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Einzigartige Menschen in einem einzigartigen Buch. Auf ihrer fantastischen Expedition sind Peter Howe und Michael Dilly quer durchs Ruhrgebiet gereist - mit Kamera, Notizblock und Entdeckergeist im Gepäck. Sie haben sich immer von einer Person zur nächsten weiterreichen lassen, ohne vorher zu wissen, bei wem sie nachher landen. In atmosphärischen Bildern und feinsinnigen Geschichten erzählt das Buch von besonderen Menschen in ihrem Revier. "Kolumbus wollte nach Indien und landete in Amerika. Tante Hilde wollte Tänzerin werden und landete bei Onkel Walter. Der Wirt vom Bismarck-Eck in Oberhausen heißt Friedhelm und war schon einmal alles und überall ..." Die portraitierten Menschen: Achim Jaroschek, Musiker // Oberhausen Volker Köhn, Schriftsteller // Herten Mareike Hein, Schauspielerin // Bochum ... Bonn ... Berlin Emanuela Danielewicz, Fotografin // Bochum Irma, Imbiss-Betreiberin // geheimer Ort Vini Keyention, Lebenskünstler // Essen ... Oberhausen Vera Lilli aka. Lilli Nighthawk, Vampirella // Dreistädte-Eck Mülheim-Essen-Oberhausen Celine, Punk-Rockabilly-Alternative-Frau // Dortmund ... Lünen Toni Gassen, Musiker // Bottrop Reinhard Wieczorek, Maler // Kirchhellen Friedhelm, Gastronom // Oberhausen Herr Pfeiffer, KFZ-Mechaniker & Herr Anders, Briefmarkenhändler // irgendwo zwischen Australien und dem Ruhrgebiet
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Seitenzahl: 55
Veröffentlichungsjahr: 2017
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Achim Jaroschek: Die Stimmung war früher tiefer
Volker Köhn: Poesie, die Mädchen & Frau Strohmeier
Mareike Hein: Schlendern in Schichtkleidung
Emanuela Danielewicz: Sprudel
Vini Keyention: Gönnen!
Vera-Lilli: Vampirella in Zivil
Celine: Punk-Rockabilly-Alternative-Kalt
Toni Gassen: Walk of Fame
Reinhard Wieczorek: Zwischen Mammuts und Miniaturen
Erzähl eine Geschichte.
Eine Geschichte, die du noch nicht kennst. Vor allem: Erzähl von Menschen.
So ist das, wenn man sich auf eine Reise begibt. Man entdeckt, was man noch nicht kannte. Und man landet mitunter woanders als gedacht. Vor allem, wenn man kein Ziel vorgibt.
So haben wir uns auf den Weg gemacht, auf eine Schatzsuche zu Menschen im Ruhrgebiet.
Wir sind gelandet, gestrandet bei vielen – manchmal bei uns selbst.
Von all dem handelt dieses Buch.
... Kolumbus wollte nach Indien und landete in Amerika. Tante Hilde wollte Tänzerin werden und landete bei Onkel Walter. Der Wirt vom Bismarck-Eck in Oberhausen heißt Friedhelm und war schon einmal alles und überall. Genau dort, im Bismarck-Eck, haben wir angefangen unseren Plan zu schmieden.
Mein Kumpel Peter wohnt auf der einen Straße, ich auf der anderen. Genau in der Mitte liegt die Kneipe von Rena und Friedhelm. An der Wand hängt ein trauriger Fasan, dahinter ist das Jägerzimmer. Donnerstags trifft man die Herren vom Männergesangsverein „Rheingold“. Am Mittwoch sind die Kanaster-Damen aus Mülheim Trumpf. Wann immer wir ins lauschige Eck einkehren, sind wir nachher klüger als zuvor. Und wer lieb ist und bis zum Schluss bleibt, bekommt manchmal ein Mettbrötchen gratis über den Tresen geschoben. Sonntags ist die Chance am größten. Von einer Raue bleibt bisweilen etwas übrig.
Nach einer unüberschaubaren Anzahl an Bieren an einem Freitag beschließen Peter und ich, dem wahren Leben ein Denkmal zu setzen. Oder besser gesagt: echten Menschen auf die Spur zu kommen und dem Zufall dabei eine Chance zu geben.
Kaum haben wir auf den Plan angestoßen, kommt ein junger Typ mit krummem Rücken in die Gastwirtschaft. Zwischen seinen Fingern ein Mobiltelefon, auf das er starrt. Er zieht eine Packung Zigaretten aus dem Automaten, blickt kurz auf und grüßt in die Runde. Dann ist er wieder in der Nacht verschwunden.
„Der heißt ... ach, ich komm’ nicht drauf.“ – „Du kennst den?“ – „Kaum ...“
Als ich wieder zu Hause bin, werfe ich noch kurz den Rechner an. Jemand hat der Welt via Internet eine Nachricht hinterlassen. „War hier: Bismarck-Eck in Oberhausen. Habe Zigaretten gezogen. Gute Nacht.“ Ich denke: „Ach, der ist das.“ und erwidere die Nachricht mit: „War auch da.“ Peter schreibt: „Ich auch.“ Gespräch beendet.
Sieben Tage später sitzen Peter und ich wieder am Tresen. Friedhelm schiebt uns zwei Frikadellen zu. Peter murmelt mit vollen Backen: „So kann das nicht weitergehen.“ Ich sage: „Stimmt!“ Friedhelm erzählt von einer seiner zahlreichen Tätigkeiten der vergangenen Jahrzehnte (Reisebusfahrer).
Ich hole einen Füllfederhalter aus meiner Übergangsjacke und schiebe Peter ein Stück Papier zu. „Unterschreib einfach!“ – „Na endlich!“ Wir besiegeln ein Manifest. Da steht es schwarz auf weiß:
„Wir geloben, ab jetzt online im wahren Leben zu sein. Wir wollen nicht das Weltweite, das Ruhrgebiet genügt für den Anfang. Wir wollen das Große im vermeintlich Kleinen entdecken. Wir wollen neue Freunde – echte Menschen – Auge in Auge kennenlernen. Der eine soll uns zum Nächsten führen. Wo wir landen, wollen wir vorher nicht wissen.“
Herzlichst
Wir beginnen unsere Expedition bei Achim „Löwe“ Jaroschek in Oberhausen. Er ist Musiker, ein Virtuose – nicht nur mit Tönen. Wir haben ihm vor zwei Tagen eine E-Mail geschrieben und von unserem Vorhaben erzählt. Als unser Treffen dann konkret wird, lautet sein Terminvorschlag wortwörtlich so:
„Verehrtester Herr Dilly,
wenngleich ich in übrigen Zeiten mein tönendes Dasein, einem Salmer gleich, eher im Brackwasser zubringe, so bin ich itzt allerdings von brausenden Wogen einer stürmischen See umgeben; habe ich einstweilen Order erhalten, mich trommelnderweise am 23./24. März dieses Jahres zu einer Kardinalprobe bittschön einzufinden ... die Passagiere sind eben Wirbeltiere.
Zum fröhlichen Ankerwerfen zeigt das tosende Gewässer jedoch am Freitag, den 22.März, ein überaus hübsches, freundlich dreinblickendes Antlitz. So erwarte ich euch braven Herren des nautischen Gewerbes, mit großer Freude, also am 22. März – entweder bei Ebbe oder Flut – in meiner ideo-membranophonalen Kajüte.
Mit brüllendem Gruß vom Achternmast,
Herr Karl Leu von RockoSchek“
Beim Poseidon, der Wind bläst mächtig in unsere Segel. Die Angelegenheit nimmt Fahrt auf. Wir machen uns auf zur Insel des Herren Jaroschek inmitten des Ruhrgebiets.
Als wir dort pünktlich zum verabredeten Termin ankommen, öffnet niemand ... Wir machen dumme Gesichter, schleichen ums Haus, spähen mit gestreckten Hälsen durch Fenster. Dann erblicken wir den wortgewaltigen Musikkapitän wirbelnd am Schlagwerk. Wir winken mit der Piratenflagge, die Kollege Peter vorsorglich in seinen zentnerschweren Rucksack (neben einem kompletten Fotostudio, Proviant und Dingen, die mitunter keinen Namen haben) gepackt hat.
Die Türe öffnet sich, Achim bittet uns hinein mit festem Händedruck. Auf seinem Handrücken entdecke ich verschwommen eine Tätowierung: eine Windrose mit fünf (!) Himmelsrichtungen. Ich blinzle mit den Augen und plötzlich ist sie wieder verschwunden. Peter lugt gerade um die Ecke in Achims Musikzimmer. Ich lasse mir nichts anmerken.
Im Musikzimmer (dem größten Raum von Achims Heimstatt) begrüßen uns drei Schokoladenhasen, Kekse namens „Trio“ und Erfrischungsgetränke. Sehr freundlich. Ich erblicke auch das Schlagzeug von vorhin und zudem lauter Tasteninstrumente – Keyboards, ein Klavier, ein Flügel. Schon sind wir in unserem ersten Thema. Achim erzählt aus dem Stegreif von der unterschiedlichen Klangästhetik unterschiedlicher Flügel ... Bechstein, Steinway, Bösendorfer, Blüthner ... letzterer becirct den Hörer mit dem „süßlichen Klang der Wiener Klassik“. Ein Schokoladenhase kneift mir ein Auge zu. Ich reibe mir beide. Von draußen brummt der Motor eines Linienbusses durchs halboffene Fenster. Achim fährt fort: Generell sei es so, dass die Stimmung früher tiefer war. Heute würden Flügel im Grunde zu hoch gestimmt. Dafür wären sie in der Regel nicht gebaut. Peter und ich sind ganz Ohr.
Achim hat seine erste Solo-Veröffentlichung anno 1997 als Pianist im Studio des international hoch angesehenen Jazz-Musikproduzenten Walter Quintus aufgenommen und für eine tiefere Stimmung plädiert. Als die ersten Saiten des Flügels rissen, brachte der Anruf bei Bechstein Klarheit: Ja, tiefer wäre tatsächlich besser. Und unter uns: Wenn schon Beethovens Stimmung eine tiefe war, zeigt der Kompass doch klar in eine bestimmte Richtung.
