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Panta rhei, eine antike Lebensweisheit, eine philosophische Annäherung an ein tieferes Verständnis über den 'Fluss des Lebens'. Über dieses stetige Fließen, welches so viele, wenn nicht alle, unserer Handlungen formt, unsere täglichen Entscheidungen beeinflusst und maßgeblich unsere persönlichen Entwicklungen mit sich trägt. Das vorliegende Buch möchte in die Welt eines Lebensgrundsatzes, der bereits 2.500 Jahre alt ist, einsteigen und diesen in eine aktuelle Verbindung zu heutigen Lebensnormalitäten der westlichen Welt im Hier und Jetzt bringen. Die hier aufgegriffenen inhaltlichen Punkte spannen einen Bogen von den Ursprüngen der These in der antiken griechischen Kultur, über verschiedene Persönlichkeiten der späteren bis heutigen Zeit, bis hin zu eigenen Betrachtungen des Autors. Die Beispiele erzählen ihre Geschichte über Panta rhei. Durch sie sollen die Zusammenhänge zwischen der Panta rhei-Lehre und praktischen Lebenssituationen nachempfunden werden. Vor allem sollen sie die Leserin und den Leser zum Nachdenken anregen und dazu ermutigen, aus dem eigenen Erfahrungsschatz heraus Stellung zu beziehen.
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Seitenzahl: 228
Veröffentlichungsjahr: 2023
Alles fließt ...
Panta rhei, eine antike Lebensweisheit, eine philosophische Annäherung an ein tieferes Verständnis über den 'Fluss des Lebens'. Über dieses stetige Fließen, welches so viele, wenn nicht alle, unserer Handlungen formt, unsere täglichen Entscheidungen beeinflusst und maßgeblich unsere persönlichen Entwicklungen mit sich trägt. Das vorliegende Buch möchte in die Welt eines Lebensgrundsatzes, der bereits 2.500 Jahre alt ist, einsteigen und diesen in eine aktuelle Verbindung zu heutigen Lebensnormalitäten der westlichen Welt im Hier und Jetzt bringen. Die hier aufgegriffenen inhaltlichen Punkte spannen einen Bogen von den Ursprüngen der These in der antiken griechischen Kultur, über verschiedene Persönlichkeiten der späteren bis heutigen Zeit, bis hin zu eigenen Betrachtungen des Autors. Die Beispiele erzählen ihre Geschichte über Panta rhei. Durch sie sollen die Zusammenhänge zwischen der Panta rhei-Lehre und praktischen Lebenssituationen nachempfunden werden. Vor allem sollen sie die Leserin und den Leser zum Nachdenken anregen und dazu ermutigen, aus dem eigenen Erfahrungsschatz heraus Stellung zu beziehen.
Vorwortvon Uwe Sélan Preising
Illustrationenvon Theresa Marschall
Cover
Alles fließt
Vorwort
Kapitel 1: Ursprüngliche Gedanken, die sich mit dem Grundsatz 'Panta rhei' verbinden
◊ Ausgangspunkt und Impulse hin zu diesem Buch.
◊ Urgrund aller Dinge, Fragen des Lebens.
Kapitel 2: Heraklits Weltbild und die Sichtweise seiner philosophischen Zeitgenossen und Nachfolger
◊ Verfertigung von Weltbildern.
◊ Heraklit von Ephesos und seine konzeptionellen Inhalte.
◊ Die philosophischen Zeitgenossen und Nachfolger.
Kapitel 3: Eine heutige Lebensbotschaft inmitten des Mysteriums Panta rhei
◊ Über das Fließen und die Formbarkeit des Lebens.
◊ Über das Vorwärtsgerichtetsein und die Veränderung der eigenen Person.
Kapitel 4: Das zeitlose Element in der Maxime Panta rhei
◊ Eine Maxine, welche die Jahrhunderte überdauert hat.
◊ Aus einem analytischen Betrachtungswinkel.
Kapitel 5: Das gelebte Panta rhei – große Persönlichkeiten, Anführer, Weltveränderer
◊ Über besondere Überzeugungen und wahre persönliche Energieleistungen.
◊ Siddhârtha Gautama Buddha.
◊ Christoph Columbus.
◊ Muhammad Ali.
◊ Jeanne D'Arc.
◊ Wolfgang Amadeus Mozart.
◊ Ida Pfeiffer.
◊ Mahatma Gandhi.
Kapitel 6: Panta rhei-Erfahrungen, die uns alle erreichen
◊ Das Greifbare im komplexen Phänomen des Panta rhei.
◊ Die Ursachen und Auswirkungen des Panta rhei.
◊ Die Brücke zwischen dem Modell und den Erlebnissen.
Kapitel 7: Warum das Panta rhei gleichermaßen vertraut und doch fremd wirken kann
◊ Wissen, vermuten, glauben, hinterfragen, zweifeln.
◊ Was wir als Wahrheit verstehen.
Kapitel 8: Wann die junge Generation in der heutigen Zeit auf das Panta rhei stößt
◊ Vom Spannungsfeld zwischen sich entwickelnden Werten.
◊ Von der Herangehensweise, sein eigenes Glück in die Hand zu nehmen.
Kapitel 9: Die kurzlebige Natur des Panta rhei und die Position von Kritikern
◊ Warum verlässt uns das Panta rhei immer wieder?
◊ Wie Kritiker zum Wesen des Panta rhei stehen.
◊ Die Ebene der Missverständnisse.
◊ Die Ebene der Zufälligkeiten.
◊ Die Ebene der Komplexität.
Kapitel 10: Ein abschließender Blick über den stetigen Fluss hinweg
◊ Eine Lebensmaxime, die uns Türen öffnen kann.
Danksagung
Über den Autor
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"Gott achtet mich wenn ich arbeite, aber er liebt mich, wenn ich singe." Rabindranath Tagore
Meiner Mutter Elisabeth Marschall gewidmet, die mich seit Kindheitstagen an dazu ermutigt hat, den eigenen Ideen zu folgen, deren Weiterentwicklung zuzulassen und sie nach Möglichkeit in die Tat umzusetzen
(* 19.08.1931, † 02.11.2019)
Vorwort
Die wenigsten Menschen wissen, wann dieser berühmte Ausspruch geprägt wurde oder wer ihn gesagt hat. Die meisten Menschen wissen jedoch irgendetwas damit anzufangen, auch wenn es ihnen manchmal schwerfällt, ihr Verständnis in Worte zu fassen. Es besteht also in den meisten Fällen ein klares Gefühl dazu, was Heraklit vor etwa 2.500 Jahren ausdrücken wollte, als er sagte: "Panta rhei..." oder zu Deutsch: Alles fließt. "Niemand kann zweimal in denselben Fluss steigen, denn alles fließt und nichts bleibt bestehen", so soll es Heraklit gesagt haben.
Auch ich habe mich gedanklich in unterschiedliche Richtungen bewegt, nachdem ich gebeten wurde, ein Vorwort zu diesem Thema zu schreiben, mit dem sich dieses Buch auf höchst interessante Weise auseinandersetzt. Obwohl ich seit vielen Jahren als Coach und Berater arbeite und die Grundlage meiner Arbeit in vielerlei Hinsicht auf dem 'Fluss des Lebens' beruht, suchte ich nach einem Zugang, diese Aussage zu interpretieren. Was birgt dieser Satz von Heraklit? Alles fließt wird als 'sich bewegen, loslassen und geschehen lassen' interpretiert. Viele Gedanken drehen sich um Vertrauen und Akzeptanz. Doch was steckt dahinter? Am Ende dreht es sich um das komplexe Leben, wie auch immer wir es empfinden. Es geht um die Erkenntnis, dass wir die Möglichkeiten, auf den Fluss des Lebens einzuwirken oder besser noch, auf den Fluss des Lebens 'Einfluss' zu nehmen, inhärent in uns tragen. Um diese Erkenntnis zum Leben zu erwecken, bedarf es jedoch zweier Grundlagen: dem Vertrauen zum Leben und der Bereitschaft, Verantwortung für das Leben und somit Verantwortung für den Fluss des Lebens zu übernehmen. Heraklit befasste sich in seinem philosophischen Erleben mit den Gegensätzen des Lebens und mit der Frage, in welchem Verhältnis Gegensätze wie Helligkeit und Dunkelheit, Harmonie und Disharmonie, Wachsein und Schlafen und dergleichen stehen würden. Diese Gegensätze beschrieb er als Ganzheit und zusammengehörig, jedoch in ihrer Verschiedenheit als spannungsgeladene Einheiten. Diese Spannung erfahre ich heute bei einer Vielzahl meiner Klienten, die den Bezug zur Einheit verloren haben und die Zusammengehörigkeit gegensätzlicher Erfahrungen in verschiedenen Lebenssituationen, oder oft auch Krisensituationen, nicht erkennen können. Der Fluss des Lebens beinhaltet die Gegensätze, denn, wie könnte ich das Helle erkennen, wenn ich die Dunkelheit nicht kenne? Wie wäre es möglich, Harmonie zu beschreiben, ohne einen Eindruck von Disharmonie zu haben, und welche Möglichkeit gäbe es, das Wachsein zu erfahren, wenn das Schlafen fremd wäre?
Dieser Ausspruch beinhaltet das Kommen und das Gehen, das Sein und das Nichtsein, Emotionen in allen ihren Ausdrucksformen, letztendlich das Leben und den Tod und übergeordnet, die Akzeptanz all dessen. Wie auch immer wir den Fluss des Lebens sehen, sollten wir uns davor hüten, ihn ausschließlich als schicksalhaft zu betrachten. Der Fluss des Lebens ist zweckgebunden und an diesem Zweck nehmen wir durch unser tägliches Denken und Handeln teil. Dies wird in den Lebensgeschichten der Persönlichkeiten in diesem Buch erkennbar. Wir können also durch unser bewusstes Sein eine Dynamik in das 'Alles fließt' projizieren. Und das macht das Leben lebenswert mit allen seinen Gegensätzen, die wir im Laufe unserer Entwicklung manchmal mehr und manchmal weniger verstehen.
An den Schluss dieses Vorwortes möchte ich noch Gedanken stellen, die einige meiner CoachingAuszubildenden auf die Frage formulierten, was sie unter 'Alles fließt' verstehen:
"Am Ende des Tages ist alles miteinander verbunden. Während der Fluss des Lebens fließt, ist die Ausgewogenheitvon Schwere und Leichtigkeit lediglich eine persönliche Definition. Alle Gedanken, Handlungen, Hürden, Verantwortungen. Menschen kommen und gehen. Richtungen wechseln. Doch Bewegung bleibt. Vertrauen für sich. Vertrauen für das Leben. Vertrauen in das Sein. Vertrauen in die absolute Verbundenheit."
"Tag und Nacht, Anfang und Ende. Selbst wenn man sich Grenzen setzt, es fließt weiter. Egal, ob du daran glaubst oder nicht, es ist alles fließend. Ob gut oder schlecht liegt in deiner Wahrnehmung."
"Und so wie der Fluss stetig fließt, und das Blut in unseren Venen, so wissen wir, dass sich das Leben fortwährend entwickelt. Wann immer wir denken oder glauben, dass unsere Welt gerade stillsteht, es stockt, so erfahren wir retrospektiv, dass der Fluss des Lebens ganz natürlich immer weiter fließt."
"Alles fließt, ob du möchtest oder nicht. Was du beeinflussen kannst, ist deine Sicht darauf."
"Nichts ist in Ruhe, alles bewegt sich, alles ist in Schwingung (aus dem Kybalion). Nichts bleibt konstant, außer die Veränderung selbst. Lasse das Leben fließen, habe Vertrauen, nichts lässt sich festhalten."
Uwe Sélan Preising
(www.selan.de)
Kapitel 1
Ursprüngliche Gedanken, die sich mitdem Grundsatz 'Panta rhei' verbinden
◊ Ausgangspunkt und Impulse hin zu diesem Buch. Dieses Buch versucht, eine Geschichte über unseren Fluss des Lebens zu erzählen. Genau genommen sind wir es selbst, die derartige Geschichten erzählen. Jede und jeder einzelne von uns, praktisch täglich. Um Lebensgeschichten, die stetig im Fluss sind, verstehen zu können, kommt es vor allem darauf an, genau zu beobachten und sich damit auseinanderzusetzen. Denn das fließende Prinzip in unserem Leben verleitet dazu, damit selbstverständlich und oberflächlich umzugehen, und sich nicht tiefer auf die Ursachen der Veränderungen einzulassen. Dabei ist es geradezu faszinierend, den Wechselspielen zwischen Ursache und Wirkung genauer nachzugehen. Die hier dargestellten Einsichten handeln beispielhaft von Entwicklungen, die zu bestimmten Lebenslinien hingeführt oder aber von ihnen weggeführt haben, sowie den dafür entscheidenden und richtungsweisenden Impulsen. Und sie beleuchten, vor allem in der zentralen Frage, wie ein Impuls sich aus dem anderen ergeben kann.
◊ Urgrund aller Dinge, Fragen des Lebens. Die Philosophie der Antike hat sich diesen Einsichten zugewendet. Die intensive philosophische Zeit, in welche berühmt gewordene griechische Philosophen, wie Heraklit, Sokrates, Platon und Aristoteles schon frühzeitig ihre Botschaften in die antike Welt entsendet haben, dauerte mehr als 1.000 Jahre. Ein Zeitraum, der sich über das Leben von Jesus von Nazareth hinweg erspannte und sehr viele Einflüsse der Frühphase einer westlichen Kulturentwicklung in sich vereinte. Durch ihre umfassenden philosophischen Vorstellungsweisen wurde begonnen, das von Mythen und Göttern geprägte Weltbild durch wissenschaftlichere Erklärungen zu ersetzen.
"Die Zukunft hängt davon ab, was wir heute tun." Mohandas Karamchand 'Mahatma' Gandhi
Wichtige Fragen des Lebens, welche zunehmend auch in der breiten Gesellschaft zu einem prägenden Thema wurden, sollten durch einen 'Urgrund aller Dinge' (archē) beantwortet werden. Dieser Urgrund wurde von manchen Philosophen im Wasser gesehen, von anderen in dem Unbegrenzten oder in der Luft. Wo komme ich her und wo gehe ich hin? Warum bin ich, wie bin ich und werde ich immer so bleiben? Steht meine Zukunft schon fest oder formt sie sich aus dem aktuellen Lebensgeschehen? Es sind die schwer zu beantwortenden Fragen, die damals die Geister bewegten und die uns auch heute noch auf die Reise schicken und uns zum Nachforschen veranlassen. Ein früher Erklärungsansatz für diese Fragen, vor allem solche, die sich auf Lebensentwicklungen, auf die Unstetigkeit und Vergänglichkeit beziehen, wurde mit dem Gedankenmodell 'Panta rhei' umschrieben.
Kapitel 2
Heraklits Weltbild und die Sichtweiseseiner philosophischen Zeitgenossenund Nachfolger
◊ Verfertigung von Weltbildern. Die Ursprünge des Panta rhei wurden in der frühen, vorsokratischen Phase der Antike durch Heraklit von Ephesos (um 520–460 v. Chr.) begründet. Die damals entstandenen Aussagen können nicht ohne weiteres auf das heutige Verständnis übertragen werden, denn generell gelten die von Heraklit überlieferten literarischen Bruchstücke als schwer interpretierbar. Oftmals erinnern seine Sätze mehr an Rätsel als an tiefe Einsichten. Aus diesem Grund wurde Heraklit bereits in der Antike als 'der Dunkle' bezeichnet. Nach seinem Verständnis entstand die Welt aus dem Feuer und bewahrte sich eine eigene, allgegenwärtige Dynamik. Diese Dynamik blieb den meisten Menschen verborgen und unbewusst. Dennoch bestand bei den meisten, damals wie heute, ein Interesse am Verständnis der Lebensdynamik. Wurden die Menschen doch von je her mit Fragen hinsichtlich der Gesetzmäßigkeiten der Welt und der schicksalhaften Fügungen konfrontiert.
"Auf die Dauer der Zeit nimmt die Seele die Farbe derGedanken an.“Marc Aurel
Heraklits nachhaltige Kritik an der Gesellschaft seiner Zeit richtete sich an eine weitverbreitete, eher oberflächliche Realitätswahrnehmung und Lebensart. Er selbst vertiefte sich hartnäckig in seine Philosophien. Diese hatten eine vernunftgemäße Weltordnung zum Mittelpunkt und die damit verbundenen, prinzipiell für jedermann zugänglichen, Erkenntnisse und Erklärungen. Die Vernunft in seinem Weltbild begründete sich auf einen einfachen Erklärungsansatz für komplexe Lebensfragen. Nämlich auf den natürlichen Prozess der stetigen Veränderung und des unabdingbaren Wandels. Heraklit erkannte nirgendwo, weder im All, im Geist, noch in der Seele, etwas Feststehendes: "Nichts ist, weil alles wird". Nach Heraklit befand sich alles, was das menschliche Leben und den Gang der Welt betrifft, in einem ständigen, fließenden Prozess. Der Fluss bedeutete für ihn ein Lebensprinzip, welches zu seiner Zeit zwar durchaus für viele verständlich gewesen sein musste, welches aber auch unangenehm und schwer fassbar war. Es war ein nicht von allen geliebtes Prinzip, weil es nicht nur das Werden und Verändern mit einbezog, sondern damit auch das Abschiednehmen und Zuendegehen.
◊ Heraklit von Ephesos und seine konzeptionellen Inhalte. Heraklit ließ sich nicht von seinem Grundsatz abbringen, dass die Struktur der Realität nicht statisch sondern prozesshaft aufgefasst werden muss. Das Grundprinzip des gesamten Kosmos war nach Heraklits These das Werden. Dieses Werden barg durchaus auch etwas in sich, das auf ein Auseinanderdriften in zwei Richtungen stieß, also etwas nicht ohne weiteres Zusammenfließendes. Er ging davon aus, dass es immer eine untrennbare Einheit aus zwei Polen gab, die sich wie Flussarme aufeinander zu oder voneinander weg bewegen können. Die aber in jedem Fall zwei Elemente eines einzigen, umfassenden Seins darstellten. Die Bedeutung des Flusses ergibt sich in Heraklits Kontext aus einer Doppelkonstellation. Einerseits ist der Fluss durch sein festes Flussbett als eine physikalisch festgelegte Struktur definiert. Andererseits stellt das darin fließende Wasser eine extrem variable Größe dar, denn das Wasser unterliegt über die Flussstrecke hinweg fortwährenden Veränderungen in der Geschwindigkeit, Richtung, Tiefe, Temperatur, Gleichmäßigkeit, Turbulenz und in vielem mehr. Und selbst das Flussbett ist weniger fest und unveränderlich als man ihm zunächst zuschreiben würde. Man denke an Auswaschungen, neue Verzweigungen, Flussübertritte und die bei Überschwemmungen neuentstehenden Wasserwege. Daran hat sich Heraklit nach heutigem Verständnis orientiert, an der Veränderlichkeit des prinzipiell Gewohnten und Normalen. Bei der nur scheinbar feststehenden Natur des Flusses, die bei genauerem Hinsehen einer großen Veränderlichkeit unterliegen kann, ist es ähnlich wie bei anderen Konstellationen in unserer Umwelt.
"Die Zeit ist ein Fluss ohne Ufer." Marc Chagall
Nehmen wir Sonne und Regen, Tag und Nacht, Kälte und Wärme, auch extrem unterschiedliche Lebenssituationen wie Freiheit oder Gefangenschaft, Einsamkeit oder Geborgenheit. Nach Heraklits Verständnis kann der eine Pol immer einen gewissen Anteil des anderen Pols in sich tragen. Und es gibt Übergänge, welche uns verdeutlichen, dass sich das eine zu gegebener Zeit in das andere umwandeln kann. Im Kern lässt sich aus dieser Umwandelbarkeit erkennen, dass die Natur eine Kombination aus Konstanz und Variabilität an den Tag legt. Das plötzliche ineinander Umschlagen von Polen, von Gegensätzen innerhalb eines Spannungsverhältnisses gehört zur Realität. "Es ist immer dasselbe, Lebendes wie Totes, Waches wie Schlafendes, Junges wie Altes. Das eine schlägt um in das andere, das andere wiederum schlägt in das eine um." [1, 3] Nach seinem Verständnis galt dies für Gegensätzliches, auch für aufeinanderfolgende Prozesse, alternative Wege, sich zyklisch wiederholende Vorgänge und ähnliches. Eine weitere These Heraklits besagte, "dass alles Feuer ist und alle Erscheinungen der Elemente Wandlungen des Feuers. (...) Die Sonne erlischt jeden Tag aufs Neue im Meer und wird an jedem Morgen neu entzündet". Der Autor Hans-Georg Gadamer hat diese Grundidee veranschaulicht, indem er darstellte, wie sich für Heraklit das Gegensätzliche zu einer einheitlichen Gesamtheit zusammenschloss. Die durch unser aller Erfahrungen bestätigten Grenzen zwischen Leben und Tod, Wachen und Schlafen, Krieg und Frieden, Hunger und Sättigung, beherrbergen eine geheime, zweite Identität. Sie können auf überraschende Weise auch zusammengehören und ineinander übergehen. Gerade die scheinbar festen Grenzen sind manchmal viel variabler als gedacht. Und selbst die allmählichen, langsamen Übergänge nehmen zuweilen die rasche Plötzlichkeit eines einmaligen Umschlagens an. Wie deutlich ist uns dieser Punkt schon bei den Polen Gesundheit und Krankheit geworden. Oftmals wähnt man sich in einer sicheren, gesunden Situation, welche sich aber von einem Moment auf den anderen ganz anders darstellen kann. Andererseits kann sich ein Wiedergesunden sehr langsam und allmählich vollziehen. Es kann aber auch, aufgrund der durchlebten Krankheitszeit, einen urplötzlichen Sinneswandel auslösen, der einen Menschen sprunghaft verändert und ihn damit, in seiner Empfindung, als gesünder denn je auftreten lässt. Es ist wie ein Gesetz des Seins, das in dem unruhigen Element Feuer zu erkennen ist. "Jede Verwandlung ist wie die des Brennbaren in das Brennende." [1, 3]
Insbesondere die extremen Aussagen gehörten zu Heraklits philosophischem Schaffen. Diese mussten zu Zeiten der Antike sicherlich für viele Menschen, selbst für Schüler seiner Lehre und gebildete Zeitgenossen, ohne weitere Ergänzungen schwerlich verständlich gewesen sein, beispielsweise: "Der Weg hinauf und hinab ist derselbe". Auf den ersten Blick erscheint diese Aussage wie ein paradoxer Trugschluss. Die Sätze Heraklits mussten wie ein in die Tiefe des Meeres versenkter Schatz anmuten. Zur Deutung hätte man sich gewissermaßen selbst in die Tiefe begeben müssen. Die größten Denker des Abendlandes haben sich mit dem Kern dieser Aussagen beschäftigt. Doch wie wirkte diese Tiefe auf die einfacheren Leute, die Gesamtheit des gemeinen Volkes, blieb ihnen möglicherweise die versteckte Botschaft solcher Weisheiten verborgen? Bei näherer Betrachtung kann man zu dem Schluss kommen, dass Heraklit dort, wo er widersprüchlich erscheint, nur unverstanden geblieben ist. Man könnte meinen, er hätte manche seiner 'widersprüchlichen' Aussagen in leichter verständliche Worte kleiden können. Aber vielleicht ist ihm, in all seiner Überzeugtheit von der Richtigkeit dieser These, das Hilfreiche an einem erklärenden Zusatz nicht bewusst geworden. Der Weg hinauf wird unweigerlich auch wieder eine Umkehr talwärts nach sich ziehen. Und genauso folgt dem Weg hinab, im ganz allgegenwärtigen, gesetzmäßigen Wandel der Lebensprozesse, mit ziemlicher Gewissheit auch wieder ein Weg hinauf. Es ist in allen Bereichen des irdischen Seins immer dieses Prinzip des Wandels und der Umkehr.
Heraklits Zeitgenosse, Parmenides, lebte in Elea, der griechisch begründeten Stadt Süditaliens. Er wäre prädestiniert dazu gewesen, sich mit Heraklit persönlich darüber auseinanderzusetzen. Die Gedanken des Parmenides über "das Seiende und das Nichtseiende, das Nichts" [3] stehen in einem engen philosophischen Zusammenhang mit dem Heraklitschen Weltbild. Auch Parmenides' Gedanken treffen den naturgegebenen Zusammenschluss von Gegensätzlichem zu einer einheitlichen Gesamtheit. Ob sich die beiden, die zur gleichen Zeit an unterschiedlichen Orten lebten und lehrten, jemals getroffen und gesprochen haben, ist nicht überliefert. Man hält es für wahrscheinlich, dass Parmenides von Heraklit wusste, dass Heraklit von Parmenides' Lehren jedoch wenig oder keine Kenntnis hatte.
"Es gibt nur ein ewiges Werden und Wandeln." Heraklit
◊ Die philosophischen Zeitgenossen und Nachfolger. Eine Beschäftigung mit Heraklits Werk erfolgte möglicherweise schon in den Kreisen der griechischen Philosophen der vorsokratischen und klassischen Antike. Höchstwahrscheinlich hatte Heraklit bereits damals ein bestimmtes Alleinstellungsmerkmal erreicht. Man kann dennoch davon ausgehen, dass die Zeitgenossen und die dem Heraklit nachfolgenden Philosophen seinen Einsichten eher kritisch gegenüberstanden. Sie äußerten sich nur sehr begrenzt zu Heraklits Thesen (sofern überhaupt Fragmente überliefert wurden). Dies war möglicherweise deshalb so, weil Heraklits Thesen die feststehende Natur und die natürlichen Gegebenheiten in Frage stellten. Nicht allen war dieser Gedanke geheuer, dass sich Heraklit mit der Veränderlichkeit von mutmaßlich unveränderlichen, naturgegebenen Kräften auseinandersetzte. Diese Gegensätze faszinierten ihn ja geradezu, was darin gipfelte, dass er die spannungsgeladene Einheit zwischen den Gegensätzen formulierte. Das Nutzen der Erkenntnis von Veränderlichkeit barg durchaus für jedermann eine gewinnbringende Chance in sich, nämlich die theoretische Möglichkeit einer Einflussnahme auf den eigenen Lebensverlauf. Ob Heraklit selbst diese Sichtweise auch proaktiv in sein eigenes Leben integriert hat, ist nicht überliefert. Von Heraklits Werk sind im Wesentlichen Zitate aus späteren Texten anderer Autoren erhalten geblieben. Die Zitate beschränken sich noch dazu oft auf einzelne Sätze und fragmentäre Aussagen. Diese großen Lücken in der Überlieferung machen es schwer, sein geschlossenes Gedankengebäude zu erschließen. Bis heute gibt es zahlreiche Interpretationsversuche, die kontrovers diskutiert werden. Und so war es um Heraklits Thesen höchstwahrscheinlich auch zu seiner Lebens- und Nachfolgezeit bestellt.
Zu den führenden Geistern der klassischen Antike, welche auf Heraklit folgten, gehörten Sokrates, Platon, Aristoteles und deren Schüler. Sie unterschieden sich in ihren philosophischen Beschäftigungsfeldern untereinander und spezialierten sich thematisch. Sokrates war ein weit geschätzter Philosoph, der zur Erlangung von Menschenkenntnis, ethischen Grundsätzen und Weltverständnis eigene Methoden entwickelte. Soweit überliefert (Sokrates selbst hinterließ keine schriftlichen Werke) war seine philosophische Herangehensweise die eines strukturierten Dialogs. Das heisst, er suchte den intensiven Austausch mit Sachverhalten, mit den Menschen und dem verfügbaren Wissensstand in Form eines ergebnisoffenen Forschungsprozesses. Darin inbegriffen war ein allumfassendes Ergründen 'des Wesens der Sache'. Sokrates hinterfragte das praktische Leben der Menschen, die Rechtsordnung sowie die Stellung des Einzelnen. Dies betraf Punkte, die mit einer entsprechenden Kritik und Auseinandersetzung verbunden waren. Inwieweit sich Sokrates auch mit Heraklits Thesen kritisch auseinandergesetzt hat, bzw. mit ihm in der philosophischen Bedeutung des Panta rhei übereinstimmte, ist heute schwer zu beurteilen. Offenbar hat sich Sokrates zumindest mit dem Werk beschäftigt, was aus seinen später zitierten Aussagen hervorgeht: "Mir ist, als sehe ich, wie Herakleitos seine alten weisen Sprüche von sich gibt, die gewiß ebenso alt sind wie Kronos und Rhea und die auch Homer schon vorgebracht hat. Herakleitos behauptet doch, daß alles sich bewegt und nichts ruhig bleibt, und indem er das Seiende mit der Strömung eines Flusses vergleicht, sagt er: Zweimal kannst du wohl nicht in denselben Fluß steigen." [1, 2]
Sokrates zitierte Heraklit, ohne jedoch dessen Thesen im Detail zu kommentieren. Er schwankte offenbar dahingehend zwischen Zustimmung und Kritik. Ein diesbezüglicher Dialog zwischen ihm und Hermogenes ist wie folgt überliefert. [4] Sokrates: "O Guter, ich erblicke einen ganzen Schwamm Weisheit." Hermogenes: "Was doch für einen?" Sokrates: "Lächerlich ist es freilich zu sagen, aber ich glaube doch, es hat seine Wahrscheinlichkeit." Hermogenes: "In welcher Art denn?" Sokrates: "Ich glaube zu sehen, dass Herakleitos gar alte Weisheit vorbringt, offenbar dasselbe von Kronos und Rhea, was auch Homeros schon gesagt hat." Hermogenes: "Wie meinst du das?" Sokrates: "Herakleitos sagt doch, daß alles davongeht und nichts bleibt." (...) Hermogenes: "Ganz richtig." Sokrates: "Wie nun? Dünkt dich der viel anders gedacht zu haben alsHerakleitos, der aller andern Götter Urahnen Kronos und Rhea genannt hat? Oder meinst du, es sei von ungefähr, daß er beiden ihre Namen von Flüssen gegeben hat? (...) Betrachte nur, wie dies alles unter sich zusammenstimmt und wie es auch alles auf des Herakleitos Lehre sich bezieht." [4]
Platon war Schüler des Sokrates und er gab in vielen seiner Werke das Denken und die Methode Sokrates' wieder. Seine Begabungen und weithin wertgeschätzen Leistungen als Philosoph und Schriftsteller machten Platon zu einer sehr einflussreichen Persönlichkeit. Sein Kernthema war die Frage, wie gesichertes Wissen erlangt werden kann, das über jeden Zweifel erhaben und von bloßen Meinungen zu unterscheiden ist. Meist war das Thema mit dem Ausdruck 'die Idee' umschrieben. [3] Sehr früh legte Platon Wert darauf, auf der Grundlage der sokratischen Thesen zu überprüfen, ob die bisher vorherrschenden Vorstellungen über das Wissen zutreffend oder unbrauchbar seien. Platon hatte sich zum Ziel gesetzt, Wege aufzeigen, die es den Menschen ermöglichen sollten, den Schritt vom lediglich vermeintlichen Wissen zum offensichtlichen, tatsächlichen Wissen oder Nichtwissen nachzuvollziehen. In diesem Zuge war er sehr intensiv und nachhaltig damit beschäftigt, eine eigene Lehre zum Erlangen des wahren Wissens zu schaffen. Es gab dahingend auch eine Verbindung zu Heraklits Lehre, nämlich in dem Punkt, dass Platon ebenfalls an einem Prinzip interessiert war, welches das Leben und den Gang aller Dinge bestimmt. Platons Schwerpunkt lag auf dem einen Aspekt des Werdens und Vergehens nach den Gesetzen der Zeit. Er beschäftigte sich somit ebenfalls mit dem Wandel alles Lebenden, in dem nichts gleich bliebe. Und sein Zitat "Alles fließt und nichts bleibt, es gibt nur ein ewiges Werden und Wandeln" ist die knappste Formulierung der engen geistigen Verbundenheit mit Heraklit.
"Jede noch so lange Reise beginnt mit einem ersten Schritt." Laotse
Nicht zuletzt findet man auch in den Niederschriften der Lehren des Aristoteles, der wiederum ein Schüler das Platon war, einige Stellungnahmen und Anklänge zu Heraklit. Aristoteles, ein ebenfalls sehr einflussreicher griechischer Universalgelehrter, hat zahlreiche Disziplinen entweder selbst begründet oder maßgeblich mit beeinflusst, beispielweise den damals auftretenden Begriff der Physik. Aristoteles befasste sich mit der Art und den Prinzipien der Veränderung in der Natur. In der Antike bestand die drängende Frage, wie Entstehen und Vergehen überhaupt erst möglich sei. Aristoteles ging davon aus, dass ein und dieselbe Materie unterschiedliche Formen annehmen könne. Dies war insbesondere für seine Seelenlehre von großer Bedeutung. Für Aristoteles war 'beseelt sein' von Mensch und Natur gleichbedeutend mit 'lebendig sein'. In Bezug auf das menschliche Leben argumentierte Aristoteles, dass das 'gute Leben, das Glück' ein allgegenwärtiges und jederzeit anzustrebendes Ziel sein sollte. Für ein glückliches Leben müsse man Tugenden ausbilden, die den Verstand und den Charakter bestimmen. Dieses Ausbilden von Tugenden sollte nach Aristoteles in kontinuierlicher Beschäftigung, Auseinandersetzung und Gewöhnung mit sich selbst erfolgen, worin ein Bezug zu Heraklits Lehren steckt. Nicht das Naturgegebene, Vorgefertigte oder Schicksalhafte steht im Zentrum des Lebens, sondern vielmehr die Anpassungsfähigkeit und die fortschreitende Veränderlichkeit über die Zeit hinweg. Für alle Veränderungsprozesse betrachtete Aristoteles die vorherrschenden Gegensätze als grundlegende Fixpunkte, die immer richtungsweisend seien. Die Veränderlichkeit an sich sah er ebenfalls als eine Grunddeterminante des Lebendigen an. Wenngleich die Beschäftigung mit den Lehren des Heraklit für Aristoteles nicht von zentraler Wichtigkeit war, so waren doch seine Sichtweisen mit denselben vereinbar und unterstrichen deren grundlegende Relevanz.
"Zweimal kannst du wohl nicht in denselben Fluß steigen." Heraklit
Kapitel 3
Eine heutige Lebensbotschaft inmittendes Mysteriums Panta rhei
◊ Über das Fließen und die Formbarkeit des Lebens.
