsgruppe GmbH, Neumarkter Str. 28, 81673 München

Redaktion: Susann Rehlein

Umschlaggestaltung: © Johannes Wiebel | punchdesign, unter Verwendung von Motiven von Shutterstock.com (kiuikson; MSNTY)

JaB · Herstellung: sam

Satz: Uhl + Massopust, Aalen

ISBN 978-3-641-23627-4V003

www.blanvalet.de

Kapitel 1

Seattle, Washington, war ein regelrechtes Minenfeld aus Exfreunden. Man kam um die Ecke. Aus einem Gebäude. Holte sich nur kurz etwas zu essen. Und … hallo!

Der erste Tag meines Praktikums war noch nicht vorbei, und drei hatten mir bereits gegenübergestanden. Mein Tag hatte damit begonnen, dass ich in Luka reingerannt war, aka Mr. Erstes Studienjahr, als ich versuchte, den Parkplatz zu bezahlen. Die Maschine nahm meine Karte nicht an, so als wäre es nicht schon übel genug, fünfundzwanzig Dollar für das Privileg löhnen zu müssen, mein Auto in diesem Parkhaus stehen lassen zu dürfen. Der Kerl hinter mir hatte sich immer wieder geräuspert, bis ich schließlich die Beherrschung verlor und mich zu ihm umdrehte. »Brauchst du vielleicht ein Hustenbonbon, Blö …«

Mir verschlug es die Sprache, als ich diese mir so vertrauten blauen Augen erblickte. Vor ein paar Jahren hatte ich mich lange genug in sie versenkt, um noch jeden Fleck in der Iris in Erinnerung zu haben. Hätte ich mir nur mal die Mühe gemacht, ein wenig tiefer zu blicken … Das war aber auch wirklich schwer gewesen, in Anbetracht dessen, dass er wirklich überdurchschnittlich heiß war. Ich war auf sein unbändiges Haar und den kantigen Kiefer reingefallen. Und dass er zwei Stunden pro Tag im Fitnessstudio verbrachte, schadete auch nicht gerade. Allerdings hätte es mir vermutlich den Hinweis liefern können, dass er ein Narzisst erster Klasse war.

»Cassie?« Er klang so überrascht, wie ich mich fühlte, und das versetzte meinem Selbstbewusstsein einen bitter nötigen Schubs. Vielleicht hatte er nicht damit gerechnet, jemandem über den Weg zu laufen, den er kannte, oder vielleicht – nur vielleicht – hatte ich mich auch von der Neunzehnjährigen, die er gekannt hatte, ganz ordentlich weiterentwickelt. Die Yogahose und die Uggs hatte ich gegen Jimmy Choos und Bleistiftrock eingetauscht. Ich war kein Mädchen mehr.

»Der Automat ist kaputt.« Das war die einzige Erklärung. Ich hatte fünf Minuten lang versucht, ihn davon zu überzeugen, mein Geld anzunehmen.

»Lass es mich versuchen.« Lukas Lippen verzogen sich zu dem arroganten Lächeln, das ich einmal so charmant gefunden hatte. Damals hatte es ihm bei mir freien Eintritt verschafft. Jetzt musste ich mich beherrschen, ihm nicht eine runterzuhauen. Schnallte er meinen neuen Status als knallharte Bitch nicht? Ganz offensichtlich nicht, denn er schnappte mir meine Visakarte aus der Hand. Er trat vor, wandte sich zu dem Automaten um und zog sie durch. Die Zahlung erfolgte augenblicklich.

Das Leben musste für die wirklich dummen Typen echt einfacher sein. Die merkten es vermutlich nicht mal, wenn sie etwas echt Idiotisches machten. Mir war es leider nur zu bewusst, weshalb ich eine Reihe Flüche ausstieß, die jeden Matrosen zum Erröten gebracht hätten. Er gab mir die Karte zurück. Mein Parkplatz war gesichert, aber meine Würde war ein Trümmerhaufen.

»Danke.« Ich schob die Karte in meine Handtasche und mied Augenkontakt. Warum hatte kein Unbekannter hinter mir stehen können? Eine Fußballmutti oder ein schrumpeliger alter Manager? Jemand, dem nicht aufgefallen wäre, dass ich keine Ahnung hatte, wie man diesen Auto­maten benutzte.

»Was machst du hier?«, fragte er, tippte die Nummer seines Parkplatzes ein und bezahlte.

»Praktikum«, brachte ich hervor und spähte Richtung Ausgang. »Muss jetzt auch los, sonst komme ich zu spät.«

Er steckte den Beleg ein. Dann wandte er sich zu mir um, und sein Blick schweifte über meinen Körper und bedachte dabei meine Brust mit besonderer Aufmerksamkeit. »Wir sollten mal was unternehmen. Himmel, du hast dich kein bisschen verändert.«

Ich konnte mich nicht zurückhalten. Falls Luka glaubte, dass ich mich nicht verändert hatte, dann hatte er sich aber gehörig geirrt. »Meinst du mich oder meine Titten?«, fauchte ich. »Du bist derjenige, der sich nicht verändert hat.« Ich wartete nicht ab, ob ich das selbstzufriedene Grinsen von seinem Gesicht gewischt hatte, sondern verließ das Parkhaus.

Ja, ich hatte noch den gleichen Körper – dank fünf Stunden pro Woche im Fitnessstudio. Aber mich mit meinen Brüsten gleichzustellen, war genau der Grund, aus dem meine Beziehung zu Luka nicht funktioniert hatte. Seine Aufmerksamkeit reichte nicht über den Sex hinaus. Ich hatte eine echte Bindung gewollt, aber er konnte mir nur Orgasmen bieten. Das war eine Weile lang genug gewesen. Als dann der Blick, der über meinen Körper zu wandern pflegte, in andere Richtungen abgeschweift war, hatte ich ihn in die Wüste geschickt.

Ich nahm mir vor, das nächste Mal in einem anderen – weniger gut gelegenen – Parkhaus zu parken, und setzte mein Leben fort. Das Problem mit meinem Leben war allerdings, dass es launisch war wie nichts Gutes und die Geister irgendwelcher Exfreunde darin herumspukten. Als ich das Café an der Ecke betrat, waren mir die braunen Augen des Barista nur zu vertraut. Es war Mr. Nice Guy höchstpersönlich. Zu nett, viel zu nett, der Typ. Wir waren uns begegnet, nachdem ich einige miese Entscheidungen getroffen und unter Tequila-Einfluss den Bad Boys abgeschworen hatte.

Er schrieb meinen Namen auf den Becher, bevor ich noch rückwärts wieder aus der Tür schleichen konnte.

»Geht aufs Haus!«, rief er fröhlich und begann, mir ein Getränk zuzubereiten, ohne auf meine Bestellung zu warten. Danny erinnerte sich daran, wie ich meinen Kaffee trank. Weil Danny ein grundehrlicher, guter Mensch war – und ich Dreck.

»Bist du dir da sicher?«, fragte ich und wippte auf meinen Absätzen vor und zurück. Wenn er mich bezahlen ließ, hatte ich immerhin noch etwas anderes zu tun, als in sein engelhaftes Gesicht zu blicken, das mich anstrahlte. An dieser Stelle muss ich vielleicht erwähnen, dass Danny auf diese Junge-von-nebenan-Art ultraheiß ist. Sogar in dem obligatorischen T-Shirt von Sound Coffee, das er hier tragen musste, kam sein muskulöser Oberkörper zur Geltung – den er dem Klettern, Fahrradfahren und der Arbeit als Freiwilliger im örtlichen Tierheim verdankte. Als mein Getränk fertig war, fiel ihm eine braune, dichte Haarlocke ins Gesicht. Er schob sie sich hinters Ohr. Das hatte ich bereits eine Million Mal beobachtet. Es war irgendwie beruhigend. Und genau da lag das Problem mit Danny. Er war bequem und zuverlässig. Alles, was ich geglaubt hatte zu wollen.

Egal wie sehr ich es versucht hatte – und wir waren mona­telang miteinander ausgegangen –, immer war es gewesen, als würde ich meinen Bruder küssen. Wir hatten es nicht einmal übers Fummeln hinausgeschafft. Dann hatte ich per SMS mit ihm Schluss gemacht, weil es persönlich zu sagen schlimmer gewesen wäre, als einen Welpen zu treten. Natürlich hatte er es gut aufgenommen, und der echten Fröhlichkeit nach zu urteilen, die er ausstrahlte, hatte ich keinen bleibenden Schaden angerichtet. Warum fühlte ich mich also noch so furchtbar?

»Wie geht es dir?«, fragte er, als er die Papphülle um meinen Becher schob.

»Gut.« Ich nahm das kostenlose Getränk entgegen. Immerhin war es ein großer Tag. Ein kostenloses Getränk war wie ein kleiner karmischer Glückszauber. Vielleicht war ich Danny gegenüber doch nicht so schrecklich gewesen. Vielleicht war ich kein solches Miststück. Vielleicht bekam ich die Chance, ihm zu zeigen, wie sehr ich mich verändert hatte. »Wie geht es dir?«

Vorsichtig nahm ich einen Schluck. Drei Shots Espresso, fettarme Milch und ein winziges bisschen Kakao. Es war genau so, wie ich es gern mochte.

»Prima.« Er beugte sich vor, damit wir uns über das Geschepper im Café hinweg unterhalten konnten. »Ich arbeite hier, seit mein Dad gestorben ist. Ich versuche, noch ein Jahr lang die Studiengebühr zusammenzusparen, damit meine Mom mir nicht bei einem Studentendarlehen helfen muss.«

Plötzlich schmeckte der Kaffee in meinem Mund nach Asche. »Oh mein Gott, das tut mir so leid, Danny! Das hatte ich nicht mitbekommen!«

»Ist in Ordnung.« Er tat mein Entsetzen mit einer Geste ab. »Es ist zwei Jahre her. Ich vermisse ihn, aber ich weiß, dass er auf mich aufpasst.«

Zwei Jahre? Es brauchte nicht viel geistige Rechenarbeit, um zu wissen, wo ich vor zwei Jahren gewesen war. Ich hatte gerade mit Danny Schluss gemacht, und meine besten Freundinnen und ich waren mit gefälschten Ausweisen durch die Bars gezogen. So sehr ich ihn fragen wollte, warum er es mir nicht erzählt hatte, kannte ich doch die Antwort. Warum sollte man eine Exfreundin auf dem Laufenden halten, die nicht einmal von Angesicht zu Angesicht mit einem Schluss machen konnte.

»Wir sollten uns mal treffen«, sagte ich schuldbewusst, dankte ihm noch einmal für das Getränk und ging. Ich warf es in den ersten Mülleimer, den ich sah. Dort gehörte ich auch hin. In den Müll. Jetzt musste ich mir zu einem neuen Parkhaus auch ein anderes Café suchen.

Vielleicht könnte ich Danny wiederbegegnen, wenn ich klarmachte, dass ich an nichts anderem als Freundschaft interessiert war. Dann könnten wir miteinander abhängen. Nicht, dass er nicht schon genug Freunde hatte. Er war immer der Typ gewesen, der von Kumpels umgeben war. Vermutlich, weil er der Typ war, den man für einen Umzug anrief oder wenn das Zimmer gestrichen oder der Rasen gemäht werden musste. Danny war vermutlich der netteste Kerl auf der ganzen Welt. Ich dachte immer noch darüber nach, wie ich es wiedergutmachen könnte, als ich die Lobby der NorthWest Investments zum ersten Mal betrat.

Ich hatte meine Bewerbungsgespräche am Telefon absolviert und auf dem Campus, was bedeutete, dass ich die Büros noch nicht gesehen hatte. Anhand dessen, was ich über den Laden wusste, hatte ich ein mit Arbeitskabinen vollgestopftes Studio erwartet. Die Eigentümer der Gruppe waren nicht viel älter als ich. Der CEO war nicht einmal dreißig. Trotz der Tatsache, dass sie vernachlässigte Wahrzeichen Seattles aufkauften, um sie zu restaurieren, hatte ich nicht erwartet, dass wirklich Geld hinter dem Unternehmen steckte. Alles, von den deckenhohen Fenstern zu den Marmorfußböden und den glänzenden Aufzügen, widerlegte das. Ich hatte mich darauf gefreut, meine ersten Erfahrungen in der Öffentlichkeitsarbeit bei einem Start-up-Unternehmen zu sammeln. Jetzt stand ich hier und war höchst erfreut – und nervös. Dieses Praktikum war offensichtlich eine viel größere Sache, als ich gedacht hatte. Ich erlaubte mir einen Augenblick, um alles in mich aufzunehmen. Es war kein echter Job – noch nicht. Doch so nah war ich noch nie einem gewesen.

Ich schob meine Tasche über die Schulter und ging auf den Empfang zu, dann kam ich unelegant zum Stehen, als ein Mann mir in den Weg trat. Luka über den Weg zu laufen hatte sich wie ein böses Omen angefühlt. Die Unterhaltung mit Danny hatte mich ins Schleudern gebracht. Aber der Letzte, den ich sehen wollte, am letzten Ort, an dem ich ihn sehen wollte, wartete in der Eingangshalle von NortWest Investments auf mich.

Trevor, der Fang, den ich erst kürzlich losgelassen hatte, hielt ergeben die Hände hoch. Er hatte eine ähnliche Geste gemacht, als ich ihn letztes Weihnachten mit einer anderen erwischt hatte. Für mich wäre er immer Señor Mistkerl. Mein Geist raste. Was machte er hier? War er mir gefolgt? Vielleicht war ich hier falsch. Ich sah noch einmal zur Tür und erkannte, dass ich genau da war, wo ich sein sollte. Dann setzten sich die Puzzleteile zusammen. Ich hatte mich letzten Herbst für dieses Sommerpraktikum beworben, da waren wir noch ein Paar gewesen. Wut raste durch mich hindurch, als ich erkannte, was geschehen war.

Er hatte sich für das gleiche Praktikum beworben. Ich erinnerte mich nicht daran, dass es zwei Plätze gegeben hatte, was bedeutete, dass er sich absichtlich als meine Konkurrenz aufgestellt hatte – während wir noch miteinander gegangen waren. Ich hatte geglaubt, sein Fremdgehen wäre schlimm, aber offensichtlich konnte er noch widerlicher sein und hatte das auch getan.

»Lass mich das erklären«, begann er, aber ich ging an ihm vorbei. Trevor folgte mir zum Empfang.

Ich gab mein Bestes, seine lahmen Entschuldigungen auszublenden, und meldete mich bei dem Mann hinter dem Tresen.

»Hi, George«, las ich von dem Namensschild auf dem Tisch ab. »Ich bin hier wegen des Praktikums.«

Georges Lippen zuckten, als er die Situation erfasste. Wir mussten ziemlich lächerlich aussehen: ein schleimiger Kerl, der jede noch so klischeebehaftete Entschuldigung ausstieß, die man sich denken konnte, und die Exfreundin, die versuchte, ihn zu ignorieren. Mir stieg wahrscheinlich Dampf aus den Ohren. »Wie heißt du?«

»Cassandra Hart«, sagte ich freundlich.

»Mr. North wird gleich für die Einführung der Praktikanten herkommen. Wenn du dich setzen möchtest …« Ohne Zweifel wusste er, dass ich die Zeit lieber damit verbringen würde, meinen Mitpraktikanten auf einen Spieß zu stecken.

»Danke.« Ich wandte mich um und ging, so gelassen es mir möglich war, zu der Sitzecke, doch bevor ich mich setzen konnte, überfiel Trevor mich mit einem: »Wir müssen reinen Tisch machen.«

»Ernsthaft?« Ich wirbelte zu ihm herum. Ich senkte die Stimme zu einem leisen Fauchen und beschloss, genau das zu machen. »Du bist unglaublich. Du hast mir dieses Praktikum gestohlen.«

»Du bist auch hier. Ich habe wohl kaum etwas gestohlen.«

Das stimmte, aber das würde ich nicht zugeben. »Du hast das absichtlich gemacht, ich habe keine Ahnung, warum. Gott helfe dir, falls du so versuchst, mich zurückzugewinnen. Lass mich das ganz deutlich sagen. Du und ich? Das ist vorbei. Falls das also ein jämmerlich …«

»Ist es nicht«, unterbrach er mich.

Das haute mich um. »Na … gut. Denn wenn du mir das hier vermasselst, werde ich dir die Eier abschneiden und sie den Möwen zum Fraß vorwerfen.«

Trevors Miene verdüsterte sich, aber bevor er etwas erwidern konnte, wurden wir von einem höflichen Räuspern unterbrochen.

»Ich denke, wir fangen dann wohl mit den Bestimmungen zur sexuellen Belästigung an.«

Wir drehten uns zu der Quelle der tiefen, männlichen Stimme um. Ich straffte die Schultern ein wenig, um selbstbewusst zu wirken, aber meine Wangen waren sicher gerötet. Die Hitze verwandelte sich in ein wahres Inferno, als mein Blick auf ihn traf: Mr. Groß, Dunkelhaarig und Gutaussehend, in einem maßgeschneiderten Anzug. Die schwarzen Haare waren hinter die Ohren geschoben, und seine elektrischen blauen Augen musterten mich. Seinem finsteren Blick nach zu urteilen – das war aber auch das Einzige, was in diesem Gesicht störte – gefiel ihm nicht, was er sah.

Meine Knie gaben ein wenig nach, und ich machte rasch einen Schritt nach vorn, um mich zu fangen. Es dauerte kurz, meine Sprache wiederzufinden, aber dann war sie fest und klar. »Mr. North?«

Er senkte den Kopf bestätigend, und mir rutschte das Herz in die Hose. Seinem Aussehen nach zu urteilen, konnte er nur ein paar Jahre älter sein als ich. Und ich hatte gehofft, dass er vielleicht ein weiterer Praktikant wäre. Oder ein Assistent der Geschäftsführung. Oder ein wirklich kurio­­ser, neugieriger Fremder. Egal wer, nur nicht der CEO.

»Nenn mich Gavin«, bot er mir an. »Ich gehe davon aus, dass ihr euch kennt.«

Ich nickte und sah, dass Trevor das ebenfalls tat.

»Wir sind alte Freunde.« Die Lüge kam Trevor leicht über die Lippen, und Gavins Augenbraue zuckte nach oben. Gavin North hatte allem Anschein nach einen noch besser funktionierenden Lügendetektor als ich. Trotzdem sagte er nichts dazu. Trevor machte einen Schritt nach vorn, bevor ich mich erholt hatte. »Ich bin Trevor.«

Ich hasste es, dass er sich selbst zuerst vorgestellt hatte. Also streckte ich die Hand aus, bevor er das tun konnte. »Cassie. Ich meine, Cassandra.«

Gavin sah zwischen uns hin und her, bevor er meine Hand schüttelte. Zwei übereifrige Praktikanten, die fest entschlossen waren, einander zu übertrumpfen. Er wählte mich aus und nahm meine Hand mit festem Griff. Funken flogen, sobald unsere Finger sich berührten, und ich unterdrückte ein Aufkeuchen. Er war heiß, und ich war nervös, das war eine furchtbare Kombi. Ich zog die Hand weg und hoffte, dass er nicht sah, wie sehr mich die Berührung verwirrte. Doch als unsere Blicke sich begegneten, war seiner eiskalt. Zu kalt. Entweder hasste er mich bereits, oder er hatte beschlossen, auf Abstand zu bleiben. Vielleicht war ich ja doch nicht die Auserwählte. Bedachte man die Drohung, die ich Trevor entgegengeschleudert hatte, als er dazugekommen war, konnte ich ihm das nicht vorwerfen. Die Schmetterlinge in meinem Bauch verwandelten sich in einen Schwarm wütender Hornissen.

»Wenn ihr beide fertig seid …« – er wartete keine Antwort ab –, »gestattet mir, euch zu eurem ersten Tag bei North­West Investments willkommen zu heißen.« Die Kälte in seiner Stimme tat nichts, um die Übelkeit erregende Nervosität zu dämpfen, die ich wegen meines Verhaltens verspürte. Ich zwang mich zu einem Lächeln und fragte mich, ob mein erster Tag hier auch mein letzter sein würde.

Als ich an diesem Abend nach Hause kam, wünschte ich mir, dass er das gewesen wäre.

Kapitel 2

Mein aktueller fester Freund war verlässlich, aufmerksam und batteriebetrieben. Meine am längsten andauernde Beziehung hatte unterschiedliche Geschwindigkeiten und ­vibrierte. Mr. Zuverlässig, mein Vibrator, hatte mich noch nie enttäuscht. Und er lag mitten im Wohnzimmer auf dem Fußboden. Die Katze meiner Mitbewohnerin döste faul daneben.

»Echt mal!« Ich schnappte ihn der Katze weg, die empört nach meiner Hand schlug. »Das ist meiner, weißt du, den darfst du dir nicht einfach holen. Wie bist du überhaupt in meine Unterwäscheschublade gekommen?«

Super. Jetzt redete ich schon mit der Katze. Ein weiterer Beweis dafür, dass der heutige Tag mich beinahe kleingekriegt hatte. Als sie mir in mein Zimmer folgen wollte, knallte ich ihr die Tür vor der Nase zu. Sie reagierte mit einem frustrierten Maunzen. Ich zupfte ein bisschen Fell vom Vibrator und legte ihn wieder zwischen meine Unterwäsche, dann streifte ich die Stilettos ab. Die letzten paar Jahre über den Campus zu laufen hätte mich darauf vorbereiten sollen, den ganzen Tag auf den Beinen zu sein, aber Seattle war hügelig und hatte rissige Bürgersteige. Und ich hatte rasch gelernt, dass ich trotz der vielen Aufzüge bei NWI nicht mein Leben damit zubringen konnte, auf einen zu warten, also machte ich mich mit den Treppen vertraut, während ich Akten von einem zum nächsten Büro brachte.

Ich zog mich nicht aus, sondern warf mich, wie ich war, aufs Bett. Ich war zu erschöpft von der starken Mischung aus Nervosität, Aufregung und Verärgerung, die beinahe den ganzen Tag über angedauert hatte. Mein Telefon wies ein Dutzend verpasster Nachrichten von meinen besten Freundinnen Jillian und Jess auf, in denen sie mir Glück wünschten und wissen wollten, wie es mir ging. Die Nachrichten wurden zunehmend nervöser, als ich mich nicht meldete. Ich stieß einen Seufzer aus und antwortete.

Cassie: Facetime?

Jess: Ich glaube, es ist etwa ein Uhr morgens in Schottland. Jillian schläft bestimmt.

Ich vergaß immer, den Zeitunterschied zu checken. Sie war erst seit ein paar Wochen weg. Nicht lange genug, dass ich ihre Abwesenheit bereits richtig begriffen hatte. Sogar während der Sommerferien, wenn ich nach Hause nach Texas fuhr, waren wir nicht so weit voneinander entfernt gewesen. Doch bevor ich mein Angebot zurückziehen konnte, meldete sie sich.

Jillian: Bin wach!

Natürlich war sie wach. Sie hatte vermutlich unfassbar guten Sex mit ihrem Freund Liam gehabt. Er war der Grund, aus dem sie am anderen Ende der Welt war. Genau genommen waren meine beiden Freundinnen außerhalb des Landes, dank der Männer in ihren Leben. Jillian war in Schottland mit ihrem Freund, und Jess war in Mexiko – mit ihrem Mann. Eine weitere Veränderung, die ich noch nicht so ganz verarbeitet hatte.

Es dauerte ein paar Minuten, beide auf den Bildschirm zu bekommen. Jess lümmelte in einer Hängematte, und das Sonnenlicht ließ ihr honigblondes Haar wie einen Heiligenschein aufleuchten. Sie war brauner, als ich sie je gesehen hatte, und dank des fehlenden Make-ups bemerkte ich, dass mehr Sommersprossen ihre Nase zierten als normalerweise im verregneten Washington. In Schottland war es dunkel, und Jillian hatte sich offensichtlich hinausgeschlichen, um mit uns facetimen zu können, ohne Liam oder seine Familie zu wecken. Man konnte kaum ihr dunkles Haar erkennen, das als unordentlicher Dutt auf ihrem Kopf zusammengedreht war. Ihr Mascara war leicht verschmiert, und ihre Haut glühte, und zwar nicht dank irgendwelcher Kosmetika. Ich hatte recht gehabt mit meiner Vermutung.

»Du siehst umwerfend aus!«, flötete Jillian, was sich zweifellos auf meinen sorgfältig gezogenen Lidstrich bezog und den klassischen roten Lippenstift, den ich gewählt hatte, um weniger wie die kleine Praktikantin auszusehen, die ich war. »Sehr chefig.«

»Ich glaube nicht, dass ich jemanden damit täuschen konnte«, sagte ich und verdrehte die Augen.

»Ich wette, sie hatten jede Menge Bewerber, und sie haben dich ausgewählt«, rief Jess mir in Erinnerung, während ihr Bild auf dem Bildschirm ein wenig schwankte, als würde sie von einer sanften, unsichtbaren Brise gewiegt.

»Es gibt zwei Praktikanten«, sagte ich und versuchte locker zu klingen.

»Erzähl uns davon«, sagte Jess.

Das war das Wunderbare an meinen besten Freundinnen. Sie wussten genau, wann sie zuhören mussten, selbst wenn die traurige Singlefrau unserer Truppe wegen ihrer Exfreunde herumheulen wollte. Ich war nicht so beschäftigt gewesen, dass mir entgangen wäre, dass sie beide seltener anriefen, um sich auszuheulen. Jetzt hatten sie jemand anderen, der ihnen zuhörte, was mich, wenn ich ehrlich war, ein wenig eifersüchtig machte. Ich hatte nicht unbedingt Angst, sie zu verlieren – sondern ein Teil von mir wollte das, was sie hatten. Doch im Moment waren sie für mich da und wollten mir dabei zuhören, wie ich von den kleinen Gemeinheiten in meinem Leben berichtete.

»Ja, spuck es schon aus«, ermunterte mich Jillian, als ob sie meine Gedanken lesen könnte. Sie hatte einen unheimlichen Instinkt, genau zu wissen, was ich gerade hören musste. Sie war für mich da. Jess war für mich da. Daran änderte auch ihr Beziehungsstatus nichts.

»Ich bin Luka begegnet«, fing ich an und beschloss, die Ereignisse nacheinander zu erzählen. Wenigstens für eine Spitzengeschichte taugte der Horrortag.

»Warte mal, Luka aus dem ersten Semester? Der italienische Sexgott, der den ganzen Tag im Fitnessstudio zugebracht hat?«, spezifizierte Jillian.

»Es scheint, du erinnerst dich ziemlich gut an ihn«, sagte ich und schüttelte den Kopf. Vielleicht wollte ich den heutigen Tag oder die Erinnerungen, die er aufgebracht hatte, doch nicht erneut durchleben.

»Du hast einen Monat lang dein Zimmer nur für die Kurse verlassen – und ich will erst gar nicht damit anfangen, wie laut ihr zwei gewesen seid.« Jess verzog das Gesicht.

»Du musst gerade reden. Ich habe meine letzten Ferien damit zugebracht, Roman und dir beim Vögeln zuzuhören«, rief ich ihr ins Gedächtnis. Ich zog sie auf, besonders, da sie recht hatte. Wenigstens war sie mit Roman diskret gewesen. Luka und ich waren vom Aufpasser des Studentenwohnheims im Jungswaschraum erwischt worden, und wir waren mehrere Male wegen Verletzung der Ruhezeiten gemahnt worden. Meine Beziehung zu ihm war definitiv erinnerungswürdig.

Ich erzählte ihnen von der unangenehmen zufälligen Begegnung und gab sogar meine Idiotie bei dem Automaten zu.

»Das war ein wirklich ätzender Start in deinen Tag«, sagte Jillian mitfühlend.

»Wenigstens konnte es so nur besser werden, stimmt’s?«, warf Jess ein.

Schön wär’s. »Dann bin ich an Danny geraten.«

»Danny?« Beide wiederholten den Namen gleichzeitig und mit leerer Miene.

»Der nette Kerl, der geküsst hat, als wäre er mein Bruder.«

Das half ihnen auf die Sprünge.

»Oh, der war total nett. Ich mochte den! Ich weiß nicht mal mehr genau, warum ihr eigentlich Schluss gemacht habt«, sagte Jess. Sie war ein großer Fan von netten Jungs. Sie hatte immer solche gedatet. Fast hätte sie sich sogar aus diesem Grund mit ihrem zum Gähnen langweiligen Freund verlobt.

Jillian kicherte derweil los. »Er war langweilig.«

»Aber nett«, fügte Jess wieder hinzu, als wäre sie an seiner Stelle beleidigt.

»Er war nett«, stimmte ich zu, bevor ich fortfuhr. »Und langweilig. Er hat sich daran erinnert, wie ich meinen Kaffee mag.«

Meine beiden Freundinnen zuckten sichtlich zusammen, und ihr Unbehagen wuchs, als ich von seinem Vater erzählte.

»Wow«, war alles, was Jillian herausbrachte.

»Wart’s ab. Es wird noch besser«, murmelte ich. »Ratet, wer der andere Praktikant ist.«

Jess stand der Mund offen, und ihr Gesicht spiegelte die entsetzte Miene von Jillian wider. Meine Mädels kannten mich zu gut. Oder vielleicht hatten sie auch immer Trevor als den Dreckskerl erkannt, der er war, und deshalb erwartet, dass so etwas passieren würde.

»Nein!«, rief Jillian.

»Señor Mistkerl«, bestätigte ich, befriedigt durch die Reaktionen, auch wenn ich wegen seines Verhaltens immer noch angefressen war.

»Ich kann nicht fassen, dass er das getan hat«, sagte Jess nach ein paar Augenblicken des Schweigens. »Wer tut so was?«

»Ich meine, er wusste, dass du dich auf die Stelle beworben hast!«, sagte Jillian aufgebracht.

Es war, als durchlebten die beiden ebenfalls den Albtraum des heutigen Morgens. Auf eine Weise hatten sie das auch. Sie waren während jeder miesen Entscheidung und des daraus resultierenden Herzschmerzes der letzten Jahre bei mir gewesen. Sie hatten jeden dieser Jungs kennengelernt. Es fiel ihnen nicht schwer, bei meinem Elend mitzufühlen.

»Diese Ansammlung der Jungs. Das ist wie eine nicht allzu subtile Erinnerung an jede blöde Entscheidung, die ich jemals getroffen habe«, gab ich leise zu.

»Stell dir das Ganze als einen Pfad vor«, sagte Jess. »Sie sind nur eine Erinnerung daran, wie weit du gekommen bist.«

»Und wohin du gehst«, fügte Jillian hinzu.

Ich war nicht sicher, wann meine besten Freundinnen so weise geworden waren, aber ich vermutete, dass es ungefähr zu dem Zeitpunkt geschehen war, als sie ihre eigenen Männer fürs Leben gefunden hatten. Wie gern wollte ich ihnen glauben.

»Ich habe eine oder zwei falsche Abzweigungen genommen, und das war’s jetzt aber auch. Mir reicht’s«, sagte ich trocken. Ich war fertig damit, an den falschen Orten die Liebe zu suchen und mich in all diese falschen Kerle zu verlieben. Dates, Männer – das waren miese Angewohnheiten, die ich dank Liebesromanen und meinem zuverlässigen Vibra­tor abgeschafft hatte.

»Nö.« Jillian schüttelte den Kopf. »Du bist einfach nur noch nicht da.«

»Wo?«, fragte ich.

»Du wirst es wissen, wenn du dort bist«, sagte sie einfach.

»Ernsthaft, wann habt ihr beiden euch in verdammte Gurus verwandelt?« Ich konnte nicht anders, ich musste sie ein wenig damit aufziehen.

»Wie war der Rest deines Tages?«, fragte Jess und überging so meinen gutmütigen Spott einfach.

»Ich habe den Kopierer kaputt gemacht, hab den falschen Knopf gedrückt, sah wie ein totaler Depp aus, als ich meinem neuen Chef gestehen musste, was passiert war.«

»Der gleiche Chef, der die Drohung Trevor gegenüber mitangehört hat?«, fragte Jillian.

»Mr. Groß, Dunkel und Gutaussehend.« Ich seufzte bei dieser Erinnerung. »Dann war er sauer auf mich, weil ich nicht an meinem Schreibtisch war, dabei war ich unterwegs gewesen, um vorgestellt zu werden.«

Jess verengte die Augen. »Ich hasse ihn jetzt schon.«

»Wir hassen ihn«, fiel Jillian ein.

»In der Zwischenzeit hatte Trevor seine Lippen quasi am Arsch von dem Kerl kleben. So einen Speichellecker habt ihr noch nicht gesehen!«

»Warst du eifersüchtig?«, fragte Jess.

»Ich meine, ja, er ist unfassbar heiß. Aber er bekommt diesen seltsamen Blick, wann immer er mich ansieht. Ob das sein persönliches Chef-Getue ist? Damit ich weiß, dass ich unter ihm bin? Keine Ahnung.«

»Ich meinte wegen Trevor«, sagte Jess.

»Oh.«

»Sie dachte, du redest über den Chef«, sagte Jillian begeistert. Ich wappnete mich für die unausweichlichen Moti­vationsreden, die nun folgen würden.

»Es ist sechs Monate her«, sagte Jess, als hätte sie meine Trennungen im Kalender notiert.

»Ich hab dir gesagt, dass ich mit Jungs durch bin. Also … mit Männern. Im Grunde genommen mit allem, was einen Penis hat.«

»Vielen Dank für diese Klarstellung.« Sarkasmus schwang in Jillians Stimme mit. »Es ist in Ordnung, wieder Lust auf einen Mann zu haben.«

»Lass es nur langsam angehen«, wies Jess mich an.

»Ich lege gleich auf«, sagte ich warnend.

»Ich bin sicher, dass er nicht glaubt, dass du unter ihm bist«, sagte Jillian.

»Er will dich einfach nur unter sich.« Jess grinste durchtrieben.

»Sollte die Ehe nicht dafür sorgen, dass du gesetzter wirst? Du bist schamlos.«

»Wo wir gerade davon reden, mein Ehemann ruft mich zum Abendessen, ich muss los.« Das Grinsen verwandelte sich in ein breites Lächeln, das ihr gesamtes Gesicht strahlen ließ. Sogar nur an ihn zu denken hatte diese Wirkung auf sie. Ich konnte mich nicht daran erinnern, jemals selbst so gestrahlt zu haben.

Eifersüchtig. Tisch für eine Person.

»Ich sollte ein wenig schlafen. Wir fahren morgen nach Inverness.« Jillian gähnte, und ich erkannte, dass es in ihrem Teil der Welt nach zwei Uhr morgens war.

»Grüß meine Schwester von mir«, sagte Jess, als wir uns verabschiedeten.

»Ich werde ihr sagen, dass du liebestoll bist und dich wie eine Verrückte aufführst.« Das würde ich nicht tun, aber Jess war zu lange meine keusche, brave beste Freundin gewesen, um diese verrückte 180-Grad-Wendung nicht zu feiern, die sie hingelegt hatte und die erst vor einem Monat damit geendet hatte, dass sie durchgebrannt war.

»Ich mache mir Sorgen um Jill«, sagte Jess. »Ich glaube, wir könnten sie an Schottland verlieren.«

»Ich ruf ihre Mutter an«, drohte ich nur halb im Scherz. Ich wollte ja, dass meine besten Freundinnen ihre Happy Ends fanden, ich wollte es wirklich. Aber bitte näher an zu Hause.

»Weiß deine Katze, wie man Schubladen öffnet?«, fragte ich, als Lillian Stunden später aus dem Büro kam.

Sie zuckte beim Klang meiner Stimme zusammen, aber sie erholte sich schnell und ließ ihre Handtasche und den Aktenkoffer auf den Esstisch fallen. »Nicht, dass ich wüsste.«

Lillian und ich gewöhnten uns noch an die Anwesenheit der jeweils anderen. Für mich war es etwas leichter, da ich die letzten drei Jahre im Wohnheim verbracht hatte. Sie schien immer noch jeden Abend überrascht zu sein, mich hier vorzufinden. Es war erst zwei Wochen her, dass ich für den Sommer bei Jess’ älterer Schwester eingezogen war. ­Lillian war eine erfolgreiche Anwältin, weshalb sie lange arbei­tete. Und zwar wirklich, wirklich lange. Sie nutzte ihre Wohnung lediglich zum Duschen und Schlafen, und sie ging sogar am Wochenende ins Büro.

Das war wohl einer der Gründe, aus dem sie zugestimmt hatte, dass ich bei ihr wohnen konnte, als ich das Praktikum bei NorthWest Investments bekam. Natürlich gab es Bedingungen. Keine Partys. Keine Jungs. Da ich an beidem nicht interessiert war, würde es keine Probleme geben. Seattle war eine teure Stadt, und ich wusste, dass ich nirgends etwas Billigeres finden könnte. Ich wohnte nämlich umsonst. Ich hatte bloß noch nicht herausgefunden, ob ich in meinem Zimmer bleiben sollte oder ob sie Gesellschaft wollte.

Heute Abend lächelte sie müde, während sie den Kühlschrank durchsuchte und eine Schachtel Take-away-Essen herausholte. Sie machte die Nudeln erst gar nicht warm, sondern nahm sich eine Gabel und setzte sich ans entgegengesetzte Ende der Couch.

»Wie war der erste Tag?«

»Ganz okay.« Ich zuckte mit den Schultern, hatte ich doch die Einzelheiten gerade Jess und Jillian brühwarm erzählt. Lillian fragte nicht nach. Wir standen einander nicht wirklich nahe. Wegen ihres wahnsinnigen Arbeitspensums hatte sie Jess in Olympic Falls nur ein paarmal besucht. Wir waren abends essen gegangen oder waren in die Stadt gefahren, um sie zu besuchen, aber wir kannten einander nicht besonders gut.

»War nicht so toll, mh?« Sie schluckte eine lange, fettige Nudel herunter.

»Das merkst du?«

»Anwälte können Menschen lesen«, erklärte sie. Ihre Katze sprang auf ihren Schoß und funkelte mich an, als ob sie mir zu verstehen geben wollte, dass das hier ihre Zeit mit Lillian war.

»Einfach nur blöder Erster-Tag-Kram.« Ich klappte das Buch zu, das ich gelesen hatte, und beschloss, mich wieder in mein Zimmer zurückzuziehen, damit sie sich in ihrer Wohnung ein wenig entspannen konnte.

»Bei meinem ersten Praktikum habe ich Kaffee über einen der Partner geschüttet. Einen kochend heißen Vanilla Latte. Er hatte Verbrennungen zweiten Grades. Hast du das gemacht?«, fragte sie, und ihre Lippen verzogen sich zu einem Grinsen. Vielleicht stand sie jetzt, da sie so erfolgreich war, über dieser Blamage. Ich lachte ein wenig, was die Katze erschreckte, die mit einem Satz von Lillians Schoß sprang und das Zimmer verließ. Lillian streckte die Beine aus.

»Nein, habe ich nicht.« Noch nicht. Ich spürte, dass die Situation irgendwie verloren war. Morgen würde ich vermutlich meinen Mocha auf Gavin kippen und seinen teuren Anzug ruinieren. Dann würde er mich wirklich hassen. Allerdings nur, falls ich den Mocha vorher nicht über Trevors dämlichem Kopf ausleerte.

»Dann wird alles gut«, versprach sie.

»Ich geh ins Bett«, sagte ich zu ihr. An meiner Tür blieb ich stehen und fragte: »Was hat dein Chef gemacht?«

»Er hat mich gefeuert«, sagte sie, »also bin ich rüber auf die andere Seite der Straße und habe ein Praktikum bei der Konkurrenz gekriegt.«

»Gut gespielt.« Irgendwie überraschte es mich nicht, dass Lillian den Mumm hatte, zu einer anderen Anwaltskanzlei zu marschieren und nach einem Praktikum zu fragen. Ihre Schwester hatte sie immer ein Arbeitstier genannt. Es schien, dass sie immer schon so gewesen war. »Dank dir«, sagte ich. »Gute Nacht.«

Zur Konkurrenz von NorthWest Investments gehen? Das würde für mich keine Option darstellen. Und außerdem war ich nicht gefeuert worden. Ich musste nur beweisen, dass ich es schaffen konnte, und das würde ich, und zwar ohne dass ich mich bei meinem Chef einschleimte. Dieser Mann würde mich nicht in die Knie zwingen.

Ich gab mein Bestes, die schwache Glut zu ignorieren, die dieser Gedanke in mir entfachte. In nächster Zeit würde ich mich auf niemanden einlassen. Das leise Pochen zwischen meinen Beinen ließ jedoch erahnen, dass mein Körper über Meuterei nachdachte.

In Wahrheit vermisste ich den Sex am meisten, den man in Beziehungen hatte. Das würde ich jedoch niemals zugeben. Ich hatte hart daran gearbeitet, um dorthin zu gelangen, wo ich war: ein volles Stipendium an der Universität von Olympic Falls. Ich würde meine guten Noten beibehalten, damit ich es nicht verlor, und meinen Lebenslauf ausbauen. Der Stress, den das mit sich brachte, machte mich zu einem nervösen Gummiball. Sex hatte mich von Stress befreit. Das Problem war, dass Sex mit seelischem Ballast einherging, für den in meinem Leben kein Platz mehr war. Ich musste neue Wege finden, den Stress loszuwerden. Ich wandte mich meiner Kommode zu. Und stellte fest, dass die verdammte Katze in der Schublade saß.

»Wie machst du das?«, fragte ich, bevor ich sie hochnahm und sie wieder in den Flur brachte. Das Letzte, was ich jetzt brauchen konnte, war, dass irgendjemand – auch wenn es nur die Katze war – mir an die Wäsche ging.

Kapitel 3

An meinem zweiten Tag fünf Minuten zu spät zu sein – besonders nach dem emotionalen Trauma vom ersten Tag – fühlte sich an wie ein böses Omen, so wie der graue Himmel über mir. Seattle war normalerweise sonnig im Sommer und ansonsten für Dauernieselregen bekannt, aber heute war die Ausnahme. Sommer UND Nieselregen. Ich huschte in die Lobby, als die ersten schwachen Tropfen auf den Asphalt trafen. George, der Rezeptionist, sah auf und schüttelte den Kopf.

»Ich weiß schon.« Ich suchte in meiner Tasche nach meinem brandneuen Angestelltenausweis. Irgendwie hatte ich ihn bereits verbummelt. Endlich fand ich ihn, er war tief in die Eingeweide meiner Tasche gerutscht. Triumphierend hielt ich ihn hoch.

George beugte sich vor und senkte verschwörerisch die Stimme. »Mr. North ist mies drauf. Ich würde direkt zum sechsten Stock hochfahren. Er ist noch nicht da.«

»Danke«, sagte ich, doch mir rutschte das Herz in die Hose. Ich war nicht nur spät dran, wenn ich nicht aufpasste, riskierte ich, meinen sowieso schon genervten Chef endgültig zu verärgern.

»Versuch, beschäftigt rüberzukommen«, rief er mir hinterher.

Der Aufzug kam und kam nicht, und mein Stresspegel erhöhte sich mit jeder verstreichenden Sekunde, bis er ein beim Menschen bisher unbekanntes Level erreicht hatte. Als der Aufzug doch noch kam, stieß ich erleichtert die Luft aus, trat ein und hieb auf den Knopf für den sechsten Stock.

Ich war nicht sicher, was genau Gavin Norths Problem war. Bei der ersten Gelegenheit hatte er mich an einen Kollegen abgegeben für die Tour durch NWI. Trevor dagegen hatte er selbst herumgeführt. Vielleicht war er ein Chauvinist, ein weißer Mann mit dem Gehabe der Altherrenclubs. Das hatte ich nicht erwartet, als ich herkam. Nicht nach meinen zahlreichen Telefoninterviews und den Erkundigungen, die ich über die Firma eingeholt hatte. Über Gavin North hatte ich allerdings kaum was gefunden. Die meisten Nachrichten konzentrierten sich auf das skandalbehaftete Leben seines stummen Geschäftspartners Nathaniel West. Die Reporter waren besessen davon herauszufinden, warum der Immobilieninvestor sich mit einem Geschäftsneuling eingelassen hatte. Ich war ebenfalls neugierig. Ich würde ein wenig Zeit mit ihm verbringen müssen, um Informationen zu kriegen, was schwierig werden würde, wenn er weiterhin Trevor vorzog.

Ich brauchte einen Plan. Ich würde in den sechsten Stock hinauffahren, meine Tasche an meinem Schreibtisch abwerfen und mich dann an den nächsten freundlich dreinblickenden Kollegen hängen. Das war meine beste Option, da ich an Tag zwei noch kein echtes Arbeitspensum hatte.

Doch das Schicksal hatte andere Pläne. Der Aufzug hielt auf Stockwerk drei, und ich hätte am liebsten geschrien, als die Türen aufglitten und Gavin North einstieg. Er trat auf die Seite, sein Blick wanderte über mich und blieb dann an der Tasche über meiner Schulter hängen.

»Kommst du gerade erst an, Miss Hart?«, fragte er im Plauderton.

War das eine Fangfrage? Wenn ich Ja sagte, würde er sich dann in das schreckliche Chefmonster verwandeln, vor dem George mich gewarnt hatte? Ich erwog eine Lüge – aber das war keine gute Idee, gleich am Anfang.

»Ja«, räumte ich nach einer unangenehm langen Pause ein. Am besten hielt ich mich an die Wahrheit. »Ich kenne Seattle nicht gut. Hab mich verlaufen.«

»Eine ehrliche Antwort.« In seiner Stimme schien Überraschung mitzuschwingen, und etwas anderes. Interesse?

»Wäre es dir verdammt nochmal lieber, ich hätte gelogen?«

Entsetzt hob er eine Augenbraue, und ich erkannte, was ich getan hatte. Mein Cassie-Filter war aus gewesen. Ich musste ihn heute Morgen erst noch aktivieren. Es hatte Jahre gedauert, die Geistesgegenwart zu entwickeln, die es mir ermöglichte, nicht wie ein Seemann zu fluchen. Dass es so schwierig gewesen war, lag hauptsächlich daran, dass ich mich nicht fluchen hörte. Meine besten Freundinnen hatten einen großen Teil unserer ersten Jahre am College damit verbracht zu wiederholen, was ich gerade gesagt hatte. Aber vor dem Kaffee war ich wohl noch nicht präsent genug, um diese schlechte Angewohnheit im Griff zu haben.

Ich musste nicht zu den verspiegelten Wänden des Aufzugs sehen, um zu wissen, dass ich die Farbe eines frisch gekochten Hummers angenommen hatte. Also betrachtete ich weiter meine Schuhspitzen.

»Tut mir leid«, sagte ich betont langsam, um nicht gleich wieder zu fluchen. »Ich spreche seemännisch – buchstäblich. Ich hatte noch keinen Kaffee, deshalb weiß ich nicht, was ich gesagt habe.«

»Du weißt nicht, was du gesagt hast?«, wiederholte er. Ja, da färbte definitiv Interesse seine Stimme. Der Aufzug hielt im sechsten Stock, aber er drückte den Haltknopf, bevor die Türen aufgleiten konnten. Ich war mit einem Gott in einem dreiteiligen Anzug gefangen, der den Gerüchten zufolge in einer wirklich miesen Stimmung war. Nur wirkte er gar nicht grantig.

Gavin drehte sich zu mir um, und zum ersten Mal sah ich, wie jung er war. Klar, er war einige Jahre älter als ich, aber das Selbstbewusstsein, das er ausstrahlte, ließ ihn älter wirken. Mein Eingeständnis hatte ihm das genommen und nur den Mann zurückgelassen. Ein leichtes Grinsen hatte sich auf seine Lippen gestohlen, doch es wurde zu keinem ganzen Lächeln. Ich schluckte schwer, als er seine Jacke aufknöpfte und dann mit einer eleganten Bewegung die Hände in die Taschen seiner Hose schob. Sogar jetzt, ohne seine Chef-Fassade, hatte er das Auftreten eines Mannes, der nicht oft überrascht wurde.

»Ich würde vorschlagen, du arbeitest daran«, riet er mir. Es dauerte einen Moment, bis die sanften Worte bei mir ankamen. Zuerst dachte ich, er wollte nett sein, was sich wider seine Natur anfühlte. Dann begriff ich, dass er etwas zurückhielt.

»Lachst du mich aus?« Ich machte einen Schritt auf die Schalttafel des Aufzugs zu, aber er stellte sich davor.

»Du musst schon entschuldigen, aber ich habe noch nie jemanden mit schimpfwortbedingter Amnesie getroffen.«

»Das ist keine Amnesie.« Ich machte noch einen Schritt in Richtung Schalttafel, was mich auch ihm näherbrachte – so nah, dass ich das teure Parfüm roch, das er trug, eine berauschende Mischung aus Leder und Bergamotte. Ich schloss eine Sekunde lang die Augen, um mich zu sammeln. »Das ist mehr wie ein Filter.«

»Also beleidigt dich deine eigene Sprache?« Das Schmunzeln war zu einem offenen Lächeln geworden. Es erhellte sein ganzes Gesicht und strahlte von ihm ab. Ich hätte genauso gut aus Eiscreme bestehen können, denn ich schmolz praktisch dahin.

»Fluchen beleidigt mich nicht«, sagte ich. »Das sind doch nur Worte. Vielleicht höre ich sie deshalb nicht. Bist du dir jedes Mal dessen bewusst, wenn du ›das‹ oder ›und‹ sagst?«

»Das ist ein Argument.« Endlich, ein Lachen. Irgendwie war es besser, es zu hören, als zu wissen, dass er es zurückhielt. Vielleicht weil es so warmherzig und echt war wie sein Lächeln.

»Ich schwöre, sobald ich Kaffee hatte, werde ich es unter Kontrolle halten.« Ich sah zu dem großen roten Knopf, der mich erlösen würde, mir vollauf bewusst, dass ich gleich vor Scham nach Luft ringend im Waschraum stehen würde.

»Kaffee also.« Er drückte auf den Knopf, und der Aufzug verkündete mit einem Pling unsere Ankunft. In einer flüssigen Bewegung trat er zur Seite und bedeutete mir, zuerst auszusteigen.

Gavin North war ein Gentleman. Ich hatte diesen Gedanken kaum verarbeitet, als er hinzufügte: »Wir wollen doch nicht, dass du die Kontrolle verlierst, im Büro.«

Ich hatte viel Erfahrung und mit mehr als einem Kerl, und das nicht nur sexuell. Man hatte mich betrogen, belogen, angebetet und gestalkt. Im Grunde hatte ich die komplette Bandbreite von Liebesbeziehungen erlebt. Ich war Expertin darin, Doppeldeutigkeiten zu verstehen. Wie zum Beispiel, dass Gavin das »im Büro« rasch an seine letzte Aussage angehängt hatte, bevor sich unsere Wege am Kaffeeautomaten getrennt hatten.