Ostfriesenspieß - Wolfgang Santjer - E-Book

Ostfriesenspieß E-Book

Wolfgang Santjer

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Beschreibung

Auf einem Parkplatz am »Ostfriesenspieß«, der Autobahn 31, findet eine Polizeistreife einen Toten. Dem Ermordeten fehlt der rechte Zeigefinger. Einziger Hinweis ist der billig aussehende Ring an der Hand des ansonsten gut und teuer gekleideten Mannes. Und er bleibt nicht das einzige Opfer. Gehen die Verbrechen auf das Konto einer Bande, die mit billigem »Autobahngold« hilfsbereite Reisende betrügt? Hauptkommissar Jan Broning und Onno Elzinga müssen bald auch noch nach einem verschwundenen Kollegen suchen, dessen Streifenwagen verlassen auf einem Parkplatz gefunden wurde. Doch dann machen Arbeiter im Kraftwerk der rheiderländischen Stadt Weener eine grausige Entdeckung

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Wolfgang Santjer

Ostfriesenspieß

Kriminalroman

Zum Autor

Wolfgang Santjer wurde 1960 in Leer geboren und lebt in Bingum an der Ems. 38 Jahre lang versah er als Polizeibeamter Dienst bei verschiedenen Polizeibehörden – angefangen beim damaligen Bundesgrenzschutz, dann der Wechsel zur Landespolizei. Weitere Stationen waren die Wasserschutzpolizei in Emden und Leer und die Autobahnpolizei in Leer, wo er sich unter anderem auf die Gefahrgutüberwachung spezialisierte. Als Ausgleich zu seiner Schreibtischarbeit als Autor schnitzt Wolfgang Santjer aus alten Schiffsdalben große Holzskulpturen für den Garten.

Impressum

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[email protected]

Alle Rechte vorbehalten

(Originalausgabe erschienen 2015 im Leda-Verlag)

Herstellung/E-Book: Mirjam Hecht

Covermotiv: © Wolfgang Santjer

ISBN 978-3-8392-6462-1

Haftungsausschluss

Personen und Handlung sind frei erfunden.

Ähnlichkeiten mit lebenden oder toten Personen

sind rein zufällig und nicht beabsichtigt.

Vorwort

Liebe Leserinnen und Leser!

Die Schauplätze des nachfolgenden Krimis befinden sich an der Autobahn.

Zur besseren Orientierung habe ich die Tatorte, insbesondere die Parkplätze und Anschlussstellen, aufgelistet.

Ostfriesenspieß: Die Autobahn A31 vom Ruhrgebiet bis nach Ostfriesland verläuft auf der Karte in einer geraden und vertikalen Linie, ähnlich einem Spieß.

Polizisten lieben Abkürzungen. Hier einige Erklärungen dazu.

Rtg.: Richtung

AS: Anschlussstelle

AD: Autobahndreieck

OL: Oldenburg

Mep.: Meppen

Ndl.: Niederlande

PP: Parkplatz oder Rastplatz

Reihenfolge der Parkplätze, Anschlussstellen und Besonderheiten:

A31, Fahrtrichtung Meppen in Rtg. Oldenburg:

AS Rhede,

PP Rhede/Olle Rheen,

AS Papenburg,

Autobahndreieck Bunde (verlässt man die A31 und folgt der A280 Rtg. Ndl. so fährt man, vor dem Grenzübergang, an der AS Bunde-West vorbei).

Weiterer Verlauf der A31:

Trogstrecke Bunde,

AS Weener, (verlässt man die A31 und biegt nach links auf die B436 in Rtg. Weener ab, so befindet sich die Müllverbrennungsanlage an der Umleitungsstrecke, zwischen den AS Jemgum und AS Weener)

PP Rheiderland,

AS Jemgum/Bingum,

Emstunnel Südröhre,

AS Leer-West (Rtg. OL), hier befindet sich die Dienststelle der Autobahnpolizei,

AS Leer-Nord,

Autobahndreieck Leer (Abzweigung Rtg. Emden)

Bezeichnungswechsel: aus der A31 wird die A28,

AS Leer Ost,

PP Nortmoor (der gegenüberliegende PP Rtg. Mep. heißt PP Brinkum,

AS Filsum,

AS Apen/Remels,

PP Uplengen-Süd (der gegenüberliegende PP Rtg. Mep. heißt Uplengen-Nord),

AS Westerstede-West.

Personen der Handlung

Kriminalbeamte

Chef Renko Dirksen

Jan Broning

Maike de Buhr (Vater ist Johann de Buhr)

Spurensicherung

Stefan Gastmann

Albert Brede

Bereitschaftsgruppe für Tatorte

Egon Kromminga

Anni Ruiter

Autobahnpolizisten

Chef Anton Martens

Stellvertreter Heinrich Greve

Streifenbulli 91/07

Onno Elzinga (Ehefrau Anke Elzinga)

Klaas Leitmann (Ehefrau Renate Leitmann)

Streifenbesatzung 91/02

Rolf Berger (Schichtleiter)

Astrid Berger (Ehefrau)

Mark Rode (Schichtleiter und Bärenführer)

Swantje Benninga (Auszubildende)

Hundeführer

Hermann Blohm mit Schäferhund Bronko

Insa Boomgarden mit Schäferhund Rambo

Polizeidienstgebäude in der Stadt (Mutterhaus)

Chef Thomas Sprengel

Klaus Hensmann (Schichtleiter)

Fritz von Pankow (Pensionierter Kollege aus Brandenburg)

Beamter des Gewerbeaufsichtsamtes

Jürgen Hartog

Staatsanwalt

Grohlich

Rechtsmedizin

Doktor Knoche (1.Obduzent)

Doktor Andresen (2. Obduzent)

Angestellter der Autobahnmeisterei Kurt Delling

Geschäftsführer der ndl. Hähnchenmastanlage Piet de Jong

Kraftwerker

Leiter Rainer Tergast

Eilert Haats (Schichtleiter)

Heiko Buntjes

Bestatter

Siegmund Erdmann

Abschlepper

Lothar Düselder

Anlageberater

Max van der Wierde

Sonstige Verkehrsteilnehmer

Erich Schulte (Mercedes-Fahrer)

Linde Schulte (Ehefrau)

Karl Klein (Transporter-Fahrer)

Abel Batz

Lisa Batz (Ehefrau)

Henk Zijlstra (Lkw-Fahrer aus den Ndl.)

Franz Ravenberg (Brandenburg)

Erläuterungen zur Karte

Zur besseren Orientierung werden im Krimi Örtlichkeiten wie folgt dargestellt:

Die Nummern der jeweiligen Örtlichkeiten finden Sie in den Fußzeilen.

Nr. auf der Karte

Örtlichkeit

1

AD Bunde

2

AD Leer

3

PP Olle Rheen/Rhede

4

PP Rheiderland

5

PP Brinkum/Nortmoor

6

PP Uplengen Nord

7

PP Uplengen Süd

8

Industriegebiet Bunde-West

9

Kraftwerk Weener

10

Bereitschaftsplatz an der AS Jemgum

11

Emstunnel

12

Jann-Berghaus-Brücke

13

Polizeidienstgebäude in der Stadt

14

Polizeidienstgebäude der Autobahnpolizei

15

B436 Umleitungsstrecke zwischen AS Weener und AS Jemgum

16

Trogstrecke

17

AS Jemgum/Bingum

18

AS Bunde-West

19

AS Leer-West

 

Zitat

Wenn es für unser Leben etwas Ewiges geben soll,

so sind es die Erschütterungen,

die wir in der Jugend empfangen.

Theodor Storm

Prolog

Tag 1, nachts PP Uplengen-Nord, Rtg. Mep.1

Er saß auf dem Fahrersitz des Transporters und sah nach draußen auf den einsamen Autobahnrastplatz. Wie verabredet hatte sie das alte Wohnmobil etwa 200 Meter vor seinem Fahrzeug am Rand des Parkplatzes abgestellt und die rote Beleuchtung eingeschaltet.

»Kannst du mich hören?« Ihre Stimme klang nervös und aufgeregt.

Er nahm das kleine Funkgerät aus der Ablage des Armaturenbretts und drückte die Sprechtaste. »Beruhige dich, ich kann dich gut sehen und pass auf dich auf. Schalte noch das rote Herz an.«

Kurz darauf leuchtete das Herz in knallig roter Farbe im hinteren Fenster des Wohnmobils.

Er legte das Funkgerät zu seiner restlichen Ausrüstung. Seine Hand fühlte die Handschellen, den Elektroschocker, das kleine Säckchen mit dem Autobahngold und das kalte Metall der Schere.

Noch war kein Kunde in Sicht. Er griff nach der Schere und wog sie in seiner Hand.

Er hatte sich sehr verändert. Zusammen mit seiner Naivität hatte er auch seinen Namen abgelegt.

1989 (Zeit der Wende) Brandenburg

Er stand vor der Wohnung seines Anlageberaters. In der Hand hielt er den aktuellen Kontoauszug seiner Bank. Die Tür ging auf und vor ihm stand Max van der Wierde. Dessen Lächeln wirkte aufgesetzt und angestrengt. Der Anlageberater war offensichtlich überrascht, ihn zu sehen.

»Guten Tag, Herr Bach, was kann ich für Sie tun?« Nach einer kurzen Pause fügte van der Wierde hinzu: »Kommen Sie doch rein!«

Er zwang sich zur Ruhe und betrat die Wohnung.

»Am besten, wir setzen uns in mein Büro, ich muss nur schnell in die Küche, den Herd ausschalten. Heute gibt es Hühnchen in Wein.«

Nun saß er auf demselben Stuhl wie vor vier Wochen, als er den Vertrag zu den Schiffsbeteiligungen unterschrieben hatte. Das Telefon auf dem Schreibtisch klingelte. Später konnte er sich nicht erinnern, wieso er aufgestanden und in den Flur gegangen war. Die Telefonklingel verstummte und er hörte van der Wierdes leise Stimme aus der Küche.

Vorsichtig sah er in den Raum. Der Mann stand mit dem Rücken zu ihm, rührte mit einem Kochlöffel in einem Topf und hielt einen Telefonhörer mit der anderen Hand.

Sein Anlageberater lachte. »Stell dir vor, jetzt sitzt dieser Trottel in meinem Büro und wartet darauf, dass ich ihm den Rest von seinem Geld abknöpfe«, flüsterte er.

Ihm war sofort klar, wer der Trottel war. Er ging in die Küche, riss van der Wierde das Telefon aus der Hand und warf es in den Kochtopf.

»Was fällt Ihnen ein, sind Sie verrückt?«

»Wo ist mein Geld? Der Trottel will wissen, wo sein Geld ist!«

Van der Wierde dachte wohl, Angriff sei die beste Verteidigung. »Verschwinden Sie aus meiner Wohnung!«, schrie er und zeigte zur Eingangstür.

»Nicht ohne mein Geld!«

Nun fing van der Wierde an, hysterisch zu lachen. »Dein Geld ist weg, Ronny. Futsch. Kapiert? Wir sind pleite! Wir haben keine Ladung für die Schiffe!«

Ronny war sprachlos. Seine gesamten Ersparnisse hatte er diesem Mann anvertraut und nun stand er vor dem Nichts.

Van der Wierde sah, wie die Wut der Verzweiflung wich und sein Gegenüber in sich zusammenbrach, und beging einen verhängnisvollen Fehler. »Du bist schuld, du hast mir ja dein Geld aufgedrängt. Hast mich in Versuchung geführt.« Er stieß Ronny den Zeigefinger gegen die Brust. Dann tippte sein Finger immer abwechselnd an Ronnys Schulter und Bauch. »Du hast mich doch zum Zocken verführt!«

Ronny sah nicht mehr van der Wierde vor sich stehen, sondern seinen Vater, der ihn beschimpfte und ihm den Finger in den Bauch bohrte. »Du – mein Sohn? Dass ich nicht lache, du Taugenichts!« Sein Vater hatte es nötig …! Hatte sich den ganzen Tag mit Nutten rumgetrieben.

Dann war es der Zeigefinger seines Klassenlehrers, dessen beliebtestes Opfer er gewesen war. »Ronny, aus dir wird nie was.« Die anderen Kinder in der Klasse hatten gelacht und ihn angestarrt. Er konnte ihre Blicke immer noch auf seinem Körper spüren, als er jetzt wieder den Mann vor sich wahrnahm, der ihn um sein ganzes Erspartes betrogen hatte.

Ronny ballte eine Faust und seine ganze Frustration entlud sich in diesen Schlag.

Der Faustschlag traf van der Wierde am Jochbein und er fiel nach hinten. Der Kopf knallte auf den Fliesenboden der Küche.

Auf der schwarzen Granitarbeitsplatte lag noch die Geflügelschere, mit der van der Wierde offenbar kurz zuvor das Hühnchen zerteilt hatte. Blut und Fettreste schimmerten im Schein der Beleuchtung.

Der Anlageberater war noch benommen. Er lag mit dem Rücken auf dem Küchenfußboden und versuchte, sich zu orientieren.

»Du nennst mich einen Trottel?«, schrie Ronny Bach und kniete sich neben van der Wierdes rechtem Arm nieder. Seine linke Hand umschloss wie ein Schraubstock den Zeigefinger des Mannes, der ihn ausgelacht hatte. In der Rechten hielt er die Geflügelschere. Dieses Schwein würde nie wieder mit dem Finger auf andere Leute zeigen. Ronny würde sich nicht noch einmal demütigen lassen. Entschlossen drückte er die Griffe der Schere mit aller Kraft zusammen.

Das knirschende, knackende Geräusch ging im Schrei seines Opfers unter. Ronny Bach steckte den abgetrennten Finger zusammen mit der Geflügelschere in seine Jackentasche. Er verließ die Wohnung und lief nach Hause. Dort wartete er auf die Polizei.

Tag 1, nachts Rastplatz Uplengen-Nord, Rtg. Leer/Mep2.

Seine Hände umschlossen noch immer verkrampft die Schere. Er sah zum Wohnmobil hinüber und hörte das Geräusch eines herannahenden Autos. Er legte die Schere unter den Sitz und griff nach dem Funkgerät.

Ein schwarzer Mercedes SLK hatte zwischen dem Transporter und dem Reisemobil geparkt.

*

Der Mann im Mercedes war auf der Autobahn fast eingeschlafen. Das Hinweisschild auf einen Parkplatz war ihm gerade recht gekommen.

Er saß allein im Auto. Seine Beine fühlten sich schwer und müde an. Das lange Stehen auf dem Messestand hatte ihn angestrengt. Die schlechte Luft und der ständig hohe Geräuschpegel dort machten es auch nicht besser. Immer dieselben Verkaufsgespräche über die Vorteile der angepriesenen Fassadenverkleidung … Die Kunden waren vorsichtiger geworden. Er musste seine ganze Überredungskunst aufbieten, damit es zu Vertragsabschlüssen kam.

Einen Vorteil hatte die Arbeit an dem Stand: Der Dienstwagen, ein nagelneuer Mercedes, war einsame Spitze.

Natürlich bekam man den vom Chef nur, wenn die Anzahl der Abschlüsse den Erwartungen entsprach. Er seufzte. Nächstes Mal bekam er sicher die ausgelutschte alte Karre mit. Sein neuer, junger, dynamischer Kollege hatte ihn bei den Abschlüssen weit abgehängt.

»Diese verdammte Freisprecheinrichtung«, fluchte er, »wie funktionierte das auch noch?« Er schaltete die Innenbeleuchtung an. Endlich gelang es ihm, seine Festnetznummer einzugeben. Die Verbindung baute sich auf und sein Blick richtete sich nach draußen und fiel auf ein rot beleuchtetes Wohnmobil.

*

Zum Glück hatte der Mercedes-Fahrer die Innenbeleuchtung angeschaltet. Beim nächsten Mal brauche ich unbedingt ein Nachtsichtgerät, stellte der Fahrer des Transporters fest.

Die Situation war optimal. Keine anderen Fahrzeuge auf dem Parkplatz. Ihr Opfer war allein im Auto.

Er griff zum Funkgerät, atmete tief durch und drückte die Sprechtaste: »Dies ist unser Mann, alles wie geplant!«

Die Tür des Wohnmobils öffnete sich und sie stieg aus.

Mein Gott, der Mercedesfahrer hatte keine Chance. Sicher, sie war eine schöne Frau, aber diese Aufmachung mit Schminke und Reizwäsche … ›Unwiderstehlich‹ trifft es wohl am besten, dachte er.

*

Der Lautsprecher im Mercedes knackte. »Schulte!«, meldete sich seine Frau am anderen Ende der Leitung.

»Ich bin es, Erich, wollte mich nur mal kurz melden.«

»Das wird auch Zeit. Hast ja lange nichts von dir hören lassen.«

»Ist ja gut, Linde, ich bin circa in einer Stunde zu Hause und habe ganz schön Kohldampf.«

»Aha, daher weht also der Wind! Nur weil der feine Herr Hunger hat, ruft er an.«

Während ihn seine Frau beschimpfte, sah Erich Schulte eine Frau aus dem Wohnmobil steigen. Die dunkle Schönheit schaute in seine Richtung. Sie trug nur dunkelrote Reizwäsche und alles, aber auch alles, was er sah, gefiel ihm. Besonders die schwarzen Lackstiefel.

»Erich, hörst du überhaupt zu? Ich rede mit dir.«

»Linde, ich muss auflegen. Der Chef reißt mir den Kopf ab, wenn wir zu lange telefonieren.« Er drückte den roten Knopf an seinem Handy und beendete so das Gespräch. Mit Wehmut dachte er an längst vergangene Zeiten. Linde, seine große Liebe … Und jetzt tote Hose im wahrsten Sinne des Wortes. Wie lange war es eigentlich her, dass Linde und er …? Keine Ahnung. Sicher schon viel zu lange.

Die dunkle Schönheit begann mit einem Lappen in der Hand, die Fensterscheiben ihres Mobils zu bearbeiteten. Dazu bückte sie sich wie zufällig ständig nach dem Wassereimer neben ihr. Natürlich genau in seine Richtung! Erich konnte seinen Blick nicht von ihr lösen und bekam einen trockenen Mund. Sein Freund in der Hose erwachte aus dem Tiefschlaf.

Er überlegte nur kurz. Sein Schwarzgeld wäre hier gut angelegt.

So konnte er aber nicht aussteigen. Trotz der Dunkelheit war seine Erregung nicht zu übersehen.

Seine linke Hand griff zum Türöffner und die rechte zu seiner Strickjacke. Als er ausgestiegen war, legte er sich die Jacke über den Arm und hielt sie vor seine Hose.

Er ging auf sie zu und blieb direkt vor ihr stehen. Die dunkle Schönheit lächelte ihn an. Das Miststück wusste genau, welche Wirkung das Putzmanöver auf ihn gehabt hatte.

Eigentlich ungewöhnlich, dass sie ausgestiegen war. Ihre Berufskolleginnen blieben meist unauffällig drinnen sitzen. Eine innere Stimme rief: Dreh um, steig ins Auto und fahr weg!

Sie lächelte ihn an und fragte ihn mit dunkler, rauchiger Stimme, ob sie etwas für ihn tun könnte. Ihre Hand griff unter seine Strickjacke und legte sich auf die Wölbung unter seiner Hose. Der letzte Rest seiner Vernunft löste sich schlagartig in Wohlgefallen auf und mit heiserer Stimme fragte er: »Wie viel?«

»Ich wollte eigentlich Schluss machen für heute, aber du gefällst mir. 100 Euro und du wirst den Abend nicht vergessen!«

»Einverstanden.« Er wollte unbeholfen ihre Brust berühren.

»Aber doch nicht hier draußen. Drinnen habe ich eine kleine Spielwiese für uns. Warte, ich mach dir gleich die hintere Tür auf.« Sie stieg ein, schaltete das rote Licht aus und zog die Vorhänge zu.

Erich Schulte ging mit eiligen Schritten zum Auto, nahm sein Schwarzgeld aus dem Handschuhfach und verriegelte den Mercedes.

*

Alles lief wie geplant. Während der Mercedes-Fahrer in seinem Wagen herumkramte, nahm er den Elektroschocker, öffnete vorsichtig die Tür des Transporters und ging durch die Dunkelheit um das Wohnmobil herum. Lautlos stieg er hinten ein, ging in das kleine Bad und zog die Tür hinter sich zu.

*

Der Mercedes-Fahrer ging aufgeregt zurück zum Lovemobil und dachte: Bescherung, Erich! Bescherung!

Die hintere Tür war geöffnet. Er betrat das Innere. Links sah er eine schmale Tür, gegenüber eine kleine Küchenzeile. Im vorderen Bereich befand sich ein breites Bett. Trotz der spärlichen Beleuchtung konnte er sie sehen. Sie saß auf der Bettkante und öffnete langsam den dunkelroten BH. Heiser sagte er: »Warte, ich möchte mein Geschenk selber auspacken.«

Ihr Blick zog ihn magisch an. In diesem Moment vergaß er alles um sich herum und sah nur noch eine Frau, die ihn begehrte. Zitternd ging er zwischen ihren schwarzen Lackstiefeln auf die Knie. Sie zog sein Gesicht zwischen ihre Brüste und sofort umnebelte schweres Parfüm seine Sinne.

Deshalb bemerkte er auch nicht, dass sich hinter ihm langsam die Tür zur kleinen Nasszelle öffnete und dann jemand hinter ihm stand. Der Stromschlag im Genick lähmte sofort seine Muskeln. Er schlug bewusstlos auf den Boden.

*

»Beruhige dich. Ist alles gut gelaufen. Ich leg ihm noch die Handschellen an und hole den Transporter.«

Er fuhr den Wagen dicht an die Tür des Mobils. Als sie öffnete, fiel ihr Blick auf die sargähnliche Kiste im Transporter. Sie war blass.

Gerd Hasler öffnete die massiven Verriegelungen der Kiste und legte den Deckel zu Seite. Sie schauten sich an. Er bemerkte ihr Zögern. »Du weißt, dass sie es verdient haben«, sagte er. »Pack an, bevor er wach wird!«

Nachdem er die Autoschlüssel und die Brieftasche in der Kleidung des Opfers gefunden hatte, wuchteten sie den immer noch Bewusstlosen zusammen aus dem Lovemobil hinüber in den Transporter und packten ihn in die Kiste, legten den schweren Deckel darauf und verriegelten sie.

Gerd Hasler legte sich neben dem Transporter auf den Boden und schob sich unter das Fahrzeug. Er stellte das spezielle Ventil an der Auspuffanlage um und kroch zurück. Als er aufstand, sah er die Verzweiflung in ihren Augen.

Gerd küsste sie auf den Mund und drückte sie fest an sich. »Vertrau mir, fahr nach Hause. Ich komm später nach.«

Als er den Motor des Transporters startete, strömten die Abgase zunächst über das Rohr der Auspuffleitung zu dem Umschaltventil. Dahinter trennten sich die Leitungen. Je nach Schalterstellung führte entweder eine davon die tödlichen Abgase wie üblich weiter in die Auspuffanlage oder die Gase gingen über die andere Leitung, durch das Bodenblech des Fahrzeuges, in die Kiste. Deren unteren Teil hatte Gerd fest mit dem Bodenblech des Transporters verschraubt. Den Deckel konnte er mit mehreren massiven Verriegelungen luftdicht befestigen.

In die Kiste hatte er seitlich eine Lochgitterwand aus Stahl eingebaut, mit tausenden kleiner Löcher wie bei einem Sieb. Das Opfer konnte die Abgasleitung von innen nicht verschließen, denn die Abgase strömten hinter dieser Lochwand in die Kiste.

*

Der Schmerz im Genick befreite Erich Schulte aus seiner Bewusstlosigkeit. Er öffnete die Augen, aber es blieb dunkel. Panik stieg in ihm auf, als er die Handschellen spürte. Beim Versuch, sich aufzurichten, stieß er mit dem Kopf gegen ein Brett. Verzweifelt versuchte er, die Situation zu begreifen.

Soweit es möglich war, bewegte er sich in alle Richtungen. Seine Füße, seine Schultern und sein Kopf stießen jedoch auf Widerstand. Allmählich dämmerte ihm, dass er in einer länglichen Kiste lag. Die Finger tasteten die Oberfläche ab. Es fühlte sich wie Holz an, nur rechts befand sich eine Art Gitter. Er spürte Vibrationen. Erich Schulte begann abwechselnd zu schreien und zu schluchzen.

Lauwarme Luft drang durch die rechte Seite aus dem Lüftungsgitter. Auspuffgase? Es wurden Auspuffgase in die Kiste geleitet!

Er konnte die rechte Seite nicht abdecken. Er trat und schlug um sich, aber ohne Erfolg. Schreien konnte er nicht mehr, die schlechte Luft erschwerte ihm das Atmen. Seine Fingernägel brachen beim Kratzen am Holzdeckel ab. Das Adrenalin ließ ihn noch einige lange Minuten durchhalten, bevor Erich Schulte sein Bewusstsein verlor.

*

Gerd Hasler steuerte den Transporter vom Parkplatz. Bis zur Lagerhalle sollten die Abgase ihre Arbeit erledigt haben. Dann blieben nur noch die Entsorgung und sein sehr spezielles Souvenir. Den Luxusschlitten würde er später holen. Endlich konnte er sich für die Demütigungen rächen!

Während seine Gedanken in seine beschissene Kindheit zurückwanderten, strich sein rechter Daumen über die geschliffenen Klingen der Schere.

1 siehe Punkt 6 auf der Karte

2 siehe Punkt 6 auf der Karte

Kapitel 1

Tag 3, frühmorgens Unterwegs auf der Autobahn A28 (Rtg. OL)

»91/02 für die Wache!«

Die junge Kommissarin Swantje Benninga griff im Streifenwagen nach dem Hörer des neuen Digitalfunkgerätes. »91/02. Was hast du?«

Schichtleiter Rolf Berger drückte auf der Wache die Sprechtaste. »Mehrere Verkehrsteilnehmer haben Rehe in Höhe Apen auf der Bahn in Richtung Oldenburg gesehen. Schaut doch mal nach. Die Rundfunkdurchsage läuft!«

»Geht klar, Rolf.«

Ihr Streifenkollege und Bärenführer3 Mark Rode auf dem Fahrersitz beschleunigte und wechselte auf den Überholfahrstreifen. Er schaltete Blaulicht und Martinshorn an und konzentrierte sich auf den vorausfahrenden Verkehr.

Swantje sah ihren Kollegen verunsichert von der Seite an. »Rehe sind gar nicht gut, oder? Blöde Viecher. Können die nicht auf der Wiese bleiben …«

Mark bremste stark ab, weil ein vorausfahrender Pkw-Fahrer den Streifenwagen zu spät bemerkt hatte. Offensichtlich hatte der Mann zum Überholen ausgeschert, ohne in den Rückspiegel zu schauen. Der Pkw-Fahrer beschleunigte jetzt nicht etwa und beendete sein Überholmanöver, nein, er latschte voll auf die Bremse.

Das ABS-Bremssystem des Streifenwagens schaltete sich ein und Mark fluchte. »Vollpfosten!«

Er gab wieder Gas und Swantjes rechte Hand krampfte sich um den Haltegriff an der Tür.

Mark war hochkonzentriert. Sein Adrenalinspiegel stieg zusammen mit der Geschwindigkeit. Er blieb mit ihrem Einsatzfahrzeug auf dem Überholfahrstreifen. Auf dem rechten Hauptfahrstreifen voraus fuhr ein Lkw. Hinter dem Lkw befand sich ein Pkw.

Vor zwei Tagen war Mark mit Tempo 200, ebenfalls bei Blaulicht und Musik auf der linken Spur, unterwegs zu einer Unfallstelle gewesen, als ein alter Golf hinter einem Lkw ausgeschert war und den Überholfahrstreifen blockiert hatte. Trotz Vollbremsung war ihm ein Zusammenstoß unvermeidbar erschienen. Aber dank ABS und dem genialen elektronischen Stabilitätsprogramm war der Streifenwagen lenkfähig geblieben und Mark war mit circa 180 Sachen über den schmalen Standstreifen an den vorausfahrenden Fahrzeugen vorbeigerauscht.

Sie hatten Glück gehabt.

»Swantje, hat ein Autobahnpolizist so viele Leben wie eine Katze? Was meinst du?«

»Mit den neun kommen wir auf keinen Fall aus.« Swantje atmete bewusst ruhig ein und aus. An diese Einsatzfahrten musste sie sich noch gewöhnen. Sie war erst seit vier Wochen bei der Autobahnpolizei.

Kurz vor Apen verringerte Mark das Tempo und fuhr mittig auf der Autobahn. Er schaltete die Warnblinkanlage ein. So verlangsamte er den nachfolgenden Verkehr vor der Gefahrenstelle.

Swantje sah die Tiere zuerst: »Da links am Mittelschutz! Zwei Rehe.«

Inzwischen fuhr der Streifenwagen im Schritttempo und die nachfolgenden Autofahrer waren gezwungen, ebenfalls langsam zu fahren. Die Tiere nutzten die Gelegenheit und liefen zurück über die Fahrbahn. Sie verschwanden im Grünstreifen zwischen Fahrbahn und Rastplatz.

Das Problem war damit nicht erledigt, denn den Parkplatz trennte ein Wildschutzzaun von den Wiesenflächen. Die Tiere konnten so den Parkplatz von außen nicht erreichen, ihn aber in diesem Fall von innen auch nicht wieder verlassen.

Als Mark auf den Parkplatz fuhr, sah er die Tiere über die gepflasterten Flächen laufen und hinter dem Toilettengebäude zwischen Bäumen und Büschen verschwinden.

PP Uplengen-Süd, Rtg. OL4.

Mark und Swantje stiegen aus.

Er verriegelte die Türen des Streifenwagens und überlegte. »Swantje, wir teilen uns auf. Du gehst zu einem Ende des Parkplatzes, ich zum anderen. In der Grünanlage am Zaun entlang gehen wir dann mittig aufeinander zu.«

Swantje marschierte los. Mark ging in die entgegengesetzte Richtung. Kurz darauf verschwanden die Polizisten zwischen den Bäumen und Büschen.

Mark ging am Zaun entlang in Richtung Parkplatzmitte. Nach etwa 100 Metern sah er, dass der Wildschutzzaun beschädigt war. Das Drahtgeflecht hatte sich von den Pfosten gelöst und war nach unten gefallen. Klarer Fall, hier waren die Tiere durchgelaufen.

Er ging ein Stück zurück und wartete darauf, dass Swantje die Rehe in seine Richtung trieb.

Dies tat sie auch, aber anders als erwartet. Ihr Schrei war nicht von schlechten Eltern und tatsächlich sprangen die beiden Rehe aus dem Dickicht. Mark breitete die Arme aus und schrie ebenfalls. Die Tiere sprangen durch die Zaunlücke und liefen über die Wiesen davon.

»Super, Swantje, gut gemacht!«

Aber seine Kollegin antwortete nicht.

Mark drückte das Drahtgeflecht hoch und schloss damit provisorisch die Lücke im Zaun. Den Rest würde morgen die Autobahnmeisterei erledigen. Er rief nach seiner Kollegin. Sie hätte doch schon längst hier sein können.

Schließlich kämpfte er sich durch das Gestrüpp in ihre Richtung.

Das Geräusch war eindeutig. Dort musste sich jemand heftig übergeben.

Swantje stand vornübergelehnt an einem Baum. Sie würgte, und ihr Gesicht war weiß wie eine Wand.

»Was ist denn los?«, fragte Mark verblüfft.

Sie wischte über den Mund und zeigte mit dem Finger hinter sich. »Da liegt ein Toter.«

»Bleib hier, ich sehe nach.«

Vorsichtig trat er nur dort auf das Gras, wo auch Swantje es mit ihren Schuhen kurz vorher heruntergedrückt hatte.

Zwischen den Büschen lag ein Mann auf dem Rücken. Das Summen der Fliegen verriet, dass ihm vermutlich nicht mehr zu helfen war, aber Mark musste sich vergewissern. Er dachte an den letzten Erste-Hilfe-Lehrgang. Ein sicheres Todeszeichen sei die Leichenstarre, hatte der Dozent gesagt.

Es blieb ihm nichts anderes übrig, er ging neben dem Körper in die Knie. Zum Glück hatte er noch seine Handschuhe in der Seitentasche der Hose. Jeder Autobahnpolizist hatte Lederhandschuhe dabei. Bei der Bergung von Unfallopfern bewahrte sie das vor Verletzungen durch Glasscherben oder scharfkantige Bleche.

Er zog die Handschuhe über. Die linke Hand legte er auf den Brustkorb des Mannes, mit der rechten umfasste er das Handgelenk. Der Brustkorb bewegte sich nicht. Außerdem ließ sich der Arm nicht anheben. Die Leichenstarre war voll ausgebildet. Kein Zweifel, vor ihm lag ein Toter.

Das Gesicht war unnatürlich rot. Wie hypnotisiert starrte Mark auf die Hände des Toten. Die Finger waren gekrümmt, die Nägel abgerissen und blutig. Das Schlimmste war aber die rechte Hand. Dort, wo sich der Zeigefinger hätte befinden sollen, krabbelten winzige Maden auf einer Wunde.

Mark Rode riss sich von dem Anblick los und ging zurück zu seiner Kollegin.

Er legte den Arm um Swantje. Gemeinsam liefen sie den Weg zurück auf das Parkplatzgelände. Mark Rode ging zum Streifenwagen und griff zum Handy.

Schichtleiter Rolf Berger nahm auf der Wache den Hörer ab. »Na, habt ihr die Rehe gesehen?«

»Die sind wieder da, wo sie hingehören, dafür haben wir aber eine Leiche gefunden.« Mark schilderte, was passiert war. Dabei sah er besorgt seine Kollegin an. Sie sah sehr blass und schockiert aus. Er wusste aus Gesprächen mit ihr, dass sie noch keine Leiche gesehen hatte.

»Du wirst noch viele Tote zu sehen bekommen, aber die erste Leiche vergisst du nie«, hatte sein Bärenführer einst zu ihm gesagt. Das würde Swantje genauso gehen, jede Einzelheit war für immer in ihr Gedächtnis gebrannt.

Mark Rode öffnete den Kofferraum des Streifenwagens und griff sich den Karton mit dem Absperrband. »Na, Swantje, geht’s wieder? Lass uns den Fundort absperren. Rolf weiß Bescheid und kümmert sich.«

3 Polizeisprache für Ausbilder

4 siehe Punkt 7 auf der Karte

Kapitel 2

Tag 3, morgens Altstadt Leer, Dachgeschosswohnung von Jan Broning

Das Telefon an seinem Bett riss Jan Broning aus dem Schlaf. Broning war noch ganz in seinem Traum gefangen und es dauerte einen Moment, bis er die grüne Taste drückte.

Bevor er seinen Namen nennen konnte, hörte er schon die Stimme seines Kollegen Hensmann von der Wache. Sofort hielt Broning den Hörer auf Abstand zu seinem Ohr. Böse Zungen behaupteten, Hensmann hätte in einem früheren Leben zu den Trompetern von Jericho gehört.

»Sorry, Jan, noch ein bisschen früh, aber Kollege Kromminga von der Tatortgruppe bat mich, dich zu informieren. Sie sind draußen an der Autobahn 28 auf einem Parkplatz und haben einen Toten. Eindeutig Fremdverschulden und ganz schön krass. Er fragt an, ob du dir die Auffindesituation selbst ansehen möchtest. Die Spurensicherung ist am Aufrödeln und fährt gleich raus.«

»Okay, Klaus. Sie sollen eine Ehrenrunde in der Wörde drehen und mich abholen. Ich mach mich fertig.«

Jan Broning sah aus dem Fenster auf die gegenüberliegende neue Hafenstadt. War er der Einzige, oder gab es noch andere, die es bei diesem Anblick fröstelte? Er konnte sich nicht an diese Architektur gewöhnen.

Morgens sah er immer zuerst aus dem Fenster auf die Nesse. Die Wohnungen waren teuer und begehrt, aber er fand, sie strahlten eine gewisse Kälte aus.

Nach einem letzten sehnsuchtsvollen Blick auf sein warmes Bett ging er in die Küche und schaltete die Kaffeemaschine ein.

Im Bad wartete die erste Mutprobe auf ihn. Der Blick in den Spiegel.

Trotz der vielen Falten war er doch zufrieden mit sich. Der Sport und die Umstellung seiner Ernährung zeigten Wirkung. Sein Gesicht war schmaler geworden. Ein bisschen so wie früher.

In der Küche blieb sein Blick an einem Foto an der Kühlschranktür hängen. Maike de Buhr hatte ihn in dem Passbildautomaten ganz nah an sich herangezogen, als diese Fotos entstanden waren.

Bei ihrem letzten gemeinsamen Fall hatten Jan Broning und Maike de Buhr zusammen mit Kollegen der Wasserschutzpolizei Morde und rätselhafte Ereignisse an der Ems5 aufgeklärt. Broning hatte damals den Tod seiner Frau noch nicht verarbeitet gehabt, sich erst mit Hilfe seiner Therapeutin wieder gefangen, und am Ende der Ermittlungen hatte es dann zwischen Maike und Jan ordentlich gefunkt.

Bis jetzt war es allerdings bei vorsichtigen Küssen und Umarmungen geblieben. Was stand zwischen ihnen? War es der Altersunterschied, war es seine tote Frau – oder die Angst, dass nach einer gemeinsam verbrachten Nacht alles vorbei wäre?

Jan wollte alles richtig machen. Ja, ›vorsichtige Annäherung‹ traf es wohl am besten.

Sein Vorgesetzter Dirksen hatte ihm vor vier Wochen eine Kur in Sankt Peter Ording genehmigt. Als er eines Morgens in die Rezeption gegangen war, hatte sie einfach da gesessen. Maike hatte sich Urlaub genommen und war im Wohnmobil ihrer Freundin auf einen Campingplatz nahe am Kurzentrum gefahren.

Sie hatten schöne Stunden am Strand und in der Umgebung verbracht. Die Anwendungen in der Kurklinik, insbesondere die Ernährungsumstellung, hatten ihn langsam wieder in Form gebracht. Aber irgendetwas hatte sich in Sankt Peter zwischen sie gedrängt. Bildete er es sich ein, oder hatte Maike sich in den letzten Tagen ihm gegenüber reserviert verhalten?

Der Kaffee brachte ihn auf schmerzhafte Art in die Gegenwart zurück. Er verbrannte sich den Mund an dem zu heißen Gebräu, als die Türklingel schellte.

»Hier Brede, zur Leiche, mitfahren.«

Broning verdrehte die Augen. Albert Brede mit seinen Halbsätzen! Er drückte auf den Sprechknopf. »Ich komme.«

Im Schrank fand er den Thermobecher und füllte ihn mit dem heißen Muntermacher. Beim Hinausgehen warf er sich seine alte Lederjacke über, ging zurück in die Küche und schaltete die Kaffeemaschine aus.

Unterwegs von der Altstadt Leer bis zur Autobahn, AS Leer-West (Rtg. OL, dort befindet sich die Dienststelle der Autobahnpolizei)

Jan nahm immer mehrere Treppenstufen auf einmal, bis sich sein linkes Knie meldete. Die restliche Strecke ging er vorsichtiger hinunter.

Draußen stand der weiße Bulli der Spurensicherung. Stefan Gastmann saß auf dem hinteren Notsitz und Kollege Brede auf dem Fahrersitz. Broning öffnete die Beifahrertür, grüßte und stieg ein.

Er drehte sich zu Stefan um. Für Bredes Halbsätze war es eindeutig zu früh.

Stefan sah es wohl ähnlich, denn er begann sofort, Jan den bisherigen Ablauf der Ereignisse mitzuteilen. »Die Kollegen von der Autobahnpolizei haben die Grünanlage eines Rastplatzes nach Rehen durchsucht und dabei den Toten gefunden. Der Fundort ist abgesperrt. Der Notarzt hat sein Kreuzchen auf dem Totenschein bei ›unnatürlich‹ gemacht. Die Tatortgruppe war auch schon vor Ort. Es gibt Hinweise auf eine Vergiftung durch Kohlenmonoxid. Und der Zeigefinger der rechten Hand fehlt.«

Jan Broning fiel es schwer, sich zu konzentrieren. Immer wieder war er in Gedanken in Sankt Peter-Ording. Die schönen gemeinsamen Tage waren viel zu schnell vergangen. Der Alltag hatte sie eingeholt, und nach der Auflösung der Soko Ems hatte man Maike zur Polizeidirektion nach Osnabrück abgeordnet.

Broning drehte sich wieder zu Stefan um. »Was soll das heißen, der Finger fehlt?«

»Na, weg halt, futschikato, verschwunden. Die Kollegen sprachen von einem abgetrennten Zeigefinger der rechten Hand.«

Der Bulli verließ das Stadtgebiet und fuhr inzwischen auf der Kreisstraße 1 weiter in Richtung der Autobahn. Der ausgelutschte Motor röhrte und Stefan sprach lauter. »Die Kollegen von der Autobahnpolizei werden uns zum Fundort begleiten. Wir treffen uns also an ihrer Dienststelle.«

Brede griff nach dem Hörer des digitalen Funkgerätes. Verbindung und Sprachqualität waren miserabel. »Gleich da, losfahren, keine Zeit verlieren.«

Jan musste grinsen und sah Unschuld heuchelnd nach rechts aus dem Fenster. Die Kollegen dachten sicher, dass die fehlenden Worte in Bredes Mitteilung vom schlechten Funk geschluckt worden waren. Trotzdem hatten sie ihn wohl verstanden, denn ein Streifenwagen der Autobahnpolizei setzte sich an der Anschlussstelle zur Autobahn vor ihr Fahrzeug. Auf dem Dach des Audi A6 mit den auffallenden gelben Streifen leuchtete kurz das Lichtsignal ›Bitte folgen‹ auf.

Brede bestätigte kurz mit der Lichthupe.

*

Im Streifenwagen sah POK Onno Elzinga, wie der Bulli der Spurensicherung zurückfiel. Der konnte mit ihrem hoch motorisierten Gefährt nicht mithalten. Elzinga nahm den Fuß vom Gaspedal.

Sie fuhren am Autobahndreieck Leer geradeaus weiter. PK Klaas Leitmann auf dem Beifahrersitz grinste. »Lothar Düselders Gedächtniskurve.«

Onno war erst seit ein paar Monaten bei der Autobahnpolizei und sah Klaas fragend an.

Der lachte. »Mit dieser Kurve hat Düselder seine ersten Abschleppwagen finanziert. Die Urlauber glauben, die vorgeschriebenen 40 Stundenkilometer sind etwas übertrieben. Und so fliegen sie aus der Kurve raus und landen immer wieder links und rechts im Gelände.«

»Na, wenigstens können sie nicht untergehen oder davontreiben.«

»Da spricht wieder unser Kaleu Onno.«

Onno Elzinga hatte über 25 Jahre lang seinen Dienst bei der Wasserschutzpolizei versehen, bis diese reformiert worden war. Er hatte die Chance ergriffen. Jetzt fuhr er nicht mehr auf der Ems mit dem Streifenboot und kontrollierte Binnen- und Seeschiffe, sondern mit dem Streifenwagen durch den Emstunnel unter dem Fluss hindurch und kontrollierte Lastkraftwagen.

Die neuen Kollegen, insbesondere Klaas, hatten ihm den Wechsel leicht gemacht.

Klaas war immer gut gelaunt und gemütlich, etwas zu dick, und von seinen schwarzen Haaren waren nur noch wenige vorhanden. Onno hatte anfangs überlegt, an wen ihn der Kollege erinnerte. Dann war es ihm plötzlich eingefallen … Wie hieß er noch mal der Mönch an Robin Hoods Seite? Bruder Tuck.

Onno und Klaas fuhren gerne zusammen, weil sie sich beide auf den Schwerlastverkehr spezialisiert hatten.

Sie fuhren an der AS Filsum und Apen vorbei und Onno bremste den Streifenwagen auf dem Verzögerungsstreifen zum Parkplatz Uplengen Süd ab.

Tag 3, vormittags PP Uplengen-Süd, Rtg. OL.6

Der Bereich des Pkw-Parkplatzes war komplett mit Flatterband abgesperrt worden. Auf dem Lkw-Parkplatz standen das zweite Einsatzfahrzeug der Autobahnpolizei, ein Zivilwagen der Tatortgruppe und ein schwarzer Mercedes-Kombi mit der Aufschrift ›Bestatter Erdmann‹.

Onno Elzinga parkte den Streifenwagen neben dem Fahrzeug der Autobahnpolizei. Der weiße Bulli der Spurensicherung parkte ebenfalls in der Reihe der Einsatzfahrzeuge. Die Kollegen stiegen aus.

Jan Broning gab Elzinga lachend die Hand. »Hallo, Onno! In der neuen Uniform hab ich dich noch gar nicht gesehen. Steht dir aber gut.«

Onno stellte fest, dass auch Jan Broning anders aussah. Der Bauchansatz war weg, die dunklen Augenränder verschwunden, Bart und Haare ordentlich geschnitten. Als sie zusammen in der Soko Ems zusammengearbeitet hatten, hatte Broning zeitweise neben sich gestanden und ungepflegt ausgesehen. Die alte Lederjacke allerdings trug Broning noch immer.

Onno ahnte, wem die Verwandlung zu verdanken war. Er freute sich und gönnte es den beiden von Herzen. »Na, du hast dich aber auch ordentlich verändert. Vielleicht kannst du mir mal verraten, wie du das geschafft hast. Übrigens darf ich dir meinen Kollegen Klaas Leitmann vorstellen.«

Die Kollegen gaben sich die Hand.

Im Hintergrund war ein Räuspern zu hören. Onno drehte sich um und sah erst jetzt, dass sein Chef Anton Martens und dessen Stellvertreter Heinrich Greve hinter ihm standen. Er begrüßte beide. »Kennt ihr die Kollegen der Kripo, oder soll ich euch bekannt machen?«

Anton Martens lachte. »Lass man stecken, Onno, wir kennen uns.«

Klaas Leitmann seufzte: »Einsneunzig groß, breite Schultern, kein Bauch, und dann diese Ausstrahlung – und jetzt schau mich an!«

Onno lachte. »Mit Jan können wir beide nicht konkurrieren, aber zum Glück haben wir ja beide liebe Frauen, was soll’s, Klaas.« Er strich gedankenverloren mit der Hand über die Narben in seinem Gesicht. Andenken an einen Bombenanschlag. Verdrängte Erinnerungen und Ängste tauchten auf.

Klaas Leitmann lehnte sich gegen das Dach des Streifenwagens und drückte mit schmerzverzerrtem Gesicht den Rücken durch. Er stöhnte. »Kennt ihr euch gut, ich meine, du und der Broning?«

Onno riss sich aus seinen düsteren Gedanken. »Das ist eine lange und spannende Geschichte, Klaas.«

»In der ihr beide eine wichtige Rolle spielt?«

»Gut geraten. Also …«

Der Bestatter stieg aus seinem schwarzen Wagen und kam herüber. »Gestatten, Erdmann, Bestattungen. Ich sag immer, steht der Sensenmann vor der Tür, dann ruf Erdmann und er …«

Klaas unterbrach die Singsang-Stimme. »… und Sie machen ihm die Sense scharf oder was. Mir tut zwar mein Rücken weh, aber deshalb brauchen Sie mich nicht gleich als Neukunden anzuwerben.«

Der Bestatter lachte. »Eigentlich wollte ich nur fragen, ob einer von Ihnen mir beim Abtransport helfen könnte. Mein Assistent ist ausgefallen.«

*

Die Kollegen von der Spurensicherung Stefan Gastmann und Albert Brede, Kollege Egon Kromminga von der TOG7 und der Chef der Autobahnpolizei Leer Anton Martens standen vor dem Flatterband und stimmten sich über das weitere Vorgehen ab. Dabei sah Jan Broning kurz hinüber zu Onno Elzinga.

Er hatte immer ein schlechtes Gewissen, wenn er ihn traf. Als Leiter der ehemaligen Soko Ems war er schließlich auch verantwortlich für die Sicherheit seiner Mitarbeiter gewesen. Zu Beginn der Ermittlungen hatte er Probleme mit sich und anderen Menschen gehabt. Ihm war zu spät aufgefallen, dass der gesuchte Mörder die Rollen getauscht hatte. Der Täter hatte den Spieß umgedreht und Anschläge auf die Ermittler verübt. Onno Elzingas vernarbtes Gesicht erinnerte Broning an sein damaliges Versagen.

Aber das Leben geht weiter. Jan Broning hatte mit Unterstützung gelernt, sich selbst Fehler und Schwächen zu verzeihen.

Er zog den weißen Overall der Spurensicherung an. Egon Kromminga von der TOG übernahm die Führung. Er hatte einen sogenannten Trampelpfad mit Flatterband markiert, der auf einem Umweg zum Fundort führte. Noch bevor Jan die Leiche sah, hörte er das Summen der Fliegen.

Der Tote war ein kräftiger Mann von etwa 45 Jahren. Er trug ein teures Hemd und eine Anzughose. Jan Broning kniete sich neben die Leiche. Sein Knie protestierte mit einem lauten Knacken. Das Gesicht des Toten war auffällig rot, typisch für Kohlenmonoxid-Vergiftungen.

Er sah zu Kromminga auf. »Habt ihr die Taschen durchsucht, was gefunden?«

»Haben wir, Jan, aber keine Geldbörse, keine Papiere, nichts.«

Jan Broning sah sich die Hände des Toten an. Die Kollegen hatten durchsichtige Plastiktüten darübergezogen und an den Handgelenken mit Gummiringen verschlossen. Die rechte Hand sah am schlimmsten aus. Der Zeigefinger war abgetrennt worden. Die Fingernägel beider Hände waren abgerissen und wenn Jan sich nicht täuschte, steckten Splitter in den Fingerspitzen. Die Haut an Knöcheln und Handgelenken war abgeschürft.

Broning hörte Krommingas müde Stimme über sich. »Krass, die Sache mit den Händen. Einige winzige Maden von der Wunde haben wir in eine Alkohollösung gelegt.«

»Das habt ihr gut gemacht. Die entomologische Untersuchung der Maden kann uns Hinweise auf den Todeszeitpunkt geben. Egon, ist dir auch dieser merkwürdige Ring am kleinen Finger aufgefallen? Der passt in zweierlei Hinsicht nicht zum Toten: Er ist zu klein und er sieht irgendwie billig aus. Die Kleidung ist hochwertig … und dann dieser Schmuck!« Mühsam erhob sich Jan Broning, wieder mit Geräuschen aus dem Kniebereich.

Egon Kromminga verzog sein Gesicht. »Jan, das klingt aber nicht gut! – Du, das mit dem Ring ist mir ehrlich gesagt nicht aufgefallen. Der Notarzt hat den Tod bereits festgestellt und den Totenschein ausgestellt und …«

Jan Broning sah in das Gesicht seines Kollegen, das durch den weißen Overall noch blasser wirkte, als es ohnehin schon war, und unterbrach ihn. »Egon, vergiss das mit dem Ring.« Eine verlängerte Nachtschicht hinterließ Spuren. Der Mann ist seit 14 Stunden im Dienst und todmüde, dachte Broning. Ich komme gerade aus dem Bett. »Alles okay, sieh zu, dass du nach Hause kommst. Danke, dass du gewartet hast, aber nun ist es gut gewesen. Ab in die Klappe.«

Die Spurensicherer Stefan Gastmann und Albert Brede hatten inzwischen ihre Overalls angezogen, die eine Übertragung von Fremdspuren vermeiden sollten, und die Ausrüstung zum Fundort der Leiche transportiert. Stefan fotografierte sich von außen nach innen heran. Albert suchte nach Spuren auf der Leiche. Der Täter konnte Haare oder Kleidungsfasern zurückgelassen haben.

Der Himmel hatte sich verdunkelt. Besorgt sahen die Beamten immer wieder in die Wolken. Sie waren noch nicht fertig, als die ersten Regentropfen fielen.

Jan Broning ging zurück zum Parkplatz und sprach den Bestatter an. »Herr Erdmann, wir haben ein Problem. Es fängt an zu regnen und die Spurensicherung hat ihre Arbeit noch nicht beendet.«

»Herr Broning, ich kann mir denken, was Sie von mir wollen: Einen sicheren, trockenen Platz, wo Sie die Leiche deponieren können, um ihre Arbeit zu beenden. Ich darf Ihnen versichern, dass in meinem Institut alles vorhanden ist, was Sie benötigen. Sie werden zufrieden sein.«

Jan Broning glaubte, da ein wenig Stolz herausgehört zu haben. Er war froh, dass der Bestatter ihnen aus der Patsche half. »Okay, Herr Erdmann, das Angebot nehmen wir gerne an.«

Er erklärte den beiden Kollegen, die inzwischen die Leiche provisorisch abgedeckt hatten, was er mit dem Bestatter vereinbart hatte. Der direkte Weg vom Parkplatz bis zum Fundort der Leiche war inzwischen auch abgesucht worden, und Erdmann musste mit dem Sarg keinen Umweg machen.

*

Broning hatte sich in den weißen Bulli der Spurensicherung gesetzt. Der Bestatter sah sich suchend auf dem Parkplatz um und kam dann lächelnd auf die beiden Autobahnpolizisten zu. Er legte die Hände flehentlich zusammen. »Bitte, kann mir einer von Ihnen zur Hand gehen?«

Onno sah Klaas skeptisch von der Seite an. Der verzog das Gesicht und zeigte auf seinen Rücken.

»Scheiße«, murmelte Onno und zog sich Einmalhandschuhe über. Er zog gemeinsam mit Erdmann den Sarg aus dem Kombi und ging mit ihm zum Fundort.

Auf halbem Weg kam ihnen Stefan Gastmann entgegen. »Onno? Ich denk du bist auf See und jetzt schlurfst du hier mit ’nem Zinksarg durch die Botanik …«

Trotz der unangenehmen Situation lachte Onno kurz auf. »Ja, da kannste mal sehen, Stefan. Das Leben hält doch immer eine Überraschung bereit.«

Albert Brede kniete neben der abgedeckten Leiche vor einem offenen Aluminiumkoffer und fluchte vor sich hin, weil Teile der empfindlichen Geräte im Regen nass geworden waren. Mit mürrischem Gesichtsausdruck verstaute er seine Ausrüstung und fragte mit einem Blick auf den Bestatter schlecht gelaunt: »Leichensack neu?«

»Natürlich«, sagte Erdmann empört, »alles mit Herrn Broning abgesprochen.«

Am Fußende des Toten sprachen sie ein kurzes Gebet. Albert Brede half dem Bestatter, die Leiche vorsichtig in einen länglichen Sack mit Reißverschluss zu legen. Onno befestigte mit Erdmann den Sargdeckel. Hinter sich hörte er Albert stöhnen, der inzwischen den Spurensicherungskoffer geschlossen hatte und aufstand.

»Können wir dann?«, fragte der Bestatter mit Blick auf Albert Brede.

»Abtransport zu Ihrem Institut, 15 Uhr Treffen.«

Für einen Moment sah Erdmann Albert Brede sprachlos an, dann nickte er kurz und wandte sich wieder zu Onno um. Der packte die hinteren, Erdmann die vorderen Griffe des Sarges. Sie hoben ihn gleichzeitig hoch und gingen zum Parkplatz zurück.

Onno begann unterwegs zu schwitzen. Der Regen trommelte einen gleichmäßigen Takt auf den Sarg. Das Schlimmste war die Singsangstimme des Bestatters. Erdmann summte einen Choral.

Onno war froh, als sie den Zinksarg mit dem Toten im Kombi des Bestatters verstaut hatten. Erdmann bedankte sich artig und gab Onno seine Visitenkarte. »Sie dürfen ja nichts annehmen, aber Sie wissen ja, steht der Sensenmann vor der Tür, ruf Erdmann und …«

»Tschüss, Herr Erdmann«, unterbrach Onno. Er wollte nur weg.

Er setzte sich in den Streifenwagen.

Klaas zog die Nase kraus und wollte etwas sagen.

Onno sah ihn grimmig von der Seite an. »Ein Spruch und du kannst laufen!«

»Ent-schul-di-gung!« Klaas konnte dieses Wort auf eine besondere Art aussprechen, mit der er die Bedeutung auf den Kopf stellte. Dazu hob er beide Hände mit der Innenfläche nach oben, verdrehte die Augen und wackelte mit dem Kopf.

5 siehe Emsgrab

6 siehe Punkt 7 auf der Karte

7 Tatortgruppe

Kapitel 3

Tag 3, nachmittags Stadt Leer, Beerdigungsinstitut Erdmann

Der weiße Bulli der Spurensicherung hielt auf dem Parkplatz vor dem Beerdigungsinstitut. Jan Broning und Stefan Gastmann stiegen aus, nahmen ihre Ausrüstung und klingelten an der Eingangstür.

Erdmann öffnete. »Ah, die Herren von der Kriminalpolizei. Ehrlich gesagt, Ihren Kollegen hatte ich heute Morgen irgendwie nicht so recht verstanden … Aber kommen Sie doch rein.«

Gemeinsam gingen sie in den kleinen Andachtssaal. Jan Broning sah sich um. Rund 50 Stühle standen in Reihen vor einem Rednerpult, dahinter große Kerzenhalter und eine alte Heimorgel.

Erdmann bemerkte Bronings Interesse. »Viele Menschen sind aus der Kirche ausgetreten«, erklärte er mit seiner Singsang-Stimme. »Hier geschieht im Prinzip aber nichts anderes als bei einer Trauerzeremonie in der Kirche. Wir bieten Voll-Service an. Das bedeutet, wir kümmern um alles. Vom Abtransport bis zur Beerdigung. Ich führe hier die Andachten durch. Je nachdem, wie es gewünscht wird. Sie können Musik von der Orgel oder von einer CD bestellen. Ich habe extra an Kursen für die Andachten teilgenommen und meine feierliche Stimme … sagen wir mal: trainiert.«

Daher die Singsangstimme, dachte Broning.

Erdmann ging weiter und öffnete eine Tür. »Meine Herren, bitte folgen Sie mir in den Behandlungsraum!«

Durch einen langen Flur gelangten sie schließlich in einen kühlen Raum. In der Mitte lag der offene Leichensack auf einem Chromtisch mit Lichtstrahlern darüber. Die beiden Kriminalbeamten waren beeindruckt. Die starken Strahler, der etwas höher angebrachte Organtisch und die Ablage mit den Instrumenten sahen exakt so aus wie in der Gerichtsmedizin.

Erdmann entging ihre Reaktion nicht. Nun wollte er noch einen draufsetzen und schaltete die Lichtstrahler und ein spezielles Belüftungssystem an. Der Ventilator brummte leise.

Der Bestatter konnte sich etwas Stolz in der Stimme nicht verkneifen. »Meine Herren, Sie sehen, hier ist alles vorhanden, was man für eine Außensektion benötigt. Es würde mich sehr freuen, wenn Sie dieses neue Angebot einmal wahrnehmen würden. Sie können die Räume anmieten. Das Team der Rechtsmediziner könnte hier ohne Probleme arbeiten. Unnötige Transportwege könnten verkürzt werden.«

»Das wäre für alle Beteiligten eine gute Sache«, erwiderte Jan Broning, »aber derzeit sollen die Obduktionen noch in der Gerichtsmedizin Oldenburg durchgeführt werden.« Er bemerkte die Enttäuschung beim Bestatter und beeilte sich, hinzuzufügen: »Ich gebe Ihren Vorschlag gerne an die Polizeiverwaltung weiter, aber Sie wissen ja, das kann dauern. – Für die erste genaue Inaugenscheinnahme des Leichnams sind Ihre Räume hervorragend geeignet«, lobte er.

Erdmann strahlte wieder. »Danke, Herr Broning. Für die spätere Identifizierung der Leichen dürfen Sie mein Institut auch gerne benutzen.«

»Danke, Herr Erdmann!« Jan fand, dass jetzt genug Höflichkeiten ausgetauscht worden waren. »Können wir jetzt …?«

»Aber natürlich.« Erdmann holte eine kleine Flasche mit Pfefferminzölkonzentrat aus der Hosentasche. Er rieb sich etwas davon unter die Nase. »Möchten Sie auch? Ist vielleicht besser.«

Stefan und Jan benutzten es ebenfalls. Die Gerüche von Pfefferminz und einsetzender Verwesung vermischten sich im Raum.

»Ich habe mir erlaubt, den Reißverschluss des Leichensacks zu öffnen, damit der Inhalt trocknen kann«, erklärte der Bestatter unaufgefordert.

»Sehr gut, Herr Erdmann!«, lobte Jan Broning.

Stefan Gastmann nahm die Digitalkamera aus dem Fotokoffer und fotografierte die Leiche zunächst von allen Seiten. Jan Broning entfernte vorsichtig die Plastiktüten von den Händen des Toten. Diese Tüten sollten verhindern, dass Fremdspuren auf die Hände gerieten. Außerdem sollte Spurenmaterial, das sich während des Transportes der Leiche löste, aufgefangen werden. Jan Broning sah sich das Innere der Tüten genau an. In einer lag ein ausgerissener, blutiger Fingernagel, der sich beim Transport von der Hand gelöst hatte. Broning versiegelte die Tüte und nahm einen speziellen Stift aus dem Spurensicherungskoffer. Er beschriftete die Tüte mit: Rechte Hand/ausgerissener Fingernagel.

Stefan schaltete die Kamera auf Naheinstellung um. Jan bewegte die Hände des Toten so, dass sein Kollege sie von allen Seiten fotografieren konnte. Im Blitzlicht der Kamera sahen die Verletzungen noch grausamer aus. Auf dem Handrücken war das Fleisch teilweise bis auf die Knochen aufgerissen. Die weißen Knöchel waren im Kontrast zur blutverschmierten Haut überdeutlich zu sehen.

Stefan legte die Kamera zur Seite und suchte den Blickkontakt zu seinem Kollegen. Jan Broning ahnte, was in seinem Kopf vorging. »Ja, ich weiß, Stefan, die Hände sehen entsetzlich aus. Diese schweren Verletzungen können eigentlich nur bei einem verzweifelten Kampf ums Überleben entstanden sein.«

Er versuchte, die Bilder zu verdrängen, die in seinem Kopfkino entstanden, und nahm eine Pinzette und mehrere durchsichtige Plastiktüten aus dem Tatortkoffer. »Lass uns erst die Spuren unter den Fingernägeln sichern.«

Die beiden Kriminalbeamten begannen systematisch und konzentriert mit ihrer Arbeit. Stefan beschriftete die Tüten und Jan untersuchte nacheinander die Finger. Sobald er Holzsplitter oder anderes Spurenmaterial entdeckt hatte, entfernte er diese Spuren vorsichtig mit der Pinzette. Stefan hielt ihm jeweils eine bereits beschriftete Tüte hin.

Der billig aussehende Ring am kleinen Finger bereitete Jan erhebliche Probleme, weil er sich nicht vom Finger lösen ließ.

Der Bestatter hatte die Arbeiten der Ermittler aus dem Hintergrund still verfolgt und bemerkte das Problem. Er ging in einen Nebenraum und kam mit einer Dose zurück. »Hier, Herr Broning.« Erdmann hielt dem Polizisten die Dose hin. »Versuchen Sie es doch einmal mit Flutschi!«

Jan nahm die unbeschriftete Dose entgegen, öffnete den Deckel und betrachtete etwas skeptisch den Inhalt. Sie war mit einem farblosen Gel halb gefüllt.

»Ein Gleitmittel.« Erdmann räusperte sich und grinste verschmitzt. »Vaseline.«

Jan wollte sich nicht vorstellen, zu welchem Zweck Erdmann es benutzte. Zum Glück trug er noch die Latexhandschuhe. Er zögerte kurz, dann nahm er mit spitzen Fingern etwas von dem Gel und strich damit den kleinen Finger des Toten und den festsitzenden Ring ein. Jan zog noch einmal an dem Ring, und der ließ sich endlich vom Finger lösen. Stefan hielt ihm eine geöffnete Tüte hin, und Jan ließ den Ring hineinfallen.

Die beschriftete und versiegelte Tüte hielt er ins grelle Licht der Deckenstrahler. Auf den ersten Blick sah es aus wie ein Goldring. Innen befand sich sogar ein Echtheitsstempel. Bei genauerem Hinsehen handelte es sich aber um ein anderes poliertes Metall, vermutlich Messing.

Neben den Geräuschen des Ventilators hörte Jan die Singsangstimme des Bestatters. Erdmann summte die Melodie eines Kirchenliedes. Der Mann irritierte Jan ein wenig.

»So, Herr Erdmann, Sie können den Toten jetzt vorsichtig ausziehen.«

Der Bestatter entfernte behutsam die Kleidung des Toten. Dabei summte er einen anderen Choral. Stefan sah Jan an und verdrehte die Augen. Er legte die Kleidungsstücke in spezielle Plastiktüten.

Schließlich lag der Tote nackt auf dem Chromtisch. Seine rote Gesichtsfarbe wollte nicht zur Situation passen.

Jan Broning nahm eine kleine Taschenlampe und ein Holzstäbchen aus dem Spurensicherungskoffer und öffnete vorsichtig den Mund der Leiche. Er leuchtete die Mundhöhle aus und drückte die Zunge etwas herunter. Die kirschrote Farbe der Schleimhäute war nicht zu übersehen. Er legte die Lampe weg. »Wir müssen den Toten zur Seite drehen. Pack mal mit an, Stefan.«

Gastmann und der Bestatter hielten den Toten in der Seitenlage fest und Jan trat einige Schritte vom Tisch zurück. Die roten Totenflecke waren gleichmäßig auf dem Rücken verteilt. Er machte zunächst einige Aufnahmen mit der Kamera, dann legte er sie weg und betrachtete jeden Körperteil aus der Nähe. Am Nackenbereich fielen ihm zwei Abdrücke in einem Abstand von fünf bis sieben Zentimetern voneinander auf. Sie sahen aus wie zwei Nadelstiche.

Er gab Stefan ein Maßstabsdreieck in die Hand, damit man auf dem Foto einen Größenvergleich hatte. Stefan hielt den Maßstab an die Einstiche, während Jan fotografierte.

Er überprüfte die Qualität der Digitalaufnahmen, als sein Handy klingelte. Jan legte die Kamera zur Seite. Brede zeigte das Display an. Jan drückte die grüne Taste. »Broning!«

»Hier Albert. Toter vom Parkplatz identifiziert. Messevertreter Erich Schulte. Vermisst gemeldet von Ehefrau. Alles weitere später.«

Jan schaute erstaunt auf sein Handy. Die Verbindung war getrennt worden. Typisch Brede – bloß kein Wort zu viel.

Er steckte das Handy weg und schaltete die Kamera aus. »So, Stefan, ich glaube, wir haben alles. Lass uns zusammenpacken.«

An der Eingangstür verabschiedete sich Jan vom Bestatter. »Herr Erdmann, vermutlich haben wir die Identität des Toten ermittelt. Wir möchten, dass die Ehefrau ihn identifiziert. Vielleicht schaffen wir es noch heute Abend. Wir rufen Sie rechtzeitig vorher an. Bitte gehen Sie davon aus, dass die Leiche von der Staatsanwaltschaft beschlagnahmt und eine Obduktion in der Rechtsmedizin angeordnet wird. Könnten Sie den Transport nach der Gegenüberstellung organisieren?«

»Kein Problem, Herr Broning, dass krieg ich hin. Bis später dann.«

»Gott sei Dank hat das Gesinge jetzt ein Ende«, stöhnte Stefan, als sie ihre Ausrüstung im Bulli verstauten. »Was für ’ne Type, der Erdmann!«

Jan machte sich einige Notizen auf einem Klemmbrett. Er atmete hörbar aus. »Kannste wohl sagen. Aber bei dem Beruf wird man vermutlich etwas schräg. Du, jetzt sind wir ja unter uns … Was ist deine Meinung zu unserem Toten?«

Stefan überlegte einen Moment. »Also, erst mal das Offensichtliche: Todesursache dürfte eine Kohlenmonoxid-Vergiftung sein. Bis auf die Hände haben wir keine gravierenden äußeren Verletzungen gefunden und die roten Schleimhäute im Mund zusammen mit den roten Leichenflecken deuten auf Einwirkung von Kohlenmonoxid hin. Diese rote Gesichtsfarbe haben wir ja schon oft gesehen, wenn sich jemand mit Auspuffgasen in seinem Auto vergiftet hat.«

Jan nickte.

»Jetzt die Hände«, fuhr Stefan fort. »Die Abschürfungen rund um beide Handgelenke: Handschellen, eindeutig. Die abgebrochenen Fingernägel und die Holzsplitter, zusammen mit den massiven Abschürfungen … Man mag es sich nicht vorstellen, aber es sind vermutlich Todeskampfspuren. Der Tote hat sich gegen einen Angriff gewehrt oder er wollte sich befreien. Ja, und dann dieser Ring … Sah zwar erst auf den zweiten Blick billig aus, passte somit aber nicht zur teuren Bekleidung.«

Jan nickte anerkennend. »Und diese parallelen Abdrücke oder Einstiche im Nacken des Toten – hast du eine Idee?«

»Ich komm nicht drauf, vielleicht wissen wir nach der Obduktion etwas mehr. Lass uns zur Dienststelle fahren. Wir müssen mit Brede sprechen, vermutlich kennen wir ja jetzt die Identität des Toten.«

Unterwegs sprachen sie sich über das weitere Vorgehen ab.

Tag 3, abends Stadt Leer, Polizeidienstgebäude8

Stefan Gastmann parkte den Bulli der Spurensicherung in der großen Fahrzeughalle auf dem Polizeigelände. Sie nahmen die Alukoffer mit der Fotoausrüstung und den gesicherten Spuren heraus und gingen mit jeweils einem Koffer in der Hand ins Polizeigebäude. Im vierten Stock öffnete Jan die Tür zum Büro der Spurensicherung. Die Luft dort war wie immer stickig und roch stark nach Chemikalien. Als Erstes öffnete er ein Fenster, um den Mief zu vertreiben.

Das Büro war durch eine Glasscheibe geteilt. Im größeren Teil des Raumes stand ein Drehstuhl an einer Wand, davor eine Kamera mit Stativ. Wie viele Verdächtige hatten schon auf diesem Stuhl gesessen …! Zunächst für die Fotos von allen Seiten, dann kamen die Fingerabdrücke.

Jan und Stefan stellten ihre Ausrüstung auf einem Tisch ab und nahmen die Tüten mit den gesicherten Spuren aus den Kisten.

Stefan begann, die verbrauchten Materialien im Koffer zu ersetzen. Jan schaute zu dem Computer in dem kleinen Nebenraum hinter der Scheibe hinüber. »Ich lege uns erst mal einen Vorgang im Computer an, damit wir eine Vorgangsnummer haben.«

Er ließ die Tür offen und gab die ersten Daten ein. Die vom System generierte Vorgangsnummer notierte er für seinen Kollegen auf einem Zettel.

Albert Brede kam herein, Stefan ließ seine Arbeit liegen und setzte sich zu ihm und Jan in den Nebenraum. Jan gab Stefan den Zettel mit der Vorgangsnummer und sah Albert auffordernd an.

»Hier«, Albert Brede überreichte Jan die Vermisstenmeldung über den Vertreter Erich Schulte. Jan wartete vergeblich auf einen weiteren Kommentar und schaute in die Akte. Zum Vorgang gehörte auch ein Foto des Vermissten. Kein Zweifel: Es war der Tote vom Parkplatz.

Stefan übernahm die undankbare Aufgabe, dessen Ehefrau zu informieren. Er telefonierte mit dem Notfallseelsorger und vereinbarte ein Treffen. Danach sollten Stefan und Albert die Spuren sortieren und mit der Vorgangsnummer beschriften.

Jan ging zu seinem Vorgesetzten Dirksen und besprach die aktuelle Sachlage. Dann telefonierte er mit dem zuständigen Staatsanwalt Grohlich, einem Mann mit einer markanten Stimme und, wie Broning wusste, stattlichen Erscheinung. Grohlich ließ sich die Situation erklären und ordnete wie erwartet die Beschlagnahme und Obduktion der Leiche an.

Jan saß nun wieder in seinem eigenen kleinen Büro. Die Tür zum Flur stand wie meistens offen. Er telefonierte mit der Leitstelle und vergewisserte sich gerade, dass der Mercedes des Opfers zur Fahndung ausgeschrieben war, als Stefan hereinkam. Jan zeigte auf einen Stuhl und beendete das Telefonat.

»Na, wie schlimm war es bei Frau Schulte?«, fragte er.

»Ich war froh, dass der Notfallseelsorger dabei war. Am schlimmsten ist es immer, wenn sie einen erst so ansehen, als ob es vielleicht doch noch Hoffnung gäbe. Aber die gibt es natürlich nicht. Dann fing Frau Schulte an zu schreien und trommelte mit den Fäusten auf die Brust vom Pastor.« Stefan atmete tief durch. »Der Pastor hat einfach super reagiert, der hat Frau Schulte einfach umarmt und sie fest an sich gedrückt. Dann hat sie sich etwas beruhigt und wir brachten sie in die Küche. So einigermaßen konnte man dann schon mit ihr reden. Die Ehe war nicht glücklich, sondern bestand nur noch aus Gewohnheit. Sie machte sich schreckliche Vorwürfe, denn das letzte Gespräch mit ihrem Mann war ein Streit per Autotelefon. Die Uhrzeit hab ich aus der Anrufliste. Ansonsten ist bei der Befragung nichts Wichtiges für unseren Fall herausgekommen.«

Es lag noch viel Papierkram vor ihnen, bis sie die Lichter im Büro endlich ausschalten konnten.

Stefan stand schon im Flur, als ihm einfiel, dass sie heute Morgen Jan von zu Hause abgeholt hatten. »Soll ich dich nach Hause fahren?«

Jan Broning seufzte. »Nett von dir, aber ich soll mehr zu Fuß gehen. Es ist ja nicht weit.«

Er verabschiedete sich, nahm die Treppen nach unten, ging durch die Schleuse und winkte den Kollegen im Wachraum zu. Draußen überquerte er die Georgstraße. Er ging die Stufen hinunter zum Hafen. Dort blieb er einen Moment stehen und sah über die Wasserfläche.