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Robert führt ein Turbo-Leben. Seine Tage sind genauestens getimt: Arbeit, Training, Essen, Familie und Schlafen. Und dennoch setzt er sich eines Tages zu seinem alten Freund Pablo auf die Parkbank. Dieser spricht von Achtsamkeit, der Kraft der Langsamkeit und des Mitgefühls. Nach anfänglicher Skepsis merkt Robert, wie er Schritt für Schritt einen ganz neuen Wegeinschlägt. » Über den Mut zur Langsamkeit » Bekannter Südtiroler Liedermacher » Für Fans vom "Das Café am Rande der Welt" » Über den Sinn des Lebens
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Seitenzahl: 106
Veröffentlichungsjahr: 2023
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Markus „Doggi“ Dorfmann
Roman
Gedruckt mit Unterstützung der Südtiroler Landesregierung, Abteilung Deutsche Kultur
1. Auflage, Bozen 2023
ISBN 978-88-99834-22-7
eISBN 978-88-99834-25-8
Cover und Satz: Typoplus
Lektorat: Verena Zankl
Coverfoto: Philipp Oberhuber
Retina ist ein Imprint der Edition Raetia
Für Fragen und Anregungen wenden Sie sich bitte an [email protected]. Unser gesamtes Programm finden Sie unter www.raetia.com.
1. Pablo stellt sich vor
2. Pablo und das Gehen
3. Pablo und die Langsamkeit
4. Pablo und die Achtsamkeit
5. Pablo und das Grübeln
6. Pablo und der Glaube an Gott
7. Pablo und die Stille
8. Pablo und die Sinne
9. Robert und der Weg
10. Robert und die Weggabelung
11. Robert erholt sich
12. Robert und die Hoffnung
13. Robert und sein Vorgesetzter
14. Robert und die Barmherzigkeit
15. Robert und Klara
16. Robert und seine Eltern
17. Robert sucht Pablo
Robert war wie immer grundlos in Eile und fuhr mit seinem High-Tech-Mountainbike nach Hause. Er kam von der Kletterhalle, wo er sein übliches Trainingspensum absolviert hatte. Damals waren die Wochentage genauestens getimt: Arbeit, Training, Essen, Schlafen und eventuell Freizeit – doch das sollte sich bald ändern.
Robert fuhr gerade, wie immer, voller Schwung den Fluss entlang, als er plötzlich Pablo auf einer Parkbank sitzen sah, seelenruhig. Das wunderte ihn.
Robert kannte Pablo von früher. Sie hatten sich viele Jahre aus den Augen verloren. Als Jugendliche waren sie Seilpartner beim Klettern gewesen und hatten waghalsige Flüge mit dem Paragleiter gemacht. „Turbo-Paul“ hatten sie ihn genannt. Pablo war ein Draufgänger gewesen. Wo er war, war erst einmal er, dann lange nichts, dann viel Staub und Wirbel, und wenn noch Platz war, kamen die anderen. Und jetzt saß er nur da und genoss die Sonne.
Robert entschied sich, ganz gegen seine Gewohnheiten, anzuhalten.
„Hallo Pablo, altes Haus“, begrüßte er ihn überschwänglich und wunderte sich über seine Stimmlage. Sie erinnerte ihn an das Begrüßungsritual von früher: unpersönlich und künstlich, aber Hauptsache laut und auffällig.
Pablo erwiderte mit einem freundlichen: „Griaß di, hast du Zeit? Setz dich einen Moment zu mir!“
Normalerweise hätte Robert alle möglichen Ausreden gefunden, um nicht mit Small Talk seine wertvolle Zeit zu verplempern. Aber das Wiedersehen mit Pablo war etwas Besonderes, und das wollte er sich nicht entgehen lassen.
„Okay“, sagte er, und stellte sein Aluminium-Hochleistungs-Rad gegen die Bachdamm-Mauer, um es ja nicht aus den Augen zu lassen. Er nahm sich nicht die Zeit, seinen Kletterrucksack vom Rücken zu nehmen. So als wolle er ständig bereit sein aufzustehen und wieder zu gehen, setzte er sich auf die vordere Kante der Bank.
„Pablo, erzähl, wie geht es dir?“, fragte er neugierig.
Pablo saß entspannt da, schaute Robert einen Moment lang an und lächelte. Es entstand eine Pause.
Robert nahm einen tiefen Atemzug, legte den Rucksack ab und setzte sich mit überkreuzten Beinen neben Pablo, als hätte er eingesehen, dass er auf die Schnelle gar nichts erreichen würde. „Was arbeitest du? Hast du Familie? Kinder?“, fragte er nun. „Erzähl schon, ich bin neugierig.“
Pablo schaute ihn noch einmal an und antwortete dann ganz ruhig: „Willst du, dass ich von der Zeit vor meinem persönlichen Super-GAU, dem Moment, dem Tag danach, dem Jahr danach oder wie es mir heute geht erzähle?“
„Am besten alles, von Anfang an!“ Interessiert drehte sich Robert zu Pablo und wartete.
Pablo hieß eigentlich Paul, aber als Jugendliche mussten alle Pablo zu ihm sagen. „Es fließt spanisches Blut in mir“, hatte er immer behauptet. „Ich habe spanische Vorfahren. Ich weiß es zwar nicht, aber es fühlt sich so an. Ich war in meinem früheren Leben ein berühmter Matador oder vielleicht ein Flamenco-Gitarrist“, streckte er stolz seine Brust heraus.
Aufgewachsen war Pablo in einem Dorf in der Provinz inmitten der Berge. Er war ein schönes Kind und später ein überaus hübscher junger Mann. Das war ihm regelmäßig von den Mädchen bestätigt worden. Sein nach hinten gekämmtes, volles, glänzendes Haar und die angenehm leuchtenden, braunen Augen hatten etwas unwiderstehlich Anziehendes. Er war groß gewachsen und hatte von Natur aus eine athletische Figur.
Bis zu seinem sechzehnten Lebensjahr wusste Pablo das aber nicht. Dort, wo er aufgewachsen war, war das nicht wichtig. Die Familien hatten viele Kinder und die Eltern schauten, sie alle durchzufüttern. Ein einfaches Leben auf einem Bauernhof. Es gab wenige Regeln, die aber strikt einzuhalten waren. Jeden Sonntag saß die ganze Familie in der holzgetäfelten Stube, und gemeinsam aßen sie aus der Eisenpfanne Mus. Extras waren nicht von Belang.
Später dann, als Pablo in die Stadt zog und Komplimente von allen Seiten bekam, musste er sich zwar anfangs daran gewöhnen, genoss es aber schon bald. Das wirkte sich auch auf seinen Charakter aus. „Eitelkeit und Stolz sind der Motor meines Erfolgs“, war sein Motto und danach lebte er.
Auch seine Arbeit hatte gut zu ihm gepasst. Er war Vertreter für Luxus-Herrenmode. Damals traf ihn Robert immer wieder unter den Lauben der Innenstadt, perfekt gestylt, einen mobilen Kleiderständer hinter sich herziehend und immer in Eile. „Hallo Pablo, wann hast du wieder Zeit zum Klettern?“, fragte Robert daneben herhechelnd.
„Ruf mich an und wir machen was aus. Pfiati“, sagte Pablo und verschwand in einem der wenigen Luxus-Kleidergeschäfte der Stadt.
Pablo war in gewisser Weise ein Vorbild gewesen und wann immer es ging, hatte Robert sich mit ihm getroffen. Die leuchtenden Augen der Mädchen gaben ihm das Gefühl, dazuzugehören. Er hoffte, dass Pablos Glanz durch die räumliche Nähe auch auf ihn abfärben würde. Er bemühte sich, bei jeder Gelegenheit wie Pablo dreinzuschauen, sich wie Pablo zu bewegen und so dazustehen wie er: auffällig aufrecht. Viele Jahre hatte Robert diese Natürlichkeit gesucht, sich darum bemüht – jedoch die dadurch entstehenden Kräfte im unteren Lendenbereich einfach nicht ausgehalten. „Hast du einen Stock im Arsch?“, war der Kommentar einer Freundin gewesen.
Pablos Blick hatte Robert an den von Lady Diana erinnert: schüchtern, von unten nach oben, aber kaum trifft er dich, lässt er dich nicht mehr los. Auch das hatte Robert geübt, aber es war schwierig, mit verkrampfter Haltung geradeaus zu schauen. Immer wenn er den Kopf senkte, schielte er, sah alles doppelt – und nur kurze Zeit später war der Druck auf den Augen nicht mehr auszuhalten und er bekam Kopfweh.
Und auch Pablos Gang war besonders gewesen. Er ging nicht, er schwebte. Die Beine wirkten so geschmeidig, dass sie jegliche Unebenheit abzufedern vermochten. Seine Gestik war dabei von einer bemerkenswerten Grazie. Natürlich versuchte Robert auch hier, ihm nachzueifern. Er wusste aber bis heute nicht, wie das ausgesehen hatte, dafür war sein Wandspiegel im Schlafzimmer zu klein. Wahrscheinlich auch besser so.
„Wir hatten eine tolle Freundschaft damals“, sagte Robert zu Pablo, während er die Beine erneut überkreuzte: „Ich denke oft an die Zeit zurück.“
„Na ja, unter Freundschaft verstehe ich etwas anderes. Es war eher eine Zweckgemeinschaft: Wir sind beide gerne geklettert, brauchten dazu einen Partner, suchten einen, der es kann, mehr war da nicht“, sagte Pablo.
„Mit den Jahren vergisst man so manches, was eine gute Freundschaft ausgemacht hat, meinst du nicht auch?“ Robert bemerkte einen Anflug von Enttäuschung in seiner Stimme.
Ohne auf seine Frage einzugehen, fuhr Pablo fort: „Ich fange mal mit der Zeit vor meinem Super-GAU an“, sagte er. Seine Stimme klang anders als früher. Sie klang mehr nach Paul und weniger nach „Turbo-Paul“, ruhiger, angenehmer.
Pablo machte eine Pause und nahm einen tiefen Atemzug. Er schaute in die Ferne, als ob er Erinnerungen zu sich herholen wollte, von denen er sich schon lange verabschiedet hatte. Dann richtete er sich auf. Ansatzweise erinnerte die Körperhaltung an frühere Zeiten.
„Ich war ein Arsch“, sagte er plötzlich, „ein eingebildeter Schnösel, unfähig Menschen zu lieben und immer auf mich fixiert, ein narzisstisches Arschloch.“ Und er lehnte sich wieder zurück.
Dann war es wieder still. Sein Geständnis hatte etwas von einer Beichte. Es war, als wäre er froh, dass jemand danach gefragt hatte, und er es laut sagen konnte – und damit auch der ganzen Welt.
„Ähm“, war Roberts Reaktion. „Na ja, so tragisch war es doch nicht“, sagte er schließlich, „es waren doch auch schöne Zeiten dabei, oder? Bist du nicht ein bisschen zu streng mit dir?“ Robert war sich nicht sicher, ob das die richtigen Worte waren. Er tat sich schwer, das Gehörte einzuordnen. Vor allem „narzisstisch“ wollte er zu Hause googeln.
Pablo schaute Robert direkt in die Augen: „Wir haben uns lange nicht gesehen, in meinem Leben ist viel passiert, ich bin durch dick und dünn gegangen, und nach all diesen Krisen habe ich versprochen, mir nichts mehr vorzumachen. Das Schönreden überlasse ich anderen. Du hast mich gefragt, wie es mir geht, und ich werde ehrlich zu dir sein. Wenn du meine Geschichte hören willst, dann gewöhn dich daran“, drehte er den Kopf nach vorne und schwieg wieder.
Robert merkte, wie verspannt er wurde. Er wollte sich am liebsten in Luft auflösen. Gerne hätte er den Mut gehabt, sich auf sein Rad zu schwingen und davonzufahren. Das Treffen wäre nie passiert und sein Leben wäre wie gewohnt weitergegangen. Andererseits hatten die Worte Pablos etwas Anziehendes. Robert wusste nicht, was es war, aber sein Gefühl sagte, dass er bleiben sollte.
„Kannst du dich erinnern, als wir im Sommer 1992 nach Finale Ligure fahren wollten und ich nicht aufgetaucht bin?“, sagte Pablo. Er ließ Robert keine Zeit zu antworten und fuhr fort: „Man hatte mich wegen Burnout in eine Rehaklinik eingeliefert. Jedes Jahr, meistens im Frühling, hatte mich mein Arzt gewarnt, ich solle öfter entspannen. Die Jahre davor hatte ich immer starke Rückenschmerzen gehabt und gedacht, wenn ich die Schmerztabletten brav einnehme, würde es bald wieder besser werden – was mir mein Arzt nicht bestätigte. Und dann war es so weit. Ich war für sechs Wochen außer Gefecht.“
Robert erinnerte sich an den Kletterurlaub, der nicht stattgefunden hatte. „Du hattest mir am Telefon erzählt, du seist in Deutschland, weil dein Chef dir einen sehr wichtigen Auftrag übergeben hat, den nur du und kein anderer übernehmen konnte, weil du eben der Beste warst.“
„Genau“, antwortete Pablo. „So ein Arsch war ich.“
Nach diesen sechs Wochen war Pablo spurlos verschwunden. Er war nicht mehr zu erreichen, und auch seine Verwandten hatten Robert nicht sagen können, wo er war. Die Gerüchteküche brodelte. „Er ist als Fotomodell in Miami berühmt geworden; er hat Probleme mit Drogen und ist nach Neuseeland ausgewandert“, hörte man die Leute tuscheln. Einige wussten gar, er hätte sich nachts mit einem Sprung von einem fahrenden Luxusschiff ins Mittelmeer aus dieser Welt vertschüsst. Doch nichts von alldem entsprach offenbar der Wahrheit. Pablo erzählte Robert, dass er gleich nach der Kur seine Siebensachen gepackt und sich seinen langersehnten Wunsch erfüllt hätte, nach Spanien auszuwandern, um dort ein Studium in Flamenco-Gitarre anzufangen.
Dort lernte er Esperanza kennen. Es war die Frau seiner Träume. „Sie fing mein Herz auf, wiegte es zärtlich, gab ihm Halt, lehrte mich, dass Worte keinen Bestand haben und Liebe die Ewigkeit bedeutet“, sagte Pablo. „… mit ihr bin ich bis zu ihrem Tod zusammengeblieben.“ Der Super-GAU.
Pablo wurde plötzlich einsilbig. Die Worte kamen nur mehr mit großem Kraftaufwand über seine Lippen. Jede einzelne Silbe und auch die Pausen dazwischen erzählten von einem tiefen Schmerz. Einem Schmerz, der sich auch in Pablos Augen widerspiegelte. Mit dem Wort „Tod“ füllten sie sich langsam mit Tränen und warteten auf den befreienden Wimpernschlag. Im Schein der Sonnenstrahlen sah Robert einen Tropfen auf Pablos Oberschenkel fallen und sich auf seiner Hose in alle Richtungen ausbreiten.
Weinen schien für Pablo eine Selbstverständlichkeit geworden zu sein. Er machte keine Anstalten, sich ein Taschentuch aus dem Hosensack zu holen oder das leidvolle Nass mithilfe des Handrückens von den Augenrändern zu wischen. Es schien, als würden die immer wiederkehrenden Tränen helfen, die Wucht seiner grenzenlosen Trauer zu dämpfen.
„Esperanza Rodriguez, 35 Jahre alt, ist heute Nachmittag zwischen Sevilla und Dos Hermanas bei einem Autounfall tödlich verunglückt.“ Der Sprecher hatte die Todesnachricht in gewohnt sachlichem, professionellem und textlich einwandfreiem Spanisch mitgeteilt. „Es war sieben Minuten nach eins vor genau einem Jahr“, erzählte Pablo weiter. „Das lauwarme Wasser umspülte meine Hände. Ich stand in der Küche und
