Palace of Pleasure: Club der Milliardäre - Bobbie Kitt - E-Book

Palace of Pleasure: Club der Milliardäre E-Book

Bobbie Kitt

2,0
4,99 €

Beschreibung

Als Natalie Lewis das erste Mal Hunter McVeigh begegnet, weiß sie sofort, dass er ein Mistkerl ist: reich, arrogant und leider auch unwiderstehlich sexy. Da Hunter ihr neuer Boss ist, begleitet sie ihn dennoch auf eine Geschäftsreise nach Europa. Doch bereits auf dem ersten Zwischenstopp muss sie feststellen, dass der Trip nicht nur der Firma dient. Denn ihr erstes Ziel ist das Palace of Pleasure – ein exklusiver Privatclub, in dem erotisches Vergnügen an erster Stelle steht. Langsam wird Natalie klar, dass sie Hunter nicht nur als Assistentin begleitet, sondern der unverschämte Kerl ganz andere Pläne mit ihr hat …

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Seitenzahl: 461

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Für Pete,als Entschädigung für gefühlte 20 Jahre

BOBBIE KITT

PALACEOFPLEASURE

CLUB DER MILLIARDÄRE

Erotic Romance

PALACE OF PLEASURE

Bobbie Kitt

© 2017 Romance Edition Verlagsgesellschaft mbH8712 Niklasdorf, Austria

1. AuflageCovergestaltung: © SturmmöwenTitelabbildung: © Slava_VladzimirskaKorrektorat & Lektorat: Romance Edition

ISBN-Taschenbuch: 978-3-903130-18-0ISBN-EPUB: 978-3-903130-19-7

www.romance-edition.com

Sometimes you have to lose your headto find happiness

Inhalt

1. KAPITEL

2. KAPITEL

3. KAPITEL

4. KAPITEL

5. KAPITEL

6. KAPITEL

7. KAPITEL

8. KAPITEL

9. KAPITEL

10. KAPITEL

11. KAPITEL

12. KAPITEL

13. KAPITEL

14. KAPITEL

15. KAPITEL

16. KAPITEL

17. KAPITEL

18. KAPITEL

19. KAPITEL

20. KAPITEL

21. KAPITEL

22. KAPITEL

23. KAPITEL

24. KAPITEL

25. KAPITEL

26. KAPITEL

27. KAPITEL

EPILOG

DIE AUTORIN

1. KAPITEL

Natalie

Es gibt viele Dinge, die schlimmer sind, als zu spät zu einem Vorstellungstermin zu kommen: ein Hurrikan, der plötzliche Herztod deiner Katze, die Nachricht, dass Derek Theler plötzlich schwul geworden wäre. Wenn du allerdings mit deinem Stiefbruder geschlafen hast, überstürzt nach Houston geflüchtet bist, die Couch einer Freundin dein Zuhause nennst und auf den Cent genau noch hundertzwei Dollar besitzt, ist es eine mittelschwere Katastrophe zweihundert Meter vor der Firma, die einen Job zu vergeben hat, mit dem Fahrrad zu stürzen.

»Heilige Scheiße. Haben Sie sich wehgetan?«

Hinter meiner Stirn summt es wie in einem Bienenstock. Ich versuche mir die Frage der dunklen Stimme erst einmal selbst zu beantworten, blinzle benommen und hebe vorsichtig den Kopf – zumindest der scheint noch auf meinem Hals zu sitzen. Mit einer Hand stemme ich mich vom Boden hoch, zucke zusammen, weil meine Handinnenfläche wie Feuer brennt, und setze mich vorsichtig auf. Ich kann fühlen, wie sich jeder einzelne Rückenwirbel wieder an seinen Platz schiebt.

»Ich habe Sie nicht kommen sehen.«

Ich stöhne und kneife kurz die Augen zusammen, sortiere meine Gedanken und Knochen. Meine Hüfte schmerzt, als ich mich nach links neige, mein rechter Ellenbogen pocht und ich befürchte, dass mir jeden Moment kotzübel werden könnte. Gott …

»Es tut mir ehrlich leid.«

Die dunkle Stimme gehört zu einem großen, schlanken Kerl, der zwischen mir und meinem Fahrrad auftaucht. Das Vorderrad dreht sich noch. Der Typ trägt graue Anzughosen und ein weißes Hemd, dessen Ärmel nach oben gekrempelt sind, hat gebräunte, kräftige Arme und eine goldene Uhr am Handgelenk. Er sieht teuer aus. Nein, sein Outfit meine ich. Die Sonne macht es mir unmöglich, sein Gesicht zu erkennen. Es ist ein blauer, verschwommener Fleck. Er muss in dem silbernen Cabriolet gesessen haben, das aus der Seitenstraße gedonnert kam und dem ich ausweichen wollte, als mein Reifen am Bordstein entlangschrammte.

Du hast dich fast von einem reichen Schnösel totfahren lassen, Nat.

»Sie bluten.«

Seine Äußerung lässt mich den Blick senken. Meine Bluse sieht aus, als hätte ich einen Straßenboxkampf verloren und mein knielanger schwarzer Rock ist nach oben gerutscht. Es fehlt höchstens noch ein halber Zentimeter, bis man meinen Slip sehen könnte. Ich betrachte meine Handinnenflächen, die aufgeschürft sind, genau wie mein pochender Ellenbogen, ziehe die Beine unter meinem Hintern weg und reibe mit einem Handrücken über das Loch am Knie meiner Strumpfhose. Sicherheitshalber taste ich meinen Kopf ab, aber der scheint glücklicherweise unversehrt zu sein.

»Verdammter Mist«, stoße ich hervor, als mir einfällt, dass ich eine Stimme besitze. Eine, mit der ich wütend grollen kann. »Sie haben mich nicht kommen sehen? Sind Sie blind?«

»Ich war …«

»Zu schnell unterwegs«, schneide ich ihm scharf das Wort ab. »Und sie haben mir die Vorfahrt genommen. Sie hätten mich umbringen können.«

Er stößt einen harten Seufzer aus, packt mein Fahrrad am Lenker und stellt es auf, um es auf den Bürgersteig zu heben. Ich muss kein Mechaniker sein, um zu erkennen, dass der Rahmen verbogen ist. Dann hebt er meine Tasche und meine schwarze Kostümjacke von der Straße auf, um sie unter den Gepäckträger zu klemmen.

Ein Pärchen, das händchenhaltend über den Gehweg der anderen Straßenseite läuft, starrt uns an und ein Van fährt vorbei. Allerdings hält es niemand für nötig, seine Hilfe anzubieten. Macht man das nicht, wenn man einen Unfall beobachtet hat? Schaulustige Monster.

Der Anzugkerl kommt auf mich zu und streckt mir eine Hand entgegen. Ich sehe sie misstrauisch an, bevor ich zu ihm aufschaue. Sein Gesicht ist nicht länger ein verschwommener Fleck, sondern ziemlich präzise gezeichnet und … attraktiv. Er ist jung, vielleicht Mitte zwanzig, und er hat sich das halblange, haselnussbraune Haar zu einem gewollt zerzausten Look verwirbelt. Er hat Grübchen in den Wangen, blaugrüne Augen, und um ehrlich zu sein … sieht er nett aus. Nicht wie ein respektloser, reicher Straßenrowdy.

Er hat aber gerade bewiesen, dass er ein Rowdy ist, Nat.

»Können Sie aufstehen? Ich habe einen Verbandskasten im Kofferraum«, sagt er und ein entschuldigendes kleines Lächeln dehnt seine Lippen.

»Zum Teufel, Lucas. Drück der Kleinen ein paar Dollar für die Reinigung und ein Taxi in die Hand und steig zurück in den Wagen«, ruft jemand in genervtem Tonfall, und erst jetzt realisiere ich, dass der Typ nicht allein ist.

Ich richte meine Aufmerksamkeit auf das Cabriolet – ein Maserati – und verziehe das Gesicht, als der andere Kerl aus dem Auto steigt. Nein, er steigt nicht einfach aus. Er erhebt sich, streckt dabei jeden Zentimeter seiner geschätzten ein Meter neunzig, um die Muskeln in Szene zu setzen, die sich unter seinem schwarzen Hemd abzeichnen. Es liegt eng genug an, um ein Six-Pack auszumachen, und ich frage mich, warum er überhaupt ein Hemd trägt, wenn man jede Linie seines Körpers darunter ausmachen kann. Er stützt sich lässig mit einem Unterarm auf dem Rahmen der Beifahrertür ab. Dann zieht er betont langsam seine Sonnenbrille ab und steckt sie sich in das Hemd.

Die leuchtendroten Buchstaben A.R.S.C.H.L.O.C.H sind ihm auf die Stirn gebrannt. Großer, böser Junge, der sich für unwiderstehlich hält steht etwas kleiner darunter. Ich rieche zehn Meilen gegen den Wind, dass er sich für Mr Universum hält. Der Tag könnte nicht beschissener werden.

»Sie hat sich verletzt«, antwortet der vermeintliche Fahrer des Cabriolets, der inzwischen besorgt die Stirn kräuselt. Als er an mich gewandt weiterspricht, lässt er die Hand sinken. »Brauchen Sie einen Arzt?«

Ich glaube nicht, dass ich einen Arzt benötige, aber vielleicht sollte ich darauf bestehen, die Cops zu rufen. Warum zum Henker benimmt man sich im Stadtverkehr wie auf einer Rennstrecke?

Ich beschließe, lang genug wie ein jämmerliches Häufchen Elend eingekeilt zwischen dem Straßenrowdy und Mr Universum gesessen zu haben, und versuche, auf die Füße zu kommen. Die Hand, die mir der Fahrer erneut anbietet, ignorierend, ziehe ich meinen Rock etwas tiefer und stehe mit zittrigen Knien auf. Das Summen hinter meiner Stirn wird dabei lauter. Die Straße dreht sich, wie bei einer schwankenden Kameraführung, und ich strecke hilflos die Hand aus, in der Hoffnung, irgendwo Halt zu finden.

»Immer langsam.« Der Kerl neben mir greift nach meinem Handgelenk und hält mich fest, bis ich das Gleichgewicht zurückerlangt habe. Ich atme ein paar Mal tief durch und das Schwindelgefühl lässt etwas nach.

»Willst du Slater versetzen? Lucas, verdammt, beweg deinen Arsch zurück in die Karre.« Mr Universum klingt noch angepisster als bei seiner vorherigen Aufforderung.

»Was schlägst du vor, Hunter? Soll ich sie einfach blutend am Straßenrand sitzen lassen, nachdem ich ihren Hintern auf den Asphalt befördert habe? Slater muss warten.«

»Ich denke, ich brauche keinen Arzt«, antworte ich verspätet auf seine Frage und unterdrücke die Wut, die in meiner Kehle anschwillt. Wie schön, dass sich der Blödmann da hinten Sorgen um seinen Termin macht. Ich mache mir Sorgen um meinen. »Ich brauche bloß mein Handy. Ich muss unbedingt einen Termin absagen.«

Ein ungutes Gefühl schleicht sich in meine Magengrube, während ich zu meinem Fahrrad humple, um in meiner Tasche nach meinem Telefon zu suchen. Es wird sich nach einer schlechten Ausrede anhören, mein Vorstellungsgespräch bei McVeigh Corporation abzusagen, weil ich auf dem Weg einen Unfall hatte. Insbesondere, da der Termin bereits vor fünfzehn Minuten hätte stattfinden sollen.

»Sie sollten sich sicherheitshalber im Krankenhaus durchchecken lassen«, sagt der Straßenrowdy – Lucas? –, als ich mein Handy gefunden habe. »Ich muss wirklich los zu einem Geschäftstermin, aber mein Bruder kann Sie bestimmt fahren.«

Ich blicke ihn entgeistert an und hoffe inbrünstig, dass er damit nicht den Kerl meint, der an seinem Wagen lehnt. Ich will ihm gerade sagen, dass ich das Angebot dankend ablehne, als er sich abwendet. »Hunter, ich gehe die restlichen paar Meter zu Fuß zur Firma. Du nimmst meinen Wagen und fährst sie ins Krankenhaus.«

»Ich mache was?«, fragt Hunter, größter Mistkerl der Welt, und hört sich an, als würde er in jedes Wort eine saftige Beleidigung stecken.

»Ich komme schon allein ins Krankenhaus«, sage ich. Oder nach Hause. Die Krankenversicherung konnte den letzten Beitrag nicht von meinem Konto abbuchen. Ich bin nicht sicher, ob ich ihren Schutz noch genieße. Abgesehen davon komme ich mit den paar Kratzern allein zurecht.

Lucas greift in seine Hosentasche und zieht eine Visitenkarte hervor. »Hier stehen meine Kontaktdaten drauf. Rufen Sie mich an und lassen Sie mich wissen, was ich Ihnen schuldig bin.« Sein Blick gleitet entschuldigend über mich und dann zu meinem verbogenen Fahrrad.

Ich nehme die Karte an mich, sehe sie an und … Himmel. Ich erkenne das Logo in der rechten, oberen Ecke und auch seinen Nachnamen. Das nennt sich wohl Schicksal, Baby. »Lucas McVeigh. Sie gehören zur McVeigh Corporation?«

»Das Unternehmen gehört meiner Familie«, meint er leichthin.

»Ich … « Ich befeuchte die Lippen und versuche nicht zu intensiv darüber nachzudenken, wer mich fast über den Haufen gefahren hätte. Seiner Familie gehört die Firma, bei der ich mich vorstellen wollte? Vielleicht könnte er die Sache geradebiegen. »Ich hätte vor fünfzehn Minuten ein Vorstellungsgespräch in Ihrer Firma gehabt. Könnten Sie … Wenn ich dort erkläre, dass ich einen Unfall hatte, wird man das vielleicht für eine schlechte Ausrede halten.«

»Vor fünfzehn Minuten?«, fragt er und seine Mundwinkel zucken. Ihm ist sicherlich klar, dass ich auch ohne Sturz zu spät aufgekreuzt wäre. Tja, verdammtes Houston. Ich behaupte, diese Stadt sollte als eigenes Land deklariert werden. »Bei wem wäre der Termin gewesen?«, fügt er an.

Ich versuche mich zu erinnern, ohne in meinen Terminkalender zu sehen, der in meiner Tasche steckt. »Am Telefon sagte man mir, dass ich mich am Empfang melden und nach einer Mrs Logan fragen soll.«

Er zieht die Brauen zusammen und blickt mich noch eine Sekunde nachdenklich an. »Ich regle das. Warten Sie hier.« Dann dreht er sich um und geht zu seinem Wagen.

»An Ort und Stelle«, flüstere ich und bete, dass der Mist am Ende noch etwas Gutes hat.

Lucas und Mr Universum wechseln ein paar leise, aber erhitzte Worte, bevor sich Lucas in das Cabrio beugt und mit einem Mobiltelefon in der Hand wieder aufrichtet. Er läuft in meine Richtung zurück, während er ein paar Tasten drückt und sich das Handy ans Ohr hält. »Agatha, hier ist Lucas. Die junge Frau, die sich heute vorstellen wollte … « Er schnippt mit den Fingern.

»Natalie Lewis«, helfe ich ihm.

»Natalie Lewis. Mein Bruder wird das Vorstellungsgespräch übernehmen.«

Was? Ich schiele heimlich zu dem Maserati und bin überzeugt, dass nicht nur ich gegen diese Idee bin. Lucas’ Bruder starrt wütend zu mir herüber und macht ein Gesicht wie ein tollwütiger Wolf.

»Ja, Sie haben das richtig verstanden. Hunter übernimmt den Termin. Was ist daran so witzig? Ich muss auflegen, Agatha. Bis später.« Er drückt das Gespräch weg, schiebt sein Telefon in die rechte Hosentasche und schenkt mir ein offenes Lächeln. »Also, Natalie. Hunter fährt Sie ins Krankenhaus und wir schlagen zwei Fliegen mit einer Klappe. Er kann Ihnen wegen des Jobs während der Fahrt auf den Zahn fühlen.« Er sagt das, als wäre das ein unwahrscheinlich attraktives Angebot.

»Ich glaube nicht, dass ich mit Mr Universum zusammen in einem Auto sitzen möchte«, merke ich an und bereue die Worte sofort. Es macht bestimmt keinen guten Eindruck, meinen hoffentlich zukünftigen Boss noch vor der Einstellung zu beleidigen. »Ich atme ihm sonst womöglich die Luft weg«, füge ich etwas kleinlauter zu.

»Mr Universum?«, hakt Lucas amüsiert nach und in seinen grünblauen Augen blitzen Funken auf. Mit der Bezeichnung treffe ich wohl ins Schwarze. »Ich sehe schon, Sie werden sich wunderbar verstehen.«

»Ich befürchte …«

»Keine Widerrede. Sie müssen sich durchchecken lassen. Er kann Sie fahren. Wenn Sie sich für einen Job vorstellen wollen, lasse ich Ihnen keine Wahl.«

»Aber mein Fahrrad …«

»Hunter wird sich schon darum kümmern.« Er zwinkert und kehrt mir den Rücken zu. »Kümmere dich um ihr Fahrrad. Ich muss mich tierisch beeilen, sonst steigt mir Slater aufs Dach.«

Ehe ich mich versehe, ist Lucas McVeigh den Bürgersteig entlang verschwunden und ich stehe allein hier, mit seinem Bruder Hunter, der mich mit seinem harten Blick eindeutig töten will.

2. KAPITEL

Hunter

Ich habe ein Problem mit Frauen. Obwohl das nicht ganz richtig ist. Ich habe ein Problem mit Frauen, solang sie nicht nackt unter mir liegen. Mit Frauen, die in Blusen, Hosen oder Kleidern stecken, handelt man sich nichts als Ärger ein. Teuren Ärger. Warum hat Lucas nicht auf mich gehört und ihr einfach ein paar Dollar in die Hand gedrückt? Nein, der Riesenidiot musste ihr seine Karte geben. Sobald sie sich vom ersten Schreck erholt hat, wird sie höchstwahrscheinlich seinen Arsch verklagen. Oder versuchen, aus dem Unfall einen Vorteil zu schlagen, darauf bestehen, den Job zu bekommen und dann noch ein unverschämtes Gehalt aushandeln. So läuft es schließlich immer.

»Wollen Sie da Wurzeln schlagen oder endlich in den verdammten Wagen steigen?«, frage ich gereizt, als sich Natalie – ich habe ihren Nachnamen nicht verstanden – nach einer geschlagenen Minute noch keinen Zentimeter von der Stelle gerührt hat.

Ich muss zugeben, dass sie hübsch ist. Blondgelockter langer Pferdeschwanz, süße Figur. Sie ist zierlich, aber ihr Hintern dehnt den engen schwarzen Rock auf einladende sexy Weise und ihre Beine scheinen bis in den Himmel zu ragen. Wahrscheinlich könnte ich sie nackt ziemlich gut leiden. Die Kleine ist purer Sex.

Gott, ich hasse dich, Lucas.

»Ich lasse mein Fahrrad nicht hier«, antwortet sie, und ich schwöre, sie klingt mindestens so angepisst wie ich.

Glaubt sie etwa, ich würde den Drahtesel auf die Sportledersitze der Rückbank verfrachten? Welcher Mensch kommt auf die Idee, mit einem mintgrünen Damenrad zu einem Vorstellungstermin in Downtown zu fahren? In Houston benutzen wir normalerweise etwas, das Auto heißt, und außerdem gibt es in der Stadt ein hervorragendes Netzwerk aus öffentlichen Verkehrsmitteln.

Ich mustere sie noch einen Moment, stoße mich von der Wagentür ab und umrunde den Maserati, um zu ihrem Fahrrad zu gehen. Ich schiebe das Teil an den Bürgersteigrand und sehe nach, ob es ein Schloss besitzt.

»Wo ist der Schlüssel hierfür?«, frage ich und tippe gegen den grünen gedrehten Gummischlauch, als ich es unter dem Sattel entdecke.

»Es wird gestohlen werden.«

Ich widerstehe nur mit Mühe dem Drang die Augen zu verdrehen. »Das Teil ist nicht ein Zehntel der Rücksitze wert. Wahrscheinlich ist es nicht mal ein Zehntel der Kopfstützen wert. Falls es später weg ist, kaufe ich Ihnen ein neues. Eins, das fünf Gänge mehr hat.« Scheiße, klang das wirklich so überheblich?

Natalie öffnet den Mund, wie um etwas zu sagen, macht es dann aber doch nicht. Im Bett stehe ich darauf, wenn Frauen Widerworte geben. Hauptsächlich deshalb, weil ich darauf stehe, ihnen danach den Arsch zu versohlen. Außerhalb des Schlafzimmers geht es mir allerdings gegen den Strich, und Herrgott … Sie kann nicht ernsthaft erwarten, dass ich Lucas die Sitze ruiniere.

Mit widerwilligem Blick kommt sie auf mich zu. Ich frage mich, ob sie sich wirklich wehgetan hat, oder ob das vorsichtige Aufsetzen ihrer Füße bloß Show ist, um auf ein hohes Schmerzensgeld bestehen zu können. Sie trägt schwarze Pumps mit Absatz, was ich in meinem Kopf abspeichere, um es im Ernstfall gegen sie zu verwenden. Mit solchen Schuhen sollte man nicht Fahrradfahren. Ein Unfall ist da praktisch vorprogrammiert.

»Ich mache das schon«, sage ich, als sie einen Schlüsselbund aus der großen Tasche, die unter dem Gepäckträger eingeklemmt ist, hervorsucht, und sich mit schmerzerfülltem Gesichtsausdruck zum Fahrradschloss beugt.

Hölle, ist das ihr Ernst? Die oberen beiden Knöpfe ihrer Bluse sind geöffnet und … mein Blick fällt auf ihre Brüste. Ich schätze, er sollte da nicht hinfallen, allerdings … wie soll man als Mann so etwas ignorieren? Sie hat keine Riesenoberweite, aber ihre Brüste sehen weich aus und sind mit Sicherheit nett geformt. Der weiße BH ist aus Spitze, hier und da blitzen Stellen ihrer gebräunten Haut hervor.

Starr ihr nicht in den Ausschnitt, du Schwachkopf.

Ich wende geistesgegenwärtig den Blick ab, nehme ihr den Schlüsselbund aus der Hand und muss ein bisschen kämpfen, damit sie ihn loslässt. »Gehen Sie zum Wagen. Oder brauchen Sie Hilfe dabei?«

»Danke, geht schon«, antwortet sie und greift neben der Tasche noch nach ihrer Jacke.

Jemand hupt energisch, als sie ihren reizvollen Hintern zum Cabrio bewegt. Eine Autoschlange hat sich dahinter gebildet.

»Was? Sie sehen doch, dass wir einen Unfall hatten«, belle ich verärgert.

Dieser Mittwoch kommt mir wie ein Montag vor. Ich ahnte bereits, dass er grauenhaft werden würde, als mein Wagen nicht mehr ansprang, nachdem ich an der Zapfsäule der Tankstelle gehalten und ihn vollgetankt hatte. An einem Morgen, der damit beginnt, Lucas bitten zu müssen, mich auf dem Weg zur Arbeit einzusammeln, kann verflixt noch mal nichts Gutes passieren.

Ich öffne das Schloss und ziehe den Schlauch durch die Speichen, verbinde das Vorderrad mit dem Hinterrad, weil ich weit und breit keine Möglichkeit finde, das Fahrrad irgendwo anzuketten.

Lucas kann verdammt noch mal froh sein, dass ich ihm für seinen Umweg einen Gefallen schulde und das Treffen mit Slater wichtig ist. Normalerweise lasse ich ihn seinen Scheiß allein ausbaden. Es wäre auch ein Vierundzwanzigstundenjob hinter seinem unbeholfenen Arsch herzuräumen. Er besitzt das umfassende Talent, mit wenig Aufwand das Schlimmste aus einer Situation zu machen. Damit meine ich aus jeder Situation.

Als ich mich aufrichte, steht Natalie Irgendwer unschlüssig vor dem Wagen und reibt sich den aufgeschürften Ellenbogen. Mist, sie hat sich doch wehgetan. Auch wenn sie nicht ernster verletzt ist – was ich hoffe –, hat sie ein paar Schrammen abbekommen. Meistens geht es nicht gut aus, wenn ich Mitgefühl zulasse, aber ich bin auch kein solches Arschloch, dass sie mir nicht leidtun würde. Lucas’ Fahrstil befördert eines Tages noch jemanden ins Grab.

»Steigen Sie endlich ein«, fordere ich sie ein bisschen barscher auf, als beabsichtigt, während ich zur Fahrertür gehe. Wenn Mitleid haben schon ein Fehler ist, führt Mitleid zeigen zu einer Katastrophe.

»Vielleicht sollte ich einfach nach Hause gehen. Ich will Ihnen nicht Ihre Zeit stehlen«, meint sie.

»Lucas hatte recht. Sie bluten. Sie sollten sich durchchecken lassen.« Keine Ahnung, warum ich das sage. Ich habe heute einige Termine und bin gewiss nicht scharf darauf, ihren Chauffeur zu spielen. Es wäre um einiges einfacher gewesen, sie mit Geld für ein Taxi abzuwimmeln. Aber jetzt, wo Lucas ihr großzügig angeboten hat, dass ich sie ins Krankenhaus bringe, fühle ich mich idiotischerweise für sie verantwortlich.

Ich sinke in den Sitz, stelle ihn auf meine Größe ein und ziehe die Sonnenbrille aus der Hemdtasche, um sie in die Ablage unter der Hifi Anlage zu legen. Dann lasse ich den Motor anspringen und schließe das Verdeck des Cabrios.

Natalie scheint über ihren Schatten zu springen. Sie öffnet die Beifahrertür und steigt langsam in den Wagen. Mir entgeht nicht, dass sie die Zähne zusammenbeißt, als sie sich im Polster zurücklehnt und die Beine ausstreckt. Ihre schlanken, leicht muskulösen Beine. Eine Sportlerin, würde ich sagen. Ihre Nylonstrumpfhose ist in Höhe des rechten Knies gerissen und die Haut darunter aufgeschürft. Die Wunde ändert leider nichts daran, dass sie erstklassige Schenkel hat.

Shit, ich bin sowas von am Arsch. Wieso muss sie heiß sein? All die Schlamassel, in die ich mich in siebenundzwanzig Lebensjahren manövriert habe, begannen immer mit einer heißen Frau. Wenn du sie nicht für ihre Dienste bezahlst, halt dich von ihr fern, nenne ich deshalb seit Ewigkeiten meine goldene Regel.

»Ins Memorial, Methodist oder General?«, frage ich, um herauszufinden, in welches Krankenhaus sie will.

»Es … «, sie macht eine Pause, bevor sie neu ansetzt. »Ich bin erst seit ein paar Tagen in Houston und kenne mich noch nicht aus.«

»Dann fahren wir ins Methodist.« Im Methodist Hospital werden sich meine Kontakte darum kümmern, dass sie schnell an die Reihe kommt.

Natalie sagt nichts zu meiner Entscheidung und ist wohl einverstanden. Sie öffnet ihre Tasche und sucht eine Packung Papiertücher heraus, um sich die blutigen Hände zu säubern. Gott sei Dank blutet sie Lucas’ Wagen voll und nicht meinen. Ich fahre an und biege links ab, in die entgegengesetzte Richtung der Firma.

Das Krankenhaus liegt im Medical Center, hinter Midtown. Ein Weg von fünfzehn Minuten, wenn man sich nicht gerade zur Rush Hour durch den Verkehr schlägt. Es ist kurz vor neun, damit ist der schlimmste Berufsverkehr vorbei, aber der Highway 288 ist wahrscheinlich noch vollgestopft. Ich hasse Umwege, aber noch mehr hasse ich es, im Stau zu stehen, weshalb ich lieber die längere Strecke wähle und den Wagen auf den Zubringer zur Interstate lenke.

Ich bin kein großer Fan von Smalltalk und registriere mit Zufriedenheit, dass es Natalie wohl ebenso geht. Zumindest versucht sie nicht, mich in ein Gespräch zu verwickeln. Ich will gerade den CD-Player anwerfen, als sie sich leise räuspert und ich in der Bewegung innehalte.

»Möchten Sie sich nicht meine Bewerbungsunterlagen ansehen?«, fragt sie.

»Ihre … was?«

»Meine Bewerbungsunterlagen. Ihr Bruder sagte …«

»Ich weiß, was mein Bruder gesagt hat.« Er hat nur vergessen, zu erwähnen, dass ich mir diesen Bullshit nicht antun werde. Ich führe keine Bewerbungsgespräche. »Ich kann Ihnen einen neuen Termin in der Personalabteilung besorgen. Mrs Logan wird Sie anrufen.«

Ich spüre Natalies Blick auf meinem Gesicht und widerstehe der Versuchung, den Kopf zu ihr zu drehen. Sie holt Luft, bevor sie antwortet. »Um ehrlich zu sein … Der einzige Grund, warum ich in diesem Wagen sitze, ist der, dass ich diesen Job dringend brauche. Bis man mich zu einem neuen Termin einlädt, ist die Stelle wahrscheinlich vergeben.«

»Sie hatten gerade einen Unfall. Ich glaube nicht, dass dies der richtige Moment für ein …«

»Bitte«, fällt sie mir ins Wort.

»Nein«, entgegne ich. Wir bezahlen unsere Personalabteilung dafür, Leute einzustellen. Das ist nicht meine Aufgabe. Ich weiß nicht mal, für welchen Job sie sich vorstellen will, und habe auch kein Interesse daran, es herauszufinden.

»Genaugenommen sind Sie mir das schuldig«, deutet sie an, ausnutzen zu wollen, dass Lucas sie fast plattgemacht hätte. Ich wusste, sie würde die Karte ziehen. Leider durchschaubar.

»Genaugenommen«, wiederhole ich sie, »ist Lucas Ihnen das schuldig. Ich werde nicht für seine Schulden aufkommen. Er ist erwachsen und zahlungsfähig.«

»Dann halten Sie irgendwo an, damit ich aussteigen kann.«

»Ich halte vor dem Methodist Hospital.«

»Ich will nicht ins Krankenhaus. Es sind nur ein paar Kratzer.«

»Wir sind aber bereits auf dem Weg dorthin.«

Sie macht ein Geräusch, das wie ein ungläubiges Schnauben klingt, oder nach dem Ansatz eines humorlosen Lachens. Ich werfe ihr nun doch einen Seitenblick zu und sehe, wie sie langsam den Kopf schüttelt. Ihre Lippen sind fest zusammengepresst.

Sie hat tolle Lippen. Sie sind voll, leicht glänzend. Von der Art, für die ich dem Begleitservice, bei dem ich für gewöhnlich meine Bekanntschaften buche, zweitausend Dollar bezahlen würde. Eine Sekunde stelle ich mir vor, wie sie roten Lippenstift aufträgt und ich ihr meinen Schwanz in den Mund schie…

Nein. Stopp. Ich bin nicht damit einverstanden, dass sich mein Verstand so einen Blödsinn ausmalt. Sie ist kein Escort-Mädchen. Sie ist bloß eine Frau, die beinah auf der Motorhaube von Lucas Wagen gelandet wäre. Und das nicht im erotischen Sinne. Ich konzentriere mich also besser auf die Straße.

»Wissen Sie was? Wenn Sie mich nicht aussteigen lassen, werde ich einfach so tun, als wäre das hier ein Einstellungsgespräch«, bricht Natalie unerwartet das erneute Schweigen, wühlt in Ihrer Tasche und zieht eine schwarze Mappe hervor. Dann reibt sie sich den Hals und spricht mit verstellt tiefer Stimme weiter. »Ms Lewis, was bewegt Sie dazu, sich bei McVeigh Corporation vorzustellen?«

Soll das ein Scherz sein? Ist sie verrückt? Natürlich ist sie das. Es gibt genau drei Sorten gutaussehende Frauen: den Sexy-aber-leiderdurchgeknallt-Typ, die Ich-kastriere-dich-du-Arschloch-Emanzen, und zu guter Letzt die Miststücke-Fraktion. Nicht selten trifft man eine brisante Mischung dieser drei Spezies. Wenigstens kenne ich jetzt ihren Nachnamen.

»Oh, ich bin froh, dass Sie mir die Frage stellen, Mr McVeigh«, antwortet sie auf ihre eigene Frage in normalem Tonfall. »Ich habe durch eine Zeitungsannonce von der freien Stelle an Ihrem Empfang erfahren und daraufhin die Internetseite Ihrer Firma aufgerufen. In der Rubrik Karrierechancen fand ich einen Absatz, der perfekt auf mich und meine Situation zutrifft. Er lautet: Sind Sie ein teamfähiger, verantwortungsbewusster Mensch mit organisatorischem Talent und auf der Suche nach einem sicheren Job mit Aufstiegsmöglichkeiten? Dann haben Sie sich vielleicht gerade in Ihre Zukunft geklickt. Die McVeigh Corporation bietet ein paradiesisches Betriebsklima und ist stets auf der Suche nach engagierten Mitarbeitern.«

»So ein Mist steht auf unserer Internetseite?«, hake ich entsetzt nach. Paradiesisch? Wer schreibt so einen Scheiß?

»Sie wissen nicht, was auf Ihrer Homepage steht?«, stellt sie verstört die Gegenfrage.

»Nein? Ich will mich schließlich nicht bei uns vorstellen.«

»Gutes Argument«, räumt sie ein. »Aber ich möchte mich bei Ihnen vorstellen. Und ich bin ein teamfähiger, verantwortungsbewusster Mensch mit organisatorischem Talent und auf der Suche nach einem sicheren Job. Vor zwei Wochen habe ich meinen Abschluss in Sozialpädagogik gemacht. An der UNT. Ich hatte bereits eine Halbtagsstelle beim Jugendamt Zuhause in Littlefield, allerdings bin ich aus persönlichen Gründen kurzfristig nach Houston gezogen und …«

»Moment mal. Sie wollen sich mit einem Abschluss in Sozialpädagogik für einen Job am Empfang eines Mineralölkonzerns bewerben?« Das ist absurd. Mir fällt kein Posten ein, für den eine Sozialpädagogin in Frage käme.

»Ich glaube, so einen großen Unterschied macht das nicht. Als Sozialpädagogin hat man mit Menschen zu tun. Es geht darum empathisch zu sein, den Leuten beratend zur Seite zu stehen. Man benötigt gewisse administrative Fähigkeiten, bedient eine Schnittstelle zwischen Organisation, Verwaltung und der Arbeit in direkter Klientennähe. Die Stellenbeschreibung an Ihrem Empfang klang ähnlich. Freundlich sein, sich um Besucher kümmern, Termine abstimmen.«

»Wie verzweifelt sind Sie, wenn Sie da Parallelen ziehen?«, will ich wissen.

»Ziemlich verzweifelt. Ich übernachte in Moment auf der Couch einer Freundin, und ohne Job lässt sich an der leidigen Lage auch so schnell nichts ändern. Deshalb bin ich darauf angewiesen, bald Arbeit zu finden. Sehr bald.«

Wow. Ich habe zwar noch nie ein Bewerbungsgespräch geführt – zur Hölle noch mal, das hier ist auch keins –, aber ich bin sicher, dass man solche Informationen besser für sich behalten sollte, wenn man es auf eine Einstellung anlegt.

»Dann wünsche ich Ihnen gutes Gelingen, unsere Personalabteilung zu überzeugen«, versuche ich, die lächerliche Unterhaltung zu beenden.

»Richtig, ich führe das Interview ja mit mir selbst«, erinnert sie sich und ist offensichtlich gewillt, mit dem Quatsch weiterzumachen. Sie verzieht das Gesicht zu einem mürrischen Ausdruck, wie ich in den Augenwinkeln wahrnehme. Ich glaube, sie bemüht sich, meinen Ausdruck nachzuahmen. Wenig schmeichelhaft. Verdammt, so übel gelaunt sehe ich garantiert nicht aus.

»Das klingt, als würden Sie schon mal gut ins Team passen, Ms Lewis«, antwortet sie mit der Stimme, die sich nicht mal entfernt nach mir anhört.

»Hören Sie damit auf«, sage ich bestimmend.

»Womit?«

»Hören Sie auf, so zu tun, als würde ich Ihnen Fragen stellen und Sie darauf antworten. Das ist schräg. Haben Sie sich bei dem Sturz den Kopf angeschlagen?«

»Beleidigen Sie mich etwa gerade, nachdem Ihr Bruder mich in einen Unfall verwickelt hat?«

»Ich beleidige Sie nicht, sondern mache mir Sorgen, ob Sie sich vielleicht am Kopf verletzt haben.« Ich ziehe den Wagen auf die rechte Spur und fahre vom Interstate Highway. Gott sei Dank sind wir gleich am Krankenhaus.

Mein versteckter Appell an ihren Verstand funktioniert offensichtlich. Natalie Lewis gibt keinen Ton mehr von sich. Der Verkehr fließt zäh, und als wir an der übernächsten Ampel anhalten, richte ich meinen Blick auf sie.

Sie lächelt. Verflucht, sie sollte mit diesem Mund nicht lächeln. Nicht, wenn sie neben mir im Auto sitzt. Ich könnte für eine Weile vergessen, dass sie verrückt ist, und selbst auf den Gedanken kommen, einen Wahnsinn zu begehen. Wie zum Beispiel ihr die Frage stellen, ob sie sich für zweitausend Dollar die Lippen rot anmalen und mir einen Blowjob verpassen würde.

Okay, das ist daneben. Zwar hat jeder Mensch seinen Preis und die meisten Leute würden sich wundern, wenn sie wüssten, wie niedrig der in der Regel ausfällt, aber eine solche Frage wäre trotzdem ekelhaft unangemessen. Vielleicht hätte ich sie nicht auffordern sollen, ihren zweistimmigen Dialog zu beenden. Wenn sie weiterhin diesen Bullshit von sich geben würde, könnte ich nicht auf so kranke Ideen kommen.

»Was ist so amüsant?«, frage ich sie, während wir darauf warten, weiterfahren zu können. In erster Linie, um mich davon abzulenken, wie sexy ihr Mund ist. Seine Wirkung auf mich wird abgeschwächt, wenn sie weiterhin Blödsinn redet.

»Meistere das Leben lächelnd, oder du meisterst es gar nicht«, wirft sie eine kuriose Antwort in den Raum.

»Und was soll das bedeuten?«

»Das ist ein Sprichwort. Eine Weisheit. Man wird mit unangenehmen Situationen leichter fertig, wenn man lächelt.«

»Das ist Schwachsinn.« Ein Gesichtsausdruck kann nicht ändern, dass man sich unwohl fühlt.

»Weiß ich noch nicht, ich probiere es gerade erst aus.«

Sie nennt das hier eine unangenehme Situation? Meint sie den Unfall oder die Tatsache, mit mir in diesem Auto zu sitzen? Es sollte mich nicht weiter kümmern, aber aus irgendeinem beschissenen Grund, ärgert mich ihre Aussage.

Ein paar göttlich stille Minuten später fahren wir vor dem Houston Methodist vor. Ich bremse zunächst vor dem überdachten Haupteingang ab, entscheide mich dann aber anders und stelle den Wagen auf einen der Notfallparkplätze unmittelbar neben dem Portal ab. Als ich zum Griff der Wagentür fasse, stößt Natalie hart den Atem aus.

»Sie wollen nicht ernsthaft mitkommen?«

»Ich kann dafür sorgen, dass sie sofort untersucht werden«, erkläre ich. Ich müsste ihr das nicht anbieten. Mir könnte es egal sein, ob sie ein paar Stunden in der Ambulanz warten muss.

»Ich habe nicht vor, mich untersuchen zu lassen, Mr McVeigh.«

Diese Frau raubt mir noch den letzten Nerv. Warum habe ich sie dann durch die halbe Stadt gefahren? »Ich bestehe darauf.«

»Sie bestehen darauf? Wirklich witzig. Sie haben nicht das Recht, auf irgendetwas zu bestehen, was meine Gesundheit betrifft.«

Damit liegt sie wohl richtig. Ich habe kein Recht dazu, aber durchaus einen Grund, wie mir einfällt. »Okay, Natalie. Hören Sie zu. Mein Bruder hätte sie beinah angefahren. Sie sind mit dem Fahrrad gestürzt und Sie bluten. Mit einer Schmerzensgeldklage werden wir spielend fertig, aber auf den Ärger, den wir uns einhandeln, falls sie morgen Früh wegen einer möglichen Kopfverletzung nicht mehr wach werden, nachdem sie heute Abend ins Bett gegangen sind, können wir ehrlich gesagt verzichten.«

Sie verzieht das Gesicht, schiebt die Augenbrauen etwas zusammen, während sie die Lippen befeuchtet. Ihre Zungenspitze blitzt kurz hervor, ein zweites Mal, und eine absurd idiotische Sekunde, will ich mit meiner ebenfalls über ihre Lippen lecken. Warum muss ihr Mund nur so verführerisch sein?

»Ich werde Ihren Bruder nicht verklagen. Ich meine, wahrscheinlich sollte ich das tun, danach könnte ich mir eine Wohnung leisten und nach Europa fliegen, um meinen Dad zu suchen. Ich wäre einen Haufen Probleme mit einem Schlag los, und wenn Sie am Steuer gesessen hätten, würde ich eine Klage auch ernsthaft in Erwägung ziehen. Aber Ihrem Bruder tat es offensichtlich leid, dass er sich wie ein Verkehrsrowdy aufgeführt hat, und er hat versucht, es wiedergutzumachen. Deshalb käme mir nicht in den Sinn, eine große Sache aus dem Sturz zu machen.«

Wider besseres Wissens halte ich ihren Blick fest. Ihre Augen sind lavendelblau, etwas dunkler an den Rändern. Die durch den Seitenspiegel reflektierende Sonne legt einen Glitzerfilm über sie und eigentlich … sind sie viel zu groß für ihr Gesicht. Nicht nur ihre Lippen sind sexy, stelle ich zu meinem Bedauern fest.

Wenn Sie am Steuer gesessen hätten, würde ich eine Klage auch ernsthaft in Erwägung ziehen. Heiß hin oder her. Sie mag mich nicht. Eindeutig. Obwohl ich der Kerl bin, der sie ins Krankenhaus schafft, nachdem der reumütige Lucas sie fast über den Haufen gefahren hat. Ich will ihr sagen, dass ich mich gekränkt fühle, als sie sich zur Seite dreht und aus dem Cabrio steigt.

Mein Blick folgt ihrer Bewegung, als hätte sie einen verfluchten Magneten am Hintern, auf den meine Augen reagieren. Ihr Rock endet einen Zentimeter oberhalb ihrer Kniekehle und heilige Maria … allein für ihren Arsch sollte ihr jemand einen gottverdammten Job geben. Einen, bei dem sie sich möglichst oft bücken muss.

Krank, McVeigh. Dieser Gedanke ist einfach nur krank.

Ich fahre mir über das Gesicht, als sie die Wagentür zuwirft, und versuche, auf meinen Stolz zu hören. Er will mir mitteilen, dass ich den Rückwärtsgang einlegen und mich aus dem Staub machen sollte. Sie ist erwachsen und wenn sie sich nicht untersuchen lassen will, ist das verflucht noch mal nicht mein Problem. Aber als Natalie geradewegs am Eingang vorbeiläuft und sich Richtung Straße orientiert, stoße ich meine Tür ebenfalls auf und stehe einen Herzschlag später neben dem Maserati. Keine Ahnung, was mich dazu bringt, ihr hinterherzulaufen, vielleicht ein Kurzschluss in meinem Gehirn, andernfalls würde ich mich kaum wie ein Pudel aufführen.

»Hat Ihnen schon mal jemand gesagt, dass sie anstrengend sind?«, fragt Natalie, als ich sie eingeholt habe, und bleibt auf dem Parkplatz stehen.

»Normalerweise besitzen die Leute nicht genug Mut, mir solche Respektlosigkeiten vor die Füße zu werfen«, entgegne ich ernst.

»Weil Ihre Firma nur ein Pseudogeschäft ist, Sie in Wahrheit der Maffia angehören und die Menschen Angst haben müssen, ihren Kopf zu verlieren?«

Ihr Tonfall dehnt meine Mundwinkel. Sie versucht, sich über mich lustig zu machen. Nicht besonders nett, aber durchaus amüsant. »Nein, weil die meisten Menschen in der Regel etwas von mir wollen. Meine Zeit, mein Geld …«, ich senke die Lautstärke meiner Stimme zu einem Beinaheflüstern, »… einen Job. Manchen Frauen geht es tatsächlich sogar bloß um meinen Körper. Als Bittsteller sollte man doch ein gewisses Maß an Respekt und Höflichkeit haben.«

Natalie blickt mich fassungslos an, obwohl meine Worte die reine Wahrheit waren. Sie ist trotz der Absätze ihrer Pumps ein gutes Stück kleiner als ich. Ich könnte sie in ein paar aufreizende Stiefel stecken, und sie müsste immer noch zu mir aufschauen, um mir in die Augen zu sehen.

»Dann ist es wohl Glück, dass ich nicht zu den meisten Menschen gehöre. Denn ich will nichts von Ihnen. Weder Ihre Zeit, noch Ihr Geld, inzwischen möchte ich auch keinen Job mehr von Ihnen. Und …« Sie macht eine Pause und lässt den Blick an mir hinabgleiten. Langsam. Er wandert über mein Hemd, inspiziert meine darunterliegenden Brust- und Bauchmuskeln, und ich bemerke, wie sie ihre Unterlippe kurz mit den Zähnen durchknetet. Fuck, der Anblick schießt mir direkt in den Schwanz. Als sie ihre Worte fortsetzt, klingt sie nicht sonderlich überzeugend. »… ihren Körper will ich ganz sicher auch nicht. Ich kann mir das gewisse Maß an Höflichkeit somit wohl sparen.«

»Lucas Sekretärin wird sich wegen des Fahrrads mit Ihnen in Verbindung setzen«, quetsche ich an dem unangenehm schnellen Puls in meiner Halsschlagader vorbei. So kühl wie möglich. Was bedeutet, dass ich mich kein bisschen kühl anhöre, sondern als würde die Enge in meiner Hose auch auf den Rest von mir übergreifen und jeden Zentimeter von mir zusammenziehen. Ich erinnere mich nicht, dass ein verrücktes Miststück jemals eine solche Wirkung auf mich ausgeübt hätte. In meinem ganzen Leben musste ich noch nicht mit halbsteifem Schwanz auf einem Krankenhausparkplatz stehen und mir anhören, nicht gewollt zu werden. Das ist frech und … es ist heiß.

Reiß dich zusammen.

»Soll ich Sie nach Hause fahren?«, frage ich anstandshalber. Sie ist schließlich verletzt. Andernfalls käme mir nicht in den Sinn, mich wieder mit ihr ins Auto zu setzen, solang ich eine halbe Erektion in der Hose habe.

»Danke, aber ich komme klar.«

»Schön, wenn Sie lieber mit dem Bus fahren wollen.«

Bevor Natalie noch etwas sagen kann, drehe ich mich um und laufe zielstrebig zurück zum Wagen. Ich kann mir tausend vergnüglichere Dinge vorstellen, als jetzt in die Firma zu fahren. Verdammt, ich sollte etwas Vergnüglicheres machen, und mein Freund Süden abwärts ist ganz meiner Meinung. Deshalb ziehe ich mein Handy aus der Hosentasche, rufe im Büro an, damit Lourdes meine Termine verschiebt, und wähle anschließend die Nummer des Escort-Services.

»Korrekt. Zierlich und blond, zusammengebundene Haare. Weiße Bluse, weiße Spitzenwäsche, dunkler Rock, und kirschrot geschminkte Lippen«, gebe ich meine Wünsche an Emilia weiter, die seit Ewigkeiten Geschäftsführerin in dem Laden ist. Sie kennt mich mittlerweile, stellt keine Fragen und macht notfalls das Unmögliche möglich. »Schicken Sie sie in einer Stunde zu mir nach Hause. Und Emilia, für die nächsten Stunden heißt ihr Mädchen Natalie. Sagen Sie ihr das.«

3. KAPITEL

Natalie

»Was meinst du damit, du konntest den Termin nicht wahrnehmen?« Giulia lässt sich auf den Ledersessel neben der Couch im Wohnzimmer fallen und streift sich die hochhackigen Schuhe von den Füßen. Sie bewegt ihre Zehen und stöhnt, als wäre sie barfuß durch die Hölle gegangen. Vielleicht ist ein Zehnstundentag in einer Logopädiepraxis auch die Hölle, wenn man auf zwölf Zentimeter hohen Absätzen Patienten mit Sprachstörungen therapiert. Selbst sie, meine treuherzige Prinzessin, die mir in ihrem Palast Unterschlupf gewährt und das Leben spielend meistert, hätte sich wohl besser für Sneakers entschieden.

Ich schalte mein Handy auf lautlos, nachdem gerade eine SMS von Jay eingegangen ist, und sinke in die Sofakissen zurück, wo ich sie ein zweites Mal lese.

Jesus fucking Christ! Natalie, gib ein Lebenszeichen von dir. Das ist doch total albern. Findest du, dass du dich erwachsen verhältst?

Nein. Vermutlich verhalte ich mich nicht erwachsen, seit Jay und ich uns vor drei Wochen gegenseitig die Kleider vom Leib gerissen haben, um wie zwei stockbesoffene Teenager nach dem Abschluss miteinander zu vögeln. Warum haben wir das bloß getan?

Jay ist der Sohn von Moms letztem Ehemann Nicholas, und die beiden sind das übriggebliebene Stück Familie, das ich noch habe. Ich war zwölf Jahre alt, als wir zu ihnen auf ihre Ranch in Littlefield zogen, und vierzehn, als meine Mom an einer Lungenembolie starb. Nicholas und Jay haben mich bei sich behalten und behandelt, als wäre ich ein Teil von ihnen. Wenn es einen Ort gab, den ich mein Zuhause nannte, ist es das zweistöckige alte Holzhaus gewesen. Aber jetzt? Seit dieser unsäglichen Nacht nach der Gradierungsfeier bringe ich es nicht mal fertig, auf Jays Anrufe zu reagieren oder auf eine seiner unzähligen SMS zu antworten. Ich schäme mich und bin so verflixt wütend auf ihn. Auf ihn und seine in Jeanshemden steckenden breiten Schultern, auf seinen versteckten Südstaatenakzent, seine dunkelblauen Augen und die Tatsache, dass sie unter der Krempe des schwarzen Stetsons immer besonders zur Geltung kommen. Er hätte an jenem Abend versuchen müssen, weniger sexy zu sein, und er hätte mich verdammt noch mal nicht mit Tequila abfüllen dürfen. Ich möchte ihn schlagen und mich anschließend selbst in den Hintern treten.

»Natalie?« Giulia streckt eine Hand in meine Richtung und schnippt mit den Fingern. »Ich fragte, warum du den Termin nicht wahrnehmen konntest? Und was zum Teufel ist mit deinem Ellenbogen passiert?«

»Das ist nichts, nur eine kleine Schramme. Das Pflaster wollte nicht halten, deshalb habe ich einen Verband angelegt«, antworte ich ausweichend und ziehe das rechte Hosenbein meiner blauen Lieblingsjogginghose nach unten, weil es hochgerutscht ist und ich nicht will, dass Giulia noch mein aufgeplatztes Knie bemerkt.

Meine Lust, über den Katastrophentag zu reden, hält sich in Grenzen. Zum einen habe ich mich bereits während der zwei Stunden, die ich brauchte, um mit dem Bus nach Hause zu fahren, über Hunter McVeigh aufgeregt, und würde mich nur noch weiter über seine aufgeblasenen Äußerungen ärgern. Er hat mich einen Bittsteller genannt, was nicht gerade aufbauend ist, wenn man sich in letzter Zeit wie ein Bittsteller fühlt und im Wohnzimmer einer beruflich erfolgreichen Freundin übernachtet. Zum anderen wird mich Giulia vielleicht für eine totale Versagerin halten. Oder für ein Desaster auf zwei Beinen. Genau, für einen Katastrophenmenschen. Ein Vorstellungsgespräch zu vermasseln, noch bevor es stattgefunden hat, ist eine übertrieben ironische Glanzleistung.

»Okay, irgendwie bist du abwesend. Gib mir dein Handy«, verlangt sie.

»Was willst du mit meinem Handy?«

»Dem Drama endlich ein Ende setzen.« Sie lehnt sich zu mir herüber und schnappt mir das Telefon aus der Hand.

»Giulia!«, schimpfe ich. »Was hast du …«

»Ich werde Jay antworten. Es ist doch Jay, der wieder geschrieben hat, oder?« Sie wirft einen Blick auf das Display und seufzt. »Seine wievielte Nachricht ist das heute? Die sechste, siebte, zehnte?«

Ich rapple mich von der Couch auf und beuge mich über die Armlehne, um mir das Handy zurückzuholen. Allerdings springt Giulia auf und bringt ein paar Schritte Abstand zwischen mich und das Telefon. Beinah stolpert sie rückwärts über einen der vier Kartons, die mit meinen beiden Koffern im Wohnzimmer stehen, weil ich das Zeug nirgendwo hinräumen kann.

»Du kannst ihm nicht einfach in meinem Namen antworten. Bitte, tu das nicht. Du hast keine Ahnung, was du damit anrichtest.«

»Was ich damit anrichte? Herrgott, Nat. Ja, du hast deinen Stiefbruder gevögelt. Na und? Er ist heiß und ihr seid nicht blutsverwandt, also komm endlich darüber hinweg. Rede mit ihm, setz einen Haken dahinter und beweg deinen Hintern nach Hause. Du schläfst seit fast drei Wochen auf meiner Couch und kommst auf eine absurde Jobidee nach der anderen, obwohl du in Littlefield eine Traumanstellung haben könntest.«

Ich blicke sie an. Giulia ist die beste Freundin der Welt und der klügste Mensch, den ich kenne. Sie hat kubanische Wurzeln, eine tolle Figur, und mit ihren pechschwarzen Haaren und der hellen Haut erinnert sie ein bisschen an Lily Collins als Snow White in dem Film Mirror Mirror. Sie ist rundum perfekt und sie gibt normalerweise perfekte Ratschläge. Aber in dieser Angelegenheit …

»Du weißt nicht, wie das ist, das Leben in einer Kleinstadt. Du kommst ursprünglich aus New York. Die Leute kennen sich und sie tratschen. Alle warten nur auf eine peinliche Geschichte, die sie überall rumerzählen können. Die Nacht mit Jay und mir würde dort nicht lang ein Geheimnis bleiben. Wahrscheinlich wissen es schon alle.« Littlefield hat sechstausend Einwohner. Jay ist dort geboren, er kennt garantiert über die Hälfte der Leute und nennt die meisten davon seine Freunde. Er ist ein bisschen naiv und vertraut einem Haufen Menschen, die ich nicht als vertrauenswürdig einstufen würde, und er hat garantiert einem dieser Freunde von unserem Fehltritt erzählt.

»Ich glaube, du übertreibst. Was ist wirklich das Problem? Stehst du auf ihn?«

»Hölle noch mal, nei… Ich weiß es nicht«, verbessere ich mich. »Ich meine, was, wenn ja?« Ich habe Jay seit dieser Sache nicht mehr gesehen und auch nicht mit ihm gesprochen. Vielleicht fürchte ich mich ein bisschen davor, dass mehr hinter diesem Ausrutscher steckt, als ein paar Tequilashots und Whisky auf Eis.

»Dann solltest du erst recht mit ihm reden und herausfinden, was zwischen euch los ist.«

»In tausend schlechten Pornofilmen wird das Thema aufgegriffen. Pseudoinzest nennen sie es. Hörst du, wie das klingt? Pseudoinzest. Ich will kein Leben wie in einem schlechten Pornofilm.«

Giulia prustet los. Ich greife nach einem Sofakissen, um es ihr an den Kopf zu werfen. Sie weicht nicht aus, sodass ich treffe, aber leider hat der Treffer nicht den gewünschten Effekt.

»Du glaubst, ein Leben auf meinem Sofa ohne richtige Privatsphäre wäre besser? Sieh dich um, Nat. Du kannst nicht aus Kartons und Koffern leben, nur weil du zu feige bist, nach Hause zu gehen.«

»Deswegen suche ich mir ja einen Job. Ich werde mir hier ein Apartment nehmen. In Houston. Ich will ein bisschen Geld verdienen, nach Europa fliegen, meinen leiblichen Dad ausfindig machen. Und irgendwann, vielleicht, wenn Jay verheiratet ist, Kinder hat und wir den Vorfall als eine Du-meine-Güte-weisst-du-noch-als-wir-damals-so-tierisch-betrunken-waren-Geschichte abtun können, werde ich mich bei ihm und Nicholas melden.« Mir ist klar, dass ich den Plan so nicht durchziehen kann. Nicholas gegenüber wäre das nicht besonders fair. Er macht sich bestimmt Sorgen um mich. Die überdurchschnittlich gut bezahlte Halbtagsstelle beim Jugendamt hatte ich ihm zu verdanken, denn er kennt ein paar Leute im Stadtrat. Dass ich sie einfach mit einem Anruf in den Wind geschlagen habe und ohne Erklärung nicht nach Littlefield zurückgekehrt bin, wird ihm gewiss nicht entgangen sein.

Ich stehe vom Sofa auf und gehe langsam auf Giulia zu. Meine Hüfte tut immer noch weh, obwohl ich ein paar Ibuprofen eingeworfen habe. Wahrscheinlich ist sie höllisch geprellt. »Bitte, gib mir das Telefon.«

»Warum humpelst du?« Sie schüttelt irritiert den Kopf, reicht mir aber – Gott sei Dank – das Handy.

»Ich hatte einen Unfall. Deshalb ist auch das Bewerbungsgespräch geplatzt«, erkläre ich.

»Was denn für einen Unfall? Warst du beim Arzt?«

»Mein Fahrrad war der Meinung, dass ich und diese Straße in Downtown unbedingt Bekanntschaft machen sollten. Es ist aber halb so wild.« Ich zucke mit den Schultern.

»Du bist mit dem Rad nach Downtown gefahren?«, fragt sie, als zweifle sie an meinem Verstand. »Wir haben doch gestern das Internet wegen der Busverbindung auf den Kopf gestellt.«

»Ich dachte, ich spare mir das Geld für den Bus.«

»Du bist verrückt.«

»Nein, bin ich nicht. Ich war schon fast bei der Firma angelangt, als dieser Sportwagen plötzlich aus der Seitenstraße geschossen kam und ich auf brenzlige Weise ausweichen musste.«

»Okay, warte. Ich schiebe uns die Lasagnereste von gestern Abend in die Mikrowelle. Ich befürchte, nach der Geschichte muss ich gleich etwas essen.« Giulia geht an mir vorbei in die kleine Küche.

Ich folge ihr, nachdem ich das Handy in die Tasche meiner Jogginghose geschoben und es damit vor ihr in Sicherheit gebracht habe.

»Also, noch mal von vorn und langsam, damit ich mitkomme. Du bist mit dem Fahrrad gestürzt, weil dich sonst ein Auto umgefahren hätte?«, fragt sie und holt die Plastikdose mit dem Nudelgericht aus dem Edelstahlkühlschrank, um es auf einen großen Teller zu geben. Sie stellt das Zeug in die Mikrowelle, schaltet sie ein und lehnt sich mit der Hüfte gegen die graue Küchenzeile.

»Ja. Der Fahrer war zu schnell und hat mir die Vorfahrt genommen.«

»Warst du beim Arzt?«

Was haben nur alle mit ihren Ärzten? »Nein, mir geht es gut. Nur mein Rad ist total verbogen.«

»Waren die Cops da?«, will sie wissen.

»Was? Nein.«

»Du hättest sie rufen sollen. Was ist mit dem Fahrer? Hat er angehalten und sich um dich gekümmert? Kommt er für dein verbogenes Fahrrad auf? Gab es Zeugen?«

»Himmel, Giulia. Ich fühle mich wie bei einem Verhör. Hör auf, tausend Fragen gleichzeitig zu stellen«, versuche ich, sie zu bremsen. »Dem Fahrer, beziehungsweise seiner Familie, gehört die McVeigh Corporation. Er ist ausgestiegen und hat sich entschuldigt.«

»Was gehört ihm?«

»Die Firma, bei der ich mich beworben habe. Es hätte mir bestimmt keine Punkte gebracht, wenn ich mit der Polizei gedroht hätte. Außerdem war der Kerl nett. Nur sein Bruder nicht, der mit ihm im Wagen saß. Offenbar arbeitet er auch für das Unternehmen. Er hat mich ins Krankenhaus gefahren und …«

»Ich dachte, du wärst nicht beim Arzt gewesen?«, unterbricht sie mich verwirrt.

»War ich auch nicht. Ich bin nicht reingegangen. Lucas wollte, dass sein Bruder mein Bewerbungsgespräch während der Fahrt ins Krankenhaus führt, aber das hat er nicht. Ich glaube, ich bin noch nie einem arroganteren Menschen begegnet, Giulia. Der Typ war unfreundlich und überheblich. Er hat mich einen Bittsteller genannt.« Die Erinnerung daran lässt meinen Puls hochfahren. Weil die meisten Menschen in der Regel irgendwas von mir wollen. Meine Zeit, mein Geld, einen Job. Manchen Frauen geht es tatsächlich sogar bloß um meinen Körper. Als Bittsteller sollte man doch ein gewisses Maß an Respekt und Höflichkeit haben.

Wie kann man nur so von sich eingenommen sein? Allein wie er die Worte einen Job betont hat … Er wollte mich eindeutig wütend machen. Ich meine, er ist – auch wenn das nichts zur Sache tut – attraktiv, und er besitzt allem Anschein nach Geld. Aber das rechtfertigt doch nicht, sich wie ein komplettes Arschloch aufzuführen.

Giulia furcht die Stirn und sieht nicht aus, als würde sie begreifen, was ich erzähle. »Bedeutet das, du hast den Job?«

»Ich glaube nicht, dass ich es lang in dem Laden aushalten könnte. Wenn dieser Hunter McVeigh mit seinen Mitarbeitern umspringt, wie heute mit mir …« … würde ich wahrscheinlich meine guten Manieren ablegen und ihm sein hübsches Gesicht zerkratzen. »Er wollte mir einen neuen Termin in der Personalabteilung besorgen, aber ich habe abgelehnt. Wahrscheinlich ist das gut so.«

Die Mikrowelle piept. Giulia nimmt einen Topflappen aus der Schublade neben der Spüle und wendet mir den Rücken zu, bevor sie etwas entgegnet. »Falls das heißt, dass du es aufgibst, dich für irgendwelche Stellen zu bewerben, die überhaupt nicht zu dir passen, und endlich deinen Hintern nach Littlefield schwingst, sehe ich das auch so. Wenn du allerdings weiterhin vorhast, den Feigling zu spielen, solltest du besser einen neuen Termin ausmachen. Es kann nicht schaden, dass dir der Boss von diesem Laden etwas schuldet.«

»Wer? Lucas McVeigh? Ich weiß nicht, ob er der Boss ist, und er schuldet mir auch nichts.«

»Du bist seinetwegen verletzt.« Giulia verteilt die Lasagnereste auf zwei kleinere Teller. »Vielleicht hat er ein schlechtes Gewissen.«

»Ein schlechtes Gewissen würde nichts daran ändern, dass sich sein Bruder für Mr Universum hält und ich nicht für einen eingebildeten Mistkerl arbeiten will.«

»Ist er heiß?«, fragt sie, während sie zwei saubere Gabeln aus der Spülmaschine nimmt.

»Was ist denn das für eine bescheuerte Frage?«

»Na ja, ich will einfach wissen, ob er einen Grund hat, sich für Mr Universum zu halten. Seiner Familie gehört ein Ölkonzern. Es war doch der Ölkonzern, bei dem du dich heute vorstellen wolltest, oder? Also ist er wahrscheinlich stinkreich. Wenn er dann auch noch heiß ist …«

»Ja, ich denke, er sieht gut aus«, räume ich ein und könnte mir im nächsten Moment auf die Zunge beißen. »Aber das ist doch total unerheblich.«

Giulia drückt mir einen der beiden Teller in die Hand und grinst. »Es gibt Schlimmeres, als für einen reichen, gutaussehenden Mann zu arbeiten«, behauptet sie.

»Arschloch, Giulia. In erster Linie ist er ein Arschloch.«

»Weißt du, was ich glaube, Nat?« Sie blickt mich an und in ihren Augen liegt dieses Schimmern, das mir sagt, dass sie gerade versucht, mein Verhalten zu analysieren. Sie spielt öfter mal Hobbypsychologin. »Du suchst nur nach Ausreden. In Wahrheit willst du überhaupt keinen Job bei einem Ölkonzern oder Gott weiß, wo du dich noch beworben hast. Deshalb meldest du dich unterbewusst nur auf Stellenanzeigen, die sowieso nicht in Frage kämen. Was du willst, ist der Job beim Jugendamt in Littlefield. Deshalb: Ruf verflixt noch mal Jay an.« Sie nickt, um ihrer Aufforderung Nachdruck zu verleihen, und verschwindet dann mit ihrem Teller im Wohnzimmer.

Ich blicke auf meine Portion Lasagne und verspüre nicht den mindesten Hunger. Giulias Behauptung hat mir einen Stein in den Magen gelegt. Bewerbe ich mich bloß auf Stellen, bei denen ich weiß, dass die Bewerbung nicht sonderlich erfolgsversprechend ist? Das wäre … Ich weiß nicht, was es wäre. Traurig? Verrückt? Irgendwie nachvollziehbar? Ich hatte mich auf den Job beim Jugendamt gefreut. Ich liebe es, Menschen zu helfen, und ich liebe Kinder. Nach vier Jahren an der UNT in Denton muss ich außerdem zugeben, ein bisschen Heimweh zu haben. Ich bin in Broken Arrow, Oklahoma geboren, einem Vorort von Tulsa, und habe mit meiner Mom dort gelebt, bis wir nach Littlefield zogen. Wir waren immer ein Team, Mom und ich, aber Nicholas und Jay haben uns zu einer Familie gemacht. Ich wollte eine Familie, seit ich denken kann. Die McCoy-Ranch ist mein Zuhause. Nicholas hat den Dachboden ausgebaut und ein Dreizimmerapartment daraus gezaubert. Für mich. Damit ich meine eigenen vier Wände habe.

Gott, wie konntest du das alles in einer einzigen Nacht kaputtmachen, Nat?

Ich will die Zeit zurückdrehen. Ich will Jay mit aller Kraft in den Hintern treten und mir ein Loch suchen, in dem ich mich für eine Weile vergraben kann. Und ich will einen neuen Job, der mich von all dem Mist ablenkt und der es mir ermöglicht, einen Trip nach Europa zu bezahlen. Zu meinem leiblichen Dad.

»Nat? Kannst du die Tür aufmachen? Es hat geklingelt.« Giulias Stimme dringt aus dem Badezimmer und ich höre im Hintergrund die Dusche laufen. Ein monotones Rauschen, das meinen Dämmerzustand durchbricht und mich dazu bewegt, die Lider zu heben – und wieder zu schließen.

Ich blinzle ein paar Mal benommen, versuche, ihren Worten einen Sinn zu verleihen und meinen Verstand aufzuwecken, der genauso wenig wach werden will wie mein Körper. Mein Nacken ist steif und mir ist der rechte Arm eingeschlafen, weil ich wohl die Nacht über auf ihm gelegen habe.

Gott, ist es wirklich schon Morgen?

Aus meinem Mund dringt nur ein brummendes Geräusch, als ich Giulia antworte, dass ich zur Tür gehen werde. Meine Hüfte tut elendig weh, während ich mich wie ein Invalide betont langsam auf den Rücken drehe. Diese Couch ist absolut nicht dafür gemacht, als Bett herzuhalten, aber als nächtliches Krankenlager für Unfallopfer eignet sie sich definitiv noch viel weniger. Ich ziehe den tauben Arm unter meinem Körper vor und bewege die Finger, bis sie kribbeln, bevor ich mich vorsichtig aufsetze.

Normalerweise stehe ich vor Giulia auf und sorge für frischen Kaffee. Jeden Morgen. Ich habe augenblicklich ein schlechtes Gewissen, heute verschlafen zu haben. Ich schätze, es liegt am Ibuprofen, dass ich mich dermaßen gerädert fühle, ich vertrage das Zeug nicht so gut. Aber unangenehm bleibt mein Verschlafen dennoch. Wenn ich schon ihr Wohnzimmer in Beschlag nehme, sollte ich mich wenigstens revanchieren, indem ich mich hin und wieder ein bisschen nützlich mache und mich morgens um einen Wachmacher kümmere.

Ich schlage die Wolldecke zur Seite als es ein weiteres Mal klingelt.

»Nat, lebst du noch? Es schellt an der Tür.«

»Bin schon auf dem Weg«, rufe ich mit noch heiserer Stimme zurück und schwinge die Füße vom Sofa. Mit den Fingern bringe ich mein Haar grob in Ordnung, reibe mir übers Gesicht und komme auf die Beine.

Ich wüsste nicht, wer so früh bei uns auftauchen sollte. Giulia hat schon vor dem College ein Jahr in Houston gelebt. Ihre Eltern wohnen in Northline, einem hispanischen Viertel, und sie hat ein paar Freunde in der Stadt. Aber eigentlich wissen alle, dass sie um neun in der Praxis sein muss. Ich hingegen kenne hier niemanden und habe auch keinem erzählt, wo man mich finden kann.

Im Vorbeigehen nehme ich meinen hellblauen Morgenmantel von der Sessellehne, streife ihn über mein Schlafshirt und gehe durch den schmalen Korridor zur Wohnungstür. Es gibt keine Gegensprechanlage, weshalb ich erschrocken zusammenzucke, als ich sie öffne und ein großer grauhaariger Mann vor mir steht.

»Guten Morgen. Ich habe eine Lieferung für Natalie Lewis.«

»Für mich?«, frage ich irritiert. Zum einen sieht der Kerl nicht aus, als käme er von einem Paket- oder Kurierdienst. Er trägt einen hellgrauen Anzug, eine Krawatte und er erscheint mir auch etwas zu alt für diesen Job. Zum anderen habe ich auch nirgendwo etwas bestellt.

»Wenn Sie Natalie Lewis sind, lautet die Antwort ja«, entgegnet er und lächelt mich aufrichtig an. Er tritt einen Schritt zur Seite und zeigt mit einem braunen Briefumschlag in der Hand den langen Flur entlang.

Mein Blick folgt seiner Bewegung und … ich lasse das Bild auf mich wirken. Schlagartig fühle ich mich um einiges wacher. Es ist ein Fahrrad und ich muss nicht lang grübeln, damit mir klar wird, was es damit auf sich hat.