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Panik als gesteigerten psychophysiologischen Erregungszustand hat wohl jeder Mensch bereits erlebt. Neben diesen "normalen" und häufigen Formen reicht das Spektrum der Panik bis hin zu psychopathologischen Formen der sog. Angst- und Panikstörung. Dieses Buch erkundet die Panik als Phänomen in unterschiedlichsten Situationen und Kontexten. Erscheinungsbilder, Ursachen, Mechanismen und Auslöser werden beschrieben, um schließlich wirksame, alltagserprobte Umgangsstrategien mit den diversen Formen der Angst und Panik aufzuzeigen. Als praktischer Begleiter richtet sich das Buch gleichermaßen an Betroffene und deren Angehörige wie auch an Fachpersonen in Gesundheitsberufen (Psychiatrie, Psychotherapie, Allgemeinmedizin) und in Beratungsstellen.
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Seitenzahl: 164
Veröffentlichungsjahr: 2024
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Cover
Titelei
Vorwort
1 Was ist Panik und wie unterscheidet sie sich von Angst?
Wie wird Angst eingeordnet?
Wie wird Panik eingeordnet?
Was passiert im Gehirn, wenn Angst und Panik erlebt werden?
2 Warum erleben wir Panik und was löst sie aus?
Wie entsteht eine Panikattacke?
Was löst die Panikattacke aus?
Warum taucht Panik auf einmal so oft bzw. immer öfter auf, obwohl dieses Gefühl zuvor nicht empfunden wurde?
Gibt es Menschen, die anfälliger für Panikattacken sind? Und wenn ja, was macht mich anfälliger?
3 Ist Panik ungesund? Ab wann spricht man von einer Krankheit und wie viele Menschen leiden darunter?
Ist Panik ungesund?
Wie häufig sind Angststörungen und wie verbreitet sind Panikstörungen als eine Form der Angststörungen?
Ab wann wird Panik und Angst zur Krankheit bzw. zu einer psychischen Störung und wie häufig treten diese auf?
Welche Angststörungen gibt es, wie unterscheiden sie sich voneinander und von anderen psychischen Störungen und wie wird eine Angststörung diagnostiziert?
4 Wie erfolgt die Behandlung von Panik und Panikstörungen?
Ich leide unter Panik, was kann ich tun?
Etappe 1: Die inneren Antreiber und Motoren von Panik und Angst ausbremsen
Etappe 2: Vermeidung und Kontrollversuche reduzieren, um sich aus dem Teufelskreis der Angst zu lösen und die eigene Freiheit Schritt für Schritt wiederzuerlangen
Etappe 3: Präventiv einen möglichst gesunden Lebensstil pflegen, um der Panik vorzubeugen und widerstandsfähiger zu sein
Eine Person in meinem Umfeld ist von Panik betroffen, wie kann ich ihr helfen?
Ich bin Arzt – was muss ich beachten und wie kann ich helfen?
Wie zeigt sich eine Panikstörung?
Wie ist das weitere diagnostische Vorgehen?
Wie ist die therapeutische Haltung bei der Panikstörung?
Ist eine dauerhafte medikamentöse Behandlung der Panikstörung zusätzlich sinnvoll?
Ich bin Psychotherapeut – wie sollte eine Psychotherapie für Menschen mit anhaltender und/oder wiederkehrender Panik gestaltet werden?
Was Patienten von Psychotherapeuten erwarten dürfen
1. Schritt: Informationen über die Erkrankung vermitteln und gemeinsame Ziele formulieren
2. Schritt: Glaubenssätze und Kognitionen, welche die Panik aufrechterhalten, identifizieren und die Perspektive bzw. den Umgang damit flexibilisieren
3. Schritt: Fokus verändern und neue Verhaltensweisen ausprobieren
4. Vermeidungsverhalten reduzieren
5. Den Rückfall vorbeugen
Zum Abschluss
Anhang: Geschichte der Angst-Theorien
Angst als »krankhafte Gemütsbewegung« (Emil Kraepelin)
Angst als »neurotische Angst« (Sigmund Freud)
Angst als »Grundangst« (Karen Horney)
Angst bei strukturellen Störungen (Heinz Kohut)
Angst bei Bindungs- und Mentalisierungsstörungen (Peter Fonagy)
Literatur
Die Autoren
Dr. phil. Charles Benoy ist klinischer Psychologe, psychologischer Psychotherapeut und Verhaltenstherapeut. Seine klinische Tätigkeit absolviert er in der Rehaklinik des Centre Hospitalier Neuro-Psychiatrique (CHNP) in Luxemburg, wo er ebenfalls die Abteilung für klinische Studien leitet. Er forscht zudem an der Klinik für Erwachsene der Universitären Psychiatrischen Kliniken (UPK) Basel in der Schweiz. Er hat Lehraufträge der Universitäten Basel, Luzern und Luxemburg inne und ist als verhaltenstherapeutischer Supervisor an verschiedenen Ausbildungsinstituten und Kliniken im deutschsprachigen Raum tätig.
Prof. Dr. med. Marc Walter ist Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie, Facharzt für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie sowie psychoanalytischer Psychotherapeut. Er ist Leiter und Chefarzt der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie der Psychiatrischen Dienste Aargau AG (PDAG) sowie Professor für Psychiatrie und Psychotherapie an der Universität Basel. Wissenschaftlich war er an der Charité in Berlin und an der Harvard Medical School in Boston tätig. Seine Forschungsschwerpunkte sind Persönlichkeitsstörungen, Psychotherapie und Suchtmedizin.
Mit Illustrationen von Patrick Walter
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Mit Illustrationen von Patrick WalterUmschlagsbild: muratart - stock.adobe.com1. Auflage 2025
Alle Rechte vorbehalten© W. Kohlhammer GmbH, StuttgartGesamtherstellung: W. Kohlhammer GmbH, Stuttgart
Print:ISBN 978-3-17-042750-1
E-Book-Formate:pdf: ISBN 978-3-17-042751-8epub: ISBN 978-3-17-042752-5
In einem der regelmäßigen Gespräche, die wir während unserer gemeinsamen Zeit in den Universitären Kliniken in Basel führten, unterhielten wir uns über die Beobachtung, dass der Begriff Panik uns immer öfter im klinischen Alltag zu begegnen schien. Obwohl wir nicht unbedingt mehr Menschen mit klassischen Panikattacken oder sogenannten Panikstörungen in unseren Behandlungen sahen, berichteten Patientinnen und Patienten immer öfter und auch im Rahmen von anderen Krankheitsbildern von Panik, Panikattacken und Panikanfällen.
Zuerst dachten wir uns, dass das Wort bzw. der Begriff Panik wohl einfach immer öfter und breiter genutzt würde. Dass das Wort Panik sozusagen den Weg in die Alltagssprache gefunden haben könnte und heutzutage dazu dienen würde, ein sehr viel breiteres Spektrum an inneren menschlichen Zuständen zu benennen, als es bis dato im Fachjargon der Fall war. Soweit zumindest eine mögliche Hypothese.
Eine andere Möglichkeit könnte aber natürlich auch sein, dass Menschen heutzutage tatsächlich mehr Panik erleben. Dass der physiologische, als (lebens-)bedrohlich wahrgenommene Erregungszustand also tatsächlich mehr erlebt wird. Das würde bedeuten, dass unser Gehirn bzw. unser Verstand den eigenen Körper öfter als bedroht wahrnimmt und mit einer entsprechenden aktivierenden Alarmreaktion reagiert. Im Zuge zunehmend hoher – zumindest von uns subjektiv wahrgenommener – Leistungsansprüche unserer gegenwärtigen Zeit, in der der menschliche Körper (z. T. auch in der modernen Medizin) oftmals mit einer Maschine gleichgesetzt wird, erscheint es zumindest theoretisch nachvollziehbar, dass wir immer höhere Ansprüche an unseren Körper stellen. Ergo bewertet, so die zweite Hypothese, unser Verstand immer öfter gewöhnliche (in den meisten Fällen normale) körperliche Prozesse und Schwankungen als anormal und pathologisch, und schlägt dadurch öfter Alarm – die dann als Panik wahrgenommen werden.
Tatsächlich – und das wollen wir gleich vorwegnehmen – wissen wir nicht, ob eher Ersteres oder Zweiteres, oder vielleicht sogar beides gleichermaßen, der Grund dafür ist, dass wir es in der Praxis immer mehr mit dem Phänomen Panik zu tun haben. Und wir haben ehrlich gesagt auch nicht den Anspruch, dieser spezifischen Frage auf den Grund zu gehen (wir sind auch tatsächlich nicht kompetent genug für die Beantwortung dieser eher soziologisch-sozialpsychologischen Frage). Als Kliniker wollen wir in diesem Buch vielmehr beschreiben, wie im Alltag mit diesem zunehmenden Phänomen umzugehen ist. Wir benutzen an dieser Stelle bewusst den Begriff Phänomen und nicht Symptom, Syndrom oder Krankheit. Denn wir wollen dieses Phänomen bewusst breit fassen und praxisnah beschreiben, wie Menschen selbst, aber auch Angehörige und Freunde sowie Fachpersonen anderer Fachbereiche wie der klinischen Psychologie oder der Psychiatrie mit dem Phänomen der Panik wie auch mit den Betroffenen selbst umgehen können.
Unser Buch möchte praktisch und alltagsnah sein. Wir beide haben bereits einige Fachbücher geschrieben. Mit diesem Werk wollten wir uns aber speziell nicht nur an Fachpersonen richten und auch ein möglichst praktisches Buch schreiben. Ein Buch, das man nicht von Anfang bis zum Ende lesen muss, sondern ein Buch, in dem man mal rasch nachschlagen oder einfach eine Passage lesen kann, weil die Inhalte gerade interessant oder relevant erscheinen. Tatsächlich ist uns das alles nicht ganz so einfach gefallen, wie wir anfangs dachten. Wir versuchten, gewohnte Schreibweisen und -stile zu flexibilisieren, um ein möglichst einfaches und angenehmes Leseerlebnis für alle zu ermöglichen. Wir hoffen, es ist uns gelungen. An dieser Stelle dem Lektorat des Verlages ein großes Dankeschön für die Hilfe und vor allem für die Geduld bei der Begleitung auf diesem Weg. Ganz speziell möchten wir aber auch noch Patrick Walter danken, der dieses Buch so wunderbar illustriert hat. Die Kunst bringt es nicht selten besser auf den Punkt als unsere oft sperrige und unpräzise Sprache, vor allem wenn es um emotionale Inhalte geht.
Sollten Sie uns ein Feedback zu dem Buch schreiben wollen, würden wir uns über einen entsprechenden Austausch ehrlich freuen.
Nun wünschen wir Ihnen eine hoffentlich angenehme und spannende Lektüre.
Luxemburg und Basel, im Sommer 2024Charles Benoy und Marc Walter
Beginnen wir zunächst mit einer groben Erläuterung und der Klärung von wichtigen Begrifflichkeiten.
Angst ist eine körperliche Reaktion auf Stress (Angst-Symptom) und ein wichtiges menschliches Gefühl (Angst-Gefühl). Angst wird dann pathologisch bzw. krankhaft, wenn unsere normale Funktionsfähigkeit durch sie eingeschränkt wird und wir unter den Symptomen der Angst leiden. Dann spricht man von einer Angststörung.
Panik ist die extremste Form des Angst-Erlebens (Angst-Symptom). Die Panik kann als Symptom bei unterschiedlichen psychischen Störungen auftreten. Tritt Panik vermeintlich unspezifisch und immer wieder wie aus heiterem Himmel auf, spricht man von einer Panikstörung, die eine spezifische Form der übergeordneten Kategorie der Angststörungen ist.
Aber was sind Angst-Symptome? Zunächst gibt es Körperempfindungen, die mit Angst einhergehen. Das sind beispielsweise Schwindelgefühle, Pulserhöhung, Zittern oder vermehrtes Schwitzen. Die Knie werden weich, das Herz klopft bis zum Hals, die Brust schnürt sich zusammen und die Luft bleibt weg. Diese Angst-Symptome können einzeln oder auch zusammen auftreten.
Zu einem Angst-Gefühl wird die Wahrnehmung dieser körperlichen Reaktionen erst, wenn uns bewusst wird, dass dies nicht normal, sondern störend ist bzw. dass wir die zuvor beschriebenen Angst-Symptome selbst als bedrohlich oder störend einordnen. Angst bedeutet damit auch ein Eingeständnis bzw. die Bewertung eines inneren Erlebnisses als negatives Gefühl.
Der frühere Unterschied zwischen Furcht und Angst existiert mittlerweile im allgemeinen Sprachgebrauch nicht mehr. Furcht nannte man früher die spezifische Angst, die auf ein Objekt bezogen ist, während Angst »frei flottierend« beschrieben wurde (Jaspers 1965). Heute wird eine Angst, die auf etwas sehr Spezifisches bezogen ist (beispielsweise ein Objekt oder auch eine Situation), eher unter dem Begriff Phobie beschrieben (WHO 2023).
Grundsätzlich muss man festhalten, dass Angst überlebenswichtig ist und uns den vermeintlich sicheren Weg zeigen soll. Das gilt sowohl für die Angst-Symptome als auch für das Angst-Gefühl. Viel wurde über die Bedeutung von Angst in früheren Zeiten geschrieben – in der Steinzeit, als wir noch mit Speeren die Mammuts und andere wilde Tiere jagten oder wir vor ihnen davongelaufen sind. Diese Zeiten sind zwar lange vorbei, sie werden aber immer noch herangezogen, um zu veranschaulichen, dass im Überlebensmodus Angst der Schlüssel zu Sicherheit und Überleben liegt. Entweder du kämpfst oder du rennst weg. Die Angst-Symptome sind physiologisch betrachtet Zeichen einer Alarmreaktion, die im Körper wichtige Prozesse in Gang setzt, die im Kampf oder auf der Flucht lebensnotwendig sind. Heutzutage braucht es diese Reaktion nicht mehr in diesem Ausmaß, deswegen sprechen wir eher von einer Stressreaktion. Stress, ausgelöst durch innere (z. B. Krankheit) und äußere Quellen – sogenannte Stressoren – (z. B. Bedrohung), führt zu Angst-Symptomen und zu einem Angst-Gefühl, wenn wir diese Symptome mit Angst in Verbindung setzen und uns der Angst bewusst werden.
Auch wenn sich unser heutiges gesellschaftliches Leben zwar sehr von jenem in der Steinzeit unterscheidet, ist die Angst auch heute noch von Bedeutung für unser Leben. Sie hilft dabei, Gefahrenquellen auszumachen, akute Situationen zu bewerten und zeigt uns, was für uns kritisch bzw. unbedenklich ist. Angst als Symptom und als Gefühl ist damit ein individueller und existenzieller Hinweis, der uns leitet. Je gefährlicher Umwelteinflüsse sind (z. B. Krieg), desto unmittelbarer wird auch Angst wieder zum Schlüssel für das Überleben.
Panik hingegen, als Phänomen akuter und stärkstmöglicher Angst, beschreibt einen Zustand, in dem die Angst sozusagen im subjektiven Empfinden außer Kontrolle gerät. Panik ermöglicht meist nur noch Flucht (vor dem Auslöser oder auch dem Panikgefühl selbst), und ist in der Regel immer pathologisch oder zumindest dysfunktional. Im Gegensatz zur Angst wird die Panik zudem selbst als bedrohlicher Zustand wahrgenommen. Zur Veranschaulichung kann man Angst und Panik deshalb auf einem Kontinuum anordnen, das von Ängstlichkeit über Angst zur Panik führt (▸ Abb. 1.1).
Abb. 1.1:Formen der Angst
Bevor wir uns nun mit den genauen Ursachen und Auslösern von Angst und Panik beschäftigen, möchten wir zuerst noch auf begriffliche und theoretische Einordnungen beider Phänomene eingehen.
Der Begriff Angst geht wohl auf das 8. Jahrhundert zurück und beschreibt ein beklemmendes Gefühl des Bedrohtseins.
Der Philosoph Sören Kierkegaard hat sich erstmals ausführlich mit der Angst beschäftigt. In seinem Werk »Der Begriff Angst« (1844) analysiert Kierkegaard die Angst im Zusammenhang mit unserer Freiheit. Nach Kierkegaard macht die Freiheit zunächst Angst – die Angst ist der »Schwindel der Freiheit«, schreibt er. Die Freiheit ist für ihn grundsätzlich »die Möglichkeit zu können«. Wenn diese Möglichkeit ergriffen wird, versucht der Mensch, sich daran zu halten. Da ist aber nichts, woran sich der Mensch halten kann, und es entsteht Schwindel und Angst. Kierkegaard beschreibt diesen Zustand als ein Herabschauen in einen Abgrund.
»Angst kann man vergleichen mit Schwindligsein. Derjenige, dessen Auge plötzlich in die gähnende Tiefe hinabschaut, der wird schwindlig. Aber was ist der Grund dafür? Es ist ebensosehr sein Auge wie der Abgrund; denn was, wenn er nicht hinabgestarrt hätte! So ist Angst der Schwindel der Freiheit, der entsteht, indem der Geist die Synthese setzen will und die Freiheit nun hinabschaut in ihre Möglichkeit und da die Endlichkeit ergreift, um sich daran zu halten. In diesem Schwindel sinkt die Freiheit ohnmächtig um.« (Kierkegaard 1844, S. 57)
Angst ist demnach ein existenzielles Gefühl, sozusagen unser zentrales Gefühl.
Martin Heidegger beschreibt das Angst-Gefühl ausführlich in seinem Buch »Sein und Zeit« (Heidegger 1926) und betont dabei den Charakter des Unheimlichen.
»In der Angst ist einem ›unheimlich‹. Darin kommt zunächst die eigentliche Unbestimmtheit dessen, wobei sich das Dasein in der Angst befindet, zum Ausdruck: Das Nichts und Nirgends. Unheimlichkeit meint aber dabei zugleich das Nicht-zuhause-sein.« (Heidegger 1926, S. 188)
Für den Existenzphilosophen Martin Heidegger ist die Angst demnach deutlich von der Furcht zu unterscheiden, die sich auf ein Objekt bezieht, vor dem wir Angst haben. Die Angst ist ein Befinden, so Heidegger, durch welches wir von allen Bindungen befreit und zu einer Erfahrung über uns selbst zurückgeführt werden, und aufgrund dessen wir entscheiden können, wie wir leben und wie wir uns zu den Dingen in der Welt verhalten sollen.
Mit dieser Interpretation bedeutet das Angst-Gefühl, dass wir uns in einer Situation befinden, in der unser Verständnis vom Leben, mit dem wir uns bis jetzt abgefunden haben und in das wir nach Heidegger geworfen worden sind, zum Problem wird.
»Allein in der Angst liegt die Möglichkeit eines ausgezeichneten Erschließens, weil sie vereinzelt. Diese Vereinzelung holt das Dasein aus seinem Verfallen zurück und macht ihm Eigentlichkeit und Uneigentlichkeit als Möglichkeiten seines Seins offenbar.« (Heidegger 1926, S. 191)
Angst ist in diesem Zusammenhang ein lebenswichtiges Gefühl für uns. Sie zeigt uns, dass es ein Problem gibt, und dass wir etwas tun sollten. Damit ist die Angst als ein existenzielles Gefühl auch als ein Hinweis zu verstehen, neue Wege zu gehen. Das Angstgefühl kann deshalb auch als eine Chance verstanden werden, unser Leben neu auszurichten.
Wenn die Angst-Symptome aber zunehmen, wird das Angst-Gefühl chronisch und behindernd. Es entwickelt sich eine Angststörung, die behandelt werden muss. Eine solche Angststörung ist unter anderem die Panik-Störung, bei der ein Mensch wiederholt und über längere Zeit immer wieder wie aus heiterem Himmel Panik erfährt, ohne dass er weiß, weswegen diese Panikattacken auftreten und wie er damit umgehen kann. Die daraus resultierende Ohnmacht führt zu einer anhaltenden und chronischen Angst vor der Panik selbst. Folglich einer Angst vor einem körperlichen und geistigen Zustand, der jederzeit auftauchen könnte. Diese anhaltende und meist äußerst belastende Angst vor der Panik nennt sich Panik-Störung.
Der Begriff Panik bedeutet eine allgemeine, durch ein plötzliches beunruhigendes Ereignis ausgelöste Verwirrung bzw. durch plötzlich ausbrechende Angst und wird erst seit Mitte des 19. Jahrhunderts verwendet. Die Adjektive panisch, panikartig oder angsterfüllt werden hingegen bereits seit Mitte des 16. Jahrhunderts gebraucht und sind vom griechischen Hirtengott Pan (Πάν) abgeleitet, von dem die Sage stammt, dass er durch einen lauten Schrei auf einmal ganze Herden zu plötzlicher und anscheinend sinnloser Massenflucht aufjagen könne (»panischer Schrecken«).
Pan war als Gott des Waldes und der Natur bekannt. Die Hirten verehrten der Sage nach Pan, fürchteten sich aber vor seinem Anblick. Im christlichen Mittelalter wurde die Ikonografie des Pan für die Darstellung des Teufels übernommen. Dabei erfuhren auch die bis dahin positiv bewerteten Merkmale wie die Bocksfüße und die Hörner als Zeichen des dionysischen Rausches eine Umdeutung im Sinne einer negativ gedeuteten »Wollust«.
Wenn wir den Begriff Panik hören, denken wir vermutlich zuerst an eine Massenpanik. Ein Ereignis, bei dem Menschen möglicherweise totgetrampelt werden, weil es keinen Ausweg mehr gibt und absolutes Chaos herrscht. Damit hat die Panikstörung aber nichts zu tun.
Bei der Panikstörung handelt es sich um eine schwere Angststörung, die durch wiederholte Panikattacken gekennzeichnet ist. Die Panikattacken treten aus »heiterem Himmel« plötzlich auf und überfallen die Betroffenen mit schweren Angst-Symptomen. Diese sind nicht zu beherrschen und sind nicht selten mit dem Gefühl verbunden, sterben zu müssen.
Diese überfallartige Panik wird selten direkt mit Angst in Verbindung gebracht, weil sie plötzlich auftritt, keine Vorboten aufweist und damit scheinbar auch keine psychischen Ursachen hat. Die Panik zeigt in der Regel die schwersten Angst-Symptome aller Angststörungen. Die Panikstörung ist durch eine anhaltende massive Angst vor möglichen Panikattacken gekennzeichnet, die als nicht kontrollierbar und sehr bedrohlich (bis hin zu lebensbedrohlich) empfunden werden. Es ist also eine ständige Besorgnis vorhanden, dass die Panikattacken wieder auftreten könnten. Die Panik ist charakterisiert durch die erwähnten somatischen Angst-Symptome, wie Schwitzen, Schwindel und Herzrasen, und kann begleitet werden von einem Gefühl, sterben zu müssen (Todesangst), einem Gefühl von Kontrollverlust oder einem Gefühl einer bevorstehenden Katastrophe. Psychopathologisch zeigen sich Phänomene von Derealisation und Depersonalisation, also einem Erleben außerhalb des eigenen Körpers und von seinen Gedanken getrennt zu sein, sowie einem Gefühl, das eigene Leben von außen zu betrachten.
Unser Angstsystem ist mittlerweile gut untersucht. Es informiert uns über Gefahren und bereitet uns darauf vor, effektiv mit einer drohenden Gefahr umzugehen. Bei körperlichen Angst-Reaktionen kommt es zu einer Steigerung der Aufmerksamkeit und zu einer Aktivierung des autonomen Nervensystems. Zusätzlich wird eine effektive Verteidigung vorbereitet. Diese kann aus Kampf oder Flucht bestehen. Dabei werden wir von unserem Gehirn auf die Intensität der Gefahr vorbereitet: Ist die Bedrohung noch in weiter Ferne, kommt es lediglich zu einer Aufmerksamkeitsfokussierung (distale Gefahr); sind wir aber direkt mit einem Angreifer konfrontiert (proximale Gefahr), schalten wir automatisch auf unseren Verteidigungsmodus um (Kampf oder Fluchtreaktion) (Zwanzger 2019).
Die körperlichen Angst-Reaktionen wie höhere Herzfrequenz, schnellere Atmung und Schwitzen bleiben uns in unangenehmer Erinnerung und sind ein Grund für die bekannten Vermeidungstendenzen, die das zentrale Problem bei den Angststörungen darstellen.
