Opa hätte ein Superlike gekriegt - Kim Hoss - E-Book

Opa hätte ein Superlike gekriegt E-Book

Kim Hoss

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Beschreibung

Enkelin Kim und ihre Oma Inge trennen 61 Jahre. Inge hat einen Krieg erlebt und den Fall der Berliner Mauer, während Kim der Jugendsprache mächtig ist und sich mit Body Positivity und veganer Ernährung auseinandersetzt. In ihrem beliebten Podcast Die Podcast-Oma unterhalten sich die beiden über Gott und die Welt: Oma Inge weiß auf alles eine Antwort und plaudert offen und hochunterhaltsam über die erste Liebe, Friseurbesuche um 1950, die Jugend von heute und was sie von Tinder, Instagram und Co. Hält. Die lustigen und gleichermaßen berührenden Gespräche zeigen, wie nah man sich trotz großer Unterschiede sein kann und dass alt nicht gleich alt bedeutet. Jung bleibt, wer nie aufhört, sich für Neues zu interessieren!

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI

Seitenzahl: 250

Veröffentlichungsjahr: 2019

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KIM HOSSINGE ZIEHM

»OPA HÄTTE EIN SUPERLIKE GEKRIEGT«

KIM HOSSINGE ZIEHM

»OPA HÄTTE EIN SUPERLIKE GEKRIEGT«

DIE PODCAST-OMA ÜBER DIE LIEBE, TATTOOS UND HASELNUSSLIKÖR

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie. Detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://d-nb.de abrufbar.

Für Fragen und Anregungen:

[email protected]

1. Auflage 2019

© 2019 by mvg Verlag, ein Imprint der Münchner Verlagsgruppe GmbH

Nymphenburger Straße 86

D-80636 München

Tel.: 089 651285-0

Fax: 089 652096

Alle Rechte, insbesondere das Recht der Vervielfältigung und Verbreitung sowie der Übersetzung, vorbehalten. Kein Teil des Werkes darf in irgendeiner Form (durch Fotokopie, Mikrofilm oder ein anderes Verfahren) ohne schriftliche Genehmigung des Verlages reproduziert oder unter Verwendung elektronischer Systeme gespeichert, verarbeitet, vervielfältigt oder verbreitet werden.

Redaktion: Nicole Luzar

Umschlaggestaltung: Isabella Dorsch

Umschlagabbildung: Shutterstock/Martyshova Maria

Layout und Satz: inpunkt[w]o, Haiger (www.inpunktwo.de)

Druck: Florjancic Tisk d.o.o., Slowenien

eBook: ePubMATIC.com

ISBN Print 978-3-7474-0121-7

ISBN E-Book (PDF) 978-3-96121-475-4

ISBN E-Book (EPUB, Mobi) 978-3-96121-476-1

Weitere Informationen zum Verlag finden Sie unter

www.mvg-verlag.de

Beachten Sie auch unsere weiteren Verlage unter www.m-vg.de

INHALT

Vorwort

1. Do you speak English?

2. Löcher in der Hose?!

3. Vom Küssen wird man schwanger

4. Eine Zeitreise

5. Schiefe Kaffeekannen und belegte Schnitten

6. Vom Influencen und schwäbischen Kittelschürzen

7. Der erste Latte Macchiato, Döner und Fleischsalat

8. Vom großen Gong und Reisschüsseln für die Ewigkeit

9. Was Lockenwickler mit Schlagbohrern gemeinsam haben

10. Party, Tinder, Komasaufen

11. Opa hätte ein Superlike gekriegt

12. I bims, die Podcast-Oma, Bra!

13. Sonne und Wein, das lass’ sein!

14. Oma und das Pumpernickel-Eis

15. Der Tod gehört zum Leben

16. Von Seitensprüngen und Leoparden

17. Vier Räder und ein Staubsauger

18. Wieso uns Zahnseide glücklich macht

19. Reibungspunkt Putzlappen

20. Das Ende der doppelgenähten Knappnahthose

21. Von Alfons, Kartoffelsalat und einem Osterhasen auf Inline-Skates

22. GUMO

23. Breitbeinig Lachen

Omas Best-of

Über die Autorin

VORWORT

Dieses Buch ist für Enkel, Kinder, Großeltern, Eltern, Nichten, Neffen, Tanten, Onkel, Cousinen und Cousins, Freunde und Bekannte. Für Menschen, die eine Oma haben, hatten oder nie hatten. Für Menschen, die gerne mehr mit ihren Verwandten gesprochen hätten, sich vielleicht nicht so richtig trauen oder denen die richtigen Fragen fehlen. Falls du »Die Podcast-Oma« noch nicht kennst, ist dieses Buch genau für dich geschrieben. Du kannst es lesen, auch wenn du unseren Podcast schon kennst, du kannst ihn auch danach oder währenddessen erst kennenlernen, musst du aber nicht.

Ich bin Kim, bin 1987 geboren und meine Oma Inge 61 Jahre vorher, also 1926. Wir wollen unsere Gespräche, Anekdoten und Omas Lebensweisheiten gerne auch auf Papier festhalten, nicht nur im Internet zum Anhören, deshalb gibt es dieses Buch! Seit nun genau einem Jahr besuche ich meine Oma fast jede Woche und wir quatschen. Nicht nur übers Wetter oder über Omas Gebrechen, nein – wir reden über Alltägliches, über die Liebe, Sex, Aufklärung, Döner, Sport, den Tod und alles, was uns eben beschäftigt.

Oma, hättest du gedacht, dass wir beide mal zusammen ein Buch schreiben würden?

Niemals.

Verrückt, oder?

Ja, das ist verrückt. Aber es ist auch schön, dass ich das mit 93 noch erleben kann!

Wie alles begann

Für mich war meine Oma immer eine Oma: eine alte Frau, die hervorragenden Schokoladenkuchen backen kann, manchmal über schlechtes Wetter meckert und gerne Puzzle macht. Wir haben uns seit ich auf der Welt bin zwar immer regelmäßig gesehen – sie wohnt nur 20 Kilometer entfernt – und auch viel miteinander gelacht, aber so intensiv wie seit der ersten Podcast-Aufzeichnung im Sommer 2018 hatten wir uns vorher noch nie unterhalten.

Mittlerweile sehe ich meine Oma anders; ich weiß durch ihre Erzählungen viel über ihre Kindheit, wie sie ihre erste Liebe erlebt hat, den Krieg, wie sie zwei Mal geflohen ist. Wie sie trotz all dieser unglaublich schweren Zeiten nie ihr Lachen verloren hat, wieso sie manche Dinge anders betrachtet als ich. Ich sehe jetzt einen Menschen hinter der alten Haut, ihre strahlenden Augen, ihr großes, liebendes Herz und ihren Mut, immer noch so viel zu erleben, wie eine 70-Jährige. Meine Oma zeigt mir, dass alt sein nicht gleich alt sein bedeutet, und dass man jung bleibt, wenn man nicht aufhört, sich für Neues zu interessieren. Eines verbindet uns besonders: Der Humor! Wir scherzen viel gemeinsam, wir können beide über uns selbst lachen, und wir lachen vor allem auch gerne laut. Lachen hält jung, und wenn das Gesicht eines Menschen vor Lachfalten nur so übersät ist, weil er sein Leben lang viel gelacht hat, ist das etwas Wunderschönes.

Wir saßen also eines Tages zusammen auf dem Sofa und lachten. Ich fragte meine Oma, ob wir nicht mal zusammen einen Familienstammbaum erstellen wollen.

Wieso das denn, Kimi?

Na, mich interessiert, woher meine Vorfahren kommen!

Aber das ist doch gar nicht interessant für eine junge Frau wie dich?!

Doch! Los, erzähl mal, ich schreibe mit. Hast du noch alte Dokumente?

Ja, natürlich! Oben im Schrank, holste die mal runter?

Ich notierte zuerst alle Geburtsdaten ihrer engen Verwandten: Eltern, Großeltern und die ihrer Geschwister. Als sie anfing zu erzählen, dass ihre Schwester drei uneheliche Kinder zur Welt brachte, fragte ich nach Details, denn die Geschichte war mir neu. Nach ein paar Minuten merkte ich, dass Oma plötzlich ganz tief versunken war in ihrer Vergangenheit, und ich zückte mein Handy, um ihre Erzählungen aufzunehmen. Ihre Stimme war tief und beruhigend, wie eine wunderschöne Erzählerstimme. Ich hatte Omas Stimme auch als Kind schon geliebt, wenn sie meiner Schwester und mir Märchen vorlas, wenn wir bei ihr übernachteten. Als ich die Aufnahme am Abend zuhause nochmal anhörte, wurde die Idee zum Podcast geboren. Diese Geschichte, diese Stimme, diese Ehrlichkeit wollte ich gerne festhalten und auch andere Menschen daran teilhaben lassen.

Ich rief meine Oma sofort an und sagte:

Oma, wir machen jetzt zusammen einen Podcast!

Einen was?

Einen Podcast, das ist eine Art Hörspiel. Wir quatschen zusammen, und andere können das dann anhören!

Welche anderen?

Na, Leute auf der ganzen Welt!

Wen soll das denn interessieren, Kimi?

Ganz viele, Oma. Da bin ich mir sicher!

Na, wenn du meinst. Was muss ich dafür tun????

In den nächsten Wochen besuchte ich Oma Inge jeden Mittwoch, und wir nahmen die ersten drei Folgen auf. Ich befragte sie zu ihren Englisch-Kenntnissen, zu Mode und zum Thema Sex. Ich war erstaunt, wie offen sie über alles mit mir sprach, wir nahmen kein Blatt vor den Mund, denn uns hörte ja auch niemand zu, während wir bei ihr am Esstisch saßen. Die Zuhörer sollten erst später kommen. Dazu teilte ich meinen Instagram-Followern, die Oma schon aus meinen Stories und von Fotos kannten, mit, dass bald die ersten beiden Folgen der »Podcast-Oma« zu hören sein würden. Folge 1 und Folge 2 wurden am 25. August 2018 veröffentlicht, und wir waren beide überwältigt von der Resonanz der Zuhörer. In den ersten Tagen schrieben uns unglaublich viele Menschen, dass sie die Idee sehr schön fänden und ihre eigene Oma vermissten, wenn sie meiner zuhörten. Dass viele noch nie auf die Idee gekommen waren, mit ihren Großeltern über so intime Dinge zu sprechen. Aber: Wieso eigentlich nicht?

Mit alten Menschen sprechen

Wie schon gesagt, war meine Oma für mich bis dahin auch immer nur »die Oma« gewesen: ein Familienmitglied, dessen Geschichte mich in den ersten 30 Jahren meines Lebens nie wirklich interessierte. Ich wusste, dass sie den Zweiten Weltkrieg erlebt und nicht immer in Stuttgart gelebt hat, sondern mit meinem Opa aus der DDR geflohen ist. Aber ich hatte sie nie gefragt, was sie dabei gefühlt hat. Ich war nie auf die Idee gekommen, sie zu fragen, ob sie früher auch Liebeskummer hatte, als ich mit 16 darunter litt. Wann immer wir uns in den letzten zehn Jahren sahen, hatte Oma stets ihren Notizblock bereitliegen, um mir all die Fragen zu stellen, die ihr seit meinem letzten Besuch eingefallen waren. »Was macht die Arbeit?«, »Wie läuft es mit der Liebe?«, »Hast du mal wieder was von XY gehört?«, »Wusstest du, dass Helene Fischer jetzt dies und das gemacht hat?«, »Was ist ein Laptop und wer ist eigentlich dieser Alfons, von dem alle immer sprechen?« (Diese Frage wird gegen Ende des Buches beantwortet).

Meine Oma war ja nicht immer eine Oma gewesen, sondern auch mal Kind, Jugendliche, Teenager, Twen und Mama. Wieso aber habe ich sie vorher nie gefragt, wie es früher bei ihr war? Wie war es denn, als Oma und ihre Freundinnen zum ersten Mal ihre Periode bekamen? Wie hat man früher Männer kennengelernt? Was hat Oma damals bei Liebeskummer gemacht? Wie wurde Weihnachten 1945 gefeiert? Ging man früher eigentlich regelmäßig zum Friseur? Was kostete ein Friseurbesuch in den ersten Jahren der ehemaligen DDR? Wie war das für meine Oma, als der Krieg losging? Was macht Oma eigentlich glücklich?

Wieso musste ich erst 32 Jahre alt werden, um meiner Oma all diese Fragen zu stellen? Wieso sprechen wir mit alten Menschen generell oft nur übers Wetter oder Krankheiten? Wieso fragen wir sie nicht nach ihrer Meinung zu Themen, die auch uns selbst beschäftigen? Würden wir dabei nicht sogar etwas lernen? Mit älteren Menschen sprechen ist für alle wichtig, das war mir lange nicht wirklich bewusst. Jeder Mensch hat seine Meinung, die sich über die Jahre hinweg prägt. Aber wodurch lassen wir sie prägen? Durch Medien, Social Media, Funk und Fernsehen? Oder erlauben wir auch eine Prägung durch ältere, jüngere, behinderte, kranke Menschen? Oft haben wir in unseren Köpfen ein sehr starres Bild von älteren Menschen (wann genau ist man eigentlich »alt«?), die nur zuhause sitzen, grummelig in den Fernseher starren, mit dem Ellenbogenkissen am Fenster hocken und Nachbarn beobachten, sich nur beschweren, dass »früher ja alles besser« gewesen sei. Vielleicht gibt es solche Menschen, aber vielleicht würde ihnen ab und an ein Gespräch mit einem jungen Menschen ganz gut tun? Ich erinnere mich an eine Dame von Mitte 80, die mir von ihren Urenkeln und Enkeln erzählte. Sie beklagte sich, dass ihre Enkel und ihre Kinder sich nie bei ihr melden würden, da alle immer so viel um die Ohren hätten. Ich fragte sie: »Wieso rufen Sie nicht einfach mal Ihre Enkel an?« Sie überlegte eine Weile und meinte dann: »Ja, stimmt eigentlich.«

Oft liegt das Glück viel näher als wir glauben, wir müssen einfach nur aus unserer Komfortzone ausbrechen und den ersten Schritt machen.

Nach unseren ersten beiden Folgen schwirrten in meinem Kopf viele Themen, die ich alle aufschrieb, um Oma in der nächsten Woche wieder ein Loch in den Bauch zu fragen. Dieses Vorgehen hat sich bewährt. Wir haben nie ein Konzept oder detaillierte Notizen für den Podcast, sondern sitzen einfach am Esstisch in Omas kleiner Wohnung, trinken und knabbern manchmal etwas, dann drücke ich auf START, und wir legen los. Manchmal entwickelt sich aus der ersten Frage nach zwei Minuten ein ganz anderes Thema, aber gerade das macht unsere Gespräche aus: Sie sind spontan, ehrlich und authentisch.

Mittlerweile haben wir Zuhörer auf der ganzen Welt. Oma Inge wird oft auf der Straße erkannt, oder beim Bäcker angetippt: »Sie sind doch die Podcast-Oma, stimmt’s?« Zusammen waren wir im Fernsehen, wurden für Zeitungen und Zeitschriften interviewt, waren zu Gast bei anderen Podcast-Formaten, wurden von Apple zu einem der besten zwölf Podcasts 2018 gekürt, und auch Oma Inge hat nun den Mehrwert unserer regelmäßigen Gespräche erkannt.

Oma sagt:

Als ich zum ersten Mal aus Kims Mund das Wort Podcast hörte, habe ich sofort in mein Englischwörterbuch geschaut und es gesucht, doch leider vergebens. Dieses Wörterbuch ist nämlich schon etliche Jahre alt, und 1990 wusste man noch nichts von einem Podcast.

Warum gibt es für dieses englische Wort kein deutsches?

Also, okay, ein Podcast ist so etwas wie ein Hörspiel. Die haben wir früher gern gehört und uns unsere Gedanken gemacht über die Sprecher und Sprecherinnen. Genau so wird es auch heute unseren Followern (schreibt man das so?) gehen. Trotzdem fände ich ein deutsches Wort für Podcast angebracht, denn viele Menschen meines Jahrgangs und auch jünger schauen ganz erstaunt, wenn ich sie frage: »Hast du unsere neueste Podcast-Folge schon gehört?« Wie dem auch sei: Ich liebe unseren Podcast! Mit ihm hat sich mir eine ganz neue Welt aufgetan. An meinem 93. Geburtstag besuchte mich Kim mit einem Riesenkarton, hübsch verpackt. Ich kam aus dem Staunen nicht mehr heraus: Briefe, Briefe, Briefe und Karten, zum Teil aus meiner zweiten Heimat Warnemünde. Wir fingen beide an, sie zu öffnen und zu lesen. Menschen, die ich nicht und die mich nicht kannten, gratulierten mir mit Zeichnungen, Selbstgebasteltem und Fotos von sich, ihren Kindern und Angetrauten und wünschten mir alles erdenklich Gute und Liebe, sodass ich vor Rührung Unmengen Tränen vergoss. Kim weinte vor lauter Sympathie eifrig mit. Das Gefühl dieser Wertschätzung war unbeschreiblich. Ich habe drei Tage gebraucht, um alles zu lesen, zu lochen und in zwei große Ordner abzuheften, denn ich habe alles aufgehoben und freue mich noch immer jeden Tag daran. Es ist schön, zu wissen, dass man auch mit 93 nicht vergessen wird.

Jetzt wollte ich natürlich allen danken, aber wie?! Am liebsten hätte ich jedem persönlich geantwortet, doch das hätten meine Finger wohl nicht mehr geschafft, und so habe ich mich bei ein paar der Gratulanten in einer der Podcast-Folgen bedankt. Einigen Damen und Herren musste ich aber einfach einen kleinen Brief schreiben, sodass meine alte Reiseschreibmaschine wieder einmal zum Einsatz kam, auch wenn ich natürlich weiß, dass man Privatpost normalerweise nicht maschinell erledigt.

Der Geburtstag ist jetzt schon lange vorbei, aber Kim besucht mich nach wie vor jede Woche und wir bringen unter viel Gekichere neue Folgen zustande. Ich frage Kim übrigens nie, ob sie es sich zeitlich überhaupt leisten kann, so oft zu mir zu kommen, denn sie hat ja auch noch ihren Beruf und zwei süße Hunde, die auch ihre Aufmerksamkeit brauchen.

Aber einmal wird Schluss sein, das muss ich wohl oder übel akzeptieren. Doch daran will ich heute noch nicht denken, sondern mich freuen, dass ich in meinem Alter noch so viel mit dem Podcast bewegen kann. Über all die Antworten, Grüße und Danksagungen freuen wir uns immer und möchten auf diesem Wege ein herzliches »DANKESCHÖN« sagen.

1.

DO YOU SPEAK ENGLISH?

In unserer ersten Podcast-Folge trinken wir zur Einstimmung Haselnusslikör, von dem ich dachte, er sei mild, denn Oma mag keinen harten Alkohol. Er war aber nicht mild und wir müssen beide husten. Wir trinken aus Omas Kristallgläsern, aus denen noch nicht allzu oft getrunken wurde, wie Oma sagt. Die Gläser stehen neben dem Esstisch in einer Vitrine. Sie kommen nur bei besonderen Anlässen – wie einem Geburtstag – auf den Tisch, und müssen, bevor man sie benutzt, immer erst mit einem Geschirrtuch abgerieben werden, denn es könnte sich seit dem letzten Gebrauch ja Staub am Glas abgesetzt haben. Wir husten also kurz, dann beginne ich direkt mit unserem ersten Thema. Ich habe mich nämlich gefragt, warum heutzutage eigentlich so viele englische Wörter existieren und es uns meist nicht einmal mehr auffällt.

Manche Wörter sind aus meinem täglichen Sprachgebrauch nicht mehr wegzudenken, wie beispielsweise das Wort »cool«. Das hat meine Oma früher nicht gesagt, wenn ihr etwas gut gefallen hat. Stattdessen sagte sie »toll«! Ich dagegen wuchs mit Englisch auf, habe als kleines Kind schon englische Lieder gesungen, schaue heute Filme und Serien auf Englisch und höre fast ausschließlich englischsprachige Musik.

In der Schule lernte meine Oma Englisch als Pflichtfach, obwohl ihr Französisch immer besser gefiel.

Englisch ist zwar die Weltsprache, aber eleganter ist Französisch.

Trotzdem war in den Zeitungen und anderen Medien damals kaum Englisch vertreten. Erst durch ihre Tochter und ihre beiden Enkelinnen kam Oma nach und nach mit Englisch im Alltag in Berührung und machte mit 84 Jahren noch einen Englischkurs. Mit sieben anderen Kursteilnehmern zwischen 40 und 80 Jahren frischte sie drei Jahre lang ihr Englisch-Wissen auf.

Würdest du sagen, der Kurs hat dir etwas gebracht?

Ja! Für die Grammatik vielleicht nicht, aber sonst ja. Ich würde schon gerne so sprechen wie ihr.

Ich erinnere mich, dass ich ihr während des Kurses oft bei den Englisch-Hausaufgaben helfen sollte. Ab und an schrieb sie mir auch eine SMS in Englisch, wie zum Beispiel »I love you.« oder »How do you do, Kim?«

Bewundernswert finde ich, dass Oma mit knapp 90 Jahren noch etwas lernen wollte, dass sie sich auch heute nicht einfach zurücklehnt und denkt »Ach, sollen die doch Englisch reden, ich will davon nichts mehr wissen!«, sondern selber daran teilhaben will!

Wenn ich sie frage, ob sie noch etwas aus dem Kurs weiß sagt sie ganz leise

Ich sag mal lieber nein!

»I don’t know« und »How do you do« kann sie aber nach wie vor noch!

Wenn Oma Inge heute die Zeitung liest, fallen ihr fast in jedem dritten Satz Wörter auf, die es auch im Deutschen Sprachgebrauch gibt, wie Event, Meeting, Outfit, Fashion, To-do-Liste.1

Selbst in den Tageszeitungen wird oft beklagt, dass heute so viel Englisch verwendet wird. Oder der deutsche Begriff steht in Klammern daneben. Warum? Die brauchen das doch gar nicht erst da hinzuschreiben!

In unserer ersten Folge sagt Oma einen sehr rührenden Satz:

Weißt du, manchmal, wenn ich im Bett liege, stell’ ich fest, dass ich den ganzen Tag kein einziges Wort gesprochen habe.

Echt?

Ja, mit wem denn?! Und dann nehm’ ich mir vor, am nächsten Morgen gleich nach dem Frühstück zur Frau Bollinger zu gehen, um sie zu fragen, wie es ihr geht, ob sie gut geschlafen hat.

Das ist ja voll traurig, Oma!

Ja, aber mich stört das nicht weiter.

Jeden Montag besucht meine Oma den Näh-Treff, der direkt gegenüber von ihrer Wohnung stattfindet. Hier hat sie schon Blusen, T-Shirts, Blazer, Mäntel, Hosen, Jacken und Kleider für sich und die ganze Familie genäht. Seit 1974 geht Oma dort hin, mittlerweile jedoch nicht mehr um zu nähen, sondern einfach, um mit den »Näh-Damen« zu plaudern. Sie trinkt eine Tasse Kaffee und erfährt von den Neuigkeiten, die es nicht in die Zeitung geschafft haben. So hat sie jeden Montag was zu tun und viel Unterhaltung.

Um drei Uhr geh’ ich wieder, weil da mein doofer Film kommt! Sturm der Liebe. Wird immer blöder von Tag zu Tag.

Wir beenden die Folge und Oma schreibt ihrer Tochter, meiner Mutter, eine SMS mit den Worten:

HAB N SCHWIPPS.

2.

LÖCHER IN DER HOSE?!

Mit der heutigen Mode komm’ ich nicht mehr mit, weil ich manches so furchtbar unansehnlich finde, aber dann sagt ihr: Oma, das trägt man so!

Löcher in einer Jeans und auch Löcher in T-Shirts, Buffalo Plateau-Schuhe – Trends, die ich schon in den 90er Jahren furchtbar fand. (Oma hingegen findet diese Schuhe für ihren Pommerschen Einheitsfuß super.) Furchtbar findet Oma beispielsweise Hosen, die im Schritt hängen, aber die sehe man zum Glück nicht mehr so häufig. Was sie auch nicht schön findet, ist, wenn man unter einer Jacke etwas trägt, das unter der Jacke hervorguckt.

So wie man heute geht, sieht das mitunter abscheulich aus. Ich find’ das nicht schön! Aber so ist nun mal die Mode.

Omas eigene Großmutter trug nur Schwarz, wie fast alle älteren Frauen. Woran lag das? Oma meint, sie haben sich vermutlich nicht getraut, bunte Kleidung anzuziehen, aus Angst aufzufallen. Kleine Kinder trugen meist fröhlichere Farben, allerdings nicht allzu lange. Als Oma sechs Jahre alt war, 1932, strickte ihre Oma ihr schwarze Strümpfe, die unglaublich kratzten. Um das Kratzen zu mildern, wickelte sich Oma Inge die Kleider ihrer Puppen um die Waden und zog die Strümpfe darüber. Ihre Klassenkamerad*innen lachten darüber und sagten: »Inge hat aber komische Beine!«

Als Oma ein junges Mädchen war, hingen in ihrem Kleiderschrank folgende Kleidungsstücke: ein Sommer-, ein Frühjahrsund ein dickes Winterkleid; jeweils eines für den Alltag und eines für Sonntage und die Kirche. Dazu Strümpfe, Kniestrümpfe, ein paar Unterhosen, ein Mantel oder eine Jacke und ein Pullover. Wenn die Kleider ein Loch oder einen Riss hatten, wurden sie geflickt; wenn sie »aufgetragen« waren, machte Omas Stiefmutter ein neues Kleidungsstück daraus, denn sie war Schneiderin und konnte immer schöne Sachen nähen.

In meinem Kleiderschrank sieht es heute ein bisschen anders aus. Ich habe noch nie den gesamten Inhalt aufgelistet, aber als ich neulich mal meine Socken neu sortiert habe, zählte ich über 50 Paar und war schockiert. Mein Schrank war immer schon gut gefüllt, auch als Kind. Ich habe es nicht anders gelernt: Wenn Mama mit mir shoppen ging, habe ich immer irgendwas bekommen, auch wenn ich es nicht unbedingt gebraucht habe. Heute kaufe ich mir daher auch nicht nur dann etwas, wenn ich es brauche, sondern, wenn ich zufällig daran vorbeilaufe oder mir im Internet etwas gefällt. Ohne lange zu überlegen wandert das sechste schwarze Oberteil ab in den Einkaufswagen, ist zwei Tage später mit den anderen zwölf Teilen in einem Karton bei mir zuhause und ich bin zwar kurzzeitig glücklich aber mittelfristig pleite. Könnte ich auch überleben mit nur sechs Kleidern im Schrank wie Oma damals? Würde ich etwas vermissen, wenn ich mir nicht mehr jeden Monat ein neues Kleidungsstück kaufen würde?

Früher hatte man nicht das Geld, sich »einfach mal« zwischendurch was zu kaufen. Etwas nur eine Saison lang zu tragen, war und ist für Oma ein Unding. Sie trägt manche Kleidungsstücke so lange, bis sie sie nicht mehr sehen mag oder sie gar auseinanderfallen. Meine Mutter schenkte ihr kürzlich zwei T-Shirts, die bei ihr »schon zwei Jahre« ungetragen im Schrank lagen. Oma »trägt sie nun auf«, wie sie so schön sagt.

Auch die heutigen Einkaufsmöglichkeiten gab es früher nicht. Hunderte Geschäfte, Boutiquen, Kaufhäuser, Shoppingmalls, Onlineversand, im Ausland bestellen … Dazu noch Modetrends, die sich alle paar Wochen ändern. Ein Kleid wurde damals mitunter fünf Jahre getragen. Wenn es zu eng wurde, wurde es weiter gemacht, wenn es zu kurz wurde, wurde Stoff angenäht.

Oma Inge, die Cousinen und die Schwester meines Opas in Stuttgart, 1955.

Zum ersten Mal »shoppen« ging Oma, als sie 45 Jahre alt war. Als sie das sagte, musste ich kurz innehalten und über meine letzten Shopping-Eskalationen der vergangenen zwei Wochen nachdenken: eine Bluse, zwei neue Kleider, ein Oberteil, neue Turnschuhe. Und Oma, als sie so alt war wie ich, war trotzdem glücklich; mit einem Bruchteil an Kleidung im Schrank.

Ich kaufe sehr oft und gerne in Second-Hand-Läden ein, hier finde ich mitunter besondere Einzelstücke. Immer, wenn ich einen solchen Laden betrete, fühlt es sich für mich so an, als würde ich in eine Zeitmaschine steigen. Ich nehme mir gerne viel Zeit, stöbere auf Reisen und Städtetrips am liebsten stundenlang in Vintage-Boutiquen und stelle mir vor, wer die Kleidungsstücke mal getragen haben könnte. Ein großer Teil meines Schrankinhaltes ist Second-Hand, mittlerweile überlege ich lange, bevor ich mir etwas Neues kaufe.

Früher hat man sich nur dann etwas gekauft, wenn man etwas brauchte! Sprich, zu irgendeinem Fest, zu einem Abschied eines Kollegen oder einer Kollegin, da wollte man ja etwas Nettes anziehen. Es musste also was Neues her, denn man konnte ja nicht dasselbe wie im letzten Jahr anziehen, wobei die Anwesenden das sicher gar nicht gemerkt hätten.

Als Oma 18 Jahre alt war, sah sie in einem Schaufenster ein Paar Sommerschuhe, rot und weiß, 23,90 DM haben sie gekostet. Sie fragte ihre Stiefmutti, ob sie die Schuhe bekäme, doch sie sagte »Nein, so teure Schuh’?!«. Sie hat sie nie bekommen und muss immer noch an diese bildschönen, zweifarbigen Riemchen-Sandalen denken. Ich frage Oma, ob sie sich solch ähnlichen Schuhe denn heute kaufen würde.

Nein. Nein. Ich hab’ doch Quadratlatschen und kann solche Schuhe bestimmt nicht mehr tragen.

Oma fing mit 16 Jahren an zu arbeiten, hatte also, als sie 18 war, schon ein kleines Gehalt, doch das war so wenig, dass sie nach Abzug des Wohngeldes (sie wohnte zwar bei ihren Eltern, musste jedoch »Kostgeld« zahlen) froh war, wenn sie sich mit dem Rest alle vier Tage mal ein Eis oder andere Süßigkeiten kaufen konnte.

Ein Paar Nylonstrümpfe kostete damals 90 Mark.

Echt?!

Ja. Wer sollte sich die kaufen?! Folglich haben wir unsere normalen Strümpfe links rum angezogen, so, dass sie etwas schicker aussahen. Eine Zigarette – ich habe nie geraucht, aber Kolleginnen – kostete 10 Mark. Die Kollegin ging mit 10 Mark auf die Damentoilette, um eine Gleichaltrige zu finden, die ihr eine Zigarette verkaufte, die sie von einem Amerikaner für irgendeinen Liebesdienst geschenkt bekommen hatte. Ich fand das furchtbar. Ich habe zum Beispiel auf meiner Dienststelle mal ein Gespräch nach Bad Godesberg zustande gebracht und als Dank dafür durfte ich mir am nächsten Tag eine Flasche Essig abholen.

Dafür, dass du deine Arbeit gemacht hast?

Ja, das könnt ihr euch nicht vorstellen. Einen Liter Essig. Mutti hatte irgendwann gesagt »Ich kann keine Heringe einlegen ohne Essig!« Zitronen gab es ja gar nicht.

Oma, also welchen Trend ich nicht verstehe, ist der, dass man sich neue Klamotten kauft, in denen schon Löcher sind. Verstehst du das?

Nee. Ach so, wie diese Jeans, die am Knie schon kaputt sind?

Ja, es gibt auch Jeans, da sind überall Schlitze drin, findest du das schön?

Nein!!

Oma erzählt die Geschichte, wie sie einmal eine solche Jeans flicken wollte. Der neue Freund ihrer Großnichte, hatte ein Loch in seiner Jeanshose. Keiner sagte etwas über dieses Loch, bis Oma ihre Großnichte bat, ihn dazu zu bringen, seine Hose in einem anderen Zimmer auszuziehen und ihr zu geben, sodass sie sie nähen konnte. »Nein, um Gottes Willen, Tante Inge, das trägt man heute so!« Da war die Welt für Oma Inge nicht mehr in Ordnung, dass man mit Löchern auf die Straße geht.

Allerdings: Wenn ich heute 15 wäre, würde ich vermutlich auch Hosen mit Löchern tragen. Weil es alle tun und ich dazugehören »müsste«.

Ich erinnere mich an eine Phase im Jahr 2000, Schlaghosen waren zu der Zeit wieder modern. Ich war 13 und hatte eine Lieblingsjeans, die aber viel zu lang war; der Schlag schleifte beim Gehen immer über den Boden, doch ich fand das super. Der überschüssige Jeansstoff wurde bei jedem Schritt von meinen Versen unter den Schuh gezogen, was nach einiger Zeit in Löchern resultiere. Besonders schön war es, wenn es regnete: die Hosenbeine waren nass und wenn ich einen Raum betrat, waren auch Boden und Socken nass. Heute kann ich darüber lachen, hätte mir damals aber jemand gesagt, dass ich so nicht rumlaufen kann, hätte mich das zutiefst gekränkt, denn viele in meinem Alter kleideten sich so. Es war ein Trend. Kurz davor endete eine andere Phase, durch die meine Familie mit mir als Teenager durchmusste: Skateschuhe, Fatlaces und Schwämme als Stopfmaterial. Vielleicht denkst du jetzt: »JA! Die Phase hatte ich auch!« oder aber du hast keinen blassen Schimmer, wovon ich hier gerade schreibe. Ich versuche, es zu erklären.

Skateschuhe sind, wie der Name schon sagt, Schuhe, die hauptsächlich Menschen tragen, die Skateboard oder eine sonstige Art von Board auf der Straße fahren. Es ist also ein Schuh, speziell für den Skateboardsport entwickelt. Sie unterscheiden sich von »normalen« Turnschuhen vor allem durch eine Sohle, die sehr flexibel ist und die Haftung auf dem Skateboard erleichtert, und durch Verstärkungen an häufig abnutzenden Stellen, wie zum Beispiel den Schnürsenkeln. Ich habe zwar ein Skateboard besessen, bin aber nur ein einziges Mal auf einem Skateboard geskatet, dennoch musste ich mit 12 unbedingt auch Skateschuhe haben, denn 1999 hatten ALLE coolen Teenager Skateschuhe. Meine Eltern, meine Schwester und ich machten im Sommer 1999 Urlaub in Amerika, das Land der unbegrenzten Skateschuhmodelle. Ich war erst zufrieden, als mir nach drei Tagen mein erstes Paar Skateschuhe der Marke »Vans« an den Füßen klebte. Klobige, unförmige Treter, die aussehen wie Schuhe, die ein kleines Kind im Kindergarten zeichnen würde. Aus Nostalgiegründen hat meine Mutter die Schuhe lange im Keller aufbewahrt und mir neulich erst dieses Erinnerungsfoto geschickt. Von Halt war in diesem Schuh nichts zu spüren. Die sogenannten »Fatlaces«, die ca. vier Zentimeter breiten, »fetten Schnürsenkel«, waren reine Show. Um in dem Schuh nicht bei jedem Schritt das Gefühl zu haben, ihn zu verlieren, musste man sich etwas Schlaues einfallen lassen. So nahm man einfach zwei Schwämme zur Hand, die man – in jeden Schuh einen – zwischen Fußrücken und Schuh klemmte. Schwämme habe ich selbst nie ausprobiert als Stopfmaterial, ich habe mir in jeden Schuh zwei Paar Socken gesteckt, die bei dem ein oder anderen schnellen Sprint zum Bus auch mal rausrutschten und über die Straße rollten. Vielleicht sind die Jeans mit Löchern im Vergleich dazu gar nicht mal so schlimm, wenn ich länger darüber nachdenke.

Meine Uroma, Omas Stiefmutter, brachte meiner Mutter in den 70er Jahren oft etwas Selbstgenähtes mit, wenn sie zu Besuch nach Stuttgart kam, unter anderem ein Kleid aus zwei verschiedenen Stoffresten, grün und blau. Meine Mutter zog es auch in die Schule an, doch als sie nach Hause kam, zog sie sich das Kleid sofort aus mit den Worten: »In der Schule haben sie gesagt: Grün und Blau trägt Kasperle sei’ Frau!« Damit wurde das Kleid nie wieder angezogen. Das hätte sich Oma in ihrem Alter nicht erlauben dürfen.

Oma, wie findest du eigentlich meinen Kleidungsstil?

Manchmal nicht so nach meinem Geschmack. Aber ich muss sagen: In letzter Zeit doch. Schlimm war’s im Winter. Da bist du manchmal mit so abgewetzten kurzen Hot… Kurzen Hosen gekommen und darunter Strumpfhosen. Das war bestimmt modern, aber es sah furchtbar aus. Kurze Jeans! Das war im letzten Winter erst!

Das kann nicht sein, Oma.

Doch! Da hab’ ich gedacht: Gott, hoffentlich sieht sie keiner!!

Ich hab’ so ’ne Hose und hatte die auch mal über einer Strumpfhose an, aber letztes Jahr sicherlich nicht und ganz sicher nicht im Winter.

Okay. Und dann gibt’s noch andere Kleidungsstücke, die ich nicht sooo besonders mochte an dir. Aber ich hab’ mirdann immer sagen lassen: »Das ist modern, Oma, das verstehst du nicht!«

An einem Tag im Winter, ich teilte es auch auf meinem Instagram-Account, fragte ich Oma, wie sie mein neues Kleid finde. Ein Graues, bis zur Wade, aus dickem Jersey-Stoff, relativ weit geschnitten, man könnte auch »sackig« dazu sagen. Aber im Winter, mit Strumpfhosen, ist es für mich das bequemste Kleidungsstück. Sie schaute an mir herunter und sagte energisch:

Beschissen!