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PANAMERICANA – Traumstraße oder Albtraum? birgt Momentaufnahmen unserer Reise entlang und abseits der vielgerühmten Route von Süd nach Nord. Spontan, unvoreingenommen und ohne größere Vorbereitungen geht es für uns durch 17 Länder auf dem amerikanischen Kontinent. Wir werden hingerissen sein von den gewaltigen Anden, von zauberhaften Landschaften, den bunten Märkten Süd- und Mittelamerikas und von der Hilfsbereitschaft und Herzlichkeit der Menschen. Wir werden über die Weiten der USA und Kanadas staunen, abgelegene Gegenden erkunden und einfach unsere große Freiheit genießen. Und doch wird unsere Reise auch begleitet sein von so vielen negativen Eindrücken wie Armut, Kriminalität, dem Müllproblem, der gnadenlosen Ausbeutung und Zerstörung der Natur; letzteres oft auch “zugunsten“ der überbordenden Touristenmassen an den Hotspots dieses Kontinents. Je länger wir unterwegs sind, desto öfter werden wir uns fragen, was überwiegt: die Euphorie oder der Negativeindruck? Oder hält sich vielleicht beides die Waage?
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Seitenzahl: 997
Veröffentlichungsjahr: 2021
PANAMERICANA
Traumstraße oder Albtraum?
Die Autoren:
Katrin Schacht wurde 1968 in Rostock geboren. Nach dem Abitur absolvierte sie eine Ausbildung zum Tierwirt, ging dann nach Berlin, wo sie mit der deutsch-deutschen Grenzöffnung im Jahre 1989 ihr Agraringenieur-Studium abbrach und ins Rhein-Main-Gebiet zog. Nach der Ausbildung zur Biologisch-technischen Assistentin im rheinland-pfälzischen Landau arbeitete sie rund 23 Jahre im Hessischen Landeskriminalamt, bis sie sich 2015 kurzerhand entschloss, alles Gewohnte aufzugeben, um der unendlichen Reisefreiheit zu folgen. Heute lebt sie gemeinsam mit Uwe Scharf im Allgäu, in Mecklenburg-Vorpommern und in Südafrika…wenn sie nicht gerade unterwegs sind.
Uwe Scharf, geboren in Augsburg, aufgewachsen in Seligenstadt, zog 1997 ins Allgäu. Ab 1999 war er regelmäßig in Afrika unterwegs. 2001 wurde das Abenteuer „Transafrika“ Realität und er fuhr mit seinem Landrover von Deutschland an das Kap der Guten Hoffnung.
Es folgten weitere interessante und spannende Reisen in Afrika. Damit einhergehend Buchveröffentlichungen wie: "Transafrika: In 100 Tagen mit dem Allrad zum Kap der Guten Hoffnung", "Südliches Afrika: Abseits ausgetretener Pfade", "TransNamib: Dimensionen einer Wüste" und "Kalahari: Alle Parks der Kalahari."
Nach über 15 Jahren Afrika benötigte Uwe Scharf eine Auszeit von diesem Kontinent; und so folgte 2015 der langgehegte Traum: „Panamericana“. Ein neuer Kontinent, neue Abenteuer, neues gemeinsames Glück, eine neue junge Liebe…
Katrin Schacht & Uwe Scharf
PANAMERICANA
Traumstraße oder Albtraum?
Impressum
sandneurosen
Christa & Scharf sandneurosen.com GbR
Birkenweg 4, D 87642 Halblech
Tel. +49 (0) 8368 9290, FAX +49 (0) 8368 9292
e-mail: [email protected]
www.sandneurosen.com
© Katrin Schacht© Uwe ScharfErste Auflage Nov. 2021Ausstattung: 7,58 MB, entspricht 800 Seiten (printversion), 305 Farbfotos, 18 Landkarten mit Routenverläufen© Copyright: Alle Rechte, auch auszugsweise, insbesondere die der Übersetzung, des Nachdrucks, die Entnahme von Bildern, der Funkbearbeitung sowie Verfilmung, im In- und Ausland, nur mit schriftlicher Genehmigung des Verlages.Text: Katrin Schacht, Uwe ScharfBuchcover: Murales Cartagena
Fotos: Katrin Schacht, Uwe ScharfKarten: Uwe ScharfUmschlaggestaltung, Satz und Layout: Katrin Schacht, Uwe Scharf ISBN-e-book: 978-3-939792-13-0
Inhaltsverzeichnis
Die Autoren
Impressum
Vorgeplänkel
Erste Grenzerfahrungen
Deutschtum und ein bisschen Pantanal
Mennoniten, erste hohe Berge, Salar de Uyuni, Lagunen
Atacama-Wüste, gewaltige Kupferminen, grandiose Küstenregion
Mapuche, Urwaldriesen, mächtige Vulkane, Insel Chiloé
Altiplano, Fitz Roy, Perito-Moreno-Gletscher und Wetterkapriolen
Nordwärts, versteinerte Wälder, Förderpumpen, Pinguine, Seelöwen und Seevögel
Ruta 40, Vulkane, Araukarien, Mapuche, Regen, Schlamm, Rallye Dakar
Traumhafte Anden, illegaler Bergbau, waghalsige Pisten, Umweltverschmutzung, Wein
Lästige Grenzkontrollen, Chiles vermüllte Strände, Geoglyphen und die Gier nach Salpeter
Grenzblockade, bolivianisches Hochland mit einem Hauch von Gefahr, Titicaca-See
Korrupte Beamte, Cusco und andere Inka-Stätten, Straßenblockade, peruanische Bergwelt
Perus Küste, Lima, ein Überfall, die Cordillera Blanca, der Cañón del Pato
Piura, der Künstler Gonzalo Mata und letzte Kilometer durch Perus Norden
Herzliche Ecuadorianer, Nationalpark Podocarpus, Cuenca, bunte Märkte
Ecuadors aktive Vulkane, Quito, Mindo, Tulcán
Militär, Trampolin de la Muerte, Popayán, Guambianos, Parque Arqueológico Tierradentro
Kaffee, Erdbeben, Nevado del Ruiz, Salzkathedrale Zipaquirá, Villa de Leyva
Tropisches Klima, Cartagena, Arm und Reich entlang der Karibikküste
Zentralamerika, Panamakanal, Bananen, teures Costa Rica, tropische Flora und Fauna
Nicaragua, korrupte Polizisten, brodelnder Vulkan „Masaya“, León
Kurze Reise durch Honduras
Wunderschönes Antigua, Atitlán-See, prächtige Maya-Stätte Tikal
Karibik, Völkermix, Mennoniten, Maya-Stätten, Armut, Mangroven, Moskitos
Yucatán, Biosphärenreservat Sian Ka’an, Tulúm, Cancún
Flamingos, einsame Strände, Mérida, Sisal-Haciendas, hübsches Campeche
Mexikanisches Alltagsleben, Tlacotalpan, Bergdörfer, Vulkane, Teotihuacán
San Miguel de Allende, Guanajuato, Tequila, unsere mexikanische Familie
Überfahrt auf die Baja California, La Paz, Los Barriles, San José del Cabo
Todos Santos, Militär, Golf von Kalifornien, Laguna San Ignacio
Kakteen, San Felipe, Straßenrennen, Nationalpark Sierra de San Pedro Mártir
Ensenada, Weingüter im Valle de Guadelupe, Tecate, ¡Adios México!
San Diego, Anza-Borrego Desert State Park, Joshua Tree Nationalpark
Hitze, Lake Havasu, Route 66, Rattennest, Nationalparks im Südwesten der USA
Las Vegas, Death Valley, imposante Mammutbäume
San Francisco, teures Napa Valley, Redwood-Wälder, Wapitis, raue Küste
Große Landy-Probleme, Crater Lake National Park, Portland
Regenreicher, grüner Bundessstaat Washington, Olympic National Park, Cascade Loop
Kanada ruft, Vancouver Island, bei Freunden in Vancouver
Goldgräberorte, Bären, Hyder und Stewart, Salmon-Gletscher
Biber, Baumstachler, Whitehorse, Klondike Highway
Dempster Highway, Inuvik, und jetzt – wie weiter? Dawson City, Alaska, und wieder Goldgräber
Alaska, 1867 von Russland erworben und 5-mal so groß wie Deutschland
Kleine Luchsfamilie und Bären, Bären, Bären
Getriebewechsel in Whitehorse, nicht enden wollender Alaska Highway, Bisonherden
Jasper-, Banff-, Waterton Lake/Glacier Nationalpark
Montana, Trockenheit, Yellowstone Nationalpark
Bear’s Tooth-Pass, Theodore Roosevelt Nationalpark, Fracking
Manitoba, Lake Winnipeg, Herbst, Bären, Zugvögel
Lake Superior, Lake Huron, die Georgian Bay und wieder Mennoniten
Niagara-Fälle, Toronto, New York und wunderbare Tage mit Uwes Familie
Rückkehr in die USA, Québec, St. Lawrence River
Trans-Québec-Labrador Highway, Einsamkeit, Insektenschwärme
Neufundland, Leuchttürme, Papageientaucher, Wale
St. John’s, Cape Race, Cape St. Mary’s und unzählige Basstölpel
Nova Scotia, Prince Edward Island, New Brunswick, Baumstachler,
Ende einer langen Reise durch den gesamten amerikanischen Kontinent
Vorgeplänkel
März 2015,
Tage wie sonst auch im Hessischen Landeskriminalamt. Ich träume mich durch meine Reisepläne; mit dem Kajak durch Kanadas Inselwelt im Westen, oder doch lieber vier Wochen mit dem Rad durch Finnland? Es ist schwierig, einen passenden Reisepartner zu finden. So probiere ich es einfach per Internet. Es gibt viele Plattformen für Reisende. Ich wähle…und finde: MEINEN SECHSER MIT ZUSATZZAHL.
Uwe ist ebenfalls auf der Suche nach einem passenden Pendant für seine gut einjährige „Panamericana“-Tour. Aber wer nimmt sich dafür schon eine sooo lange Auszeit vom Alltäglichen und vom Job? ICH.
Innerhalb kürzester Zeit beginne ich mit völlig anderen Überlegungen, wie Kündigung des Jobs, unnötiger Versicherungen und des Mietvertrages. Was kann ich in Bares umsetzen, um die Reise zu finanzieren? Die Gedanken kreisen. Wie verrückt ist das alles? Ich kenne diesen Mann gar nicht und bin bereits in den Anfängen, mein Leben einfach neu zu sortieren und neu auszurichten? Noch ist Uwe in Südafrika, geht seiner Leidenschaft, dem Kitesurfen nach. Ich hocke zwischen Akten von Kapitaldelikten und kann mich kaum richtig konzentrieren.
Übermut, dann wieder Zweifel. Gehe ich ein zu großes Risiko ein, oder ist es berechenbar? Was, wenn zwischen uns die Chemie nicht stimmt? Was verliere ich, oder kann ich doch nur gewinnen? Vorerst weiß in Deutschland nur eine Person von meinem Vorhaben. Joanna, Freundin und Arbeitskollegin; sie erlebt und erträgt jede Stimmung, jeden Zweifel, jedes Telefonat. Sie weiß bereits vor mir, dass ich den ganz großen Schritt wagen werde. Und das hilft. Die Gedanken bekommen langsam Struktur, erste Listen entstehen. Uwe macht mir via Skype immer wieder Mut und nimmt mir mögliche Sorgen. Familie und Freunde werden nach und nach von meiner Entscheidung „informiert“, und ich bin über den positiven Zuspruch von allen Seiten erstaunt. Was will ich mehr? Was habe ich für ein Glück, so wertvolle Menschen in meinem Umfeld zu besitzen, auf die ich mich auch im „Notfall“ verlassen kann und die mir hilfreich zur Seite stehen.
Anfang Mai sehe ich Uwe das erste Mal. Der Hammer; bekomme ich zu diesem möglich erscheinenden Reiseerlebnis auch noch einen neuen Mann fürs Leben? Ich mag es gar nicht glauben. Wir verstehen uns auf Anhieb und planen wie selbstverständlich das weitere Vorgehen.
Start für die große Reise soll September sein. Uwe wird wieder nach Kapstadt fliegen und den Land Rover (Landy) via Container auf große Fahrt nach Montevideo schicken. 4 bis 5 Wochen sind für die „Überfahrt“ geplant. Und ich habe in der Zwischenzeit noch alle Hände voll zu tun. Die Kündigung des Jobs verläuft vorerst ohne besondere Vorkommnisse, erweist sich aber bald als Bremsklotz. Nach 23 Jahren im Amt scheint es ein großes Problem zu sein, Sabbatzeit für ein Jahr zu beantragen, selbst mein Aufhebungsvertrag benötigt Monate der Abwicklung. Die Kündigungen von Versicherungen, Post, Mietvertrag und Co. verlaufen erstaunlich reibungslos, selbst mit der Krankenkasse und der Rentenversicherung gibt es keine Probleme. Mein Mobiliar zieht nach Bayern, das Auto wechselt den Besitzer. Noch zwei Wochen im LKA, dann werde ich meinen, mir noch zustehenden Resturlaub antreten. Die Wohnung ist leer, mein Nachtlager ist die Isomatte nebst Schlafsack. Ein kleiner Vorgeschmack auf das spartanische Leben im Landy. Dort werden wir uns auf das Nötigste reduzieren müssen, im Dachzelt oder bei Schlechtwetter im Auto schlafen und draußen kochen und essen. Und das für gut ein Jahr oder länger(?) Zwei „Unbekannte“ auf gemeinsamer Tour, auf engstem Raum, mit nur grobem Reiseverlauf, auf der Suche nach einmaligen Erlebnissen, und vielleicht auch auf der „Suche“ nach dem ganz großen, gemeinsamen Glück? Alles ist möglich.
Die Tage ziehen sich, aber dann ist es soweit. Abschied von Freunden und Verwandten. Mit dem letzten Arbeitstag verabschiede ich mich in eine neue Zeit und fliege noch am gleichen Abend Richtung Kapstadt.
14 Tage Kapstadt: Zeit; Sightseeing; Strand; neue, junge Liebe; freie Gedanken. Fallenlassen, Gefühle sortieren, letzte Vorbereitungen für die lange, große Reise.
1. September 2015,
mein Tagebuch beginnt mit den ersten Zeilen: „VOGELFREI – keine Verpflichtungen… letzter, morgendlicher Strandlauf bei Sonnenschein und leichter Brise…“
Um 18 Uhr Ortszeit hebt der Flieger von Kapstadt ab und wir starten in unser erstes gemeinsames Abenteuer.
Ohne Planerei laufen wir durch die Gassen, queren breite Magistralen, wie es sie in allen Großstädten gibt. Es geht vorbei am Wasserpalast (Palacio de Aguas Corrientes 1887 bis 1894), der mit seinen bunten, glasierten Keramiken im Sonnenlicht strahlt. Früher diente er der Trinkwasserlagerung, heute ist er Sitz der Wasserverwaltung.
Auf den ersten Blick zeigt sich Buenos Aires mit leicht marodem Charme, in den Straßenschluchten immer wieder kleine Highlights, Cafés, Parkanlagen, alte neben modernen Gebäuden. Unübersehbar sind natürlich die „Cartoneros“ (Müllsammler), die sich mit ihren oft hochbeladenen Sammelkarren unter die doch relativ entspannten Hauptstädter und Gäste der Stadt mischen.
Auch den zweiten Tag nutzen wir für ein bisschen Sightseeing. Die Hafenregion Puerto Madero ist sehenswert, aber nicht besonders spektakulär. Ein ganz neues Stadtviertel ist hier nach aufwendiger Sanierung entstanden. Teure Wohn- und Geschäftsgebäude, Kneipen und Bars reihen sich aneinander. Von hier hat man einen wunderbaren Blick auf die Stadt.
Nicht weit entfernt liegt die Plaza de Mayo, einer der wohl bekanntesten Plätze mit seinem rosafarbenen Präsidentenpalast. Hier soll einst Evita Perón vom Balkon aus zu ihren Anhängern gesprochen haben.
Die Zeit vergeht, schon morgen verlassen wir Argentinien, um „bald“ wieder zurückzukehren. Dann werden wir das Land genauer unter die Lupe nehmen.
Vorerst zieht es uns nach Uruguay, denn in Montevideo (Uruguays Hauptstadt) soll das Schiff mit dem Landy ankommen und wir wollen rechtzeitig vor Ort sein.
Der Grenzübertritt geht schnell und unkompliziert. Noch auf argentinischer Seite erfolgen, auch für Uruguay, die Pass- und Zollformalitäten. Und schon geht es mit dem Colonia-Express (Fähre) in 1½ Stunden über den Rio de la Plata. Wir landen in dem historischen Örtchen Colonia del Sacramento und schleppen unser schweres Gepäck „bergauf“ zu unserer nächsten Airbnb-Unterkunft. Rosina, die Eigentümerin, ist noch relativ jung. Sie empfängt uns in einem riesigen, alten Haus. Noch ist alles ziemlich marode, mit der Vermietung einzelner Zimmer versucht sie sich ein Standbein zu schaffen. Dafür ist Airbnb sicher eine gute Adresse. Man kann ihr nur wünschen, dass ihr Traum in Erfüllung geht, denn momentan sieht die Belegung eher dürftig aus. Das Haus steht am Rande des alten Stadtkerns. Dieser wurde 1995 zum UNESCO-Weltkulturerbe berufen. Aber warum? Wir können nichts Herausragendes finden, was diesem Ruf gerecht werden würde. Hier und da ein paar sanierte, historisch erscheinende Häuser, Kopfsteinpflaster, ein bisschen portugiesische und spanische Geschichte. Das Ganze wird mit teuren Restaurants, Bars und Touristennepp vervollständigt. Schade, die Gassen außerhalb des historischen Kerns, mit ihren einst bunten, jetzt abblätternden Hausfassaden, hätten sicher auch etwas mehr Aufmerksamkeit verdient. So schlummern sie weiter dahin, der einstige Charme lässt sich kaum noch erkennen.
Uruguay steht für MATE. Der berühmte Becher (Kalebasse, einst als Mate bezeichnet) mit dem Trinkhalm aus Metall, der am Ende ein Sieb hat, ist hier ebenfalls wie in Argentinien und Paraguay weit verbreitet. Mate wird aber auch der Tee genannt, der beständig mit dem heißen Wasser aus der stets mitgeführten Thermoskanne übergossen wird. Man sollte es ruhig mit einer der unterschiedlichen Teesorten ausprobieren, eigentlich findet jeder seinen Geschmack…und Tradition ist es auch.
Rosina erzählt, dass es erstaunlicherweise viele Menschen neben dem Mate-Trinken zum Whisky zieht. Warum? Sie weiß es selbst nicht so genau. Aber der kleine Tax Free-Fähren-Grenzverkehr scheint gut geeignet, um sich mit reichlichen Vorräten zu versorgen.
Ebenso unkompliziert scheint der Erwerb und Genuss von Marihuana. Für den Eigenbedarf ist der Kauf legal. Außerdem sind viele Konsumenten registriert und beziehen ihren Stoff über die Apotheke.
Nach dem ersten Tag ziehen wir ein kleines Fazit: hier ist Uruguay ziemlich ruhig und relaxt. Fast zu ruhig?
Wir beginnen den nächsten Morgen mit einer schweißtreibenden Yoga-Einlage. Vielleicht, ganz ungewollt, eine gute Vorbereitung für unsere folgende Radtour? Rosina möchte uns ihre zwei vorhandenen Fahrräder leihen. Jeder hat ja so seine Ansprüche an komfortables Radeln, der erste Blick auf die Räder…huch, was sind denn das für Fortbewegungsmittel? Große Auswahl bleibt nun nicht, Uwe wählt das, von mir kurzerhand benannte, „Holz“-Rad, ohne Gangschaltung und mit weit zurückversetztem, stoffgepolstertem Sattel. Dazu gibt es ein montiertes Einkaufskörbchen. Es sieht schon fast kultig aus, wenn er so kraftvoll in die Pedale tritt. Für mich bleibt das Zwergen-Rad, das obendrein noch viel zu kurz geraten ist. Die Knie an der Lenkstange, der Rücken gebogen, so ziehen wir los in Richtung Westen, um das Umland zu erkunden. Kleine, sandige Buchten, Familien, Pärchen, überall entspannte Atmosphäre. Mate-Tee, Picknick- und Grillequipment, die Uruguayer wissen die freie Zeit zu genießen. Es geht vorbei an einem Golfplatz, der nur Mitgliedern Zutritt gewährt; ein paar historische Gebäude tauchen auf, daneben die „Plaza de Toros“ (einstige Stierkampfarena), die heute eingezäunt und zusehends dem Verfall preisgegeben ist. Und dann begegnet uns eine der großen Plagen, die sich durch ganz Lateinamerika ziehen wird…streunende Hunde in Massen. Ein kurzer Moment des Stehenbleibens und schon rücken die struppigen, mageren Tiere näher. In kleinen Gruppen ziehen sie durch die Gegend, immer auf der Suche nach Fressbarem. Die Schwächsten bleiben zurück, erstaunlicherweise warten die „Stärkeren“ nach einigen Metern wieder auf sie.
Unsere Radeltour geht weiter durch einfache Wohngegenden, und dann plötzlich Agrarflächen. Staubige Pisten bergauf, bergab. Kühe, Pferde, Weinanbau. Uruguay ist großer Milchproduzent und exportiert auch in die angrenzenden Staaten.
Da wir nicht zuviel Unruhe in das Wochenendtreiben der Uruguayer bringen wollen, lassen wir uns am Nachmittag an einem der sandigen Plätze am Rio de la Plata nieder und geben unseren Gedanken freien Raum. Morgen soll es bereits weiter nach Montevideo gehen. So langsam werden wir zappelig, noch schippert der Landy in seinem Container auf dem Meer, aber wir können den Start unserer eigentlichen Reise kaum erwarten. Momentan ist alles nur Vorgeplänkel und angenehmer Zeitvertreib.
Die Nächte sind kühl, unser Zimmer bei Rosina auch. Heizungen existieren in den meisten Gebäuden nicht, dementsprechend sitzt die Feuchtigkeit in den Wänden. Zum Glück gibt es eine heiße Dusche…für fünf Minuten.
Das Frühstück am nächsten Tag gibt uns bereits einen kleinen Einblick in Kommendes: Weißbrot, wenig Vollkorn, Süßes, gezuckerter Joghurt. Obst ist nicht immer an der Tagesordnung. Ähnlich sieht es bei den anderen Mahlzeiten aus, wenn man sie denn einnimmt, Pommes, Fetttriefendes, Käseüberbackenes. Natürlich vergleichen wir schon jetzt die Preise des Alltags und sind erstaunt, dass sich die Lebenshaltungskosten locker mit den europäischen vergleichen lassen.
Wir setzen, nach erneuter Schlepperei des Gepäcks, unseren Weg fort und fahren klimatisiert und komfortabel mit dem Bus gen Montivideo. Für die dreistündige Fahrt bezahlen wir umgerechnet 20 Euro (650 Uruguayische Pesos), und wir fühlen uns fast wie in Deutschland. Große, blühende Rapsfelder, links und rechts Kühe auf den Weiden, Pferde, fast plattes Land. Die Straßen sind erstaunlich leer, ab und an ein Auto, dann wieder eine Gruppe Radfahrer.
Erst im Einzugsgebiet von Montevideo wird es lebhafter. Armensiedlungen tauchen auf, dann erste Container, die auf den Hafen hinweisen. Am zentralen Busbahnhof erwarten uns Menschenmassen, die auf eine Weiterfahrt per Bus oder Taxi warten. Schon fast lustig sieht es aus, wie sich eine riesige Schlange am Taxistand bildet. Drängeln und Fluchen ist nicht „erlaubt“ und wird mit bösen Blicken geahndet. Trotzdem versuchen sich einige Reisende nach vorne zu schummeln, aber keine Chance. Also anstehen und warten. Man wird einem Taxi regelrecht zugeteilt, genauso abgeteilt ist dann auch der Fahrer zum Fahrgastraum. Lt. einer Notiz im Auto hat sich seitdem die Mordrate an Taxifahrern um gut 45 % verringert. Nur durch eine Luke ist miteinander reden überhaupt möglich. Oha, an diese Dinge werden wir uns langsam gewöhnen müssen.
Unser „PALACIO“-Hotel mitten im Zentrum erweist sich als super Griff. Ein Altstadthotel mit ganz viel Charme, eisernem, offenem Lift und ganz reizenden, liebevollen Betreibern. Olga ist ein Unikat und die gute Seele des Hauses, und irgendwie ein Teil des Interieurs. Um unsere Versorgung müssen wir uns selbst kümmern, im nächsten Supermarkt gibt es das Nötigste, doch Geschirr organisiert Olga im Handumdrehen für uns. Auch auf das tägliche heiße Kaffeewasser müssen wir nicht verzichten; ein leises Klopfen und schon steht die Kanne vor der Tür.
Montevideo – eine Stadt ohne Hektik. Überall wird restauriert und neu gebaut. Straßen und Gebäude sind im Wandel. Der alte Stadtteil ist im Umbruch begriffen, noch warnt man davor, nachts durch die Gassen zu streifen. Einige Straßenzüge werden von Armen bewohnt, den Häusern droht Verfall und Abriss. Aber wie lange noch? Wann werden die Menschen in andere Gebiete oder Wohnkomplexe umgesiedelt? Nahe am Hafen und an der Promenade „Rambla“ sieht man an manchen Ecken erste Veränderungen. Alte Kolonialhäuser erstrahlen hier bereits wieder zwischen ruinösen Gebäuden. Kleine, hübsche Plätze mit Restaurants, Cafés und Galerien laden zum Zeitvertreib ein. Angrenzend, in einem hässlichen Betonbau, die Arbeitsvermittlung. Stehend und auf dem Boden sitzend warten die Menschen auf einen Tages- oder Stundenjob. Längerfristige Beschäftigung ist sicherlich rar gesät.
Noch haben wir keine Ahnung, wann der Landy endlich ankommen wird. Und so statten wir dem Spediteur einen ersten Besuch ab, um uns nach dem eigentlichen Ablauf der Auto-Auslösung zu erkundigen. Momentan scheint alles im Plan zu sein, ein paar Papiere werden noch benötigt, vorerst kein Stress. Aber das soll sich bald ändern. Schon beim ersten Stadtrundgang und der Inspektion des Hafenterminals sind uns Streikposten aufgefallen. Und ihre Stimmen werden von Tag zu Tag lauter, auch Straßen werden blockiert. Zusätzlich sind wir etwas entsetzt über die möglichen Kosten der Fahrzeug-Auslösung. Stolze 2250 US$ soll der ganze Spaß kosten, wir fragen uns bereits jetzt…wofür? Viel heiße Luft, die Frau von der Spedition macht viel Wirbel um nichts, schickt Mail um Mail, weil wieder Papiere benötigt werden. Dann wieder Vertröstungen, der Container sei noch nicht da. Und der Streik könnte noch Schlimmeres verursachen. Würde das Schiff über die nötige Zeit im Hafen liegen und nicht entladen werden können, würden die Container weitertransportiert und vermutlich in einem anderen Hafen abgeladen werden. So viele kommen nicht in Frage, aber Buenos Aires in Argentinien und Santos in Brasilien ständen dann zur Wahl. Bloß das nicht, von anderen hören wir bereits, dass bei ihnen genau dieser Fall eingetreten ist. So bleibt nur hoffen und warten.
Wir vertreiben uns die kommenden Tage mit Museumsbesuchen, Flohmärkten, Yoga-Einlagen im winzigen Hotelzimmer, Speditionsbesuchen, einer Bustour durch die Außenbezirke. Der Stadtteil Carrasco liegt direkt am Strand und ist Wohnregion der besser Betuchten. Skurril: deutsch anmutendes Fachwerk neben altem, andalusischem Baustil. Und mittendrin, direkt am Wasser gelegen, das nagelneue Hotel Casino Carrasco. Ein Protzbau, der das Ortsbild völlig verzerrt.
Die Stadt ist gut zu Fuß zu erkunden, viele Museen liegen im Stadtkern und der Besuch ist oft kostenlos. Das Gaucho-Museum besticht nicht nur durch die Ausstellung, auch das Gebäude im Jugendstil ist wunderschön. Das Museum „Andes“, vom deutschstämmigen Jörg Thomsen erst 2014 eröffnet, zeigt Bilder und Ausstellungsstücke vom Absturz eines Flugzeugs im Jahr 1972. Mit ihm verunglückte damals ein uruguayisches Rugby-Team mitten in den schwer zugänglichen Anden. Den Überlebenskampf der Überlebenden kann man auch in dem Film „Überleben“ hautnah mitverfolgen.
Da uns immer noch Wartezeit bleibt, verschlägt es uns auf den sonntäglichen Flohmarkt „Feria“ außerhalb der Altstadt. Der Fußweg nimmt bereits reichlich Zeit in Anspruch, aber es lohnt, denn dieser Flohmarkt hat es in sich. Über mehrere Straßenzüge hinweg reihen sich Stände mit Trödel, Gebrauchtwaren, Klamotten, Essen, Plastikkram aneinander. Dazwischen Obst- und Gemüsestände, selbst ein Bücherflohmarkt findet zwischen den dicht an dicht stehenden Ständen Platz. Die Menschen schieben sich durch die Gassen, gedrängelt wird erstaunlicherweise nicht. Viele haben auch hier ihren „lebensnotwendigen“ Mate samt Thermoskanne dabei. Wir arbeiten uns durchs Gedränge, kaufen Obst und Käse. Uwe ist etwas still. Ob es an den Menschenmassen liegt? Oder schwächelt er nur ein wenig? Auf dem Universitätsgelände legen wir eine kleine Pause ein, eingehüllt von Marihuanageruch.
Unser Rückweg über die bekannte Stadtpromenade „Rambla“ erweist sich zunächst als ruhiger Ort, nur einige Freizeitsportler absolvieren ihr Wochenendsportprogramm. Doch dann, wie auf Knopfdruck, erwacht die Promenade samt Straße zum Leben. Plötzlich Autos, dicht an dicht, überall Picknickequipment, das mit samt den unzähligen Familienmitgliedern aus den Autos bugsiert wird. Vorher verwaist erscheinende Buden öffnen, es dampft und duftet. Was ist hier los? Direkt neben der Straße, auf umliegenden Wiesen lassen sich die Menschen nieder, drehen die Bässe ihrer Musikanlagen in den Autos auf und beginnen den sonntäglichen Nachmittag/Abend einzuläuten. Wir flüchten vor diesem Spektakel und erleben kurz darauf auf einem der Plätze, mitten im Stadtzentrum, eine völlig andere, musikalische Menschenansammlung. Tangotänzer, jung und alt, fein gekleidet oder einfach nur in Alltagsklamotten, schieben sich übers Pflaster. Ein wunderbarer Anblick, mit welcher Anmut selbst die Ältesten sich drehen, eng umschlungen, langsam und auf Zehenspitzen über den Platz schwebend. Wir können uns nicht sattsehen und bleiben bis zum Ende der für uns ungewöhnlichen Tanzvorstellung.
Weitere Tage vergehen, von der Spedition nichts Neues. Wir verbringen die Zeit in weiteren Museen, wandeln über einen der sehenswerten Friedhöfe, die wie kleine Naturparadiese anmuten. Der ehemalige Bahnhof verkommt, ebenso einstige Fischerboote und Frachtschiffe, die in einer der abgelegenen Buchten vor sich hin rosten. Müll sammelt sich am Uferrand. Ruinöse Hafengebäude stehen neben florierenden Agrar- und Fischhallen. Dahinter beschauliche, ruhige Wohngebiete. Vor dem Parlamentsgebäude wird es dann laut, Demonstranten mit großen Plakaten versperren jegliche Zufahrtsstraßen. Es wird gehupt, lautstark diskutiert, aber alles verläuft friedlich.
Und dann ist es endlich soweit, nach gut zehn Tagen Warterei kommt Bewegung in die Auto-Auslösung. Wir können aufs Hafengelände. Ob der Wagen nach so langer Schaukelei und Ruhezeit wohl sofort anspringt? Die Siegel und Schlösser des Containers werden geöffnet, Uwe schließt die Batterie an…und der Landy brummelt sofort fröhlich vor sich hin. Wie wunderbar. Leider muss er noch eine Nacht im Hafen ausharren, erst für den nächsten Tag ist der Zolltermin anberaumt. Wieder wird alles verrammelt und gesichert, denn es ist ein Leichtes, sich unbekümmert im Gelände zu bewegen.
Letzter Abend im Hotel. Wir sind trotz allem angespannt. Dazu die Flüchtlingsdramen, die sich weit entfernt in Europa abspielen.
Endlich, Freitag, 18. September, wir sind früh auf den Beinen. Unsere Vorfreude, schon am Vormittag den Hafen verlassen zu können, zerschlägt sich mit dem Anruf der Spedition. Erst um 14 Uhr hätte der Zoll Zeit. Waaas? Der Termin war eigentlich für 10 Uhr anberaumt. Unsere Tagesplanung wird über den Haufen geworfen. Eigentlich haben wir nach der Auto-Auslösung noch einiges zu erledigen; Tanken, Lebensmittel organisieren, Gasflaschen auffüllen lassen und dann wollen wir auf schnellstem Wege die Stadt verlassen und unseren ersten ruhigen Stehplatz finden. Wie soll das alles klappen? Und möglichst noch bei Tageslicht? Zumindest können wir schon zum Auto, sortieren und verstauen ein wenig, und warten. Gegen 15:15 Uhr kommt endlich ein Mitarbeiter der WAVE-Spedition, bei ihm ein fadenscheiniger Begleiter. Wir rollen zum Zoll, in einem Hinterstübchen werden die Papiere beschaut und gestempelt; gewichtig wird um den Wagen gelaufen, jetzt bloß kein böses Wort oder einen bösen Blick schweifen lassen. Aufgesetztes Lächeln und „scheinbare“ Zufriedenheit begleiten beiderseits die „Zeremonie“. Und dann verlassen wir endgültig das Hafenareal von Montevideo, steuern im abendlichen Berufsverkehr unseren notwendigen Erledigungen entgegen und holen unser Gepäck vom Hotel. So nervig hatten wir den ersten Tag mit dem Landy nicht geplant, aber was soll’s. Bereits gegen 18 Uhr wird es dunkel. Wir quälen uns durch den ätzenden Feierabend- und Wochenendverkehr. Erst langsam lichten sich die Straßen, schweigend rollen wir dahin. Nur wohin? Jetzt beginnt für uns auch das Abenteuer, jeden Abend eine geeignete Schlafmöglichkeit in unbekannten Ländern zu finden.
Ermüdende Kilometer, immer entlang der Küste. In Piriápolis bleiben wir abseits vom Ortskern, der schicken Promenade und des großen Casinos, am Wasser stehen. Keine Ahnung, ob dieser Platz eine gute Wahl ist. Noch schnell das Zeltdach aufgebaut und dann ab in die Koje. Der Rio de la Plata brandet lautstark ans Ufer. Meine Ohren schalten auf „Hab acht“. Auf der Straße immer wieder Lärm, bis auch dieser irgendwann verstummt. Nur noch der Rio rauscht und lässt uns langsam in tiefen Schlaf fallen.
Jetzt kann es endlich richtig losgehen, ungefähr 15 Monate on tour sind geplant, wir werden sehen, was daraus wird. Unsere Route existiert zwar grob im Kopf, aber es wird wohl eher eine Reise von Tag zu Tag werden, mit spontanen Weg- Entscheidungen.
Vorerst geht es weiter entlang der Küste, durch Punta del Este, mit riesigen Hotelburgen, Yachten, Restaurants und allem, was das Touristenherz begehrt. Dann wird es schlagartig ruhiger, die Häuser niedriger, die Dünenlandschaft breiter und wilder. Am Meer Angler; Surfer versuchen, jede gute Welle abzureiten. Große Estancias tauchen auf, Kiefernwälder, dann ein riesiges Öl-Tanklager von „ANCAP“ hinter den Dünen. Eine kleine kostenlose Fähre setzt uns Richtung La Paloma über, drum herum Natur pur. Wasservögel staksen durch seichte Lagunen, tolles Abendlicht mit aufziehenden Nebelschwaden. Ein wenig kitschig, oder doch eher paradiesisch? Solche Plätze wünschen wir uns als Übernachtungsplätze für die Reise. Wird uns das gelingen?
Entlang des Atlantiks traumhafte, einsame Strände. Unweit im Landesinneren zahlreiche Lagunen. Ein Vogel- und Tierparadies vom Feinsten. Wir sehen erste Wasserschweinfamilien. Kaum zu glauben, dass sie zur Familie der Meerschweinchen gehören. Dann Nutrias (Biberratten), Enten, Störche, Reiher und Ibisse, die sich wunderbar in der üppigen Sumpfvegetation verstecken können. Ganz abseits taucht unvermittelt ein kleines Hippie-Dorf auf. Mit Trommeln „bewaffnet“, schaukeln ein paar Gestalten über den einzigen, breiteren Weg. Hier können wir getrost über Nacht bleiben und am nächsten Morgen die ganze Schönheit des Sonnenaufgangs genießen. Küstenseeschwalben jagen über das seichte Wasser. Der Himmel wechselt seine Farben im Minutentakt. Leider sieht es so aus, dass die vorhergesagte Regenfront uns einholen wird. Und sie soll lange anhalten. Der Wind lebt auf, es wird kühl und dann beginnt es zu regnen. Wir sind nicht mehr weit von der Grenze nach Brasilien entfernt. Dort soll es bereits ausgiebig geregnet haben. Ob die Straßen noch passierbar sind? Es wird immer ungemütlicher, der Wind treibt die dunklen Wolken vor sich her, die Nacht scheint unruhig zu werden. Und sie wird es. Der Sturm zerrt permanent am Dachzelt, am Morgen sind die Matratze und die Decke nass. Durch jede erdenkliche Ritze hat sich die Feuchtigkeit ins Zelt gezwängt. An Trocknen ist nicht zu denken, denn es regnet weiter in Strömen.
Erste Grenzerfahrungen
Der erste Grenzübertritt mit dem Landy steht uns bevor. Wie wird er ablaufen? Unsere Spanischkenntnisse sind äußerst dürftig und in Brasilien erwartet uns zudem das Portugiesische. Dazu gibt es Lebensmittelkontrollen an vielen Grenzen Lateinamerikas. Wie wird es hier aussehen? Es klappt alles einfacher als gedacht; unser „Übungsstück“ meistern wir mit Bravour. Pass- und Zollformalitäten sind in Kürze erledigt und wir können samt unserer Vorräte nach Brasilien einreisen.
Natürlich müssen wir uns auch hier wieder mit dem nötigen, landestypischen Bargeld ausstatten. Oft ist es ein schwieriges Unterfangen, entweder ist keine Bank in der Nähe oder die Kreditkarten werden nicht akzeptiert. Aber nach mehreren Versuchen klappt es eigentlich überall. Zu den kleinen Alltäglichkeiten gehören, wie im geregelten Leben, die Suche nach günstigen Tankstellen, was in Lateinamerika nicht das ganz große Problem ist. Die Wasservorratsbehälter müssen beständig mit Trinkwasser aufgefüllt werden, unser 10 Liter-Duschsack benötigt ebenso eine regelmäßige Befüllung. Erste kleinere Reparaturen muss der Landy bereits über sich ergehen lassen, aber lieber hier im Flachland und bewohnten Gegenden, als in den irgendwann auf uns zukommenden Bergen, wo Hilfe nicht unbedingt vor Ort ist.
Die Brasilianer zeigen sich ganz und gar von ihrer offenen, herzlichen Seite. Überall werden Fotos mit und vom Landy gemacht, kurz darauf bereits gepostet und begeistert kommentiert. Später wird uns im Pantanal eine enthusiastische Landrover-Gruppe begegnen, die Brasilien, Chile, Argentinien und Uruguay bereisen will.
Für uns geht es weiter zwischen Atlantik und Lagunen, es regnet dauerhaft, alles trieft. Große Wasserareale entlang der Straße…und dann unzählige Wasserschweine. Selbst Hinweisschilder warnen, dass hier reger „Schweine“wechsel stattfindet. Wir sehen leider auch viele tote Tiere, aber ebenso Massen an Wasservögeln und den bunten Schwefeltyrann, der uns lange auf der Reise begleiten wird.
Die große Lagune dos Patos erstreckt sich von Rio Grande aus weit in den Norden. Überall Wassermassen, Felder, Häuser, neu angepflanzte Kiefernplantagen, alles steht tief unter Wasser. Und dazu Zäune, Zäune, Zäune, kaum eine Chance, links und rechts abzuzweigen. Wenn es dann doch einmal möglich ist, sind diese Pisten elendig verschlammt oder Wasserstraßen. Eine dieser Schlammpisten soll angeblich zum Nationalpark Lagoa do Peixe führen. Wir wagen es und erleben den ersten kleinen Härtetest für Mensch und Landy. Noch strömt das Wasser nur über die umliegenden Wiesen und den Weg, doch dann erwartet uns eine tiefschlammige Abfahrt. Der Landy neigt sich langsam nach rechts, der Schlamm saugt an den Reifen. Große Gesteinsbrocken am Rande der Piste lassen nur eine schmale Durchfahrt. Jetzt bloß nicht hängenbleiben und schon gar nicht umkippen. Hier ist weit und breit niemand, der uns aus der misslichen Lage befreien könnte. Stück für Stück schieben wir uns durch den Schlamm, der Wagen neigt sich immer mehr. Anspannung auf beiden Vordersitzen. Und dann sind wir endlich durch dieses Nadelöhr hindurch. Aber es geht gerade so weiter. Ich laufe bereits einige Meter voraus, um die kommenden Wassertiefen und Querströmungen zu testen. Uwe hält auf einer kleinen Anhöhe und bereitet den Landy für die Wasserquerungen vor. Und das alles kurz vor Sonnenuntergang. An das frühe Dunkelwerden in vielen Ländern werden wir uns auf der ganzen Reise nicht wirklich gewöhnen können.
Alles ist startklar, Uwe bringt den Landy sicher durchs Wasser, wir suchen den weiteren Weg bis zum Meer…und finden ihn nicht. Doch wie durch Geisterhand taucht plötzlich ein Quadfahrer auf. Hier in dieser einsam erscheinenden Gegend? Gehört er zum Nationalpark und ist auf Kontrollfahrt? Oder hat er uns bereits von weitem gesehen und schaut, was er für uns tun kann? Egal. Er ist zuvorkommend und freundlich, verneint das Campen im Park und in dem riesigen Dünenmeer. Aber mit einem Nachtlager am Strand, in der Nähe des Leuchtturms, damit hat er kein Problem. Nur wo ist der Weg? Wir irren in die neblige Dämmerung, in der Dünenlandschaft tauchen immer wieder nicht einschätzbare Untiefen auf. Es ist zum Verrücktwerden. Und siehe da, der Quadfahrer kehrt zurück, führt uns sicher durchs feuchte, tiefsandige Dünenmeer an den Strand und lässt uns dann allein. Was für ein Platz! Windgeschützt, hinter kleineren Dünen, parken wir den Landy. Das Meeresrauschen begleitet uns in den Schlaf, gefolgt vom Gewittergrollen und Regen.
Die Atlantikküste, hier ganz im Süden Brasiliens, ist ein Traum. Wild, rau und unbezwungen. Außer ein paar Fischern, die ihre Netze auslegen, und dem Quadfahrer sehen wir niemanden. Der Strand gehört uns. Wir bleiben. Angespülte Kugelfische, Schildkröteneier, überall Garnelenschwänze. Ab und an ein toter Seehund, tote Pinguine und Seevögel. Das Meer fordert seinen Tribut. Aber die Küste bordet auch über vor Seeschwalben, Rotschenkeln, Austernfischern und anderen Küstenbewohnern. So langsam schießen wir uns mit den Kameras ein, denn tierische und landschaftliche Objekte gibt es reichlich. Auch die Sonne lässt sich blicken, trocknet feuchtes Equipment und bringt Wärme. Unsere Weiterfahrt am Strand richtet sich ganz nach den Gezeiten, irgendwann ist das Wasser zu tief und uns bleibt nur eine schlammige Piste, die wieder auf die Hauptstraße führt. Auf den Wiesen des unendlichen, weit ins Landesinnere reichenden Dünenmeeres, sehen wir rosafarbene Löffler, Reiher und erste Nandus. Nur schwer können wir uns von diesem schönen Flecken trennen.
An der nächsten Tankstelle befreien wir den Landy mühsam von Schlamm, Sand und Salz. Die Reifen benötigen wieder Luft, die wir für die Sandpassagen entweichen lassen mussten.
Auch hier sind die Brasilianer wieder hilfsbereit, mit einem Kauderwelsch aus Spanisch, Portugiesisch und Englisch werden Sprachbarrieren spielerisch überwunden. Dazu viel Gelächter, das Miteinander kann so einfach sein. Kaum ist das frisch geputzte Auto auf der Straße, reiht sich Schlagloch an Schlagloch. Hier nachts heil durchzukommen, eine Unmöglichkeit.
Wieder zieht Regen auf, Sturm kommt hinzu, die Unwetterfront hat uns erneut eingeholt und wir versuchen, ihr wieder für einige Stunden zu entkommen. Früh setzt die Dunkelheit ein, wir finden einen Platz etwas abseits der Straße, Frösche geben im nahen Feuchtgebiet ein ohrenbetäubendes Konzert. Ganz in der Nähe ein Windrad-Park, die roten Lichter blinken im Takt. Und dann entflammt sich mitten in der Nacht, und zu unserem Erschrecken ganz in unserer Nähe, das Schilfgras. Wurde es bewusst vom Besitzer einer nahe gelegenen Hütte angezündet? Ist wie so oft illegale Landgewinnung das Ziel? Vom Wind angetrieben, ziehen die Flammen zum Glück in die entgegengesetzte Richtung.
Mein Geburtstag beginnt regnerisch, aber bald gibt der Wind der Sonne Platz. Die Küste Richtung Süden ist hier von hübschen Ortschaften mit ebenso schönen Stränden gesäumt. Mit Kaffee und Kuchen lassen wir uns an einem der schönen Strände nieder. In der Ferienzeit wird hier die Hölle los sein, momentan herrscht jedoch geruhsame Stille. Wieder gibt es Fotos mit dem Landy, die Brasilianer sind neugierig und stolz. So unaufgeregt die kleinen Orte, so gleichförmig das Wetter. Mal Sonne, mal Regen, ausreichend Wind gibt es kaum. Und Uwe wartet weiter sehnsüchtig auf den ersten Sturm, damit er den ersten Kite-Start wagen kann.
Zusehends wird es schwieriger, geeignete Übernachtungsplätze zu finden. Unter teils besorgten, teils belustigenden Blicken der Anwohner richten wir im Licht von Straßenlaternen oder auf abseits gelegenen Parkplätzen unser „Zuhause“ für die Nacht. Spätestens hier wird sich der Leser fragen, wie es aussieht mit den kleinen Dingen, wie Toilettengang, Dusche und Co. Irgendwo allein in der Natur stehend, alles kein Problem. Aber in bewohnten Gegenden? Da suche mal ein stilles Plätzchen, wenn der Druck zu groß wird. Ebenso die Duscherei. Man könnte natürlich einfach vor sich hin stinken, aber das geht gar nicht. Also wird aus allem Möglichen ein Duschvorhang gebastelt und dann gibt es warmes oder kaltes Wasser aus dem Duschsack, je nach Wetter. Auch die Kocherei kann eine langwierige Geschichte sein. Windstille oder ein geschütztes Plätzchen, da gelingt alles im Handumdrehen. Bei Sturm, der um die Ecken fegt, ist selbst das „Feuermachen“ (Gasflasche) eine Sache für sich. Oft bleibt nur das Autoinnere, um eine stabile Flamme zu bekommen. Zum Glück fallen bei solch einer Reise meist eingängige Menüs an, das vereinfacht das Ganze ein wenig. Und auch die großen und kleinen Probleme, die ein Auto so mit sich bringt, müssen irgendwie gemeistert werden.
Schon scheint sich wieder ein Teil am Auto gelöst zu haben, es dauert, bis wir überhaupt ansatzweise herausfinden, was es sein könnte. Irgendwie „auch schön“, auf irgendeinem, nichtssagendem Parkplatz dieser Welt stundenlang zu schrauben, Testfahrten zu machen und dann wieder zu schrauben. Zum Glück ist eine der Dachboxen mit vielen Ersatzteilen gefüllt…und wir werden sie sehr wohl noch reichlich zu nutzen wissen.
Das laut rasselnde, klappernde Geräusch bleibt, selbst der Aus- und Wiedereinbau der vorderen Kardanwelle bringt nichts. Wir entschließen uns weiterzufahren und hoffen auf Besserung. Die Ilha de Santa Catarina ruft als Surfer- und Naturparadies. Uwe ist voller Euphorie, endlich aufs Wasser zu können. Denkste, man sieht ab und zu ein paar Wellenreiter mit coolen, anspruchsvollen Moves, aber zum Kitesurfen reicht der Wind bei weitem nicht.
Wieder sprechen uns Brasilianer an, die von unserem Vorhaben begeistert sind und uns alles Gute wünschen. Gleichzeitig geben sie uns Tipps, welche Zufahrtsstraßen wir zum größten Binnenland-Feuchtgebiet, dem Pantanal, meiden sollten. Momentan gibt es im Dreiländereck Brasilien, Paraguay und Bolivien viele Polizeikontrollen. Überfälle und Schmiergeldforderungen sind an der Tagesordnung, auch eine Drogentransportroute scheint hier entlang zu führen. Es ist schwierig, diese Situation einzuschätzen. Mehr als Vorsicht und gesunder Menschenverstand bleiben uns nicht. Für Angst gibt es keinen Platz und ist sicher auch nicht angebracht.
Die Insel Santa Catarina präsentiert sich mit wunderbaren Kiefernwäldern und gewaltigen Dünenlandschaften, selbst der Landy verschwindet zwischen den hohen Dünenkämmen und bleibt so unsichtbar für neugierige Augen. Noch hält sich der Touristenrummel auch hier in Grenzen, wir sind froh darum, prangen doch an manchem Campingplatz Flaggen vieler Länder, auch die deutsche.
Es ist Oktober und bekanntlich existieren in Brasilien größere deutschgeprägte Regionen, mit Orten wie Blumenau und Pomerode. Hier gibt es natürlich auch das Oktoberfest, wo es mich nun gar nicht hin zieht. Uwe ist da schon eher geneigt, sich einem Frischgezapftem hinzugeben. Endlose Diskussionen. Noch sind ein paar Tage Zeit, vielleicht vergisst er ja das Bierchen in deutscher Atmosphäre? Erstmal geht es weiter entlang der Küste. Wir erwarten nichts Besonderes, aber was ist das? Die Stadt Balneário Camboriú (eigentlich ein Badeort), erweist sich als supermoderne Stadt mit imposanter Skyline, langem, gepflegtem Stadtstrand und Promenade. Die Hochhäuser ragen skurril in den Himmel, schicke Hotels reihen sich aneinander. In großen Regallagern ruhen gewaltige Yachten, andere liegen bereits im gut gesicherten Yachthafen und warten auf ihren Besitzer oder Mieter. Alles erscheint sehr edel, genauso wie die Autohäuser mit bekannten Sportwagen-Marken. Die Stadt strotzt vor Geld. Viele weltliche Probleme Lateinamerikas, wie auch das Müllproblem, scheinen hier kein Thema zu sein. Wir „flanieren“ mit unserem Gefährt entlang der Promenade. Sehen und gesehen werden, auch wir können das. Eine Shoppingtour in der City lassen wir mit einem Lächeln außen vor und rollen langsam zwischen den Glaspalästen gen Norden bis zur Ilha do São Francisco. Hier kommen wir zum ersten Mal so richtig in den Genuss der Tierfotografie. Und wir nehmen uns Zeit. Die Strandregionen sind hier ganz auf Naturerhalt ausgerichtet. Sicher kein so leichtes Unterfangen in den Ländern Lateinamerikas, wo ganz andere, elementare Probleme den Alltag bestimmen. Die Dünen dürfen nicht betreten werden, doch irgendwie widmet man hier den recht unscheinbaren kleinen Löchern im Sand sehr viel Aufmerksamkeit. Was versteckt sich denn da und ist so schützenswert? Erst bei genauerem Hinsehen nimmt man die Kaninchenkauze mit ihren großen Augen überhaupt wahr. Wir benötigen Ruhe und Ausdauer, doch dann werden wir belohnt. Nach und nach hüpfen die Elterntiere aus dem Bau, dicht und mit Vorsicht folgen die Jungvögel. Noch sind die Alttiere unruhig, dann flattern sie los zur Futtersuche. Wir genießen das zeitlose Schauspiel. Ständiges Kopfverdrehen, Einschlafen und Sonnen der Jungtiere. Dann das Aufgeregtsein, wenn die Eltern von der Futtersuche zurückkehren. Nichts stört diesen wunderbaren Moment. Ganz in der Nähe finden wir einen Platz am Strand. Wir genießen das Meeresrauschen, vorerst das letzte Mal, bevor es ins Landesinnere geht. Ein Gewitter zieht auf, wir verziehen uns ins Auto und freuen uns schon jetzt auf einen neuen Morgen mit den kleinen Kauzen. Früh sind wir wach, Fregattvögel kreisen über uns, Fischerboote kommen von ihrer nächtlichen Fahrt zurück. Und wir verbringen endlos erscheinende Zeit vor den Erdlöchern. Die Vögel sind äußerst fotogen und posieren förmlich vor uns. Ihr Gehüpfe, auf den dünnen, kurzen Beinen und mit dem gedrungenen Körper, wirkt etwas plump. Dafür sind sie Flugkünstler in Bodennähe und mit ihrem graubraunen, teils sandig-gelb erscheinendem Gefieder Meister der Tarnung. Erst spät nimmt man die Vögel am Boden wahr, wenn sie nicht gerade auf einem der angebotenen Ansitze Platz genommen haben.
Die Wasserfälle von Iguacú rufen. Ihre Schönheit wird überall gerühmt. Weltbekannt klingt natürlich auch nach touristisch überlaufen. Nur in welchem Ausmaß? Die Fahrt von der Küste ins Landesinnere zieht sich. Große Estancias, riesige Weideflächen und hügeliges Land tauchen auf. Wir übernachten auf einem Feldweg, fernab der stark befahrenen Lkw-Piste, zwischen Kühen, die kein weiteres Interesse an uns zeigen. Noch hören wir letztes Vogelpiepsen und Grillengesang. Dicke schwarze Käfer prallen an den hell erleuchteten Autoscheiben ab. Dann zieht die Nacht herein.
Trüb, grau, feucht, da bleibt selbst bei mir die Fröhlichkeit aus. Wieder geht es auf die dicht befahrene Asphaltstraße, bergauf, bergab. Die Lkws quälen sich, der Landy auch. Dann dichter Nebel, die Bergregionen sind hier mit dichter Urwaldvegetation überzogen. Ob es auch mal blühende Bäume oder Blumen zu sehen gibt? Ich bin langsam auf Entzug, was die Farbenpracht der Natur angeht. Stattdessen tauchen zwischen Überresten von Urwaldvegetation riesige Getreidefelder auf. Viele sind abgeerntet, auf anderen treibt bereits neue Saat. Es wird wärmer. Wir sehen erste Araukarien, die für die kreischenden, lärmenden Sittiche willkommene Schlafplätze zu sein scheinen. Mit den klimatischen Bedingungen ändert sich auch zusehends das Landschaftsbild. Bald werden uns Hitze und Schwüle zusetzen, vom Ungeziefer mal ganz abgesehen. Noch jetzt kämpfe ich mit den eitrigen Pusteln vom Strand, die als kleine, harmlos aussehende Stiche begonnen haben. Ob sie jemals verheilen?
Die Region um die Iguacú-Fälle erweist sich wirklich als äußerst touristisch. Wir nehmen einen Campingplatz als Ausgangsbasis, das nächtliche Hundegebell ertragen wir mit Nichtschlaf. Kaum verklingen die Hundestimmen, beginnt ein unerträgliches Hahnengeschrei. Es ist so kläglich und kommt von allen Seiten, es ist fürchterlich. Wenn es wenigstens wohlklingende Töne wären; doch es ist alles andere.
Der Tag kann nur besser werden. Wir schwingen uns auf die Fahrräder, die wir seit Beginn der Tour mit uns spazieren fahren. Keine Ahnung, wie weit es bis zu den Wasserfällen ist. Auf der Karte wirkt es ganz nah, also los. Um 9 Uhr soll der Nationalpark öffnen. Gute acht Kilometer geht es auf der Straße steil bergauf und bergab. Völlig durchgeschwitzt kommen wir am Ticketschalter an. Doch es ist nicht irgendein Ticketschalter. Wie ein großer Busbahnhof erscheint der Eintrittsbereich; Busse und Taxen fahren vor und spucken Unmengen an Menschen aus. Noch sind die Schalter geschlossen, lange Warteschlangen schlängeln sich bereits über den Vorplatz. Die meisten Besucher sind in frisch duftende Deo-Wolken gehüllt, wir dagegen schwitzen wie verrückt und warten einsam mit unseren Rädern. Erst jetzt keimt in uns die Frage auf, ob wir mit den Rädern überhaupt in den Park dürfen. Nirgendwo sind andere Radler zu sehen. Dabei bietet sich Fahrradfahren geradezu an, meinen wir. Dann endlich, die Menschenmassen sprudeln, allein oder in Gruppen, durch die Tore. Touristenangebote, Prospekte, Souvenirs, Toiletten, Cafés, alles wird sofort belagert. Wir schwingen uns auf die Räder, die anderen besteigen gemütlich die Busse, die sie zu den verschiedensten Aussichtsplätzen bringen werden. Es rollt sich gut an, es wird wärmer, langsam heiß. Die Sonne brennt. Leguane queren die Straße, eine überfahrene Schlange liegt am Straßenrand. Sechzehn Kilometer bergauf und ab, bei brütender Hitze, der Fahrtwind kühlt nicht. Schon aus der Ferne hört man das Wasserrauschen und die Menschenmassen. Kühlendes Nass gibt es nur aus der Wasserflasche, und dann begeben wir uns mit leichtem Grausen in das Gewühl des internationalen Menschenauflaufs. Viel Betonverbauung ermöglicht ein nahes Herankommen an die Wasserfälle. Auch von argentinischer Seite sind die Fälle zu bestaunen. Zum Greifen nah erscheint der dortige Steg, der den Kaskaden noch näher als auf der brasilianischen Seite ist. Unaufhaltsam donnert das Wasser über die Felsen, sprudelnd, Regenbögen zaubernd, Gischt und leichten Sprühnebel bildend. Sie sind schon mächtig diese Fälle. Aber das Getöse der Wassermassen wird überstimmt vom Lärmen der Besucher. Überschwänglich jauchzen die Menschen, machen Selfies in den unmöglichsten Posen, hüllen sich in Plastiktüten, um im Sprühnebel dem Wasser ganz nahe zu sein. Wie lächerlich und gleichzeitig belustigend diese Szenerie. Der Mensch im Rausch(en) der Natur. Magere, zerzauste Nasenbären betteln bei den Besuchern um Naschereien, werden böse, wenn nichts abfällt. Hinweistafeln zum Nichtfüttern werden selbstverständlich ignoriert, es ist doch alles sooo putzig. Unsere Kameras klicken selten, die Erhabenheit der Wasserfälle können wir nicht einfangen. Noch kurz überlegen wir, ob wir uns nicht einfach im obernoblen Hotel, direkt neben den Fällen, einmieten, um am nächsten Tag das Naturwunder ohne Menschenmassen genießen zu können. Wir verwerfen die Idee und strampeln, jetzt wieder allein, die anstrengenden Kilometer zurück zum Campingplatz.
Nach diesem Erlebnis fragen wir uns, inwieweit man weltbekannte Sehenswürdigkeiten, Naturwunder u.ä. besucht haben sollte; ob es einfach zum „Pflichtprogramm“ gehört oder ob man sie auslassen und nach anderen, vielleicht auch kleineren Wundern suchen sollte.
Deutschtum und ein bisschen Pantanal
Wir folgen kleinen Nebenstraßen, wähnen uns jetzt abseits jeglichen Deutschtums, das in Brasilien doch weit verbreitet scheint. Doch da tauchen wieder Ackerflächen auf, alles wirkt hier ziemlich deutschtypisch angeordnet und akkurat gepflegt. Ist das nur Einbildung? Die Menschen sind erstaunlich großwüchsig, schlank, blauäugig, blond. Der Ortsname Pato Bragadó lässt sich auf der Straßenkarte nicht finden und klingt alles andere als Deutsch. Dafür ist der Hinweis – „Oktoberfest“, 8.-10. Oktober – auf großen Tafeln unmissverständlich lesbar. Dazu Deutschlandfahnen entlang der Straßen, die Geschäfte sind bunt mit allerlei Nippes geschmückt. Oh nein, und ich hatte gehofft, dass mit der geschickten Umfahrung von Blumenau und Co. alles erledigt wäre. Na gut. Mal sehen, was geht. Hier im letzten Zipfel von Brasilien ist die Welt noch in Ordnung. An einer Tankstelle plaudern wir auf Deutsch, es erscheint etwas ältlich, aber gut verständlich. Familiengeschichten finden Zugang in unsere Ohren, Bildchen werden verschenkt, altmodische Schriftzüge bilden die Signatur von Visitenkarten. Hier folgt das Leben noch einem langsameren Rhythmus. Akkuratesse, ein bisschen Altbackenes, aber wunderbar herzlich. Noch schnell ein Foto für die private Sammlung und das Stadtarchiv, dann entlässt man uns wieder in die Welt. Wenn man Zeit verbummeln möchte, auf Reisen geht das schnell. Die Nacht kündigt sich schon an, wohin jetzt? Wir dürfen auf dem riesigen Sportareal des Ortes campieren. Herr Wollmann, der diensthabende Polizist begrüßt uns freundlich und organisiert unseren nächtlichen Rundumschutz. Natürlich verweist er gleich noch auf das morgen beginnende Oktoberfest und lädt uns höchstpersönlich dazu ein.
Wir bleiben nicht auf ein Bier im Ort hängen. Die Straße ruft, Brasiliens riesige Agrarflächen auch. Obwohl weitab von größeren Städten, zeigt das Land hier seine intensive Agrarproduktion. Maisfelder, soweit das Auge reicht, dann wieder Sojaanbau. Brasilien ist zweitgrößter Produzent von Soja, hinter den USA. Ein Großteil davon wird für die Tiermast verwendet. Gewaltige Zuckerrohrplantagen tauchen auf, endlos erscheinen die Flächen. Trucks reihen sich auf der Straße aneinander, sie transportieren Zuckerrohr, Hühner und Rinder. Vor den Schlachthöfen Warteschlangen. Der Konzern JBS ist weltgrößter Fleischlieferant; COBAN (Ethanolkonzern) ist Zuckerproduzent, er hat die Firma Südzucker als weltweit größten abgelöst. Schon seit längerem erwarten wir hier eher Urwald und Sumpf, Mückenschwärme und dampfige Luft. Letztere sind geblieben über jetzt urbaner Landschaft.
Es könnte stimmen, Brasilien hätte die Möglichkeit, die halbe Welt zu ernähren. Das Land hat Potential in fast jeder Beziehung. Landwirtschaftlich auf alle Fälle, im Tourismus ebenso. Mehr und mehr wird auf Ökotourismus ausgelegt. Der Straßenbau geht auch in abgelegenen Regionen stark voran. Und wann werden diese breiten Straßen das Pantanal, das große Feuchtgebiet erreichen? Eigentlich unter Naturschutz stehend und Welterbe der UNESCO, wird es bereits jetzt landwirtschaftlich genutzt und gerodet. Wie lässt sich das vereinbaren und wer lässt es zu? 95 % des brasilianischen Pantanals gehören Fazendeiros. Auf ihrem Areal geben sie geführte Touren. Im Dienste der Natur, oder doch eher für die eigene Tasche? Der kleine Ort Bonito ist wie eine Touristenhochburg im Nichts, viele Tourenanbieter, Kneipen, Outdoorausrüster, Nippesverkauf. Kleinere Flüsse werden zu Schnorchel- und Badeparadiesen, die üppige Natur gesellt sich drum herum. Wir fahren auf Abwegen, hoffen auf Tiere zwischen diesem satten Grün. Einige Nandus fliehen vor uns, Tukane fliegen auf, um sich auf den nächsten Bäumen wieder niederzulassen. Wir folgen ihnen, nehmen kaum den nächsten Regenschauer wahr. Dann ein Abzweig zu einer der großen Fazendas. Diese Piste nehmen wir, mal sehen, wohin sie uns führt. Überall Vögel, die Kameras werden vorbereitet. Die Augen müssen sich erstmal mit dieser Vielfalt zurechtfinden. Ich versuche gleichzeitig, die Arten zu bestimmen. Gar nicht so einfach. Gruppen von Sittichen und Aras kreischen in der Ferne und plötzlich sehe ich einen Schatten auf dem Weg…einen großen Schatten. Wow, ein Großer Ameisenbär! (Groß steht hier nicht für groß als solches, es ist ein Eigenname). Wie toll ist das denn. Den haben wir hier gar nicht erwartet. Lautstark weise ich Uwe darauf hin, doch er ist gerade noch am Vogelanvisieren. Unruhe und Enge im Auto, wie das Fahrzeug positionieren, um gut fotografieren zu können? Vielleicht doch besser aussteigen? Das Tier wartet nicht. Es wird ein Foto mit Hinterteil. Jetzt sind wir hellwach. Uwe klettert aufs Autodach, ich fahre den Landy vor und zurück. Am Ende werden wir doch noch mit schönen Aufnahmen belohnt. Irgendwie müssen wir uns geschickter sortieren, um für solche unerwarteten Momente gewappnet zu sein. Und vor allem sollten wir uns Zeit nehmen, um nicht einfach nur in Tierknipserei zu verfallen. Jeder neue Tag bietet eine neue Chance, auch wenn uns am folgenden vorerst nur Doppeldeckerfahrzeuge mit Touristen begegnen. Die Fahrer schauen uns grimmig an, geben uns zu verstehen, dass das hier Privatgelände sei und wir ohne Genehmigung gar nicht durchs Areal fahren dürften. Ein Tourguide plärrt obendrein durch einen Lautsprecher, um den Mitfahrenden die Natur zu erklären. Wir schalten auf stur und nichts verstehen, dann sind wir wieder mit dem Nieselregen allein. Ein unscheinbarer Seitenweg führt durch sumpfiges Gelände. Verwesungsgeruch steigt uns in die Nase. Wo dieser Geruch auftaucht, werden Futterverwerter nicht weit sein. Wir warten. Moskitos kreisen, Fliegen gesellen sich dazu. Selbst am Tag lassen einen die Plagegeister nicht in Ruhe. Ein kleiner Kaiman schaut aus dem Wasser. Wasserschweine stampfen durch die üppige Sumpfvegetation. Dann tauchen die ersten Rabengeier auf und lassen sich auf den umliegenden Büschen nieder. Habichte gesellen sich dazu und geben beste Fotomotive. Die Zeit vergeht, langsam rollen wir weiter und sehen Reiher aller Art, Blatthühnchen, Störche und auch den auffälligen Jabiru-Storch. Kaimane liegen links und rechts in den Be- und Entwässerungsgräben der angelegten Reisfelder. Ab und zu tauchen Fazenda-Mitarbeiter auf, die mühsam die feuchten Flächen zu bewirtschaften versuchen. Dann ein Dünge- oder Pestizidflugzeug. Wir können es nicht fassen. Hier im Naturschutzgebiet, mit dieser überbordenden Artenvielfalt? Und dafür sollen die Touristen auch noch bezahlen, am besten noch Unterkunft und Verpflegung auf der Fazenda buchen? Um was geht es hier eigentlich? Um die Tier- und Pflanzenwelt und deren Erhalt ganz bestimmt nicht. Es wird gerodet, sumpfige Flächen werden trockengelegt. Wann werden auch hier die letzten Vogelstimmen verstummen? Wir lassen uns auch von weiteren „Ermahnungen“ nicht beeindrucken, versuchen jeden „Raubbau“ im Bild festzuhalten, schauen einem Eisvogelpärchen bei der Balz zu und genießen den Anblick zweier weiterer Großer Ameisenbären.
Die dichte Vegetation rahmt uns wieder ein. Die Wolken hängen tief, die Luft dampft, wir auch. Das Klima strengt an, die Fahrerei durch unbekannte Gegenden mit unvorhersehbaren Hindernissen ebenso. Staubige oder schlammige Pisten abseits der normalen Straßen, schmale Holzstege, über die der Landy gerade so fahren kann. Längere Strecken zu fahren, eine Seltenheit. Die Augen sind wachsam in alle Himmelsrichtungen gerichtet, ja keine Besonderheit verpassen. Die Umwelt mit allen Sinnen wahrnehmen. Das ermüdet und lässt das tägliche, abendliche Tagebuchschreiben und Bilderbearbeiten zur Anstrengung werden. Aber auch das gehört nun dazu, sich an diese Dinge gewöhnen und einen täglichen Rhythmus dafür finden. Zack, schon werden wir wieder von anderen Eindrücken abgelenkt. Kaimane tauchen auf, Papageien aller Art, Löffler, Reiher, Störche. Eine Gruppe Sichler lärmt und fliegt kurz darauf davon. Pekaris kreuzen unseren Weg, Uwe erwischt mit der Kamera einen Riesenotter. Was für ein Exemplar! Eisvögel sitzen auf den kleinen Holzstegen und warten auf einen der kleinen Fische, die sich geschickt unter den Blättern der Wasserpflanzen verstecken. Dazu gesellen sich Mückenschwärme.
Staubiger Horizont. Was passiert dort? Die Neugier treibt uns voran. Lautes Muhen ist zu vernehmen. Gauchos treiben eine riesige Gruppe weißer Rinder zusammen. Stolz präsentieren sich die Männer im typischen Outfit. Es wird gezählt und sortiert. Immer enger drehen die Tiere ihre Runden im Gatter. Ganz in der Nähe schmutzige Tümpel mit unzähligen Augenpaaren. Kaimane, die sich dicht an dicht drängen. Unter einer Baumgruppe sehen wir das Equipment der Gauchos, Sättel, Decken, ein großer Topf hängt in der Mitte über einer Feuerstelle. Bilder, wie für einen Werbefilm, hier normaler Alltag für die Männer. Wir rüsten uns für eine tiefsandige Piste, ohne zu wissen, wohin genau sie führt. Und dann begegnet uns ein großer Herdentrieb. Um uns herum ein weißes Meer aus Kühen, Staub, johlenden Gauchos. Eine tolle Szenerie, die nach kurzer Zeit in der Ferne verschwindet. Es bleibt der Staub, der sich auf unserer verschwitzten Haut niedergelassen hat.
Hier ist es einsam, nur an einer kleinen Wegkreuzung findet sich eine kleine Pinte. Hinter großen Weideflächen geht langsam die Sonne unter, Nasenbären huschen in ihrem wuscheligen Pelz an uns vorbei. Schwarzzügelibisse picken mit ihren langen, krummen Schnäbeln im Gras und lassen sich von den Sumpfhirschen nicht stören. Ein genialer Platz für die Nacht. Das Musikfestival der Frösche beginnt, steigert sich in einen nicht enden wollenden Lärm. Glühwürmchen leuchten mit dem fantastischen Sternenhimmel um die Wette, und wir mittendrin. Wären da nicht die aufdringlichen, winzigen Mückchen, die sich mit Hingabe in Augen, Ohren, Nase und Mund zwängen. Es könnte so paradiesisch sein.
Das Paradies am Morgen: ein hinreißender Sonnenaufgang, Vogelkrawall und in der Ferne das Brüllen der Kühe. Eigentlich ist es schön hier, aber der Weiterreisedrang siegt. Außerdem könnten wir auch mal ein paar Kilometer machen, um voranzukommen. So peilen wir die Grenze nach Bolivien an. Den Norden von Brasilien lassen wir bewusst außen vor, um rechtzeitig den großen Salzsee „Salar de Uyuni“ in Bolivien bei Trockenheit zu erreichen. Der Grenzübertritt bei Corumba verläuft auf brasilianischer Seite reibungslos, auf bolivianischer wird es etwas zäh. Aber nun, jedes Land hat so seine Eigenheiten.
Mennoniten, erste hohe Berge, Salar de Uyuni, Lagunen
Buenas tardes Bolivien. Oh nein, schon kurz vor dem Dunkelwerden und irgendwo in einem kleinen Ort sollen wir noch Kontrollstempel bekommen. Suche und finde, die Polizei von Puerto Suarez ist hilfsbereit und genehmigt uns nach kurzer Stempelei und Ausfragerei, mitten im kleinen Stadtpark zu nächtigen. Unter hell leuchtenden Straßenlaternen und der regen Anteilnahme der Bewohner wird das Dachzelt gerichtet. Trotz völliger Verschwitztheit muss hier Katzenwäsche reichen. Und immer wieder Menschen aus dem Ort, die fröhlich und neugierig ums Auto mit dem seltsamen Dachzelt wandeln. Oh je, jetzt bloß keinen Blasendruck. Kaum kommt der Gedanke, drückt es auch schon. Wir fühlen uns sicher in dieser kleinen Parkanlage, „bewacht“ von Polizei und Militär, das angrenzend einen Stützpunkt hat. Der nächste Morgen startet unerwartet lautstark. Es ist gerade mal 5:30 Uhr, da ertönen schmetternde Fanfaren. Wir sind sofort wach, das Militär auch. Bevor dieser Ort erwacht, packen wir und fahren in einen weiteren schwitzigen Tag. Oha, Straßenkontrollen auf der kaum befahrenen Straße. Die Posten geben sich wichtig. Belustigend wirken die kleinen Holzhüttchen, in denen „gewichtige“ Stempel vergeben werden. Leere Straßen, aber auch kein Ort, um ein paar Vorräte einkaufen zu können. Ab und zu tauchen entlang der Straße Arbeiter mit Sichel und Machete auf. Der Randstreifen wird hier über unendliche Kilometer in Handarbeit vom struppigen Gras befreit. Was für eine Quälerei. Dann erreichen wir endlich den Ort José de Chiquitos, in dem wir die wichtigen Dinge, wie Tanken, Einkaufen, Duschen und Wäschewaschen erledigen können. Hoppla, war da nicht eben was Ungewohntes im Augenwinkel? Männer in Latzhosen und Hemd, die Frauen in violetten Kleidern, mit Kopftuch und weißen Strumpfhosen uniform gekleidet. Zweiter Blick und tatsächlich, hier scheinen Mennoniten zu leben. Hier in Bolivien? Davon haben wir noch nie gehört. Neugier beiderseits macht sich breit. Und dann erleben wir am nächsten Tag schon eines unserer kleinen, unerwarteten Highlights der Reise. Verkehrsschilder weisen auf Pferdegespanne hin, unsere Neugier steigt. Also runter vom Asphalt und die staubigen Pisten befahren. Und dann sind wir auch schon mitten in einer großen Mennoniten-Kommune. Überall gleichgroße Landparzellen. Pferde, Kutschen, Haustiere aller Art, kleine Silos; Kinder, die zurück zu den Häusern flitzen, nachdem sie uns erspäht haben. Oh je, wir kommen uns wirklich wie Fremde in einer anderen Welt vor. Milchkannen säumen den Weg, ein erwachsen erscheinender Mann kommt uns mit einem überdimensionierten Roller entgegen. Wo sind wir hier gelandet? Er stoppt, grüßt freundlich in einem alten Plattdeutsch. Wie verrückt ist das. Ich versuche gleich mit ihm ins Gespräch zu kommen. Halb Deutsch, halb Plattdeutsch, auf sonderbare Weise klappt die Verständigung. Ganz spontan bekommen wir von ihm eine Einladung zum Mittagessen ins nahe gelegene Haus. Juchu, was für eine Gelegenheit. Die zuvor scheuen Jungs kommen aus dem Haus, als der Vater uns dorthin begleitet. Die Töchter blinzeln um die Ecke, um gleich wieder im Inneren zu verschwinden. Wie der Vater sind die Buben mit Hemd und Latzhose bekleidet, die Töchter ebenso uniform in Kleidern und mit langen Zöpfen. Alle sind barfüßig, blond, mit unzähligen Sommersprossen. Acht Kinder, wie die Orgelpfeifen und so gleich aussehend. Die Mutter wartet bereits still und scheu im Haus. Neugierig betreten wir den großen Wohnraum; in einer Ecke bedecken Matratzen den Boden, in einer anderen steht ein großer Tisch mit vielen Stühlen. Ein paar, für uns unverständliche Worte vom Vater, dann kommt Unruhe auf. Die Mutter, sie heißt auch Katrin, flieht an den Herd. Mit strengen Worten und Blicken schickt sie die Mädchen zum Aufräumen und Tisch decken. Ich versuche, mit der schweigenden, unsicher erscheinenden Mutter Kontakt aufzunehmen. Es ist schwer, sie fügt sich in ihre Rolle und funktioniert nach den ungeschriebenen Gesetzen der Gemeindephilosophie. Ich bedränge sie nicht weiter und packe einfach nur mit an. Es gibt Reis, Bohnen, Fleischklopse und Zwiebeln, dazu stark gesüßten Pfefferminztee. Ständig neugierige Blicke, die Kinder flitzen um uns herum, feixen, lachen, werden ermahnt. Alles erscheint so kindlich, einfach, wie aus einer anderen Zeit. Und so ist es hier auch. Es gibt kein Radio oder Fernsehen, keinen Strom, der Kühlschrank wird mit Gas betrieben. Kerzen erhellen abends die Räume, früh geht es ins Bett.
Uns beschäftigen vor allem die alten Traditionen, nach denen hier streng gelebt wird. Natürlich messen wir viele Dinge an unserer Lebensweise. Fragen uns, ob es wirklich gut für die Kinder ist, wenn sie mit 12 (Mädchen) und 13 (Jungen) Jahren die Schule verlassen müssen. Wissen wird nur in sehr eingeschränktem Rahmen vermittelt. Alles dient dem Leben in althergebrachter Weise, Neues würde diese Strukturen sprengen und diese Art des (Zusammen)lebens aufheben. Nach der kurzen Schulzeit gibt es für die Kinder reichlich Arbeit um Haus und Hof. Die Rollen von Mann und Frau sind klar definiert, Freiraum fürs ganz Persönliche gibt es nicht. Ob jemals die Frage bezüglich des gleichen Aussehens der Kinder gestellt wurde? Wie sieht es mit genetischer Variabilität aus? Gehen sie diesbezüglich nicht einen fatalen Weg? Fragen, die sich uns sofort stellen. Eng begrenztes Wissen, isoliertes Gemeinschaftsleben, Einfachheit; noch scheinen sie wie auf kleinen, sicheren Inseln inmitten der Schnelllebigkeit auf diesem Planeten (über)leben zu können. Sie erscheinen uns nicht unglücklich, oder trügt der äußere Schein? Denn ganz natürlich zeigen sie Neugier, als wir von unserer Reise berichten, unsere Reiseziele auf ausgebreiteten Landkarten zeigen, in Hochglanz-Reisemagazinen von Lateinamerika blättern. Der Vater und die Kinder wollen Erklärungen, sind erstaunt, welche Weiten sich um ihre kleinen „Inseln“ erstrecken. Die Mutter darf nach Zögern dabei sein, lauscht scheu, bleibt aber still. Es ist für beide Seiten spannend. Werden aber auf beiden Seiten auch bleibende Eindrücke nachhallen? Bei uns auf alle Fälle, denn es ist wie ein Blick in die Vergangenheit.
