13,99 €
Ostpreußen ist bis heute ein deutscher Sehnsuchtsort. Die große Vielfalt seiner Kultur ist zwar durch Nationalismus und Krieg untergegangen, aber Geschichte und Mythos dieses versunkenen Landes wirken immer noch nach. Andreas Kossert, der wohl beste historische Kenner, schildert in seinem wunderbar geschriebenen Überblick konzise und anschaulich die Geschichte dieser einst östlichsten Provinz Deutschlands vom Mittelalter bis zur Gegenwart.
Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:
Veröffentlichungsjahr: 2025
Andreas Kossert
OSTPREUSSEN
Geschichte einer historischen Landschaft
Verlag C.H.Beck
Cover
Inhalt
Textbeginn
Titel
Inhalt
1. Ostpreußen: Fernes nahes Land?
2. Preußens Ursprünge
3. Der Deutsche Orden
4. Das Herzogtum Preußen
5. Preußen wird Königreich
6. Ostpreußen im Deutschen Reich
7. Der Erste Weltkrieg
8. Ostpreußen in der Weimarer Republik
9. Eine Provinz im Nationalsozialismus
10. Die Flucht und das Ende Ostpreußens
11. Fremdes Land: Besatzung, Vertreibung, Neubeginn
Russland
Polen
Litauen
12. Neubeginn nach 1945: Deutschland
13. Fernes nahes Land: Ostpreußen und sein Nachleben nach 1945
Auswahlbibliographie
Personenregister
Karte 1: Ostpreußen 1920
Karte 2: Ostpreußen heute
Zum Buch
Vita
Impressum
Ostpreußen, dieser Name hallt wie ein fernes Echo aus einer versunkenen Epoche deutscher Geschichte in die Gegenwart des 21. Jahrhunderts. Fern, doch gleichzeitig merkwürdig nah. Fernes nahes Land – so nannte der Journalist Klaus Bednarz seine Reportage über eine Reise durch das alte Ostpreußen. Genau diese Ambivalenz kennzeichnet heute das Verhältnis der Deutschen zu diesem Land zwischen Weichsel und Memel. Fern, aber doch nah: längst Geschichte und dennoch erstaunlich vital in Mythen und Verklärungen, in Ablehnungen und Verwerfungen. Ostpreußen nimmt einen widersprüchlichen Platz im Erinnerungsbuch der Deutschen ein, dessen Kapitel durchaus leidenschaftlich verfasst ist. Die mittlerweile geographische und historische Ferne wird gleichermaßen durch eine große emotionale Nähe bestimmt.
Blättern wir also in diesem Kapitel der deutschen Geschichte, in dem einst Ostpreußen vorkam. Für Millionen Deutsche ist Ostpreußen Heimat oder Land ihrer Vorfahren; für andere ist es eine verwunschene Traumlandschaft mit einzigartiger Natur. Ostpreußen, das Sehnsuchtsland der Deutschen, kaum jemand vermag sich seiner Magie zu entziehen. Dazu kamen seine Menschen mit merkwürdig und fremd anmutenden Namen sowie einem liebenswerten Dialekt. Das anhaltende mediale Interesse dokumentiert bis heute diese Sehnsucht, eine Suche nach der heilen Welt. Filme und Reportagen zeigen stille Bilder, untermalt von ruhiger Musik. Es scheint deshalb, als entspreche diese Landschaft dem Paradies: ein hoher Wolkenhimmel, endlose Alleen, Seen oder die Kurische Nehrung. In unserer modernen Welt strahlt Ostpreußen nostalgische Romantik aus: Titel wie Weihnachten in Ostpreußen oder Winter in Masuren transportieren diesen Zauber. Bücher von Marion Dönhoff, Klaus Bednarz, Arno Surminski, Siegfried Lenz und Hans Lehndorff zählen zu den Klassikern der Ostpreußenliteratur und werden bis heute gelesen.
Ostpreußen ruft unterschiedliche Bilder in uns hervor: Königsberger Klopse, Ännchen von Tharau, Bernstein, Elche, Störche, Immanuel Kant, So zärtlich war Suleyken, Führerhauptquartier Wolfsschanze, Tannenberg. Dabei haben die Deutschen sich mit «ihrem» Ostpreußen stets schwergetan. Fernab von Rhein, Weser oder Elbe blieb diese östliche Provinz für die meisten Deutschen fremd und exotisch, insbesondere für diejenigen, die in den Mittelgebirgen mit ihren Fachwerkstädten und der Märchenwelt der Brüder Grimm, dem Rheinland oder dem Bayerischen Wald zuhause waren. Ostpreußens weite Landschaft hingegen öffnete sich kulturell weit nach Osten. Die große Nähe zu den baltischen, polnischen und russischen Nachbarn schlug sich in Sprache, Kultur und Küche nieder. Prußische, litauische und polnische Einflüsse waren allgegenwärtig und flossen häufig in die deutsche Amtssprache ein. Dadurch entstand die für Ostpreußen typische exotische Namensmelange, die bei seinen Besuchern Heiterkeitsausbrüche zur Folge hatte. Der Maler und Grafiker Robert Budzinski, der selbst aus Masuren stammte, hat diese einzigartige Namenskomposition in einer humorvollen Liebeserklärung an seine Heimat festgehalten. In der Entdeckung Ostpreußens beschrieb er 1913 eine Vielfalt, die wenig später dem Germanisierungswahn zum Opfer fallen sollte:
«Bei meinen Wanderungen stieß ich wiederholt auf Ortschaften mit nicht sehr bekannten, aber desto klangvolleren Namen, so dass ich oft glaubte, mich in einer verzauberten Landschaft herumzutreiben. So fuhr ich einmal mit der Bahn von Groß-Aschnaggern nach Liegetrocken, Willpischken, Pusperschkallen und Katrinigkeiten, frühstückte in Karkeln, kam über Pissanitzen, Bammeln, Babbeln und abendbrotete in Pschintschiskowsken, übernachten wollte ich in Karßamupchen. An dem folgenden Tage lernte ich noch kennen: Plampert, Purtzunsken, Kotzlauken, Mierunsken, Spirokeln, Wannagupchen, Meschkrupchen, Salvarschienen, hörte noch von Spucken, Maulen, Puspern, Plumpern, Schnabbeln, Wabbeln, wurde ohnmächtig und erwachte in Mierodunsken, wo mich der Landjäger von Uschpiauschken hingebracht hatte. Es dauerte lange, bis ich meine Sprache beherrschte, denn meine Zunge drehte sich fortgesetzt im Leibe rum.»
Der Nationalismus bereitete dieser exotischen Welt an Deutschlands östlicher Grenze ein Ende. Historisch gewachsene Ortsnamen mussten dem Zeitgeist weichen. Ihren Höhepunkt erreichte die wahnwitzige Aktion im Nationalsozialismus, als sämtliche Ortsnamen Ostpreußens mit litauischen und masurisch-polnischen Ursprüngen ausgelöscht wurden. In manchen Landkreisen der Provinz verloren mehr als siebzig Prozent aller Dörfer ihre jahrhundertealten Namen. Siegfried Lenz nannte die Aktion in seinem Roman Heimatmuseum die «Taufkrankheit». Die Nationalsozialisten hatten der alten Kulturlandschaft damit ihre Seele genommen.
Dieser Teil der Geschichte Ostpreußens speist auch einen negativen Mythos als Bollwerk, als nationalistische Hochburg im Osten, das – so pauschal viele Kritiker – dem Nationalsozialismus besonders verfallen war. Zugleich herrscht die weitverbreitete Vorstellung von Ostpreußen als Hort der Reaktion, der konservativen Gutsherren und unterdrückten Landarbeiter, eine Provinz, die noch bis 1945 in vormodernen Strukturen eines gutsherrlich-junkerlichen Feudalismus verhaftet zu sein schien.
Ostpreußen zeigt: Jeder hat seinen eigenen Zugang zu diesem fernen nahen Sehnsuchtsland. Für viele ist es immer noch Heimat, deren Verlust ein immerwährender Schmerz bedeutet. Während des Kalten Krieges schalt man die Menschen, die dort zuhause waren, häufig als «Ewiggestrige» und «Revanchisten», wenn sie zu erzählen begannen. Man wollte von der Tragödie dieses Landes ungern hören. Zur deutschen Geschichte im 20. Jahrhundert gehört jedoch auch das Kapitel, das von Flucht, Vertreibung und Heimatverlust erzählt. Ostpreußen ging schließlich unter in einem Krieg, der Terror und Verbrechen über ganz Europa verbreitet hat.
Fernes nahes Land? Mit diesem von Klaus Bednarz so trefflich auf den Punkt gebrachten Gegensatz lässt sich unser Verhältnis zu diesem Land vielleicht am besten beschreiben. Noch immer sind wir uns kaum im Klaren darüber, was mit dem Verlust Ostpreußens nicht nur die Menschen, die von dort stammen, sondern alle Deutschen verloren haben. Heute existiert in Deutschland kaum eine Ahnung davon, dass einst bis zum Ausbruch des Zweiten Weltkrieges 1939 in Ostpreußen Litauer und Deutsche Nachbarn waren. Dieser Teil der Geschichte erscheint für viele Deutsche wie ein Echo aus einer fernen Vergangenheit. Und dennoch spüren wir sie, diese ferne Nähe oder nahe Ferne. Fast siebzig Jahre nach Kriegsende, fast siebzig Jahre, die Ostpreußen nicht mehr zu Deutschland gehört, geht es um eine Bilanz. Für die Deutschen stellt sich die Frage nach dem, was geblieben ist und was bleiben wird von diesem östlichen Land, auch in seiner Bedeutung für die deutsche Geschichte. Eines ist dabei gewiss: Herzog Albrecht von Brandenburg-Ansbach, Simon Dach, Johann Gottfried Herder, E. T. A. Hoffmann, Käthe Kollwitz, Lovis Corinth, Hermann Sudermann, Ernst Wiechert, Hannah Arendt, Erich Mendelsohn, Johannes Bobrowski, Marion Dönhoff, Armin Müller-Stahl und Siegfried Lenz, sie bleiben Teil des Kulturerbes, das Ostpreußen uns allen geschenkt hat.
Fernes nahes Land. Ostpreußens Geschichte hörte 1945 nicht auf, vielmehr erfährt sein Beitrag zur deutschen Geschichte eine Fortschreibung durch ein litauisches, polnisches und russisches Nachkriegskapitel. Seit siebzig Jahren ist die Region für Litauer, Polen und Russen ein Zuhause, das steten Veränderungen unterliegt. Ferne und Nähe inspirieren in der Mitte Europas für alle Interessierten gleichermaßen zu einer Spurensuche in der historischen Landschaft Ostpreußen.
Die Ursprünge Preußens liegen weitgehend im Dunkeln. Die Namensgeber des späteren preußischen Staates, die baltischen Prußen, waren in den Landschaften zwischen der Weichsel im Westen und der Memel im Nordosten zuhause. In der Welt des Abendlandes blieben die Prußen bis Anfang des 13. Jahrhunderts jedoch weitgehend unbekannt, da sie an der Peripherie des christlichen Einzugsgebietes lebten. Allerdings wurde ihre Existenz bereits – wenn auch schwerlich konkret nachweisbar – in antiken Quellen bei Tacitus und Ptolemäus bezeugt. Denn bereits in der Antike spielte der im Römischen Reich begehrte Bernstein eine wichtige Rolle, der über Handelswege wie die Bernsteinstraße aus dem Land der Prußen bis in das ferne Rom gelangte.
Nach dem Untergang des Imperium Romanum fand auch Preußens Geschichte lange Jahrhunderte in der abendländischen Überlieferung keine Erwähnung. Erst Mitte des 9. Jahrhunderts tauchten die Prußen als Bruzi in der Überlieferung des Bayerischen Geographen auf. Mehr als ein Jahrhundert später berichtete 965 oder 966 der jüdische Reisende Ibrahim ibn Ja’qub über die östlichen Landschaften Brus, als er bis an den Hof des römisch-deutschen Kaisers Otto I. nach Magdeburg an der Elbe reiste, wo er vom fernen Preußen hörte. Erste Berichte über direkte Kontakte mit den Prußen stammen aus der Zeit der ersten Jahrtausendwende. Kaiser Otto III. richtete sein Augenmerk auf die christliche Mission der östlich des Reiches gelegenen Gebiete. In der Person des böhmischen Adeligen Adalbert fand der römisch-deutsche Kaiser einen aufgeschlossenen Verbündeten. Adalbert (tschechisch Vojtech, polnisch Wojciech, ungarisch Béla) begab sich in das unbekannte Land der Prußen, um eines der letzten heidnischen Territorien Mitteleuropas für das Christentum zu gewinnen. Bei einer Missionsreise wurde er jedoch 997 von den Bewohnern des späteren Ostpreußen ermordet. Deshalb blieb der Besuch Adalberts in der Geschichte Preußens und der Prußen nicht mehr als ein kurzes christliches Intermezzo. Die Bewohner dieser Regionen hielten bis zur Ankunft des Deutschen Ordens im 13. Jahrhundert ihren alten prußischen Göttern die Treue.
Adalberts fehlgeschlagene Prußenmission sorgte jedoch für ein reges Nachleben in der abendländisch-christlichen Welt. Nach seiner Ermordung veranlasste der polnische König Bolesław I. Chrobry die Überführung von Adalberts Leichnam nach Gnesen. Kaiser Otto III. nahm dort im Jahr 1000 an der Beisetzung teil. Schon bald erfolgte die Kanonisierung Adalberts, der später zum polnischen Nationalheiligen aufstieg und dessen Verehrung Gnesens Bedeutung als erstes selbständiges römisches Erzbistum in Polen stärkte. 1039 überführte man seinen Leichnam nach Prag, wo Adalbert im Veitsdom seine letzte Ruhestätte fand. Adalberts Tod wurde noch tausend Jahre später im Jahr 1997 gedacht. In Mitteleuropa, vor allem in Deutschland und Tschechien, wird Adalbert vielfältig als früher Europäer gewürdigt, in Polen wird er zudem bis heute als Schutzpatron des Landes verehrt.
Die Prußen waren ein baltischer Stamm. Die Bedeutung des Wortes Preußen – Prußen oder Prusai – konnte bislang nicht eindeutig geklärt werden. Möglich ist eine Rückführung auf Traditionen der Pferdezüchter, da beispielsweise im Kaschubischen prus Hengst heißt. Andererseits könnte das Wort auch auf einen Beinamen schließen lassen (prausti – waschen, prusna – Maul). Die Prußen kannten kein einheitliches Staatswesen, sondern lebten in einzelnen Stammes- und Familienverbänden. Durch dieses Fehlen übergeordneter Strukturen fiel es dem ursprünglich in Jerusalem gegründeten Deutschen Orden, der nach 1225 das Land in Besitz nehmen sollte, leicht, die prußischen Stämme zu unterwerfen. Das Prußische gehörte zu den vier baltischen Sprachen, denen auch das Litauische, Lettische und Kurische zugerechnet wurden. Insgesamt sind nur 1800 prußische Wörter überliefert, da die Sprache bis zum 16. Jahrhundert keine eigene Schrift besaß. Erst mit der Reformation fand durch drei Übersetzungen des lutherischen Katechismus unter Herzog Albrecht von Preußen eine Verschriftlichung statt. Pfarrer Abel Will übersetzte den Katechismus ins Prußische, der 1561 in Königsberg erschien. Darin findet sich auch das Vaterunser, ein seltenes Zeugnis der prußischen Sprache, dessen erste Zeile lautet: Tāwa Nouūson kas tu essei Endangon. Auch wenn durch die Reformation das Prußische erstmals schriftlich fixiert wurde, konnte dies den Untergang dieser alten Sprache im 17. Jahrhundert zwar verzögern, aber nicht verhindern.
Unmittelbar vor der Eroberung Preußens durch den Deutschen Orden gliederte sich die Region in zwölf historische Landschaften, wie sie Peter von Dusburg in seiner Chronik des Preußenlandes im 14. Jahrhundert beschrieb: Pomesanien, Warmien, Natangen, Samland, Kulmer Land, Löbau, Pogesanien, Nadrauen, Schalauen, Sudauen, Galinden und Barten. Diese Landschaften wurden – so Dusburg – von Völkern (nationes) bewohnt, die jeweils ein hohes Maß an Eigenständigkeit bewahren konnten. Nach Schätzungen von Hartmut Boockmann lebten auf dem Gesamtgebiet Preußens vor der Eroberung durch den Deutschen Orden etwa 220.000 Menschen, während Gerard Labuda und Marian Biskup an der Wende vom 12. zum 13. Jahrhundert von 170.000 Einwohnern ausgehen.
Die Prußen blieben eine ländliche Gemeinschaft. Doch zeigte die sogenannte Bernsteinstraße bereits in der Antike, dass sie auch regen Handel trieben. Ein weiteres Beispiel für ihre internationale Ausrichtung ist die Siedlung Truso bei Elbing. Sie war das Tor der Prußen zur Ostsee. Der Ort lag verkehrsgünstig am Frischen Haff in der Nähe des Weichseldeltas. Der angelsächsische Händler Wulfstan besuchte Truso um 890 im Auftrag König Alfreds des Großen. Auch die archäologischen Ausgrabungen in der Siedlung Wiskiauten bei Cranz im Samland geben Aufschlüsse über prußische Kontakte im Ostseeraum. Anders als die traditionelle prußische Totenbestattung durch Verbrennung in großen Flachgräberfeldern, entdeckte man in Wiskiauten seit den ersten Forschungen oder Untersuchungen 1865 ein Gräberfeld mit über 500 Hügelgräbern. Dieser Sensationsfund deutet auf kulturelle Einflüsse aus Skandinavien hin, da viele Fundstücke in den Hügelgräbern skandinavisch-wikingischen Ursprungs sind. Es ist also davon auszugehen, dass an diesem Ort neben den einheimischen Prußen auch Wikinger aus Schweden, Gotland oder Dänemark lebten und in Wiskiauten ihre letzte Ruhe gefunden haben. Der Ort im Samland könnte ebenso wie Truso Teil eines größeren frühmittelalterlichen Handelsnetzwerks im Ostseeraum gewesen sein, dem sich seit 2005 ein deutsch-russisches Forschungsprojekt widmet.
Handel und Wirtschaft der Prußen basierten vor allem auf Bernstein und Pelztieren. Silberfunde aus der Zeit unmittelbar vor der Eroberung durch den Deutschen Orden belegen ebenfalls einen nicht unbedeutenden Reichtum. Nicht zuletzt die unlängst wiederentdeckten Bestände der ehemaligen Königsberger Prussia-Sammlung, die heute vor allem im Museum für Ur- und Frühgeschichte der Staatlichen Museen zu Berlin aufbewahrt werden, zeigen das Land der Prußen als eine internationale Drehscheibe mittelalterlicher Handelsbeziehungen.
Die prußische Götterwelt und die Religion der Prußen sind nur schemenhaft überliefert. Die Götternamen Perkuns, Natrimpe (oder Patrimpe) und Patollu werden am häufigsten genannt. Naturkräfte wie Götter verehrten die Prußen in heiligen Hainen und an geweihten Gewässern. Sie praktizierten eine Brandbestattung, die heimlich noch bis in das 15. Jahrhundert hinein vorgenommen wurde. Aus der knappen Überlieferung ragt die Gottheit Perkuns (auch Perjuns, Perkunas, Perkunos), der Kriegsgott der Prußen, heraus. Perkuns, der im Grollen von Donner und Blitzen erschien, erfuhr vielfache Verehrung, vermutlich auch in einem eigenen Tempel am See Perkune im späteren Kreis Preußisch Eylau. In der vorchristlichen Welt Litauens und Lettlands waren identische oder ähnliche Gottheiten bekannt. Bis 1945, ja sogar von den Litauern bis heute, findet der heilige Berg Rombinus Verehrung. Auf einer Anhöhe am Memelufer thront dort der prußisch-litauische Opferstein des Gottes Perkuns.
Anders als manche Legenden und Mythen bis heute glauben machen wollen, gingen die Prußen nicht unter, wurden als ethnische Gruppe nicht mit Kreuz und Schwert ausgelöscht. Vielmehr verschwanden sie in einem langen Assimilierungsprozess, in dem sie im 17. Jahrhundert endgültig ihre sprachlichen Eigenarten vor allem zugunsten der deutschsprachigen Kultur in Ostpreußen aufgaben. Spuren der Prußen finden sich allerdings bis heute, vor allem in Familiennamen, aber auch in den überlieferten Orts- und Seebezeichnungen. In ihnen spiegelt sich das alte vorchristliche Preußen wider, das seine Ursprünge am südöstlichen Rand der Ostsee – in Ostpreußen – hatte.
Kurz vor der Eroberung Preußens durch den Deutschen Orden verstärkte der Papst seine Missionierungsversuche im östlichen Mitteleuropa, wobei er auch die heidnischen Prußen im Blick hatte. Neben Litauen blieb nämlich Preußen sehr zum Ärger der römischen Christenheit eines der letzten Territorien auf der Landkarte Mitteleuropas, wo man den alten Göttern verbunden blieb. Nachdem die Nachbarn im Süden immer wieder von prußischen Überfällen heimgesucht wurden, rief der polnische Herzog Konrad von Masowien 1226 den Deutschen Orden zur Hilfe. Mit seinem Eintreffen in der Geschichte Preußens sollte erstmals ein Kapitel aufgeschlagen werden, das von Beginn an schriftlich überliefert wurde.
Der Deutsche Orden wurde während des dritten Kreuzzugs 1198 als Ordo fratrum domus Sanctae Mariae Teutonicorum Ierosolimitanorum, kurz Ordo Teutonicus, gegründet. Nach seiner ursprünglich vor allem karitativen Tätigkeit im Heiligen Land war der Deutsche Orden auf der Suche nach einem Territorium, in dem er sich dauerhaft niederlassen konnte. Zudem hatte er von Anfang an den Ehrgeiz, einen eigenen Staat als Machtbasis zu schaffen. Zunächst wirkte der Orden in Siebenbürgen. Dort bot ihm der ungarische König Andreas II. für die militärische Unterstützung gegen die kriegerischen Kumanen 1211 ein dauerhaftes Bleiberecht an. Allerdings überreizte der Deutsche Orden die gewährte Gastfreundschaft, als er versuchte, einen Staat im Staat zu schaffen. Die Ordensritter zogen den Unwillen des ungarischen Adels wie auch des Königs auf sich, die in ihnen eine zunehmende Bedrohung sahen. Schließlich erfolgte 1225 die Ausweisung des Ordo Teutonicus aus Siebenbürgen. Nun suchten die landlosen Ordensritter nach neuen Aufgaben. Daher kam es Ordenshochmeister Hermann von Salza sehr gelegen, als Herzog Konrad von Masowien dem Deutschen Orden das Angebot unterbreitete, ihm bei der Befriedung und Christianisierung der heidnischen Prußen beizustehen. Als es zu dieser Übereinkunft kam, war jedoch nur an eine zeitlich befristete Unterstützung gedacht. Doch schon bald sollte sich erweisen, dass der Deutsche Orden vorhatte, sich dauerhaft im Land der Prußen zu etablieren. Diesem Ziel dienten auch diplomatische Verhandlungen, die die Besitzungen des Ordens rechtlich absichern sollten. Noch bevor der Deutsche Orden seine Aufgaben in Preußen übernahm, suchte Hermann von Salza sowohl vom Papst als auch vom römisch-deutschen Kaiser die juristische Legitimierung zu erlangen. In der Goldenen Bulle von Rimini 1226 sicherte Kaiser Friedrich II. dem Deutschen Orden alle Eroberungen in Preußen zu und hob ihn zugleich in den Stand eines Reichsfürsten. Im Jahr 1234 erfolgte die päpstliche Bestätigung durch Gregor IX. im Vertrag von Rieti, der alle Besitzungen des Deutschen Ordens zum Eigentum des Heiligen Stuhls erklärte.
