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Die Schattenseiten des Massentourismus Venedig, Barcelona und Mallorca! Immer mehr Destinationen leiden unter Overtourism – der massiv auf Gesellschaft und Natur wirkt. Andreas Kagermeier und Eva Erdmenger gehen dem Phänomen auf den Grund. Sie beleuchten Auslöser sowie Treiber und zeigen die Tragfähigkeit einer Destination auf. Management-Ansätze erörtern sie und regen einen Paradigmenwechsel in der Tourismuswissenschaft an. Die 2. Auflage wurde überarbeitet und u. a. um neue Governance-Ansätze sowie Beispielprojekte aus der Praxis als Antwort auf Overtourism erweitert. Auch der ländliche Raum und der Globale Süden finden stärker Berücksichtigung. Das Buch richtet sich an Studierende und Forschende aus den Bereichen Tourismus und Geographie sowie der Wirtschafts- und Sozialwissenschaften.
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Seitenzahl: 449
Veröffentlichungsjahr: 2025
Andreas Kagermeier / Eva Erdmenger
Overtourism
Umschlagabbildung: © MSC∙ iStock
Autorenbild Kagermeier: © privat
Autorenbild Erdmenger: © privat
Prof. Dr. Andreas Kagermeier hat bis 2023 an der Universität Trier gelehrt und geforscht. Neben seinen nordafrikanischen Forschungsaktivitäten stellen aktuelle Entwicklungstendenzen im Städtetourismus einen Schwerpunkt seiner Tourismusforschungsaktivtäten dar.
Dr. Eva Erdmenger hat 2022 mit der Dissertationsschrift „The Destination Governance of ‚Localability‘“ an der Universität Trier promoviert, in der sie vor dem Hintergrund von Überlastungsphänomenen im Städtetourismus den Blick auf die Bewohner:innen gerichtet und das Konzept der Prosilienz auf dessen Tragfähigkeit überprüft hat. Zu ihrem Interesse an einer sozial nachhaltigen (städtischen) Tourismusentwicklung gehören Forschungsthemen wie Overtourism, partizipative Destination Governance und Community Prosilience.
2., überarbeitete und erweiterte Auflage 20251. Auflage 2021
DOI: https://doi.org/10.36198/9783838562605
© UVK Verlag 2025— Ein Unternehmen der Narr Francke Attempto Verlag GmbH + Co. KGDischingerweg 5 • D-72070 Tübingen
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Internet: www.narr.deeMail: [email protected]
Einbandgestaltung: siegel konzeption | gestaltung
utb-Nr. 5417
ISBN 978-3-8252-6260-0 (Print)
ISBN 978-3-8463-6260-0 (ePub)
Spätestens seit einer intensiven medialen Beschäftigung mit negativen Auswirkungen des Städtetourismus im Sommer 2017 ist Overtourismus zu einem vielfach diskutierten Phänomen geworden. Ausgehend von den Kreuzfahrtdestinationen Dubrovnik, Barcelona und Venedig (Helmes 2016) wurden die negativen Reaktionen der Wohnbevölkerung auf die als „Zuviel“ empfundenen Besucher:innen in ihrer Stadt rasch zu einem europaweiten bzw. inzwischen globalen Thema. Denn Overtourism betrifft nicht nur europäische Städte, auch wenn der bisher sehr Eurozentrische Diskus stark auf diesen fokussiert ist.
Obwohl die COVID-19 bedingten Effekte im Jahr 2020 für eine kurzfristig diametral andere Situation gesorgt haben, ist mit dem Wiederanstieg der Besucher:innenzahlen die Problematik fast unverändert virulent und stellt weiterhin eine zentrale Herausforderung für die Destination GovernanceDestination Governance dar. Auch medial hat die Debatte im Sommer 2024 einen neuen Höhepunkt erreicht und verdeutlicht, dass Overtourism-Proteste nicht mehr nur in europäischen Städten auftreten.
Mit dem vorliegenden Band werden einerseits die Hintergründe und auslösenden Faktoren für die teilweise sehr akzentuiert und oft mit pauschalierenden sowie emotional aufgeladenen Positionen geführten Diskussion auf der Basis von grundlegenden Rahmendaten beleuchtet.
Dabei wird ein besonderes Augenmerk auch auf die sozialwissenschaftlichen Ansätze zum Nachvollziehen und Deuten der Befindlichkeiten der unterschiedlichen Akteur:innen gelegt. Ausgehend von früheren Management- und Gegensteuerungsansätzen in Großschutzgebieten und in der interkulturellen Begegnung erfolgt eine Annäherung an die aktuell in der Diskussion befindlichen Managementansätze.
Es wird dargelegt, dass ein Ausbalancieren der divergierenden Bedürfnisse und Interessenslagen der Involvierten und Betroffenen keineswegs trivial ist. Abgesehen von den oftmals diskutierten Limitierungsansätzen liegt das Augenmerk auch auf den Möglichkeiten der Resilienz-Ertüchtigung durch weiche, indirekt und nur partiell auf die Ratio abzielende Partizipationsansätze, welche Bezug zum Konzept des Sozialen Kapitals nach Bourdieu nehmen.
Dabei wird aber auch deutlich, dass damit sehr grundsätzliche Dimensionen von Zivilgesellschaft und Urban Governance berührt werden, die weit über den engeren Rahmen von rein auf den Tourismus begrenzten Handlungsansätzen hinaus reichen. Sowohl Tourismuswissenschaft als auch konkrete Destinationspraxis stehen bei vielen der Herausforderungen noch am Anfang eines herausfordernden und wohl auch mühsamen Prozesses.
Abschließend wird herausgestellt, dass sowohl Tourismuswirtschaft als auch Tourismuswissenschaften bislang weitgehend wachstumsorientiert bzw. wachstumsgetrieben waren. Es spricht einiges dafür, dass der aktuelle Diskurs um Overtourismus – ähnlich wie auch die Klimawandel-Diskussion – als Anzeichen für anstehende grundlegende Paradigmenwechsel im Tourismus verstanden werden könnte.
Freising und Wageningen, im Frühjahr 2025
Andreas Kagermeier und Eva Erdmenger
Angesichts der spezifischen Thematik, die in einem breiteren Kontext diskutiert wird, wendet sich das Buch nicht nur an Dozierende und Studierende der Tourismuswissenschaften. Vielmehr ist es so konzipiert, dass es sich insbesondere auch an ein breiteres Zielpublikum wendet, das – sei es beruflich oder privat – mit dem Phänomen des Overtourism konfrontiert ist. Angesichts der spezifischen Thematik und der intensiven medialen Diskussion sowie der Dynamik der Auseinandersetzung und der erst partiell vorhandenen, empirisch fundierten wissenschaftlichen Analyse werden dabei wohl auch intensiver Internetquellen verwendet, als dies bei wissenschaftlichen Publikationen zu etablierten Themenfeldern der Fall ist.
Dabei ist es das Ziel einerseits die Entstehungshintergründe von negativen Befindlichkeiten gegenüber Besucher:innen auszuleuchten. Dieses Verständnis erscheint fundamental, wenn es darum geht, mit dem Phänomen Overtourism umzugehen und angemessene Handlungsansätze zu suchen.
Damit ist das Buch klar wissenschaftlich fundiert angelegt. Gleichzeitig ist der Impetus definitiv darauf ausgerichtet, anwendungsorientiert auch den Umgang mit dem Phänomen zu thematisieren. Daher werden über das Buch verteilt auch einige ‚Impulse und Inspirationen für einen Wandel‘ vorgestellt, die zwar weder Ideallösungen noch Heilmittel sind, aber durchaus mit Mut und Kreativität progressive Ansätze aus der Praxis aufzeigen – sie sollen quasi die bunten Streusel auf der teilweise doch eher kritischen Thematik darstellen.
Der Tourismus gilt als eine der Wachstumsbranchen schlechthin. Seit dem 2. Weltkrieg waren abgesehen von kleineren oder größeren ‚Dellen‘, die durch weltweit wirksame konjunkturelle Entwicklungen (zum Beispiel die sog. ‚Bankenkrise‘ 2008/2009), terroristische Aktivitäten (insbesondere der 11. September 2001) oder epidemische Ereignisse mit globaler Auswirkung (zuletzt die COVID-19-Pandemie 2020) ausgelöst wurden, die globalen Parameter und Indikatoren immer auf Wachstumskurs.
Zwar haben gewalttätige Auseinandersetzungen (wie der Bürgerkrieg in Syrien oder die sog. Post-Election-Violence in Kenia), Katastrophen (von Menschen verursacht wie der Reaktorkatastrophe in Fukushima 2011 oder natürlich bedingt wie der Tsunami in Südostasien 2004 bzw. diverse Vulkanausbrüche) oder politische Friktionen zwischen einzelnen Staaten (wie der Ukraine-Krieg und der Nahost-Konflikt) in einzelnen Destinationen immer wieder zu Nachfrageeinbrüchen geführt. Bei räumlich begrenzten Krisen hat sich die Nachfrage zumeist einfach verlagert – z. B. aus der Türkei oder Nordafrika in andere mediterrane Destinationen –, so dass es nur regional zu Nachfrageeinbrüchen gekommen ist. Das jüngste Beispiel einer globalen Krise, die COVID-19-Krise (ausgelöst durch den Coronavirus SARS-CoV-2, hiernach: Corona), stellt einerseits das Ereignis mit bisher gravierendsten Auswirkungen auf den Tourismus dar, mit drastischen Einbrüchen der touristischen Nachfrage und einer Reihe von Marktaustritten von Leistungsträgern. Andererseits ist aber die Nachfrage in den Jahren nach der Krise dann doch wieder relativ zügig auf das Vor-Corona-Niveau angestiegen, ohne dass größere strukturelle Nachfrageveränderungen zu erkennen sind. Trotz gewisser Veränderungen beim Geschäftsreiseverkehr in der Post-Corona-Zeit – der partiell durch digitale Besprechungen substituiert wird – wurde der für den Overtourism relevante freizeitorientierte Städtetourismus nicht längerfristig von Corona-Folgen beeinflusst, da der Wille zum Reisen ungebrochen ist (Oskam 2020b, S. 53).
Das globale Wachstum im Tourismus spiegelt sich in den Daten der United Nation World Tourism Organisation (kurz: UN TourismUN Tourism, bis 2023 UNWTO abgekürzt). Von dieser werden die internationalen Reisenden (d. h. nicht die Reisen innerhalb des eigenen Landes, sprich z. B. nicht die Urlaube von Deutschen in Deutschland) erfasst. Die Zahl der internationalen Ankünfte von Reisenden hat sich von nur 25 Mio. Ankünften im Jahr 1950 innerhalb von knapp 30 Jahren bis Ende der 1970er-Jahre auf 250 Mio. verzehnfacht. In den gut 20 Jahren bis 2011 erfolgte eine weitere Vervierfachung auf dann 1 Mrd. Reisende. Dieses quantitative Wachstum ging auch in den letzten Jahren weiter, so dass im Jahr 2019 knapp 1,5 Mrd. Ankünfte registriert worden sind (→ Abb. 1).
Entwicklung der internationalen Ankünfte zwischen 1950 und 2023 nach UN Tourism-Reisegebieten
Dabei lassen sich in den Ankunftszahlen global wirksame Krisen gut als kurzfristige Einbrüche identifizieren. Dies gilt für die die sog. 1. Ölkrise 1973/1974 nach dem Jom-Kippur-Krieg oder die sog. 2. Ölkrise 1979/1980 nach der Revolution im Iran, den Golfkrieg 1990/1991, die SARS-Pandemie 2002/2003 (zumindest für den asiatischen Quellmarkt), den 11. September 2001 genauso wie für die Bankenkrise von 2008/2009. Politische Spannungen, terroristische Anschläge, kriegerische Auseinandersetzungen oder Epidemien/Pandemien haben sich immer auch als konjunkturelle Rückgänge bzw. Einbrüche in der touristischen Nachfrage manifestiert. Gleichzeitig kehrten die Nachfragezahlen bislang innerhalb relativ kurzer Zeit auf den früheren Wachstumspfad zurück, hinterließen also keine strukturellen Folgen.
Die COVID-19-Pandemie hat die Nachfrage dann – aufgrund der global geltenden Reisebeschränkungen – in den Jahren 2020 und 2021 drastisch einbrechen lassen (→ Abb. 2). Mit dem sukzessiven Aufheben der Reisebeschränkungen ist die Nachfrage dann aber 2022 und 2023 wieder rasant angestiegen. So wurden 2023 die Vor-Corona-Volumina im Einreisetourismus (auch: Incoming-Tourismus), auf den sich die Zahlen beziehen, in beinah allen Reisegebieten wieder erreicht. Im Juli 2024 haben die internationalen Ankünfte die Rekordwerte von 2019 im globalen Mittel zu 96 % wieder erreicht und einige Nationen verzeichnen bereits neue Wachstumsrekorde (beispielsweise Qatar +147 %, Albanien +93 % und Tansania +49 % im Vergleich zu 2019) (UN Tourism 2024, S. 2). Im Binnentourismus, d. h. den Urlauben im eigenen Land wurden die Nachfragezahlen der Vor-Corona-Zeit teilweise bereits 2022 oder dann 2023 bereits wieder überschritten.
Vereinzelte Besucher:innen an der Kleinen Meerjungfrau, einer der beliebtesten Sehenswürdigkeiten in Kopenhagen, am 15. März 2020 und damit einen Tag vor dem ersten Lockdown als Reaktion auf die ausgebrochene COVID-19-Pandemie.
Auch wenn die COVID-19-Krise das bislang tiefgreifendste Krisenphänomen der letzten 70 Jahre darstellt, hat auch dieser Einbruch wohl – zwar umfassender als frühere Krisen und möglicherweise auch etwas länger andauernd – letztendlich dann aber doch nicht zu einer strukturellen Veränderung der freizeitorientierten Reisetätigkeit geführt.
In der aktuellen offiziellen Prognose der UN TourismUN Tourism bis zum Jahr 2030 wird dieser Wachstumspfad weitgehend linear fortgeschrieben und bis dahin 1,8 Mrd. Ankünfte prognostiziert (UN Tourism 2014, S. 14). Weitergehende Abschätzungen bis zum Jahr 2050 gehen (wiederum als weitgehende Status-Quo Fortschreibung) von etwa 3 Mrd. internationalen Ankünften aus (Scott und Gössling 2015, S. 271). Dabei wird in Varianten, die unterschiedliche Rahmenbedingungen einbeziehen – wie z. B. Veränderung von Transportkosten insbesondere für den Flugverkehr – ein Korridor von ca. 2,7 Mrd. bis 3,3 Mrd. angegeben (Scott und Gössling 2015, S. 271). Der grundsätzliche Wachstumspfad wird bislang – trotz zwischenzeitlicher Einbeziehung von Nachhaltigkeitsaspekten und der Klimawandel-Herausforderung in die Überlegungen der UN Tourism noch nicht in Frage gestellt.
Stattdessen wird von der Demokratisierungdes ReisensDemokratisierung des Reisens gesprochen – einer steigenden Zugänglichkeit zum Reisen für eine größere Bevölkerungsgruppe. Gleichwohl ist dies das Resultat einer wachstumsgetriebenen globalen Industrie und der Begriff Demokratisierung kann demnach optimistisch fehlinterpretiert werden (Milano, Novelli und Russo 2024, S. 3). Denn trotz der international steigenden Ankunftszahlen, belegen Studien, dass sich beispielsweise (bspw.) im Jahr 2022 in Europa, dem (am BIP pro Kopf gemessen) zweitwohlhabendsten Kontinent der Welt, 15,3 % der arbeitenden Menschen keine Woche Urlaub leisten konnten (Eurostat 2023). Gleichzeitig waren es in 2018 nur 11 % der Weltbevölkerung, die an Flugreisen und nur 2 % bis 4 %, die an internationalen Flugreisen teilgenommen haben (Gössling und Humpe 2020, S. 9). Davon haben ca. 33 % im asiatisch-pazifischer Raum, 26 % in Nordamerika und knapp 23 % in Europa stattgefunden (ebd., S. 5). Auf der anderen Seite werden demnach jeweils 6 % des globalen Luftverkehrs in Lateinamerika und dem Mittleren Osten und 2 % in Afrika verortet (ebd.). Bis 2050 wird erwartet, dass sich vor allem der Anteil im asiatisch-pazifischen Raum (+12 %) und im Mittleren Osten (+2 %) erhöht. Damit soll verdeutlicht werden, dass es durchaus eine Demokratisierung des Reisens, durch verbessert wirtschaftliche Zugänglichkeit, technologische Fortschritte, ausgebaute Verkehrsinfrastruktur und Visa-Erleichterungen, gibt, jedoch bleiben globale Ungleichheiten deutlich bestehen.
Nun werden touristische Angebote aus Sicht der wirtschaftlich und politisch Beteiligten in den Destinationen ja vor allem deswegen entwickelt und vorgehalten, um damit Einkommen und auch Arbeitsplätze zu schaffen. Parallel zur Zunahme der Nachfrage haben dementsprechend auch die regionalwirtschaftlich relevanten Einnahmen aus dem Tourismus zugenommen.
Entwicklung der internationalen Ankünfte und der Einnahmen aus dem internationalen Tourismus zwischen 1950 und 2023
In → Abb. 3 ist (neben den globalen Ankünften) die Entwicklung der Deviseneinnahmen aus dem internationalen Tourismus dargestellt. Auch diese haben in den letzten 70 Jahren eine fast kontinuierliche Steigerung erfahren und beliefen sich 2018 auf fast 1,5 Billionen US$ (ca. 1,4 Mrd. €). Auch bei den Deviseneinnahmen macht sich der markante Abbruch der Corona-Jahre bemerkbar, gefolgt von einem Wiederanstieg im Jahr 2023 (fast) auf das Vor-Corona-Niveau.
Weltweit wurden im Jahr 2023 durch den internationalen (Incoming) und den nationalen (Binnen-)Tourismus knapp 10 % des globalen Bruttoinlandsproduktes geschaffen (World Travel & Tourism Council (WTTC) 2024, S. 1). Gleichzeitig wird durch den Tourismus – als relativ arbeitskraftintensiver Wirtschaftssektor – knapp jeder zehnte Arbeitsplatz weltweit generiert (WTTC 2024, S. 1). Bei aller methodischen Problematik solcher globalen Abschätzungen und der damit verbundenen Berechnungsgrundlagen stellt der Tourismus damit eine wichtige Säule der globalen Wirtschaft dar.
Dabei liegt Deutschland hinsichtlich der ökonomischen Wirkungen des Tourismus in etwa der globalen Mitte. Der Anteil der von Tourist:innen in der Bundesrepublik Deutschland nachgefragten Güter und Dienstleistungen in Höhe von 123,8 Mrd. € trug im Jahr 2019 direkt mit 3,9 % zur gesamten BruttowertschöpfungBruttowertschöpfung der Volkswirtschaft bei (Statistisches Bundesamt 2021, S. 22). Bei Einbeziehung der indirekten Effekte errechnen sich 6,9 % der Bruttowertschöpfung (Statistisches Bundesamt 2021, S. 30). Etwa ein Viertel der Wertschöpfung wird in Bereichen erwirtschaftet, die nicht primär auf den Tourismus ausgerichtet sind (Verkehr, Einzelhandel, sonst. Dienstleistungen). Damit liegt der Beitrag des Wirtschaftsfaktors Tourismus an der Bruttowertschöpfung über derjenigen der Automobilindustrie (4,7 %) oder des Baugewerbes (5,2 %) (Statistisches Bundesamt 2024). Die im Jahr 2019 direkte Beschäftigungswirkung der 2,8 Mio. dem Tourismus zuzuordnenden Beschäftigten entspricht einem Anteil von 6 % der Erwerbstätige für touristische Zwecke in Deutschland (Statistisches Bundesamt 2021, S. 23).
Besonders in sog. strukturschwachen und peripheren Regionen mit wenigen anderen tragfähigen wirtschaftlichen Grundlagen wie vielen Mittelgebirgsregionen in Deutschland, ländlichen Gebieten im Mittelmeerraum oder Destinationen im sog. Globalen Süden (→ Kap. 1.4.2) ist die relative Bedeutung des Wirtschaftssektors Tourismus oft noch deutlich höher. Umgekehrt sind in dynamischen Metropolregionen wie z. B. der Region München (→ Kap. 3.4 sowie 3.5) andere Wirtschaftszweige stärker ausgeprägt, so dass dort die relative Bedeutung des Tourismus für regionale Wertschöpfung und Beschäftigung unterdurchschnittlich ausfallen kann.
Insbesondere strukturschwächere Städte, Regionen oder Länder haben in den letzten Jahrzehnten versucht, den Tourismus als Wertschöpfungsquelle und zur Schaffung von Arbeitsmöglichkeiten zu nutzen. Dementsprechend sind – trotz insgesamt zunehmender Nachfragevolumina – in den letzten Jahrzehnten die Tourismusangebote stärker gewachsen als die Nachfrage. Dies bedeutet, dass im Tourismusmarkt ein Umschwung vom Anbietermarkt/Verkäufermarkt (die Nachfrage ist größer als das Angebot) zum Nachfragermarkt/Käufermarkt (das Angebot ist größer als die Nachfrage) stattgefunden hat. Dementsprechend ist der Tourismus ein hoch kompetitives Wirtschaftssegment, in dem ja theoretisch jede Destination weltweit miteinander in Konkurrenz steht. Folglich waren Tourismuswirtschaft, Tourismuspolitik und auch Tourismuswissenschaft im ausgehenden 20. Jahrhundert vor allem darauf ausgerichtet, die Wettbewerbsfähigkeit der Destinationen zu verbessern. Dabei lag der Fokus vor allem auf einer klaren Qualitätsorientierung, der Entwicklung von neuen Produktlinien bzw. dem Relaunch von etablierten Produkten. Die starke Wachstumsorientierung wurde nur sehr partiell in Frage gestellt (→ Kap. 5.5.1 und 5.5.2).
Im Tourismus als wachstumsverwöhntem Wirtschaftssektor spielten die Fragen nach den Grenzen des Wachstums nur eine geringe Rolle. Die privatwirtschaftlichen, politischen und tourismuswissenschaftlichen Akteur:innen – wobei sich die Verfasser dieses Bandes nicht davon ausnehmen können – waren weitgehend von den auf Wachstum ausgerichteten Prognosen geprägt.
Auch wenn die Frage nach den Tragfähigkeits- und Sättigungsgrenzen im Tourismus immer wieder thematisiert worden ist, bezog sich das auf Teilbereiche des Gesamtmarktes. So wurde seit den 1980er-Jahren im Zusammenhang mit der Diskussion über Akkulturation und kulturelle Überprägung durch Tourismus in Zielgebiete des Globalen Südens oder die physischen Grenzen in Großschutzgebieten (→ Kap. 5) dieser Aspekt immer wieder thematisiert. Letztendlich blieb es aber ein relativ isolierter und für den überwiegenden Teil des Tourismussegments wenig relevanter Diskurs.
Der „Aufstand der BereistenAufstand der Bereisten“: zur Genese eines Begriffs
In den 1960er- und frühen 1970er-Jahren wurde in den – oftmals gerade in die Unabhängigkeit entlassenen – Ländern des Globalen Südens die Entwicklung des Tourismus oftmals als ein Mittel einer sog. nachholenden Entwicklung gesehen und war damit positiv besetzt. In den späten 1970er- und 1980er-Jahren wurde zunehmend auch Kritik an den Folgen der touristischen Erschließung in den sog. Entwicklungsländern laut.
Diese war auch stark getragen von den tourismuskritischen Diskurslinien, die in den bildungsbürgerlichen Eliten des Globalen Nordens in dieser Zeit geführt wurden (vgl. z. B. Krippendorf 1982, 1984) und in denen von Junk (1980) dem sog. „harten“ Tourismus der Gegenentwurf eines sog. „sanften“ Tourismus entgegenstellt worden ist.
In der Berichtserstattung über eine Konferenz zum Tourismus in der „Dritten Welt“ (gering(er) entwickelte Länder des Globalen Südens) im Jahr 1986 wird wohl das erste Mal der Begriff „Aufstand der Bereisten“ verwendet (FAIR UNTERWEGS 2017). Dieser erfuhr in der Folgezeit eine weite Verbreitung, auch wenn Strasdas die Wirksamkeit eher zurückhaltend beurteilt:
„Die Kritik am Dritte-Welt-Tourismus blieb politisch und in der touristischen Praxis weitgehend bedeutungslos, da sie nur von kleinen Gruppen in den IL und den EL getragen wurde. Der von ihnen häufig zitierte ‚Aufstand der Bereisten‘ beschränkte sich in organisierter Form bisher auf wenige Fälle und wird vor allem von denjenigen verkörpert, die selbst nicht am Tourismus beteiligt sind. Es wurde verkannt, dass die Einheimischen hier unterschiedliche Interessen haben: Die im Tourismus tätigen Personen profitieren von ihm, d. h. sie haben zwar ein Interesse an einer Verbesserung ihrer Arbeitssituation (z. B. in Form von gewerkschaftlicher Organisierung), nicht aber an einer grundsätzlichen Eindämmung des Tourismus. Dennoch ist die Kritik grundsätzlich berechtigt, da große Teile der lokalen Bevölkerung tatsächlich nicht vom Tourismus profitieren bzw. durch ihn sogar benachteiligt werden – dies allerdings am deutlichsten in ökonomischer Weise, wohingegen die kulturellen Auswirkungen schwieriger zu beurteilen sind“ (Strasdas 2001, S. 90).
Letztendlich handelt es sich aber ganz klar um einen Kampfbegriff in der tourismuspolitischen Diskussion als einen klar definierten analytischen Begriff. Hinter dem Begriff steht das Unbehagen über die Folgen der touristischen Erschließung – insbesondere auch die kulturelle Überprägung – vor dem Hintergrund von ungleichen Machtpositionen. Tourismus weist Züge einer klassischen post- bzw. neo-kolonialen Beziehung zwischen den Reisenden aus dem Globalen Norden und der Bevölkerung in den Ländern des Globalen Südens auf. Deren Charakterisierung als „Bereiste“ drückt ihre passive Rolle aus, während weite Teile der Wertschöpfungskette in den Händen von Wirtschaftsakteur:innen des Globalen Nordens bleiben.
Seit 2017 wird der Begriff wieder verstärkt von den MedienMedien aufgegriffen, um die sich vor allem in städtetouristischen Destinationen manifestierenden Artikulationen über als zu viel empfundene Besucher:innenzahlen bzw. die damit verbundenen negativen Effekte prägnant zu charakterisieren. Der Begriff „Bereiste“ konnotiert dabei implizit sicherlich auch eine passive Rolle der Bewohner:innen, die auch als „Opfer“ gesehen werden.
Die meisten Beteiligten im Tourismus wurden dementsprechend von den seit Sommer 2017 sich zunehmend artikulierenden und auch intensiv in den Medien kommunizierten Diskussionen über die Proteste der Bewohner:innen gegenüber den Besucher:innen der städtischen Destinationen (unerwartet) überrascht bzw. überrumpelt.
Es gab zwar eine Reihe von Vorwarnzeichen, die allerdings lokal beschränkt und ohne größeren Widerhall geblieben sind. So hatten bereits im Jahr 2011 die Grünen in KreuzbergKreuzberg eine Veranstaltung mit dem provokanten Titel „Hilfe, die Touristen kommen“ abgehalten (Spiegel Online 2011). Nachdem Berlin während der Zeit der deutschen Teilung im Verhältnis zur Zahl der Bewohner:innen eher unterdurchschnittlich intensiv von Besucher:innen aufgesucht worden ist (etwa auch im Vergleich zu Hamburg und München), hatte die Stadt nach der Wiedervereinigung und insbesondere der Verlegung der Hauptstadtfunktion eine besonders starke Zunahme der Besucher:innenzahlen erfahren (→ Kap. 2.1). Aufgrund der Transformationsprozesse seit den 1990er-Jahren sind insbesondere im Osten der Stadt viele ehemals gewerblich genutzte Flächen brach gefallen und wurden als temporäre Zwischennutzung für subkulturelle Zwecke genutzt. So entstand in den Jahren nach der Wiedervereinigung eine Vielzahl von Clubs vor allem in Friedrichshain, die nicht nur BerlinBerliner:innen, sondern auch viele auswärtige Gäste anzogen. Dementsprechend haben sich in Kreuzberg/Friedrichshain in den 1990er-Jahren auch viele Hostels angesiedelt, die dann 2011 Gegenstand des Unmuts der Bewohner:innen waren. Insbesondere die mit den Hostels und den Clubs verbundenen nächtlichen akustischen Beeinträchtigungen, aber auch die Hinterlassenschaften der nächtlichen Besucher:innen führten zu Irritationen bei den Bewohner:innen, so dass artikuliert wurde „Wir sind kein Zoo!“ (Spiegel Online 2011).
Die Diskussion verlagerte sich dann in den Folgejahren neben den Hostels auch auf das private Teilen von Wohnraum für Übernachtungszwecke als Teil der sog. ‚Sharing EconomySharing Economy‘ – insbesondere über die Vermittlungsplattform AirbnbAirbnb (vgl. z. B. Kagermeier, Köller und Stors 2015, 2016, Stors und Kagermeier 2017; vgl. auch Kap 2.3). Letztendlich blieben es aber lange Zeit lokal begrenzte und eher auf die direkten Beeinträchtigungen – seien es nächtliche Lärmkulissen oder die Angst um Zweckentfremdung von Wohnraum – abzielende Artikulationen von negativen Effekten des Tourismus, wie sie bereits früher schon immer wieder aufgetreten waren (genauer in → Kap. 3).
Die Medienberichterstattung wurde dann 2017 vor allem von den drei Beispielen BarcelonaBarcelona, DubrovnikDubrovnik und VenedigVenedig geprägt (vgl. z. B. Christ 2017). Alle drei Städte sind wichtige Anlaufziele des KreuzfahrttourismusKreuzfahrttourismus. Kreuzfahrttourist:innen zeichnen sich dadurch aus, dass sie zu bestimmten Stoßzeiten massiert in den Städten auftreten und sich im Wesentlichen auf die zentralen Highlights der Stadt konzentrieren. Gleichzeitig induzieren sie nur eine sehr begrenzte Wertschöpfung, da sie ihre Mahlzeiten auf den Kreuzfahrtschiffen einnehmen, dort auch übernachten und auch kaum Gelegenheit für längere Einkäufe in den Hafenstädten haben (vgl. auch → Kap. 3.1).
Ausgehend von den drei Hotspots der Overtourism-Diskussion wird inzwischen in zunehmend mehr Destinationen das Unbehagen über eine als ‚Zuviel‘ empfundene Zahl der Tourist:innen artikuliert. Dabei wird zumeist auf die negativen Auswirkungen der touristischen Inwertsetzung für den Lebensraum der Bewohner:innen abgestellt.
Begriffsfassung OvertourismBegriffsfassung Overtourism nach UN Tourism
Nach dem Begriffsverständnis der UN Tourism kann von OvertourismOvertourism gesprochen werden, wenn die Auswirkungen des Tourismus in einer Destination die wahrgenommene Lebensqualität der Bewohner:innen und/oder die Aufenthaltsqualität der Besucher:innen negativ beeinflusst („the impact of tourism on a destination, or parts thereof, that excessively influences perceived quality of life of citizens and/or quality of visitors experiences in a negative way” UNWTO bzw. UN Tourism 2018, S. 6).
Overtourism entsteht also, wenn Tragfähigkeitsgrenzen überschritten werden und daraus negative Konsequenzen resultieren. Damit ist festzuhalten, dass das Phänomen Overtourism als soziales Konstrukt zu verstehen ist, wie es im folgenden Kapitel näher erläutert wird (→ Kap. 1.3).
Dies bedeutet, dass negative Auswirkungen touristischer Aktivitäten erst durch die subjektive Wahrnehmung (der Bewohner:innen, der Besucher:innen) zu Overtourism werden. Dementsprechend wird im Folgenden auch vor allem auf die soziale Tragfähigkeit fokussiert. Diese Toleranzschwelle der Bewohner:innen wird fallweise überschritten, wenn sie von als zu viel empfundenen Besucher:innen irritiert sind, sich in ihrem Bedürfnis nach Privatsphäre zunehmend gefährdet sehen und/oder fühlen, dass die Stadt nicht mehr ‚ihre‘ sei (Verfremdung). Dieses Gefühl wird oft dadurch verstärkt, dass sich Bewohner:innen von Politik, Verwaltung und Tourismuswirtschaft nicht ernst genommen bzw. zu wenig priorisiert und einbezogen fühlen (Erdmenger 2023).
Dubrovnik ist einer der mediterranen Kreuzfahrtstandorte an denen sich wegen der hohen Zahl der Besucher:innen und dem damit verbundenen Crowding die Overtourism-Diskussion entzündet hat.
Auch wenn die Overtourism-Diskussion teilweise auch in mediterranen Badedestinationen wie z. B. Mallorca (Martiny 2019) oder stark (insbesondere vom Tagesausflugsverkehr) frequentierten Gegenden im Alpenvorland (Fuchs und Sebald 2019, Steber und Mayer 2024, Steppan 2020, Wiendl 2020) oder anderen landschaftlich attraktiven Destinationen geführt wird, liegt der Schwerpunkt der Overtourism-Diskussion in den Städten und hier insbesondere in den größeren Metropolen. Dementsprechend wird in → Kap. 2 insbesondere auf die besondere Wachstumsdynamik im Städtetourismus eingegangen.
Venedig ist ebenfalls einer der mediterranen Kreuzfahrtstandorte, an denen sich die Overtourismus-Diskussion entzündet hat.
Wie so oft in der Wissenschaft gibt es auch für den Begriff Overtourism keine allgemeingültige Definition. Auch wenn die zuvor aufgeführte Definition der UN Tourism (2018), neben der von Goodwin (2017), die dominierende ist, so kann sie aus unterschiedlichen Perspektiven angefochten werden. In diesem Kapitel soll aufgezeigt werden, wie unterschiedliche Personen ihr Verständnis von Overtourism konstruieren. Die hier aufgeführten Perspektiven umfassen Overtourism aus Sicht der Medien, Tourismusakteur:innen und -unternehmen, Wissenschaft und öffentlichen Gesellschaft. Dafür wird der Soziale Konstruktionismus als philosophischer Rahmen angewandt (vgl. Killion und Fisher 2018).
Sozialer Konstruktionismus und Konstruktivismus Aufstand der Bereisten
Es gilt zu unterscheiden, dass sich der Konstruktivismus (vgl. Piaget 1964) insbesondere auf die Wissensentstehung (basierend auf den subjektiven Erfahrungen eines Individuums) bezieht, wohingegen der Konstruktionismus (vgl. Berger und Luckmann 1966/2011) „die Konstruktion von Wissen als Ergebnis von sozialen Interaktionen in Kontexten, die dann die Grundlage von gemeinsam geteiltem Wissen bilden“ (Gerstenmaier und Mandl 2000, S. 4) versteht (Sandu und Unguru 2017, S. 54).
(Sozialer) Konstruktivismus: Der kognitive Prozess der Wissenskonstruktion ist innerpsychisch. Schlüsselidee: Wirklichkeitserzeugung ist das Produkt individueller kognitiver Prozesse des inneren Geistes.
Sozialer Konstruktionismus: Die Formung gesellschaftlicher Strukturen, Sprache, Diskurse und Interaktionen von Wissen und Realität. Schlüsselidee: Wirklichkeitserzeugung ist das Produkt sozialer Prozesse und kultureller Übereinkünfte.
„Die Welt – so eine zentrale Annahme des SK [Sozialen Konstruktionismus] – werde im sozialen Austausch konstruiert und könne auch nur durch die von uns geschaffenen Begriffe und Konstruktionen wahrgenommen und verstanden werden Diese Begriffe und Konstruktionen prüfen wir nach den Kriterien der Passfähigkeit für den weiteren sozialen Austausch Die Frage nach Wahrheit, Falschheit oder Objektivität unserer Konstruktionen wird damit von der Frage nach der Nützlichkeit unserer Begriffe und sozialen Konstruktionen abgelöst“ (Frindte und Jacob 2018, S. 150).
Auch wenn die Richtungen und Auslegungen variieren, so haben sie den gemeinsamen Nenner, dass Menschen „die Welt nicht einfach abbilden, sondern sich mittels ihrer Fühl-, Denk- und Sprachwerkzeuge eine Welt konstruieren, die ihrer Existenz angemessen ist“ (Frindte und Jacob 2018, S. 142). Die Unterschiede liegen demnach in den Mechanismen und den Prozessen der (sozialen) Konstruktion. Obwohl bestimmte Gemeinsamkeiten zwischen den diversen Auslegungen bestehen, wird in diesem Buch exklusiv der Begriff Sozialer Konstruktionismus verwenden, um die Betonung auf die sozialen Beziehungen und Interaktionen als Orte der Wirklichkeitskonstruktion zu legen (vgl. Gergen et al. 2009).
In der tourismusgeografischen Forschung kann der sozial-konstruktionistische Ansatz genutzt werden, um die Konstruktion des Begriffs Overtourism durch Sprache und Texte zu analysieren (Erdmenger 2023). Während Wissenschaftler:innen versuchen die soziale Belastbarkeit eines Reiseziels rational zu definieren und zu messen, konstruieren MedienMedienberichte Narrative wie „Overtourism in Venice means local people can’t buy homes“ (Palmer 2021). Unter diesem Gesichtspunkt wird in diesem Kapitel dazu eingeladen, die objektive Faktizität des Verständnisses, dass Overtourism ein Phänomen von zu vielen Menschen zu einem gewissen Zeitpunkt an einem bestimmten Ort sei, in Frage zu stellen. Stattdessen werden wir den zuvor zitierten Worten von Frindte und Jacob (2018, S. 150) folgen und „der Nützlichkeit“ von Overtourism als einen „von uns geschaffene[n] Begriff“ prüfen.
Dafür soll zunächst der Ursprung des Begriffs Overtourism beleuchtet werden. Die erste nachvollziehbare Konzeptualisierung von Overtourism in einem wissenschaftlichen Kontext lässt sich auf Börlin (1986) datieren (Milano, Novelli und Russo 2024). In seiner Studie über den Zusammenhang zwischen der Nutzung natürlicher Ressourcen und Umweltverschmutzung konkludiert Börlin, dass eine stärkere Regulierung und internationale Zusammenarbeit der Ressourcennutzung erforderlich sind, um die Balance zwischen wirtschaftlichem Wachstum und Umweltschutz zu wahren. In einem Paragraphen schreibt Börlin (1986, S. 232):
„Experience from winter sports resorts and coastal tourism areas shows that modern mass tourism with its concentration in time and space can in fact significantly deteriorate the environment: coastal waters showing signs of pollution, overcrowded beaches, congested teleskis and other mountain transport, loss of natural landscapes through mountain urbanism and eroding ski slopes to high rise hotels and apartments at the coast, destruction of flora and fauna, to mention the more important impacts… Notwithstanding lack of data, there is enough evidence to support the assertion that ‘tourism destroys tourism’ in certain specific regions; these are most noticeable at times of economic recession and could lead to the development of depressed tourist regions just as much as the development of depressed industrial regions. Like over-fishing, over-tourism can deplete the natural resource on which tourism depends, with resulting heavy hidden costs.”
Mit diesem Zitat werden zwei Aspekte sehr deutlich: 1) es gab bereits vor 40 Jahren Evidenzen, dass das neoliberale Tourismuswachstum der spät-fordistischen und schließlich postfordistischen Massenkonsumgesellschaft einen Kipppunkt erreichen wird; 2) die ersten Beobachtungen von Overtourism fanden im ländlichen Raum statt (→ Kap. 1.4.1).
In den MedienMedien tauchte der Begriff zum ersten Mal, so weitnachvollzogen werden kann, im Dezember 2001 in einem Artikel der australischen Zeitung The Sydney Morning Herald auf (Milano, Novelli und Russo 2024), in welchem Petersen (2001) über den extremen Tourismus in Pompeii schrieb. Im Jahr 2012 wurde #overtourism dann erstmalig in den sozialen Medien, genauer auf der Plattform Twitter (heute X), verwendet (Goodwin 2019, S. 110). Viral ging der Begriff doch erst nach einem Artikel der online Reise-Nachrichten Plattform Skift, in welchem Ali (2016) Overtourism benennt und definiert. Dort schrieb er:
„One of the biggest challenges we’re exploring in this series [of deep dives into destinations] is something we’re calling ‘Overtourism’. Overtourism represents a potential hazard to popular destinations worldwide, as the dynamic forces that power tourism often inflict unavoidable negative consequences if not managed well. In some countries, this can lead to a decline in tourism as a sustainable framework is never put into place for coping with the economic, environmental, and sociocultural effects of tourism. The impact on local residents cannot be understated either.“
Nach diesem Artikel, der Tourismusunternehmen als Zielgruppe hat, und der Zunahme an Anti-Tourismus-Protesten zur gleichen Zeit, war das Lauffeuer nicht mehr aufzuhalten. Es ist schon fast ironisch, dass im April 2023 der gleiche Journalist Ali (2023), der seinen Stolz diesen Begriff seines Erachtens nach geprägt zu haben nicht verbergen kann, erneut versucht die Debatte voranzutreiben und betitelt „It Is Time to Ditch the Phrase ‘Overtourism’. The phrase ‘Overtourism’ did its job since we coined it in 2016. Now it’s time to move on for more nuanced solutions.“ Weiter schreibt er „alarmism and inducing fear wasn’t a side effect, it was the intent” (Ali 2023, o. S.), was aus sozial-konstruktionistischer Perspektive erklärt, dass es nie Anspruch des Begriffs war, wissenschaftlich korrekt, messbar oder abgrenzbar zu sein. Stattdessen wurde Overtourism als emotional geladenes und simplifiziertes Schlagwort für eine Debatte zunächst in der Tourismusindustrie sowie folgend der breiten öffentlichen Gesellschaft entworfen – und retrospektiv lässt sich festhalten, dass es diese Funktion durchaus erfüllt hat. Dies ist auch nicht überraschend, denn Massenmedien sind aus sozial-konstruktivistischer Sicht zentral für alltägliche Realitätsvorstellungen (Haase 2021 in Anlehnung an Luhmann 1995).
Es lässt sich festhalten, dass Overtourism seit 2016 durch mediale Berichterstattung an Popularität und Nutzerschaft gewonnen hat. Mit Blick auf die Trefferquote des Suchwortes „overtourism“ bei Google News zwischen 2015 und 2024 (→ Abb. 6) wird dies bestätigt. So fällt auf, dass der erste Sprung von 10 Treffern in 2015 zu 4.010 Treffern in 2016 eventuell tatsächlich durch den Skift-Artikel mit katalysiert wurde. Nach einem Hoch mit 10.100 Treffern für das Jahr 2019, folgte mit der COVID-19-Pandemie eine leichete Verringerung der Google-News-Treffer. Seit Ende der Pandemie und den wiederkehrenden Tourist:innen weltweit steigen die News-Treffer zu neuen Rekorden an. So zeigt die Nachrichten Suchmaschine für 2023 20.400 Treffer zu dem Schlagwort „overtourism“ und 2024 sind es bereits 43.3000 Treffer. Dies verdeutlicht sehr plakativ, dass mit dem Ende der Pandemie im Jahr 2022 die Renaissance der medialen Overtourism-Debatte angebrochen ist. Auch wenn die COVID-19-Pandemie eine Pause in der Diskussion um Overtourism erzwungen hat, die Gelegenheit, bestehende Systeme zu überdenken und nachhaltigere Tourismusmodelle zu entwickeln, bei denen die Bedürfnisse der lokalen Bevölkerung im Mittelpunkt stehen, wurde durch den Schrei nach wirtschaftlichem Überleben übertrumpft. So ist es nicht verwunderlich, dass der Begriff Overtourism seit 2023 noch populärer in den Medien ist, denn je zuvor.
Trefferanzahl bei der Suche nach “overtourism” auf verschiedenen Informationskanälen zwischen 2015 und 2024
Dies hat sowohl positive als auch negative Effekte. Einerseits werden dadurch Tourismus-induzierte Probleme anerkannt und diskutiert. Andererseits kann eine einseitige Darstellung und Einfärbung Stereotype über Tourismus und seine Folgen verstärken sowie mit ‚Fake News‘, also Falschinformationen und Verzerrungen, die Stimmung künstlich und unnötigerweise kippen lassen. So hat eine Framing-Analyse des Begriffs Overtourism in 117 bayerischen Printmedienartikeln zwischen Herbst 2017 und 2020 ergeben, dass vor allem drei mediale Rahmungen des Themas dominieren (vgl. Haase 2021, S. 13f.): 1) die Gefahr touristischer Überbevölkerung, bei welcher die Reisenden und ihr Erscheinen zum eigentlichen Problem gemacht werden, 2) die Gefahr touristischer Überbevölkerung (durch ‚die Anderen‘), wobei bestimmte Gruppen von Menschen anderer Nationen problematisiert werden und 3) Tourismus ist Krieg und der Tourist der Feind. Diese Analyse verdeutlicht, dass der mediale Diskurs, wie von Ali 2023 reflektiert, „undifferenziert und populistisch“ ist (Haase 2021, S. 16).
Nichtsdestotrotz, um den Blick verstärkt auf die sozial-konstruktionistische Bedeutung des Begriffs zu legen, muss auch über die gesellschaftliche Anerkennung und Bedeutung des Begriffs gesprochen werden. Die starke Annahme des Labels Overtourism und dessen virale Verbreitung in den mainstream (sozialen) Medien zeigen, dass der Begriff in der Gesellschaft ein Widerhallen gefunden hat. Als Schlagwort auf Anti-Tourismus-Protesten erschien es fast als würde das Wort zum Werkzeug für ein lange empfundenes aber zu komplex zu benennendes Phänomen dienen – das Kind einen Namen bekommen. In diversen wissenschaftlichen Medienanalysen seit 2016 wird deutlich, dass, der Begriff Overtourism in Massenmedien undifferenziert, simplifiziert und teils populistisch genutzt wurde. Auch wenn diese Berichterstattungen dem wissenschaftlichen Anspruch nicht gerecht werden, so haben sie der Wissenschaft voraus, dass sie a) für die breite öffentliche Gesellschaft zugänglich sind und b) von ihr, u. a. eben durch zugängliche, simplere Schreibweise, verstanden werden. So berichtet die TZ im Mai 2023 (TZ 2023):
„Münchner Gärtnerplatz als Symbol für ‚Overtourism‘: Behörden mussten einige Hausaufgaben erledigen. […] Für überlastete Reiseziele, dazu gehören beispielsweise die griechische Insel Mykonos ebenso wie der uns näher gelegene Walchensee, hat sich der Begriff ‚Overtourism‘ eingebürgert. Gemeint ist damit, dass ein attraktiver Ort mit dem Ansturm der Besucher überfordert ist. Dem Münchner Gärtnerplatz in der Isarvorstadt ergeht es ähnlich.“
Aus wissenschaftlicher Perspektive und empirischer Datenfundierung ist die Bedeutung von Overtourism tiefgründiger als die Überfüllung gewisser Orte zu einer bestimmten Zeit (auch: Overcrowding, vgl. Popp 2018b). Auch ist es nicht einfach ein zusammenfassendes Wort für die Zunahme der negativen Auswirkungen des Tourismus die in einem Ungleichgewicht von Nachteilen und Vorteilen für die Bewohner:innen der Destination resultieren (Milano, Novelli und Russo 2024, S. 3). Gleichwohl stellen diese zwei Auslegungen, metaphorisch gesprochen, die Spitze des Eisberges dar (Milano, Novelli und Russo 2024, S. 2). Was sich unterhalb der Wasseroberfläche, also der Bedeutung von Overtourism, befindet, wird selten ergründet. Dass es sich hierbei vielmehr auch um die gesellschaftliche Empfindung von sozialen und kulturellen Spannungen, Kontrollverlust, Ressourcenknappheit, Einschränkungen der eigenen menschlichen Bedürfnisse, und weiterer negativer Auswirkungen durch den Tourismus handelt (→ Kap. 3), bleibt in populistischer und sensations-getriebener Stimmungsmache verborgen.
Was sich in der medialen Berichterstattung seit Ende der COVID-19-Pandemie geändert hat, ist jedoch, dass auch zunehmend mehr Radiosender (vgl. SWR Kultur 2024), Podcasts (vgl. ZEIT ONLINE 2024) Fernsehsendungen mit dem Phänomen beschäftigt haben. So wird beispielsweise in der Dokumentation planet e. „Reiselust – Klimafrust: Tourismus in Zeiten des Klimawandel“ (ZDF 2023; siehe → Abb. 7, verfügbar in der online Mediathek unter ZDF.de) eine Großdemonstration auf Mallorca gegen den lokalen Massentourismus thematisiert.
Dokumentation planet e. vom 7. September 2023, die sich u. a. mit den Folgen des Massentourismus auf Mallorca auseinandersetzt
Dementsprechend kritisch und polarisierend sind auch die Reaktionen auf den Overtourism-Diskurs von Seiten der Tourismusakteur:innen und ‑unternehmen. Um ein Beispiel zu nennen, so hat sich der Referent des Münchner Referats für Arbeit und Wirtschaft, dem die öffentliche DMO München Tourismus angehört, 2021 in einem Podcast wie folgt über Overtourism geäußert (Tourismus Oberbayern München 2021, Minute 29:23–30:05):
„Ich glaube wir müssen anfangen bei dem Thema des letzten Sommers, des Overtourism. Das ist eins der furchtbarsten Wörter für mich. Ich bin froh um jeden Touristen der kommt. Und ich werde nicht müde auch jedem zu sagen, ich will Menschen nicht mit dem Wort eines Overtourism verschrecken. Das gilt für uns Münchener, das gilt auch manchmal in die Richtung Berge rein, wo der ein oder andere meint ‚jetzt werden es zu viel‘ [Original ‚zvui‘ in bayerischem Dialekt]. Ich glaube das ist ein Signal an unsere Gäste, die uns viel Geld, viel Ruf bringen. Also schlechter hätte es man gar nicht setzen können. Das in den Griff zu bekommen, ist eines der vorrangigsten Ziele.“
Auch wenn die negierende Perspektive des Wirtschaftsreferenten in seiner Rolle nachvollziehbar ist, so zeugt sie auch von Verschlossenheit und Ignoranz gegenüber den Ursachen der zunehmenden Overtourism-Wahrnehmung in Bayern zu der Zeit. Fraglich ist, auf welchen Informationsquellen diese Perspektive basiert. Gleichwohl ist diese Stimme sehr repräsentativ für diverse Meinungsäußerungen, die zu der Zeit aus der Tourismusindustrie aufgekommen sind. Es geht dabei vor allem um die Angst Reputation, damit Nachfrage und letztendlich wirtschaftlichen Ertrag, zu verlieren (Dodds und Butler 2019b, S. 525), in die während der vergangenen 50 Jahre investiert wurde (Milano, Novelli und Russo 2024, S. 1). Eine soziale (oder auch umweltbedingte) Komponente wird hier gänzlich ausgeblendet und dem Wirtschaftswachstum untergeordnet. Dass die Dimensionen des Phänomens nicht anerkennt werden, spiegelt sich auch in der Tatsache wider, dass Tourismusakteur:innen häufig, ihrer Meinung nach, zutreffendere Termini vorschlagen, wie etwa Overcrowding, Massentourismus oder unausgeglichener Tourismus (imbalanced tourism). Diverse Studien haben gezeigt, dass die bisherigen Reaktionen vieler Tourismusakteur:innen „inadäquat“ sind (Amore, Falk und Adie 2020, S. 120). Wissenschaftler:innen fordern stattdessen, dass Akteur:innen (Unternehmer:innen, Planer:innen, Entscheidungsträger:innen, Tourist:innen und Bewohner:innen) ihre gemeinsame Verantwortung anerkennen und entsprechend handeln (Koens und Postma 2017, Namberger et al. 2019). Gleichzeitig wird davor gewarnt, was sich auch in dem obigen Zitat manifestiert, dass Tourismusakteur:innen das Phänomen gegebenenfalls nicht verstehen und entsprechend unpassende und ineffektive Konsequenzen ziehen (Koens, Postma und Papp 2019, S. 156). Daher wird eine enge Zusammenarbeit zwischen Wissenschaft und Tourismusakteur:innen umso bedeutender (Amore, Falk und Adie 2020). Dies führt zu der nächsten Perspektive.
Auch wenn die Stimmen von Wissenschaftler:innen oft etwas differenzierter und die Perspektiven etwas holistischer sind als die dominanten der Industrieakteur:innen, so wird der Neologismus auch in dieser Community häufig skeptisch hinterfragt. Eins der häufigsten Argumente ist, dass es sich hierbei um kein neues Phänomen handelt, sondern um ‚alten Wein in neuen Schläuchen‘ (vgl. Capocchi et al. 2019). Gleichwohl mangelt es diesen kritischen Stimmen oft an (primärer) empirischer Grundlage, weshalb generalisierende Missverständnisse verbreitet werden, die die Debatte weiter vergiften (Milano, Novelli und Russo 2024, S. 7). Denn empirische Studien zeigen deutlich, dass es sich eben um ein komplexeres Phänomen als Massentourismus und Drängungseffekte geht (Veríssimo et al. 2020). So argumentiert Baumgartner (2020), dass die Massentourismus-Debatte einen stärkeren Natur-Bezug hat, während der Overtourismus zu einer wohnortbezogenen Diskussion über die wissenschaftliche Forschungsgemeinschaft hinausgeführt hat. Diese Annahme hat sich im Laufe der Overtourism-Forschung zunehmend bestätigt. Im Gegensatz zu den wirtschaftlichen und umweltbezogenen Auswirkungen des Massentourismus, fokussiert sich der Overtourism-Diskurs deutlich stärker auf soziale Auswirkungen, Emotionen und die Bewohner:innen der Reiseziele. So wird durchaus ein starker Zusammenhang zwischen Massentourismus und Overtourism gesehen, jedoch sind diese nicht synonym zu verstehen oder zu verwenden. So schreiben die drei Wissenschaftler:innen (Milano, Novelli und Russo 2024, S. 6), die sich seit Beginn der Debatte mit Overtourism (ethnografisch) beschäftigen, Overtourism sei:
„nothing but the last bit of a long tail of place transformation and adaptations that are deeply rooted in the capital accumulation strategies pertinent to a mobile society. In this sense, overtourism can be better described as a regime, meaning a complex and deeply entrenched system that exerts control over urban landscapes, economies, and social dynamics in which tourism economics start to be the main source of income, transforming cities into perpetual holiday destinations.“
Weiter beschreiben sie, dass es ein vielschichtiges und sich selbst erhaltendes System sei, das dem neoliberalen Wirtschaftswachstum durch Massentourismus und eine priorisierte Besucher:innenwirtschaft Vorrang einräumt (ebd.). Dieses System, oder Regime, resultiert in fragwürdigen unfairen Praktiken, wie der Ausbeutung von Arbeitskräften und natürlichen Ressourcen, die von Betroffenen, teils lautstark, öffentlich angeprangert werden. Ihrer Beobachtungen und Analysen nach ist Massentourismus das Phänomen, Touristifizierung der Prozess und Overtourism demnach das Regime (Milano, Novelli und Russo 2024, S. 7).
Zuletzt soll nun das Licht auf die öffentliche Gesellschaft gelenkt werden. Von dieser wurde der Begriff angenommen und mehrfach reproduziert, um die wachsende Anti-Tourismus-Emotionen auszudrücken. Wie Untersuchungen gezeigt haben, geht die Abneigung gegen den Tourismus über die Überfüllung hinaus (Koens, Postma und Papp 2018). Darüber hinaus beziehen sich die Beschwerden der Bewohner:innen auf die unnachhaltige und lebensqualitätssinkende Veränderung ihres Lebensumfelds, die durch die Tourist:innen in diesem Umfeld personifiziert wird. Bspw. kam Egresi (2018) auf der Grundlage seiner qualitativen Inhaltsanalyse von Zeitungsartikeln und deren Leserkommentaren zu dem Schluss, dass sich die meisten Anwohnenden nicht (nur) über Überfüllung beschweren, sondern über eine vollständige Umwandlung ihres Ortes von einem Wohnviertel in ein touristisch orientiertes Gebiet.
Auch wenn Forscher:innen sich einig sind, dass die vielfältigen negativen Auswirkungen, die mit Overtourism assoziiert werden, zu einem großen Teil von der langfristigen Entwicklung der Globalisierung und Urbanisierung beeinflusst werden – teilweise sogar darin begründet sind (Bello et al. 2017; Tschöll und Költringer 2019). So herrscht dieses Wissen nicht in der breiten Gesellschaft vor, die sich plausible Erklärungen in ihrem Umfeld sucht, wobei (soziale) Medien hier eine wichtige Informationsquelle darstellen.
Wie in den folgenden Kapiteln erläutert wird, basiert die Mehrheit der Studien zur Overtourism-Wahrnehmung auf standardisierten quantitativen (Online-)Umfragen (vgl. u. a. Almeida-García et al. 2021; Namberger et al. 2019; Szromek, Kruczek und Walas 2020; UN Tourism/UNWTO & IPSOS 2019). Viele dieser Studien riefen schlussendlich zu mehr qualitativen Forschungsansätzen auf (vgl. Almeida-García et al. 2021; Gannon et al. 2021). Schon vor dem Aufkommen des Overtourism-Phänomens kritisierten Moufakkir und Reisinger (2013) in ihrem Sammelband wie folgt: „host gaze studies have been confused with residents‚ attitudes surveys, where locals‘ perceptions are quantified, and simplistically (though not simplified) examined“ (S. xiii). Zusammenfassend lässt sich sagen, dass es an qualitativer Forschung mangelt, die in dem sozialen Konstruktionismus wurzelt und aus diesem heraus den komplexen Wahrnehmungsprozess der Bewohner:innen von Overtourism analysiert.
Um diese Forschungslücke zu bedienen, führte Erdmenger daher insgesamt zwölf bildbasierte Fokusgruppen-Diskussionen mit Bewohner:innen in München und Kopenhagen im Jahr 2020 durch (vgl. Erdmenger 2022c). Ein Ziel der Studie war es, zu analysieren, wie Bewohner:innen der zwei Städte die Auswirkungen des Tourismus auf ihr Lebensumfeld beschreiben – und darauf aufbauend – wie sie ihr Verständnis von (Over)Tourism (in oder auch außerhalb ihres Wohnortes) konstruieren. Menschen, die in Städten leben und nicht in der Tourismusbranche arbeiten, denken in der Regel nicht darüber nach, wie und warum sie die erlebte touristische Entwicklung mögen oder nicht. Es sei denn, wir laden sie dazu ein und unterstützen sie dabei. Und genau das haben (soziale) MedienMedienberichte getan. Im Gegensatz dazu konzentrieren sich die meisten Politiker:innen, Planer:innen und Wissenschaftler:innen auf objektive, sachliche und positivistische Ansätze. Gleichwohl ist es nicht Anspruch der Studie, den psychologischen Prozess wissenschaftlich zu analysieren, sondern Einblick in die soziale Konstruktion von Overtourism zu erhalten.
Die Bilder, die die Teilnehmenden für die Diskussion mitbrachten, gaben bereits erste Hinweise auf die Wahrnehmungen sowie deren Quellen (Medienberichte, selbst geschossene Fotos, Fotos von Freunden, etc.). Detaillierte Studienergebnisse können in Erdmenger (2022c) nachgelesen werden. Zusammenfassend lässt sich die Konstruktion der Wahrnehmung in drei Schritte gliedern (Erdmenger 2023; Gerber und Murphy 2019): 1) Auf der ersten Ebene erklärten die Einwohner:innen, was sie (sensorisch) wahrnehmen und wie sie Tourismus in der Stadt in der sie leben erleben. 2) Der Verstand verarbeitet diese Sinneswahrnehmungen und bewertet zunächst, ob sie eine Bedrohung für die menschlichen Bedürfnisse darstellen oder nicht. Dafür werden oft eigene direkte Erfahrungen herangezogen, um herauszufinden, ob die Situation bspw. eine Gefährdung der eigenen Sicherheit darstellt. 3) Darüber hinaus wird die Wahrnehmung mit weiteren vorhandenen Informationen, z. B. Erzählungen von anderen Menschen und Medienberichten, evaluiert. So hat es z. B. eine Person aus München den potenziellen Einfluss der medialen Berichterstattung über die touristische Wohnraumzweckentfremdung beschrieben (Bew. 1 2019):
„Der Tourismus ist ja immer schon in München […]. München wirbt ja ‚Weltstadt mit Herz‘ und gut die Olympischen Spiele waren 1972 und seitdem hat München den Boom als Touristenstadt erlebt. Und das kennt man und das wollte man auch. Und da war Zustimmung da und die Zustimmung hat nie gebröckelt bis jetzt. Und die Wohnungsnot war vorher schon da […]. Und man würde die nie auf den Tourismus zurückführen. Es sei denn, die Information durch Medien wäre tatsächlich so einseitig und würde dieses Bild fördern. Die meisten Älteren würden dann wissen, dass das nicht stimmt und würden es vielleicht auch noch laut aussprechen, dass es mehrere Faktoren gibt, die dazu beitragen und nicht nur der Tourismus. Also so leicht kann ich mir nicht vorstellen, dass das kippt deswegen.“
Diese Evaluation kann durch die propagandierende Berichterstattung sehr negativ ausfallen. Das ist die Problematik, die von Industrie Perspektive befürchtet wird und auf die sich der Münchner Wirtschaftsreferent bezogen hat. Dennoch kann dieses negativ geprägte Bild von Tourismus die subjektive Realität dieser Person sein oder werden. Diese vorbelastete Realität beeinflusst schlussendlich die Bewertung der Wahrnehmung – ist Overtourism ein Problem in meinem Lebensraum oder lediglich in den Städten, über die ich in den Medien gelesen/gehört habe?
Die Fokusgruppenteilnehmenden haben kulturelle Unterschiede, räumliche Nähe, Risiken für die persönliche Sicherheit, die Verletzung der Privatsphäre und die Störung der täglichen Routinen im Kontext der Wahrnehmung negativer Einflüsse des Tourismus am häufigsten diskutiert. Das Anhören der Erfahrungen und Wahrnehmungen anderer Mitdiskutant:innen sowie das Betrachten ihrer mitgebrachten Bilder lösten zusätzliche unbewusste Assoziationen aus, wie dass man dies auch erlebt habe oder eine gegensätzliche Erfahrung gemacht habe. Basierend auf diesen empirischen Ergebnissen wurde eruiert, das Bewohner:innen Tourismus in ihrer Stadt nicht nur unterschiedlich wahrnehmen, sondern selbst bei gleicher Wahrnehmung differenziert evaluieren. Die weitere Diskussion über die Toleranzgrenzen gegenüber der Tourismusentwicklung, der Frage nach dem ‚ab wann wäre es Overtourism?‘ ergab, dass die weiter zunehmende Überfüllung, das Fehlverhalten der Touristen, der Mangel an Unterkünften, die von den Touristen ausgehenden Sicherheitsrisiken, das mangelnde Interesse an der lokalen Kultur und die Verfremdung der lokalen Identität der Städte am meisten irritieren (Erdmenger 2023). Insgesamt wird die Toleranzgrenze überschritten, wenn der Tourismus die persönlichen Bedürfnisse der Menschen direkt bedroht. So hat die Studie Einblicke in den Prozess der sozialen Konstruktion gegeben, tiefgreifendere Ursachen für die Evaluation der Wahrnehmung aufgedeckt und schlussendlich belegt, dass es auch aus Perspektive der Laien kein einheitliches Verständnis von Overtourism gibt. Die Meinungen innerhalb der untersuchten Gemeinschaft fielen sehr unterschiedlich aus – abhängig von den individuellen Werten, der eigenen Lebenssituation, den Gegebenheiten des Lebensumfeldes sowie dem Umfang an Interaktion mit fremden Kulturen im Allgemeinen.
Dies wird auch deutlich, wenn man berücksichtigt, dass sich in den vergangenen Jahren in verschiedenen Kulturräumen unterschiedliche Begriffe für das, was wir als Overtourism fassen zu versuchen etabliert haben. So erklärt Milano (2017), der in Barcelona lebt und ethnographisch forscht, dass in Spanien die Begriffe Tourismphobia (‚Turismofobia‘) und Touristifizierung die im Mainstream präferierten Begriffe sind (Milano, Novelli und Russo 2024, S. 15). In Japan hingegen, wird der Begriff ‚kankō kōgai‘ (観光公害) verwendet, der als ‚Tourismusverschmutzung‘ übersetzt wird (vgl. Brasor 2018). Es ist daher davon auszugehen, dass es in anderen Kulturräumen weitere Bezeichnungen für dieses Phänomen gibt, die dadurch z. B. in Literaturrecherchen zu dem Schlagwort ‚Overtourism‘ nicht inkludiert werden.
Zusammenfassend lässt sich sagen, dass der Begriff Overtourism ein Werkzeug für Laien geworden ist, um deren Wahrnehmungen, Emotionen und Bewertungen gegenüber einem für sie schwer erklärbaren Phänomen zu benennen. Aus dieser Betrachtungsweise ist es vollkommen richtig, dass der Begriff emotionsgeladen, unpräzise und unwissenschaftlich ist – das ist auch nicht der Anspruch der Nutzungsgruppe. Overtourism ist der Begriff, den die breite Öffentlichkeit über internationale Sprachbarrieren hinweg nutzt, um an der Diskussion über eine unnachhaltige Tourismusentwicklung zu partizipieren. Aus Sicht der Bewohner:innen geht es bei Overtourism um Gefühle anstatt Fakten.
Die soziale Konstruktion des Begriffs Overtourism wurzelt in einem gesellschaftlichen Pluralismus, der „eine Offenheit bezüglich vieler Wege des Benennens und Bewertens“ fordert, „weil keine Grundlage existiert, auf der die Überlegenheit der eigenen Tradition gefordert werden könnte“ (Gergen und Gerden 2009, S. 23). Auch in dieser Publikation bedeutet die Verwendung des Begriffs Overtourism weder, dass er für angemessen noch als zutreffend gewertet wird. Vielmehr soll die wertneutrale Analyse des Phänomens, mit seinem Ursprung und Facettenreichtum, die Anerkennung des sozial konstruierten Begriffs signalisieren – auch wenn er mit wissenschaftlicher Faktizität nur schwer definierbar ist. Um zu vermeiden, dass sich der Leidensdruck der vom Tourismus negativ Betroffenen erhöht, ist es von zentraler Bedeutung, zu verstehen, wie diese ihre Realität über Tourismus konstruieren. Der Begriff Overtourism hat daher eine Daseinsberechtigung im wissenschaftlichen und politischen Diskurs, denn er weist auf soziale Ungleichheiten hin und gibt betroffenen Menschen eine Stimme, die jetzt so laut wurde, dass sie nicht mehr überhört werden konnte (Erdmenger 2022b, 2023). Daher ist es an der Zeit, dass alle Beteiligten die Mauern abbauen und sich auf ehrliche und aktive Gespräche einlassen und offen für andere Standpunkte sind auch wenn dies an einem Ort des Unbehagens geschieht. Bisher wurden diese unkomfortablen Gespräche in unserer zunehmend polarisierten Gesellschaft häufig gemieden, dabei haben in der Overtourism-Debatte alle Involvierten (Wissenschaft, Planung, Wirtshaft, Politik, Gesellschaft) mit ihren verschiedenen Perspektiven doch das gleiche Ziel: unser Allgemeinwohl und unsere Lebensqualität mindestens zu erhalten, wenn nicht zu erhöhen.
Auch wenn sich der Fokus der Overtourism-Debatte deutlich auf ausgewählte europäische Städte konzentriert, so liegt der Ursprung der Debatte im ländlichen Raum und Naturraum (→ Kap. 1.4.1). Wie bereits an anderer Stelle in Analogie zur Metapher des Eisbergs kritisiert (vgl. Kagermeier und Erdmenger 2019, S. 70), wird in bisherigen Berichterstattungen lediglich die Spitze des Eisberges diskutiert. In diesem Kapitel richtet sich der Blick unterhalb der Wasseroberfläche, um den Blick auf die geographische Verortung von Overtourism zu erweitern.
Zunächst liegt der Fokus auf weniger dicht besiedelten Orten, an denen keine lauten Proteste mit ‚Tourist go home‘-Schildern stattfinden – dem ländlichen Raum und Naturräumen. Dabei spielen insbesondere Küstenregionen, fragile Natur-Ökosysteme und Inseln eine zentrale Rolle. Darauffolgend soll die eurozentrische Perspektive erweitert werden, indem Einblick gegeben wird, inwiefern Overtourism im Globalen Süden verbreitet und erforscht ist.
Mit Blick auf die historische Entwicklung des Tourismus wird deutlich, dass der ländliche Raum eine wichtige Rolle spielte. In den 1960er- und 1970er-Jahren waren Urlaubsreisen in starkem Maß auf nicht-urbane Destinationen an den Küsten, im Gebirge und anderen landschaftlich reizvolle ländliche Destinationen orientiert. Damals entsprach das Urlaubsverhalten noch weitgehend dem klassischen Grundmuster der ‚Sommerfrische‘ aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Städtereisen spielten nur eine geringere Rolle – oftmals im Rahmen von kulturtouristisch ausgerichteten Rundreisen. Im Gegensatz zu der hektischen Stadt, suchen Reisende in der Natur Abstand zum Alltag, Entspannung, Naturerlebnisse und Ruhe (vgl. FUR 2024, S. 12). 2023 haben 56 % der Deutschen den Aufenthalt in der Natur als ihre Top-Urlaubsaktivität angegeben, womit dies auf dem zweiten Platz und nur einen Prozentpunkt hinter Sightseeing liegt (Deutscher Tourismusverband 2024, S. 19). Gerade durch die COVID-19-Pandemie, und der einhergehenden Meidung größerer Menschenmengen, hat es viele Menschen vermehrt in die weitläufige Natur gezogen (vgl. Eisenstein et al. 2021). Jedoch ist auch nach Ende der Pandemie zu erwarten, dass die wiederentdeckte Liebe zur Natur bei einigen (Tages-)Reisenden weiter anhalten wird. Denn bereits vor der Pandemie haben Forscher:innen aufgrund diverser technologischer, sozialer oder ökonomischer Stressoren ein wachsendes Bedürfnis nach ausgleichenden Naturerlebnissen beobachtet (vgl. Eilzer und Harms 2022, S. 11).
Im Gegensatz zu Städten, die infrastrukturell auf Menschenmassen ausgelegt sind, kann eine hohe Anzahl an Menschen im ruralen Raum schnell zu Problemen der Überbelastung führen. Gleichzeitig ist die lokale Nachfrage im ländlichen Raum oft zu gering, um die Versorgung der freizeitbezogenen Infrastruktur sicherzustellen (Gronau und Kagermeier 2015, S. 241). Dort kann lediglich durch die zusätzliche Nachfrage von Besucher:innen das Angebot an kulturellen Einrichtungen, Freizeitaktivitäten im Freien, Gastronomie oder sogar öffentlichen Verkehrsmitteln rentabel und damit angeboten werden. In ländlichen Gebieten profitieren daher die Bewohner:innen mit einer höheren Wahrscheinlichkeit von einer zusätzlichen Nachfrage auswärtiger Besucher. Diese kann sicherstellen, dass kulturelle Veranstaltungen, Schwimmbäder und öffentliche Verkehrsmittel angeboten werden können (Gronau und Kagermeier 2015, S. 241).
